Kapitel 28: Draupadīvākyam
Draupadīs leidenschaftliche Klage über Yudhiṣṭhiras ausbleibenden Zorn
Am Abend klagt Draupadī Yudhiṣṭhira ihr Leid: Sie erinnert an den früheren Glanz des Hofes, die Speisung der Brāhmaṇas, die einstige Pracht der Brüder - und stellt dem den gegenwärtigen Zustand im Wald gegenüber. Immer wieder fragt sie, warum trotz all dieses Leids Yudhiṣṭhiras Zorn (manyu) nicht erwacht, und mahnt, ein Kṣatriya dürfe seinen Feinden gegenüber niemals grenzenlose Nachsicht üben, da nur Tatkraft die Feinde bezwingen könne.
Er, o König, der dich zusammen mit mir, in Fellgewänder gekleidet, und ebenso mit all deinen Brüdern kein Wort mehr ansprach, der bösgesinnte, übelgesinnte, empfand keinerlei Reue, nachdem er uns in den Wald geschickt hatte.
Er, o König, der dich zusammen mit mir, in Fellgewänder gekleidet, und ebenso mit all deinen Brüdern kein Wort mehr ansprach, der bösgesinnte, übelgesinnte, empfand keinerlei Reue, nachdem er uns in den Wald geschickt hatte.
Dich, der an Glück gewöhnt und des Leids nicht würdig ist, hat der bösgesinnte, üble Mensch samt seiner Freundesschar in solches Leid gestürzt und freut sich darüber.
Dich, der an Glück gewöhnt und des Leids nicht würdig ist, hat der bösgesinnte, üble Mensch samt seiner Freundesschar in solches Leid gestürzt und freut sich darüber.
idaṃ ca śayanaṃ dṛṣṭvā yac cāsīt te purātanam śocāmi tvāṃ mahārāja duḥkhānarhaṃ sukhocitam
Wenn ich dieses Lager sehe und mich an jenes erinnere, das früher das deine war, betrauere ich dich, o Großkönig, der du des Leids nicht würdig, an Glück gewöhnt bist.
Wort für Wort
idaṃ ca śayanaṃ dṛṣṭvā yac cāsīt te purātanam śocāmi tvāṃ mahārāja duḥkhānarhaṃ sukhocitam
Wenn ich dieses Lager sehe und mich an jenes erinnere, das früher das deine war, betrauere ich dich, o Großkönig, der du des Leids nicht würdig, an Glück gewöhnt bist.
Wenn ich an den elfenbeinernen, mit Juwelen geschmückten Sitz inmitten der Halle denke und dann dieses Kuśagras-Polster sehe, überwältigt mich dieser Kummer.
Wenn ich an den elfenbeinernen, mit Juwelen geschmückten Sitz inmitten der Halle denke und dann dieses Kuśagras-Polster sehe, überwältigt mich dieser Kummer.
Ich, die ich dich einst mit Sandelpaste gesalbt, von der Pracht der Sonne, sah, gerate nun, da ich dich mit Schlamm und Schmutz bedeckt sehe, in Verwirrung, o Bhārata.
Ich, die ich dich einst mit Sandelpaste gesalbt, von der Pracht der Sonne, sah, gerate nun, da ich dich mit Schlamm und Schmutz bedeckt sehe, in Verwirrung, o Bhārata.
yatīnām agṛhāṇāṃ te tathaiva gṛhamedhinām dīyate bhojanaṃ rājann atīva guṇavat prabho tac ca rājann apaśyantyāḥ kā śāntir hṛdayasya me
die den heimatlosen Asketen sowie den Hausvätern gegeben wurde, o König, überaus vortreffliche Speise, o Herr - da ich auch dies nicht mehr sehe, o König, welchen Frieden könnte mein Herz da finden?
Wort für Wort
yatīnām agṛhāṇāṃ te tathaiva gṛhamedhinām dīyate bhojanaṃ rājann atīva guṇavat prabho tac ca rājann apaśyantyāḥ kā śāntir hṛdayasya me
die den heimatlosen Asketen sowie den Hausvätern gegeben wurde, o König, überaus vortreffliche Speise, o Herr - da ich auch dies nicht mehr sehe, o König, welchen Frieden könnte mein Herz da finden?
