Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Vanaparva (Āraṇyakaparva)

Kapitel 107: Bhagīrathatapaḥ - Gaṅgāvaraḥ Bhagīrathas Buße - Die Gabe der Gaṅgā

Lomaśas Erzählung (offen seit Kapitel 98) wird fortgesetzt: Bhagīratha übergibt sein Reich seinem Minister und übt am Himavat tausend Jahre furchtbare Buße, bis die Gaṅgā ihm leibhaftig erscheint und ihm einen Wunsch gewährt. Er bittet sie, zur Läuterung seiner im Ozean verbrannten Vorväter herabzusteigen; sie willigt ein, warnt aber, dass ihre Fallwucht nur von Śiva getragen werden kann. Bhagīratha begibt sich daraufhin zum Kailāsa, um Śiva zufriedenzustellen und dessen Zustimmung zu erlangen.

sa tu rājā maheṣvāsaś cakravartī mahārathaḥ babhūva sarvalokasya manonayananandanaḥ

Lomaśa sprach: Jener König aber, ein großer Bogenschütze, ein Weltenherrscher, ein großer Wagenkrieger, wurde zur Freude von Sinn und Augen aller Welt.

Wort für Wort
sa tu rājā maheṣvāsaś cakravartī mahārathaḥ babhūva sarvalokasya manonayananandanaḥ
Lomaśa sprach: Jener König aber, ein großer Bogenschütze, ein Weltenherrscher, ein großer Wagenkrieger, wurde zur Freude von Sinn und Augen aller Welt.

sa śuśrāva mahābāhuḥ kapilena mahātmanā pitṝṇāṃ nidhanaṃ ghoram aprāptiṃ tridivasya ca

Er, der Starkarmige, vernahm von dem hochgesinnten Kapila den furchtbaren Untergang seiner Vorväter und ihr Nichterlangen des dritten Himmels.

Wort für Wort
sa śuśrāva mahābāhuḥ kapilena mahātmanā pitṝṇāṃ nidhanaṃ ghoram aprāptiṃ tridivasya ca
Er, der Starkarmige, vernahm von dem hochgesinnten Kapila den furchtbaren Untergang seiner Vorväter und ihr Nichterlangen des dritten Himmels.

sa rājyaṃ sacive nyasya hṛdayena vidūyatā jagāma himavatpārśvaṃ tapas taptuṃ nareśvaraḥ

Er, mit von Schmerz zerrissenem Herzen, übergab das Königreich seinem Minister und begab sich, der Herrscher der Menschen, an die Seite des Himavat, um Buße zu üben.

Wort für Wort
sa rājyaṃ sacive nyasya hṛdayena vidūyatā jagāma himavatpārśvaṃ tapas taptuṃ nareśvaraḥ
Er, mit von Schmerz zerrissenem Herzen, übergab das Königreich seinem Minister und begab sich, der Herrscher der Menschen, an die Seite des Himavat, um Buße zu üben.

ārirādhayiṣur gaṅgāṃ tapasā dagdhakilbiṣaḥ so 'paśyata naraśreṣṭha himavantaṃ nagottamam

Begierig, die Gaṅgā zu gewinnen, durch Buße seine Verfehlungen verbrennend, erblickte er, o Bester der Menschen, den Himavat, den besten der Berge,

Wort für Wort
ārirādhayiṣur gaṅgāṃ tapasā dagdhakilbiṣaḥ so 'paśyata naraśreṣṭha himavantaṃ nagottamam
Begierig, die Gaṅgā zu gewinnen, durch Buße seine Verfehlungen verbrennend, erblickte er, o Bester der Menschen, den Himavat, den besten der Berge,

śṛṅgair bahuvidhākārair dhātumadbhir alaṃkṛtam pavanālambibhir meghaiḥ pariṣvaktaṃ samantataḥ

mit Gipfeln von mannigfacher Gestalt, von Mineralien geschmückt, von windgetragenen Wolken von allen Seiten umschlungen,

Wort für Wort
śṛṅgair bahuvidhākārair dhātumadbhir alaṃkṛtam pavanālambibhir meghaiḥ pariṣvaktaṃ samantataḥ
mit Gipfeln von mannigfacher Gestalt, von Mineralien geschmückt, von windgetragenen Wolken von allen Seiten umschlungen,

nadīkuñjanitambaiś ca sodakair upaśobhitam guhākandarasaṃlīnaiḥ siṃhavyāghrair niṣevitam

mit Flussgebüsch-Hängen, von Wasser geschmückt, von in Höhlen und Schluchten sich bergenden Löwen und Tigern bewohnt,

