Kapitel 197: Kauśikopākhyānam
Die Erzählung von Kauśika und der treuen Gattin
Mārkaṇḍeya erzählt die Geschichte des Brahmanen Kauśika, der aus Zorn einen Kranich mit seinem Blick verbrennt und daraufhin bei einer Frau um Almosen bittet, die ihn warten lässt, weil sie zuerst ihrem heimgekehrten, hungrigen Gatten dient. Als Kauśika sie deswegen tadelt, erklärt sie ihm in einer langen Lehrrede die höchste Pflicht der Gattin gegenüber ihrem Ehemann-als-Gottheit, warnt vor der Gefahr des Zorns selbst für Brahmanen und verweist ihn, da sie – ohne es gesehen zu haben – bereits von dem verbrannten Kranich weiß, an einen im Dharma noch kundigeren Jäger in Mithilā, womit die berühmte Vyādha-Gītā (die Lehre des Jägers) eingeleitet wird.
Mārkaṇḍeya sprach: „Es gab einst einen vorzüglichen Zweifachgeborenen, einen Vedastudierenden, in Askese reich, einen Asketen von frommem Wandel, namens Kauśika, o Bhārata.
Mārkaṇḍeya sprach: „Es gab einst einen vorzüglichen Zweifachgeborenen, einen Vedastudierenden, in Askese reich, einen Asketen von frommem Wandel, namens Kauśika, o Bhārata.
Dieser Kauśika ist ein anderer als der berühmte Weise Viśvāmitra, der denselben Beinamen trägt.
Er, der Beste der Zweifachgeborenen, studierte die Veden samt ihren Glied-Texten und Upaniṣaden; unter einem gewissen Baum stehend, rezitierte er die Veden.
Er, der Beste der Zweifachgeborenen, studierte die Veden samt ihren Glied-Texten und Upaniṣaden; unter einem gewissen Baum stehend, rezitierte er die Veden.
Als er dies erblickte, wurde der Zweifachgeborene zornig und betrachtete ihn nachdenklich; von heftigem Zorn überwältigt, wurde jener Kranich von ihm fixiert angeschaut.
Als er dies erblickte, wurde der Zweifachgeborene zornig und betrachtete ihn nachdenklich; von heftigem Zorn überwältigt, wurde jener Kranich von ihm fixiert angeschaut.
Vom Brahmanen mit bösem Blick bedacht, fiel er zu Boden; als er den Kranich gefallen sah, ohne Lebenskraft, bewusstlos, wurde der Zweifachgeborene von Mitleid ergriffen und beklagte ihn schmerzerfüllt.
Vom Brahmanen mit bösem Blick bedacht, fiel er zu Boden; als er den Kranich gefallen sah, ohne Lebenskraft, bewusstlos, wurde der Zweifachgeborene von Mitleid ergriffen und beklagte ihn schmerzerfüllt.
‚Eine Untat habe ich begangen, von Leidenschaft und Hass überwältigt‘, so sprach der Gelehrte wiederholt und begab sich zum Dorf, um Almosen zu erbitten.
‚Eine Untat habe ich begangen, von Leidenschaft und Hass überwältigt‘, so sprach der Gelehrte wiederholt und begab sich zum Dorf, um Almosen zu erbitten.
sā tu dṛṣṭvā patiṃ sādhvī brāhmaṇaṃ vyapahāya tam pādyam ācamanīyaṃ ca dadau bhartre tathāsanam
Als sie, die Tugendhafte, ihren Gatten erblickte, ließ sie den Brahmanen zurück und reichte ihrem Gatten Wasser für die Füße, Wasser zum Spülen des Mundes und einen Sitz.
Wort für Wort
sā tu dṛṣṭvā patiṃ sādhvī brāhmaṇaṃ vyapahāya tam pādyam ācamanīyaṃ ca dadau bhartre tathāsanam
Als sie, die Tugendhafte, ihren Gatten erblickte, ließ sie den Brahmanen zurück und reichte ihrem Gatten Wasser für die Füße, Wasser zum Spülen des Mundes und einen Sitz.
Sie nun, als sie den Brahmanen erblickte, der wartend nach dem Almosen verlangte, während sie ihrem Gatten diente, erinnerte sich an ihn, die Holdäugige.
