Kapitel 199: Vyādhagītā (dvitīyo bhāgaḥ)
Die Lehre des Jägers (Vyādha-Gītā), zweiter Teil
Der Jäger setzt seine Rede fort: Er verteidigt sein Tun als vorherbestimmt durch früher begangene Taten (Schicksal, vidhi) und durch das eigene, ererbte Standes-Dharma, das er nicht aufgeben darf. Anhand von Beispielen – König Śibis Selbstopfer, Rantidevas Ruhm durch tägliches Tieropfer, das Fleischverlangen der Opferfeuer und der Menschenfresser-König Saudāsa – zeigt er, dass Gewalt (hiṃsā) in irgendeiner Form jedem Handeln, ja jedem Leben überhaupt (Ackerbau, Gehen, Atmen) unausweichlich innewohnt, und dass reine Gewaltlosigkeit daher unerreichbar ist; entscheidend sei allein die treue Erfüllung des eigenen Dharma.
vidhis tu balavān brahman dustaraṃ hi purākṛtam purākṛtasya pāpasya karmadoṣo bhavaty ayam doṣasyaitasya vai brahman vighāte yatnavān aham
Doch die Bestimmung ist mächtig, o Brahmane, denn schwer zu überwinden ist das früher Getane; dies ist der Fehler der Tat einer früher begangenen Sünde; um diesen Fehler zu beseitigen, bin ich, o Brahmane, eifrig bemüht.
Wort für Wort
vidhis tu balavān brahman dustaraṃ hi purākṛtam purākṛtasya pāpasya karmadoṣo bhavaty ayam doṣasyaitasya vai brahman vighāte yatnavān aham
Doch die Bestimmung ist mächtig, o Brahmane, denn schwer zu überwinden ist das früher Getane; dies ist der Fehler der Tat einer früher begangenen Sünde; um diesen Fehler zu beseitigen, bin ich, o Brahmane, eifrig bemüht.
Bei dem, was zuvor durch die Bestimmung festgesetzt wurde, wird der Vollstrecker nur zum Anlass; denn wir sind nur der Anlass für diese Tat, o Bester der Zweifachgeborenen.
Bei dem, was zuvor durch die Bestimmung festgesetzt wurde, wird der Vollstrecker nur zum Anlass; denn wir sind nur der Anlass für diese Tat, o Bester der Zweifachgeborenen.
Deren Fleisch wir, wenn sie getötet sind, verkaufen, o Zweifachgeborener – auch für diese entsteht Verdienst dadurch, dass es genossen und gegessen wird, durch die Verehrung von Göttern, Gästen, Dienern und Ahnen.
Deren Fleisch wir, wenn sie getötet sind, verkaufen, o Zweifachgeborener – auch für diese entsteht Verdienst dadurch, dass es genossen und gegessen wird, durch die Verehrung von Göttern, Gästen, Dienern und Ahnen.
Durch das Verschenken des eigenen Fleisches erlangte König Śibi, der Sohn des Uśīnara, geduldig, den überaus schwer zu erreichenden Himmel, o Bester der Zweifachgeborenen.
Durch das Verschenken des eigenen Fleisches erlangte König Śibi, der Sohn des Uśīnara, geduldig, den überaus schwer zu erreichenden Himmel, o Bester der Zweifachgeborenen.
Weil Rantideva stets Speise mit Fleisch spendete, erlangte der König unvergleichlichen Ruhm, o Bester der Zweifachgeborenen – so heißt es, dass bei den Vier-Monats-Opfern stets Tiere geschlachtet wurden.
Weil Rantideva stets Speise mit Fleisch spendete, erlangte der König unvergleichlichen Ruhm, o Bester der Zweifachgeborenen – so heißt es, dass bei den Vier-Monats-Opfern stets Tiere geschlachtet wurden.
agnayo māṃsakāmāś ca ity api śrūyate śrutiḥ yajñeṣu paśavo brahman vadhyante satataṃ dvijaiḥ saṃskṛtāḥ kila mantraiś ca te 'pi svargam avāpnuvan
Auch dass die Feuer nach Fleisch verlangen, so lautet eine Überlieferung; bei den Opfern werden, o Brahmane, stets Tiere von den Zweifachgeborenen geschlachtet, und, durch heilige Sprüche geweiht, gelangen auch sie zum Himmel.
Wort für Wort
agnayo māṃsakāmāś ca ity api śrūyate śrutiḥ yajñeṣu paśavo brahman vadhyante satataṃ dvijaiḥ saṃskṛtāḥ kila mantraiś ca te 'pi svargam avāpnuvan
Auch dass die Feuer nach Fleisch verlangen, so lautet eine Überlieferung; bei den Opfern werden, o Brahmane, stets Tiere von den Zweifachgeborenen geschlachtet, und, durch heilige Sprüche geweiht, gelangen auch sie zum Himmel.
atrāpi vidhir uktaś ca munibhir māṃsabhakṣaṇe devatānāṃ pitṝṇāṃ ca bhuṅkte dattvā tu yaḥ sadā yathāvidhi yathāśraddhaṃ na sa duṣyati bhakṣaṇāt
Auch hierzu wurde von den Weisen eine Regel für den Fleischgenuss verkündet: Wer es stets zuvor den Göttern und Ahnen darbringt und dann, der Regel und seinem Glauben gemäß, isst, der wird durch den Genuss nicht befleckt.