Wort für Wort
nadīkuñjanitambaiś ca sodakair upaśobhitam guhākandarasaṃlīnaiḥ siṃhavyāghrair niṣevitam
mit Flussgebüsch-Hängen, von Wasser geschmückt, von in Höhlen und Schluchten sich bergenden Löwen und Tigern bewohnt,

śakunaiś ca vicitrāṅgaiḥ kūjadbhir vividhā giraḥ bhṛṅgarājais tathā haṃsair dātyūhair jalakukkuṭaiḥ

von Vögeln mit bunten Gliedern, mancherlei Rufe girrend, von Bhṛṅgarāja-Vögeln, ebenso von Schwänen, Dātyūha-Vögeln und Wasserhühnern,

Wort für Wort
śakunaiś ca vicitrāṅgaiḥ kūjadbhir vividhā giraḥ bhṛṅgarājais tathā haṃsair dātyūhair jalakukkuṭaiḥ
von Vögeln mit bunten Gliedern, mancherlei Rufe girrend, von Bhṛṅgarāja-Vögeln, ebenso von Schwänen, Dātyūha-Vögeln und Wasserhühnern,

mayūraiḥ śatapatraiś ca kokilair jīvajīvakaiḥ cakorair asitāpāṅgais tathā putrapriyair api

von Pfauen und Śatapatra-Vögeln, von Kokilas und Jīvajīvaka-Vögeln, von Cakora-Vögeln mit dunklen Augenwinkeln, und ebenso von Putrapriya-Vögeln bewohnt,

Wort für Wort
mayūraiḥ śatapatraiś ca kokilair jīvajīvakaiḥ cakorair asitāpāṅgais tathā putrapriyair api
von Pfauen und Śatapatra-Vögeln, von Kokilas und Jīvajīvaka-Vögeln, von Cakora-Vögeln mit dunklen Augenwinkeln, und ebenso von Putrapriya-Vögeln bewohnt,

jalasthāneṣu ramyeṣu padminībhiś ca saṃkulam sārasānāṃ ca madhurair vyāhṛtaiḥ samalaṃkṛtam

an anmutigen Gewässerstellen voller Lotosteiche, geschmückt mit den süßen Rufen der Kraniche,

Wort für Wort
jalasthāneṣu ramyeṣu padminībhiś ca saṃkulam sārasānāṃ ca madhurair vyāhṛtaiḥ samalaṃkṛtam
an anmutigen Gewässerstellen voller Lotosteiche, geschmückt mit den süßen Rufen der Kraniche,

kiṃnarair apsarobhiś ca niṣevitaśilātalam diśāgajaviṣāṇāgraiḥ samantād ghṛṣṭapādapam

mit von Kiṃnaras und Apsaras bewohnten Felsflächen, mit Bäumen, die von den Stoßzahnspitzen der Himmelsrichtungs-Elefanten von allen Seiten gescheuert waren,

Wort für Wort
kiṃnarair apsarobhiś ca niṣevitaśilātalam diśāgajaviṣāṇāgraiḥ samantād ghṛṣṭapādapam
mit von Kiṃnaras und Apsaras bewohnten Felsflächen, mit Bäumen, die von den Stoßzahnspitzen der Himmelsrichtungs-Elefanten von allen Seiten gescheuert waren,

vidyādharānucaritaṃ nānāratnasamākulam viṣolbaṇair bhujaṃgaiś ca dīptajihvair niṣevitam

von Vidyādharas durchstreift, voller mancherlei Juwelen, von giftstrotzenden Schlangen mit lodernden Zungen bewohnt,

Wort für Wort
vidyādharānucaritaṃ nānāratnasamākulam viṣolbaṇair bhujaṃgaiś ca dīptajihvair niṣevitam
von Vidyādharas durchstreift, voller mancherlei Juwelen, von giftstrotzenden Schlangen mit lodernden Zungen bewohnt,

kva cit kanakasaṃkāśaṃ kva cid rajatasaṃnibham kva cid añjanapuñjābhaṃ himavantam upāgamat

da golden erscheinend, dort silbern anmutend, da wieder wie ein Haufen Augensalbe anzusehen - so erreichte er den Himavat.

Wort für Wort
kva cit kanakasaṃkāśaṃ kva cid rajatasaṃnibham kva cid añjanapuñjābhaṃ himavantam upāgamat
da golden erscheinend, dort silbern anmutend, da wieder wie ein Haufen Augensalbe anzusehen - so erreichte er den Himavat.

sa tu tatra naraśreṣṭhas tapo ghoraṃ samāśritaḥ phalamūlāmbubhakṣo 'bhūt sahasraṃ parivatsarān

Dort aber, der Beste der Menschen, gab er sich furchtbarer Buße hin, lebte von Früchten, Wurzeln und Wasser, tausend Jahre lang.