Sie nun, als sie den Brahmanen erblickte, der wartend nach dem Almosen verlangte, während sie ihrem Gatten diente, erinnerte sich an ihn, die Holdäugige.
Mārkaṇḍeya sprach: Als sie den Brahmanen erblickte, zornentbrannt, gleichsam vor Glut lodernd, sprach die Tugendhafte, o Herrscher der Menschen, zunächst besänftigende Worte:
Mārkaṇḍeya sprach: Als sie den Brahmanen erblickte, zornentbrannt, gleichsam vor Glut lodernd, sprach die Tugendhafte, o Herrscher der Menschen, zunächst besänftigende Worte:
brāhmaṇa uvāca brāhmaṇā na garīyāṃso garīyāṃs te patiḥ kṛtaḥ gṛhasthadharme vartantī brāhmaṇān avamanyase
Der Brahmane sprach: ‚Nicht sind Brahmanen von größerem Gewicht – zu größerem Gewicht hast du deinen Gatten gemacht! Im Haushalts-Dharma verweilend, verachtest du die Brahmanen.
Wort für Wort
brāhmaṇa uvāca brāhmaṇā na garīyāṃso garīyāṃs te patiḥ kṛtaḥ gṛhasthadharme vartantī brāhmaṇān avamanyase
Der Brahmane sprach: ‚Nicht sind Brahmanen von größerem Gewicht – zu größerem Gewicht hast du deinen Gatten gemacht! Im Haushalts-Dharma verweilend, verachtest du die Brahmanen.
indro 'py eṣāṃ praṇamate kiṃ punar mānuṣā bhuvi avalipte na jānīṣe vṛddhānāṃ na śrutaṃ tvayā brāhmaṇā hy agnisadṛśā daheyuḥ pṛthivīm api
Selbst Indra verneigt sich vor ihnen – wie viel mehr die Menschen auf Erden! Aufgeblasen erkennst du dies nicht; von den Alten hast du nichts gehört: Brahmanen können, dem Feuer gleich, sogar die Erde verbrennen.‘
Wort für Wort
indro 'py eṣāṃ praṇamate kiṃ punar mānuṣā bhuvi avalipte na jānīṣe vṛddhānāṃ na śrutaṃ tvayā brāhmaṇā hy agnisadṛśā daheyuḥ pṛthivīm api
Selbst Indra verneigt sich vor ihnen – wie viel mehr die Menschen auf Erden! Aufgeblasen erkennst du dies nicht; von den Alten hast du nichts gehört: Brahmanen können, dem Feuer gleich, sogar die Erde verbrennen.‘
Die Frau sprach: ‚Ich verachte nicht die Brahmanen, die den Göttern gleich, von hohem Sinn sind; diesen meinen Fehler solltest du mir verzeihen, du makelloser Weiser.
Die Frau sprach: ‚Ich verachte nicht die Brahmanen, die den Göttern gleich, von hohem Sinn sind; diesen meinen Fehler solltest du mir verzeihen, du makelloser Weiser.
asmiṃs tv atikrame brahman kṣantum arhasi me 'nagha patiśuśrūṣayā dharmo yaḥ sa me rocate dvija
Für diese meine Übertretung solltest du mir verzeihen, du makelloser Brahmane; der Dharma des Dienstes am Gatten ist es, der mir gefällt, du Zweifachgeborener.
Wort für Wort
asmiṃs tv atikrame brahman kṣantum arhasi me 'nagha patiśuśrūṣayā dharmo yaḥ sa me rocate dvija
Für diese meine Übertretung solltest du mir verzeihen, du makelloser Brahmane; der Dharma des Dienstes am Gatten ist es, der mir gefällt, du Zweifachgeborener.
daivateṣv api sarveṣu bhartā me daivataṃ param aviśeṣeṇa tasyāhaṃ kuryāṃ dharmaṃ dvijottama
Unter allen Gottheiten ist mein Gatte für mich die höchste Gottheit; ihm gegenüber, ohne Unterschied, will ich meinen Dharma erfüllen, du Bester der Zweifachgeborenen.
