Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 56: rājadharmopakrama Yudhiṣṭhiras Bitte um die Königspflichten und Bhīṣmas erste Unterweisung

Yudhiṣṭhira bittet Bhīṣma um die Lehre der Königspflichten; Bhīṣma beginnt mit Götter- und Brahmanenverehrung, Tatkraft, Wahrheit und dem rechten Maß zwischen Milde und Strenge des Königs.

vaiśaṃpāyana uvāca; praṇipatya hṛṣīkeśam abhivādya pitāmaham; anumānya gurūn sarvān paryapṛcchad yudhiṣṭhiraḥ

Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem Yudhiṣṭhira sich vor Hṛṣīkeśa verneigt, den Großvater begrüßt und alle Ehrwürdigen um Erlaubnis gebeten hatte, befragte er [Bhīṣma].

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (3.Sg.Perf.)
praṇipatya hṛṣīkeśam
nachdem er sich verneigt hatte vor Hṛṣīkeśa (Abs./Akk.)
abhivādya pitāmaham
den Großvater begrüßt habend (Abs./Akk.)
anumānya gurūn sarvān
alle Ehrwürdigen um Erlaubnis gebeten habend (Abs./Akk.Pl.)
paryapṛcchat yudhiṣṭhiraḥ
fragte Yudhiṣṭhira (3.Sg.Impf./Nom.)

rājyaṃ vai paramo dharma iti dharmavido viduḥ; mahāntam etaṃ bhāraṃ ca manye tad brūhi pārthiva

„Die Königsherrschaft ist die höchste Pflicht“, so wissen es die Kenner der Pflicht; ich halte sie aber für eine gewaltige Last. Das sage mir, o Fürst.“

Wort für Wort
rājyaṃ vai paramo dharmaḥ
Königsherrschaft fürwahr [ist] höchste Pflicht (Nom.)
iti dharmavido viduḥ
so wissen die Pflichtkundigen (Nom.Pl./3.Pl.Perf.)
mahāntam etaṃ bhāraṃ ca manye
und diese große Last halte ich [dafür] (Akk./1.Sg.Präs.)
tad brūhi pārthiva
das sprich, o Fürst (Imp./Vok.)

rājadharmān viśeṣeṇa kathayasva pitāmaha; sarvasya jīvalokasya rājadharmāḥ parāyaṇam

Erzähle, Großvater, insbesondere die Königspflichten; für die ganze Lebenswelt sind die Königspflichten die letzte Zuflucht.

Wort für Wort
rājadharmān viśeṣeṇa
die Königspflichten besonders (Akk.Pl./Instr.)
kathayasva pitāmaha
erzähle, Großvater (Imp.Med./Vok.)
sarvasya jīvalokasya
der ganzen Lebenswelt (Gen.)
rājadharmāḥ parāyaṇam
die Königspflichten [sind] höchste Zuflucht (Nom.Pl./Nom.)

trivargo 'tra samāsakto rājadharmeṣu kaurava; mokṣadharmaś ca vispaṣṭaḥ sakalo 'tra samāhitaḥ

Die Dreiheit [von Pflicht, Nutzen und Lust] ist in den Königspflichten fest verankert, Kaurava; und auch die Pflicht der Erlösung ist hier deutlich und vollständig eingeschlossen.

Wort für Wort
trivargo 'tra samāsaktaḥ
die Dreiheit hier eng verbunden (Nom.Sg.m./Part.Perf.Pass.)
rājadharmeṣu kaurava
in den Königspflichten, Kaurava (Lok.Pl./Vok.)
mokṣadharmaś ca vispaṣṭaḥ
und die Pflicht der Erlösung, klar (Nom.)
sakalo 'tra samāhitaḥ
vollständig hier enthalten (Nom.Sg.m./Part.Perf.Pass.)

yathā hi raśmayo 'śvasya dviradasyāṅkuśo yathā; narendradharmo lokasya tathā pragrahaṇaṃ smṛtam

Wie die Zügel für das Pferd, wie der Stachelstock für den Elefanten, so gilt die Pflicht des Fürsten als Lenkung der Welt.

Wort für Wort
yathā hi raśmayo 'śvasya
wie nämlich die Zügel des Pferdes (Nom.Pl./Gen.)
dviradasyāṅkuśo yathā
wie der Stachel des Elefanten (Gen./Nom.)
narendradharmo lokasya
die Pflicht des Menschenfürsten der Welt [gegenüber] (Nom./Gen.)
tathā pragrahaṇaṃ smṛtam
so gilt als Lenkung (Nom.n./Part.Perf.Pass.)

atra vai saṃpramūḍhe tu dharme rājarṣisevite; lokasya saṃsthā na bhavet sarvaṃ ca vyākulaṃ bhavet

Wenn aber in diesem, von königlichen Sehern gepflegten Dharma Verwirrung eintritt, kann die Ordnung der Welt nicht bestehen, und alles gerät in Aufruhr.

Wort für Wort
atra vai saṃpramūḍhe tu dharme
wenn aber hier verwirrt ist der Dharma (Lok.abs.)
rājarṣisevite
von königlichen Sehern gepflegt (Lok.Sg.)
lokasya saṃsthā na bhavet
des Volkes/der Welt Bestand nicht wäre (Gen./Opt.)
sarvaṃ ca vyākulaṃ bhavet
und alles in Aufruhr wäre (Nom.n./Opt.)

udayan hi yathā sūryo nāśayaty āsuraṃ tamaḥ; rājadharmās tathālokyām ākṣipanty aśubhāṃ gatim

Wie die aufgehende Sonne das asurische Dunkel vernichtet, so vertreiben die Königspflichten die unheilvolle, [der Welt] nicht zuträgliche Bahn [?].

Wort für Wort
udayan hi yathā sūryaḥ
wie nämlich die aufgehende Sonne (Part.Präs./Nom.)
nāśayaty āsuraṃ tamaḥ
vernichtet das asurische Dunkel (3.Sg.Kaus./Akk.)
rājadharmās tathā
die Königspflichten so (Nom.Pl.)
alokyām ākṣipanti
die unzuträgliche [?] verwerfen sie (Akk.f./3.Pl.)
aśubhāṃ gatim
unheilvolle Bahn/Geschick (Akk.f.)

alokyām (Text: tathālokyām) ist unsicher; gedeutet als ‚der Welt nicht zuträglich‘ (a-lokya), Attribut zu aśubhāṃ gatim.

tad agre rājadharmāṇām arthatattvaṃ pitāmaha; prabrūhi bharataśreṣṭha tvaṃ hi buddhimatāṃ varaḥ

Darum [erkläre] zuerst, Großvater, den wahren Sinn der Königspflichten; sprich, bester der Bharata, denn du bist der Beste der Verständigen.

