Kapitel 10: bhīmavākyam karmapraśaṃsā
Bhīma tadelt Yudhiṣṭhiras Wunsch zu entsagen und fordert das Handeln
Bhīma antwortet auf Yudhiṣṭhiras Neigung zu Verzicht und Weltflucht: Der Kampf sei bereits geschehen, Entsagung bringe keine Vollendung, allein Handeln führe zum Erfolg.
bhīma uvāca; śrotriyasyeva te rājan mandakasyāvipaścitaḥ; anuvākahatābuddhir naiṣā tattvārthadarśinī
Bhīma sprach: „Wie bei einem bloßen Vedakundigen (Śrotriya), o König, bei einem Trägen, Unverständigen, ist dein Verstand durch das [bloße] Rezitieren der Vedaabschnitte (anuvāka) zerschlagen; dies ist nicht [die Einsicht], die den wahren Sinn erschaut.“
Wort für Wort
bhīma uvāca
Bhīma sprach (Perf. 3.Sg.)
śrotriyasya iva te rājan
wie bei einem Vedakundigen, dein, o König (Gen./Gen./Vok.)
mandakasya avipaścitaḥ
bei einem Trägen, Unverständigen (Gen. Sg.)
anuvāka-hata-abuddhiḥ
[dein] durch Anuvāka-Rezitation zerschlagener Verstand (Kompositum, Nom. Sg. f.)
na eṣā
nicht diese (Nom. Sg. f.)
tattva-artha-darśinī
den wahren Sinn erschauend (Nom. Sg. f.)
Zeile ‚anuvākahatābuddhiḥ‘: als anuvāka-hata-buddhiḥ gelesen; buddhi ist das Bezugswort zu eṣā.
Was ist die Frucht, Stier der Bharatas, für dich, dessen Sinn auf Trägheit gerichtet ist und der die Königspflicht missachtet, im Untergang der Dhṛtarāṣṭra-Söhne?
Wort für Wort
ālasye kṛtacittasya
für den, dessen Sinn auf Trägheit gerichtet ist (Lok./Gen.)
rājadharma-anasūyataḥ
der die Königspflicht nicht schätzt/missachtet (Gen. Sg. Part.)
vināśe dhārtarāṣṭrāṇām
im Untergang der Dhṛtarāṣṭra-Söhne (Lok./Gen. Pl.)
kiṃ phalam
was für eine Frucht (Nom.)
bharata-ṛṣabha
Stier der Bharatas (Vok.)
Syntax der Frage etwas elliptisch (Gen. bezieht sich auf Yudhiṣṭhira).
kṣamānukampā kāruṇyam ānṛśaṃsyaṃ na vidyate; kṣātram ācarato mārgam api bandhos tvadantare
Nachsicht, Mitleid, Barmherzigkeit und Nicht-Grausamkeit gibt es nicht bei dem, der den Weg des Kṣatriya beschreitet, [selbst] gegenüber einem Verwandten [?] – bei dir [aber gibt es sie].
ādadānasya ced rājyaṃ ye ke cit paripanthinaḥ; hantavyās ta iti prājñāḥ kṣatradharmavido viduḥ
Wenn bei einem, der ein Reich ergreift, welche Widersacher auch immer [auftreten], so müssen sie getötet werden – so wissen die Klugen, die die Kṣatriya-Pflicht kennen.
Wort für Wort
ādadānasya ced rājyam
wenn bei einem, der das Reich ergreift (Gen. Part.)
ye ke cit paripanthinaḥ
welche Widersacher auch immer (Nom. Pl.)
hantavyāḥ te iti
sie sind zu töten, so (Gerundiv)
prājñāḥ kṣatra-dharma-vidaḥ viduḥ
wissen die Klugen, Kenner der Kṣatriya-Pflicht (Perf. 3.Pl.)
Jene fehlerhaften Widersacher des Reiches sind von uns erschlagen worden; nachdem du sie erschlagen hast, genieße, Yudhiṣṭhira, diese Erde gemäß dem Dharma.
Wort für Wort
te sa-doṣāḥ hatāḥ asmābhiḥ
jene mit Schuld Behafteten wurden erschlagen von uns (Part. Pass./Instr.)
rājyasya paripanthinaḥ
die Widersacher des Reiches (Gen./Nom. Pl.)
tān hatvā
nachdem du sie erschlagen hast (Abs.)
bhuṅkṣva dharmeṇa
genieße gemäß dem Dharma (Imp. Med./Instr.)
yudhiṣṭhira mahīm imām
Yudhiṣṭhira, diese Erde (Vok./Akk.)
Zweiter Halbvers: hatvā mit Bezug auf Yudhiṣṭhira gelesen (‚nachdem sie erschlagen sind‘).
yathānnaṃ kṣudhito labdhvā na bhuñjīta yadṛcchayā; kāmī ca kāminīṃ labdhvā karmedaṃ nas tathāvidham
Wie ein Hungriger, der Speise erlangt hat, sie nicht nach Belieben äße, und ein Verliebter, der die Geliebte erlangt hat, [sie nicht genösse] – von derselben Art ist unser Werk.
