Kapitel 203: śiṣyācāryasaṃvādaḥ sṛṣṭiprakriyā ca
Gespräch von Lehrer und Schüler über Schöpfung, Urnatur, Puruṣa und Erkenntnis
Beginn des Lehrgesprächs zwischen einem Lehrer und seinem Schüler über Ursprung und Ordnung der Welt und den Weg zur Erlösung; Vāsudeva/Viṣṇu erscheint als höchstes Brahman, danach werden Prakṛti, Puruṣa, die Tattvas und die Erkenntnis des Selbst entfaltet. Dieser erste Abschnitt enthält viele Zusatzpassagen der kritischen Ausgabe mit verderbtem Text.
yudhiṣṭhira uvāca; yogaṃ me paramaṃ tāta mokṣasya vada bhārata; tam ahaṃ tattvato jñātum icchāmi vadatāṃ vara
Yudhiṣṭhira sprach: „Sage mir, Vater, o Bhārata, das höchste Yoga der Erlösung; eben dieses möchte ich der Wahrheit gemäß erkennen, o Bester der Redenden.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (3.Sg.Perf.)
yogaṃ me paramaṃ tāta
das höchste Yoga, mir, o Vater (Akk./Dat./Vok.)
mokṣasya vada bhārata
der Erlösung (Gen.); sage (Imp.), o Bhārata (Vok.)
tam ahaṃ tattvato jñātum icchāmi
dieses ich der Wahrheit gemäß erkennen möchte (Akk./Nom./Abl.-Adv./Inf./1.Sg.Präs.)
„Auch um in der Wirklichkeit des Wissens [gefestigt] zu bleiben, sage ich dir noch einmal [dies]: das Unbegreifliche, Vāsudeva genannt; darum künde es, o Bester der Guten.“
Wort für Wort
bhūyo 'pi
noch einmal, abermals (Adv.)
jñānasadbhāve sthityarthaṃ
im Sein/in der Wirklichkeit des Wissens, um des Bestehens willen (Lok./Kompositum/Adv.)
tvāṃ bravīmy aham
dir (Akk.) sage (1.Sg.Präs.) ich
acintyaṃ vāsudevākhyam
das Unbegreifliche, Vāsudeva genannt (Akk.)
tasmāt prabrūhi sattama
darum künde (Imp.), o Bester der Guten (Vok.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Syntax und Bezug (wer spricht zu wem, Objekt von bravīmi) sind unklar, die Wiedergabe ist vorsichtig. [?]
upāsanāt prasanno 'si yadi vai bhagavan mama; saṃśayo me mahān kaś cit tan me vyākhyātum arhasi
„Wenn du, o Erhabener, durch [meine] Dienstbeflissenheit mir gnädig gestimmt bist, so besteht bei mir irgendein großer Zweifel; den mögest du mir erklären.“
Wort für Wort
upāsanāt prasanno 'si
durch Dienst (Abl.), gnädig gestimmt bist du (2.Sg.Präs.)
yadi vai bhagavan mama
wenn wahrlich, o Erhabener (Vok.), mir/mein (Gen.)
saṃśayo me mahān kaś cit
Zweifel (Nom.), mir, groß, irgendeiner
tan me vyākhyātum arhasi
diesen mir zu erklären (Inf.) sollst du (2.Sg.Präs.)
kutaś cāhaṃ kutaś ca tvaṃ tat samyag brūhi yat param; kathaṃ ca sarvabhūteṣu sameṣu dvijasattama; samyagvṛttā nivartante viparītāḥ kṣayodayāḥ
„Woher [komme] ich und woher du? Das sage genau, was das Höchste ist. Und wie kommt es, o Bester der Zweimalgeborenen, dass bei allen Wesen, die [doch] gleich sind, Untergang und Aufgang verkehrt zurückkehren [bei denen], die recht wandeln?“
Wort für Wort
kutaś cāhaṃ kutaś ca tvam
woher ich und woher du (Adv./Nom.)
tat samyag brūhi yat param
das genau sage (Imp.), was das Höchste [ist]
kathaṃ ca sarvabhūteṣu sameṣu
und wie unter allen Wesen, den gleichen (Lok.Pl.)
dvijasattama
o Bester der Zweimalgeborenen (Vok.)
samyagvṛttā nivartante
die recht Wandelnden (Nom.Pl.), kehren zurück (3.Pl.Präs.Med.)
viparītāḥ kṣayodayāḥ
verkehrt, Untergang und Aufgang (Nom.Pl.)
Der Sinn des dritten Pādas ist dunkel (Bezug von samyagvṛttāḥ und viparītāḥ). [?]
gurur uvāca; śṛṇu śiṣya mahāprājña brahmaguhyam idaṃ param; adhyātmaṃ sarvabhūtānām āgamānāṃ ca yad vasu
Der Lehrer sprach: „Höre, Schüler, du sehr Weiser, dieses höchste Geheimnis des Brahman, das Selbstbezogene aller Wesen und was der Reichtum der Überlieferungen ist.“
Wort für Wort
gurur uvāca
der Lehrer sprach (Perf.)
