Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Vanaparva (Āraṇyakaparva)

Kapitel 285: Kavacakuṇḍalāharaṇaparva (2) Sūryas Ruhm-Lehre und dringende Warnung

Sūrya führt seine im vorigen Kapitel begonnene nächtliche Mahnrede fort: Ruhm sei nur für den Lebenden von Wert - ein Toter genießt seinen Nachruhm nicht, ein am Leben Bleibender hingegen kann Ruhm wie einen Schatz auskosten. Er verweist zudem auf ein 'höheres, von den Göttern gemachtes Geheimnis' (adhyātmam devanirmitam), das er Karṇa jedoch nicht offenbaren dürfe. Schließlich warnt er konkret und wiederholt: gerade weil Karṇa stets mit Arjuna wetteifert und dieser ohne die schützenden Ohrringe gegen Karṇa chancenlos wäre, solle Karṇa Indras Bitte mit vielerlei überzeugenden Gründen abwehren, statt die Ohrringe herzugeben.

sūrya uvāca māhitaṃ karṇa kārṣīs tvam ātmanaḥ suhṛdāṃ tathā putrāṇām atha bhāryāṇām atho mātur atho pituḥ

Sūrya sprach: ‚Füge nicht Unheil zu, Karṇa, dir selbst, ebenso deinen Freunden und Söhnen, auch deinen Gattinnen, auch deiner Mutter, auch deinem Vater.

Wort für Wort
sūrya uvāca māhitaṃ karṇa kārṣīs tvam ātmanaḥ suhṛdāṃ tathā putrāṇām atha bhāryāṇām atho mātur atho pituḥ
Sūrya sprach: ‚Füge nicht Unheil zu, Karṇa, dir selbst, ebenso deinen Freunden und Söhnen, auch deinen Gattinnen, auch deiner Mutter, auch deinem Vater.

śarīrasyāvirodhena prāṇināṃ prāṇabhṛdvara iṣyate yaśasaḥ prāptiḥ kīrtiś ca tridive sthirā

Ohne dem Körper zu schaden, wird für die Lebewesen, o Bester der Atmenden, das Erlangen von Ruhm und beständigem Nachruhm im dritten Himmel erstrebt.

Wort für Wort
śarīrasyāvirodhena prāṇināṃ prāṇabhṛdvara iṣyate yaśasaḥ prāptiḥ kīrtiś ca tridive sthirā
Ohne dem Körper zu schaden, wird für die Lebewesen, o Bester der Atmenden, das Erlangen von Ruhm und beständigem Nachruhm im dritten Himmel erstrebt.

yas tvaṃ prāṇavirodhena kīrtim icchasi śāśvatīm sā te prāṇān samādāya gamiṣyati na saṃśayaḥ

Du aber, der du durch Preisgabe deines Lebens ewigen Ruhm erlangen willst - dieser wird, nachdem er dir das Leben genommen hat, davongehen; daran ist kein Zweifel.

Wort für Wort
yas tvaṃ prāṇavirodhena kīrtim icchasi śāśvatīm sā te prāṇān samādāya gamiṣyati na saṃśayaḥ
Du aber, der du durch Preisgabe deines Lebens ewigen Ruhm erlangen willst - dieser wird, nachdem er dir das Leben genommen hat, davongehen; daran ist kein Zweifel.

Sinn: ein um den Preis des eigenen Todes erkaufter Ruhm nützt dem Toten selbst nichts mehr, wie die folgenden Verse ausführen.

jīvatāṃ kurute kāryaṃ pitā mātā sutās tathā ye cānye bāndhavāḥ ke cil loke 'smin puruṣarṣabha rājānaś ca naravyāghra pauruṣeṇa nibodha tat

Vater, Mutter und ebenso die Söhne wirken nur für die Lebenden, sowie welche anderen Verwandten es auch immer in dieser Welt geben mag, o Stier unter den Männern, und auch Könige durch ihre Tatkraft - das erkenne, Tiger unter den Männern.

Wort für Wort
jīvatāṃ kurute kāryaṃ pitā mātā sutās tathā ye cānye bāndhavāḥ ke cil loke 'smin puruṣarṣabha rājānaś ca naravyāghra pauruṣeṇa nibodha tat
Vater, Mutter und ebenso die Söhne wirken nur für die Lebenden, sowie welche anderen Verwandten es auch immer in dieser Welt geben mag, o Stier unter den Männern, und auch Könige durch ihre Tatkraft - das erkenne, Tiger unter den Männern.

kīrtiś ca jīvataḥ sādhvī puruṣasya mahādyute mṛtasya kīrtyā kiṃ kāryaṃ bhasmībhūtasya dehinaḥ mṛtaḥ kīrtiṃ na jānāti jīvan kīrtiṃ samaśnute

Und der gute Ruhm ist nur für den lebenden Menschen von Wert, o du von großem Glanz; was nützt dem toten, zu Asche gewordenen verkörperten Wesen der Ruhm? Der Tote kennt seinen Ruhm nicht; der Lebende allein genießt ihn.