Wort für Wort
yathā annam kṣudhitaḥ labdhvā
wie ein Hungriger, Speise erlangt habend (Nom./Abs.)
na bhuñjīta yadṛcchayā
nicht äße nach Belieben/zufällig (Opt. Med./Instr.)
kāmī ca kāminīm labdhvā
und ein Verliebter, eine Geliebte erlangt habend (Nom./Akk./Abs.)
karma idam naḥ tathāvidham
dieses unser Werk ist von der Art
‚na bhuñjīta‘ wirkt im zweiten Halbvers als [genösse nicht] fort.
Wie sollten die Leute uns, die wir ohne Ausweg [und] ohne Zuflucht sind, [deren] Ziele verloren sind, nicht [so] ansehen, wie sie uns [jetzt] sehen, [wo wir doch] Erfolg [erstreben]?
Wort für Wort
agatīn kā-gatīn asmān
uns, Wegelose, welchen Weg [habend]? (Akk. Pl.)
naṣṭa-arthān
deren Ziele verloren sind (Akk. Pl.)
artha-siddhaye
zur Erlangung des Ziels/Erfolgs (Dat.)
katham vai na anupaśyeyuḥ janāḥ
wie sollten die Leute nicht ansehen (Opt. 3.Pl.)
paśyanti yādṛśam
wie sie [uns] sehen (Präs. 3.Pl./Akk.)
Verderbt/unklar: agatīn kāgatīn und der Bezug von yādṛśam sind unsicher [?].
tasmād iha kṛtaprajñās tyāgaṃ na paricakṣate; dharmavyatikramaṃ cedaṃ manyante sūkṣmadarśinaḥ
Darum verkünden die, die hier ihre Einsicht gefasst haben, den Verzicht nicht [als Weg] und halten dies für eine Übertretung des Dharma, die Feinsichtigen.
Wort für Wort
tasmāt iha kṛta-prajñāḥ
daher hier [die], deren Einsicht gefasst ist (Abl./Nom. Pl.)
tyāgam na paricakṣate
den Verzicht verkünden [sie] nicht (Präs. Med. 3.Pl.)
dharma-vyatikramam ca idam
und dies [als] Verletzung des Dharma (Akk.)
manyante sūkṣma-darśinaḥ
halten [dafür] die Feinsichtigen (Präs. Med. 3.Pl./Nom.)
Bedeutung von paricakṣate (‚verkünden/empfehlen‘ vs. ‚verwerfen‘) unsicher [?].
kathaṃ tasmāt samutpannas tanniṣṭhas tad upāśrayaḥ; tad eva nindann āsīta śraddhā vānyatra gṛhyate
Wie könnte einer, der daraus hervorgegangen ist, darauf gegründet und daran hängend, eben dies tadeln und [so] dasitzen, oder wird [sein] Glaube anderswo hingerichtet?
Wort für Wort
katham tasmāt samutpannaḥ
wie [einer], daraus entstanden (Adv./Abl./Part.)
tat-niṣṭhaḥ tat-upāśrayaḥ
darauf gegründet, darauf gestützt (Nom. Sg.)
tat eva nindan āsīta
eben dies tadelnd säße (Part./Opt. Med.)
śraddhā vā anyatra gṛhyate
oder Glaube wird anderswo ergriffen (Nom./Pass. 3.Sg.)
Bezug von tasmāt/tat (wohl das weltliche Leben bzw. Kṣatriya-Dasein) unklar [?].
Von Glücklosen, Besitzlosen, Nihilisten (Nāstikas) wurde das Wissen der Vedalehre in Umlauf gebracht – Unwahrheit, die gleichsam den Anschein von Wahrheit trägt.
śakyaṃ tu mauṇḍyam āsthāya bibhratātmānam ātmanā; dharmacchadma samāsthāya āsituṃ na tu jīvitum
Möglich ist es freilich, nach Annahme des Kahlkopf-Standes sich selbst durch sich selbst zu erhalten, unter dem Vorwand des Dharma [nur] dazusitzen, nicht aber zu leben.
Wort für Wort
śakyam tu mauṇḍyam āsthāya
möglich ist es aber, den Kahlkopf-Stand angenommen habend (Abs.)
bibhratā ātmānam ātmanā
sich selbst durch sich selbst erhaltend (Instr. Part.)
Wenn nun [einer] nur in seinen eigenen Anteilen, nicht in denen anderer Vollendung erlangt [?] – darum ist Handeln allein zu tun; es gibt keine Vollendung ohne Handeln.
Wort für Wort
atha ced ātma-bhāgyeṣu
wenn nun in den eigenen Anteilen (Lok. Pl.)
na anyeṣām siddhim aśnute
nicht bei anderen Vollendung erlangt (Gen. Pl./Präs. Med.)
tasmāt karma eva kartavyam
darum ist Handeln allein zu tun (Gerundiv)
na asti siddhiḥ akarmaṇaḥ
es gibt keine Vollendung aus Nicht-Handeln (Abl.)
Erster Halbvers syntaktisch unsicher; ātmabhāgyeṣu als ‚in den eigenen Anteilen‘ gefasst [?].