Kapitel 162: saṃdheyāsaṃdheyapuruṣalakṣaṇam, gautamopākhyānārambhaḥ
Mit wem man ein Bündnis schließen soll und mit wem nicht; die Geschichte vom Brahmanen Gautama bei den Räubern
Yudhiṣṭhira fragt nach den Merkmalen der Menschen, mit denen man Freundschaft und Bündnis eingehen kann. Bhīṣma zählt zunächst die untauglichen, dann die tauglichen Freunde auf und leitet mit einer alten Geschichte über einen undankbaren Brahmanen zur Lehre über den Undank über.
kīdṛśā mānavāḥ saumyāḥ kaiḥ prītiḥ paramā bhavet; āyatyāṃ ca tadātve ca ke kṣamās tān vadasva me
Wie beschaffen sind die Menschen, die mild [und freundlich] sind, und durch welche [Eigenschaften] entsteht höchste Zuneigung? Welche sind sowohl für die Zukunft als auch für die Gegenwart tauglich? Das sage mir.
Wort für Wort
kīdṛśā mānavāḥ saumyāḥ
wie beschaffen [sind] die Menschen, die sanften (Nom.Pl.)
kaiḥ prītiḥ paramā bhavet
durch wen/was entstünde höchste Zuneigung (Instr.Pl./Nom.Sg./3.Sg.Opt.)
āyatyāṃ ca tadātve ca
sowohl in der Zukunft als auch in der Gegenwart (Lok.)
ke kṣamās tān vadasva me
welche [sind] tauglich, diese nenne mir (Nom.Pl./Akk.Pl./Imp.Med.)
kṣamāḥ: eigentlich „geeignet, fähig, verlässlich“; hier als „tauglich“ wiedergegeben.
na hi tatra dhanaṃ sphītaṃ na ca saṃbandhibāndhavāḥ; tiṣṭhanti yatra suhṛdas tiṣṭhantīti matir mama
Denn dort, so meine ich, ist weder reicher Besitz noch sind es Verschwägerte und Verwandte, wo [wahre] Freunde stehen; [nur dort ist Halt], das ist meine Ansicht.
Wort für Wort
na hi tatra dhanaṃ sphītaṃ
denn dort [ist] nicht reicher Besitz (Nom.Sg.n.)
na ca saṃbandhibāndhavāḥ
und nicht Verschwägerte [und] Verwandte (Nom.Pl.)
tiṣṭhanti yatra suhṛdaḥ
wo Freunde stehen (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
tiṣṭhantīti matir mama
„sie stehen [dort]“, so [lautet] meine Ansicht (3.Pl./Nom.Sg.f./Gen.)
Zweiter Halbvers syntaktisch knapp; „tiṣṭhanti yatra suhṛdaḥ“ bezeichnet den Ort, wo Freunde zur Seite stehen.
durlabho hi suhṛc chrotā durlabhaś ca hitaḥ suhṛt; etad dharmabhṛtāṃ śreṣṭha sarvaṃ vyākhyātum arhasi
Denn selten ist ein Freund, der zuhört, und selten ein Freund, der [zugleich] das Heilsame will. Dies alles, du Bester der Rechtstragenden, musst du mir erläutern.“
Wort für Wort
durlabho hi suhṛc chrotā
denn schwer zu finden [ist] ein Freund, der zuhört (Nom.Sg.m./Nom.Sg.Agens)
durlabhaś ca hitaḥ suhṛt
und schwer zu finden ein Freund, der Gutes will (Nom.Sg.m.)
etad dharmabhṛtāṃ śreṣṭha
dies, du Bester der Rechtstragenden (Akk.Sg.n./Vok./Gen.Pl.)
sarvaṃ vyākhyātum arhasi
alles musst du erklären (Akk.Sg.n./Inf./2.Sg.Präs.)
bhīṣma uvāca; saṃdheyān puruṣān rājann asaṃdheyāṃś ca tattvataḥ; vadato me nibodha tvaṃ nikhilena yudhiṣṭhira
Bhīṣma sprach: „Die Männer, mit denen man ein Bündnis schließen kann, König, und die, mit denen man es nicht kann, der Wahrheit gemäß, [diese] will ich dir nennen; vernimm sie vollständig, Yudhiṣṭhira.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
saṃdheyān puruṣān rājan
Männer, mit denen man ein Bündnis schließen kann, König (Akk.Pl./Vok.)
asaṃdheyāṃś ca tattvataḥ
und die, mit denen man es nicht kann, der Wahrheit gemäß (Akk.Pl./Adv.)
vadato me nibodha tvam
mir, der ich spreche, höre du zu (Gen./Lok.-artig Part.Präs./Imp.)