Wort für Wort
tad agre rājadharmāṇām
darum zuerst der Königspflichten (Gen.Pl.)
arthatattvaṃ pitāmaha
den wahren Sinn, Großvater (Akk./Vok.)
prabrūhi bharataśreṣṭha
sprich, Bester der Bharata (Imp./Vok.)
tvaṃ hi buddhimatāṃ varaḥ
denn du [bist] der Beste der Verständigen (Nom./Gen.Pl.)

āgamaś ca paras tvattaḥ sarveṣāṃ naḥ paraṃtapa; bhavantaṃ hi paraṃ buddhau vāsudevo 'bhimanyate

Und die Überlieferung [des Wissens] ist für uns alle von dir das Höchste, Bedränger der Feinde; denn dich hält Vāsudeva im Verstand für den Höchsten.

Wort für Wort
āgamaś ca paras tvattaḥ
und die Überlieferung höchste von dir (Nom./Abl.)
sarveṣāṃ naḥ paraṃtapa
für uns alle, Feindebedränger (Gen.Pl./Vok.)
bhavantaṃ hi paraṃ buddhau
denn dich als Höchsten im Verstand (Akk./Lok.)
vāsudevo 'bhimanyate
Vāsudeva hält [dafür] (Nom./3.Sg.Med.)

bhīṣma uvāca; namo dharmāya mahate namaḥ kṛṣṇāya vedhase; brāhmaṇebhyo namaskṛtya dharmān vakṣyāmi śāśvatān

Bhīṣma sprach: Verneigung dem großen Dharma, Verneigung Kṛṣṇa, dem Schöpfer! Nachdem ich mich vor den Brahmanen verneigt habe, werde ich die ewigen Pflichten verkünden.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
namo dharmāya mahate
Verneigung dem großen Dharma (Dat.)
namaḥ kṛṣṇāya vedhase
Verneigung Kṛṣṇa, dem Schöpfer (Dat.)
brāhmaṇebhyo namaskṛtya
vor den Brahmanen Verehrung erwiesen habend (Dat.Pl./Abs.)
dharmān vakṣyāmi śāśvatān
die Pflichten werde ich verkünden, die ewigen (Akk.Pl./1.Sg.Fut.)

śṛṇu kārtsnyena mattas tvaṃ rājadharmān yudhiṣṭhira; nirucyamānān niyato yac cānyad abhivāñchasi

Höre von mir vollständig, Yudhiṣṭhira, die Königspflichten, die ich [nun] darlege, [und sei] gesammelt, und auch, was du sonst noch wünschst.

Wort für Wort
śṛṇu kārtsnyena mattas tvam
höre vollständig von mir, du (Imp./Abl.)
rājadharmān yudhiṣṭhira
die Königspflichten, Yudhiṣṭhira (Akk.Pl./Vok.)
nirucyamānān niyataḥ
die dargelegt werden, gesammelt (Part.Präs.Pass./Nom.)
yac cānyad abhivāñchasi
und was sonst du wünschst (Akk./2.Sg.Präs.)

ādāv eva kuruśreṣṭha rājñā rañjanakāmyayā; devatānāṃ dvijānāṃ ca vartitavyaṃ yathāvidhi

Ganz zu Beginn, bester der Kuru, muss der König, aus dem Wunsch [die Untertanen] zu erfreuen, sich gegenüber den Göttern und den Zweimalgeborenen vorschriftsgemäß verhalten.

Wort für Wort
ādāv eva kuruśreṣṭha
gleich zu Beginn, Bester der Kuru (Lok./Vok.)
rājñā rañjanakāmyayā
vom König aus Wunsch zu erfreuen (Instr./Instr.)
devatānāṃ dvijānāṃ ca
gegenüber Göttern und Zweimalgeborenen (Gen.Pl.)
vartitavyaṃ yathāvidhi
ist zu verfahren, vorschriftsgemäß (Gerundiv/Adv.)

daivatāny arcayitvā hi brāhmaṇāṃś ca kurūdvaha; ānṛṇyaṃ yāti dharmasya lokena ca sa mānyate

Denn wer Götter und Brahmanen verehrt hat, Stier der Kuru, gelangt zur Schuldlosigkeit gegenüber dem Dharma und wird von der Welt geehrt.

Wort für Wort
daivatāny arcayitvā hi
denn die Götter verehrt habend (Akk.Pl./Abs.)
brāhmaṇāṃś ca kurūdvaha
und die Brahmanen, Stier der Kuru (Akk.Pl./Vok.)
ānṛṇyaṃ yāti dharmasya
gelangt zur Schuldlosigkeit gegenüber dem Dharma (Akk./3.Sg.Präs./Gen.)
lokena ca sa mānyate
und von der Welt wird er geehrt (Instr./Nom./3.Sg.Pass.)

utthāne ca sadā putra prayatethā yudhiṣṭhira; na hy utthānam ṛte daivaṃ rājñām arthaprasiddhaye

Und um Tatkraft bemühe dich stets, Sohn Yudhiṣṭhira; denn ohne Tatkraft [genügt] das Schicksal Königen nicht zum Gelingen ihrer Ziele.

Wort für Wort
utthāne ca sadā putra
und um Tatkraft stets, Sohn (Lok./Vok.)
prayatethā yudhiṣṭhira
sollst du dich bemühen, Yudhiṣṭhira (2.Sg.Opt.Med./Vok.)
na hy utthānam ṛte daivam
denn ohne Tatkraft [ist] das Schicksal [nicht] (Akk./Nom.)
rājñām arthaprasiddhaye
für Könige zum Gelingen des Ziels (Gen.Pl./Dat.)

Ellipse im Text: ‚ohne Tatkraft [wirkt] das Schicksal nicht‘.

sādhāraṇaṃ dvayaṃ hy etad daivam utthānam eva ca; pauruṣaṃ hi paraṃ manye daivaṃ niścityam ucyate

Gemeinsam ist dieses Paar: Schicksal und Tatkraft. Das Menschenwerk aber halte ich für das Höhere; das Schicksal gilt [nur] als ein nachträglich Festgestelltes [?].

Wort für Wort
sādhāraṇaṃ dvayaṃ hy etat
gemeinsam [ist] dieses Paar (Nom.n.)
daivam utthānam eva ca
Schicksal und Tatkraft eben (Nom.)
pauruṣaṃ hi paraṃ manye
das Menschenwerk aber halte ich für höher (Nom./Adj./1.Sg.Präs.)
daivaṃ niścityam ucyate
das Schicksal wird als Festgestelltes [?] genannt (Nom./Gerundiv/3.Sg.Pass.)

niścityam ucyate: unsicher; wörtlich etwa ‚nach Erwägung/als Ausgemachtes wird [das Schicksal] genannt‘.

vipanne ca samārambhe saṃtāpaṃ mā sma vai kṛthāḥ; ghaṭate vinayas tāta rājñām eṣa nayaḥ paraḥ

Und wenn das Unternehmen misslingt, verfalle nicht in Kummer; man strebe nach Besonnenheit, mein Lieber; das ist die höchste Klugheit der Könige.