Wort für Wort
sa tu tatra naraśreṣṭhas tapo ghoraṃ samāśritaḥ phalamūlāmbubhakṣo 'bhūt sahasraṃ parivatsarān
Dort aber, der Beste der Menschen, gab er sich furchtbarer Buße hin, lebte von Früchten, Wurzeln und Wasser, tausend Jahre lang.

saṃvatsarasahasre tu gate divye mahānadī darśayām āsa taṃ gaṅgā tadā mūrtimatī svayam

Als aber tausend göttliche Jahre vergangen waren, zeigte sich ihm der große Fluss Gaṅgā da selbst in leibhaftiger Gestalt.

Wort für Wort
saṃvatsarasahasre tu gate divye mahānadī darśayām āsa taṃ gaṅgā tadā mūrtimatī svayam
Als aber tausend göttliche Jahre vergangen waren, zeigte sich ihm der große Fluss Gaṅgā da selbst in leibhaftiger Gestalt.

gaṅgovāca kim icchasi mahārāja mattaḥ kiṃ ca dadāni te tad bravīhi naraśreṣṭha kariṣyāmi vacas tava

Gaṅgā sprach: 'Was wünschst du, Großkönig, von mir, und was soll ich dir geben? Sage es, Bester der Menschen; ich werde dein Wort erfüllen.'

Wort für Wort
gaṅgovāca kim icchasi mahārāja mattaḥ kiṃ ca dadāni te tad bravīhi naraśreṣṭha kariṣyāmi vacas tava
Gaṅgā sprach: 'Was wünschst du, Großkönig, von mir, und was soll ich dir geben? Sage es, Bester der Menschen; ich werde dein Wort erfüllen.'

evam uktaḥ pratyuvāca rājā haimavatīṃ tadā pitāmahā me varade kapilena mahānadi anveṣamāṇās turagaṃ nītā vaivasvatakṣayam

Lomaśa sprach: So angesprochen, erwiderte der König da der Himavat-Tochter: 'Meine Urväter, o Gabenspenderin, großer Fluss, wurden, während sie das Pferd suchten, von Kapila in Vivasvats Reich geschickt.

Wort für Wort
evam uktaḥ pratyuvāca rājā haimavatīṃ tadā pitāmahā me varade kapilena mahānadi anveṣamāṇās turagaṃ nītā vaivasvatakṣayam
Lomaśa sprach: So angesprochen, erwiderte der König da der Himavat-Tochter: 'Meine Urväter, o Gabenspenderin, großer Fluss, wurden, während sie das Pferd suchten, von Kapila in Vivasvats Reich geschickt.

ṣaṣṭis tāni sahasrāṇi sāgarāṇāṃ mahātmanām kāpilaṃ teja āsādya kṣaṇena nidhanaṃ gatāḥ

Jene sechzigtausend hochgesinnten Söhne Sagaras sind, nachdem sie Kapilas Glut erreicht hatten, im Nu dem Untergang verfallen.

Wort für Wort
ṣaṣṭis tāni sahasrāṇi sāgarāṇāṃ mahātmanām kāpilaṃ teja āsādya kṣaṇena nidhanaṃ gatāḥ
Jene sechzigtausend hochgesinnten Söhne Sagaras sind, nachdem sie Kapilas Glut erreicht hatten, im Nu dem Untergang verfallen.

teṣām evaṃ vinaṣṭānāṃ svarge vāso na vidyate yāvat tāni śarīrāṇi tvaṃ jalair nābhiṣiñcasi

Für sie, die so umgekommen sind, gibt es keinen Aufenthalt im Himmel, solange du nicht jene Leiber mit deinem Wasser besprengst.

Wort für Wort
teṣām evaṃ vinaṣṭānāṃ svarge vāso na vidyate yāvat tāni śarīrāṇi tvaṃ jalair nābhiṣiñcasi
Für sie, die so umgekommen sind, gibt es keinen Aufenthalt im Himmel, solange du nicht jene Leiber mit deinem Wasser besprengst.

svargaṃ naya mahābhāge matpitṝn sagarātmajān teṣām arthe 'bhiyācāmi tvām ahaṃ vai mahānadi

Führe zum Himmel, Hochgesegnete, meine Vorväter, die Söhne Sagaras; um ihretwillen bitte ich dich flehentlich, du großer Fluss.'

