Kapitel 197: jñānendriyamanobuddhivicāraḥ
Erkenntnis, Sinne, Denken und Vernunft auf dem Weg zum Höchsten
Manu erläutert, wie die Sinne, das Denken, die Vernunft und die Erkenntnis aufeinander aufbauen und wie der Mensch durch Zügelung der Sinne zum Unentfalteten und Höchsten gelangt.
Manu sprach: „Wie dieses [Körperliche] offenbar daliegt [und] im Traum das Bewusstsein umhergeht, [und] die Erkenntnis an die Sinne gebunden ist, ebenso [verhalten sich] nach dem Tode Werden und Vergehen [?].“
Wort für Wort
manur uvāca
Manu sprach (Nom.Sg.; Perf.3.Sg.)
yathā vyaktam idaṃ śete
wie dieses Offenbare (Körperliche) daliegt (Nom./Akk.Sg.n.; 3.Sg.Präs.Med.)
svapne carati cetanam
im Traum geht umher das Bewusstsein (Lok.Sg.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.n.)
jñānam indriyasaṃyuktam
die Erkenntnis, mit den Sinnen verbunden (Nom.Sg.n.; Kompositum, Part.)
tadvat pretya bhavābhavau
ebenso nach dem Tode Werden und Vergehen (Adv.; Abs.; Nom.Du.m.)
Syntax knapp und mehrdeutig; Vergleichsstruktur (tadvat) unsicher.
sa eva lulite tasmin yathā rūpaṃ na paśyati; tathendriyākulībhāve jñeyaṃ jñāne na paśyati
Wenn aber eben dieses [Wasser] aufgewühlt ist, sieht man die Gestalt nicht; ebenso sieht man, wenn die Sinne verwirrt sind, das zu Erkennende nicht mit der Erkenntnis.
Wort für Wort
sa eva lulite tasmin
eben dieses, wenn es aufgewühlt ist (Nom.Sg.m.; Lok.Sg.n. Part., Lok. absolutus)
yathā rūpaṃ na paśyati
wie man die Gestalt nicht sieht (Akk.Sg.n.; 3.Sg.Präs.)
tathendriyākulībhāve
ebenso bei Verwirrung der Sinne (Lok.Sg.m.)
jñeyaṃ jñāne na paśyati
das Erkennbare in der Erkenntnis sieht er nicht (Akk.Sg.n.; Lok.Sg.n.; 3.Sg.Präs.)
Unverstand entsteht durch Unwissenheit; durch Unverstand wird das Denken [Manas] verdorben; wenn das Denken verdorben ist, werden fünf aus dem Denken stammende [Regungen] völlig verdorben.
Wort für Wort
abuddhir ajñānakṛtā
Unverstand, durch Unwissenheit bewirkt (Nom.Sg.f.; Part.f.)
abuddhyā duṣyate manaḥ
durch Unverstand wird verdorben das Denken (Instr.Sg.f.; 3.Sg.Pass.; Nom.Sg.n.)
duṣṭasya manasaḥ
des verdorbenen Denkens (Gen.Sg.n.; Gen.Sg.n.)
pañca saṃpraduṣyanti mānasāḥ
fünf werden völlig verdorben, die geistigen (Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.; Nom.Pl.m.)
„fünf“ = wohl die fünf Sinnesobjekte/Regungen; Bezug unklar.
ajñānatṛpto viṣayeṣv avagāḍho na dṛśyate; adṛṣṭvaiva tu pūtātmā viṣayebhyo nivartate
Wer, in Unwissenheit gesättigt, in die Sinnesobjekte eingetaucht ist, wird [in seinem wahren Wesen] nicht gesehen; der aber, dessen Selbst geläutert ist, wendet sich von den Sinnesobjekten ab, ohne [sie überhaupt] gesehen zu haben.
Wort für Wort
ajñānatṛpto viṣayeṣv avagāḍhaḥ
durch Unwissenheit Gesättigter, in die Objekte Eingetauchter (Nom.Sg.m.; Lok.Pl.; Part.)
na dṛśyate
wird nicht gesehen (3.Sg.Pass.)
adṛṣṭvaiva tu pūtātmā
ohne [sie] gesehen zu haben aber, der Geläuterte (Abs.; Nom.Sg.m.)
viṣayebhyo nivartate
wendet sich von den Objekten ab (Abl.Pl.; 3.Sg.Präs.Med.)
„wird nicht gesehen“ unsicher (dṛśyate evtl. „erkennt nicht“).
