Kapitel 259: Rāmopākhyānam (2)
Rāvaṇas Askese und Aufstieg zur Macht
Mārkaṇḍeyas Erzählung setzt sich fort: Kubera versucht vergeblich, seinen zornigen Vater Viśravas zu besänftigen und schenkt ihm drei Rākṣasī-Frauen, aus denen Kumbhakarṇa, Daśagrīva (Rāvaṇa), Vibhīṣaṇa, Khara und Śūrpaṇakhā hervorgehen. Nach jahrelanger strenger Askese gewährt Brahmā jedem der Brüder einen Wunsch: Rāvaṇa erhält Unverwundbarkeit vor allen Wesen außer Menschen, Kumbhakarṇa erbittet unbedacht endlosen Schlaf, und Vibhīṣaṇa, der einzig um unerschütterliche Rechtschaffenheit bittet, erhält von Brahmā Unsterblichkeit als Belohnung für seine Tugend. Rāvaṇa vertreibt daraufhin seinen Halbbruder Kubera aus Laṅkā und raubt dessen Flugwagen Puṣpaka, wird jedoch von Kubera verflucht; Vibhīṣaṇa bleibt Rāvaṇa dennoch treu, wird Heerführer, und der neu gekrönte Rāvaṇa beginnt, Götter und Daityas zu plündern und in Furcht zu versetzen - woher sein Name 'Rāvaṇa' (der Schreienmacher) rührt.
sarve vedavidaḥ śūrāḥ sarve sucaritavratāḥ ūṣuḥ pitrā saha ratā gandhamādanaparvate
Alle waren kundig der Veden, heldenhaft, alle von wohlvollzogenen Gelübden; sie verweilten zusammen mit ihrem Vater, vergnügt, auf dem Berg Gandhamādana.
Wort für Wort
sarve vedavidaḥ śūrāḥ sarve sucaritavratāḥ ūṣuḥ pitrā saha ratā gandhamādanaparvate
Alle waren kundig der Veden, heldenhaft, alle von wohlvollzogenen Gelübden; sie verweilten zusammen mit ihrem Vater, vergnügt, auf dem Berg Gandhamādana.
Als tausend Jahre voll waren, schnitt sich der Zehnköpfige, der Unbezwingbare, den Kopf ab und opferte ihn ins Feuer; darüber wurde der Herr der Welt zufrieden.
Als tausend Jahre voll waren, schnitt sich der Zehnköpfige, der Unbezwingbare, den Kopf ab und opferte ihn ins Feuer; darüber wurde der Herr der Welt zufrieden.
tato brahmā svayaṃ gatvā tapasas tān nyavārayat pralobhya varadānena sarvān eva pṛthak pṛthak
Darauf, selbst herbeikommend, hielt Brahmā sie von der Askese ab, indem er sie durch die Gewährung von Wünschen anlockte, alle einzeln, einen nach dem anderen.
Wort für Wort
tato brahmā svayaṃ gatvā tapasas tān nyavārayat pralobhya varadānena sarvān eva pṛthak pṛthak
Darauf, selbst herbeikommend, hielt Brahmā sie von der Askese ab, indem er sie durch die Gewährung von Wünschen anlockte, alle einzeln, einen nach dem anderen.
brahmovāca prīto 'smi vo nivartadhvaṃ varān vṛṇuta putrakāḥ yad yad iṣṭam ṛte tv ekam amaratvaṃ tathāstu tat
‚Zufrieden bin ich mit euch; kehrt um, wählt Wünsche, meine Söhne; was auch immer ihr begehrt - mit Ausnahme der einen Unsterblichkeit - so sei es euch gewährt.
Wort für Wort
brahmovāca prīto 'smi vo nivartadhvaṃ varān vṛṇuta putrakāḥ yad yad iṣṭam ṛte tv ekam amaratvaṃ tathāstu tat
‚Zufrieden bin ich mit euch; kehrt um, wählt Wünsche, meine Söhne; was auch immer ihr begehrt - mit Ausnahme der einen Unsterblichkeit - so sei es euch gewährt.
vairūpyaṃ ca na te dehe kāmarūpadharas tathā bhaviṣyasi raṇe 'rīṇāṃ vijetāsi na saṃśayaḥ
Und keine Missgestalt wird an deinem Körper sein; ebenso wirst du die Gestalt nach Belieben annehmen können; im Kampf wirst du die Feinde bezwingen, ohne Zweifel.‘
Wort für Wort
vairūpyaṃ ca na te dehe kāmarūpadharas tathā bhaviṣyasi raṇe 'rīṇāṃ vijetāsi na saṃśayaḥ
Und keine Missgestalt wird an deinem Körper sein; ebenso wirst du die Gestalt nach Belieben annehmen können; im Kampf wirst du die Feinde bezwingen, ohne Zweifel.‘
kumbhakarṇam athovāca tathaiva prapitāmahaḥ sa vavre mahatīṃ nidrāṃ tamasā grastacetanaḥ
Zu Kumbhakarṇa sprach darauf ebenso der Urgroßvater; er aber erbat sich einen langen Schlaf, sein Bewusstsein von Finsternis ergriffen. [?]