Ein Gieriger, ein Grausamer, einer, der das Recht verlassen hat, ein Betrüger und ebenso ein Tückischer, ein Niedriger, einer von schlechtem Lebenswandel, einer, der allen misstraut, und ebenso ein Träger,
Wort für Wort
lubdhaḥ krūras
ein Gieriger, ein Grausamer (Nom.Sg.m.)
tyaktadharmā
einer, der das Recht aufgegeben hat (Nom.Sg.; Bahuvrīhi)
nikṛtaḥ śaṭha eva ca
ein Hinterlistiger und ebenso ein Schurke (Nom.Sg.m.)
kṣudraḥ pāpasamācāraḥ
ein Niedriger, einer von bösem Betragen (Nom.Sg.m.; Bahuvrīhi)
sarvaśaṅkī tathālasaḥ
einer, der allem misstraut, und ebenso ein Träger (Nom.Sg.m.)
Die Aufzählung setzt sich in den folgenden Versen fort; das Prädikat „asaṃdheyaḥ“ ist aus dem Zusammenhang zu ergänzen.
einer, der Dinge lange hinauszögert, ein Unredlicher, ein Missgünstiger [?], einer, der sich an der Frau des Lehrers vergreift, wer in der Not im Stich lässt, ein Böswilliger, ein Schamloser,
Wort für Wort
dīrghasūtro 'nṛjuḥ
ein Zauderer, ein Unaufrichtiger (Nom.Sg.m.)
kaṣṭo
ein Widriger [?] (Nom.Sg.m.)
gurudārapradharṣakaḥ
einer, der die Frau des Lehrers schändet (Nom.Sg.m.)
vyasane yaḥ parityāgī
wer in der Not im Stich lässt (Lok./Nom.Sg.)
durātmā nirapatrapaḥ
ein Böswilliger, ein Schamloser (Nom.Sg.m.)
kaṣṭa: hier als „schwierig, mühselig; böse“ unsicher; wörtlich „Leid bringend“.
sarvataḥ pāpadarśī ca nāstiko vedanindakaḥ; saṃprakīrṇendriyo loke yaḥ kāmanirataś caret
einer, der überall Böses sieht, ein Leugner [des Jenseits], ein Verächter des Veda, wer in der Welt mit zerstreuten Sinnen und der Begierde ergeben umherzieht,
Wort für Wort
sarvataḥ pāpadarśī ca
und einer, der überall Böses sieht (Adv./Nom.Sg.m.)
nāstiko vedanindakaḥ
ein Leugner, ein Tadler des Veda (Nom.Sg.m.)
saṃprakīrṇendriyo loke
einer mit zerstreuten Sinnen in der Welt (Bahuvrīhi/Lok.)
yaḥ kāmanirataś caret
wer, der Begierde ergeben, umherzieht (Nom./3.Sg.Opt.)
ein Unwahrhaftiger, von der Welt Gehasster, einer, der an Abmachungen nicht festhält, ein Verleumder, ein Ungebildeter, ein Neidischer, einer, der zum Bösen entschlossen ist,
Wort für Wort
asatyo lokavidviṣṭaḥ
ein Unwahrhaftiger, von der Welt Gehasster (Nom.Sg.m.)
samaye cānavasthitaḥ
und bei der Abmachung nicht Beständiger (Lok./Nom.Sg.m.)
piśuno 'thākṛtaprajñaḥ
ein Verleumder, einer mit ungeschultem Verstand (Nom.Sg.m.)
matsarī pāpaniścayaḥ
ein Neidischer, einer mit bösem Entschluss (Nom.Sg.m.)
duḥśīlo 'thākṛtātmā ca nṛśaṃsaḥ kitavas tathā; mitrair arthakṛtī nityam icchaty arthaparaś ca yaḥ
einer von schlechtem Charakter, einer mit ungebildetem Selbst, ein Unbarmherziger, ebenso ein Spieler, und wer stets von seinen Freunden Nutzen zieht und, auf den Vorteil bedacht, immer [nur] Vorteil will,
Wort für Wort
duḥśīlo 'thākṛtātmā ca
einer von schlechtem Charakter und mit ungeschultem Selbst (Nom.Sg.m.)
nṛśaṃsaḥ kitavas tathā
ein Grausamer, ebenso ein Spieler (Nom.Sg.m.)
mitrair arthakṛtī nityam
von Freunden Nutzen ziehend, stets (Instr.Pl./Nom.Sg./Adv.)
icchaty arthaparaś ca yaḥ
[der] wünscht, und wer auf Vorteil aus ist (3.Sg.Präs./Nom.Sg.)
arthakṛtī: wörtlich „Nutzen ziehend, auf Gewinn aus“; Lesart ohne Gewähr.
