Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Vanaparva (Āraṇyakaparva)

Kapitel 112: Ṛśyaśṛṅgopākhyānam - Ṛśyaśṛṅgasya Varṇanam Die Erzählung von Ṛśyaśṛṅga: Seine ahnungslose Schilderung

Lomaśas Erzählung (weiterhin offen seit Kapitel 110) wird fortgesetzt: Ṛśyaśṛṅga schildert seinem Vater ausführlich und völlig arglos die als Vedaschüler verkleidete Kurtisanentochter - ihre Schönheit, ihren vermeintlichen Schmuck (in Wahrheit Schmuckstücke und Kleider), ihre Umarmung und ihre Gaben - und äußert am Ende den sehnlichen Wunsch, zu ihr zurückzukehren und ihre 'Gelübde-Übung' mit ihr zu teilen.

ihāgato jaṭilo brahmacārī; na vai hrasvo nātidīrgho manasvī suvarṇavarṇaḥ kamalāyatākṣaḥ; sutaḥ surāṇām iva śobhamānaḥ

Ṛśyaśṛṅga sprach: 'Hierher kam ein Zöpfetragender, ein Vedaschüler, weder klein noch übermäßig groß, weisen Sinnes, von goldener Hautfarbe, mit lotusgleichen, länglichen Augen, strahlend wie ein Sohn der Götter.

Wort für Wort
ihāgato jaṭilo brahmacārī; na vai hrasvo nātidīrgho manasvī suvarṇavarṇaḥ kamalāyatākṣaḥ; sutaḥ surāṇām iva śobhamānaḥ
Ṛśyaśṛṅga sprach: 'Hierher kam ein Zöpfetragender, ein Vedaschüler, weder klein noch übermäßig groß, weisen Sinnes, von goldener Hautfarbe, mit lotusgleichen, länglichen Augen, strahlend wie ein Sohn der Götter.

samṛddharūpaḥ saviteva dīptaḥ; suśuklakṛṣṇākṣataraś cakoraiḥ nīlāḥ prasannāś ca jaṭāḥ sugandhā; hiraṇyarajjugrathitāḥ sudīrghāḥ

von gedeihlicher Gestalt, leuchtend wie die Sonne, mit strahlend weißen und schwarzen Augen, schöner noch als die der Cakora-Vögel; seine dunklen, klaren, duftenden Zöpfe waren sehr lang und mit goldenen Schnüren geflochten.

Wort für Wort
samṛddharūpaḥ saviteva dīptaḥ; suśuklakṛṣṇākṣataraś cakoraiḥ nīlāḥ prasannāś ca jaṭāḥ sugandhā; hiraṇyarajjugrathitāḥ sudīrghāḥ
von gedeihlicher Gestalt, leuchtend wie die Sonne, mit strahlend weißen und schwarzen Augen, schöner noch als die der Cakora-Vögel; seine dunklen, klaren, duftenden Zöpfe waren sehr lang und mit goldenen Schnüren geflochten.

ādhārarūpā punar asya kaṇṭhe; vibhrājate vidyud ivāntarikṣe dvau cāsya piṇḍāv adhareṇa kaṇṭham; ajātaromau sumanoharau ca

An seinem Hals leuchtete etwas wie ein Träger, wie ein Blitz am Himmel; und unterhalb seines Halses hatte er zwei Wülste, ohne Haarwuchs und überaus bezaubernd.

Wort für Wort
ādhārarūpā punar asya kaṇṭhe; vibhrājate vidyud ivāntarikṣe dvau cāsya piṇḍāv adhareṇa kaṇṭham; ajātaromau sumanoharau ca
An seinem Hals leuchtete etwas wie ein Träger, wie ein Blitz am Himmel; und unterhalb seines Halses hatte er zwei Wülste, ohne Haarwuchs und überaus bezaubernd.

vilagnamadhyaś ca sa nābhideśe; kaṭiś ca tasyātikṛtapramāṇā tathāsya cīrāntaritā prabhāti; hiraṇmayī mekhalā me yatheyam

Schlank war seine Mitte im Nabelbereich, und seine Hüfte war überaus wohlgeformt; und darunter, durch seine Rindenkleidung verdeckt, erstrahlte etwas wie ein goldener Gürtel, ähnlich diesem hier an mir.

