Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Vanaparva (Āraṇyakaparva)

Kapitel 199: Vyādhagītā (dvitīyo bhāgaḥ) Die Lehre des Jägers (Vyādha-Gītā), zweiter Teil

Der Jäger setzt seine Rede fort: Er verteidigt sein Tun als vorherbestimmt durch früher begangene Taten (Schicksal, vidhi) und durch das eigene, ererbte Standes-Dharma, das er nicht aufgeben darf. Anhand von Beispielen – König Śibis Selbstopfer, Rantidevas Ruhm durch tägliches Tieropfer, das Fleischverlangen der Opferfeuer und der Menschenfresser-König Saudāsa – zeigt er, dass Gewalt (hiṃsā) in irgendeiner Form jedem Handeln, ja jedem Leben überhaupt (Ackerbau, Gehen, Atmen) unausweichlich innewohnt, und dass reine Gewaltlosigkeit daher unerreichbar ist; entscheidend sei allein die treue Erfüllung des eigenen Dharma.

mārkaṇḍeya uvāca sa tu vipram athovāca dharmavyādho yudhiṣṭhira yad ahaṃ hy ācare karma ghoram etad asaṃśayam

Mārkaṇḍeya sprach: „Da sprach der Dharma-Jäger weiter zum Brahmanen, o Yudhiṣṭhira: ‚Die Arbeit, die ich ausübe, ist ohne Zweifel etwas Schreckliches.

Wort für Wort
mārkaṇḍeya uvāca sa tu vipram athovāca dharmavyādho yudhiṣṭhira yad ahaṃ hy ācare karma ghoram etad asaṃśayam
Mārkaṇḍeya sprach: „Da sprach der Dharma-Jäger weiter zum Brahmanen, o Yudhiṣṭhira: ‚Die Arbeit, die ich ausübe, ist ohne Zweifel etwas Schreckliches.

vidhis tu balavān brahman dustaraṃ hi purākṛtam purākṛtasya pāpasya karmadoṣo bhavaty ayam doṣasyaitasya vai brahman vighāte yatnavān aham

Doch die Bestimmung ist mächtig, o Brahmane, denn schwer zu überwinden ist das früher Getane; dies ist der Fehler der Tat einer früher begangenen Sünde; um diesen Fehler zu beseitigen, bin ich, o Brahmane, eifrig bemüht.

Wort für Wort
vidhis tu balavān brahman dustaraṃ hi purākṛtam purākṛtasya pāpasya karmadoṣo bhavaty ayam doṣasyaitasya vai brahman vighāte yatnavān aham
Doch die Bestimmung ist mächtig, o Brahmane, denn schwer zu überwinden ist das früher Getane; dies ist der Fehler der Tat einer früher begangenen Sünde; um diesen Fehler zu beseitigen, bin ich, o Brahmane, eifrig bemüht.

vidhinā vihite pūrvaṃ nimittaṃ ghātako bhavet nimittabhūtā hi vayaṃ karmaṇo 'sya dvijottama

Bei dem, was zuvor durch die Bestimmung festgesetzt wurde, wird der Vollstrecker nur zum Anlass; denn wir sind nur der Anlass für diese Tat, o Bester der Zweifachgeborenen.

Wort für Wort
vidhinā vihite pūrvaṃ nimittaṃ ghātako bhavet nimittabhūtā hi vayaṃ karmaṇo 'sya dvijottama
Bei dem, was zuvor durch die Bestimmung festgesetzt wurde, wird der Vollstrecker nur zum Anlass; denn wir sind nur der Anlass für diese Tat, o Bester der Zweifachgeborenen.

yeṣāṃ hatānāṃ māṃsāni vikrīṇāmo vayaṃ dvija teṣām api bhaved dharma upabhogena bhakṣaṇāt devatātithibhṛtyānāṃ pitṝṇāṃ pratipūjanāt

Deren Fleisch wir, wenn sie getötet sind, verkaufen, o Zweifachgeborener – auch für diese entsteht Verdienst dadurch, dass es genossen und gegessen wird, durch die Verehrung von Göttern, Gästen, Dienern und Ahnen.