vahataś ca yathāśakti yo na tuṣyati mandadhīḥ; amitram iva yo bhuṅkte sadā mitraṃ nararṣabha
und wer, obwohl [der Freund] nach Kräften [für ihn] trägt, nicht zufrieden ist, der Dummkopf; wer, du Stier unter den Männern, einen Freund stets wie einen Nichtfreund [ab]nutzt,
Wort für Wort
vahataś ca yathāśakti
und obwohl [der andere] nach Kräften trägt (Gen./Lok.-artig Part.; Adv.)
yo na tuṣyati mandadhīḥ
wer nicht zufrieden ist, der Dummkopf (3.Sg.Präs./Nom.Sg.m.)
amitram iva yo bhuṅkte
wer wie einen Nichtfreund genießt/nutzt (Akk./3.Sg.Präs.Med.)
sadā mitraṃ nararṣabha
stets den Freund, Stier unter den Männern (Adv./Akk./Vok.)
vahataḥ: „[für ihn] trägt“, d. h. Lasten auf sich nimmt; das Objekt „Freund“ ist ergänzt.
ein Törichter, der schon bei geringem Unrecht [zürnt] und auch wegen [eines] aus Unwissenheit Getanen; wer seine Freunde nur des Nutzens wegen aufsucht, ein Hasser der Freunde, König.
Wort für Wort
alpe 'py apakṛte mūḍhaḥ
bei schon geringem Unrecht ein Törichter (Lok./Nom.Sg.m.)
tathājñānāt kṛte 'pi ca
und ebenso bei aus Unwissen Getanem (Abl./Lok.)
kāryopasevī mitreṣu
wer der Sache wegen bei Freunden aufwartet (Nom.Sg.m./Lok.Pl.)
mitradveṣī narādhipa
ein Hasser der Freunde, Herrscher der Männer (Nom.Sg.m./Vok.)
Der Satz ist elliptisch: „alpe ’py apakṛte“ (bei geringem Unrecht) ist mit „zürnt“ oder „bricht [die Freundschaft]“ zu ergänzen.
śatrur mitramukho yaś ca jihmaprekṣī vilobhanaḥ; na rajyati ca kalyāṇe yas tyajet tādṛśaṃ naram
Ein Feind mit dem Gesicht eines Freundes, einer, der schielend blickt, ein Habgieriger, wer sich an dem Guten [des Freundes] nicht erfreut: einen solchen Menschen soll man meiden.
Wort für Wort
śatrur mitramukho yaś ca
ein Feind mit dem Gesicht eines Freundes, und wer (Nom.Sg.m.)
jihmaprekṣī vilobhanaḥ
einer mit schiefem Blick, ein Verlocker/Habgieriger (Nom.Sg.m.)
na rajyati ca kalyāṇe
und sich nicht erfreut am Guten (3.Sg.Präs.Pass./Lok.)
yas tyajet tādṛśaṃ naram
wer verlassen soll [?], einen solchen Mann (3.Sg.Opt./Akk.Sg.m.)
Die Konstruktion „yas … tyajet tādṛśaṃ naram“ ist syntaktisch locker; sinngemäß „wer so ist, den soll man meiden“; Subjekt von „tyajet“ ist wohl unpersönlich („man“) [?].
ein Trinker, ein Hasser, ein Grausamer, ein Mitleidloser und ebenso ein Rauer, einer, der andere quält, ein Freundesverräter und einer, der am Töten von Lebewesen Gefallen hat,
Wort für Wort
pānapo dveṣaṇaḥ krūraḥ
ein Trinker, ein Hasser, ein Grausamer (Nom.Sg.m.)
nirghṛṇaḥ paruṣas tathā
ein Erbarmungsloser und ebenso ein Rauer (Nom.Sg.m.)
paropatāpī mitradhruk
einer, der andere peinigt, ein Freundesverräter (Nom.Sg.m.)
tathā prāṇivadhe rataḥ
und ebenso am Töten von Lebewesen Erfreuter (Lok./Nom.Sg.m.)
kṛtaghnaś cādhamo loke na saṃdheyaḥ kathaṃ cana; chidrānveṣī na saṃdheyaḥ saṃdheyān api me śṛṇu
ein Undankbarer aber ist der Niedrigste in der Welt: mit dem darf man auf keine Weise ein Bündnis schließen. Auch einer, der nach Schwächen [anderer] sucht, ist nicht bündnisfähig. Nun höre auch von denen, mit denen man ein Bündnis schließen kann.
