Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Vanaparva (Āraṇyakaparva)

Kapitel 182: Tārkṣyopākhyānam Die Erzählung von Tārkṣya und seinem wiederbelebten Sohn

Auf Bitten der Pāṇḍavas erzählt Mārkaṇḍeya die Geschichte eines Haihaya-Prinzen, der auf der Jagd versehentlich einen Asketen erschlägt. Aus Furcht und Reue suchen die Haihaya-Könige den Weisen Tārkṣya Ariṣṭanemi auf und gestehen ihre Schuld. Tārkṣya erkennt in dem Getöteten seinen eigenen Sohn – der jedoch, zu ihrem Erstaunen, lebendig vor ihnen erscheint. Auf ihre Frage erklärt der Sohn, dass Wahrhaftigkeit, das eigene Dharma, das Verschweigen fremder Verfehlungen, die Gastfreundschaft und ein kraftspendender Wohnort ihn und seinesgleichen vor der Macht des Todes schützen.

vaiśaṃpāyana uvāca mārkaṇḍeyaṃ mahātmānam ūcuḥ pāṇḍusutās tadā māhātmyaṃ dvijamukhyānāṃ śrotum icchāma kathyatām

Vaiśaṃpāyana sprach: Da sprachen die Söhne Pāṇḍus zu dem hochgesinnten Mārkaṇḍeya: „Wir möchten von der Erhabenheit der vornehmsten der Zweifachgeborenen hören; erzähle es uns.“

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca mārkaṇḍeyaṃ mahātmānam ūcuḥ pāṇḍusutās tadā māhātmyaṃ dvijamukhyānāṃ śrotum icchāma kathyatām
Vaiśaṃpāyana sprach: Da sprachen die Söhne Pāṇḍus zu dem hochgesinnten Mārkaṇḍeya: „Wir möchten von der Erhabenheit der vornehmsten der Zweifachgeborenen hören; erzähle es uns.“

evam uktaḥ sa bhagavān mārkaṇḍeyo mahātapāḥ uvāca sumahātejāḥ sarvaśāstraviśāradaḥ

So angesprochen, begann der erhabene Mārkaṇḍeya, von großer Askese, überaus glanzvoll, in allen Lehrschriften bewandert, zu erzählen:

Wort für Wort
evam uktaḥ sa bhagavān mārkaṇḍeyo mahātapāḥ uvāca sumahātejāḥ sarvaśāstraviśāradaḥ
So angesprochen, begann der erhabene Mārkaṇḍeya, von großer Askese, überaus glanzvoll, in allen Lehrschriften bewandert, zu erzählen:

haihayānāṃ kulakaro rājā parapuraṃjayaḥ kumāro rūpasaṃpanno mṛgayām acarad balī

„Der Ahnherr des Geschlechts der Haihayas, ein König, Bezwinger feindlicher Städte, ein Prinz von vollendeter Schönheit, der Starke, zog einst auf die Jagd aus.

Wort für Wort
haihayānāṃ kulakaro rājā parapuraṃjayaḥ kumāro rūpasaṃpanno mṛgayām acarad balī
„Der Ahnherr des Geschlechts der Haihayas, ein König, Bezwinger feindlicher Städte, ein Prinz von vollendeter Schönheit, der Starke, zog einst auf die Jagd aus.

caramāṇas tu so 'raṇye tṛṇavīrutsamāvṛte kṛṣṇājinottarāsaṅgaṃ dadarśa munim antike sa tena nihato 'raṇye manyamānena vai mṛgam

Während er im Wald umherstreifte, der mit Gras und Kräutern bewachsen war, erblickte er in der Nähe einen Weisen, mit einem Gewand aus schwarzem Antilopenfell bekleidet, und er, ihn irrtümlich für ein Wild haltend, tötete ihn dort im Wald.

