Kapitel 155: tapasaḥ māhātmyam
Die Askese (Tapas) als Wurzel und höchste Kraft, mit dem Fasten als Gipfel
Bhīṣma preist das Tapas als Ursprung aller Wirkungen und stellt das Fasten als höchste Form heraus. Einzelne Verse (bes. 9 und 10) sind syntaktisch und lexikalisch schwierig.
bhīṣma uvāca; sarvam etat tapomūlaṃ kavayaḥ paricakṣate; na hy ataptatapā mūḍhaḥ kriyāphalam avāpyate
Bhīṣma sprach: Alles dies, sagen die Weisen, hat das Tapas zur Wurzel; denn ein Törichter, der kein Tapas geübt hat, erlangt nicht die Frucht [seines] Tuns.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
sarvam etat tapomūlaṃ
alles dies hat das Tapas zur Wurzel (Akk./Nom. Sg. n., Bahuvrīhi)
kavayaḥ paricakṣate
sagen die Weisen (Nom. Pl., 3.Pl.Präs. Med.)
na hy ataptatapā mūḍhaḥ
denn nicht [einer], der kein Tapas geübt hat, [als] Törichter (Nom. Sg., Bahuvrīhi)
kriyāphalam avāpyate
die Frucht des Tuns wird erlangt (Akk. Sg./3.Sg.Pass.)
tapaso hy ānupūrvyeṇa phalamūlānilāśanāḥ; trīṃl lokāṃs tapasā siddhāḥ paśyanti susamāhitāḥ
Denn nach der Reihe [ihres] Tapas sehen die Vollendeten, die sich von Früchten, Wurzeln und Luft nähren und tief gesammelt sind, durch Tapas die drei Welten.
Wort für Wort
tapaso hy ānupūrvyeṇa
denn gemäß der Stufenfolge des Tapas (Gen. Sg./Instr. Sg.)
phalamūlānilāśanāḥ
die sich von Früchten, Wurzeln und Luft nähren (Nom. Pl., Bahuvrīhi)
auṣadhāny agadādīni tisro vidyāś ca saṃskṛtāḥ; tapasaiva hi sidhyanti tapomūlaṃ hi sādhanam
Heilpflanzen, Gegenmittel und dergleichen sowie die drei Wissenschaften [Veden], [rituell] zubereitet, gelingen allein durch Tapas; denn das Tapas ist das Mittel [dazu], das Tapas hat [sie] zur Wurzel.
Wort für Wort
auṣadhāny agadādīni
Heilpflanzen, Gegenmittel und dergleichen (Nom. Pl. n., Kompositum)
tisro vidyāś ca
und die drei Wissenschaften (Nom. Pl. f.)
saṃskṛtāḥ
zubereitet/vollendet [?] (Nom. Pl. f., Part. Pass.)
tapasaiva hi sidhyanti
allein durch Tapas gelingen sie (Instr. Sg./3.Pl.Präs.)
tapomūlaṃ hi sādhanam
denn das Mittel hat das Tapas zur Wurzel (Nom. Sg. n., Bahuvrīhi)
saṃskṛtāḥ bezieht sich vermutlich auf die Zubereitung bzw. Weihe/Vollendung; Wiedergabe unsicher.
yad durāpaṃ durāmnāyaṃ durādharṣaṃ durutsaham; sarvaṃ tat tapasā śakyaṃ tapo hi duratikramam
Was schwer zu erlangen, schwer zu lernen, schwer zu bezwingen, schwer zu ertragen ist, all das ist durch Tapas möglich; denn das Tapas ist schwer zu überwinden.
Wort für Wort
yad durāpaṃ durāmnāyaṃ
was schwer erreichbar, schwer zu überliefern/lernen ist (Nom. Sg. n.)
durādharṣaṃ durutsaham
schwer zu bezwingen, schwer zu ertragen (Nom. Sg. n.)
sarvaṃ tat tapasā śakyaṃ
all das ist durch Tapas möglich (Nom. Sg. n./Instr. Sg.)
tapo hi duratikramam
denn das Tapas ist schwer zu überschreiten (Nom. Sg. n.)
