Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Vanaparva (Āraṇyakaparva)

Kapitel 236: Karṇavākyam Karṇas Schmeichelrede

Janamejaya bittet Vaiśaṃpāyana, den beschämten Einzug Duryodhanas ausführlich zu schildern. Vaiśaṃpāyana berichtet, wie Duryodhana, von Scham gebeugt, mit seinem Heer lagert; Karṇa tritt zu ihm und hält eine schmeichelhafte, jedoch mit der Wirklichkeit auffällig kontrastierende Rede, in der er Duryodhanas angeblichen Sieg über die Gandharvas preist, während er selbst seine eigene Flucht schildert. Das Kapitel endet damit, dass Duryodhana, unter Tränen und mit gesenktem Haupt, zu einer Erwiderung ansetzt - der Auftakt zu seiner großen Verzweiflungsrede.

janamejaya uvāca śatrubhir jitabaddhasya pāṇḍavaiś ca mahātmabhiḥ mokṣitasya yudhā paścān mānasthasya durātmanaḥ

Janamejaya sprach: „Von den Feinden besiegt und gefesselt, dann von den hochherzigen Pāṇḍavas im Kampf wieder befreit, doch danach immer noch stolzgeschwellt, dieses Bösgesinnten,

Wort für Wort
janamejaya uvāca śatrubhir jitabaddhasya pāṇḍavaiś ca mahātmabhiḥ mokṣitasya yudhā paścān mānasthasya durātmanaḥ
Janamejaya sprach: „Von den Feinden besiegt und gefesselt, dann von den hochherzigen Pāṇḍavas im Kampf wieder befreit, doch danach immer noch stolzgeschwellt, dieses Bösgesinnten,

katthanasyāvaliptasya garvitasya ca nityaśaḥ sadā ca pauruṣaudāryaiḥ pāṇḍavān avamanyataḥ

des Prahlerischen, Überheblichen, stets Hochmütigen, der die Pāṇḍavas immerzu wegen ihrer Tapferkeit und Großmut verachtet,

Wort für Wort
katthanasyāvaliptasya garvitasya ca nityaśaḥ sadā ca pauruṣaudāryaiḥ pāṇḍavān avamanyataḥ
des Prahlerischen, Überheblichen, stets Hochmütigen, der die Pāṇḍavas immerzu wegen ihrer Tapferkeit und Großmut verachtet,

duryodhanasya pāpasya nityāhaṃkāravādinaḥ praveśo hāstinapure duṣkaraḥ pratibhāti me

des sündigen Duryodhana, der ständig Worte des Eigendünkels führt - dessen Einzug in Hāstinapura scheint mir schwer vorstellbar.

Wort für Wort
duryodhanasya pāpasya nityāhaṃkāravādinaḥ praveśo hāstinapure duṣkaraḥ pratibhāti me
des sündigen Duryodhana, der ständig Worte des Eigendünkels führt - dessen Einzug in Hāstinapura scheint mir schwer vorstellbar.

tasya lajjānvitasyaiva śokavyākulacetasaḥ praveśaṃ vistareṇa tvaṃ vaiśaṃpāyana kīrtaya

Schildere mir ausführlich, Vaiśaṃpāyana, den Einzug jenes von Scham Erfüllten, dessen Sinn von Kummer verwirrt war.“

Wort für Wort
tasya lajjānvitasyaiva śokavyākulacetasaḥ praveśaṃ vistareṇa tvaṃ vaiśaṃpāyana kīrtaya
Schildere mir ausführlich, Vaiśaṃpāyana, den Einzug jenes von Scham Erfüllten, dessen Sinn von Kummer verwirrt war.“

vaiśaṃpāyana uvāca dharmarājanisṛṣṭas tu dhārtarāṣṭraḥ suyodhanaḥ lajjayādhomukhaḥ sīdann upāsarpat suduḥkhitaḥ

Von dem Rechtskönig entlassen, näherte sich der Sohn Dhṛtarāṣṭras, Suyodhana, das Gesicht vor Scham gesenkt, verzagend und überaus bekümmert, [seiner Stadt].