Wort für Wort
kumbhakarṇam athovāca tathaiva prapitāmahaḥ sa vavre mahatīṃ nidrāṃ tamasā grastacetanaḥ
Zu Kumbhakarṇa sprach darauf ebenso der Urgroßvater; er aber erbat sich einen langen Schlaf, sein Bewusstsein von Finsternis ergriffen. [?]
Der Grund für Kumbhakarṇas verhängnisvolle Bitte um endlosen Schlaf statt eines nützlicheren Wunsches wird hier knapp mit "von Tamas/Finsternis ergriffenem Bewusstsein" erklärt; ausführlichere Fassungen der Rāma-Erzählung berichten von einer göttlichen List (Sarasvatī verwirrt seine Zunge), die hier nicht ausgeführt wird.
tathā bhaviṣyatīty uktvā vibhīṣaṇam uvāca ha varaṃ vṛṇīṣva putra tvaṃ prīto 'smīti punaḥ punaḥ
‚So sei es‘, sprach er, und wandte sich dann an Vibhīṣaṇa: ‚Wähle einen Wunsch, mein Sohn; ich bin zufrieden mit dir‘ - so sprach er wieder und wieder.
Wort für Wort
tathā bhaviṣyatīty uktvā vibhīṣaṇam uvāca ha varaṃ vṛṇīṣva putra tvaṃ prīto 'smīti punaḥ punaḥ
‚So sei es‘, sprach er, und wandte sich dann an Vibhīṣaṇa: ‚Wähle einen Wunsch, mein Sohn; ich bin zufrieden mit dir‘ - so sprach er wieder und wieder.
brahmovāca yasmād rākṣasayonau te jātasyāmitrakarśana nādharme ramate buddhir amaratvaṃ dadāmi te
‚Weil dein Sinn, obwohl du aus einem Rākṣasa-Schoß geboren bist, o Bezwinger der Feinde, sich nicht am Unrecht erfreut, gewähre ich dir Unsterblichkeit.‘
Wort für Wort
brahmovāca yasmād rākṣasayonau te jātasyāmitrakarśana nādharme ramate buddhir amaratvaṃ dadāmi te
‚Weil dein Sinn, obwohl du aus einem Rākṣasa-Schoß geboren bist, o Bezwinger der Feinde, sich nicht am Unrecht erfreut, gewähre ich dir Unsterblichkeit.‘
Der Rākṣasa Daśagrīva aber, nachdem er den Wunsch erlangt hatte, o Herrscher der Menschen, vertrieb, nachdem er ihn im Kampf besiegt hatte, den Herrn der Reichtümer aus Laṅkā.
Der Rākṣasa Daśagrīva aber, nachdem er den Wunsch erlangt hatte, o Herrscher der Menschen, vertrieb, nachdem er ihn im Kampf besiegt hatte, den Herrn der Reichtümer aus Laṅkā.
daśagrīvas tu daityānāṃ devānāṃ ca balotkaṭaḥ ākramya ratnāny aharat kāmarūpī vihaṃgamaḥ
Daśagrīva aber, von übermächtiger Kraft, überfiel die Daityas und Götter und raubte ihre Juwelen, nach Belieben seine Gestalt wandelnd, durch die Luft fliegend.
Wort für Wort
daśagrīvas tu daityānāṃ devānāṃ ca balotkaṭaḥ ākramya ratnāny aharat kāmarūpī vihaṃgamaḥ
Daśagrīva aber, von übermächtiger Kraft, überfiel die Daityas und Götter und raubte ihre Juwelen, nach Belieben seine Gestalt wandelnd, durch die Luft fliegend.
Weil er die Welten zum Aufschreien brachte, deshalb wird er 'Rāvaṇa' genannt; Daśagrīva, nach Belieben mit Kraft begabt, flößte den Göttern Furcht ein.“
Weil er die Welten zum Aufschreien brachte, deshalb wird er 'Rāvaṇa' genannt; Daśagrīva, nach Belieben mit Kraft begabt, flößte den Göttern Furcht ein.“