Wort für Wort
vilagnamadhyaś ca sa nābhideśe; kaṭiś ca tasyātikṛtapramāṇā tathāsya cīrāntaritā prabhāti; hiraṇmayī mekhalā me yatheyam
Schlank war seine Mitte im Nabelbereich, und seine Hüfte war überaus wohlgeformt; und darunter, durch seine Rindenkleidung verdeckt, erstrahlte etwas wie ein goldener Gürtel, ähnlich diesem hier an mir.

anyac ca tasyādbhutadarśanīyaṃ; vikūjitaṃ pādayoḥ saṃprabhāti pāṇyoś ca tadvat svanavan nibaddhau; kalāpakāv akṣamālā yatheyam

Und noch etwas anderes war an ihm wunderbar anzusehen: An seinen Füßen erklang ein Girren, und ebenso an seinen Händen waren zwei klingende Bündel gebunden, ähnlich dieser Gebetskette hier.

Wort für Wort
anyac ca tasyādbhutadarśanīyaṃ; vikūjitaṃ pādayoḥ saṃprabhāti pāṇyoś ca tadvat svanavan nibaddhau; kalāpakāv akṣamālā yatheyam
Und noch etwas anderes war an ihm wunderbar anzusehen: An seinen Füßen erklang ein Girren, und ebenso an seinen Händen waren zwei klingende Bündel gebunden, ähnlich dieser Gebetskette hier.

viceṣṭamānasya ca tasya tāni; kūjanti haṃsā sarasīva mattāḥ cīrāṇi tasyādbhutadarśanāni; nemāni tadvan mama rūpavanti

Wenn er sich bewegte, girrten jene wie berauschte Schwäne auf einem See; seine Rindengewänder waren wunderbar anzuschauen, nicht so wie meine hier von solcher Schönheit.

Wort für Wort
viceṣṭamānasya ca tasya tāni; kūjanti haṃsā sarasīva mattāḥ cīrāṇi tasyādbhutadarśanāni; nemāni tadvan mama rūpavanti
Wenn er sich bewegte, girrten jene wie berauschte Schwäne auf einem See; seine Rindengewänder waren wunderbar anzuschauen, nicht so wie meine hier von solcher Schönheit.

vaktraṃ ca tasyādbhutadarśanīyaṃ; pravyāhṛtaṃ hlādayatīva cetaḥ puṃskokilasyeva ca tasya vāṇī; tāṃ śṛṇvato me vyathito 'ntarātmā

Und sein Gesicht war wunderbar anzuschauen; seine Rede, wenn er sprach, erfreute geradezu den Sinn; und seine Stimme war wie die des männlichen Kokila-Vogels; als ich sie hörte, geriet meine innerste Seele in Erregung.

Wort für Wort
vaktraṃ ca tasyādbhutadarśanīyaṃ; pravyāhṛtaṃ hlādayatīva cetaḥ puṃskokilasyeva ca tasya vāṇī; tāṃ śṛṇvato me vyathito 'ntarātmā
Und sein Gesicht war wunderbar anzuschauen; seine Rede, wenn er sprach, erfreute geradezu den Sinn; und seine Stimme war wie die des männlichen Kokila-Vogels; als ich sie hörte, geriet meine innerste Seele in Erregung.

yathā vanaṃ mādhavamāsi madhye; samīritaṃ śvasanenābhivāti tathā sa vāty uttamapuṇyagandhī; niṣevyamāṇaḥ pavanena tāta

Wie ein Wald in der Mādhava-Jahreszeit, vom Wind bewegt, duftend weht, so duftete er, von überaus heiligem Wohlgeruch, wenn ihn der Wind umspielte, mein Vater.

Wort für Wort
yathā vanaṃ mādhavamāsi madhye; samīritaṃ śvasanenābhivāti tathā sa vāty uttamapuṇyagandhī; niṣevyamāṇaḥ pavanena tāta
Wie ein Wald in der Mādhava-Jahreszeit, vom Wind bewegt, duftend weht, so duftete er, von überaus heiligem Wohlgeruch, wenn ihn der Wind umspielte, mein Vater.

susaṃyatāś cāpi jaṭā vibhaktā; dvaidhīkṛtā bhānti samā lalāṭe karṇau ca citrair iva cakravālaiḥ; samāvṛtau tasya surūpavadbhiḥ

Und seine wohlgeordneten Zöpfe waren geteilt, in zwei Hälften, gleichmäßig auf der Stirn erstrahlend; und seine Ohren waren wie mit bunten Kreisen umgeben, von schöner Gestalt.

