Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Vanaparva (Āraṇyakaparva)

Kapitel 196: Pativratāmāhātmyopakramaḥ Der Beginn der Erzählung von der Erhabenheit der treuen Gattin

Yudhiṣṭhira bittet Mārkaṇḍeya, ihm von der höchsten Erhabenheit der Frauen zu erzählen, insbesondere vom schwer zu erfüllenden Dharma der Pativratās (der einem einzigen Gatten treu ergebenen Frauen) und vom Dharma der Kṣatriyas. Mārkaṇḍeya beginnt seine Antwort mit der Würdigung der Mühe, die Eltern – vor allem die Mutter – auf sich nehmen, um Kinder großzuziehen, und mit dem Grundsatz, dass für eine Frau der Dienst an ihrem Gatten alle Opfer, Riten und Gelübde ersetzt, bevor er zur eigentlichen Darlegung des Pativratā-Dharma übergeht.

vaiśaṃpāyana uvāca tato yudhiṣṭhiro rājā mārkaṇḍeyaṃ mahādyutim papraccha bharataśreṣṭho dharmapraśnaṃ sudurvacam

Vaiśaṃpāyana sprach: Da fragte König Yudhiṣṭhira, o Bester der Bharatas, den glanzvollen Mārkaṇḍeya eine schwer zu beantwortende Dharma-Frage:

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca tato yudhiṣṭhiro rājā mārkaṇḍeyaṃ mahādyutim papraccha bharataśreṣṭho dharmapraśnaṃ sudurvacam
Vaiśaṃpāyana sprach: Da fragte König Yudhiṣṭhira, o Bester der Bharatas, den glanzvollen Mārkaṇḍeya eine schwer zu beantwortende Dharma-Frage:

śrotum icchāmi bhagavan strīṇāṃ māhātmyam uttamam kathyamānaṃ tvayā vipra sūkṣmaṃ dharmaṃ ca tattvataḥ

„Ich möchte, Erhabener, von der höchsten Erhabenheit der Frauen hören, wie du sie darlegst, o Weiser, und den feinen Dharma der Wahrheit gemäß.

Wort für Wort
śrotum icchāmi bhagavan strīṇāṃ māhātmyam uttamam kathyamānaṃ tvayā vipra sūkṣmaṃ dharmaṃ ca tattvataḥ
„Ich möchte, Erhabener, von der höchsten Erhabenheit der Frauen hören, wie du sie darlegst, o Weiser, und den feinen Dharma der Wahrheit gemäß.

pratyakṣeṇa hi viprarṣe devā dṛśyanti sattama sūryācandramasau vāyuḥ pṛthivī vahnir eva ca

Denn mit eigenen Augen, o weiser Seher, sind die Götter sichtbar, du Bester: Sonne und Mond, der Wind, die Erde und das Feuer,

Wort für Wort
pratyakṣeṇa hi viprarṣe devā dṛśyanti sattama sūryācandramasau vāyuḥ pṛthivī vahnir eva ca
Denn mit eigenen Augen, o weiser Seher, sind die Götter sichtbar, du Bester: Sonne und Mond, der Wind, die Erde und das Feuer,

pitā mātā ca bhagavan gāva eva ca sattama yac cānyad eva vihitaṃ tac cāpi bhṛgunandana

Vater und Mutter, Erhabener, ebenso die Kühe, du Bester, und was sonst noch als göttlich festgesetzt ist, du Sohn des Bhṛgu.

Wort für Wort
pitā mātā ca bhagavan gāva eva ca sattama yac cānyad eva vihitaṃ tac cāpi bhṛgunandana
Vater und Mutter, Erhabener, ebenso die Kühe, du Bester, und was sonst noch als göttlich festgesetzt ist, du Sohn des Bhṛgu.

manye 'haṃ guruvat sarvam ekapatnyas tathā striyaḥ pativratānāṃ śuśrūṣā duṣkarā pratibhāti me

Dies alles halte ich für lehrerähnlich verehrungswürdig; ebenso erscheint mir der Dienst der einem einzigen Gatten treu ergebenen Frauen, der Pativratās, als etwas überaus Schwieriges.

