Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Vanaparva (Āraṇyakaparva)

Kapitel 286: Kavacakuṇḍalāharaṇaparva (3) Karṇas Entschluss und der Tausch-Plan

Karṇa entgegnet Sūrya: seine Ergebenheit gelte ihm über alles, doch von seinem Gelübde, keinem Bittenden - selbst um den Preis des eigenen Lebens - eine Bitte abzuschlagen, werde er nicht abweichen; er vertraut zudem auf seine bei Paraśurāma und Droṇa erworbene Waffenkraft, um dennoch gegen Arjuna bestehen zu können. Da Sūrya das unerschütterliche Gelübde erkennt, ändert er die Strategie: er rät Karṇa, die Ohrringe nur im Tausch gegen Indras unfehlbare, feindvernichtende Śakti-Waffe herzugeben - eine Waffe, die stets tötet, bevor sie zum Werfenden zurückkehrt. Karṇa berichtet den Traum am nächsten Morgen bei seiner Sonnenverehrung, und Sūrya bestätigt ihm lächelnd dessen Wahrheit. Karṇa wartet fortan auf Indras Erscheinen, um den vorgeschlagenen Tausch zu vollziehen.

karṇa uvāca bhagavantam ahaṃ bhakto yathā māṃ vettha gopate tathā paramatigmāṃśo nānyaṃ devaṃ kathaṃ cana

Karṇa sprach: ‚So wie du, Herr der Strahlen, weißt, dass ich dem Erhabenen ergeben bin, ebenso wisse, dass ich keinem anderen Gott in irgendeiner Weise ergeben bin, du von überaus scharfen Strahlen.

Wort für Wort
karṇa uvāca bhagavantam ahaṃ bhakto yathā māṃ vettha gopate tathā paramatigmāṃśo nānyaṃ devaṃ kathaṃ cana
Karṇa sprach: ‚So wie du, Herr der Strahlen, weißt, dass ich dem Erhabenen ergeben bin, ebenso wisse, dass ich keinem anderen Gott in irgendeiner Weise ergeben bin, du von überaus scharfen Strahlen.

na me dārā na me putrā na cātmā suhṛdo na ca tatheṣṭā vai sadā bhaktyā yathā tvaṃ gopate mama

Nicht meine Gattinnen, nicht meine Söhne, nicht ich selbst, nicht Freunde, noch das mir sonst Liebe sind mir je durch Hingabe so [teuer], wie du, Herr der Strahlen, es mir bist.

Wort für Wort
na me dārā na me putrā na cātmā suhṛdo na ca tatheṣṭā vai sadā bhaktyā yathā tvaṃ gopate mama
Nicht meine Gattinnen, nicht meine Söhne, nicht ich selbst, nicht Freunde, noch das mir sonst Liebe sind mir je durch Hingabe so [teuer], wie du, Herr der Strahlen, es mir bist.

iṣṭānāṃ ca mahātmāno bhaktānāṃ ca na saṃśayaḥ kurvanti bhaktim iṣṭāṃ ca jānīṣe tvaṃ ca bhāskara

Und die Hochherzigen erweisen ohne Zweifel denen, die ihnen lieb und ergeben sind, die ihnen gebührende Hingabe - auch das weißt du, Lichtbringer.

Wort für Wort
iṣṭānāṃ ca mahātmāno bhaktānāṃ ca na saṃśayaḥ kurvanti bhaktim iṣṭāṃ ca jānīṣe tvaṃ ca bhāskara
Und die Hochherzigen erweisen ohne Zweifel denen, die ihnen lieb und ergeben sind, die ihnen gebührende Hingabe - auch das weißt du, Lichtbringer.

iṣṭo bhaktaś ca me karṇo na cānyad daivataṃ divi jānīta iti vai kṛtvā bhagavān āha maddhitam

Weil du erkannt hast, dass dir Karṇa lieb und ergeben ist und im Himmel keinem anderen Gottwesen [huldigt], hast du, Erhabener, mir zu meinem Heil gesprochen.

Wort für Wort
iṣṭo bhaktaś ca me karṇo na cānyad daivataṃ divi jānīta iti vai kṛtvā bhagavān āha maddhitam
Weil du erkannt hast, dass dir Karṇa lieb und ergeben ist und im Himmel keinem anderen Gottwesen [huldigt], hast du, Erhabener, mir zu meinem Heil gesprochen.