Wort für Wort
susaṃyatāś cāpi jaṭā vibhaktā; dvaidhīkṛtā bhānti samā lalāṭe karṇau ca citrair iva cakravālaiḥ; samāvṛtau tasya surūpavadbhiḥ
Und seine wohlgeordneten Zöpfe waren geteilt, in zwei Hälften, gleichmäßig auf der Stirn erstrahlend; und seine Ohren waren wie mit bunten Kreisen umgeben, von schöner Gestalt.

tathā phalaṃ vṛttam atho vicitraṃ; samāhanat pāṇinā dakṣiṇena tad bhūmim āsādya punaḥ punaś ca; samutpataty adbhutarūpam uccaiḥ

Auch schlug er mit der rechten Hand eine runde, bunte Frucht; diese, den Boden berührend, sprang immer wieder hoch empor, von wunderbarer Gestalt.

Wort für Wort
tathā phalaṃ vṛttam atho vicitraṃ; samāhanat pāṇinā dakṣiṇena tad bhūmim āsādya punaḥ punaś ca; samutpataty adbhutarūpam uccaiḥ
Auch schlug er mit der rechten Hand eine runde, bunte Frucht; diese, den Boden berührend, sprang immer wieder hoch empor, von wunderbarer Gestalt.

tac cāpi hatvā parivartate 'sau; vāterito vṛkṣa ivāvaghūrṇaḥ taṃ prekṣya me putram ivāmarāṇāṃ; prītiḥ parā tāta ratiś ca jātā

Und nachdem er sie geschlagen hatte, drehte er sich um, wie ein vom Wind bewegter, schwankender Baum; als ich ihn erblickte, den gleichsam einem Sohn der Unsterblichen, entstand in mir, mein Vater, höchste Zuneigung und Freude.

Wort für Wort
tac cāpi hatvā parivartate 'sau; vāterito vṛkṣa ivāvaghūrṇaḥ taṃ prekṣya me putram ivāmarāṇāṃ; prītiḥ parā tāta ratiś ca jātā
Und nachdem er sie geschlagen hatte, drehte er sich um, wie ein vom Wind bewegter, schwankender Baum; als ich ihn erblickte, den gleichsam einem Sohn der Unsterblichen, entstand in mir, mein Vater, höchste Zuneigung und Freude.

sa me samāśliṣya punaḥ śarīraṃ; jaṭāsu gṛhyābhyavanāmya vaktram vaktreṇa vaktraṃ praṇidhāya śabdaṃ; cakāra tan me 'janayat praharṣam

Er umarmte wiederum meinen Körper, ergriff mich an den Zöpfen, beugte mein Gesicht herab, legte Gesicht auf Gesicht und machte einen Laut - das erweckte in mir höchstes Entzücken.

Wort für Wort
sa me samāśliṣya punaḥ śarīraṃ; jaṭāsu gṛhyābhyavanāmya vaktram vaktreṇa vaktraṃ praṇidhāya śabdaṃ; cakāra tan me 'janayat praharṣam
Er umarmte wiederum meinen Körper, ergriff mich an den Zöpfen, beugte mein Gesicht herab, legte Gesicht auf Gesicht und machte einen Laut - das erweckte in mir höchstes Entzücken.

na cāpi pādyaṃ bahu manyate 'sau; phalāni cemāni mayāhṛtāni evaṃvrato 'smīti ca mām avocat; phalāni cānyāni navāny adān me

Auch schätzte er das Fußwaschwasser nicht sehr, noch diese Früchte, die ich ihm brachte; 'so ist mein Gelübde', sagte er mir, und gab mir andere, neuartige Früchte.

Wort für Wort
na cāpi pādyaṃ bahu manyate 'sau; phalāni cemāni mayāhṛtāni evaṃvrato 'smīti ca mām avocat; phalāni cānyāni navāny adān me
Auch schätzte er das Fußwaschwasser nicht sehr, noch diese Früchte, die ich ihm brachte; 'so ist mein Gelübde', sagte er mir, und gab mir andere, neuartige Früchte.

mayopayuktāni phalāni tāni; nemāni tulyāni rasena teṣām na cāpi teṣāṃ tvag iyaṃ yathaiṣāṃ; sārāṇi naiṣām iva santi teṣām

Jene Früchte, die ich genoss, waren diesen hier nicht gleich an Geschmack; auch ihre Schale ist nicht wie diese hier, und ihr Kern ist nicht wie deren.