Wort für Wort
daivateṣv api sarveṣu bhartā me daivataṃ param aviśeṣeṇa tasyāhaṃ kuryāṃ dharmaṃ dvijottama
Unter allen Gottheiten ist mein Gatte für mich die höchste Gottheit; ihm gegenüber, ohne Unterschied, will ich meinen Dharma erfüllen, du Bester der Zweifachgeborenen.
Der Zorn ist der im Körper wohnende Feind der Menschen, du Bester der Zweifachgeborenen; wer Zorn und Verblendung ablegt, den kennen die Götter als wahren Brahmanen.
Der Zorn ist der im Körper wohnende Feind der Menschen, du Bester der Zweifachgeborenen; wer Zorn und Verblendung ablegt, den kennen die Götter als wahren Brahmanen.
Wer seine Sinne bezwungen hat, dem Dharma zugetan, dem eigenen Studium hingegeben, rein ist, dessen Begierde und Zorn bezähmt sind – den kennen die Götter als wahren Brahmanen.
Wer seine Sinne bezwungen hat, dem Dharma zugetan, dem eigenen Studium hingegeben, rein ist, dessen Begierde und Zorn bezähmt sind – den kennen die Götter als wahren Brahmanen.
yasya cātmasamo loko dharmajñasya manasvinaḥ sarvadharmeṣu ca ratas taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ
Wessen Welt dem eigenen Selbst gleicht, der den Dharma kennt und hochgesinnt ist, der an allen Dharmas Freude hat – den kennen die Götter als wahren Brahmanen.
Wort für Wort
yasya cātmasamo loko dharmajñasya manasvinaḥ sarvadharmeṣu ca ratas taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ
Wessen Welt dem eigenen Selbst gleicht, der den Dharma kennt und hochgesinnt ist, der an allen Dharmas Freude hat – den kennen die Götter als wahren Brahmanen.
brahmacārī ca vedānyo adhīyīta dvijottamaḥ svādhyāye cāpramatto vai taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ
Wer als Bester der Zweifachgeborenen als Brahmacārin die Veden studiert und im eigenen Studium unermüdlich ist – den kennen die Götter als wahren Brahmanen.
Wort für Wort
brahmacārī ca vedānyo adhīyīta dvijottamaḥ svādhyāye cāpramatto vai taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ
Wer als Bester der Zweifachgeborenen als Brahmacārin die Veden studiert und im eigenen Studium unermüdlich ist – den kennen die Götter als wahren Brahmanen.
dhanaṃ tu brāhmaṇasyāhuḥ svādhyāyaṃ damam ārjavam indriyāṇāṃ nigrahaṃ ca śāśvataṃ dvijasattama satyārjave dharmam āhuḥ paraṃ dharmavido janāḥ
Als Reichtum des Brahmanen aber gilt das eigene Studium, Selbstbeherrschung, Aufrichtigkeit und die beständige Bezähmung der Sinne, du Bester der Zweifachgeborenen; Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit nennen die Dharma-Kenner den höchsten Dharma.
Wort für Wort
dhanaṃ tu brāhmaṇasyāhuḥ svādhyāyaṃ damam ārjavam indriyāṇāṃ nigrahaṃ ca śāśvataṃ dvijasattama satyārjave dharmam āhuḥ paraṃ dharmavido janāḥ
Als Reichtum des Brahmanen aber gilt das eigene Studium, Selbstbeherrschung, Aufrichtigkeit und die beständige Bezähmung der Sinne, du Bester der Zweifachgeborenen; Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit nennen die Dharma-Kenner den höchsten Dharma.
durjñeyaḥ śāśvato dharmaḥ sa tu satye pratiṣṭhitaḥ śrutipramāṇo dharmaḥ syād iti vṛddhānuśāsanam
Schwer zu erkennen ist der ewige Dharma; er ist in der Wahrheit gegründet; ‚der Dharma soll durch die Śruti bewiesen sein‘ – so lautet die Lehre der Alten.
