Kapitel 131: Uśīnaropākhyānam
Die Erzählung von König Uśīnara
Lomaśa erzählt die berühmte Geschichte von König Uśīnara: Ein Habicht (in Wahrheit Indra) verfolgt eine Taube (in Wahrheit Agni), die beim König Zuflucht sucht; in einem kunstvollen Streitgespräch über die Rangordnung widerstreitender Pflichten fordert der Habicht schließlich, der König möge sein eigenes Fleisch im Gewicht der Taube gleichsetzen. Da sein abgeschnittenes Fleisch nie ausreicht, besteigt Uśīnara schließlich selbst die Waagschale - woraufhin sich Indra und Agni offenbaren und ihm ewigen Ruhm verheißen. Lomaśa führt die Pāṇḍavas zur heiligen Wohnstatt dieses Königs.
śyena uvāca dharmātmānaṃ tv āhur ekaṃ sarve rājan mahīkṣitaḥ sa vai dharmaviruddhaṃ tvaṃ kasmāt karma cikīrṣasi
Der Habicht sprach: 'Alle Herrscher der Erde nennen dich den einen Rechtschaffenen, o König; warum willst du dann eine dem Recht widersprechende Tat vollbringen?'
Wort für Wort
śyena uvāca dharmātmānaṃ tv āhur ekaṃ sarve rājan mahīkṣitaḥ sa vai dharmaviruddhaṃ tvaṃ kasmāt karma cikīrṣasi
Der Habicht sprach: 'Alle Herrscher der Erde nennen dich den einen Rechtschaffenen, o König; warum willst du dann eine dem Recht widersprechende Tat vollbringen?'
vihitaṃ bhakṣaṇaṃ rājan pīḍyamānasya me kṣudhā mā bhāṅkṣīr dharmalobhena dharmam utsṛṣṭavān asi
'Das Essen ist vorgeschrieben, o König, für mich, der ich vom Hunger gequält bin; beraube mich nicht dessen - aus Gier nach Rechtschaffenheit hast du das Recht preisgegeben.'
Wort für Wort
vihitaṃ bhakṣaṇaṃ rājan pīḍyamānasya me kṣudhā mā bhāṅkṣīr dharmalobhena dharmam utsṛṣṭavān asi
'Das Essen ist vorgeschrieben, o König, für mich, der ich vom Hunger gequält bin; beraube mich nicht dessen - aus Gier nach Rechtschaffenheit hast du das Recht preisgegeben.'
Der König sprach: 'In schreckerfülltem Zustand, Schutz suchend, vor dir geängstigt, o großer Zweifachgeborener, ist dieser Vogel, an seinem Leben hängend, zu mir gelangt.'
Der König sprach: 'In schreckerfülltem Zustand, Schutz suchend, vor dir geängstigt, o großer Zweifachgeborener, ist dieser Vogel, an seinem Leben hängend, zu mir gelangt.'
'Bei einem, der so hierher gekommen ist, der Taube, die Sicherheit sucht - im Nicht-Gewähren liegt höchstes Unrecht; was siehst du dabei anders, o Habicht?'
'Bei einem, der so hierher gekommen ist, der Taube, die Sicherheit sucht - im Nicht-Gewähren liegt höchstes Unrecht; was siehst du dabei anders, o Habicht?'
śakyate dustyaje 'py arthe cirarātrāya jīvitum na tu bhojanam utsṛjya śakyaṃ vartayituṃ ciram
'Man kann lange leben, selbst wenn man auf eine schwer entbehrliche Sache verzichtet; doch wenn man die Nahrung aufgibt, kann man sich nicht lange erhalten.'
Wort für Wort
śakyate dustyaje 'py arthe cirarātrāya jīvitum na tu bhojanam utsṛjya śakyaṃ vartayituṃ ciram
'Man kann lange leben, selbst wenn man auf eine schwer entbehrliche Sache verzichtet; doch wenn man die Nahrung aufgibt, kann man sich nicht lange erhalten.'
'Wenn ich gestorben bin, o Rechtschaffener, werden meine Frau und Kinder zugrunde gehen; indem du eine Taube schützt, wirst du viele Leben zugrunde richten.'
'Wenn ich gestorben bin, o Rechtschaffener, werden meine Frau und Kinder zugrunde gehen; indem du eine Taube schützt, wirst du viele Leben zugrunde richten.'
dharmaṃ yo bādhate dharmo na sa dharmaḥ kudharma tat avirodhī tu yo dharmaḥ sa dharmaḥ satyavikrama
'Jenes Recht, das ein anderes Recht behindert, ist kein Recht, sondern Unrecht; jenes Recht aber, das nicht in Widerspruch steht, das ist das wahre Recht, o Wahrhaft-Tatkräftiger.'
Wort für Wort
dharmaṃ yo bādhate dharmo na sa dharmaḥ kudharma tat avirodhī tu yo dharmaḥ sa dharmaḥ satyavikrama
'Jenes Recht, das ein anderes Recht behindert, ist kein Recht, sondern Unrecht; jenes Recht aber, das nicht in Widerspruch steht, das ist das wahre Recht, o Wahrhaft-Tatkräftiger.'
'Bei widerstreitenden Pflichten, o Erdenschützer, sollte man, nachdem man deren größeres und geringeres Gewicht ermittelt hat, jenes Recht ausüben, bei dem kein Hindernis besteht.'
