Kapitel 30: Kṣamāvākyam
Yudhiṣṭhiras Antwort: Die Gefahren des Zorns und der Lobpreis der Nachsicht (mit dem Kāśyapa-Gesang)
Yudhiṣṭhira entgegnet Draupadī ausführlich: Zorn (krodha) vernichtet Urteilsvermögen und Dharma, während wahre Tatkraft (tejas) gerade in dessen Überwindung besteht. Er zitiert den berühmten Gesang des Kāśyapa über die Nachsicht (kṣamā) als Wurzel von Dharma, Wahrheit, Opfer und aller Welten. Yudhiṣṭhira ist überzeugt, dass die Ältesten am Kuru-Hof - Bhīṣma, Droṇa, Vidura, Kṛpa, Sañjaya, Somadatta, Yuyutsu, Aśvatthāman und Vyāsa - für Frieden eintreten werden, und bekräftigt seinen Entschluss zu Nachsicht und Mitleid als ewigem Dharma der Selbstbeherrschten.
Yudhiṣṭhira sprach: „Zorn ist der Vernichter der Menschen, Zorn aber auch wiederum ihr Förderer - wisse dies, Hochweise: Werden und Vergehen wurzeln beide im Zorn.
Yudhiṣṭhira sprach: „Zorn ist der Vernichter der Menschen, Zorn aber auch wiederum ihr Förderer - wisse dies, Hochweise: Werden und Vergehen wurzeln beide im Zorn.
yo hi saṃharate krodhaṃ bhāvas tasya suśobhane yaḥ punaḥ puruṣaḥ krodhaṃ nityaṃ na sahate śubhe tasyābhāvāya bhavati krodhaḥ paramadāruṇaḥ
Wer den Zorn bezwingt, dessen Gedeihen ist gewiss, du Schönäugige; wer aber, du Holde, seinen Zorn niemals bezähmt, für dessen Untergang wird der überaus furchtbare Zorn wirksam.
Wort für Wort
yo hi saṃharate krodhaṃ bhāvas tasya suśobhane yaḥ punaḥ puruṣaḥ krodhaṃ nityaṃ na sahate śubhe tasyābhāvāya bhavati krodhaḥ paramadāruṇaḥ
Wer den Zorn bezwingt, dessen Gedeihen ist gewiss, du Schönäugige; wer aber, du Holde, seinen Zorn niemals bezähmt, für dessen Untergang wird der überaus furchtbare Zorn wirksam.
Ein zorniger Mensch könnte Böses tun, ein Zorniger könnte selbst seine Lehrer töten, ein Zorniger missachtet mit rauer Rede sogar seine Höhergestellten.
Ein zorniger Mensch könnte Böses tun, ein Zorniger könnte selbst seine Lehrer töten, ein Zorniger missachtet mit rauer Rede sogar seine Höhergestellten.
vācyāvācye hi kupito na prajānāti karhi cit nākāryam asti kruddhasya nāvācyaṃ vidyate tathā
Denn ein Erzürnter erkennt niemals, was zu sagen und was nicht zu sagen ist; nichts gibt es, was ein Zorniger nicht täte, und ebenso gibt es nichts, was er nicht sagen würde.
Wort für Wort
vācyāvācye hi kupito na prajānāti karhi cit nākāryam asti kruddhasya nāvācyaṃ vidyate tathā
Denn ein Erzürnter erkennt niemals, was zu sagen und was nicht zu sagen ist; nichts gibt es, was ein Zorniger nicht täte, und ebenso gibt es nichts, was er nicht sagen würde.
vidvāṃs tathaiva yaḥ śaktaḥ kliśyamāno na kupyati sa nāśayitvā kleṣṭāraṃ paraloke ca nandati
Ebenso: Wer weise und mächtig ist und, gepeinigt, nicht zornig wird, der freut sich, nachdem er seinen Peiniger vernichtet hat, auch in der jenseitigen Welt.
Wort für Wort
vidvāṃs tathaiva yaḥ śaktaḥ kliśyamāno na kupyati sa nāśayitvā kleṣṭāraṃ paraloke ca nandati
Ebenso: Wer weise und mächtig ist und, gepeinigt, nicht zornig wird, der freut sich, nachdem er seinen Peiniger vernichtet hat, auch in der jenseitigen Welt.
Denn den Sieg über den Zorn preisen hier die Guten, Kṛṣṇā; dem Nachsichtigen ist stets der Sieg gewiss - dies ist hier die Ansicht der Rechtschaffenen.