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca dharmarājanisṛṣṭas tu dhārtarāṣṭraḥ suyodhanaḥ lajjayādhomukhaḥ sīdann upāsarpat suduḥkhitaḥ
Von dem Rechtskönig entlassen, näherte sich der Sohn Dhṛtarāṣṭras, Suyodhana, das Gesicht vor Scham gesenkt, verzagend und überaus bekümmert, [seiner Stadt].

svapuraṃ prayayau rājā caturaṅgabalānugaḥ śokopahatayā buddhyā cintayānaḥ parābhavam

Der König zog zu seiner eigenen Stadt, begleitet von der vierteiligen Streitmacht, mit von Kummer geschlagenem Sinn über seine Niederlage nachdenkend.

Wort für Wort
svapuraṃ prayayau rājā caturaṅgabalānugaḥ śokopahatayā buddhyā cintayānaḥ parābhavam
Der König zog zu seiner eigenen Stadt, begleitet von der vierteiligen Streitmacht, mit von Kummer geschlagenem Sinn über seine Niederlage nachdenkend.

vimucya pathi yānāni deśe suyavasodake saṃniviṣṭaḥ śubhe ramye bhūmibhāge yathepsitam hastyaśvarathapādātaṃ yathāsthānaṃ nyaveśayat

Nachdem er unterwegs die Fahrzeuge abgespannt hatte und sich an einem Ort mit gutem Weideland und Wasser niedergelassen hatte, an einem schönen, lieblichen Landstrich, wie es ihm beliebte, ließ er Elefanten, Pferde, Wagen und Fußvolk an ihren jeweiligen Plätzen lagern.

Wort für Wort
vimucya pathi yānāni deśe suyavasodake saṃniviṣṭaḥ śubhe ramye bhūmibhāge yathepsitam hastyaśvarathapādātaṃ yathāsthānaṃ nyaveśayat
Nachdem er unterwegs die Fahrzeuge abgespannt hatte und sich an einem Ort mit gutem Weideland und Wasser niedergelassen hatte, an einem schönen, lieblichen Landstrich, wie es ihm beliebte, ließ er Elefanten, Pferde, Wagen und Fußvolk an ihren jeweiligen Plätzen lagern.

athopaviṣṭaṃ rājānaṃ paryaṅke jvalanaprabhe upaplutaṃ yathā somaṃ rāhuṇā rātrisaṃkṣaye upagamyābravīt karṇo duryodhanam idaṃ tadā

Da trat Karṇa zu dem auf einem feuerglänzenden Lager sitzenden König, der wie der von Rāhu bei nächtlicher Verfinsterung verschlungene Mond aussah, heran und sprach zu Duryodhana dieses Wort:

Wort für Wort
athopaviṣṭaṃ rājānaṃ paryaṅke jvalanaprabhe upaplutaṃ yathā somaṃ rāhuṇā rātrisaṃkṣaye upagamyābravīt karṇo duryodhanam idaṃ tadā
Da trat Karṇa zu dem auf einem feuerglänzenden Lager sitzenden König, der wie der von Rāhu bei nächtlicher Verfinsterung verschlungene Mond aussah, heran und sprach zu Duryodhana dieses Wort:

diṣṭyā jīvasi gāndhāre diṣṭyā naḥ saṃgamaḥ punaḥ diṣṭyā tvayā jitāś caiva gandharvāḥ kāmarūpiṇaḥ

‚Zum Glück lebst du noch, Sohn der Gāndhārī, zum Glück ist uns ein Wiedersehen vergönnt, und zum Glück wurden von dir die nach Belieben die Gestalt wechselnden Gandharvas besiegt.

Wort für Wort
diṣṭyā jīvasi gāndhāre diṣṭyā naḥ saṃgamaḥ punaḥ diṣṭyā tvayā jitāś caiva gandharvāḥ kāmarūpiṇaḥ
‚Zum Glück lebst du noch, Sohn der Gāndhārī, zum Glück ist uns ein Wiedersehen vergönnt, und zum Glück wurden von dir die nach Belieben die Gestalt wechselnden Gandharvas besiegt.