Wort für Wort
kṛtaghnaś cādhamo loke
und der Undankbare [ist] der Niedrigste in der Welt (Nom.Sg.m./Lok.)
na saṃdheyaḥ kathaṃ cana
nicht bündnisfähig auf keine Weise (Gerundiv/Adv.)
chidrānveṣī na saṃdheyaḥ
einer, der Schwächen sucht, ist nicht bündnisfähig (Nom.Sg.m.)
saṃdheyān api me śṛṇu
auch die Bündnisfähigen höre von mir (Akk.Pl./Gen./Imp.)
mit dem Vorzug der Freundlichkeit ausgestattet, ihren Vereinbarungen treu, die Sinne bezwingend, stets zu körperlicher Übung geneigt, die ihre Söhne [und Angehörigen] unterhalten, aus edlem Haus hervorgegangen,
Wort für Wort
mādhuryaguṇasaṃpannāḥ
mit der Eigenschaft der Süße/Freundlichkeit ausgestattet (Nom.Pl.m.)
satyasaṃdhā jitendriyāḥ
der Wahrheit verpflichtet, die Sinne besiegt habend (Nom.Pl.m.)
rūpavanto guṇopetās tathālubdhā jitaśramāḥ; doṣair viyuktāḥ prathitais te grāhyāḥ pārthivena ha
schön von Gestalt, mit guten Eigenschaften begabt, ebenso nicht gierig, Anstrengung überwindend, frei von bekannten Fehlern: diese sind, wahrlich, von einem Herrscher [als Freunde] anzunehmen.
Wort für Wort
rūpavanto guṇopetāḥ
schön, mit Vorzügen versehen (Nom.Pl.m.)
tathālubdhā jitaśramāḥ
ebenso nicht gierig, Mühe überwunden habend (Nom.Pl.m.)
doṣair viyuktāḥ prathitaiḥ
von bekannten Fehlern frei (Instr.Pl./Nom.Pl.)
te grāhyāḥ pārthivena ha
diese sind zu ergreifen/aufzunehmen von einem Fürsten, fürwahr (Gerundiv/Instr.)
viraktāś ca na ruṣyanti manasāpy arthakovidāḥ; ātmānaṃ pīḍayitvāpi suhṛtkāryaparāyaṇāḥ; na virajyanti mitrebhyo vāso raktam ivāvikam
Und auch wenn sie sich [von jemandem] abgewandt haben, zürnen sie nicht, auch nicht im Geiste, die in Angelegenheiten Kundigen; selbst sich selbst quälend, sind sie ganz der Sache der Freunde ergeben; sie wenden sich von den Freunden nicht ab, wie ein rot gefärbtes Wollgewand [nicht seine Farbe verliert].
Wort für Wort
viraktāś ca na ruṣyanti
und, abgewandt, zürnen sie nicht (Nom.Pl.m./3.Pl.Präs.)
manasāpy arthakovidāḥ
auch nicht im Geiste, die in Sachen Kundigen (Instr./Nom.Pl.m.)
ātmānaṃ pīḍayitvāpi
sogar sich selbst quälend (Akk./Gerundium)
suhṛtkāryaparāyaṇāḥ
der Sache der Freunde ganz ergeben (Nom.Pl.m.)
na virajyanti mitrebhyaḥ
sie wenden sich nicht ab von Freunden (3.Pl.Präs./Abl.Pl.)
vāso raktam ivāvikam
wie ein gefärbtes Wollgewand (Nom./Part.Pass./Nom.Sg.n.)
Dritter Pāda: das Bild vom rot gefärbten Wollgewand besagt, dass die Farbe (Zuneigung) nicht weicht; „raj-/viraj-“ spielt mit „Färbung/Zuneigung“; „[nicht seine Farbe verliert]“ ist ergänzt.
doṣāṃś ca lobhamohādīn artheṣu yuvatiṣv atha; na darśayanti suhṛdāṃ viśvastā bandhuvatsalāḥ
Und die Fehler, [nämlich] Gier, Verblendung und dergleichen bei Besitz und bei jungen Frauen, zeigen sie den Freunden nicht, [sondern sind] vertrauensvoll und den Verwandten zugetan.
Wort für Wort
doṣāṃś ca lobhamohādīn
und Fehler wie Gier, Verblendung usw. (Akk.Pl.)
artheṣu yuvatiṣv atha
bei Gütern und jungen Frauen ferner (Lok.Pl.)
na darśayanti suhṛdām
sie zeigen nicht den Freunden (3.Pl.Kaus./Gen.Pl.)
viśvastā bandhuvatsalāḥ
vertrauend, den Verwandten zugetan (Nom.Pl.m.)
Das Satzgefüge ist knapp; „lobhamohādīn“ ist mit „bei Besitz und bei Frauen“ verbunden; das Verständnis „Fehler der Freunde“ statt „eigene Fehler“ ist nicht völlig sicher [?].
