Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Vanaparva (Āraṇyakaparva)

Kapitel 293: Karṇajanma (3) Adhiratha und Rādhā finden das Kind

Der Wagenlenker Adhiratha und seine kinderlose Frau Rādhā finden den Korb mit dem panzertragenden, ohrringgeschmückten Kind im Fluss und nehmen es als von den Göttern geschenkten Sohn an; er erhält wegen seines Reichtum-artigen Panzers den Namen Vasuṣeṇa (auch Vṛṣa). Der Erzähler resümiert knapp seinen bereits aus dem Ādiparva bekannten Werdegang: Ausbildung bei Droṇa, Kṛpa und Paraśurāma, Freundschaft mit Duryodhana, dauerhafter Wetteifer mit Arjuna und Yudhiṣṭhiras Sorge angesichts von Karṇas Unbesiegbarkeit durch Panzer und Ohrringe. Am Ende kehrt die Erzählung zum Ausgangspunkt der Episode zurück: Indra, als Brahmane verkleidet, nähert sich Karṇa während dessen mittäglicher Sonnenverehrung.

vaiśaṃpāyana uvāca etasminn eva kāle tu dhṛtarāṣṭrasya vai sakhā sūto 'dhiratha ity eva sadāro jāhnavīṃ yayau

Zu eben dieser Zeit aber zog ein Freund Dhṛtarāṣṭras, ein Wagenlenker namens Adhiratha, mit seiner Gattin zur Jāhnavī.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca etasminn eva kāle tu dhṛtarāṣṭrasya vai sakhā sūto 'dhiratha ity eva sadāro jāhnavīṃ yayau
Zu eben dieser Zeit aber zog ein Freund Dhṛtarāṣṭras, ein Wagenlenker namens Adhiratha, mit seiner Gattin zur Jāhnavī.

tasya bhāryābhavad rājan rūpeṇāsadṛśī bhuvi rādhā nāma mahābhāgā na sā putram avindata apatyārthe paraṃ yatnam akaroc ca viśeṣataḥ

Seine Gattin, o König, an Schönheit auf Erden unvergleichlich, hieß Rādhā, die Hochgesegnete; sie hatte keinen Sohn erlangt und unternahm besondere Anstrengungen um der Nachkommenschaft willen.

Wort für Wort
tasya bhāryābhavad rājan rūpeṇāsadṛśī bhuvi rādhā nāma mahābhāgā na sā putram avindata apatyārthe paraṃ yatnam akaroc ca viśeṣataḥ
Seine Gattin, o König, an Schönheit auf Erden unvergleichlich, hieß Rādhā, die Hochgesegnete; sie hatte keinen Sohn erlangt und unternahm besondere Anstrengungen um der Nachkommenschaft willen.

sā dadarśātha mañjūṣām uhyamānāṃ yadṛcchayā dattarakṣāpratisarām anvālabhanaśobhitām ūrmītaraṅgair jāhnavyāḥ samānītām upahvaram

Da erblickte sie zufällig einen Korb, der dahintrieb, mit einer Schutzbinde versehen, mit einem Griffband geschmückt, von den Wellen und Wogen der Jāhnavī in eine Flussbucht getragen.

Wort für Wort
sā dadarśātha mañjūṣām uhyamānāṃ yadṛcchayā dattarakṣāpratisarām anvālabhanaśobhitām ūrmītaraṅgair jāhnavyāḥ samānītām upahvaram
Da erblickte sie zufällig einen Korb, der dahintrieb, mit einer Schutzbinde versehen, mit einem Griffband geschmückt, von den Wellen und Wogen der Jāhnavī in eine Flussbucht getragen.

sā tāṃ kautūhalāt prāptāṃ grāhayām āsa bhāminī tato nivedayām āsa sūtasyādhirathasya vai

Aus Neugier ließ die Schöne den herangetriebenen Korb ergreifen und meldete es sodann dem Wagenlenker Adhiratha.

Wort für Wort
sā tāṃ kautūhalāt prāptāṃ grāhayām āsa bhāminī tato nivedayām āsa sūtasyādhirathasya vai
Aus Neugier ließ die Schöne den herangetriebenen Korb ergreifen und meldete es sodann dem Wagenlenker Adhiratha.

sa tām uddhṛtya mañjūṣām utsārya jalam antikāt yantrair udghāṭayām āsa so 'paśyat tatra bālakam

Er zog den Korb heraus, entfernte das Wasser aus seiner Nähe und öffnete ihn mit Vorrichtungen; da erblickte er darin ein Kind,

Wort für Wort
sa tām uddhṛtya mañjūṣām utsārya jalam antikāt yantrair udghāṭayām āsa so 'paśyat tatra bālakam
Er zog den Korb heraus, entfernte das Wasser aus seiner Nähe und öffnete ihn mit Vorrichtungen; da erblickte er darin ein Kind,

taruṇādityasaṃkāśaṃ hemavarmadharaṃ tathā mṛṣṭakuṇḍalayuktena vadanena virājatā

der jungen Sonne gleich, einen goldenen Panzer tragend, mit einem durch blitzende Ohrringe erstrahlenden Antlitz.