Denn den Sieg über den Zorn preisen hier die Guten, Kṛṣṇā; dem Nachsichtigen ist stets der Sieg gewiss - dies ist hier die Ansicht der Rechtschaffenen.
satyaṃ cānṛtataḥ śreyo nṛśaṃsāc cānṛśaṃsatā tam evaṃ bahudoṣaṃ tu krodhaṃ sādhuvivarjitam mādṛśaḥ prasṛjet kasmāt suyodhanavadhād api
Wahrheit ist besser als Unwahrheit, Mitleid besser als Grausamkeit; wie also sollte einer wie ich jenen so vielfach schädlichen, von den Rechtschaffenen gemiedenen Zorn entfesseln, selbst um den Preis von Suyodhanas Tod?
Wort für Wort
satyaṃ cānṛtataḥ śreyo nṛśaṃsāc cānṛśaṃsatā tam evaṃ bahudoṣaṃ tu krodhaṃ sādhuvivarjitam mādṛśaḥ prasṛjet kasmāt suyodhanavadhād api
Wahrheit ist besser als Unwahrheit, Mitleid besser als Grausamkeit; wie also sollte einer wie ich jenen so vielfach schädlichen, von den Rechtschaffenen gemiedenen Zorn entfesseln, selbst um den Preis von Suyodhanas Tod?
dākṣyaṃ hy amarṣaḥ śauryaṃ ca śīghratvam iti tejasaḥ guṇāḥ krodhābhibhūtena na śakyāḥ prāptum añjasā
Geschicklichkeit, Unnachgiebigkeit gegenüber Unrecht, Tapferkeit und Schnelligkeit - dies sind die Eigenschaften der Tatkraft; ein von Zorn Überwältigter kann sie nicht wahrhaft erlangen.
Wort für Wort
dākṣyaṃ hy amarṣaḥ śauryaṃ ca śīghratvam iti tejasaḥ guṇāḥ krodhābhibhūtena na śakyāḥ prāptum añjasā
Geschicklichkeit, Unnachgiebigkeit gegenüber Unrecht, Tapferkeit und Schnelligkeit - dies sind die Eigenschaften der Tatkraft; ein von Zorn Überwältigter kann sie nicht wahrhaft erlangen.
Nachdem er den Zorn aufgegeben hat, erlangt ein Mensch aber rechte, zeitgemäße Tatkraft, du Hochweise; für Zornige ist wahre Tatkraft überaus schwer zu erreichen.
Nachdem er den Zorn aufgegeben hat, erlangt ein Mensch aber rechte, zeitgemäße Tatkraft, du Hochweise; für Zornige ist wahre Tatkraft überaus schwer zu erreichen.
krodhas tv apaṇḍitaiḥ śaśvat teja ity abhidhīyate rajas tal lokanāśāya vihitaṃ mānuṣān prati
Zorn aber wird von den Unweisen beständig als „Tatkraft“ bezeichnet; in Wahrheit ist dies nur Leidenschaft, zum Verderben der Welt gegenüber den Menschen bestimmt.
Wort für Wort
krodhas tv apaṇḍitaiḥ śaśvat teja ity abhidhīyate rajas tal lokanāśāya vihitaṃ mānuṣān prati
Zorn aber wird von den Unweisen beständig als „Tatkraft“ bezeichnet; in Wahrheit ist dies nur Leidenschaft, zum Verderben der Welt gegenüber den Menschen bestimmt.
Deshalb soll ein Mensch, der recht handelt, den Zorn stets aufgeben; besser ist der, der von seinem eigenen Dharma nicht abweicht, als ein Zorniger - dies steht fest.
Deshalb soll ein Mensch, der recht handelt, den Zorn stets aufgeben; besser ist der, der von seinem eigenen Dharma nicht abweicht, als ein Zorniger - dies steht fest.
yadi na syur manuṣyeṣu kṣamiṇaḥ pṛthivīsamāḥ na syāt saṃdhir manuṣyāṇāṃ krodhamūlo hi vigrahaḥ
Gäbe es unter den Menschen keine Nachsichtigen, erdengleich an Duldsamkeit, so gäbe es keinen Frieden unter den Menschen; denn im Zorn wurzelt der Streit.