Ein Abschneiden des Durstes [der Begierde] gibt es für den Menschen hier nicht aufgrund von Befleckung; der Durst hört auf, wie eine Sünde, die an ihr Ende gelangt ist.
Wort für Wort
tarṣacchedo na bhavati
das Abschneiden des Durstes ist nicht (Nom.Sg.m.; 3.Sg.Präs.)
puruṣasyeha kalmaṣāt
für den Menschen hier wegen der Befleckung (Gen.Sg.; Adv.; Abl.Sg.n.)
nivartate tathā tarṣaḥ
es hört auf, ebenso der Durst (3.Sg.Präs.Med.; Nom.Sg.m.)
pāpam antaṃ gataṃ yathā
wie die Sünde, an ihr Ende gelangt (Nom.Sg.n.; Akk.Sg.m.; Part.)
viṣayeṣu ca saṃsargāc chāśvatasya nasaṃśrayāt; manasā cānyad ākāṅkṣan paraṃ na pratipadyate
Durch die Verstrickung in die Sinnesobjekte und weil man sich nicht am Ewigen festhält, und indem man mit dem Denken Anderes begehrt, erreicht man das Höchste nicht.
Wort für Wort
viṣayeṣu ca saṃsargāt
und durch die Verbindung mit den Objekten (Lok.Pl.; Abl.Sg.m.)
śāśvatasya nasaṃśrayāt
weil man das Ewige nicht aufsucht (Gen.Sg.n.; Abl.Sg.m.)
manasā cānyad ākāṅkṣan
und mit dem Denken Anderes begehrend (Instr.Sg.n.; Akk.Sg.n.; Part.Nom.Sg.m.)
paraṃ na pratipadyate
das Höchste erreicht er nicht (Akk.Sg.n.; 3.Sg.Präs.Med.)
prasṛtair indriyair duḥkhī tair eva niyataiḥ sukhī; tasmād indriyarūpebhyo yacched ātmānam ātmanā
Durch ausgeschweifte Sinne ist man leidend, durch eben diese, wenn sie gezügelt sind, glücklich; daher soll man von den Sinnesgestalten das Selbst durch das Selbst zügeln.
Wort für Wort
prasṛtair indriyair duḥkhī
durch ausgeschweifte Sinne leidend (Instr.Pl.; Instr.Pl.; Nom.Sg.m.)
tair eva niyataiḥ sukhī
durch eben diese, gezügelt, glücklich (Instr.Pl.; Part.Instr.Pl.; Nom.Sg.m.)
tasmād indriyarūpebhyaḥ
daher von den Sinnesgestalten (Abl.Pl.)
yacched ātmānam ātmanā
man zügle das Selbst durch das Selbst (3.Sg.Opt.; Akk.Sg.; Instr.Sg.)
indriyarūpebhyo evtl. „von den Sinnen und ihren Gestalten“.
avyaktāt prasṛtaṃ jñānaṃ tato buddhis tato manaḥ; manaḥ śrotrādibhir yuktaṃ śabdādīn sādhu paśyati
Aus dem Unentfalteten ist die Erkenntnis hervorgegangen, daraus die Vernunft, daraus das Denken; das Denken, mit Ohr und den übrigen [Sinnen] verbunden, nimmt Klang und die übrigen [Objekte] richtig wahr.
Wort für Wort
avyaktāt prasṛtaṃ jñānam
aus dem Unentfalteten hervorgegangen die Erkenntnis (Abl.Sg.n.; Part.Nom.Sg.n.; Nom.Sg.n.)
tato buddhis tato manaḥ
daraus die Vernunft, daraus das Denken (Adv.; Nom.Sg.f.; Nom.Sg.n.)
manaḥ śrotrādibhir yuktam
das Denken, mit Ohr usw. verbunden (Instr.Pl.; Part.Nom.Sg.n.)
śabdādīn sādhu paśyati
Klang usw. richtig sieht es (Akk.Pl.m.; Adv.; 3.Sg.Präs.)
dṛśyate maṇḍalaṃ tasya na ca dṛśyeta maṇḍalī; tadvad dehas tu saṃdṛśya ātmādṛśyaḥ paraḥ sadā; grastaṃ hy udgirate nityam udgīthaṃ vetti nityaśaḥ; bālye rathābhyāṃ yogena tattvajñānaṃ tu saṃmatam
Sichtbar wird ihr Kreis, doch der Kreisinhaber wird nicht gesehen; ebenso ist der Körper wahrnehmbar, das Selbst aber stets unsichtbar und höher. Das Verschlungene speit er immer wieder aus, den Udgītha erkennt er stets; in der Kindheit durch die Verbindung zweier Wagen [?] gilt Wesenserkenntnis als anerkannt [?].