yāṃs te bhrātṝn mahārāja yuvāno mṛṣṭakuṇḍalāḥ abhojayanta mṛṣṭānnaiḥ sūdāḥ paramasaṃskṛtaiḥ
Deine Brüder, o Großkönig, die jungen, mit glänzenden Ohrringen geschmückten, denen die Köche einst erlesene, aufs Beste zubereitete Speisen zu essen gaben -
Wort für Wort
yāṃs te bhrātṝn mahārāja yuvāno mṛṣṭakuṇḍalāḥ abhojayanta mṛṣṭānnaiḥ sūdāḥ paramasaṃskṛtaiḥ
Deine Brüder, o Großkönig, die jungen, mit glänzenden Ohrringen geschmückten, denen die Köche einst erlesene, aufs Beste zubereitete Speisen zu essen gaben -
bhīmasenam imaṃ cāpi duḥkhitaṃ vanavāsinam dhyāyantaṃ kiṃ na manyus te prāpte kāle vivardhate
Und auch, wenn ich diesen Bhīmasena sehe, im Wald wohnend, leidend, in Gedanken versunken - warum wächst dein Zorn nicht, da doch die Zeit dafür gekommen ist?
Wort für Wort
bhīmasenam imaṃ cāpi duḥkhitaṃ vanavāsinam dhyāyantaṃ kiṃ na manyus te prāpte kāle vivardhate
Und auch, wenn ich diesen Bhīmasena sehe, im Wald wohnend, leidend, in Gedanken versunken - warum wächst dein Zorn nicht, da doch die Zeit dafür gekommen ist?
bhīmasenaṃ hi karmāṇi svayaṃ kurvāṇam acyuta sukhārhaṃ duḥkhitaṃ dṛṣṭvā kasmān manyur na vardhate
Wenn du Bhīmasena siehst, wie er selbst niedere Arbeiten verrichtet, ihn, der des Glücks würdig ist, nun leidend - warum, o Unvergänglicher, wächst dein Zorn nicht?
Wort für Wort
bhīmasenaṃ hi karmāṇi svayaṃ kurvāṇam acyuta sukhārhaṃ duḥkhitaṃ dṛṣṭvā kasmān manyur na vardhate
Wenn du Bhīmasena siehst, wie er selbst niedere Arbeiten verrichtet, ihn, der des Glücks würdig ist, nun leidend - warum, o Unvergänglicher, wächst dein Zorn nicht?
yo 'rjunenārjunas tulyo dvibāhur bahubāhunā śarātisarge śīghratvāt kālāntakayamopamaḥ
Er, der mit seinen zwei Armen jenem vielarmigen Arjuna gleicht - unser Arjuna, der durch die Schnelligkeit seines Pfeilabschusses dem todbringenden Yama gleicht,
Wort für Wort
yo 'rjunenārjunas tulyo dvibāhur bahubāhunā śarātisarge śīghratvāt kālāntakayamopamaḥ
Er, der mit seinen zwei Armen jenem vielarmigen Arjuna gleicht - unser Arjuna, der durch die Schnelligkeit seines Pfeilabschusses dem todbringenden Yama gleicht,
[Anm.: Gemeint ist ein Vergleich mit dem sagenhaften tausendarmigen König Kārtavīrya Arjuna; der zweiarmige Arjuna wird ihm an Kraft gleichgestellt.]
dṛṣṭvā vanagataṃ pārtham aduḥkhārhaṃ sukhocitam na ca te vardhate manyus tena muhyāmi bhārata
Da ich den im Wald weilenden Pārtha sehe, der des Leids nicht würdig, an Glück gewöhnt ist, und dein Zorn dennoch nicht wächst, gerate ich darüber in Verwirrung, o Bhārata.
Wort für Wort
dṛṣṭvā vanagataṃ pārtham aduḥkhārhaṃ sukhocitam na ca te vardhate manyus tena muhyāmi bhārata
Da ich den im Wald weilenden Pārtha sehe, der des Leids nicht würdig, an Glück gewöhnt ist, und dein Zorn dennoch nicht wächst, gerate ich darüber in Verwirrung, o Bhārata.
na nirmanyuḥ kṣatriyo 'sti loke nirvacanaṃ smṛtam tad adya tvayi paśyāmi kṣatriye viparītavat
Es gibt in der Welt keinen Kṣatriya ohne Zorn - so lautet die überlieferte Erklärung; dies sehe ich heute bei dir, einem Kṣatriya, ins Gegenteil verkehrt.
Wort für Wort
na nirmanyuḥ kṣatriyo 'sti loke nirvacanaṃ smṛtam tad adya tvayi paśyāmi kṣatriye viparītavat
Es gibt in der Welt keinen Kṣatriya ohne Zorn - so lautet die überlieferte Erklärung; dies sehe ich heute bei dir, einem Kṣatriya, ins Gegenteil verkehrt.