Die im Sanskrit hier eingebettete direkte Selbstreflexion Sūryas wurde zur Vermeidung einer dritten Zitatebene in indirekte Rede umgeformt.

bhūyaś ca śirasā yāce prasādya ca punaḥ punaḥ iti bravīmi tigmāṃśo tvaṃ tu me kṣantum arhasi

Und wiederum bitte ich mit gesenktem Haupt, dich immer wieder gnädig stimmend - dies spreche ich, du Scharfstrahliger; du aber sollst mir verzeihen.

Wort für Wort
bhūyaś ca śirasā yāce prasādya ca punaḥ punaḥ iti bravīmi tigmāṃśo tvaṃ tu me kṣantum arhasi
Und wiederum bitte ich mit gesenktem Haupt, dich immer wieder gnädig stimmend - dies spreche ich, du Scharfstrahliger; du aber sollst mir verzeihen.

bibhemi na tathā mṛtyor yathā bibhye 'nṛtād aham viśeṣeṇa dvijātīnāṃ sarveṣāṃ sarvadā satām pradāne jīvitasyāpi na me 'trāsti vicāraṇā

Ich fürchte den Tod nicht so sehr, wie ich die Unwahrhaftigkeit fürchte, zumal gegenüber all den Zweifachgeborenen, die stets rechtschaffen sind; beim Hingeben, selbst meines eigenen Lebens, gibt es für mich hierbei kein Zögern.

Wort für Wort
bibhemi na tathā mṛtyor yathā bibhye 'nṛtād aham viśeṣeṇa dvijātīnāṃ sarveṣāṃ sarvadā satām pradāne jīvitasyāpi na me 'trāsti vicāraṇā
Ich fürchte den Tod nicht so sehr, wie ich die Unwahrhaftigkeit fürchte, zumal gegenüber all den Zweifachgeborenen, die stets rechtschaffen sind; beim Hingeben, selbst meines eigenen Lebens, gibt es für mich hierbei kein Zögern.

yac ca mām āttha deva tvaṃ pāṇḍavaṃ phalgunaṃ prati vyetu saṃtāpajaṃ duḥkhaṃ tava bhāskara mānasam arjunaṃ prati māṃ caiva vijeṣyāmi raṇe 'rjunam

Und was du, Gott, mir bezüglich des Pāṇḍava Phalguna gesagt hast - dein daraus entstandener seelischer Kummer, Lichtbringer, soll hinsichtlich Arjuna vergehen; ich selbst werde Arjuna im Kampf besiegen.

Wort für Wort
yac ca mām āttha deva tvaṃ pāṇḍavaṃ phalgunaṃ prati vyetu saṃtāpajaṃ duḥkhaṃ tava bhāskara mānasam arjunaṃ prati māṃ caiva vijeṣyāmi raṇe 'rjunam
Und was du, Gott, mir bezüglich des Pāṇḍava Phalguna gesagt hast - dein daraus entstandener seelischer Kummer, Lichtbringer, soll hinsichtlich Arjuna vergehen; ich selbst werde Arjuna im Kampf besiegen.

tavāpi viditaṃ deva mamāpy astrabalaṃ mahat jāmadagnyād upāttaṃ yat tathā droṇān mahātmanaḥ

Auch dir, Gott, ist ja meine große Waffenkraft bekannt, die ich vom Sohn des Jamadagni erlangt habe, ebenso vom hochherzigen Droṇa.

Wort für Wort
tavāpi viditaṃ deva mamāpy astrabalaṃ mahat jāmadagnyād upāttaṃ yat tathā droṇān mahātmanaḥ
Auch dir, Gott, ist ja meine große Waffenkraft bekannt, die ich vom Sohn des Jamadagni erlangt habe, ebenso vom hochherzigen Droṇa.

idaṃ tvam anujānīhi suraśreṣṭha vrataṃ mama bhikṣate vajriṇe dadyām api jīvitam ātmanaḥ

Dies gestatte mir, Bester der Götter: mein Gelübde, dass ich dem bittenden Blitzträger sogar mein eigenes Leben geben würde.‘

Wort für Wort
idaṃ tvam anujānīhi suraśreṣṭha vrataṃ mama bhikṣate vajriṇe dadyām api jīvitam ātmanaḥ
Dies gestatte mir, Bester der Götter: mein Gelübde, dass ich dem bittenden Blitzträger sogar mein eigenes Leben geben würde.‘

sūrya uvāca yadi tāta dadāsy ete vajriṇe kuṇḍale śubhe tvam apy enam atho brūyā vijayārthaṃ mahābala