Wort für Wort
dṛśyate maṇḍalaṃ tasya na ca dṛśyeta maṇḍalī
sichtbar ist ihr Kreis, und nicht gesehen wird der Kreisinhaber (3.Sg.Pass.; Nom.Sg.n.; Gen.Sg.; Opt.Pass.; Nom.Sg.m.)
tadvad dehas tu saṃdṛśya ātmādṛśyaḥ paraḥ sadā
ebenso ist der Körper wahrnehmbar, das Selbst unsichtbar, höher, stets (Nom.Sg.m.; Gerundiv; Nom.Sg.m.; Adj.)
grastaṃ hy udgirate nityam
das Verschlungene speit er aus stets (Part.Akk.Sg.n.; 3.Sg.Präs.Med.; Adv.)
udgīthaṃ vetti nityaśaḥ
den Udgītha kennt er stets (Akk.Sg.m.; 3.Sg.Präs.; Adv.)
bālye rathābhyāṃ yogena
in der Kindheit, durch zwei Wagen, durch Verbindung (Lok.Sg.n.; Instr.Du.m.; Instr.Sg.m.)
tattvajñānaṃ tu saṃmatam
Wesenserkenntnis aber gilt als anerkannt (Nom.Sg.n.; Part.Nom.Sg.n.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage, textlich dunkel; die Zeile „bālye rathābhyāṃ …“ ist unsicher, evtl. verderbt.
antarātmā tathā deham āviśyendriyaraśmibhiḥ; prāpyendriyaguṇān pañca so 'stam āvṛtya gacchati
So auch das innere Selbst: in den Körper eingetreten mit den Strahlen der Sinne, die fünf Sinneseigenschaften erlangt, kehrt es, [sie] zurückziehend, zum Untergang [d. h. in die Ruhe] zurück.
Wort für Wort
antarātmā tathā deham
das innere Selbst ebenso den Körper (Nom.Sg.m.; Adv.; Akk.Sg.m.)
āviśyendriyaraśmibhiḥ
eingetreten mit den Sinnesstrahlen (Abs.; Instr.Pl.m.)
prāpyendriyaguṇān pañca
erlangt habend die Sinneseigenschaften, fünf (Abs.; Akk.Pl.m.; Num.)
so 'stam āvṛtya gacchati
es geht, [sie] zurückgezogen, zum Untergang (Nom.Sg.m.; Akk.Sg.m.; Abs.; 3.Sg.Präs.)
Bild: Sinne als Strahlen des innersten Selbst; „āvṛtya“ evtl. „sich abwendend“.
Für den Verkörperten, der keine Nahrung [mehr aufnimmt], ziehen sich die Sinnesobjekte zurück; auch der Geschmack [die Begierde] schwindet ihm bis auf den Nachgeschmack, wenn er das Höchste geschaut hat.
Wort für Wort
viṣayā vinivartante
die Objekte wenden sich ab (Nom.Pl.m.; 3.Pl.Präs.Med.)
nirāhārasya dehinaḥ
bei dem nahrungslosen Verkörperten (Gen.Sg.m.; Gen.Sg.m.)
rasavarjaṃ raso 'py asya
mit Ausnahme des Geschmacks auch der Geschmack ihm (Adv.; Nom.Sg.m.; Gen.Sg.)
paraṃ dṛṣṭvā nivartate
das Höchste geschaut, hört er auf (Akk.Sg.n.; Abs.; 3.Sg.Präs.Med.)
rasavarjam: „bis auf den Rest der Neigung“ möglich; Sinn unsicher.
Wenn die Vernunft, der Eigenschaften des Handelns ledig, im Denken verweilt, dann wird das Brahman erreicht, [und] gerade dort geht sie in Auflösung ein.