Wort für Wort
yadi na syur manuṣyeṣu kṣamiṇaḥ pṛthivīsamāḥ na syāt saṃdhir manuṣyāṇāṃ krodhamūlo hi vigrahaḥ
Gäbe es unter den Menschen keine Nachsichtigen, erdengleich an Duldsamkeit, so gäbe es keinen Frieden unter den Menschen; denn im Zorn wurzelt der Streit.
Wer angegriffen wird, würde zurückschlagen, wer von einem Stärkeren geschlagen wird, würde zurückschlagen; so würde der Untergang der Wesen und weitverbreitetes Unrecht entstehen.
Wer angegriffen wird, würde zurückschlagen, wer von einem Stärkeren geschlagen wird, würde zurückschlagen; so würde der Untergang der Wesen und weitverbreitetes Unrecht entstehen.
Jeder Mensch, der beschimpft wird, würde sogleich zurückschimpfen; wer geschlagen wird, würde zurückschlagen, und wer verletzt wird, würde ebenso zurückverletzen.
Jeder Mensch, der beschimpft wird, würde sogleich zurückschimpfen; wer geschlagen wird, würde zurückschlagen, und wer verletzt wird, würde ebenso zurückverletzen.
evaṃ saṃkupite loke janma kṛṣṇe na vidyate prajānāṃ saṃdhimūlaṃ hi janma viddhi śubhānane
Wäre die Welt so durchgehend erzürnt, so gäbe es keine Geburt mehr, Kṛṣṇā; denn wisse, du Schönantlitzige, dass die Geburt der Geschöpfe im Frieden wurzelt.
Wort für Wort
evaṃ saṃkupite loke janma kṛṣṇe na vidyate prajānāṃ saṃdhimūlaṃ hi janma viddhi śubhānane
Wäre die Welt so durchgehend erzürnt, so gäbe es keine Geburt mehr, Kṛṣṇā; denn wisse, du Schönantlitzige, dass die Geburt der Geschöpfe im Frieden wurzelt.
ākruṣṭas tāḍitaḥ kruddhaḥ kṣamate yo balīyasā yaś ca nityaṃ jitakrodho vidvān uttamapūruṣaḥ
Wer, beschimpft, geschlagen und erzürnt, von einem Mächtigeren dennoch Nachsicht übt, und wer stets seinen Zorn bezwungen hat, weise, der beste unter den Menschen -
Wort für Wort
ākruṣṭas tāḍitaḥ kruddhaḥ kṣamate yo balīyasā yaś ca nityaṃ jitakrodho vidvān uttamapūruṣaḥ
Wer, beschimpft, geschlagen und erzürnt, von einem Mächtigeren dennoch Nachsicht übt, und wer stets seinen Zorn bezwungen hat, weise, der beste unter den Menschen -
prabhāvavān api naras tasya lokāḥ sanātanāḥ krodhanas tv alpavijñānaḥ pretya ceha ca naśyati
diesem Menschen, selbst wenn er mächtig ist, gehören die ewigen Welten; der Zornige aber, von geringer Einsicht, geht sowohl nach dem Tod als auch hier zugrunde.
Wort für Wort
prabhāvavān api naras tasya lokāḥ sanātanāḥ krodhanas tv alpavijñānaḥ pretya ceha ca naśyati
diesem Menschen, selbst wenn er mächtig ist, gehören die ewigen Welten; der Zornige aber, von geringer Einsicht, geht sowohl nach dem Tod als auch hier zugrunde.
kṣamā dharmaḥ kṣamā yajñaḥ kṣamā vedāḥ kṣamā śrutam yas tām evaṃ vijānāti sa sarvaṃ kṣantum arhati
„Nachsicht ist Dharma, Nachsicht ist Opfer, Nachsicht sind die Veden, Nachsicht ist die heilige Überlieferung; wer sie so erkennt, der vermag alles zu verzeihen.
Wort für Wort
kṣamā dharmaḥ kṣamā yajñaḥ kṣamā vedāḥ kṣamā śrutam yas tām evaṃ vijānāti sa sarvaṃ kṣantum arhati
„Nachsicht ist Dharma, Nachsicht ist Opfer, Nachsicht sind die Veden, Nachsicht ist die heilige Überlieferung; wer sie so erkennt, der vermag alles zu verzeihen.
kṣamā brahma kṣamā satyaṃ kṣamā bhūtaṃ ca bhāvi ca kṣamā tapaḥ kṣamā śaucaṃ kṣamayā coddhṛtaṃ jagat
Nachsicht ist das Brahman, Nachsicht ist Wahrheit, Nachsicht ist das Gewesene und das Künftige, Nachsicht ist Askese, Nachsicht ist Reinheit, und durch Nachsicht wird die Welt getragen.