Wort für Wort
manye 'haṃ guruvat sarvam ekapatnyas tathā striyaḥ pativratānāṃ śuśrūṣā duṣkarā pratibhāti me
Dies alles halte ich für lehrerähnlich verehrungswürdig; ebenso erscheint mir der Dienst der einem einzigen Gatten treu ergebenen Frauen, der Pativratās, als etwas überaus Schwieriges.

pativratānāṃ māhātmyaṃ vaktum arhasi naḥ prabho nirudhya cendriyagrāmaṃ manaḥ saṃrudhya cānagha patiṃ daivatavac cāpi cintayantyaḥ sthitā hi yāḥ

Du solltest uns die Erhabenheit der Pativratās verkünden, Erhabener – wie sie, die Schar ihrer Sinne bezähmend und ihren Geist zurückhaltend, o Makelloser, ihren Gatten wie eine Gottheit betrachtend, verharren.

Wort für Wort
pativratānāṃ māhātmyaṃ vaktum arhasi naḥ prabho nirudhya cendriyagrāmaṃ manaḥ saṃrudhya cānagha patiṃ daivatavac cāpi cintayantyaḥ sthitā hi yāḥ
Du solltest uns die Erhabenheit der Pativratās verkünden, Erhabener – wie sie, die Schar ihrer Sinne bezähmend und ihren Geist zurückhaltend, o Makelloser, ihren Gatten wie eine Gottheit betrachtend, verharren.

bhagavan duṣkaraṃ hy etat pratibhāti mama prabho mātāpitṛṣu śuśrūṣā strīṇāṃ bhartṛṣu ca dvija

Erhabener, dies erscheint mir schwierig zu vollbringen: der Dienst der Frauen an Vater und Mutter sowie an ihren Ehemännern, du Zweifachgeborener.

Wort für Wort
bhagavan duṣkaraṃ hy etat pratibhāti mama prabho mātāpitṛṣu śuśrūṣā strīṇāṃ bhartṛṣu ca dvija
Erhabener, dies erscheint mir schwierig zu vollbringen: der Dienst der Frauen an Vater und Mutter sowie an ihren Ehemännern, du Zweifachgeborener.

strīṇāṃ dharmāt sughorād dhi nānyaṃ paśyāmi duṣkaram sādhv ācārāḥ striyo brahman yat kurvanti sadādṛtāḥ duṣkaraṃ bata kurvanti pitaro mātaraś ca vai

Nichts Schwierigeres als den überaus furchtbaren Dharma der Frauen vermag ich zu erkennen; gut ist der Wandel der Frauen, o Brahmane, die dies stets ehrfürchtig vollbringen; Schwieriges vollbringen auch, fürwahr, die Väter und Mütter.

Wort für Wort
strīṇāṃ dharmāt sughorād dhi nānyaṃ paśyāmi duṣkaram sādhv ācārāḥ striyo brahman yat kurvanti sadādṛtāḥ duṣkaraṃ bata kurvanti pitaro mātaraś ca vai
Nichts Schwierigeres als den überaus furchtbaren Dharma der Frauen vermag ich zu erkennen; gut ist der Wandel der Frauen, o Brahmane, die dies stets ehrfürchtig vollbringen; Schwieriges vollbringen auch, fürwahr, die Väter und Mütter.

ekapatnyaś ca yā nāryo yāś ca satyaṃ vadanty uta kukṣiṇā daśa māsāṃś ca garbhaṃ saṃdhārayanti yāḥ nāryaḥ kālena saṃbhūya kim adbhutataraṃ tataḥ

Und die Frauen, die einem einzigen Gatten treu sind und die Wahrheit reden, die zehn Monate lang die Leibesfrucht im Schoß tragen – was gibt es Wunderbareres als diese Frauen, die sich mit der Zeit vereinigen?

Wort für Wort
ekapatnyaś ca yā nāryo yāś ca satyaṃ vadanty uta kukṣiṇā daśa māsāṃś ca garbhaṃ saṃdhārayanti yāḥ nāryaḥ kālena saṃbhūya kim adbhutataraṃ tataḥ
Und die Frauen, die einem einzigen Gatten treu sind und die Wahrheit reden, die zehn Monate lang die Leibesfrucht im Schoß tragen – was gibt es Wunderbareres als diese Frauen, die sich mit der Zeit vereinigen?

saṃśayaṃ paramaṃ prāpya vedanām atulām api prajāyante sutān nāryo duḥkhena mahatā vibho puṣṇanti cāpi mahatā snehena dvijasattama

Nachdem sie höchste Gefahr und unvergleichlichen Schmerz erfahren haben, gebären die Frauen unter großem Leid ihre Söhne, o Herrscher, und nähren sie auch mit großer Zuneigung auf, du Bester der Zweifachgeborenen.