Wort für Wort
caramāṇas tu so 'raṇye tṛṇavīrutsamāvṛte kṛṣṇājinottarāsaṅgaṃ dadarśa munim antike sa tena nihato 'raṇye manyamānena vai mṛgam
Während er im Wald umherstreifte, der mit Gras und Kräutern bewachsen war, erblickte er in der Nähe einen Weisen, mit einem Gewand aus schwarzem Antilopenfell bekleidet, und er, ihn irrtümlich für ein Wild haltend, tötete ihn dort im Wald.

vyathitaḥ karma tat kṛtvā śokopahatacetanaḥ jagāma haihayānāṃ vai sakāśaṃ prathitātmanām

Nachdem er jene Tat vollbracht hatte, bestürzt, seinen Sinn vom Kummer geschlagen, begab sich der Prinz zu den Haihaya-Königen, den Ruhmvollen,

Wort für Wort
vyathitaḥ karma tat kṛtvā śokopahatacetanaḥ jagāma haihayānāṃ vai sakāśaṃ prathitātmanām
Nachdem er jene Tat vollbracht hatte, bestürzt, seinen Sinn vom Kummer geschlagen, begab sich der Prinz zu den Haihaya-Königen, den Ruhmvollen,

rājñāṃ rājīvanetrosau kumāraḥ pṛthivīpate teṣāṃ ca tad yathāvṛttaṃ kathayām āsa vai tadā

der Prinz mit Lotosaugen, o Herr der Erde, und erzählte ihnen damals, wie es sich wirklich zugetragen hatte.

Wort für Wort
rājñāṃ rājīvanetrosau kumāraḥ pṛthivīpate teṣāṃ ca tad yathāvṛttaṃ kathayām āsa vai tadā
der Prinz mit Lotosaugen, o Herr der Erde, und erzählte ihnen damals, wie es sich wirklich zugetragen hatte.

taṃ cāpi hiṃsitaṃ tāta muniṃ mūlaphalāśinam śrutvā dṛṣṭvā ca te tatra babhūvur dīnamānasāḥ

Als sie hörten und sahen, dass jener Weise, mein Sohn, der von Wurzeln und Früchten lebte, getötet worden war, wurden sie dort betrübten Sinnes.

Wort für Wort
taṃ cāpi hiṃsitaṃ tāta muniṃ mūlaphalāśinam śrutvā dṛṣṭvā ca te tatra babhūvur dīnamānasāḥ
Als sie hörten und sahen, dass jener Weise, mein Sohn, der von Wurzeln und Früchten lebte, getötet worden war, wurden sie dort betrübten Sinnes.

kasyāyam iti te sarve mārgamāṇās tatas tataḥ jagmuś cāriṣṭanemes te tārkṣyasyāśramam añjasā

Sich fragend, wessen Sohn dieser wohl sei, suchten sie hier und dort, und alsbald gingen sie zur Einsiedelei des Tārkṣya Ariṣṭanemi.

Wort für Wort
kasyāyam iti te sarve mārgamāṇās tatas tataḥ jagmuś cāriṣṭanemes te tārkṣyasyāśramam añjasā
Sich fragend, wessen Sohn dieser wohl sei, suchten sie hier und dort, und alsbald gingen sie zur Einsiedelei des Tārkṣya Ariṣṭanemi.

te 'bhivādya mahātmānaṃ taṃ muniṃ saṃśitavratam tasthuḥ sarve sa tu munis teṣāṃ pūjām athāharat

Sie begrüßten den hochgesinnten Weisen von strengen Gelübden und verweilten alle dort; jener Weise aber erwies ihnen Ehre.

Wort für Wort
te 'bhivādya mahātmānaṃ taṃ muniṃ saṃśitavratam tasthuḥ sarve sa tu munis teṣāṃ pūjām athāharat
Sie begrüßten den hochgesinnten Weisen von strengen Gelübden und verweilten alle dort; jener Weise aber erwies ihnen Ehre.

te tam ūcur mahātmānaṃ na vayaṃ satkriyāṃ mune tvatto 'rhāḥ karmadoṣeṇa brāhmaṇo hiṃsito hi naḥ

Sie sprachen zu dem Hochgesinnten: ‚Wir sind der Ehrenerweisung von dir nicht würdig, o Weiser; durch den Fehler einer Tat ist von uns ein Brahmane getötet worden.‘

Wort für Wort
te tam ūcur mahātmānaṃ na vayaṃ satkriyāṃ mune tvatto 'rhāḥ karmadoṣeṇa brāhmaṇo hiṃsito hi naḥ
Sie sprachen zu dem Hochgesinnten: ‚Wir sind der Ehrenerweisung von dir nicht würdig, o Weiser; durch den Fehler einer Tat ist von uns ein Brahmane getötet worden.‘

tān abravīt sa viprarṣiḥ kathaṃ vo brāhmaṇo hataḥ kva cāsau brūta sahitāḥ paśyadhvaṃ me tapobalam

Da sprach zu ihnen der Brahmanenweise: ‚Wie wurde von euch ein Brahmane getötet? Und wo ist er? Saget es mir alle zusammen; sehet die Kraft meiner Askese.‘