Wort für Wort
buddhiḥ karmaguṇair hīnā
die Vernunft, von Handlungseigenschaften frei (Nom.Sg.f.; Instr.Pl.m.; Part.f.)
yadā manasi vartate
wenn sie im Denken verweilt (Konj.; Lok.Sg.n.; 3.Sg.Präs.Med.)
tadā saṃpadyate brahma
dann wird erlangt/ist das Brahman (Adv.; 3.Sg.Präs.Med.; Nom.Sg.n.)
tatraiva pralayaṃ gatam
eben dort in Auflösung gegangen (Adv.; Akk.Sg.m.; Part.Nom.Sg.n.)
avyaktāt prasṛtaṃ jñānaṃ tato buddhis tato manaḥ; ātmanaḥ prasṛtā buddhir avyaktaṃ jñānam ucyate; tasmād buddhiḥ smṛtā tajjñair manas tasmāt tataḥ smṛtam; tasmād ākṛtayaḥ pañca manaḥ paramam ucyate; tasmāt paratarā buddhir jñānaṃ tasmāt paraṃ smṛtam; tataḥ sūkṣmas tato hy ātmā tasmāt parataraṃ na ca; indriyāṇi nirīkṣante manasaitāni sarvaśaḥ
Aus dem Unentfalteten ist die Erkenntnis hervorgegangen, daraus die Vernunft, daraus das Denken. Aus dem Selbst ist die Vernunft hervorgegangen; das Unentfaltete heißt Erkenntnis. Daher wird von den Kundigen die Vernunft [so] genannt; das Denken gilt [ebenso] als daraus [hervorgegangen] [?]. Daraus [entstehen] die fünf Gestalten; das Denken heißt das Höchste. Höher als das [Denken] ist die Vernunft, die Erkenntnis gilt als noch höher als sie. Dann ist [es] das Feine, dann das Selbst; höher als das gibt es nichts. Die Sinne blicken; diese [betrachtet] das Denken überall.
Wort für Wort
avyaktāt prasṛtaṃ jñānaṃ tato buddhis tato manaḥ
aus dem Unentfalteten hervorgegangen die Erkenntnis, daraus Vernunft, daraus Denken (Abl.Sg.n.; Part.Nom.Sg.n.)
ātmanaḥ prasṛtā buddhir avyaktaṃ jñānam ucyate
aus dem Selbst hervorgegangen die Vernunft; das Unentfaltete heißt Erkenntnis (Abl.Sg.m.; Part.f.; 3.Sg.Pass.)
manasy ākṛtayo magnā manas tv atigataṃ matim; matis tv atigatā jñānaṃ jñānaṃ tv abhigataṃ param
In das Denken sind die Gestalten versunken; das Denken aber reicht über [sie] hinaus zur Einsicht; die Einsicht wieder reicht hinaus zur Erkenntnis, und die Erkenntnis geht zum Höchsten hin.
Wort für Wort
manasy ākṛtayo magnāḥ
im Denken die Gestalten versunken (Lok.Sg.n.; Nom.Pl.f.; Part.Nom.Pl.f.)
manas tv atigataṃ matim
das Denken aber hinausgegangen zur Einsicht (Nom.Sg.n.; Part.Nom.Sg.n.; Akk.Sg.f.)
matis tv atigatā jñānam
die Einsicht aber hinausgegangen zur Erkenntnis (Nom.Sg.f.; Part.f.; Akk.Sg.n.)
jñānaṃ tv abhigataṃ param
die Erkenntnis aber hingegangen zum Höchsten (Nom.Sg.n.; Part.n.; Akk.Sg.n.)
indriyair manasaḥ siddhir na buddhiṃ budhyate manaḥ; na buddhir budhyate 'vyaktaṃ sūkṣmas tv etāni paśyati
Durch die Sinne [gelingt] dem Denken nichts [Vollendetes]; das Denken erkennt die Vernunft nicht; die Vernunft erkennt das Unentfaltete nicht; das Feine aber sieht diese alle.
Wort für Wort
indriyair manasaḥ siddhiḥ
durch die Sinne des Denkens Erfolg (Instr.Pl.n.; Gen.Sg.n.; Nom.Sg.f.)
na buddhiṃ budhyate manaḥ
nicht die Vernunft erkennt das Denken (Akk.Sg.f.; 3.Sg.Präs.Med.; Nom.Sg.n.)
na buddhir budhyate 'vyaktam
nicht die Vernunft erkennt das Unentfaltete (Nom.Sg.f.; Akk.Sg.n.)
sūkṣmas tv etāni paśyati
das Feine aber diese sieht (Nom.Sg.m.; Akk.Pl.n.; 3.Sg.Präs.)
siddhiḥ: „Erfolg/Leistung“; Wiedergabe der ersten Zeile unsicher [?].