Kapitel 305: utkramaṇasthānāni ariṣṭāni ca
Stätten des Hinausscheidens, Todeszeichen und die Überwindung des Todes durch Yoga
Yājñavalkya belehrt König Janaka: Je nach dem Körperteil, durch den die Seele scheidet, gelangt sie in einen bestimmten Götterbereich; es folgen Zeichen nahenden Todes und die Anweisung, ihn durch Yoga-Sammlung zu überwinden.
Yājñavalkya sprach: „Höre ebenso aufmerksam, König, vom Hinausscheiden [der Seele]: Wer mit den Füßen hinausscheidet, dem wird der Bereich Viṣṇus zugesprochen.“
Wort für Wort
yājñavalkya uvāca
Yājñavalkya sprach (Nom.Sg./3.Sg.Perf.)
tathaiva utkramamāṇaṃ tu
ebenso, aber das Hinausscheiden (Akk.Sg.n., Part.Präs.Med.)
śṛṇuṣva avahitaḥ nṛpa
höre aufmerksam, König (Imp.2.Sg.Med./Nom.Sg./Vok.Sg.)
padbhyām utkramamāṇasya
dem mit den Füßen Hinausscheidenden (Instr.Du./Gen.Sg.)
vaiṣṇavaṃ sthānam ucyate
der Bereich Viṣṇus wird genannt (Nom.Sg.n./Pass.3.Sg.)
Mit dem Nacken erlangt der Mensch jenen Besten der Ṛṣis, den Unübertrefflichen; mit dem Mund dann die Viśvedevas, mit dem Gehör die Himmelsrichtungen.
Wort für Wort
grīvāyāḥ tam
mit dem Nacken jenen (Abl./Instr.-Sinn Sg.f.; Akk.Sg.m.)
ṛṣiśreṣṭhaṃ naram
den Besten der Ṛṣis, den Mann/Menschen (Akk.Sg.)
āpnoti anuttamam
erlangt, den Unübertroffenen (Präs.3.Sg./Akk.Sg.m.)
viśvedevān mukhena atha
die Viśvedevas mit dem Mund sodann (Akk.Pl./Instr.Sg.)
diśaḥ śrotreṇa ca āpnuyāt
die Himmelsrichtungen mit dem Gehör erlangt er (Akk.Pl./Instr.Sg./Opt.3.Sg.)
grīvāyāḥ steht syntaktisch für den Instrumental (Genitiv/Ablativ-Form); der Mensch (nara) ist wohl Subjekt, tam ṛṣiśreṣṭham naram evtl. Bezeichnung des Urmenschen Nara/Nārāyaṇa-Ṛṣi [?].
Mit dem Scheitel erlangt er Brahmā, den Allgegenwärtigen, den Erstgeborenen der Götter. Dies sind die Stätten des Hinausscheidens, die genannt wurden, Herr von Mithilā.
Wort für Wort
brahmāṇam āpnoti vibhum
Brahmā erlangt er, den Allgegenwärtigen (Akk.Sg./Präs.3.Sg./Akk.Sg.)
mūrdhnā devāgrajaṃ tathā
mit dem Scheitel, ebenso den Erstgeborenen der Götter (Instr.Sg./Akk.Sg.)
etāni utkramaṇasthānāni
dies sind die Stätten des Hinausscheidens (Nom.Pl.n.)
ariṣṭāni tu vakṣyāmi vihitāni manīṣibhiḥ; saṃvatsaraviyogasya saṃbhaveyuḥ śarīriṇaḥ
Nun will ich die Unglückszeichen nennen, wie sie von den Weisen festgelegt wurden; sie können bei Verkörperten [als Anzeichen] der Trennung [vom Leben] innerhalb eines Jahres eintreten.