Sūrya sprach: ‚Wenn du, mein Sohn, dem Blitzträger diese beiden glückverheißenden Ohrringe gibst, dann sollst du, Starkkräftiger, um des Sieges willen, ihm auch dies vorschlagen:

Wort für Wort
sūrya uvāca yadi tāta dadāsy ete vajriṇe kuṇḍale śubhe tvam apy enam atho brūyā vijayārthaṃ mahābala
Sūrya sprach: ‚Wenn du, mein Sohn, dem Blitzträger diese beiden glückverheißenden Ohrringe gibst, dann sollst du, Starkkräftiger, um des Sieges willen, ihm auch dies vorschlagen:

niyamena pradadyās tvaṃ kuṇḍale vai śatakratoḥ avadhyo hy asi bhūtānāṃ kuṇḍalābhyāṃ samanvitaḥ

Du sollst dem Hunderter-Opferer die Ohrringe nur unter einer Bedingung geben, denn mit den Ohrringen ausgestattet bist du für alle Wesen unbesiegbar.

Wort für Wort
niyamena pradadyās tvaṃ kuṇḍale vai śatakratoḥ avadhyo hy asi bhūtānāṃ kuṇḍalābhyāṃ samanvitaḥ
Du sollst dem Hunderter-Opferer die Ohrringe nur unter einer Bedingung geben, denn mit den Ohrringen ausgestattet bist du für alle Wesen unbesiegbar.

arjunena vināśaṃ hi tava dānavasūdanaḥ prārthayāno raṇe vatsa kuṇḍale te jihīrṣati

Denn der Dānava-Vernichter wünscht, mein Kind, deine Vernichtung durch Arjuna im Kampf und will dir deshalb die Ohrringe entwenden.

Wort für Wort
arjunena vināśaṃ hi tava dānavasūdanaḥ prārthayāno raṇe vatsa kuṇḍale te jihīrṣati
Denn der Dānava-Vernichter wünscht, mein Kind, deine Vernichtung durch Arjuna im Kampf und will dir deshalb die Ohrringe entwenden.

sa tvam apy enam ārādhya sūnṛtābhiḥ punaḥ punaḥ abhyarthayethā deveśam amoghārthaṃ puraṃdaram

So sollst auch du ihn, den Herrn der Götter, den Städtezerstörer, immer wieder mit freundlich-wahren Worten besänftigen und ihn um eine unfehlbare Waffe bitten,

Wort für Wort
sa tvam apy enam ārādhya sūnṛtābhiḥ punaḥ punaḥ abhyarthayethā deveśam amoghārthaṃ puraṃdaram
So sollst auch du ihn, den Herrn der Götter, den Städtezerstörer, immer wieder mit freundlich-wahren Worten besänftigen und ihn um eine unfehlbare Waffe bitten,

amoghāṃ dehi me śaktim amitravinibarhiṇīm dāsyāmi te sahasrākṣa kuṇḍale varma cottamam

indem du ihm vorschlägst, er möge dir im Gegenzug für die Ohrringe und den vortrefflichen Panzer die unfehlbare, feindvernichtende Śakti-Waffe geben.

Wort für Wort
amoghāṃ dehi me śaktim amitravinibarhiṇīm dāsyāmi te sahasrākṣa kuṇḍale varma cottamam
indem du ihm vorschlägst, er möge dir im Gegenzug für die Ohrringe und den vortrefflichen Panzer die unfehlbare, feindvernichtende Śakti-Waffe geben.

Der im Sanskrit als wörtliche Rede formulierte Gegenvorschlag (die Worte, die Karṇa zu Indra sprechen soll) wurde zur Vermeidung einer dritten Zitatebene in indirekte Rede umgeformt.

ity evaṃ niyamena tvaṃ dadyāḥ śakrāya kuṇḍale tayā tvaṃ karṇa saṃgrāme haniṣyasi raṇe ripūn

Unter dieser Bedingung sollst du Śakra die Ohrringe geben; mit jener Waffe wirst du, Karṇa, in der Schlacht deine Feinde im Kampf erschlagen.