Wort für Wort
yeṣāṃ hatānāṃ māṃsāni vikrīṇāmo vayaṃ dvija teṣām api bhaved dharma upabhogena bhakṣaṇāt devatātithibhṛtyānāṃ pitṝṇāṃ pratipūjanāt
Deren Fleisch wir, wenn sie getötet sind, verkaufen, o Zweifachgeborener – auch für diese entsteht Verdienst dadurch, dass es genossen und gegessen wird, durch die Verehrung von Göttern, Gästen, Dienern und Ahnen.

oṣadhyo vīrudhaś cāpi paśavo mṛgapakṣiṇaḥ annādyabhūtā lokasya ity api śrūyate śrutiḥ

Kräuter und Pflanzen, ebenso Vieh, Wild und Vögel sind zur Speise der Welt bestimmt – so lautet auch eine Überlieferung, die man vernimmt.

Wort für Wort
oṣadhyo vīrudhaś cāpi paśavo mṛgapakṣiṇaḥ annādyabhūtā lokasya ity api śrūyate śrutiḥ
Kräuter und Pflanzen, ebenso Vieh, Wild und Vögel sind zur Speise der Welt bestimmt – so lautet auch eine Überlieferung, die man vernimmt.

ātmamāṃsapradānena śibir auśīnaro nṛpaḥ svargaṃ sudurlabhaṃ prāptaḥ kṣamāvān dvijasattama

Durch das Verschenken des eigenen Fleisches erlangte König Śibi, der Sohn des Uśīnara, geduldig, den überaus schwer zu erreichenden Himmel, o Bester der Zweifachgeborenen.

Wort für Wort
ātmamāṃsapradānena śibir auśīnaro nṛpaḥ svargaṃ sudurlabhaṃ prāptaḥ kṣamāvān dvijasattama
Durch das Verschenken des eigenen Fleisches erlangte König Śibi, der Sohn des Uśīnara, geduldig, den überaus schwer zu erreichenden Himmel, o Bester der Zweifachgeborenen.

rājño mahānase pūrvaṃ rantidevasya vai dvija dve sahasre tu vadhyete paśūnām anvahaṃ tadā

Einst wurden in der Küche des Königs Rantideva, o Zweifachgeborener, täglich zweitausend Tiere geschlachtet.

Wort für Wort
rājño mahānase pūrvaṃ rantidevasya vai dvija dve sahasre tu vadhyete paśūnām anvahaṃ tadā
Einst wurden in der Küche des Königs Rantideva, o Zweifachgeborener, täglich zweitausend Tiere geschlachtet.

samāṃsaṃ dadato hy annaṃ rantidevasya nityaśaḥ atulā kīrtir abhavan nṛpasya dvijasattama cāturmāsyeṣu paśavo vadhyanta iti nityaśaḥ

Weil Rantideva stets Speise mit Fleisch spendete, erlangte der König unvergleichlichen Ruhm, o Bester der Zweifachgeborenen – so heißt es, dass bei den Vier-Monats-Opfern stets Tiere geschlachtet wurden.

Wort für Wort
samāṃsaṃ dadato hy annaṃ rantidevasya nityaśaḥ atulā kīrtir abhavan nṛpasya dvijasattama cāturmāsyeṣu paśavo vadhyanta iti nityaśaḥ
Weil Rantideva stets Speise mit Fleisch spendete, erlangte der König unvergleichlichen Ruhm, o Bester der Zweifachgeborenen – so heißt es, dass bei den Vier-Monats-Opfern stets Tiere geschlachtet wurden.

agnayo māṃsakāmāś ca ity api śrūyate śrutiḥ yajñeṣu paśavo brahman vadhyante satataṃ dvijaiḥ saṃskṛtāḥ kila mantraiś ca te 'pi svargam avāpnuvan

Auch dass die Feuer nach Fleisch verlangen, so lautet eine Überlieferung; bei den Opfern werden, o Brahmane, stets Tiere von den Zweifachgeborenen geschlachtet, und, durch heilige Sprüche geweiht, gelangen auch sie zum Himmel.