Wort für Wort
tān abravīt sa viprarṣiḥ kathaṃ vo brāhmaṇo hataḥ kva cāsau brūta sahitāḥ paśyadhvaṃ me tapobalam
Da sprach zu ihnen der Brahmanenweise: ‚Wie wurde von euch ein Brahmane getötet? Und wo ist er? Saget es mir alle zusammen; sehet die Kraft meiner Askese.‘

te tu tat sarvam akhilam ākhyāyāsmai yathātatham nāpaśyaṃs tam ṛṣiṃ tatra gatāsuṃ te samāgatāḥ anveṣamāṇāḥ savrīḍāḥ svapnavad gatamānasāḥ

Sie aber erzählten ihm dies alles vollständig, wie es sich wirklich zugetragen hatte; doch fanden sie dort den dahingeschiedenen Weisen nicht, obwohl sie sich versammelt hatten und suchten, beschämt, wie im Traum verlorenen Sinnes.

Wort für Wort
te tu tat sarvam akhilam ākhyāyāsmai yathātatham nāpaśyaṃs tam ṛṣiṃ tatra gatāsuṃ te samāgatāḥ anveṣamāṇāḥ savrīḍāḥ svapnavad gatamānasāḥ
Sie aber erzählten ihm dies alles vollständig, wie es sich wirklich zugetragen hatte; doch fanden sie dort den dahingeschiedenen Weisen nicht, obwohl sie sich versammelt hatten und suchten, beschämt, wie im Traum verlorenen Sinnes.

tān abravīt tatra munis tārkṣyaḥ parapuraṃjayaḥ syād ayaṃ brāhmaṇaḥ so 'tha yo yuṣmābhir vināśitaḥ putro hy ayaṃ mama nṛpās tapobalasamanvitaḥ

Da sprach zu ihnen dort der Weise Tārkṣya, Bezwinger feindlicher Städte: ‚Dieser könnte der Brahmane sein, der von euch vernichtet wurde; denn er ist mein Sohn, ihr Könige, mit der Kraft der Askese begabt.‘

Wort für Wort
tān abravīt tatra munis tārkṣyaḥ parapuraṃjayaḥ syād ayaṃ brāhmaṇaḥ so 'tha yo yuṣmābhir vināśitaḥ putro hy ayaṃ mama nṛpās tapobalasamanvitaḥ
Da sprach zu ihnen dort der Weise Tārkṣya, Bezwinger feindlicher Städte: ‚Dieser könnte der Brahmane sein, der von euch vernichtet wurde; denn er ist mein Sohn, ihr Könige, mit der Kraft der Askese begabt.‘

te tu dṛṣṭvaiva tam ṛṣiṃ vismayaṃ paramaṃ gatāḥ mahad āścaryam iti vai vibruvāṇā mahīpate

Als sie aber jenen Weisen erblickten, gerieten sie in höchstes Erstaunen, o Herr der Erde, und riefen, dies sei ein großes Wunder.

Wort für Wort
te tu dṛṣṭvaiva tam ṛṣiṃ vismayaṃ paramaṃ gatāḥ mahad āścaryam iti vai vibruvāṇā mahīpate
Als sie aber jenen Weisen erblickten, gerieten sie in höchstes Erstaunen, o Herr der Erde, und riefen, dies sei ein großes Wunder.

mṛto hy ayam ato dṛṣṭaḥ kathaṃ jīvitam āptavān kim etat tapaso vīryaṃ yenāyaṃ jīvitaḥ punaḥ śrotum icchāma viprarṣe yadi śrotavyam ity uta

‚Denn dieser wurde als tot gesehen – wie hat er das Leben wiedererlangt? Was ist dies für eine Kraft der Askese, durch die er wieder lebendig geworden ist? Wir möchten es hören, o Weiser, wenn es zu hören erlaubt ist.‘

Wort für Wort
mṛto hy ayam ato dṛṣṭaḥ kathaṃ jīvitam āptavān kim etat tapaso vīryaṃ yenāyaṃ jīvitaḥ punaḥ śrotum icchāma viprarṣe yadi śrotavyam ity uta
‚Denn dieser wurde als tot gesehen – wie hat er das Leben wiedererlangt? Was ist dies für eine Kraft der Askese, durch die er wieder lebendig geworden ist? Wir möchten es hören, o Weiser, wenn es zu hören erlaubt ist.‘

sa tān uvāca nāsmākaṃ mṛtyuḥ prabhavate nṛpāḥ kāraṇaṃ vaḥ pravakṣyāmi hetuyogaṃ samāsataḥ

Er sprach zu ihnen: ‚Über uns vermag der Tod nichts, ihr Könige; ich will euch die Ursache und den Zusammenhang der Gründe kurz verkünden.