Die Erdklumpen und Gold als gleichwertige Dinge betrachten, gegenüber Freunden von aufrichtigem Sinn, die ohne Hochmut ihren Weg gehen, deren Besitz [und] Schmuck freigebig hingegeben ist, die ihre Dienerschaft an sich binden, stets in erster Linie auf die Sache des Herrn bedacht.
Wort für Wort
loṣṭakāñcanatulyārthāḥ
denen Erdklumpen und Gold gleichwertig sind (Nom.Pl.m.; Bahuvrīhi)
suhṛtsv aśaṭhabuddhayaḥ
gegenüber Freunden von ehrlichem Sinn (Lok.Pl./Nom.Pl.)
ye caranty anabhīmānāḥ
die ohne Hochmut wandeln (Nom.Pl./3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
nisṛṣṭārthavibhūṣaṇāḥ
deren Besitz und Schmuck hingegeben ist [?] (Nom.Pl.m.)
saṃgṛhṇantaḥ parijanam
die Dienerschaft an sich bindend (Part.Präs./Akk.Sg.)
svāmyarthaparamāḥ sadā
stets dem Anliegen des Herrn zuhöchst ergeben (Nom.Pl.m./Adv.)
Der Text ist schwierig; „nisṛṣṭārthavibhūṣaṇāḥ“ ist unsicher [?] (etwa „die Besitz und Schmuck [an andere] abgeben“).
Die dem Lehrbuch stets ergeben sind, den Zorn besiegt haben, stark sind, den Kampf lieben, geduldig, mit guter Art und guten Eigenschaften begabt: solche höchsten Männer sind Bündnispartner.
Wort für Wort
śāstranityā jitakrodhāḥ
dem Lehrwerk stets ergeben, den Zorn besiegt habend (Nom.Pl.m.)
balavanto raṇapriyāḥ
stark, den Kampf liebend (Nom.Pl.m.)
kṣāntāḥ śīlaguṇopetāḥ
geduldig, mit gutem Wesen und Vorzügen versehen (Nom.Pl.m.)
saṃdheyāḥ puruṣottamāḥ
bündnisfähig [sind] die besten Männer (Gerundiv/Nom.Pl.m.)
śāstranityāḥ: „dem Śāstra stets zugewandt“; die Deutung ist wörtlich, Lesart nicht ganz sicher [?].
mantrihīnas tu yo rājann acirāyur bhaven nṛpa; tasmāt suśīlaṃ vijñāya mantriṇaṃ ca bahuśrutam; niyojayed guṇakaram ātmanaḥ sukham icchatā
Wer ohne Berater ist, König, wird nicht lange leben, Herrscher. Darum soll [der König], der sein eigenes Wohl wünscht, einen als gut erkannten und vielbelesenen Berater einsetzen, der Nutzen bringt.
Wort für Wort
mantrihīnas tu yo rājann
wer ohne Berater [ist], König (Nom.Sg.m./Vok.)
acirāyur bhaven nṛpa
von kurzem Leben wäre er, Herrscher (Nom.Sg./3.Sg.Opt./Vok.)
tasmāt suśīlaṃ vijñāya
deshalb, einen Wohlgesitteten erkannt habend (Abl./Akk./Gerundium)
mantriṇaṃ ca bahuśrutam
und einen Berater, vielbelesen (Akk.Sg.m.)
niyojayed guṇakaram
er möge einsetzen, [einen] Nutzen bringenden (3.Sg.Opt.Kaus./Akk.Sg.m.)
ātmanaḥ sukham icchatā
vom das eigene Wohl Wünschenden (Gen./Akk./Instr.Part.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage, nur in einem Teil der Handschriften; „acirāyuḥ“ wörtlich „von nicht langem Leben“.
ye ca doṣasamāyuktā narāḥ proktā mayānagha; teṣām apy adhamo rājan kṛtaghno mitraghātakaḥ; tyaktavyaḥ sa durācāraḥ sarveṣām iti niścayaḥ
Und die Menschen, die mit Fehlern behaftet sind, wie von mir genannt, Makelloser: unter ihnen ist, König, der Undankbare, der Freundesmörder, der Niedrigste; er, der Schlechtwandelnde, ist zu meiden, [das ist] für alle der feste Entschluss.