Karṇas Worte stehen in auffälligem, wohl bewusst ironischem Gegensatz zu den tatsächlichen Ereignissen: Duryodhana wurde von den Gandharvas gefangen genommen und erst durch die Pāṇḍavas befreit, keineswegs von ihm selbst besiegt. Die schmeichelhafte Umdeutung dient offenbar dazu, Duryodhanas Gesicht zu wahren.

diṣṭyā samagrān paśyāmi bhrātṝṃs te kurunandana vijigīṣūn raṇān muktān nirjitārīn mahārathān

Zum Glück sehe ich deine sämtlichen Brüder, Spross der Kurus, sieggierig, aus der Schlacht befreit, die Feinde bezwungen habend, große Wagenkämpfer.

Wort für Wort
diṣṭyā samagrān paśyāmi bhrātṝṃs te kurunandana vijigīṣūn raṇān muktān nirjitārīn mahārathān
Zum Glück sehe ich deine sämtlichen Brüder, Spross der Kurus, sieggierig, aus der Schlacht befreit, die Feinde bezwungen habend, große Wagenkämpfer.

ahaṃ tv abhidrutaḥ sarvair gandharvaiḥ paśyatas tava nāśaknuvaṃ sthāpayituṃ dīryamāṇāṃ svavāhinīm

Ich aber wurde, vor deinen Augen, von sämtlichen Gandharvas angegriffen und vermochte meine sich auflösende Streitmacht nicht zu halten.

Wort für Wort
ahaṃ tv abhidrutaḥ sarvair gandharvaiḥ paśyatas tava nāśaknuvaṃ sthāpayituṃ dīryamāṇāṃ svavāhinīm
Ich aber wurde, vor deinen Augen, von sämtlichen Gandharvas angegriffen und vermochte meine sich auflösende Streitmacht nicht zu halten.

śarakṣatāṅgaś ca bhṛśaṃ vyapayāto 'bhipīḍitaḥ idaṃ tv atyadbhutaṃ manye yad yuṣmān iha bhārata

Mit von Pfeilen schwer verwundeten Gliedern zog ich mich, bedrängt, zurück; doch dies halte ich für höchst erstaunlich, dass ich euch hier, o Bhārata,

Wort für Wort
śarakṣatāṅgaś ca bhṛśaṃ vyapayāto 'bhipīḍitaḥ idaṃ tv atyadbhutaṃ manye yad yuṣmān iha bhārata
Mit von Pfeilen schwer verwundeten Gliedern zog ich mich, bedrängt, zurück; doch dies halte ich für höchst erstaunlich, dass ich euch hier, o Bhārata,

ariṣṭān akṣatāṃś cāpi sadāradhanavāhanān vimuktān saṃprapaśyāmi tasmād yuddhād amānuṣāt

unversehrt und unverwundet, samt euren Gattinnen, eurem Besitz und euren Fahrzeugen, aus jenem übermenschlichen Kampf befreit wiedersehe.

Wort für Wort
ariṣṭān akṣatāṃś cāpi sadāradhanavāhanān vimuktān saṃprapaśyāmi tasmād yuddhād amānuṣāt
unversehrt und unverwundet, samt euren Gattinnen, eurem Besitz und euren Fahrzeugen, aus jenem übermenschlichen Kampf befreit wiedersehe.

naitasya kartā loke 'smin pumān vidyeta bhārata yatkṛtaṃ te mahārāja saha bhrātṛbhir āhave

Keinen Mann gibt es in dieser Welt, o Bhārata, der zu vollbringen vermöchte, was du, o Großkönig, samt deinen Brüdern im Kampf vollbracht hast.‘

Wort für Wort
naitasya kartā loke 'smin pumān vidyeta bhārata yatkṛtaṃ te mahārāja saha bhrātṛbhir āhave
Keinen Mann gibt es in dieser Welt, o Bhārata, der zu vollbringen vermöchte, was du, o Großkönig, samt deinen Brüdern im Kampf vollbracht hast.‘

evam uktas tu karṇena rājā duryodhanas tadā uvācāvākśirā rājan bāṣpagadgadayā girā

So von Karṇa angesprochen, erwiderte König Duryodhana da, o König, das Haupt gesenkt, mit von Tränen erstickter Stimme -

Wort für Wort
evam uktas tu karṇena rājā duryodhanas tadā uvācāvākśirā rājan bāṣpagadgadayā girā
So von Karṇa angesprochen, erwiderte König Duryodhana da, o König, das Haupt gesenkt, mit von Tränen erstickter Stimme -

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