Wort für Wort
taruṇādityasaṃkāśaṃ hemavarmadharaṃ tathā mṛṣṭakuṇḍalayuktena vadanena virājatā
der jungen Sonne gleich, einen goldenen Panzer tragend, mit einem durch blitzende Ohrringe erstrahlenden Antlitz.

sa sūto bhāryayā sārdhaṃ vismayotphullalocanaḥ aṅkam āropya taṃ bālaṃ bhāryāṃ vacanam abravīt

Jener Wagenlenker, zusammen mit seiner Gattin, die Augen vor Staunen weit geöffnet, hob das Kind auf seinen Schoß und sprach zu seiner Gattin dieses Wort:

Wort für Wort
sa sūto bhāryayā sārdhaṃ vismayotphullalocanaḥ aṅkam āropya taṃ bālaṃ bhāryāṃ vacanam abravīt
Jener Wagenlenker, zusammen mit seiner Gattin, die Augen vor Staunen weit geöffnet, hob das Kind auf seinen Schoß und sprach zu seiner Gattin dieses Wort:

idam atyadbhutaṃ bhīru yato jāto 'smi bhāmini dṛṣṭavān devagarbho 'yaṃ manye 'smān samupāgataḥ

‚Dies ist überaus wunderbar, Furchtsame - seit meiner Geburt, du Schöne, habe ich so etwas nicht gesehen; ich glaube, dies ist ein göttlicher Spross, der zu uns gekommen ist.

Wort für Wort
idam atyadbhutaṃ bhīru yato jāto 'smi bhāmini dṛṣṭavān devagarbho 'yaṃ manye 'smān samupāgataḥ
‚Dies ist überaus wunderbar, Furchtsame - seit meiner Geburt, du Schöne, habe ich so etwas nicht gesehen; ich glaube, dies ist ein göttlicher Spross, der zu uns gekommen ist.

anapatyasya putro 'yaṃ devair datto dhruvaṃ mama ity uktvā taṃ dadau putraṃ rādhāyai sa mahīpate

Mir, dem Kinderlosen, ist dies gewiss von den Göttern als Sohn gegeben worden.‘ So sprechend übergab er, Herr der Erde, das Kind der Rādhā als Sohn.

Wort für Wort
anapatyasya putro 'yaṃ devair datto dhruvaṃ mama ity uktvā taṃ dadau putraṃ rādhāyai sa mahīpate
Mir, dem Kinderlosen, ist dies gewiss von den Göttern als Sohn gegeben worden.‘ So sprechend übergab er, Herr der Erde, das Kind der Rādhā als Sohn.

pratijagrāha taṃ rādhā vidhivad divyarūpiṇam putraṃ kamalagarbhābhaṃ devagarbhaṃ śriyā vṛtam

Rādhā nahm ihn vorschriftsmäßig als Sohn an, den von göttlicher Gestalt, dem Lotoskelch gleichenden, göttlichen Spross, von Glanz umgeben.

Wort für Wort
pratijagrāha taṃ rādhā vidhivad divyarūpiṇam putraṃ kamalagarbhābhaṃ devagarbhaṃ śriyā vṛtam
Rādhā nahm ihn vorschriftsmäßig als Sohn an, den von göttlicher Gestalt, dem Lotoskelch gleichenden, göttlichen Spross, von Glanz umgeben.

pupoṣa cainaṃ vidhivad vavṛdhe sa ca vīryavān tataḥ prabhṛti cāpy anye prābhavann aurasāḥ sutāḥ

Sie zog ihn vorschriftsmäßig auf, und er wuchs heran, kraftvoll; von da an wurden ihnen auch andere, leibliche Söhne geboren.

Wort für Wort
pupoṣa cainaṃ vidhivad vavṛdhe sa ca vīryavān tataḥ prabhṛti cāpy anye prābhavann aurasāḥ sutāḥ
Sie zog ihn vorschriftsmäßig auf, und er wuchs heran, kraftvoll; von da an wurden ihnen auch andere, leibliche Söhne geboren.

vasuvarmadharaṃ dṛṣṭvā taṃ bālaṃ hemakuṇḍalam nāmāsya vasuṣeṇeti tataś cakrur dvijātayaḥ

Da sie das Kind mit dem wie aus Reichtum bestehenden Panzer und den goldenen Ohrringen sahen, gaben ihm die Zweifachgeborenen darauf den Namen Vasuṣeṇa.