Wort für Wort
ity evaṃ niyamena tvaṃ dadyāḥ śakrāya kuṇḍale tayā tvaṃ karṇa saṃgrāme haniṣyasi raṇe ripūn
Unter dieser Bedingung sollst du Śakra die Ohrringe geben; mit jener Waffe wirst du, Karṇa, in der Schlacht deine Feinde im Kampf erschlagen.

nāhatvā hi mahābāho śatrūn eti karaṃ punaḥ sā śaktir devarājasya śataśo 'tha sahasraśaḥ

Denn ohne Feinde erschlagen zu haben - seien es hundert oder tausend - kehrt jene Śakti-Waffe des Götterkönigs, Starkarmiger, nicht wieder in die Hand zurück.‘

Wort für Wort
nāhatvā hi mahābāho śatrūn eti karaṃ punaḥ sā śaktir devarājasya śataśo 'tha sahasraśaḥ
Denn ohne Feinde erschlagen zu haben - seien es hundert oder tausend - kehrt jene Śakti-Waffe des Götterkönigs, Starkarmiger, nicht wieder in die Hand zurück.‘

vaiśaṃpāyana uvāca evam uktvā sahasrāṃśuḥ sahasāntaradhīyata tataḥ sūryāya japyānte karṇaḥ svapnaṃ nyavedayat

Vaiśampāyana sprach: Nachdem er so gesprochen hatte, verschwand der Tausendstrahlige plötzlich. Danach, am Ende seiner Gebetsrezitation an Sūrya, berichtete Karṇa den Traum.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca evam uktvā sahasrāṃśuḥ sahasāntaradhīyata tataḥ sūryāya japyānte karṇaḥ svapnaṃ nyavedayat
Vaiśampāyana sprach: Nachdem er so gesprochen hatte, verschwand der Tausendstrahlige plötzlich. Danach, am Ende seiner Gebetsrezitation an Sūrya, berichtete Karṇa den Traum.

yathādṛṣṭaṃ yathātattvaṃ yathoktam ubhayor niśi tat sarvam ānupūrvyeṇa śaśaṃsāsmai vṛṣas tadā

Wie er ihn gesehen hatte, wie er sich wahrhaftig zugetragen hatte, wie es beiden in der Nacht gesagt worden war - all dies berichtete jener Stier unter den Männern ihm damals der Reihe nach.

Wort für Wort
yathādṛṣṭaṃ yathātattvaṃ yathoktam ubhayor niśi tat sarvam ānupūrvyeṇa śaśaṃsāsmai vṛṣas tadā
Wie er ihn gesehen hatte, wie er sich wahrhaftig zugetragen hatte, wie es beiden in der Nacht gesagt worden war - all dies berichtete jener Stier unter den Männern ihm damals der Reihe nach.

'Vṛṣaḥ' ('Stier') ist hier ein Beiname Karṇas; 'asmai' ('ihm') bezieht sich auf Sūrya, dem Karṇa den Traum während seiner täglichen Sonnenverehrung berichtet.

tac chrutvā bhagavān devo bhānuḥ svarbhānusūdanaḥ uvāca taṃ tathety eva karṇaṃ sūryaḥ smayann iva

Nachdem er dies gehört hatte, sprach der erhabene Gott Bhānu, der Bezwinger des Svarbhānu, gleichsam lächelnd zu Karṇa zustimmend, es solle so geschehen.

Wort für Wort
tac chrutvā bhagavān devo bhānuḥ svarbhānusūdanaḥ uvāca taṃ tathety eva karṇaṃ sūryaḥ smayann iva
Nachdem er dies gehört hatte, sprach der erhabene Gott Bhānu, der Bezwinger des Svarbhānu, gleichsam lächelnd zu Karṇa zustimmend, es solle so geschehen.

tatas tattvam iti jñātvā rādheyaḥ paravīrahā śaktim evābhikāṅkṣan vai vāsavaṃ pratyapālayat

Darauf, nachdem er die Wahrheit des Traumes erkannt hatte, wartete der Sohn der Rādhā, der Feindeshelden-Töter, einzig die Śakti-Waffe begehrend, auf Vāsava.

Wort für Wort
tatas tattvam iti jñātvā rādheyaḥ paravīrahā śaktim evābhikāṅkṣan vai vāsavaṃ pratyapālayat
Darauf, nachdem er die Wahrheit des Traumes erkannt hatte, wartete der Sohn der Rādhā, der Feindeshelden-Töter, einzig die Śakti-Waffe begehrend, auf Vāsava.

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