Kapitel 31: Īśvaravādaḥ
Draupadīs Anklage: Die Macht des Schöpfers und die Frage nach der göttlichen Gerechtigkeit
Draupadī setzt ihre Klage fort: Sie preist zunächst Yudhiṣṭhiras untadelige Dharma-Treue und Freigebigkeit, stellt dem aber sein unverdientes Unglück gegenüber. In einer alten Erzählung entfaltet sie eine radikale Theologie der absoluten Abhängigkeit aller Wesen vom Schöpfer (Dhātṛ/Īśvara) - Menschen als hölzerne Puppen, an Schnüre gebundene Vögel, Grashalme im Wind -, und fragt eindringlich, warum der Schöpfer den Edlen Leid und den Unedlen (wie Duryodhana) Wohlstand zuteilt, ja ob nicht der Schöpfer selbst durch das Unrecht in der Welt befleckt werde.
draupady uvāca namo dhātre vidhātre ca yau mohaṃ cakratus tava pitṛpaitāmahe vṛtte voḍhavye te 'nyathā matiḥ
Draupadī sprach: „Verehrung sei dem Erschaffer und dem Verfüger, die dich in Verblendung gestürzt haben - dich, der du dem Wandel deines Vaters und Großvaters folgst und ihn fortführen solltest, [und dennoch] ist deine Gesinnung nun ins Gegenteil verkehrt.
Wort für Wort
draupady uvāca namo dhātre vidhātre ca yau mohaṃ cakratus tava pitṛpaitāmahe vṛtte voḍhavye te 'nyathā matiḥ
Draupadī sprach: „Verehrung sei dem Erschaffer und dem Verfüger, die dich in Verblendung gestürzt haben - dich, der du dem Wandel deines Vaters und Großvaters folgst und ihn fortführen solltest, [und dennoch] ist deine Gesinnung nun ins Gegenteil verkehrt.
[Anm.: Die genaue Konstruktion dieses Eröffnungsverses ist umstritten; sinngemäß eröffnet Draupadī mit ironischem Lob der Schöpfergötter, die Yudhiṣṭhiras sonst untadeligen Sinn verwirrt hätten.]
na hi te 'dhyagamaj jātu tadānīṃ nādya bhārata dharmāt priyataraṃ kiṃ cid api cej jīvitād iha
denn niemals, weder damals noch heute, o Bhārata, hast du irgendetwas gefunden, das dir lieber gewesen wäre als Dharma, selbst nicht dein eigenes Leben.
Wort für Wort
na hi te 'dhyagamaj jātu tadānīṃ nādya bhārata dharmāt priyataraṃ kiṃ cid api cej jīvitād iha
denn niemals, weder damals noch heute, o Bhārata, hast du irgendetwas gefunden, das dir lieber gewesen wäre als Dharma, selbst nicht dein eigenes Leben.
rājānaṃ dharmagoptāraṃ dharmo rakṣati rakṣitaḥ iti me śrutam āryāṇāṃ tvāṃ tu manye na rakṣati
„Den König, den Hüter des Dharma, beschützt der Dharma, wenn er selbst beschützt wird“ - so habe ich von den Edlen gehört; dich aber, so meine ich, beschützt er nicht.
Wort für Wort
rājānaṃ dharmagoptāraṃ dharmo rakṣati rakṣitaḥ iti me śrutam āryāṇāṃ tvāṃ tu manye na rakṣati
„Den König, den Hüter des Dharma, beschützt der Dharma, wenn er selbst beschützt wird“ - so habe ich von den Edlen gehört; dich aber, so meine ich, beschützt er nicht.
nāvamaṃsthā hi sadṛśān nāvarāñ śreyasaḥ kutaḥ avāpya pṛthivīṃ kṛtsnāṃ na te śṛṅgam avardhata
Denn du hast weder deinesgleichen noch Geringere je verachtet - wie viel weniger dann Bessere; auch nach Erlangung der ganzen Erde ist dein Hochmut nicht gewachsen.
Wort für Wort
nāvamaṃsthā hi sadṛśān nāvarāñ śreyasaḥ kutaḥ avāpya pṛthivīṃ kṛtsnāṃ na te śṛṅgam avardhata
Denn du hast weder deinesgleichen noch Geringere je verachtet - wie viel weniger dann Bessere; auch nach Erlangung der ganzen Erde ist dein Hochmut nicht gewachsen.
Die Brāhmaṇas werden von dir beständig mit allem, was sie begehren, erquickt, Pārtha, sowohl die nach Erlösung strebenden Asketen als auch die Hausväter, o Bhārata.
Die Brāhmaṇas werden von dir beständig mit allem, was sie begehren, erquickt, Pārtha, sowohl die nach Erlösung strebenden Asketen als auch die Hausväter, o Bhārata.