Wer Branntwein trinkt, wer Unerlaubtes an sich nimmt, wer einen Embryo [bzw. Brahmanen] tötet, wer das Lager des Lehrers besteigt: [ein solcher] Mann wird allein durch gut geübtes Tapas von der Sünde befreit.
Wort für Wort
surāpo 'saṃmatādāyī
Branntwein-Trinker, Nehmer des Nichtgebilligten (Nom. Sg.)
bhrūṇahā
Embryo-Töter (Nom. Sg.)
gurutalpagaḥ
der zum Lager des Lehrers geht (Nom. Sg.)
tapasaiva sutaptena
allein durch gut geübtes Tapas (Instr. Sg./Part. Pass.)
naraḥ pāpād vimucyate
der Mann wird von der Sünde befreit (Nom. Sg./Abl. Sg./3.Sg.Pass.)
bhrūṇahā traditionell auch Brahmanenmörder; hier wörtlich Embryotöter.
tapaso bahurūpasya tais tair dvāraiḥ pravartataḥ; nivṛttyā vartamānasya tapo nānaśanāt param
Das Tapas hat viele Gestalten und wirkt durch jeweils verschiedene Tore; für den, der im Zurückziehen (Nivṛtti) lebt, gibt es kein höheres Tapas als das Fasten.
Wort für Wort
tapaso bahurūpasya
des vielgestaltigen Tapas (Gen. Sg. n.)
tais tair dvāraiḥ
durch jene jeweiligen Tore (Instr. Pl.)
pravartataḥ
das sich entfaltet (Gen. Sg. Part.)
nivṛttyā vartamānasya
für den, der in Zurückgezogenheit lebt (Instr. Sg./Gen. Sg. Part.)
tapo nānaśanāt param
Tapas [ist] nicht höher als Fasten (Nom. Sg./Abl. Sg.)
pravartataḥ (Gen. Du./Sg. Part.) ist syntaktisch auffällig; als Attribut zu tapasaḥ gefasst.
Nichts ist schwerer zu tun als das Geben; keine Lebensstufe [steht] über der Mutter [?]; höher als die Kenner der drei Wissenschaften gibt es nichts; Entsagung ist das höchste Tapas.
Wort für Wort
na duṣkarataraṃ dānān
nichts Schwereres als das Geben (Nom. Sg. n./Abl. Sg.)
nātimātaram āśramaḥ
keine Lebensstufe über die Mutter hinaus [?] (Nom. Sg. m./Akk. Sg.)
traividyebhyaḥ paraṃ nāsti
höher als die Kenner der drei Wissenschaften ist nichts (Abl. Pl./3.Sg.Präs.)
saṃnyāsaḥ paramaṃ tapaḥ
Entsagung [ist] das höchste Tapas (Nom. Sg. m./Nom. Sg. n.)
nātimātaram āśramaḥ ist unsicher und möglicherweise verderbt; die Wiedergabe ist vorläufig.
indriyāṇīha rakṣanti dhanadhānyābhiguptaye; tasmād arthe ca dharme ca tapo nānaśanāt param
Die Sinne [des Menschen] beschützen hier [nur], um Besitz und Getreide zu sichern [?]; darum gibt es für Nutzen (Artha) wie für Recht (Dharma) kein höheres Tapas als das Fasten.
Wort für Wort
indriyāṇīha rakṣanti
die Sinne hier beschützen [?] (Nom. Pl. n./3.Pl.Präs.)
dhanadhānyābhiguptaye
zur Sicherung von Besitz und Getreide (Dat. Sg.)
tasmād arthe ca dharme ca
darum in Bezug auf Nutzen und Recht (Abl. Sg./Lok. Sg.)
tapo nānaśanāt param
Tapas [ist] nicht höher als Fasten (Nom. Sg./Abl. Sg.)
Erste Hälfte syntaktisch unsicher (Objekt von rakṣanti fehlt); Wiedergabe vorläufig.
und die Wesen, die unbewegten und die, die anderen bewegten, welche es [gibt] ...
Wort für Wort
sthāvarāṇi ca bhūtāni
und unbewegte Wesen (Nom. Pl. n.)
carāṇy anyāni
bewegte, andere (Nom. Pl. n.)
yāni ca
und welche (Nom. Pl. n.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile der kritischen Ausgabe (Variante zu 11cd), nur in einem Teil der Handschriften.