Wort für Wort
vipanne ca samārambhe
und wenn misslungen das Unternehmen (Lok.abs.)
saṃtāpaṃ mā sma vai kṛthāḥ
Kummer mache nicht (Akk./Prohibitiv 2.Sg.Aor.)
ghaṭate vinayas tāta
es bemüht sich [um] Besonnenheit, Lieber (3.Sg.Med./Nom./Vok.)
rājñām eṣa nayaḥ paraḥ
der Könige diese [ist] die höchste Klugheit (Gen.Pl./Nom.)

na hi satyād ṛte kiṃ cid rājñāṃ vai siddhikāraṇam; satye hi rājā nirataḥ pretya ceha ca nandati

Denn nichts außer der Wahrheit ist für Könige die Ursache des Erfolgs; wer als König an der Wahrheit festhält, freut sich im Jenseits und hier.

Wort für Wort
na hi satyād ṛte kiṃ cid
denn nichts außer Wahrheit (Abl.)
rājñāṃ vai siddhikāraṇam
für Könige fürwahr Ursache des Erfolgs (Gen.Pl./Nom.)
satye hi rājā nirataḥ
denn in der Wahrheit der König festhaltend (Lok./Nom.)
pretya ceha ca nandati
im Jenseits und hier freut er sich (Abs./3.Sg.Präs.)

ṛṣīṇām api rājendra satyam eva paraṃ dhanam; tathā rājñaḥ paraṃ satyān nānyad viśvāsakāraṇam

Auch für Seher, König der Könige, ist Wahrheit das höchste Gut; ebenso gibt es für den König keine andere höchste Ursache des Vertrauens als die Wahrheit.

Wort für Wort
ṛṣīṇām api rājendra
auch der Seher, Herr der Könige (Gen.Pl./Vok.)
satyam eva paraṃ dhanam
Wahrheit allein [ist] höchstes Gut (Nom./Nom.)
tathā rājñaḥ paraṃ satyāt
so für den König höher als Wahrheit (Gen./Abl.)
nānyad viśvāsakāraṇam
nicht anderes [ist] Ursache des Vertrauens (Nom.n.)

guṇavāñ śīlavān dānto mṛdur dharmyo jitendriyaḥ; sudarśaḥ sthūlalakṣyaś ca na bhraśyeta sadā śriyaḥ

Ein tugendhafter, charaktervoller, gezügelter, milder, gerechter, sinnenbezwingender, gut anzuschauender und weitherziger [?] [König] würde niemals das Glück verlieren.

Wort für Wort
guṇavāñ śīlavān dānto
tugendhaft, charaktervoll, gezügelt (Nom.)
mṛdur dharmyo jitendriyaḥ
mild, gerecht, sinnenbezwingend (Nom.)
sudarśaḥ sthūlalakṣyaś ca
gut anzusehen und weitherzig [?] (Nom.)
na bhraśyeta sadā śriyaḥ
würde nicht abfallen stets vom Glück (3.Sg.Opt./Abl.)

sthūlalakṣya: unsicher (‚großzügig/weitblickend‘).

ārjavaṃ sarvakāryeṣu śrayethāḥ kurunandana

Geradheit sollst du in allen Handlungen pflegen, Freude der Kuru.

Wort für Wort
ārjavaṃ sarvakāryeṣu
Geradheit in allen Handlungen (Akk./Lok.Pl.)
śrayethāḥ kurunandana
sollst du üben/pflegen, Kuru-Freude (2.Sg.Opt.Med./Vok.)

ārjavena samāyuktā modante ṛṣayo divi

Mit Geradheit ausgestattet freuen sich die Seher im Himmel.

Wort für Wort
ārjavena samāyuktāḥ
mit Geradheit ausgestattet (Instr./Nom.Pl.)
modante ṛṣayo divi
freuen sich die Seher im Himmel (3.Pl.Med./Nom.Pl./Lok.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers der kritischen Ausgabe.

punar nayavicāreṇa trayīsaṃvaraṇena ca

[Ebenso] wieder durch Prüfung der Klugheitsregeln und durch das Verbergen der Dreiheit [?].

Wort für Wort
punar
wiederum (Adv.)
nayavicāreṇa
durch Prüfung der Klugheitsregeln (Instr.)
trayīsaṃvaraṇena ca
und durch Verbergen/Wahren der Dreiheit [?] (Instr.)

Fortsetzung des vorigen Satzes; trayīsaṃvaraṇa unsicher (Wahrung/Verbergen der Trayī bzw. der eigenen Dreiheit von Plänen).

mṛdur hi rājā satataṃ laṅghyo bhavati sarvaśaḥ; tīkṣṇāc codvijate lokas tasmād ubhayam ācara

Ein milder König wird nämlich stets von allen Seiten übergangen; vor einem harten scheut die Welt zurück; darum übe beides.

Wort für Wort
mṛdur hi rājā satataṃ
ein milder König nämlich stets (Nom.)
laṅghyo bhavati sarvaśaḥ
wird übergangen/missachtet allseits (Nom.Gerundiv/3.Sg.)
tīkṣṇāc codvijate lokaḥ
und vor dem Scharfen schreckt die Welt zurück (Abl./3.Sg.Med.)
tasmād ubhayam ācara
darum beides übe (Akk./Imp.)

adaṇḍyāś caiva te nityaṃ viprāḥ syur dadatāṃ vara; bhūtam etat paraṃ loke brāhmaṇā nāma bhārata

Und unantastbar sollen dir stets die Brahmanen sein, bester der Spendenden; denn dies ist das höchste Wesen in der Welt, Bhārata: die sogenannten Brahmanen.

Wort für Wort
adaṇḍyāś caiva te nityaṃ
und straflos/unantastbar für dich stets (Nom.Pl./Gen.)
viprāḥ syur dadatāṃ vara
sollen die Brahmanen sein, Bester der Gebenden (Nom.Pl./Opt./Vok.)
bhūtam etat paraṃ loke
dies [ist] das höchste Wesen in der Welt (Nom.n./Lok.)
brāhmaṇā nāma bhārata
die sogenannten Brahmanen, Bhārata (Nom.Pl./Vok.)

manunā cāpi rājendra gītau ślokau mahātmanā; dharmeṣu sveṣu kauravya hṛdi tau kartum arhasi

Auch von Manu, dem Hochgesinnten, König der Könige, wurden zwei Strophen gesungen; in [Bezug auf] die eigenen Pflichten, Kauravya, solltest du sie dir zu Herzen nehmen.