Wort für Wort
vasuvarmadharaṃ dṛṣṭvā taṃ bālaṃ hemakuṇḍalam nāmāsya vasuṣeṇeti tataś cakrur dvijātayaḥ
Da sie das Kind mit dem wie aus Reichtum bestehenden Panzer und den goldenen Ohrringen sahen, gaben ihm die Zweifachgeborenen darauf den Namen Vasuṣeṇa.

evaṃ sa sūtaputratvaṃ jagāmāmitavikramaḥ vasuṣeṇa iti khyāto vṛṣa ity eva ca prabhuḥ

So gelangte er, von unermesslicher Kraft, zum Stand eines Sūta-Sohnes, bekannt als Vasuṣeṇa sowie, der Gebieter, auch als Vṛṣa.

Wort für Wort
evaṃ sa sūtaputratvaṃ jagāmāmitavikramaḥ vasuṣeṇa iti khyāto vṛṣa ity eva ca prabhuḥ
So gelangte er, von unermesslicher Kraft, zum Stand eines Sūta-Sohnes, bekannt als Vasuṣeṇa sowie, der Gebieter, auch als Vṛṣa.

sa jyeṣṭhaputraḥ sūtasya vavṛdhe 'ṅgeṣu vīryavān cāreṇa viditaś cāsīt pṛthāyā divyavarmabhṛt

Er, der älteste Sohn des Wagenlenkers, wuchs an Gliedern, kraftvoll, heran; durch Kundschafter war er Pṛthā als der den göttlichen Panzer Tragende bekannt.

Wort für Wort
sa jyeṣṭhaputraḥ sūtasya vavṛdhe 'ṅgeṣu vīryavān cāreṇa viditaś cāsīt pṛthāyā divyavarmabhṛt
Er, der älteste Sohn des Wagenlenkers, wuchs an Gliedern, kraftvoll, heran; durch Kundschafter war er Pṛthā als der den göttlichen Panzer Tragende bekannt.

sūtas tv adhirathaḥ putraṃ vivṛddhaṃ samaye tataḥ dṛṣṭvā prasthāpayām āsa puraṃ vāraṇasāhvayam

Der Wagenlenker Adhiratha aber schickte, als er den Sohn zu gegebener Zeit herangewachsen sah, ihn zur Stadt, die Vāraṇa genannt wird.

Wort für Wort
sūtas tv adhirathaḥ putraṃ vivṛddhaṃ samaye tataḥ dṛṣṭvā prasthāpayām āsa puraṃ vāraṇasāhvayam
Der Wagenlenker Adhiratha aber schickte, als er den Sohn zu gegebener Zeit herangewachsen sah, ihn zur Stadt, die Vāraṇa genannt wird.

Vāraṇasāhvaya ('die nach dem Elefanten benannte [Stadt]'): Beiname Hastināpuras.

tatropasadanaṃ cakre droṇasyeṣvastrakarmaṇi sakhyaṃ duryodhanenaivam agacchat sa ca vīryavān

Dort begab er sich zu Droṇa, um im Bogenschießen unterwiesen zu werden; und so schloss er, der Kraftvolle, Freundschaft mit Duryodhana.

Wort für Wort
tatropasadanaṃ cakre droṇasyeṣvastrakarmaṇi sakhyaṃ duryodhanenaivam agacchat sa ca vīryavān
Dort begab er sich zu Droṇa, um im Bogenschießen unterwiesen zu werden; und so schloss er, der Kraftvolle, Freundschaft mit Duryodhana.

droṇāt kṛpāc ca rāmāc ca so 'stragrāmaṃ caturvidham labdhvā loke 'bhavat khyātaḥ parameṣvāsatāṃ gataḥ

Von Droṇa, Kṛpa und Rāma erlangte er die vierfache Gruppe der Waffen und wurde in der Welt berühmt, zu den besten Bogenschützen gehörend.

Wort für Wort
droṇāt kṛpāc ca rāmāc ca so 'stragrāmaṃ caturvidham labdhvā loke 'bhavat khyātaḥ parameṣvāsatāṃ gataḥ
Von Droṇa, Kṛpa und Rāma erlangte er die vierfache Gruppe der Waffen und wurde in der Welt berühmt, zu den besten Bogenschützen gehörend.