Wort für Wort
ye ca doṣasamāyuktā narāḥ
und die Menschen, mit Fehlern behaftet (Nom.Pl.m.)
proktā mayānagha
von mir genannt, Makelloser (Part.Pass./Instr./Vok.)
teṣām apy adhamo rājan
auch unter ihnen der Niedrigste, König (Gen.Pl./Nom.Sg.m./Vok.)
kṛtaghno mitraghātakaḥ
der Undankbare, der Freundesmörder (Nom.Sg.m.)
tyaktavyaḥ sa durācāraḥ
zu meiden ist er, der Schlechtwandelnde (Gerundiv/Nom.Sg.m.)
sarveṣām iti niścayaḥ
für alle, so [lautet] der Beschluss (Gen.Pl./Nom.Sg.m.)
yudhiṣṭhira uvāca; vistareṇārthasaṃbandhaṃ śrotum icchāmi pārthiva; mitradrohī kṛtaghnaś ca yaḥ proktas taṃ ca me vada
Yudhiṣṭhira sprach: „Ausführlich möchte ich den sachlichen Zusammenhang hören, o Fürst. Den, der als Freundverräter und Undankbarer bezeichnet wurde, den schildere mir.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
vistareṇa artha-saṃbandham
ausführlich (Instr.) den sachlichen Zusammenhang (Akk.)
bhīṣma uvāca; hanta te vartayiṣye 'ham itihāsaṃ purātanam; udīcyāṃ diśi yad vṛttaṃ mleccheṣu manujādhipa
Bhīṣma sprach: „Wohlan, ich will dir eine alte Erzählung berichten: was sich in der nördlichen Himmelsrichtung unter den Mlecchas ereignet hat, o Herr der Menschen.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
hanta te vartayiṣye 'ham
wohlan, dir werde ich erzählen (Interj.; Dat.; 1.Sg.Fut.Kaus.)
itihāsaṃ purātanam
eine alte Erzählung (Akk.Sg.)
udīcyāṃ diśi
in der nördlichen Himmelsrichtung (Lok.Sg.)
yad vṛttaṃ mleccheṣu
was sich zugetragen hat unter den Mlecchas (Part.Perf.Pass.; Lok.Pl.)
Ein Brāhmaṇa aus dem Mittelland, dunkelgliedrig und ohne brahmanisches Wesen, sah ein von Menschen erfülltes Dorf und betrat es aus Verlangen nach Almosen.
Wort für Wort
brāhmaṇo madhyadeśīyaḥ
ein Brāhmaṇa aus dem Mittelland (Nom.Sg.)
kṛṣṇāṅgo
dunkelgliedrig (Nom.; Bahuvrīhi)
brahma-varjitaḥ
ohne brahmanisches Wesen, dessen bar (Nom.; Part.Perf.Pass.)
grāmaṃ prekṣya
ein Dorf erblickend (Akk.; Abs.)
jana-ākīrṇaṃ
von Leuten erfüllt (Akk.)
prāviśad bhaikṣa-kāṅkṣayā
trat ein aus Verlangen nach Almosen (Impf.3.Sg.; Instr.)
brahmavarjita: wörtlich „des Brahman/Brahmanentums bar“; Deutung nicht ganz sicher.
tatra dasyur dhanayutaḥ sarvavarṇaviśeṣavit; brahmaṇyaḥ satyasaṃdhaś ca dāne ca nirato 'bhavat
Dort gab es einen Dasyu, mit Reichtum ausgestattet, der die Besonderheiten aller Stände kannte, brahmanenfreundlich, wahrhaftig im Wort und der Freigebigkeit ergeben.
Wort für Wort
tatra dasyur dhana-yutaḥ
dort ein Dasyu, mit Reichtum versehen (Nom.Sg.)
sarva-varṇa-viśeṣa-vit
die Unterschiede aller Stände kennend (Nom.; Kompositum)
Nachdem der Zweimalgeborene dies alles vom Dasyu erhalten hatte, war er freudigen Herzens, o König; in jenem vorzüglichen Haus vergnügte sich der Gautama mit ihr.
Wort für Wort
etat saṃprāpya hṛṣṭātmā
dies erhalten habend, frohen Sinnes (Abs.; Nom.)
dasyoḥ sarvaṃ dvijas tadā
vom Dasyu alles, der Zweimalgeborene damals (Abl./Gen.; Nom.)
tasmin gṛha-vare rājan
in jenem vorzüglichen Haus, o König (Lok.; Vok.)
tayā reme sa gautamaḥ
mit ihr vergnügte sich jener Gautama (Instr.; Perf.3.Sg.Med.)
kuṭumbārtheṣu dasyoḥ sa sāhāyyaṃ cāpy athākarot; tatrāvasat so 'tha varṣāḥ samṛddhe śabarālaye; bāṇavedhye paraṃ yatnam akaroc caiva gautamaḥ
Auch bei den Familienangelegenheiten des Dasyu leistete er Hilfe. Dort wohnte er nun Jahre im wohlhabenden Śabara-Dorf, und auf die Kunst des Pfeilschießens verwandte Gautama höchste Mühe.