Wort für Wort
agnayo māṃsakāmāś ca ity api śrūyate śrutiḥ yajñeṣu paśavo brahman vadhyante satataṃ dvijaiḥ saṃskṛtāḥ kila mantraiś ca te 'pi svargam avāpnuvan
Auch dass die Feuer nach Fleisch verlangen, so lautet eine Überlieferung; bei den Opfern werden, o Brahmane, stets Tiere von den Zweifachgeborenen geschlachtet, und, durch heilige Sprüche geweiht, gelangen auch sie zum Himmel.

yadi naivāgnayo brahman māṃsakāmābhavan purā bhakṣyaṃ naiva bhaven māṃsaṃ kasya cid dvijasattama

Wenn die Feuer einst nicht nach Fleisch verlangt hätten, o Brahmane, wäre Fleisch für niemanden zur Speise geworden, du Bester der Zweifachgeborenen.

Wort für Wort
yadi naivāgnayo brahman māṃsakāmābhavan purā bhakṣyaṃ naiva bhaven māṃsaṃ kasya cid dvijasattama
Wenn die Feuer einst nicht nach Fleisch verlangt hätten, o Brahmane, wäre Fleisch für niemanden zur Speise geworden, du Bester der Zweifachgeborenen.

atrāpi vidhir uktaś ca munibhir māṃsabhakṣaṇe devatānāṃ pitṝṇāṃ ca bhuṅkte dattvā tu yaḥ sadā yathāvidhi yathāśraddhaṃ na sa duṣyati bhakṣaṇāt

Auch hierzu wurde von den Weisen eine Regel für den Fleischgenuss verkündet: Wer es stets zuvor den Göttern und Ahnen darbringt und dann, der Regel und seinem Glauben gemäß, isst, der wird durch den Genuss nicht befleckt.

Wort für Wort
atrāpi vidhir uktaś ca munibhir māṃsabhakṣaṇe devatānāṃ pitṝṇāṃ ca bhuṅkte dattvā tu yaḥ sadā yathāvidhi yathāśraddhaṃ na sa duṣyati bhakṣaṇāt
Auch hierzu wurde von den Weisen eine Regel für den Fleischgenuss verkündet: Wer es stets zuvor den Göttern und Ahnen darbringt und dann, der Regel und seinem Glauben gemäß, isst, der wird durch den Genuss nicht befleckt.

amāṃsāśī bhavaty evam ity api śrūyate śrutiḥ bhāryāṃ gacchan brahmacārī ṛtau bhavati brāhmaṇaḥ

So wird er auf diese Weise zu einem Nicht-Fleischesser, so heißt es auch in der Überlieferung; ebenso bleibt der Brahmane, der zur rechten Zeit zu seiner Gattin geht, ein Keuscher.

Wort für Wort
amāṃsāśī bhavaty evam ity api śrūyate śrutiḥ bhāryāṃ gacchan brahmacārī ṛtau bhavati brāhmaṇaḥ
So wird er auf diese Weise zu einem Nicht-Fleischesser, so heißt es auch in der Überlieferung; ebenso bleibt der Brahmane, der zur rechten Zeit zu seiner Gattin geht, ein Keuscher.

satyānṛte viniścitya atrāpi vidhir ucyate saudāsena purā rājñā mānuṣā bhakṣitā dvija śāpābhibhūtena bhṛśam atra kiṃ pratibhāti te

Nachdem man Wahrheit und Unwahrheit unterschieden hat, wird auch hierzu eine Regel genannt: Einst hat der König Saudāsa, von einem Fluch heftig überwältigt, Menschen verzehrt, o Zweifachgeborener – was erscheint dir hierzu?