Wort für Wort
ariṣṭāni tu vakṣyāmi
die Unglückszeichen aber will ich nennen (Akk.Pl.n./Fut.1.Sg.)
vihitāni manīṣibhiḥ
festgesetzt von den Weisen (Part.Perf.Pass.Akk.Pl.n./Instr.Pl.)
saṃvatsaraviyogasya
der Trennung im/nach einem Jahr (Gen.Sg., Kompositum)
saṃbhaveyuḥ śarīriṇaḥ
können eintreten / entstehen bei Verkörperten (Opt.3.Pl./Lok.-Sinn Nom.Pl.m.)
Der zweite Halbvers ist syntaktisch knapp; wörtlich etwa „für Verkörperte mögen (sie) als [Zeichen] der Jahres-Trennung entstehen“ [?].
yo 'rundhatīṃ na paśyeta dṛṣṭapūrvāṃ kadā cana; tathaiva dhruvam ity āhuḥ pūrṇenduṃ dīpam eva ca; khaṇḍābhāsaṃ dakṣiṇatas te 'pi saṃvatsarāyuṣaḥ
Wer Arundhatī nicht sieht, die er früher schon gesehen hat, und ebenso den Polarstern, den Vollmond und die Lampe [nicht sieht] oder [sie] als zerstückelt erscheinend, von rechts [her] – auch diese haben noch ein Jahr zu leben.
Wort für Wort
yaḥ arundhatīṃ na paśyeta
wer Arundhatī nicht sieht (Nom.Sg./Akk.Sg./Opt.3.Sg.)
dṛṣṭapūrvāṃ kadā cana
die früher gesehen wurde, jemals (Part.Perf.Pass.Akk.Sg.f./Adv.)
tathā eva dhruvam iti āhuḥ
ebenso den Polarstern, so sagt man (Akk.Sg./Perf.3.Pl.)
pūrṇendum dīpam eva ca
den Vollmond und die Lampe (Akk.Sg.)
khaṇḍābhāsaṃ dakṣiṇataḥ
zerstückelt erscheinend, von rechts (Akk.Sg.n./Adv.)
te api saṃvatsarāyuṣaḥ
auch diese haben ein Jahr Lebenszeit (Nom.Pl.m., Bahuvrīhi)
Die Konstruktion ist verkürzt; Sinn des Halbverses „khaṇḍābhāsaṃ dakṣiṇataḥ“ unsicher [?].
paracakṣuṣi cātmānaṃ ye na paśyanti pārthiva; ātmacchāyākṛtībhūtaṃ te 'pi saṃvatsarāyuṣaḥ
Und wer sich selbst im Auge eines anderen nicht sieht, König, als bloßes Schattenbild seiner selbst geworden – auch diese haben nur noch ein Jahr zu leben.
Wort für Wort
paracakṣuṣi ca ātmānam
und im Auge eines anderen sich selbst (Lok.Sg.n./Akk.Sg.)
ye na paśyanti pārthiva
die nicht sehen, König (Rel.Nom.Pl./Präs.3.Pl./Vok.Sg.)
ātmacchāyākṛtībhūtam
zum Schatten-Abbild des Selbst geworden (Akk.Sg.m., Kompositum)
Übergroßer Glanz oder übergroße Einsicht, oder auch Unverstand und Glanzlosigkeit, ein Umschlag der [eigenen] Natur: das ist ein Todeszeichen für sechs Monate [vor dem Tod].
Wort für Wort
atidyutiḥ atiprajñā
übergroßer Glanz, übergroße Einsicht (Nom.Sg.f.)
aprajñā ca adyutiḥ tathā
und Unverstand und Glanzlosigkeit ebenso (Nom.Sg.f.)
prakṛteḥ vikriyāpattiḥ
Eintreten einer Veränderung der Natur (Gen.Sg./Nom.Sg.f.)
ṣaṇmāsāt mṛtyulakṣaṇam
Todeszeichen [gilt] für sechs Monate (Abl.Pl./Nom.Sg.n.)
ṣaṇmāsāt: Ablativ der Frist, „nach sechs Monaten“ bzw. „sechs Monate vorher“.
daivatāny avajānāti brāhmaṇaiś ca virudhyate; kṛṣṇaśyāvacchavicchāyaḥ ṣaṇmāsān mṛtyulakṣaṇam
Er missachtet die Götter und gerät mit Brahmanen in Streit; sein Aussehen [ist] von schwärzlich-dunklem Schimmer: das ist ein Todeszeichen für sechs Monate.