Wort für Wort
kuṭumba-artheṣu dasyoḥ
bei den Familienangelegenheiten des Dasyu (Lok.Pl.; Gen.)
sa sāhāyyaṃ cāpy athākarot
er leistete auch Beistand (Impf.3.Sg.)
tatra avasat so 'tha varṣāḥ
dort wohnte er dann Jahre (Impf.3.Sg.; Akk.Pl.)
samṛddhe śabara-ālaye
im wohlhabenden Haus/Dorf der Śabaras (Lok.Sg.)
bāṇa-vedhye param yatnam
im Pfeilschießen höchste Anstrengung (Lok.; Akk.)
akarod gautamaḥ
machte/wandte auf Gautama (Impf.3.Sg.; Nom.)
varṣāḥ (Nom.) statt varṣān (Akk.) im Text; als Akk. der Zeitdauer gedeutet.
Wohlgesittet, mäßig in der Nahrung, brahmanenfreundlich, veda-kundig, ein Mitschüler aus jener Gegend, dessen lieber Freund: er kam in jenes Dasyu-Dorf, wo dieser Gautama war.
Wort für Wort
vinīto niyata-āhāraḥ
wohlgesittet, mäßig in der Nahrung (Nom.)
brahmaṇyo veda-pāra-gaḥ
brahmanenfreundlich, den Veda durchdrungen habend (Nom.)
sabrahmacārī tad-deśyaḥ
Mitschüler, aus jener Gegend (Nom.)
sakhā tasya eva supriyam
dessen Freund, sehr lieb (Nom.; Gen.)
taṃ dasyu-grāmam agamad
in jenes Dasyu-Dorf ging er (Akk.; Impf.3.Sg.)
yatra asau gautamo 'bhavat
wo dieser Gautama war (Impf.3.Sg.)
supriyam: als „sehr lieb“ zu sakhā gezogen; Neutrum auffällig.
Er [Gautama] hatte eine Last Krummgliedriger in der Hand, den Bogen in der Hand, hatte Frevel begangen, die Glieder mit Blut übergossen; so war er an die Haustür gekommen.
Wort für Wort
vakrāṅga-bhāra-hastaṃ taṃ
ihn, eine Last Krummgliedriger in der Hand (Akk.)
dhanuṣ-pāṇiṃ
den Bogen in der Hand (Akk.)
kṛta-āgasam
Frevel begangen habend (Akk.)
rudhireṇa avasikta-aṅgaṃ
mit Blut übergossen an den Gliedern (Instr.; Akk.)
kim idaṃ kuruṣe mauḍhyād vipras tvaṃ hi kulodgataḥ; madhyadeśaparijñāto dasyubhāvaṃ gataḥ katham
„Was tust du hier aus Torheit? Du bist doch ein Brāhmaṇa, aus guter Familie hervorgegangen, als Mann des Mittellandes bekannt. Wie bist du zum Dasyu-Wesen gelangt?“
Wort für Wort
kim idaṃ kuruṣe mauḍhyād
was tust du da aus Torheit (Interr.; 2.Sg.Präs.; Abl.)
vipras tvaṃ hi kula-udgataḥ
du bist doch ein Brāhmaṇa, aus [guter] Familie entsprossen (Nom.; Nom.)
madhya-deśa-parijñātaḥ
im Mittelland wohlbekannt (Nom.; Part.)
dasyu-bhāvaṃ gataḥ katham
zum Dasyu-Wesen gelangt, wie? (Akk.; Part.Perf.Akt.)
„Gedenke jener vortrefflichen Zweimalgeborenen der Vorzeit, der berühmten, veda-kundigen, in deren Geschlecht du geboren bist, du, ein solcher Schandfleck der Familie.“
Wort für Wort
pūrvān smara dvijāgryāṃs tān
der früheren, gedenke jener Vorzüglichen unter den Zweimalgeborenen (Akk.Pl.; Imp.2.Sg.)
prakhyātān veda-pāra-gān
der berühmten, veda-kundigen (Akk.Pl.)
yeṣāṃ vaṃśe 'bhijātas tvam
in deren Geschlecht du geboren bist (Gen.Pl.; Lok.; Part.)
„Erkenne dich durch dich selbst, [ebenso] Wahrheit, Charakter, Gelehrsamkeit und Selbstbezähmung; gedenke auch des Mitgefühls und verlasse diesen Wohnort, Zweimalgeborener.“
Wort für Wort
avabudhya ātmanā ātmānaṃ
erkenne durch dich selbst dich selbst (Abs. als Imp.; Instr.; Akk.)
kugrāmavāsaṃ ca kumitrasaṅgaṃ; kudārarāgaṃ kunarendrasevām; kubrāhmaṇe prītim akāraṇaṃ vai; kurvanti ye pāpatarās ta eva
Das Wohnen in einem schlechten Dorf, den Umgang mit schlechten Freunden, die Zuneigung zu einer schlechten Frau, den Dienst bei einem schlechten Fürsten und die grundlose Zuneigung zu einem schlechten Brāhmaṇa: wer dies tut, ist wahrhaft sehr sündig.