Wort für Wort
manunā cāpi rājendra
auch von Manu, Herr der Könige (Instr./Vok.)
gītau ślokau mahātmanā
gesungen zwei Strophen von dem Hochgesinnten (Nom.Du./Instr.)
dharmeṣu sveṣu kauravya
in den eigenen Pflichten, Kauravya (Lok.Pl./Vok.)
hṛdi tau kartum arhasi
ins Herz sie zu legen sollst du (Lok./Akk.Du./Inf./2.Sg.)

adbhyo 'gnir brahmataḥ kṣatram aśmano loham utthitam; teṣāṃ sarvatragaṃ tejaḥ svāsu yoniṣu śāmyati

Aus Wasser [entstand] das Feuer, aus dem Brahman die Kṣatra-Macht, aus Stein das Eisen; ihre allesdurchdringende Glut wird in den eigenen Mutterschößen gestillt.

Wort für Wort
adbhyo 'gnir
aus den Wassern das Feuer (Abl.Pl./Nom.)
brahmataḥ kṣatram
aus dem Brahman die Kṣatra-Macht (Abl./Nom.)
aśmano loham utthitam
aus dem Stein das Eisen entstanden (Abl./Nom./Part.)
teṣāṃ sarvatragaṃ tejaḥ
deren allgegenwärtige Glut (Gen.Pl./Nom.)
svāsu yoniṣu śāmyati
in den eigenen Mutterschößen erlischt sie (Lok.Pl./3.Sg.Präs.)

ayo hanti yadāśmānam agniś cāpo 'bhipadyate; brahma ca kṣatriyo dveṣṭi tadā sīdanti te trayaḥ

Wenn Eisen den Stein schlägt, wenn Feuer ins Wasser gerät, wenn der Kṣatriya das Brahman hasst, dann gehen diese drei zugrunde.

Wort für Wort
ayo hanti yadāśmānam
wenn Eisen den Stein schlägt (Nom./3.Sg./Akk.)
agniś cāpo 'bhipadyate
und Feuer ins Wasser gerät (Nom./Akk.Pl./3.Sg.Med.)
brahma ca kṣatriyo dveṣṭi
und wenn der Kṣatriya das Brahman hasst (Akk./Nom./3.Sg.)
tadā sīdanti te trayaḥ
dann gehen zugrunde diese drei (3.Pl./Nom.)

etaj jñātvā mahārāja namasyā eva te dvijāḥ; bhaumaṃ brahma dvijaśreṣṭhā dhārayanti śamānvitāḥ

Dies erkennend, Großkönig, sind jene Zweimalgeborenen zu verehren; das irdische Brahman [?] tragen die besten der Zweimalgeborenen, von Gelassenheit erfüllt.

Wort für Wort
etaj jñātvā mahārāja
dies erkannt habend, Großkönig (Abs./Vok.)
namasyā eva te dvijāḥ
zu verehren eben jene Zweimalgeborenen (Nom.Pl.Gerundiv)
bhaumaṃ brahma
das irdische Brahman [?] (Akk.)
dvijaśreṣṭhā dhārayanti
die Besten der Zweimalgeborenen tragen (Nom.Pl./3.Pl.Kaus.)
śamānvitāḥ
mit Gelassenheit versehen (Nom.Pl.)

bhaumaṃ brahma: ‚irdisches Brahman‘ (die Brahmanen als Träger des heiligen Wissens auf Erden) unsicher.

evaṃ caiva naravyāghra lokatantravighātakāḥ; nigrāhyā eva satataṃ bāhubhyāṃ ye syur īdṛśāḥ

Und ebenso, Tiger unter den Männern, sind diejenigen, die solcherart Zerstörer der Ordnung der Welt sind, stets mit den Armen [d. h. mit Gewalt] niederzuhalten.

Wort für Wort
evaṃ caiva naravyāghra
und ebenso, Männertiger (Adv./Vok.)
lokatantravighātakāḥ
Zerstörer der Weltordnung (Nom.Pl.)
nigrāhyā eva satataṃ
niederzuhalten eben stets (Nom.Pl.Gerundiv)
bāhubhyāṃ ye syur īdṛśāḥ
mit den Armen, die es sind derartige (Instr.Du./Nom.Pl./Opt.)

ślokau cośanasā gītau purā tāta maharṣiṇā; tau nibodha mahāprājña tvam ekāgramanā nṛpa

Zwei Strophen wurden auch von Uśanas, dem großen Seher, einst gesungen, Lieber; diese vernimm, sehr Kluger, mit gesammeltem Geist, o Fürst.

Wort für Wort
ślokau cośanasā gītau
und zwei Strophen von Uśanas gesungen (Nom.Du./Instr./Part.)
purā tāta maharṣiṇā
einst, Lieber, vom großen Seher (Adv./Vok./Instr.)
tau nibodha mahāprājña
diese vernimm, Hochweiser (Akk.Du./Imp./Vok.)
tvam ekāgramanā nṛpa
du mit gesammeltem Geist, Fürst (Nom./Vok.)

udyamya śastram āyāntam api vedāntagaṃ raṇe; nigṛhṇīyāt svadharmeṇa dharmāpekṣī nareśvaraḥ

Auch wenn selbst ein Kenner des Vedānta mit erhobener Waffe im Kampf heranstürmt, soll der Herr der Menschen, auf den Dharma bedacht, ihn gemäß der eigenen Pflicht niederhalten.

Wort für Wort
udyamya śastram āyāntam
die Waffe erhoben habend heranrückend (Abs./Akk.Sg.Part.)
api vedāntagaṃ raṇe
auch einen Vedānta-Kundigen im Kampf (Akk./Lok.)
nigṛhṇīyāt svadharmeṇa
soll niederhalten gemäß der eigenen Pflicht (3.Sg.Opt./Instr.)
dharmāpekṣī nareśvaraḥ
auf den Dharma achtend der Menschenherr (Nom.)

vinaśyamānaṃ dharmaṃ hi yo rakṣati sa dharmavit; na tena bhrūṇahā sa syān manyus taṃ manum ṛcchati

Wer den untergehenden Dharma schützt, der ist ein Kenner des Dharma; dadurch wird er nicht zum Embryotöter; der Zorn trifft jenen Menschen [nämlich den Angreifer?] [?].

Wort für Wort
vinaśyamānaṃ dharmaṃ hi
den untergehenden Dharma nämlich (Akk./Part.Präs.)
yo rakṣati sa dharmavit
wer schützt, der [ist] Dharma-Kenner (Nom./3.Sg./Nom.)
na tena bhrūṇahā sa syāt
dadurch nicht Embryotöter er wäre (Instr./Nom./Opt.)
manyus taṃ manum ṛcchati
der Zorn jenen Menschen [?] trifft (Nom./Akk./3.Sg.Präs.)