Wort für Wort
atrāpi vidhir uktaś ca munibhir māṃsabhakṣaṇe devatānāṃ pitṝṇāṃ ca bhuṅkte dattvā tu yaḥ sadā yathāvidhi yathāśraddhaṃ na sa duṣyati bhakṣaṇāt
Auch hierzu wurde von den Weisen eine Regel für den Fleischgenuss verkündet: Wer es stets zuvor den Göttern und Ahnen darbringt und dann, der Regel und seinem Glauben gemäß, isst, der wird durch den Genuss nicht befleckt.
So wird er auf diese Weise zu einem Nicht-Fleischesser, so heißt es auch in der Überlieferung; ebenso bleibt der Brahmane, der zur rechten Zeit zu seiner Gattin geht, ein Keuscher.
So wird er auf diese Weise zu einem Nicht-Fleischesser, so heißt es auch in der Überlieferung; ebenso bleibt der Brahmane, der zur rechten Zeit zu seiner Gattin geht, ein Keuscher.
Nachdem man Wahrheit und Unwahrheit unterschieden hat, wird auch hierzu eine Regel genannt: Einst hat der König Saudāsa, von einem Fluch heftig überwältigt, Menschen verzehrt, o Zweifachgeborener – was erscheint dir hierzu?
Nachdem man Wahrheit und Unwahrheit unterschieden hat, wird auch hierzu eine Regel genannt: Einst hat der König Saudāsa, von einem Fluch heftig überwältigt, Menschen verzehrt, o Zweifachgeborener – was erscheint dir hierzu?
svadharma iti kṛtvā tu na tyajāmi dvijottama purākṛtam iti jñātvā jīvāmy etena karmaṇā
Weil es mein eigener Dharma ist, gebe ich ihn nicht auf, o Bester der Zweifachgeborenen; im Wissen, dass es eine früher von mir begangene Tat ist, lebe ich durch dieses Tun.
Wort für Wort
svadharma iti kṛtvā tu na tyajāmi dvijottama purākṛtam iti jñātvā jīvāmy etena karmaṇā
Weil es mein eigener Dharma ist, gebe ich ihn nicht auf, o Bester der Zweifachgeborenen; im Wissen, dass es eine früher von mir begangene Tat ist, lebe ich durch dieses Tun.
svakarma tyajato brahmann adharma iha dṛśyate svakarmanirato yas tu sa dharma iti niścayaḥ
Für den, der seine eigene Pflicht aufgibt, o Brahmane, zeigt sich hier Adharma; wer aber seiner eigenen Pflicht obliegt, für den ist dies, so die feste Erkenntnis, Dharma.
Wort für Wort
svakarma tyajato brahmann adharma iha dṛśyate svakarmanirato yas tu sa dharma iti niścayaḥ
Für den, der seine eigene Pflicht aufgibt, o Brahmane, zeigt sich hier Adharma; wer aber seiner eigenen Pflicht obliegt, für den ist dies, so die feste Erkenntnis, Dharma.
pūrvaṃ hi vihitaṃ karma dehinaṃ na vimuñcati dhātrā vidhir ayaṃ dṛṣṭo bahudhā karmanirṇaye
Denn die einst festgesetzte Tat verlässt den verkörperten Menschen nicht; diese vom Schöpfer gesetzte Regel wird auf vielfache Weise in der Beurteilung des Handelns erkannt.
Wort für Wort
pūrvaṃ hi vihitaṃ karma dehinaṃ na vimuñcati dhātrā vidhir ayaṃ dṛṣṭo bahudhā karmanirṇaye
Denn die einst festgesetzte Tat verlässt den verkörperten Menschen nicht; diese vom Schöpfer gesetzte Regel wird auf vielfache Weise in der Beurteilung des Handelns erkannt.
Doch der Weise, der in grausamem Tun steht, sollte bedenken, wie er Gutes tun und wie er sich vom Verderben befreien könnte – über diese schreckliche Tat gibt es vielfache Beurteilung.
Doch der Weise, der in grausamem Tun steht, sollte bedenken, wie er Gutes tun und wie er sich vom Verderben befreien könnte – über diese schreckliche Tat gibt es vielfache Beurteilung.
dāne ca satyavākye ca guruśuśrūṣaṇe tathā dvijātipūjane cāhaṃ dharme ca nirataḥ sadā ativādātimānābhyāṃ nivṛtto 'smi dvijottama
Dem Geben, der Wahrhaftigkeit, dem Dienst am Lehrer, ebenso der Verehrung der Zweifachgeborenen und dem Dharma bin ich stets zugetan; von übermäßiger Rede und übermäßigem Hochmut halte ich mich fern, du Bester der Zweifachgeborenen.