Wort für Wort
ku-grāma-vāsaṃ ca
und das Wohnen in einem schlechten Dorf (Akk.)
ku-mitra-saṅgaṃ
Umgang mit schlechten Freunden (Akk.)
ku-dāra-rāgaṃ
Zuneigung zu einer schlechten Frau (Akk.)
ku-nara-indra-sevām
Dienst bei einem schlechten Herrscher (Akk.)
ku-brāhmaṇe prītim akāraṇaṃ vai
zu einem schlechten Brāhmaṇa Zuneigung ohne Grund fürwahr (Lok.; Akk.)
kurvanti ye pāpatarās ta eva
die das tun, sind sündiger; eben diese (3.Pl.Präs.; Nom.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
adhano 'smi dvijaśreṣṭha na ca vedavid apy aham; vṛttyartham iha saṃprāptaṃ viddhi māṃ dvijasattama
„Ich bin ohne Besitz, bester der Zweimalgeborenen, und auch nicht veda-kundig. Wisse, dass ich zum Lebensunterhalt hierher gekommen bin, Trefflichster der Zweimalgeborenen.“
Wort für Wort
adhano 'smi dvija-śreṣṭha
ich bin ohne Besitz, bester der Zweimalgeborenen (Nom.; 1.Sg.; Vok.)
na ca veda-vid apy aham
und auch nicht bin ich Veda-Kenner (Nom.)
vṛtti-artham iha saṃprāptaṃ
um des Lebensunterhalts willen hierher gelangt (Adv.; Part.Perf.Pass.)
viddhi māṃ dvija-sattama
wisse mich, o Vortrefflichster der Zweimalgeborenen (Imp.2.Sg.; Akk.; Vok.)
tvaddarśanāt tu viprarṣe kṛtārthaṃ vedmy ahaṃ dvija; ātmānaṃ saha yāsyāvaḥ śvo vasādyeha śarvarīm
„Durch deinen Anblick aber, Brahmanen-Seher, weiß ich mich am Ziel, Zweimalgeborener. Wir beide werden morgen gemeinsam gehen; verbringe heute hier die Nacht.“
Wort für Wort
tvad-darśanāt tu vipra-ṛṣe
durch deinen Anblick aber, o Brahmanen-Seher (Abl.; Vok.)
kṛta-artham vedmy ahaṃ dvija
am Ziel [seiend] weiß ich, ich, o Zweimalgeborener (Akk.; 1.Sg.Präs.; Vok.)
ātmānaṃ saha yāsyāvaḥ śvaḥ
mich selbst; zusammen werden wir beide gehen morgen (Akk.; 1.Du.Fut.)
vasa adya iha śarvarīm
verweile heute hier die Nacht (Imp.2.Sg.; Akk.)
Wortstellung von ātmānaṃ und śvaḥ locker; Sinn wie übersetzt gewählt.
Als von Gautama „So sei es“ gesagt worden war, schlief der beste der Zweimalgeborenen.
Wort für Wort
gautamena tathā ity ukte
von Gautama „so“, als gesagt worden war (Instr.; Lok.abs.)
suṣvāpa dvija-sattamaḥ
schlief der beste der Zweimalgeborenen (Perf.3.Sg.; Nom.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzstrophe (star); Subjektwechsel unklar: Der Schlafende ist wohl der Gast, der folgende Vers spricht von seinem Hunger.
sa tatra nyavasad vipro ghṛṇī kiṃ cid asaṃspṛśan; kṣudhitaś chandyamāno 'pi bhojanaṃ nābhyanandata
Jener Brāhmaṇa blieb dort, voll Abscheu, nichts berührend; hungrig, obwohl [zum Essen] eingeladen, nahm er die Speise nicht an.
Wort für Wort
sa tatra nyavasad vipro
er blieb dort, der Brāhmaṇa (Impf.3.Sg.; Nom.)
ghṛṇī
voll Abscheu/Mitgefühl (Nom.)
kiṃ cid asaṃspṛśan
irgendetwas nicht berührend (Akk.; Part.Präs.)
kṣudhitaś chandyamāno 'pi
hungrig, obwohl eingeladen (Nom.; Part.Pass.)
bhojanaṃ na abhyanandata
die Speise nahm er nicht an (Akk.; Impf.3.Sg.Med.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). ghṛṇī kann „mitleidig“ oder „angewidert“ bedeuten; hier aus dem Zusammenhang „voll Abscheu“ [?].