Zweite Vershälfte unsicher: manyus taṃ manum ṛcchati; gedeutet als ‚der Zorn (manyu) trifft ihn, den Menschen (manu)‘; alternativ Bezug auf Manu.

evaṃ caiva naraśreṣṭha rakṣyā eva dvijātayaḥ; svaparāddhān api hi tān viṣayānte samutsṛjet

Und ebenso, bester der Männer, sind die Zweimalgeborenen unbedingt zu schützen; selbst wenn sie sich gegen ihn vergangen haben, soll er sie am Rande des Reiches entlassen.

Wort für Wort
evaṃ caiva naraśreṣṭha
und ebenso, bester der Männer (Vok.)
rakṣyā eva dvijātayaḥ
sind doch zu schützen, die Zweimalgeborenen (Gerundiv, Nom.Pl.)
sva-aparāddhān api hi tān
selbst die sich gegen ihn Vergangenen, eben diese (Akk.Pl.)
viṣaya-ante
am Rande des Reiches (Lok.)
samutsṛjet
soll er entlassen (3.Sg.Opt.)

abhiśastam api hy eṣāṃ kṛpāyīta viśāṃ pate; brahmaghne gurutalpe ca bhrūṇahatye tathaiva ca

Auch bei einem von ihnen, der [eines schweren Vergehens] beschuldigt ist, soll er Mitleid haben, Herr der Menschen; [selbst] bei einem Brahmanenmörder, einem, der das Lager des Lehrers geschändet hat, und ebenso bei einem Embryotöter,

Wort für Wort
abhiśastam api hi eṣām
auch einen Beschuldigten von diesen (Akk.Sg./Gen.Pl.)
kṛpāyīta
soll er Mitleid haben (3.Sg.Opt.Med.)
viśāṃ pate
Herr der Menschen (Vok.)
brahmaghne gurutalpe ca
bei einem Brahmanenmörder und bei einem Lehrerbett-Schänder (Lok.)
bhrūṇahatye tathaiva ca
und ebenso bei Embryotötung/einem Embryotöter (Lok.)

Konstruktion über Vers 34-35 hinweg: der Satz läuft in Einheit 35 weiter.

rājadviṣṭe ca viprasya viṣayānte visarjanam

und bei einem Brahmanen, der dem König verhasst ist, [gilt] die Entlassung am Rande des Reiches.

Wort für Wort
rāja-dviṣṭe ca viprasya
und bei einem vom König gehassten, des Brahmanen (Lok./Gen.)
viṣaya-ante
am Rande des Reiches (Lok.)
visarjanam
Entlassung, Verbannung (Nom.Sg.n.)

vapanaṃ draviṇādānaṃ svapuryāś ca visarjanam

Scheren [des Kopfes], Einziehen des Vermögens und Verstoßung aus der eigenen Stadt;

Wort für Wort
vapanam
Scheren, Kahlscheren (Nom.Sg.n.)
draviṇa-ādānam
Einziehen des Vermögens (Nom.Sg.n.)
sva-puryāḥ ca
und aus der eigenen Stadt (Abl.)
visarjanam
Verstoßung (Nom.Sg.n.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

vidhīyate na śārīraṃ bhayam eṣāṃ kadā cana

eine Gefahr für den Leib wird für sie niemals verhängt.

Wort für Wort
vidhīyate
wird verhängt, festgesetzt (3.Sg.Pass.)
na śārīram
nicht die leibliche (Nom.Sg.n.)
bhayam eṣām
Gefahr für sie (Nom.Sg./Gen.Pl.)
kadā cana
jemals (Adv.)

dayitāś ca narās te syur nityaṃ puruṣasattama; na kośaḥ paramo hy anyo rājñāṃ puruṣasaṃcayāt

Und beliebt sollen ihm diese Menschen stets sein, bester der Männer; denn keinen anderen höchsten Schatz gibt es für Könige als die Ansammlung von Menschen.

Wort für Wort
dayitāḥ ca narāḥ te syuḥ
und beliebt sollen diese Menschen sein (Nom.Pl., 3.Pl.Opt.)
nityaṃ puruṣasattama
stets, bester der Männer (Vok.)
na kośaḥ paramaḥ hi anyaḥ
denn kein anderer höchster Schatz (Nom.Sg.)
rājñām
für Könige (Gen.Pl.)
puruṣa-saṃcayāt
als die Ansammlung von Menschen (Abl.)

durgeṣu ca mahārāja ṣaṭsu ye śāstraniścitāḥ; sarveṣu teṣu manyante naradurgaṃ sudustaram

Unter den sechs Festungen, die durch die Lehrbücher festgelegt sind, halten sie unter allen diesen die Menschenfestung für die schwerst zu überwindende.

Wort für Wort
durgeṣu ca mahārāja
und unter den Festungen, großer König (Lok.Pl., Vok.)
ṣaṭsu ye śāstra-niścitāḥ
unter den sechs, die durch die Lehre festgestellt sind (Lok.Pl.)
sarveṣu teṣu
unter allen diesen (Lok.Pl.)
manyante
halten sie dafür (3.Pl.Med.)
nara-durgam
die Menschenfestung (Akk.Sg.n.)
su-dustaram
sehr schwer zu überwinden (Akk.Sg.n., Superl.-Sinn)

tasmān nityaṃ dayā kāryā cāturvarṇye vipaścitā; dharmātmā satyavāk caiva rājā rañjayati prajāḥ

Darum soll der Weise gegenüber den vier Ständen stets Mitgefühl üben; ein König, der tugendhaft und wahrhaftig in der Rede ist, erfreut die Untertanen.

Wort für Wort
tasmāt nityaṃ dayā kāryā
darum ist stets Mitgefühl zu üben (Abl., Nom.Sg.f., Gerundiv)
cāturvarṇye vipaścitā
gegenüber den vier Ständen, vom Weisen (Lok., Instr.)
dharma-ātmā satya-vāk ca
tugendhaft und wahrhaftig in der Rede (Nom.Sg.)
rājā rañjayati
der König erfreut (3.Sg.Kaus.)
prajāḥ
die Untertanen (Akk.Pl.)

na ca kṣāntena te bhāvyaṃ nityaṃ puruṣasattama; adharmyo hi mṛdū rājā kṣamāvān iva kuñjaraḥ

Und du darfst nicht stets nachsichtig sein, bester der Männer; denn ein milder König ist nicht dem Dharma gemäß, wie ein geduldiger Elefant [?].