Wort für Wort
saṃśayaṃ paramaṃ prāpya vedanām atulām api prajāyante sutān nāryo duḥkhena mahatā vibho puṣṇanti cāpi mahatā snehena dvijasattama
Nachdem sie höchste Gefahr und unvergleichlichen Schmerz erfahren haben, gebären die Frauen unter großem Leid ihre Söhne, o Herrscher, und nähren sie auch mit großer Zuneigung auf, du Bester der Zweifachgeborenen.

ye ca krūreṣu sarveṣu vartamānā jugupsitāḥ svakarma kurvanti sadā duṣkaraṃ tac ca me matam

Und diejenigen, die inmitten all der Grausamen und Verachteten leben und dennoch stets ihre eigene Pflicht erfüllen – auch das halte ich für schwierig.

Wort für Wort
ye ca krūreṣu sarveṣu vartamānā jugupsitāḥ svakarma kurvanti sadā duṣkaraṃ tac ca me matam
Und diejenigen, die inmitten all der Grausamen und Verachteten leben und dennoch stets ihre eigene Pflicht erfüllen – auch das halte ich für schwierig.

kṣatradharmasamācāraṃ tathyaṃ cākhyāhi me dvija dharmaḥ sudurlabho vipra nṛśaṃsena durātmanā

Auch den wahrhaften Wandel des Kṣatriya-Dharma verkünde mir, o Zweifachgeborener; schwer erreichbar ist der Dharma, o Weiser, für den Grausamen und Bösgesinnten.

Wort für Wort
kṣatradharmasamācāraṃ tathyaṃ cākhyāhi me dvija dharmaḥ sudurlabho vipra nṛśaṃsena durātmanā
Auch den wahrhaften Wandel des Kṣatriya-Dharma verkünde mir, o Zweifachgeborener; schwer erreichbar ist der Dharma, o Weiser, für den Grausamen und Bösgesinnten.

etad icchāmi bhagavan praśnaṃ praśnavidāṃ vara śrotuṃ bhṛgukulaśreṣṭha śuśrūṣe tava suvrata

Dies möchte ich, Erhabener, als Frage hören, du Bester der Fragenkundigen, du Vorzüglichster des Bhṛgu-Geschlechts; ich diene dir, du Wohlbeherrschter.“

Wort für Wort
etad icchāmi bhagavan praśnaṃ praśnavidāṃ vara śrotuṃ bhṛgukulaśreṣṭha śuśrūṣe tava suvrata
Dies möchte ich, Erhabener, als Frage hören, du Bester der Fragenkundigen, du Vorzüglichster des Bhṛgu-Geschlechts; ich diene dir, du Wohlbeherrschter.“

mārkaṇḍeya uvāca hanta te sarvam ākhyāsye praśnam etaṃ sudurvacam tattvena bharataśreṣṭha gadatas tan nibodha me

Mārkaṇḍeya sprach: „Wohlan, ich will dir dies alles verkünden, diese schwer auszusprechende Frage, der Wahrheit gemäß, o Bester der Bharatas; vernimm es von mir, wie ich es darlege.

Wort für Wort
mārkaṇḍeya uvāca hanta te sarvam ākhyāsye praśnam etaṃ sudurvacam tattvena bharataśreṣṭha gadatas tan nibodha me
Mārkaṇḍeya sprach: „Wohlan, ich will dir dies alles verkünden, diese schwer auszusprechende Frage, der Wahrheit gemäß, o Bester der Bharatas; vernimm es von mir, wie ich es darlege.

mātaraṃ sadṛśīṃ tāta pitṝn anye ca manyate duṣkaraṃ kurute mātā vivardhayati yā prajāḥ

Die Mutter, mein Sohn, hält man für den Vätern gleich, ja manche sogar für mehr als sie; Schwieriges vollbringt die Mutter, die die Nachkommenschaft aufzieht.

Wort für Wort
mātaraṃ sadṛśīṃ tāta pitṝn anye ca manyate duṣkaraṃ kurute mātā vivardhayati yā prajāḥ
Die Mutter, mein Sohn, hält man für den Vätern gleich, ja manche sogar für mehr als sie; Schwieriges vollbringt die Mutter, die die Nachkommenschaft aufzieht.

tapasā devatejyābhir vandanena titikṣayā abhicārair upāyaiś ca īhante pitaraḥ sutān

Durch Askese, Götteropfer, Verehrung, Geduld, durch Zaubermittel und andere Mittel trachten die Väter nach Söhnen.