Wort für Wort
satyānṛte viniścitya atrāpi vidhir ucyate saudāsena purā rājñā mānuṣā bhakṣitā dvija śāpābhibhūtena bhṛśam atra kiṃ pratibhāti te
Nachdem man Wahrheit und Unwahrheit unterschieden hat, wird auch hierzu eine Regel genannt: Einst hat der König Saudāsa, von einem Fluch heftig überwältigt, Menschen verzehrt, o Zweifachgeborener – was erscheint dir hierzu?

svadharma iti kṛtvā tu na tyajāmi dvijottama purākṛtam iti jñātvā jīvāmy etena karmaṇā

Weil es mein eigener Dharma ist, gebe ich ihn nicht auf, o Bester der Zweifachgeborenen; im Wissen, dass es eine früher von mir begangene Tat ist, lebe ich durch dieses Tun.

Wort für Wort
svadharma iti kṛtvā tu na tyajāmi dvijottama purākṛtam iti jñātvā jīvāmy etena karmaṇā
Weil es mein eigener Dharma ist, gebe ich ihn nicht auf, o Bester der Zweifachgeborenen; im Wissen, dass es eine früher von mir begangene Tat ist, lebe ich durch dieses Tun.

svakarma tyajato brahmann adharma iha dṛśyate svakarmanirato yas tu sa dharma iti niścayaḥ

Für den, der seine eigene Pflicht aufgibt, o Brahmane, zeigt sich hier Adharma; wer aber seiner eigenen Pflicht obliegt, für den ist dies, so die feste Erkenntnis, Dharma.

Wort für Wort
svakarma tyajato brahmann adharma iha dṛśyate svakarmanirato yas tu sa dharma iti niścayaḥ
Für den, der seine eigene Pflicht aufgibt, o Brahmane, zeigt sich hier Adharma; wer aber seiner eigenen Pflicht obliegt, für den ist dies, so die feste Erkenntnis, Dharma.

pūrvaṃ hi vihitaṃ karma dehinaṃ na vimuñcati dhātrā vidhir ayaṃ dṛṣṭo bahudhā karmanirṇaye

Denn die einst festgesetzte Tat verlässt den verkörperten Menschen nicht; diese vom Schöpfer gesetzte Regel wird auf vielfache Weise in der Beurteilung des Handelns erkannt.

Wort für Wort
pūrvaṃ hi vihitaṃ karma dehinaṃ na vimuñcati dhātrā vidhir ayaṃ dṛṣṭo bahudhā karmanirṇaye
Denn die einst festgesetzte Tat verlässt den verkörperten Menschen nicht; diese vom Schöpfer gesetzte Regel wird auf vielfache Weise in der Beurteilung des Handelns erkannt.

draṣṭavyaṃ tu bhavet prājña krūre karmaṇi vartatā kathaṃ karma śubhaṃ kuryāṃ kathaṃ mucye parābhavāt karmaṇas tasya ghorasya bahudhā nirṇayo bhavet

Doch der Weise, der in grausamem Tun steht, sollte bedenken, wie er Gutes tun und wie er sich vom Verderben befreien könnte – über diese schreckliche Tat gibt es vielfache Beurteilung.

Wort für Wort
draṣṭavyaṃ tu bhavet prājña krūre karmaṇi vartatā kathaṃ karma śubhaṃ kuryāṃ kathaṃ mucye parābhavāt karmaṇas tasya ghorasya bahudhā nirṇayo bhavet
Doch der Weise, der in grausamem Tun steht, sollte bedenken, wie er Gutes tun und wie er sich vom Verderben befreien könnte – über diese schreckliche Tat gibt es vielfache Beurteilung.

dāne ca satyavākye ca guruśuśrūṣaṇe tathā dvijātipūjane cāhaṃ dharme ca nirataḥ sadā ativādātimānābhyāṃ nivṛtto 'smi dvijottama

Dem Geben, der Wahrhaftigkeit, dem Dienst am Lehrer, ebenso der Verehrung der Zweifachgeborenen und dem Dharma bin ich stets zugetan; von übermäßiger Rede und übermäßigem Hochmut halte ich mich fern, du Bester der Zweifachgeborenen.