Wort für Wort
daivatāni avajānāti
er missachtet die Götter (Akk.Pl.n./Präs.3.Sg.)
brāhmaṇaiḥ ca virudhyate
und gerät in Streit mit Brahmanen (Instr.Pl./Präs.Pass.3.Sg.)
kṛṣṇaśyāvacchavicchāyaḥ
mit schwarzbraunem Hautschimmer (Nom.Sg.m., Bahuvrīhi)
Wer den Mond durchlöchert sieht, wie ein Rad mit zerfallener Nabe, und ebenso die Tausendstrahlige [Sonne], der ist nach sieben Nächten dem Tod verfallen.
Wort für Wort
śīrṇanābhi yathā cakram
wie ein Rad mit zerfallener Nabe (Adj.n./Adv./Nom.Sg.n.)
chidraṃ somaṃ prapaśyati
den Mond durchlöchert erblickt er (Akk.Sg.m./Präs.3.Sg.)
tathā eva ca sahasrāṃśum
und ebenso den Tausendstrahligen (Akk.Sg.m.)
saptarātreṇa mṛtyubhāk
nach sieben Nächten dem Tod verfallen (Instr.Sg./Nom.Sg.m.)
śavagandham upāghrāti surabhiṃ prāpya yo naraḥ; devatāyatanasthas tu ṣaḍrātreṇa sa mṛtyubhāk
Der Mensch, der Leichengeruch riecht, wo [eigentlich] Wohlgeruch ist, und dabei in einem Götterheiligtum steht: der ist nach sechs Nächten dem Tod verfallen.
Wort für Wort
śavagandham upāghrāti
Leichengeruch riecht er (Akk.Sg.m./Präs.3.Sg.)
surabhiṃ prāpya yaḥ naraḥ
nachdem er Wohlriechendes erreicht hat, der Mann, der (Ger./Akk.Sg./Nom.Sg.)
devatāyatanasthaḥ tu
in einem Götterheiligtum stehend aber (Nom.Sg.m.)
ṣaḍrātreṇa sa mṛtyubhāk
nach sechs Nächten ist er dem Tod verfallen (Instr.Sg./Nom.Sg.m.)
Das Einsinken von Ohren und Nase, Verfärbung von Zähnen und Augen, Verlust des Bewusstseins und Fehlen der Körperwärme: [das sind] Anzeichen des plötzlichen Todes.
Wort für Wort
karṇanāsāvanamanam
Einsinken/Herabhängen von Ohren und Nase (Nom.Sg.n.)
pratīkṣamāṇas tat kālaṃ yat kālaṃ prati tad bhavet; athāsya neṣṭaṃ maraṇaṃ sthātum icched imāṃ kriyām
Jenen Zeitpunkt erwartend, was auch immer zu [dieser] Zeit geschehen mag; wenn ihm aber der Tod nicht erwünscht ist [und] er verweilen will, so soll er diese Übung [ausführen].
Er gelangt, nachdem er das Unvergängliche ganz erreicht hat, zum ungeborenen, heilvollen, unvergänglichen, ewigen, unerschütterlichen Ort, der für die, deren Selbst nicht geschult ist, schwer zu erreichen ist.
Wort für Wort
gacchet prāpya akṣayam kṛtsnam
er möge gehen, das Unvergängliche ganz erreicht habend (Opt.3.Sg./Ger./Akk.Sg.n.)
ajanma śivam avyayam
ungeboren, heilvoll, unvergänglich (Akk.Sg.n.)
śāśvataṃ sthānam acalam
ewig, den Ort, unbeweglich (Akk.Sg.n.)
duṣprāpam akṛtātmabhiḥ
schwer erreichbar für die mit ungeschultem Selbst (Akk.Sg.n./Instr.Pl.m.)