Wort für Wort
kīrtiś ca jīvataḥ sādhvī puruṣasya mahādyute mṛtasya kīrtyā kiṃ kāryaṃ bhasmībhūtasya dehinaḥ mṛtaḥ kīrtiṃ na jānāti jīvan kīrtiṃ samaśnute
Und der gute Ruhm ist nur für den lebenden Menschen von Wert, o du von großem Glanz; was nützt dem toten, zu Asche gewordenen verkörperten Wesen der Ruhm? Der Tote kennt seinen Ruhm nicht; der Lebende allein genießt ihn.

mṛtasya kīrtir martyasya yathā mālā gatāyuṣaḥ ahaṃ tu tvāṃ bravīmy etad bhakto 'sīti hitepsayā

Der Ruhm des toten Sterblichen ist wie ein Blumenkranz für einen, dessen Lebenszeit vergangen ist. Ich aber sage dir dies, weil du mir ergeben bist, aus dem Wunsch nach deinem Wohl.

Wort für Wort
mṛtasya kīrtir martyasya yathā mālā gatāyuṣaḥ ahaṃ tu tvāṃ bravīmy etad bhakto 'sīti hitepsayā
Der Ruhm des toten Sterblichen ist wie ein Blumenkranz für einen, dessen Lebenszeit vergangen ist. Ich aber sage dir dies, weil du mir ergeben bist, aus dem Wunsch nach deinem Wohl.

bhaktimanto hi me rakṣyā ity etenāpi hetunā bhakto 'yaṃ parayā bhaktyā mām ity eva mahābhuja mamāpi bhaktir utpannā sa tvaṃ kuru vaco mama

Denn aus dem Grundsatz, dass die mir Ergebenen beschützt werden sollen, sowie auch deswegen, weil du mir mit höchster Hingabe ergeben bist - eben deswegen, o Starkarmiger, ist auch in mir Zuneigung entstanden. So befolge du mein Wort.

Wort für Wort
bhaktimanto hi me rakṣyā ity etenāpi hetunā bhakto 'yaṃ parayā bhaktyā mām ity eva mahābhuja mamāpi bhaktir utpannā sa tvaṃ kuru vaco mama
Denn aus dem Grundsatz, dass die mir Ergebenen beschützt werden sollen, sowie auch deswegen, weil du mir mit höchster Hingabe ergeben bist - eben deswegen, o Starkarmiger, ist auch in mir Zuneigung entstanden. So befolge du mein Wort.

Die beiden im Sanskrit als eingebettete Maximen formulierten Sätze ('die mir Ergebenen sind zu schützen'; 'dieser ist mir ergeben') wurden zur Vermeidung einer dritten Zitatebene in indirekte Rede umgeformt.

asti cātra paraṃ kiṃ cid adhyātmaṃ devanirmitam ataś ca tvāṃ bravīmy etat kriyatām aviśaṅkayā

Und es gibt hierbei noch etwas anderes, Höheres, die eigene Seele Betreffendes, von den Göttern Gemachtes; deswegen sage ich dir dies: Es soll ohne Zögern befolgt werden.

Wort für Wort
asti cātra paraṃ kiṃ cid adhyātmaṃ devanirmitam ataś ca tvāṃ bravīmy etat kriyatām aviśaṅkayā
Und es gibt hierbei noch etwas anderes, Höheres, die eigene Seele Betreffendes, von den Göttern Gemachtes; deswegen sage ich dir dies: Es soll ohne Zögern befolgt werden.

devaguhyaṃ tvayā jñātuṃ na śakyaṃ puruṣarṣabha tasmān nākhyāmi te guhyaṃ kāle vetsyati tad bhavān

Ein Geheimnis der Götter kannst du nicht erfahren, o Stier unter den Männern; deshalb offenbare ich dir das Geheimnis nicht - zu gegebener Zeit wirst du es erkennen.

Wort für Wort
devaguhyaṃ tvayā jñātuṃ na śakyaṃ puruṣarṣabha tasmān nākhyāmi te guhyaṃ kāle vetsyati tad bhavān
Ein Geheimnis der Götter kannst du nicht erfahren, o Stier unter den Männern; deshalb offenbare ich dir das Geheimnis nicht - zu gegebener Zeit wirst du es erkennen.

punar uktaṃ ca vakṣyāmi tvaṃ rādheya nibodha tat māsmai te kuṇḍale dadyā bhikṣave vajrapāṇaye

Und ich will es dir nochmals sagen, du Sohn der Rādhā; vernimm dies: Du sollst diesem Bittenden, dem Blitzträger, nicht deine Ohrringe geben.

Wort für Wort
punar uktaṃ ca vakṣyāmi tvaṃ rādheya nibodha tat māsmai te kuṇḍale dadyā bhikṣave vajrapāṇaye
Und ich will es dir nochmals sagen, du Sohn der Rādhā; vernimm dies: Du sollst diesem Bittenden, dem Blitzträger, nicht deine Ohrringe geben.