Wort für Wort
na ca kṣāntena te bhāvyam
und nicht darfst du nachsichtig sein (Instr., Gerundiv)
nityaṃ puruṣasattama
stets, bester der Männer (Vok.)
adharmyaḥ hi mṛdu rājā
denn nicht dharmagemäß ist ein milder König (Nom.Sg.)
kṣamāvān iva kuñjaraḥ
wie ein geduldiger Elefant (Nom.Sg.)

Der Vergleich ist knapp; wohl: ein geduldiger Elefant wird vom Lenker nicht recht geführt/missachtet (vgl. Vers 43).

bārhaspatye ca śāstre vai ślokā viniyatāḥ purā; asminn arthe mahārāja tan me nigadataḥ śṛṇu

Auch in der Lehre des Bṛhaspati sind einst Strophen festgelegt worden; in dieser Sache, großer König, höre sie von mir, während ich sie vortrage.

Wort für Wort
bārhaspatye ca śāstre vai
und in der Lehre des Bṛhaspati fürwahr (Lok.Sg.n.)
ślokāḥ viniyatāḥ purā
Strophen sind festgelegt worden, einst (Nom.Pl., Part.Pass.)
asmin arthe mahārāja
in dieser Sache, großer König (Lok., Vok.)
tat me nigadataḥ śṛṇu
das höre von mir, dem Vortragenden (Akk., Gen./Abl., Imp.)

kṣamamāṇaṃ nṛpaṃ nityaṃ nīcaḥ paribhavej janaḥ; hastiyantā gajasyeva śira evārurukṣati

Einen stets nachsichtigen König missachtet ein niedriger Mensch; wie der Elefantenlenker möchte er auf den Kopf des Elefanten steigen.

Wort für Wort
kṣamamāṇaṃ nṛpaṃ nityam
den stets nachsichtigen König (Akk.Sg.)
nīcaḥ paribhavet janaḥ
ein niedriger Mensch missachtet [ihn] (3.Sg.Opt.)
hasti-yantā gajasya iva
wie ein Elefantenlenker des Elefanten (Nom.Sg., Gen.)
śiraḥ eva ārurukṣati
auf den Kopf eben will er steigen (Desiderativ, 3.Sg.)

tasmān naiva mṛdur nityaṃ tīkṣṇo vāpi bhaven nṛpaḥ; vasante 'rka iva śrīmān na śīto na ca gharmadaḥ

Darum soll ein König niemals stets mild oder auch scharf sein; wie die Sonne im Frühling, strahlend, [sei er] weder kalt noch Hitze spendend.

Wort für Wort
tasmāt na eva mṛduḥ nityam
darum nicht stets mild (Abl., Nom.Sg.)
tīkṣṇaḥ vā api bhavet nṛpaḥ
oder auch scharf soll der König sein (3.Sg.Opt.)
vasante arkaḥ iva śrīmān
wie die strahlende Sonne im Frühling (Lok., Nom.Sg.)
na śītaḥ na ca gharma-daḥ
weder kalt noch Hitze gebend (Nom.Sg.)

pratyakṣeṇānumānena tathaupamyopadeśataḥ; parīkṣyās te mahārāja sve pare caiva sarvadā

Durch Wahrnehmung, Schlussfolgerung, ebenso durch Vergleich und Belehrung sind sie, großer König, stets zu prüfen, die Eigenen wie die Fremden.

Wort für Wort
pratyakṣeṇa anumānena
durch Wahrnehmung, durch Schlussfolgerung (Instr.)
tathā aupamya-upadeśataḥ
ebenso durch Vergleich und Belehrung (Abl.-Adv.)
parīkṣyāḥ te mahārāja
zu prüfen sind diese, großer König (Gerundiv Nom.Pl., Vok.)
sve pare ca eva sarvadā
die Eigenen und die Fremden, allezeit (Lok.Pl.-Sinn/Nom.Pl., Adv.)

vyasanāni ca sarvāṇi tyajethā bhūridakṣiṇa; na caiva na prayuñjīta saṅgaṃ tu parivarjayet

Und alle Laster sollst du aufgeben, Großzügiger; und keineswegs soll er [sie] nicht ausüben [?]; die Anhaftung aber meide er.

Wort für Wort
vyasanāni ca sarvāṇi
und alle Laster (Akk.Pl.n.)
tyajethāḥ bhūri-dakṣiṇa
sollst du aufgeben, Großzügiger (2.Sg.Opt., Vok.)
na ca eva na prayuñjīta
und keineswegs soll er nicht ausüben (3.Sg.Opt.Med.)
saṅgaṃ tu parivarjayet
die Anhaftung aber meide er (Akk., 3.Sg.Opt.)

Zweiter Pāda syntaktisch unklar; Objekt und Sinn der doppelten Negation nicht sicher.

nityaṃ hi vyasanī loke paribhūto bhavaty uta; udvejayati lokaṃ cāpy atidveṣī mahīpatiḥ

Denn ein Lasterhafter wird in der Welt stets missachtet; und ein König, der allzu sehr hasst, versetzt die Welt in Unruhe.

Wort für Wort
nityaṃ hi vyasanī loke
denn stets ein Lasterhafter in der Welt (Nom., Lok.)
paribhūtaḥ bhavati uta
wird missachtet, fürwahr (Part.Pass., 3.Sg.Präs.)
udvejayati lokam ca api
und versetzt in Unruhe die Welt (3.Sg.Kaus., Akk.)
ati-dveṣī mahī-patiḥ
der allzu hassende Herr der Erde (Nom.Sg.)

bhavitavyaṃ sadā rājñā garbhiṇīsahadharmiṇā; kāraṇaṃ ca mahārāja śṛṇu yenedam iṣyate

Ein König soll stets einer Schwangeren gleich im Pflichtverhalten sein; und den Grund, großer König, höre, weshalb dies gewünscht wird.

Wort für Wort
bhavitavyam sadā rājñā
sein soll stets ein König (Gerundiv, Instr.)
garbhiṇī-sahadharmiṇā
einer Schwangeren gleichen Pflichtverhaltens (Instr.Sg.)
kāraṇaṃ ca mahārāja śṛṇu
und den Grund, großer König, höre (Akk., Vok., Imp.)
yena idam iṣyate
weshalb dies gewünscht wird (Instr., 3.Sg.Pass.)

yathā hi garbhiṇī hitvā svaṃ priyaṃ manaso 'nugam; garbhasya hitam ādhatte tathā rājñāpy asaṃśayam

Denn wie eine Schwangere ihr Liebes, dem Sinn Folgendes, beiseitelässt und das Wohl des Embryos fördert, so auch ein König, ohne Zweifel.