Wort für Wort
sa tān uvāca nāsmākaṃ mṛtyuḥ prabhavate nṛpāḥ kāraṇaṃ vaḥ pravakṣyāmi hetuyogaṃ samāsataḥ
Er sprach zu ihnen: ‚Über uns vermag der Tod nichts, ihr Könige; ich will euch die Ursache und den Zusammenhang der Gründe kurz verkünden.

satyam evābhijānīmo nānṛte kurmahe manaḥ svadharmam anutiṣṭhāmas tasmān mṛtyubhayaṃ na naḥ

Allein die Wahrheit erkennen wir an, nicht der Unwahrheit wenden wir unseren Sinn zu; wir befolgen unseren eigenen Dharma – darum haben wir keine Furcht vor dem Tod.

Wort für Wort
satyam evābhijānīmo nānṛte kurmahe manaḥ svadharmam anutiṣṭhāmas tasmān mṛtyubhayaṃ na naḥ
Allein die Wahrheit erkennen wir an, nicht der Unwahrheit wenden wir unseren Sinn zu; wir befolgen unseren eigenen Dharma – darum haben wir keine Furcht vor dem Tod.

yad brāhmaṇānāṃ kuśalaṃ tad eṣāṃ kathayāmahe naiṣāṃ duścaritaṃ brūmas tasmān mṛtyubhayaṃ na naḥ

Was das Wohl der Brahmanen betrifft, das verkünden wir von ihnen; ihr schlechtes Verhalten sprechen wir nicht aus – darum haben wir keine Furcht vor dem Tod.

Wort für Wort
yad brāhmaṇānāṃ kuśalaṃ tad eṣāṃ kathayāmahe naiṣāṃ duścaritaṃ brūmas tasmān mṛtyubhayaṃ na naḥ
Was das Wohl der Brahmanen betrifft, das verkünden wir von ihnen; ihr schlechtes Verhalten sprechen wir nicht aus – darum haben wir keine Furcht vor dem Tod.

atithīn annapānena bhṛtyān atyaśanena ca tejasvideśavāsāc ca tasmān mṛtyubhayaṃ na naḥ

Die Gäste bewirten wir mit Speise und Trank, die Diener mit reichlicher Nahrung, und wir leben an einem Ort, der uns Kraft verleiht – darum haben wir keine Furcht vor dem Tod.

Wort für Wort
atithīn annapānena bhṛtyān atyaśanena ca tejasvideśavāsāc ca tasmān mṛtyubhayaṃ na naḥ
Die Gäste bewirten wir mit Speise und Trank, die Diener mit reichlicher Nahrung, und wir leben an einem Ort, der uns Kraft verleiht – darum haben wir keine Furcht vor dem Tod.

etad vai leśamātraṃ vaḥ samākhyātaṃ vimatsarāḥ gacchadhvaṃ sahitāḥ sarve na pāpād bhayam asti vaḥ

Dies ist euch nur andeutungsweise dargelegt worden, ihr Neidlosen; gehet nun alle zusammen; vor Sünde braucht ihr keine Furcht zu haben.‘

Wort für Wort
etad vai leśamātraṃ vaḥ samākhyātaṃ vimatsarāḥ gacchadhvaṃ sahitāḥ sarve na pāpād bhayam asti vaḥ
Dies ist euch nur andeutungsweise dargelegt worden, ihr Neidlosen; gehet nun alle zusammen; vor Sünde braucht ihr keine Furcht zu haben.‘

evam astv iti te sarve pratipūjya mahāmunim svadeśam agaman hṛṣṭā rājāno bharatarṣabha

Mit den Worten, es solle so sein, priesen sie alle den großen Weisen und kehrten vergnügt in ihre eigenen Länder zurück, die Könige, o Stier der Bharatas.“

Wort für Wort
evam astv iti te sarve pratipūjya mahāmunim svadeśam agaman hṛṣṭā rājāno bharatarṣabha
Mit den Worten, es solle so sein, priesen sie alle den großen Weisen und kehrten vergnügt in ihre eigenen Länder zurück, die Könige, o Stier der Bharatas.“

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