Wort für Wort
mayopayuktāni phalāni tāni; nemāni tulyāni rasena teṣām na cāpi teṣāṃ tvag iyaṃ yathaiṣāṃ; sārāṇi naiṣām iva santi teṣām
Jene Früchte, die ich genoss, waren diesen hier nicht gleich an Geschmack; auch ihre Schale ist nicht wie diese hier, und ihr Kern ist nicht wie deren.

toyāni caivātirasāni mahyaṃ; prādāt sa vai pātum udārarūpaḥ pītvaiva yāny abhyadhikaḥ praharṣo; mamābhavad bhūś caliteva cāsīt

Und überaus wohlschmeckende Wasser gab er mir zu trinken, er von edler Gestalt; nachdem ich sie getrunken hatte, überkam mich gesteigertes Entzücken, und die Erde schien mir zu wanken.

Wort für Wort
toyāni caivātirasāni mahyaṃ; prādāt sa vai pātum udārarūpaḥ pītvaiva yāny abhyadhikaḥ praharṣo; mamābhavad bhūś caliteva cāsīt
Und überaus wohlschmeckende Wasser gab er mir zu trinken, er von edler Gestalt; nachdem ich sie getrunken hatte, überkam mich gesteigertes Entzücken, und die Erde schien mir zu wanken.

imāni citrāṇi ca gandhavanti; mālyāni tasyodgrathitāni paṭṭaiḥ yāni prakīryeha gataḥ svam eva; sa āśramaṃ tapasā dyotamānaḥ

Diese bunten, duftenden Blumenkränze hier, mit Bändern geflochten, die er hier verstreut hat, als er zu seiner eigenen, durch Buße erstrahlenden Einsiedelei zurückkehrte.

Wort für Wort
imāni citrāṇi ca gandhavanti; mālyāni tasyodgrathitāni paṭṭaiḥ yāni prakīryeha gataḥ svam eva; sa āśramaṃ tapasā dyotamānaḥ
Diese bunten, duftenden Blumenkränze hier, mit Bändern geflochten, die er hier verstreut hat, als er zu seiner eigenen, durch Buße erstrahlenden Einsiedelei zurückkehrte.

gatena tenāsmi kṛto vicetā; gātraṃ ca me saṃparitapyatīva icchāmi tasyāntikam āśu gantuṃ; taṃ ceha nityaṃ parivartamānam

Durch sein Fortgehen bin ich der Besinnung beraubt worden, und mein Körper brennt geradezu; ich wünsche, rasch zu ihm zu gehen, und dass er beständig hier verkehre.

Wort für Wort
gatena tenāsmi kṛto vicetā; gātraṃ ca me saṃparitapyatīva icchāmi tasyāntikam āśu gantuṃ; taṃ ceha nityaṃ parivartamānam
Durch sein Fortgehen bin ich der Besinnung beraubt worden, und mein Körper brennt geradezu; ich wünsche, rasch zu ihm zu gehen, und dass er beständig hier verkehre.

gacchāmi tasyāntikam eva tāta; kā nāma sā vratacaryā ca tasya icchāmy ahaṃ carituṃ tena sārdhaṃ; yathā tapaḥ sa caraty ugrakarmā

Ich gehe zu ihm, mein Vater; was ist doch seine Gelübde-Übung? Ich möchte sie zusammen mit ihm ausüben, so wie er, von schrecklichen Werken, seine Buße übt.'

Wort für Wort
gacchāmi tasyāntikam eva tāta; kā nāma sā vratacaryā ca tasya icchāmy ahaṃ carituṃ tena sārdhaṃ; yathā tapaḥ sa caraty ugrakarmā
Ich gehe zu ihm, mein Vater; was ist doch seine Gelübde-Übung? Ich möchte sie zusammen mit ihm ausüben, so wie er, von schrecklichen Werken, seine Buße übt.'

[Anm.: Ṛśyaśṛṅgas naive, ausführliche Beschreibung der als Vedaschüler verkleideten Kurtisanentochter - er deutet ihren Schmuck, ihre Kleidung und selbst ihre erotische Annäherung durchweg im Rahmen seines einzigen Erfahrungshorizonts, der Askese, und erkennt die wahre Natur der Begegnung nicht.]

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