Wort für Wort
dāne ca satyavākye ca guruśuśrūṣaṇe tathā dvijātipūjane cāhaṃ dharme ca nirataḥ sadā ativādātimānābhyāṃ nivṛtto 'smi dvijottama
Dem Geben, der Wahrhaftigkeit, dem Dienst am Lehrer, ebenso der Verehrung der Zweifachgeborenen und dem Dharma bin ich stets zugetan; von übermäßiger Rede und übermäßigem Hochmut halte ich mich fern, du Bester der Zweifachgeborenen.

kṛṣiṃ sādhv iti manyante tatra hiṃsā parā smṛtā karṣanto lāṅgalaiḥ puṃso ghnanti bhūmiśayān bahūn jīvān anyāṃś ca bahuśas tatra kiṃ pratibhāti te

Den Ackerbau hält man für gut, doch dabei ist, wie überliefert, große Gewalt gegeben: Die Männer, die mit Pflügen pflügen, töten viele in der Erde wohnende Lebewesen und viele andere dazu – was erscheint dir hierzu?

Wort für Wort
kṛṣiṃ sādhv iti manyante tatra hiṃsā parā smṛtā karṣanto lāṅgalaiḥ puṃso ghnanti bhūmiśayān bahūn jīvān anyāṃś ca bahuśas tatra kiṃ pratibhāti te
Den Ackerbau hält man für gut, doch dabei ist, wie überliefert, große Gewalt gegeben: Die Männer, die mit Pflügen pflügen, töten viele in der Erde wohnende Lebewesen und viele andere dazu – was erscheint dir hierzu?

dhānyabījāni yāny āhur vrīhy ādīni dvijottama sarvāṇy etāni jīvāni tatra kiṃ pratibhāti te

Die Getreidesamen, die man Reis und dergleichen nennt, o Bester der Zweifachgeborenen – all diese sind lebendige Wesen; was erscheint dir hierzu?

Wort für Wort
dhānyabījāni yāny āhur vrīhy ādīni dvijottama sarvāṇy etāni jīvāni tatra kiṃ pratibhāti te
Die Getreidesamen, die man Reis und dergleichen nennt, o Bester der Zweifachgeborenen – all diese sind lebendige Wesen; was erscheint dir hierzu?

adhyākramya paśūṃś cāpi ghnanti vai bhakṣayanti ca vṛkṣān athauṣadhīś caiva chindanti puruṣā dvija

Und die Menschen überwältigen das Vieh, töten und verzehren es; ebenso fällen sie Bäume und Kräuter, o Zweifachgeborener.

Wort für Wort
adhyākramya paśūṃś cāpi ghnanti vai bhakṣayanti ca vṛkṣān athauṣadhīś caiva chindanti puruṣā dvija
Und die Menschen überwältigen das Vieh, töten und verzehren es; ebenso fällen sie Bäume und Kräuter, o Zweifachgeborener.

jīvā hi bahavo brahman vṛkṣeṣu ca phaleṣu ca udake bahavaś cāpi tatra kiṃ pratibhāti te

Denn viele Lebewesen, o Brahmane, gibt es in Bäumen und Früchten, und viele auch im Wasser; was erscheint dir hierzu?

Wort für Wort
jīvā hi bahavo brahman vṛkṣeṣu ca phaleṣu ca udake bahavaś cāpi tatra kiṃ pratibhāti te
Denn viele Lebewesen, o Brahmane, gibt es in Bäumen und Früchten, und viele auch im Wasser; was erscheint dir hierzu?

sarvaṃ vyāptam idaṃ brahman prāṇibhiḥ prāṇijīvanaiḥ matsyā grasante matsyāṃś ca tatra kiṃ pratibhāti te

Dies alles ist, o Brahmane, von Lebewesen durchdrungen, die von Lebewesen leben; Fische verschlingen Fische – was erscheint dir hierzu?

Wort für Wort
sarvaṃ vyāptam idaṃ brahman prāṇibhiḥ prāṇijīvanaiḥ matsyā grasante matsyāṃś ca tatra kiṃ pratibhāti te
Dies alles ist, o Brahmane, von Lebewesen durchdrungen, die von Lebewesen leben; Fische verschlingen Fische – was erscheint dir hierzu?

sattvaiḥ sattvāni jīvanti bahudhā dvijasattama prāṇino 'nyonyabhakṣāś ca tatra kiṃ pratibhāti te

Von Wesen leben Wesen auf vielfache Weise, o Bester der Zweifachgeborenen, und die Lebewesen verzehren einander – was erscheint dir hierzu?