Wort für Wort
dāne ca satyavākye ca guruśuśrūṣaṇe tathā dvijātipūjane cāhaṃ dharme ca nirataḥ sadā ativādātimānābhyāṃ nivṛtto 'smi dvijottama
Dem Geben, der Wahrhaftigkeit, dem Dienst am Lehrer, ebenso der Verehrung der Zweifachgeborenen und dem Dharma bin ich stets zugetan; von übermäßiger Rede und übermäßigem Hochmut halte ich mich fern, du Bester der Zweifachgeborenen.
kṛṣiṃ sādhv iti manyante tatra hiṃsā parā smṛtā karṣanto lāṅgalaiḥ puṃso ghnanti bhūmiśayān bahūn jīvān anyāṃś ca bahuśas tatra kiṃ pratibhāti te
Den Ackerbau hält man für gut, doch dabei ist, wie überliefert, große Gewalt gegeben: Die Männer, die mit Pflügen pflügen, töten viele in der Erde wohnende Lebewesen und viele andere dazu – was erscheint dir hierzu?
Wort für Wort
kṛṣiṃ sādhv iti manyante tatra hiṃsā parā smṛtā karṣanto lāṅgalaiḥ puṃso ghnanti bhūmiśayān bahūn jīvān anyāṃś ca bahuśas tatra kiṃ pratibhāti te
Den Ackerbau hält man für gut, doch dabei ist, wie überliefert, große Gewalt gegeben: Die Männer, die mit Pflügen pflügen, töten viele in der Erde wohnende Lebewesen und viele andere dazu – was erscheint dir hierzu?
ahiṃseti yad uktaṃ hi puruṣair vismitaiḥ purā ke na hiṃsanti jīvan vai loke 'smin dvijasattama bahu saṃcintya iha vai nāsti kaś cid ahiṃsakaḥ
Was einst von erstaunten Menschen als Gewaltlosigkeit bezeichnet wurde – wer verletzt denn nicht ein Lebewesen in dieser Welt, o Bester der Zweifachgeborenen? Nach reiflicher Überlegung gibt es hier wahrlich niemanden, der gewaltlos ist.
Wort für Wort
ahiṃseti yad uktaṃ hi puruṣair vismitaiḥ purā ke na hiṃsanti jīvan vai loke 'smin dvijasattama bahu saṃcintya iha vai nāsti kaś cid ahiṃsakaḥ
Was einst von erstaunten Menschen als Gewaltlosigkeit bezeichnet wurde – wer verletzt denn nicht ein Lebewesen in dieser Welt, o Bester der Zweifachgeborenen? Nach reiflicher Überlegung gibt es hier wahrlich niemanden, der gewaltlos ist.
ahiṃsāyāṃ tu niratā yatayo dvijasattama kurvanty eva hi hiṃsāṃ te yatnād alpatarā bhavet
Selbst die Asketen, die der Gewaltlosigkeit zugetan sind, o Bester der Zweifachgeborenen, üben durchaus Gewalt aus; durch Bemühung wird sie nur geringer.
Wort für Wort
ahiṃsāyāṃ tu niratā yatayo dvijasattama kurvanty eva hi hiṃsāṃ te yatnād alpatarā bhavet
Selbst die Asketen, die der Gewaltlosigkeit zugetan sind, o Bester der Zweifachgeborenen, üben durchaus Gewalt aus; durch Bemühung wird sie nur geringer.
ālakṣyāś caiva puruṣāḥ kule jātā mahāguṇāḥ mahāghorāṇi karmāṇi kṛtvā lajjanti vai na ca
Und man sieht Menschen, die in gutem Geschlecht geboren sind und große Tugenden besitzen, die überaus schreckliche Taten begehen und sich dessen doch nicht schämen.
Wort für Wort
ālakṣyāś caiva puruṣāḥ kule jātā mahāguṇāḥ mahāghorāṇi karmāṇi kṛtvā lajjanti vai na ca
Und man sieht Menschen, die in gutem Geschlecht geboren sind und große Tugenden besitzen, die überaus schreckliche Taten begehen und sich dessen doch nicht schämen.
suhṛdaḥ suhṛdo 'nyāṃś ca durhṛdaś cāpi durhṛdaḥ samyak pravṛttān puruṣān na samyag anupaśyataḥ
Freunde nehmen andere Freunde wahr, und ebenso Feinde ihre Feinde; Menschen aber, die sich recht verhalten, werden von den Voreingenommenen nicht recht erkannt.
Wort für Wort
suhṛdaḥ suhṛdo 'nyāṃś ca durhṛdaś cāpi durhṛdaḥ samyak pravṛttān puruṣān na samyag anupaśyataḥ
Freunde nehmen andere Freunde wahr, und ebenso Feinde ihre Feinde; Menschen aber, die sich recht verhalten, werden von den Voreingenommenen nicht recht erkannt.
Der Sanskrit-Vers ist knapp gefasst [?]; gemeint ist wohl, dass Freund und Feind einander parteiisch betrachten und daher rechtes Verhalten nicht unvoreingenommen wahrnehmen können.