'Bei widerstreitenden Pflichten, o Erdenschützer, sollte man, nachdem man deren größeres und geringeres Gewicht ermittelt hat, jenes Recht ausüben, bei dem kein Hindernis besteht.'
gurulāghavam ājñāya dharmādharmaviniścaye yato bhūyāṃs tato rājan kuru dharmaviniścayam
'Nachdem du das größere und geringere Gewicht bei der Entscheidung von Recht und Unrecht erkannt hast - wo das größere liegt, dort, o König, triff deine Entscheidung über das Recht.'
Wort für Wort
gurulāghavam ājñāya dharmādharmaviniścaye yato bhūyāṃs tato rājan kuru dharmaviniścayam
'Nachdem du das größere und geringere Gewicht bei der Entscheidung von Recht und Unrecht erkannt hast - wo das größere liegt, dort, o König, triff deine Entscheidung über das Recht.'
Der König sprach: 'Du sprichst viel Heilsames, o Bester der Vögel; bist du Suparṇa, der König der Vögel? Du bist zweifellos ein Kenner des Rechts; denn du sprichst vieles Wunderbare und mit dem Recht Verbundene.'
Der König sprach: 'Du sprichst viel Heilsames, o Bester der Vögel; bist du Suparṇa, der König der Vögel? Du bist zweifellos ein Kenner des Rechts; denn du sprichst vieles Wunderbare und mit dem Recht Verbundene.'
'Dieses dein Unterfangen, o Vogel, dient der Nahrung; und es kann auch anders bewerkstelligt werden - auch reichlichere Nahrung kann von dir erlangt werden.'
'Dieses dein Unterfangen, o Vogel, dient der Nahrung; und es kann auch anders bewerkstelligt werden - auch reichlichere Nahrung kann von dir erlangt werden.'
rājovāca rājyaṃ śibīnām ṛddhaṃ vai śādhi pakṣigaṇārcita yad vā kāmayase kiṃ cic chyena sarvaṃ dadāni te vinemaṃ pakṣiṇaṃ śyena śaraṇārthinam āgatam
Der König sprach: 'Herrsche über das blühende Reich der Śibis, o von den Vogelscharen Geehrter; oder was auch immer du sonst begehrst, o Habicht, alles werde ich dir geben, außer diesem Vogel, o Habicht, der schutzsuchend zu mir gekommen ist.'
Wort für Wort
rājovāca rājyaṃ śibīnām ṛddhaṃ vai śādhi pakṣigaṇārcita yad vā kāmayase kiṃ cic chyena sarvaṃ dadāni te vinemaṃ pakṣiṇaṃ śyena śaraṇārthinam āgatam
Der König sprach: 'Herrsche über das blühende Reich der Śibis, o von den Vogelscharen Geehrter; oder was auch immer du sonst begehrst, o Habicht, alles werde ich dir geben, außer diesem Vogel, o Habicht, der schutzsuchend zu mir gekommen ist.'
yenemaṃ varjayethās tvaṃ karmaṇā pakṣisattama tad ācakṣva kariṣyāmi na hi dāsye kapotakam
'Durch welche Tat du ihn verschonen könntest, o Bester der Vögel - das sage mir, und ich werde es tun; denn die kleine Taube werde ich nicht hergeben.'
Wort für Wort
yenemaṃ varjayethās tvaṃ karmaṇā pakṣisattama tad ācakṣva kariṣyāmi na hi dāsye kapotakam
'Durch welche Tat du ihn verschonen könntest, o Bester der Vögel - das sage mir, und ich werde es tun; denn die kleine Taube werde ich nicht hergeben.'
Der Habicht sprach: 'O Uśīnara, wenn du Zuneigung zur Taube hegst, o Herrscher der Menschen, dann schneide von deinem eigenen Leib Fleisch ab und halte es auf einer Waage gegen die Taube.'
Der Habicht sprach: 'O Uśīnara, wenn du Zuneigung zur Taube hegst, o Herrscher der Menschen, dann schneide von deinem eigenen Leib Fleisch ab und halte es auf einer Waage gegen die Taube.'
rājovāca anugraham imaṃ manye śyena yan mābhiyācase tasmāt te 'dya pradāsyāmi svamāṃsaṃ tulayā dhṛtam
Der König sprach: 'Ich betrachte dies als eine Gunst, o Habicht, dass du mich darum bittest; deshalb werde ich dir heute mein eigenes Fleisch geben, auf der Waage gehalten.'
Wort für Wort
rājovāca anugraham imaṃ manye śyena yan mābhiyācase tasmāt te 'dya pradāsyāmi svamāṃsaṃ tulayā dhṛtam
Der König sprach: 'Ich betrachte dies als eine Gunst, o Habicht, dass du mich darum bittest; deshalb werde ich dir heute mein eigenes Fleisch geben, auf der Waage gehalten.'
Lomaśa sprach: Da schnitt der König, ein höchster Kenner des Rechts, sein eigenes Fleisch ab, o Sohn der Kuntī, o Herr, und wog es zusammen mit der Taube auf der Waage.
Lomaśa sprach: Da schnitt der König, ein höchster Kenner des Rechts, sein eigenes Fleisch ab, o Sohn der Kuntī, o Herr, und wog es zusammen mit der Taube auf der Waage.
Der Habicht sprach: 'Ich bin Indra, o Kenner des Rechts; diese Taube ist der Opferträger; um dich im Recht zu prüfen, sind wir beide zu diesem Opferplatz gekommen.'
Der Habicht sprach: 'Ich bin Indra, o Kenner des Rechts; diese Taube ist der Opferträger; um dich im Recht zu prüfen, sind wir beide zu diesem Opferplatz gekommen.'