Und dennoch, o König, bist du, mit umnebeltem Verstand, in dem heimtückischen Würfelspiel besiegt worden - Reich, Reichtümer, Waffen, Brüder und mich hast du verloren.
Und dennoch, o König, bist du, mit umnebeltem Verstand, in dem heimtückischen Würfelspiel besiegt worden - Reich, Reichtümer, Waffen, Brüder und mich hast du verloren.
Der Schöpfer selbst gewiss bestimmt für die Wesen Glück und Leid, Angenehmes und Unangenehmes, der Herrschende - von Anbeginn den Lebenssamen aussendend [?].
Der Schöpfer selbst gewiss bestimmt für die Wesen Glück und Leid, Angenehmes und Unangenehmes, der Herrschende - von Anbeginn den Lebenssamen aussendend [?].
[Anm.: Die Wendung „purastāc chukram uccaran“ (etwa: von Anfang an den Samen aussendend/emporsteigend) ist dunkel und wird unterschiedlich gedeutet; sie scheint auf die ursprüngliche kosmogonische Schöpfungstat des Dhātṛ anzuspielen.]
Wie ein an einer Schnur gebundener Vogel, so ist dieser Mensch gebunden, ohnmächtig, in der Macht des Herrn stehend, nicht Herr über andere noch über sich selbst.
Wie ein an einer Schnur gebundener Vogel, so ist dieser Mensch gebunden, ohnmächtig, in der Macht des Herrn stehend, nicht Herr über andere noch über sich selbst.
maṇiḥ sūtra iva proto nasyota iva govṛṣaḥ dhātur ādeśam anveti tanmayo hi tadarpaṇaḥ
Wie ein an eine Schnur gereihter Edelstein, wie ein am Nasenring geführter Stier, folgt er dem Gebot des Schöpfers, denn er ist von ihm durchdrungen und ihm ausgeliefert.
Wort für Wort
maṇiḥ sūtra iva proto nasyota iva govṛṣaḥ dhātur ādeśam anveti tanmayo hi tadarpaṇaḥ
Wie ein an eine Schnur gereihter Edelstein, wie ein am Nasenring geführter Stier, folgt er dem Gebot des Schöpfers, denn er ist von ihm durchdrungen und ihm ausgeliefert.
Sieh, welch eine Zaubermacht dies ist, wie sie vom Herrn geschaffen wurde, der, nachdem er die Wesen durch seine eigene Zauberkunst verblendet hat, die Wesen durch andere Wesen tötet.
Sieh, welch eine Zaubermacht dies ist, wie sie vom Herrn geschaffen wurde, der, nachdem er die Wesen durch seine eigene Zauberkunst verblendet hat, die Wesen durch andere Wesen tötet.
ebenso vernichtet jener erhabene Gott, der Selbstentstandene, der Urgroßvater, Wesen durch Wesen, nachdem er eine Täuschung bewirkt hat, o Yudhiṣṭhira.
ebenso vernichtet jener erhabene Gott, der Selbstentstandene, der Urgroßvater, Wesen durch Wesen, nachdem er eine Täuschung bewirkt hat, o Yudhiṣṭhira.
Dieser Herr, der nach Belieben wirkt, spielt, nachdem er Wesen verbunden und wieder getrennt hat, mit den Wesen wie ein Kind mit seinem Spielzeug.
[Anm.: Das im Sanskrit hier eingefügte Vokativ „bhagavan“ (o Erhabener) passt grammatisch nicht recht zur dritten Person des Satzes; vermutlich eine formelhafte Einfügung des überlieferten Textes.]
Nicht wie eine Mutter oder ein Vater verhält sich der Schöpfer gegenüber den Wesen, o König; er handelt, als sei er wie von Zorn getrieben, wie irgendein anderer gewöhnlicher Mensch.
Nicht wie eine Mutter oder ein Vater verhält sich der Schöpfer gegenüber den Wesen, o König; er handelt, als sei er wie von Zorn getrieben, wie irgendein anderer gewöhnlicher Mensch.
Wenn ich die Edlen, Tugendhaften, Schamhaften sehe, von Not gequält, und die Unedlen dagegen im Glück, gerate ich, wie von Sorge überwältigt, in Verwirrung.
Wenn ich die Edlen, Tugendhaften, Schamhaften sehe, von Not gequält, und die Unedlen dagegen im Glück, gerate ich, wie von Sorge überwältigt, in Verwirrung.
Welche Frucht erlangt der Schöpfer wohl davon, dass er dem Sohn Dhṛtarāṣṭras, der die Lehren der Edlen übertritt, grausam, habgierig, den Dharma missachtend ist, Glanz und Reichtum verliehen hat?
Welche Frucht erlangt der Schöpfer wohl davon, dass er dem Sohn Dhṛtarāṣṭras, der die Lehren der Edlen übertritt, grausam, habgierig, den Dharma missachtend ist, Glanz und Reichtum verliehen hat?