Wort für Wort
durjñeyaḥ śāśvato dharmaḥ sa tu satye pratiṣṭhitaḥ śrutipramāṇo dharmaḥ syād iti vṛddhānuśāsanam
Schwer zu erkennen ist der ewige Dharma; er ist in der Wahrheit gegründet; ‚der Dharma soll durch die Śruti bewiesen sein‘ – so lautet die Lehre der Alten.
bahudhā dṛśyate dharmaḥ sūkṣma eva dvijottama bhavān api ca dharmajñaḥ svādhyāyanirataḥ śuciḥ na tu tattvena bhagavan dharmān vetsīti me matiḥ
Mannigfach zeigt sich der Dharma, überaus fein, du Bester der Zweifachgeborenen; auch du bist ein Kenner des Dharma, deinem Studium hingegeben, rein – doch nicht der Wahrheit gemäß kennst du, wie mir scheint, die Dharmas, Erhabener.
Wort für Wort
bahudhā dṛśyate dharmaḥ sūkṣma eva dvijottama bhavān api ca dharmajñaḥ svādhyāyanirataḥ śuciḥ na tu tattvena bhagavan dharmān vetsīti me matiḥ
Mannigfach zeigt sich der Dharma, überaus fein, du Bester der Zweifachgeborenen; auch du bist ein Kenner des Dharma, deinem Studium hingegeben, rein – doch nicht der Wahrheit gemäß kennst du, wie mir scheint, die Dharmas, Erhabener.
mātāpitṛbhyāṃ śuśrūṣuḥ satyavādī jitendriyaḥ mithilāyāṃ vasan vyādhaḥ sa te dharmān pravakṣyati tatra gacchasva bhadraṃ te yathākāmaṃ dvijottama
Ein Jäger, der Vater und Mutter dient, wahrhaftig redet, seine Sinne bezwungen hat, in Mithilā wohnt – der wird dir die Dharmas verkünden; dorthin geh, Segen sei mit dir, wie es dir beliebt, du Bester der Zweifachgeborenen.
Wort für Wort
mātāpitṛbhyāṃ śuśrūṣuḥ satyavādī jitendriyaḥ mithilāyāṃ vasan vyādhaḥ sa te dharmān pravakṣyati tatra gacchasva bhadraṃ te yathākāmaṃ dvijottama
Ein Jäger, der Vater und Mutter dient, wahrhaftig redet, seine Sinne bezwungen hat, in Mithilā wohnt – der wird dir die Dharmas verkünden; dorthin geh, Segen sei mit dir, wie es dir beliebt, du Bester der Zweifachgeborenen.
brāhmaṇa uvāca prīto 'smi tava bhadraṃ te gataḥ krodhaś ca śobhane upālambhas tvayā hy ukto mama niḥśreyasaṃ param svasti te 'stu gamiṣyāmi sādhayiṣyāmi śobhane
Der Brahmane sprach: ‚Ich bin erfreut über dich, Segen sei mit dir, du Holde; mein Zorn ist geschwunden. Der Tadel, den du mir ausgesprochen hast, dient meinem höchsten Heil. Wohlergehen sei dir; ich werde gehen und mein Vorhaben vollbringen, du Vortreffliche.‘
Wort für Wort
brāhmaṇa uvāca prīto 'smi tava bhadraṃ te gataḥ krodhaś ca śobhane upālambhas tvayā hy ukto mama niḥśreyasaṃ param svasti te 'stu gamiṣyāmi sādhayiṣyāmi śobhane
Der Brahmane sprach: ‚Ich bin erfreut über dich, Segen sei mit dir, du Holde; mein Zorn ist geschwunden. Der Tadel, den du mir ausgesprochen hast, dient meinem höchsten Heil. Wohlergehen sei dir; ich werde gehen und mein Vorhaben vollbringen, du Vortreffliche.‘
mārkaṇḍeya uvāca tayā visṛṣṭo nirgamya svam eva bhavanaṃ yayau vinindan sa dvijo 'tmānaṃ kauśiko narasattama
Mārkaṇḍeya sprach: Von ihr entlassen, ging jener Zweifachgeborene, Kauśika, o Bester der Männer, fort und begab sich zu seinem eigenen Haus, sich selbst tadelnd.“
Wort für Wort
mārkaṇḍeya uvāca tayā visṛṣṭo nirgamya svam eva bhavanaṃ yayau vinindan sa dvijo 'tmānaṃ kauśiko narasattama
Mārkaṇḍeya sprach: Von ihr entlassen, ging jener Zweifachgeborene, Kauśika, o Bester der Männer, fort und begab sich zu seinem eigenen Haus, sich selbst tadelnd.“