Wort für Wort
tapasā devatejyābhir vandanena titikṣayā abhicārair upāyaiś ca īhante pitaraḥ sutān
Durch Askese, Götteropfer, Verehrung, Geduld, durch Zaubermittel und andere Mittel trachten die Väter nach Söhnen.

evaṃ kṛcchreṇa mahatā putraṃ prāpya sudurlabham cintayanti sadā vīra kīdṛśo 'yaṃ bhaviṣyati

Nachdem sie so unter großer Mühsal einen Sohn, überaus schwer zu erlangen, gewonnen haben, denken sie stets, o Held: ‚Wie wird dieser wohl sein?‘

Wort für Wort
evaṃ kṛcchreṇa mahatā putraṃ prāpya sudurlabham cintayanti sadā vīra kīdṛśo 'yaṃ bhaviṣyati
Nachdem sie so unter großer Mühsal einen Sohn, überaus schwer zu erlangen, gewonnen haben, denken sie stets, o Held: ‚Wie wird dieser wohl sein?‘

āśaṃsate ca putreṣu pitā mātā ca bhārata yaśaḥ kīrtim athaiśvaryaṃ prajā dharmaṃ tathaiva ca

Und Vater und Mutter setzen ihre Hoffnung auf die Söhne, o Bhārata: auf Ruhm, Ansehen, Herrschaft, Nachkommenschaft und ebenso auf Dharma.

Wort für Wort
āśaṃsate ca putreṣu pitā mātā ca bhārata yaśaḥ kīrtim athaiśvaryaṃ prajā dharmaṃ tathaiva ca
Und Vater und Mutter setzen ihre Hoffnung auf die Söhne, o Bhārata: auf Ruhm, Ansehen, Herrschaft, Nachkommenschaft und ebenso auf Dharma.

tayor āśāṃ tu saphalāṃ yaḥ karoti sa dharmavit pitā mātā ca rājendra tuṣyato yasya nityadā iha pretya ca tasyātha kīrtir dharmaś ca śāśvataḥ

Wer die Hoffnung der beiden Eltern erfüllt, der ist ein Kenner des Dharma, o Fürst der Könige; wessen Vater und Mutter stets zufrieden sind, dessen Ruhm und Dharma sind hier wie im Jenseits beständig.

Wort für Wort
tayor āśāṃ tu saphalāṃ yaḥ karoti sa dharmavit pitā mātā ca rājendra tuṣyato yasya nityadā iha pretya ca tasyātha kīrtir dharmaś ca śāśvataḥ
Wer die Hoffnung der beiden Eltern erfüllt, der ist ein Kenner des Dharma, o Fürst der Könige; wessen Vater und Mutter stets zufrieden sind, dessen Ruhm und Dharma sind hier wie im Jenseits beständig.

naiva yajñaḥ striyaḥ kaś cin na śrāddhaṃ nopavāsakam yā tu bhartari śuśrūṣā tayā svargam upāśnute

Kein Opfer gibt es für eine Frau, kein Totenopfer und kein Fasten, das ihr obläge; allein durch den Dienst an ihrem Gatten erlangt sie den Himmel.

Wort für Wort
naiva yajñaḥ striyaḥ kaś cin na śrāddhaṃ nopavāsakam yā tu bhartari śuśrūṣā tayā svargam upāśnute
Kein Opfer gibt es für eine Frau, kein Totenopfer und kein Fasten, das ihr obläge; allein durch den Dienst an ihrem Gatten erlangt sie den Himmel.

etat prakaraṇaṃ rājann adhikṛtya yudhiṣṭhira prativratānāṃ niyataṃ dharmaṃ cāvahitaḥ śṛṇu

Dieses Thema behandelnd, o König Yudhiṣṭhira, höre nun aufmerksam den festgesetzten Dharma der Pativratās.“

Wort für Wort
etat prakaraṇaṃ rājann adhikṛtya yudhiṣṭhira prativratānāṃ niyataṃ dharmaṃ cāvahitaḥ śṛṇu
Dieses Thema behandelnd, o König Yudhiṣṭhira, höre nun aufmerksam den festgesetzten Dharma der Pativratās.“

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