Wort für Wort
yathā hi garbhiṇī hitvā
denn wie eine Schwangere, nachdem sie aufgegeben hat (Nom., Abs.)
svaṃ priyaṃ manasaḥ anugam
das eigene Liebe, dem Sinn Folgende (Akk.Sg.n.)
garbhasya hitam ādhatte
das Wohl des Embryos setzt/fördert sie (Akk., 3.Sg.Med.)
tathā rājñā api asaṃśayam
so auch vom König, zweifellos (Instr., Adv.)

vartitavyaṃ kuruśreṣṭha nityaṃ dharmānuvartinā; svaṃ priyaṃ samabhityajya yad yal lokahitaṃ bhavet

Handeln soll man, bester der Kuru, stets dem Dharma folgend, indem man das eigene Liebe ganz aufgibt, was immer zum Wohl der Welt sein mag.

Wort für Wort
vartitavyaṃ kuru-śreṣṭha
zu verfahren ist, bester der Kuru (Gerundiv, Vok.)
nityaṃ dharma-anuvartinā
stets vom dem Dharma Folgenden (Instr.)
svaṃ priyaṃ samabhityajya
das eigene Liebe ganz aufgebend (Akk., Abs.)
yat yat loka-hitaṃ bhavet
was immer Wohl der Welt sein mag (Nom.n., 3.Sg.Opt.)

na saṃtyājyaṃ ca te dhairyaṃ kadā cid api pāṇḍava; dhīrasya spaṣṭadaṇḍasya na hy ājñā pratihanyate

Und deine Festigkeit darfst du niemals aufgeben, Pāṇḍava; denn der Befehl eines Standhaften, der klar straft, wird nicht abgewehrt.

Wort für Wort
na saṃtyājyaṃ ca te dhairyam
und nicht aufzugeben ist deine Festigkeit (Gerundiv, Nom.Sg.n.)
kadā cit api pāṇḍava
jemals, Pāṇḍava (Adv., Vok.)
dhīrasya spaṣṭa-daṇḍasya
des Standhaften, klar Strafenden (Gen.Sg.)
na hi ājñā pratihanyate
denn nicht wird der Befehl abgewehrt (Nom.Sg.f., 3.Sg.Pass.)

parihāsaś ca bhṛtyais te na nityaṃ vadatāṃ vara; kartavyo rājaśārdūla doṣam atra hi me śṛṇu

Und Scherz mit deinen Dienern darfst du nicht ständig treiben, Bester der Redner, Tiger unter Königen; denn den Fehler dabei höre von mir.

Wort für Wort
parihāsaḥ ca bhṛtyaiḥ te
und Scherz mit deinen Dienern (Nom., Instr.Pl.)
na nityaṃ vadatāṃ vara
nicht ständig, Bester der Redenden (Vok.)
kartavyaḥ rāja-śārdūla
ist zu treiben, Tiger unter Königen (Gerundiv, Vok.)
doṣam atra hi me śṛṇu
denn den Fehler hierbei höre von mir (Akk., Imp.)

avamanyanti bhartāraṃ saṃharṣād upajīvinaḥ; sve sthāne na ca tiṣṭhanti laṅghayanti hi tad vacaḥ

Sie missachten den Herrn, die von ihm Lebenden, aus Übermut; sie bleiben nicht an ihrem Platz und übertreten sein Wort.

Wort für Wort
avamanyanti bhartāram
sie missachten den Herrn (3.Pl., Akk.)
saṃharṣāt upajīvinaḥ
aus Übermut/Erregung, die Abhängigen (Abl., Nom.Pl.)
sve sthāne na ca tiṣṭhanti
und bleiben nicht an ihrem Platz (Lok., 3.Pl.)
laṅghayanti hi tad vacaḥ
denn sie übertreten sein Wort (3.Pl.Kaus., Akk.)

preṣyamāṇā vikalpante guhyaṃ cāpy anuyuñjate; ayācyaṃ caiva yācante 'bhojyāny āhārayanti ca

Wenn sie ausgesandt werden, zögern sie [?] und forschen nach Geheimem; sie erbitten Unerbetbares und verzehren Nicht-Essbares.

Wort für Wort
preṣyamāṇāḥ vikalpante
ausgesandt, schwanken/zögern sie (Part.Pass.Nom.Pl., 3.Pl.Med.)
guhyam ca api anuyuñjate
und fragen auch nach Geheimem (Akk., 3.Pl.Med.)
ayācyaṃ ca eva yācante
und bitten um Unerbetbares (Akk., 3.Pl.Med.)
abhojyāni āhārayanti ca
und verzehren Nicht-Essbares (Akk.Pl.n., 3.Pl.Kaus.)

krudhyanti paridīpyanti bhūmim adhyāsate 'sya ca; utkocair vañcanābhiś ca kāryāṇy anuvihanti ca

Sie zürnen, entbrennen und setzen sich auf sein Land [?]; und durch Bestechungen und Betrügereien vereiteln sie seine Angelegenheiten.

Wort für Wort
krudhyanti paridīpyanti
sie zürnen, sie entflammen (3.Pl.)
bhūmim adhyāsate asya ca
und setzen sich auf sein Land/nehmen es in Besitz (Akk., 3.Pl.Med.)
utkocaiḥ vañcanābhiḥ ca
durch Bestechungen und Betrügereien (Instr.Pl.)
kāryāṇi anuvihanti ca
und vereiteln die Angelegenheiten (Akk.Pl.n., 3.Pl.)

jarjaraṃ cāsya viṣayaṃ kurvanti pratirūpakaiḥ; strīr akṣibhiś ca sajjante tulyaveṣā bhavanti ca

Sie machen sein Reich morsch durch Scheinbilder [?]; sie hängen mit den Augen an den Frauen und tragen gleiche Kleidung [wie er].

Wort für Wort
jarjaram ca asya viṣayam
und sein Reich morsch (Akk.Sg.)
kurvanti pratirūpakaiḥ
machen sie durch Nachahmungen/Fälschungen (3.Pl., Instr.Pl.)
strīḥ akṣibhiḥ ca sajjante
und an den Frauen hängen sie mit den Augen (Akk.Pl., Instr.Pl., 3.Pl.Pass.-Med.)
tulya-veṣāḥ bhavanti ca
und werden gleich gekleidet (Nom.Pl.)

vātaṃ ca ṣṭhīvanaṃ caiva kurvate cāsya saṃnidhau; nirlajjā naraśārdūla vyāharanti ca tadvacaḥ

Sie lassen Wind [?] und Speichel in seiner Nähe los; schamlos, Tiger unter Männern, reden sie auch seine Worte nach.