'Rāma' bezeichnet hier Paraśurāma, bei dem Karṇa (unter Verschweigung seiner Sūta-Herkunft) ebenfalls Waffenkunde erlernte, wie im Ādiparva berichtet.

saṃdhāya dhārtarāṣṭreṇa pārthānāṃ vipriye sthitaḥ yoddhum āśaṃsate nityaṃ phalgunena mahātmanā

Ein Bündnis mit dem Sohn Dhṛtarāṣṭras eingehend, verharrte er in dem, was den Pārthas missfiel; stets sinnt er darauf, mit dem hochherzigen Phalguna zu kämpfen.

Wort für Wort
saṃdhāya dhārtarāṣṭreṇa pārthānāṃ vipriye sthitaḥ yoddhum āśaṃsate nityaṃ phalgunena mahātmanā
Ein Bündnis mit dem Sohn Dhṛtarāṣṭras eingehend, verharrte er in dem, was den Pārthas missfiel; stets sinnt er darauf, mit dem hochherzigen Phalguna zu kämpfen.

sadā hi tasya spardhāsīd arjunena viśāṃ pate arjunasya ca karṇena yato dṛṣṭo babhūva saḥ

Denn stets bestand zwischen ihm und Arjuna Wetteifer, Herr der Untertanen, und ebenso zwischen Arjuna und Karṇa, seit sie einander erblickt hatten.

Wort für Wort
sadā hi tasya spardhāsīd arjunena viśāṃ pate arjunasya ca karṇena yato dṛṣṭo babhūva saḥ
Denn stets bestand zwischen ihm und Arjuna Wetteifer, Herr der Untertanen, und ebenso zwischen Arjuna und Karṇa, seit sie einander erblickt hatten.

taṃ tu kuṇḍalinaṃ dṛṣṭvā varmaṇā ca samanvitam avadhyaṃ samare matvā paryatapyad yudhiṣṭhiraḥ

Als er ihn aber mit Ohrringen und mit Panzer ausgestattet sah und ihn für im Kampf unbesiegbar hielt, quälte sich Yudhiṣṭhira in Sorge.

Wort für Wort
taṃ tu kuṇḍalinaṃ dṛṣṭvā varmaṇā ca samanvitam avadhyaṃ samare matvā paryatapyad yudhiṣṭhiraḥ
Als er ihn aber mit Ohrringen und mit Panzer ausgestattet sah und ihn für im Kampf unbesiegbar hielt, quälte sich Yudhiṣṭhira in Sorge.

yadā tu karṇo rājendra bhānumantaṃ divākaram stauti madhyaṃdine prāpte prāñjaliḥ salile sthitaḥ

Wenn aber Karṇa, Herrscher der Könige, zur Mittagszeit den glanzvollen Tagesmacher preist, mit gefalteten Händen im Wasser stehend,

Wort für Wort
yadā tu karṇo rājendra bhānumantaṃ divākaram stauti madhyaṃdine prāpte prāñjaliḥ salile sthitaḥ
Wenn aber Karṇa, Herrscher der Könige, zur Mittagszeit den glanzvollen Tagesmacher preist, mit gefalteten Händen im Wasser stehend,

tatrainam upatiṣṭhanti brāhmaṇā dhanahetavaḥ nādeyaṃ tasya tatkāle kiṃ cid asti dvijātiṣu

dann warten dort Brahmanen auf ihn, aus Verlangen nach Reichtum; nichts gibt es, das er zu jener Zeit den Zweifachgeborenen nicht gäbe.

Wort für Wort
tatrainam upatiṣṭhanti brāhmaṇā dhanahetavaḥ nādeyaṃ tasya tatkāle kiṃ cid asti dvijātiṣu
dann warten dort Brahmanen auf ihn, aus Verlangen nach Reichtum; nichts gibt es, das er zu jener Zeit den Zweifachgeborenen nicht gäbe.

tam indro brāhmaṇo bhūtvā bhikṣāṃ dehīty upasthitaḥ svāgataṃ ceti rādheyas tam atha pratyabhāṣata

Zu ihm trat Indra, zum Brahmanen geworden, heran und bat um eine Gabe; und der Sohn der Rādhā hieß ihn darauf willkommen.

Wort für Wort
tam indro brāhmaṇo bhūtvā bhikṣāṃ dehīty upasthitaḥ svāgataṃ ceti rādheyas tam atha pratyabhāṣata
Zu ihm trat Indra, zum Brahmanen geworden, heran und bat um eine Gabe; und der Sohn der Rādhā hieß ihn darauf willkommen.

Damit kehrt die Erzählung zum Rahmen der Kavaca-Kuṇḍala-Episode zurück (vgl. Kap.284-286): Indras angekündigtes Kommen beginnt hier.

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