Wort für Wort
sattvaiḥ sattvāni jīvanti bahudhā dvijasattama prāṇino 'nyonyabhakṣāś ca tatra kiṃ pratibhāti te
Von Wesen leben Wesen auf vielfache Weise, o Bester der Zweifachgeborenen, und die Lebewesen verzehren einander – was erscheint dir hierzu?

caṅkramyamāṇā jīvāṃś ca dharaṇīsaṃśritān bahūn padbhyāṃ ghnanti narā vipra tatra kiṃ pratibhāti te

Beim Umhergehen töten die Menschen mit ihren Füßen viele auf der Erde befindliche Lebewesen, o Weiser; was erscheint dir hierzu?

Wort für Wort
caṅkramyamāṇā jīvāṃś ca dharaṇīsaṃśritān bahūn padbhyāṃ ghnanti narā vipra tatra kiṃ pratibhāti te
Beim Umhergehen töten die Menschen mit ihren Füßen viele auf der Erde befindliche Lebewesen, o Weiser; was erscheint dir hierzu?

upaviṣṭāḥ śayānāś ca ghnanti jīvān anekaśaḥ jñānavijñānavantaś ca tatra kiṃ pratibhāti te

Sitzend und liegend töten sie zahlreiche Lebewesen, selbst diejenigen, die Wissen und Erkenntnis besitzen – was erscheint dir hierzu?

Wort für Wort
upaviṣṭāḥ śayānāś ca ghnanti jīvān anekaśaḥ jñānavijñānavantaś ca tatra kiṃ pratibhāti te
Sitzend und liegend töten sie zahlreiche Lebewesen, selbst diejenigen, die Wissen und Erkenntnis besitzen – was erscheint dir hierzu?

jīvair grastam idaṃ sarvam ākāśaṃ pṛthivī tathā avijñānāc ca hiṃsanti tatra kiṃ pratibhāti te

Von Lebewesen erfüllt ist dies alles, der Luftraum ebenso wie die Erde; und aus Unwissenheit verletzen sie sie – was erscheint dir hierzu?

Wort für Wort
jīvair grastam idaṃ sarvam ākāśaṃ pṛthivī tathā avijñānāc ca hiṃsanti tatra kiṃ pratibhāti te
Von Lebewesen erfüllt ist dies alles, der Luftraum ebenso wie die Erde; und aus Unwissenheit verletzen sie sie – was erscheint dir hierzu?

ahiṃseti yad uktaṃ hi puruṣair vismitaiḥ purā ke na hiṃsanti jīvan vai loke 'smin dvijasattama bahu saṃcintya iha vai nāsti kaś cid ahiṃsakaḥ

Was einst von erstaunten Menschen als Gewaltlosigkeit bezeichnet wurde – wer verletzt denn nicht ein Lebewesen in dieser Welt, o Bester der Zweifachgeborenen? Nach reiflicher Überlegung gibt es hier wahrlich niemanden, der gewaltlos ist.

Wort für Wort
ahiṃseti yad uktaṃ hi puruṣair vismitaiḥ purā ke na hiṃsanti jīvan vai loke 'smin dvijasattama bahu saṃcintya iha vai nāsti kaś cid ahiṃsakaḥ
Was einst von erstaunten Menschen als Gewaltlosigkeit bezeichnet wurde – wer verletzt denn nicht ein Lebewesen in dieser Welt, o Bester der Zweifachgeborenen? Nach reiflicher Überlegung gibt es hier wahrlich niemanden, der gewaltlos ist.

ahiṃsāyāṃ tu niratā yatayo dvijasattama kurvanty eva hi hiṃsāṃ te yatnād alpatarā bhavet

Selbst die Asketen, die der Gewaltlosigkeit zugetan sind, o Bester der Zweifachgeborenen, üben durchaus Gewalt aus; durch Bemühung wird sie nur geringer.