Wort für Wort
vātaṃ ca ṣṭhīvanaṃ ca eva
und Wind (Blähung) und Speichel (Akk.Sg.)
kurvate ca asya saṃnidhau
und lassen sie in seiner Gegenwart (3.Pl.Med., Lok.)
nirlajjāḥ naraśārdūla
schamlos, Tiger unter Männern (Nom.Pl., Vok.)
vyāharanti ca tad-vacaḥ
und äußern/wiederholen sein Wort (3.Pl., Akk.)

Deutung von vāta (Blähung) und von vyāharanti tad-vacaḥ (Nachäffen seiner Worte) unsicher.

hayaṃ vā dantinaṃ vāpi rathaṃ nṛpatisaṃmatam; adhirohanty anādṛtya harṣule pārthive mṛdau

Ein Pferd oder auch einen Elefanten oder einen Wagen, die dem König genehm sind, besteigen sie ohne Achtung, wenn der Herrscher mild und leicht erfreut ist.

Wort für Wort
hayaṃ vā dantinam vā api
ein Pferd oder auch einen Elefanten (Akk.)
ratham nṛpati-saṃmatam
einen Wagen, vom König geschätzt (Akk.Sg.)
adhirohanti anādṛtya
besteigen sie, ohne Achtung (3.Pl., Abs.)
harṣule pārthive mṛdau
bei einem leicht erfreuten, milden Herrscher (Lok.Abs.)

idaṃ te duṣkaraṃ rājann idaṃ te durviceṣṭitam; ity evaṃ suhṛdo nāma bruvanti pariṣadgatāḥ

„Dies ist dir schwer zu tun, König; dies hast du schlecht angestellt“: so reden sie, die angeblichen Freunde, in der Versammlung.

Wort für Wort
idaṃ te duṣkaram rājan
dies ist dir schwer zu tun, König (Nom.n., Vok.)
idaṃ te durviceṣṭitam
dies ist von dir schlecht getan (Nom.n. Part.)
iti evam suhṛdaḥ nāma
so [sagen] die Freunde, dem Namen nach (Nom.Pl.)
bruvanti pariṣad-gatāḥ
sprechen sie, in der Versammlung anwesend (3.Pl., Nom.Pl.)

kruddhe cāsmin hasanty eva na ca hṛṣyanti pūjitāḥ; saṃgharṣaśīlāś ca sadā bhavanty anyonyakāraṇāt

Wenn er aber zornig ist, lachen sie nur; geehrt freuen sie sich nicht; und stets sind sie streitlustig um einander willen.

Wort für Wort
kruddhe ca asmin
und wenn dieser zornig ist (Lok.Abs.)
hasanti eva
lachen sie nur (3.Pl.)
na ca hṛṣyanti pūjitāḥ
und freuen sich nicht, geehrt (3.Pl., Part.Pass.)
saṃgharṣa-śīlāḥ ca sadā
und stets zum Streit geneigt (Nom.Pl.)
bhavanti anyonya-kāraṇāt
sind sie wegen einander (3.Pl., Abl.)

visraṃsayanti mantraṃ ca vivṛṇvanti ca duṣkṛtam; līlayā caiva kurvanti sāvajñās tasya śāsanam; alaṃkaraṇabhojyaṃ ca tathā snānānulepanam

Sie verraten den Rat und decken die Missetat auf; spielerisch und verächtlich führen sie seinen Befehl aus; und Schmuck, Speise, ebenso Bad und Salbung [beanspruchen sie] [?].

Wort für Wort
visraṃsayanti mantram ca
und lassen den Rat durchsickern (3.Pl.Kaus., Akk.)
vivṛṇvanti ca duṣkṛtam
und enthüllen die Missetat (3.Pl., Akk.)
līlayā ca eva kurvanti
und spielerisch tun sie (Instr., 3.Pl.)
sa-avajñāḥ tasya śāsanam
verächtlich seinen Befehl (Nom.Pl., Akk.)
alaṃkaraṇa-bhojyaṃ ca
und Schmuck und Speise (Akk.Sg.n.)
tathā snāna-anulepanam
ebenso Bad und Salbung (Akk.Sg.n.)

Der letzte Pāda ist ohne Verb; die Ergänzung ist unsicher.

helamānā naravyāghra svasthās tasyopaśṛṇvate; nindanti svān adhīkārān saṃtyajanti ca bhārata

Sie verachten [ihn], Tiger unter den Männern, hören ihm unbekümmert zu; sie tadeln ihre eigenen Ämter und geben sie auf, Bhārata.

Wort für Wort
helamānāḥ naravyāghra
verachtend, Tiger unter Männern (Part.Med., Vok.)
svasthāḥ tasya upaśṛṇvate
unbekümmert hören sie ihm zu (Nom.Pl., 3.Pl.Med.)
nindanti svān adhīkārān
sie tadeln ihre eigenen Ämter (3.Pl., Akk.Pl.)
saṃtyajanti ca bhārata
und geben auf, Bhārata (3.Pl., Vok.)

na vṛttyā parituṣyanti rājadeyaṃ haranti ca; krīḍituṃ tena cecchanti sasūtreṇeva pakṣiṇā; asmatpraṇeyo rājeti loke caiva vadanty uta

Mit ihrem Unterhalt sind sie nicht zufrieden und nehmen [sich] das dem König Zustehende; sie wollen mit ihm spielen wie mit einem Vogel am Faden; und sie sagen auch in der Welt: ‚Der König ist von uns zu lenken.‘

Wort für Wort
na vṛttyā parituṣyanti
sie sind nicht zufrieden mit dem Unterhalt (Instr., 3.Pl.)
rāja-deyaṃ haranti ca
und nehmen das dem König Zustehende (Akk., 3.Pl.)
krīḍitum tena ca icchanti
und wollen mit ihm spielen (Inf., Instr., 3.Pl.)
sasūtreṇa iva pakṣiṇā
wie mit einem Vogel am Faden (Instr.)
asmat-praṇeyaḥ rājā iti
von uns zu lenken [sei] der König, so (Gerundiv Nom.)
loke ca eva vadanti uta
und sagen in der Welt fürwahr (Lok., 3.Pl.)

ete caivāpare caiva doṣāḥ prādurbhavanty uta; nṛpatau mārdavopete harṣule ca yudhiṣṭhira

Diese und andere Fehler treten auf, Yudhiṣṭhira, bei einem König, der von Milde erfüllt und leicht erfreut ist.

Wort für Wort
ete ca eva apare ca eva
diese und andere (Nom.Pl.)
doṣāḥ prādurbhavanti uta
Fehler treten auf, fürwahr (Nom.Pl., 3.Pl.)
nṛpatau mārdava-upete
bei einem König, der mit Milde versehen ist (Lok.Sg.)
harṣule ca yudhiṣṭhira
und leicht erfreut, Yudhiṣṭhira (Lok., Vok.)

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