Wort für Wort
kṣamā brahma kṣamā satyaṃ kṣamā bhūtaṃ ca bhāvi ca kṣamā tapaḥ kṣamā śaucaṃ kṣamayā coddhṛtaṃ jagat
Nachsicht ist das Brahman, Nachsicht ist Wahrheit, Nachsicht ist das Gewesene und das Künftige, Nachsicht ist Askese, Nachsicht ist Reinheit, und durch Nachsicht wird die Welt getragen.
Nachsicht ist die Tatkraft der Tatkräftigen, Nachsicht ist das Brahman der Asketen, Nachsicht ist die Wahrheit der Wahrhaftigen, Nachsicht ist Freigebigkeit, Nachsicht ist Ruhm.
Nachsicht ist die Tatkraft der Tatkräftigen, Nachsicht ist das Brahman der Asketen, Nachsicht ist die Wahrheit der Wahrhaftigen, Nachsicht ist Freigebigkeit, Nachsicht ist Ruhm.
tāṃ kṣamām īdṛśīṃ kṛṣṇe katham asmadvidhas tyajet yasyāṃ brahma ca satyaṃ ca yajñā lokāś ca viṣṭhitāḥ bhujyante yajvanāṃ lokāḥ kṣamiṇām apare tathā
Wie sollte einer wie ich, Kṛṣṇā, eine solche Nachsicht aufgeben, in der Brahman, Wahrheit, Opfer und Welten gegründet sind? Es genießen die Nachsichtigen auch die Welten der Opferer, ja sogar noch andere, höhere.
Wort für Wort
tāṃ kṣamām īdṛśīṃ kṛṣṇe katham asmadvidhas tyajet yasyāṃ brahma ca satyaṃ ca yajñā lokāś ca viṣṭhitāḥ bhujyante yajvanāṃ lokāḥ kṣamiṇām apare tathā
Wie sollte einer wie ich, Kṛṣṇā, eine solche Nachsicht aufgeben, in der Brahman, Wahrheit, Opfer und Welten gegründet sind? Es genießen die Nachsichtigen auch die Welten der Opferer, ja sogar noch andere, höhere.
So lauten die von Kāśyapa gesungenen Verse über die stets Nachsichtigen; nachdem du diese Verse über die Nachsicht gehört hast, sei zufrieden, Draupadī, und zürne nicht.
So lauten die von Kāśyapa gesungenen Verse über die stets Nachsichtigen; nachdem du diese Verse über die Nachsicht gehört hast, sei zufrieden, Draupadī, und zürne nicht.
pitāmahaḥ śāṃtanavaḥ śamaṃ saṃpūjayiṣyati ācāryo viduraḥ kṣattā śamam eva vadiṣyataḥ kṛpaś ca saṃjayaś caiva śamam eva vadiṣyataḥ
Der Großvater, der Sohn des Śāntanu, wird Frieden befürworten; der Lehrer und Vidura, der Kṣattṛ, werden ebenfalls für Frieden sprechen; und Kṛpa sowie Sañjaya werden ebenfalls für Frieden sprechen.
Wort für Wort
pitāmahaḥ śāṃtanavaḥ śamaṃ saṃpūjayiṣyati ācāryo viduraḥ kṣattā śamam eva vadiṣyataḥ kṛpaś ca saṃjayaś caiva śamam eva vadiṣyataḥ
Der Großvater, der Sohn des Śāntanu, wird Frieden befürworten; der Lehrer und Vidura, der Kṣattṛ, werden ebenfalls für Frieden sprechen; und Kṛpa sowie Sañjaya werden ebenfalls für Frieden sprechen.
suyodhano nārhatīti kṣamām evaṃ na vindati arhas tasyāham ity eva tasmān māṃ vindate kṣamā
„Suyodhana verdient es nicht“ - wer so denkt, in dem findet sich keine Nachsicht; „ich aber verdiene es, Nachsicht zu üben“ - so denkend, finde ich Nachsicht.
Wort für Wort
suyodhano nārhatīti kṣamām evaṃ na vindati arhas tasyāham ity eva tasmān māṃ vindate kṣamā
„Suyodhana verdient es nicht“ - wer so denkt, in dem findet sich keine Nachsicht; „ich aber verdiene es, Nachsicht zu üben“ - so denkend, finde ich Nachsicht.