Wort für Wort
svargaṃ naya mahābhāge matpitṝn sagarātmajān teṣām arthe 'bhiyācāmi tvām ahaṃ vai mahānadi
Führe zum Himmel, Hochgesegnete, meine Vorväter, die Söhne Sagaras; um ihretwillen bitte ich dich flehentlich, du großer Fluss.'

etac chrutvā vaco rājño gaṅgā lokanamaskṛtā bhagīratham idaṃ vākyaṃ suprītā samabhāṣata

Nachdem sie dieses Wort des Königs gehört hatte, sprach Gaṅgā, von der Welt verehrt, hocherfreut dieses Wort zu Bhagīratha:

Wort für Wort
etac chrutvā vaco rājño gaṅgā lokanamaskṛtā bhagīratham idaṃ vākyaṃ suprītā samabhāṣata
Nachdem sie dieses Wort des Königs gehört hatte, sprach Gaṅgā, von der Welt verehrt, hocherfreut dieses Wort zu Bhagīratha:

kariṣyāmi mahārāja vacas te nātra saṃśayaḥ vegaṃ tu mama durdhāryaṃ patantyā gaganāc cyutam

'Ich werde dein Wort erfüllen, Großkönig, daran ist kein Zweifel; doch meine Wucht, kaum zu halten, wenn ich vom Himmel herabfalle,

Wort für Wort
kariṣyāmi mahārāja vacas te nātra saṃśayaḥ vegaṃ tu mama durdhāryaṃ patantyā gaganāc cyutam
'Ich werde dein Wort erfüllen, Großkönig, daran ist kein Zweifel; doch meine Wucht, kaum zu halten, wenn ich vom Himmel herabfalle,

na śaktas triṣu lokeṣu kaś cid dhārayituṃ nṛpa anyatra vibudhaśreṣṭhān nīlakaṇṭhān maheśvarāt

vermag niemand in den drei Welten zu tragen, o König, außer dem Besten der Götter, dem Blauhalsigen, dem großen Herrn.

Wort für Wort
na śaktas triṣu lokeṣu kaś cid dhārayituṃ nṛpa anyatra vibudhaśreṣṭhān nīlakaṇṭhān maheśvarāt
vermag niemand in den drei Welten zu tragen, o König, außer dem Besten der Götter, dem Blauhalsigen, dem großen Herrn.

taṃ toṣaya mahābāho tapasā varadaṃ haram sa tu māṃ pracyutāṃ devaḥ śirasā dhārayiṣyati kariṣyati ca te kāmaṃ pitṝṇāṃ hitakāmyayā

Stelle ihn zufrieden, Starkarmiger, durch Buße, den Gabenspender Hara; er, der Gott, wird mich, wenn ich herabstürze, mit seinem Haupt auffangen und deinen Wunsch erfüllen, im Verlangen nach dem Wohl deiner Vorväter.'

Wort für Wort
taṃ toṣaya mahābāho tapasā varadaṃ haram sa tu māṃ pracyutāṃ devaḥ śirasā dhārayiṣyati kariṣyati ca te kāmaṃ pitṝṇāṃ hitakāmyayā
Stelle ihn zufrieden, Starkarmiger, durch Buße, den Gabenspender Hara; er, der Gott, wird mich, wenn ich herabstürze, mit seinem Haupt auffangen und deinen Wunsch erfüllen, im Verlangen nach dem Wohl deiner Vorväter.'

etac chrutvā vaco rājan mahārājo bhagīrathaḥ kailāsaṃ parvataṃ gatvā toṣayām āsa śaṃkaram

Nachdem er dieses Wort gehört hatte, o König, ging der Großkönig Bhagīratha zum Berg Kailāsa und stellte Śaṃkara zufrieden.

Wort für Wort
etac chrutvā vaco rājan mahārājo bhagīrathaḥ kailāsaṃ parvataṃ gatvā toṣayām āsa śaṃkaram
Nachdem er dieses Wort gehört hatte, o König, ging der Großkönig Bhagīratha zum Berg Kailāsa und stellte Śaṃkara zufrieden.

tatas tena samāgamya kālayogena kena cit agṛhṇāc ca varaṃ tasmād gaṅgāyā dhāraṇaṃ nṛpa svargavāsaṃ samuddiśya pitṝṇāṃ sa narottamaḥ

Da, nachdem er mit ihm nach einiger Zeit zusammengetroffen war, empfing er von ihm die Gabe, die Gaṅgā zu tragen, o König, er, der Beste der Menschen, im Hinblick auf den Himmelsaufenthalt seiner Vorväter.

Wort für Wort
tatas tena samāgamya kālayogena kena cit agṛhṇāc ca varaṃ tasmād gaṅgāyā dhāraṇaṃ nṛpa svargavāsaṃ samuddiśya pitṝṇāṃ sa narottamaḥ
Da, nachdem er mit ihm nach einiger Zeit zusammengetroffen war, empfing er von ihm die Gabe, die Gaṅgā zu tragen, o König, er, der Beste der Menschen, im Hinblick auf den Himmelsaufenthalt seiner Vorväter.

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