śobhase kuṇḍalābhyāṃ hi rucirābhyāṃ mahādyute viśākhayor madhyagataḥ śaśīva vimalo divi

Denn du erstrahlst mit den beiden schönen Ohrringen, o du von großem Glanz, wie der makellose Mond am Himmel, zwischen den beiden Viśākhā-Sternen stehend.

Wort für Wort
śobhase kuṇḍalābhyāṃ hi rucirābhyāṃ mahādyute viśākhayor madhyagataḥ śaśīva vimalo divi
Denn du erstrahlst mit den beiden schönen Ohrringen, o du von großem Glanz, wie der makellose Mond am Himmel, zwischen den beiden Viśākhā-Sternen stehend.

kīrtiś ca jīvataḥ sādhvī puruṣasyeti viddhi tat pratyākhyeyas tvayā tāta kuṇḍalārthe puraṃdaraḥ

Und wisse dies: Der gute Ruhm ist nur für den lebenden Menschen von Wert; deshalb soll der Städtezerstörer von dir, mein Sohn, hinsichtlich der Ohrringe zurückgewiesen werden.

Wort für Wort
kīrtiś ca jīvataḥ sādhvī puruṣasyeti viddhi tat pratyākhyeyas tvayā tāta kuṇḍalārthe puraṃdaraḥ
Und wisse dies: Der gute Ruhm ist nur für den lebenden Menschen von Wert; deshalb soll der Städtezerstörer von dir, mein Sohn, hinsichtlich der Ohrringe zurückgewiesen werden.

śakyā bahuvidhair vākyaiḥ kuṇḍalepsā tvayānagha vihantuṃ devarājasya hetuyuktaiḥ punaḥ punaḥ

Mit vielfältigen, immer wieder mit Gründen versehenen Worten kannst du, Makelloser, das Verlangen des Götterkönigs nach den Ohrringen vereiteln,

Wort für Wort
śakyā bahuvidhair vākyaiḥ kuṇḍalepsā tvayānagha vihantuṃ devarājasya hetuyuktaiḥ punaḥ punaḥ
Mit vielfältigen, immer wieder mit Gründen versehenen Worten kannst du, Makelloser, das Verlangen des Götterkönigs nach den Ohrringen vereiteln,

upapattyupapannārthair mādhuryakṛtabhūṣaṇaiḥ puraṃdarasya karṇa tvaṃ buddhim etām apānuda

mit stichhaltigen, durch Beweisführung gestützten und mit Lieblichkeit geschmückten Worten; wende du, Karṇa, diesen Entschluss des Städtezerstörers ab.

Wort für Wort
upapattyupapannārthair mādhuryakṛtabhūṣaṇaiḥ puraṃdarasya karṇa tvaṃ buddhim etām apānuda
mit stichhaltigen, durch Beweisführung gestützten und mit Lieblichkeit geschmückten Worten; wende du, Karṇa, diesen Entschluss des Städtezerstörers ab.

tva hi nityaṃ naravyāghra spardhase savyasācinā savyasācī tvayā caiva yudhi śūraḥ sameṣyati

Denn du, Tiger unter den Männern, wetteiferst stets mit dem Linkshändigen, und auch der Linkshändige, der Held, wird im Kampf mit dir zusammentreffen.

Wort für Wort
tva hi nityaṃ naravyāghra spardhase savyasācinā savyasācī tvayā caiva yudhi śūraḥ sameṣyati
Denn du, Tiger unter den Männern, wetteiferst stets mit dem Linkshändigen, und auch der Linkshändige, der Held, wird im Kampf mit dir zusammentreffen.

na tu tvām arjunaḥ śaktaḥ kuṇḍalābhyāṃ samanvitam vijetuṃ yudhi yady asya svayam indraḥ śaro bhavet

Doch Arjuna wird nicht imstande sein, dich, wenn du mit den beiden Ohrringen ausgestattet bist, im Kampf zu besiegen, selbst wenn ihm Indra selbst zum Pfeil würde.

Wort für Wort
na tu tvām arjunaḥ śaktaḥ kuṇḍalābhyāṃ samanvitam vijetuṃ yudhi yady asya svayam indraḥ śaro bhavet
Doch Arjuna wird nicht imstande sein, dich, wenn du mit den beiden Ohrringen ausgestattet bist, im Kampf zu besiegen, selbst wenn ihm Indra selbst zum Pfeil würde.

tasmān na deye śakrāya tvayaite kuṇḍale śubhe saṃgrāme yadi nirjetuṃ karṇa kāmayase 'rjunam

Deshalb sollst du dem Śakra diese beiden glückverheißenden Ohrringe nicht geben, wenn du, Karṇa, wünschst, Arjuna im Kampf zu besiegen.‘

Wort für Wort
tasmān na deye śakrāya tvayaite kuṇḍale śubhe saṃgrāme yadi nirjetuṃ karṇa kāmayase 'rjunam
Deshalb sollst du dem Śakra diese beiden glückverheißenden Ohrringe nicht geben, wenn du, Karṇa, wünschst, Arjuna im Kampf zu besiegen.‘

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