Wort für Wort
ahiṃsāyāṃ tu niratā yatayo dvijasattama kurvanty eva hi hiṃsāṃ te yatnād alpatarā bhavet
Selbst die Asketen, die der Gewaltlosigkeit zugetan sind, o Bester der Zweifachgeborenen, üben durchaus Gewalt aus; durch Bemühung wird sie nur geringer.

ālakṣyāś caiva puruṣāḥ kule jātā mahāguṇāḥ mahāghorāṇi karmāṇi kṛtvā lajjanti vai na ca

Und man sieht Menschen, die in gutem Geschlecht geboren sind und große Tugenden besitzen, die überaus schreckliche Taten begehen und sich dessen doch nicht schämen.

Wort für Wort
ālakṣyāś caiva puruṣāḥ kule jātā mahāguṇāḥ mahāghorāṇi karmāṇi kṛtvā lajjanti vai na ca
Und man sieht Menschen, die in gutem Geschlecht geboren sind und große Tugenden besitzen, die überaus schreckliche Taten begehen und sich dessen doch nicht schämen.

suhṛdaḥ suhṛdo 'nyāṃś ca durhṛdaś cāpi durhṛdaḥ samyak pravṛttān puruṣān na samyag anupaśyataḥ

Freunde nehmen andere Freunde wahr, und ebenso Feinde ihre Feinde; Menschen aber, die sich recht verhalten, werden von den Voreingenommenen nicht recht erkannt.

Wort für Wort
suhṛdaḥ suhṛdo 'nyāṃś ca durhṛdaś cāpi durhṛdaḥ samyak pravṛttān puruṣān na samyag anupaśyataḥ
Freunde nehmen andere Freunde wahr, und ebenso Feinde ihre Feinde; Menschen aber, die sich recht verhalten, werden von den Voreingenommenen nicht recht erkannt.

Der Sanskrit-Vers ist knapp gefasst [?]; gemeint ist wohl, dass Freund und Feind einander parteiisch betrachten und daher rechtes Verhalten nicht unvoreingenommen wahrnehmen können.

samṛddhaiś ca na nandanti bāndhavā bāndhavair api gurūṃś caiva vinindanti mūḍhāḥ paṇḍitamāninaḥ

Verwandte freuen sich nicht über wohlhabende Verwandte, und Toren, die sich für gelehrt halten, verunglimpfen sogar ihre Lehrer.

Wort für Wort
samṛddhaiś ca na nandanti bāndhavā bāndhavair api gurūṃś caiva vinindanti mūḍhāḥ paṇḍitamāninaḥ
Verwandte freuen sich nicht über wohlhabende Verwandte, und Toren, die sich für gelehrt halten, verunglimpfen sogar ihre Lehrer.

bahu loke viparyastaṃ dṛśyate dvijasattama dharmayuktam adharmaṃ ca tatra kiṃ pratibhāti te

Vielerlei Verkehrtes sieht man in der Welt, o Bester der Zweifachgeborenen: Dharmgemäßes wird zu Adharma erklärt – was erscheint dir hierzu?

Wort für Wort
bahu loke viparyastaṃ dṛśyate dvijasattama dharmayuktam adharmaṃ ca tatra kiṃ pratibhāti te
Vielerlei Verkehrtes sieht man in der Welt, o Bester der Zweifachgeborenen: Dharmgemäßes wird zu Adharma erklärt – was erscheint dir hierzu?

vaktuṃ bahuvidhaṃ śakyaṃ dharmādharmeṣu karmasu svakarmanirato yo hi sa yaśaḥ prāpnuyān mahat

Vielfältig ließe sich über Dharma und Adharma in den Handlungen sprechen; wer aber seiner eigenen Pflicht obliegt, erlangt großen Ruhm.‘“

Wort für Wort
vaktuṃ bahuvidhaṃ śakyaṃ dharmādharmeṣu karmasu svakarmanirato yo hi sa yaśaḥ prāpnuyān mahat
Vielfältig ließe sich über Dharma und Adharma in den Handlungen sprechen; wer aber seiner eigenen Pflicht obliegt, erlangt großen Ruhm.‘“

Dieses Kapitel in der Leseansicht