śṛṇu śiṣya mahāprājña
höre (Imp.), o Schüler, o sehr Weiser (Vok.)
brahmaguhyam idaṃ param
Geheimnis des Brahman, dieses höchste (Akk.)
adhyātmaṃ sarvabhūtānām
das Selbstbezogene (Akk.) aller Wesen (Gen.Pl.)
āgamānāṃ ca yad vasu
und der Überlieferungen (Gen.Pl.), was der Reichtum ist
puruṣaṃ sanātanaṃ viṣṇuṃ yat tad vedavido viduḥ; sargapralayakartāram avyaktaṃ brahma śāśvatam; tad idaṃ brahma vārṣṇeyam itihāsaṃ śṛṇuṣva me
[jener] ewige Puruṣa, Viṣṇu, den die Veda-Kundigen kennen, den Schöpfer und Auflöser [der Welt], das Unmanifeste, das ewige Brahman: Höre von mir diese Geschichte von Brahman, dem Vṛṣṇi-Abkömmling.
Wort für Wort
puruṣaṃ sanātanaṃ viṣṇuṃ
den Puruṣa, den ewigen, Viṣṇu (Akk.)
yat tad vedavido viduḥ
den (Relativ) die Veda-Kenner kennen (3.Pl.Perf.)
sargapralayakartāram
Schöpfer von Schöpfung und Auflösung (Akk.)
avyaktaṃ brahma śāśvatam
das Unmanifeste, Brahman, ewig (Akk.)
tad idaṃ brahma vārṣṇeyam
dieses Brahman-[Wissen] über den Vṛṣṇi-Sohn (Akk.)
itihāsaṃ śṛṇuṣva me
Geschichte (Akk.), höre (Imp.Med.), von mir
Das Genus von tad idaṃ brahma vārṣṇeyam ist unsicher; wörtlich etwa ‚dieses Brahman, das Vṛṣṇi-Zugehörige‘. [?]
Ein Vaiśya ebenso von Vaiśyas, ein Śūdra von Śūdras, [ein Mensch] hohen Sinnes.
Wort für Wort
vaiśyo vaiśyais
ein Vaiśya (Nom.), von Vaiśyas (Instr.Pl.)
tathā śrāvyaḥ
ebenso zu hören (Nom.)
śūdraḥ śūdrair
ein Śūdra, von Śūdras (Instr.Pl.)
mahāmanāḥ
hochgesinnt (Nom.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; mahāmanāḥ bezieht sich vermutlich auf den Hörer. [?]
Die Größe des Gottes der Götter, Viṣṇus von unermesslichem Glanz, [höre]: Du bist würdig, o Glückverheißender; höre das Höchste über den Vṛṣṇi-Abkömmling.
Wort für Wort
māhātmyaṃ devadevasya
die Größe (Akk.) des Gottes der Götter (Gen.)
viṣṇor amitatejasaḥ
Viṣṇus (Gen.), von unermesslichem Glanz
arhas tvam asi
würdig (Nom.) bist du (2.Sg.Präs.)
kalyāṇa
o Glückverheißender (Vok.)
vārṣṇeyaṃ śṛṇu yat param
über den Vṛṣṇi-Sohn (Akk.) höre (Imp.), was das Höchste [ist]
yam acyutaṃ paraṃ nityaṃ liṅgahīnaṃ ca nirmalam; nirvāṇam amṛtaṃ śrīmat tad viṣṇoḥ paramaṃ padam; bhave ca bhedavad bhinnaṃ pradānaṃ guṇakārakam; tasmin na sajjate nityaṃ sa eṣa puruṣo 'paraḥ; puruṣādhiṣṭhitaṃ nityaṃ pradhānaṃ brahma kāraṇam; kālasvarūpaṃ rūpeṇa viṣṇunā prabhaviṣṇunā; kṣobhyamāṇaṃ sṛjaty eva nānābhūtāni bhāgaśaḥ; tad dṛṣṭvā puruṣo 'tattvaṃ sākṣī bhūtvā pravartate; tat praviśya yathāyogam abhinno bhinnalakṣaṇaḥ
Ihn, den Unvergänglichen, Höchsten, Ewigen, Merkmallosen und Makellosen, das Verlöschen, das Unsterbliche, das Herrliche: das ist Viṣṇus höchster Ort. In der Welt des Werdens ist [die Ur-Natur] in Unterschiede geteilt, Gabe [?], Eigenschaften hervorbringend; er haftet daran nie: das ist der andere Puruṣa. Von einem Puruṣa beherrscht ist beständig die Urnatur, das Brahman als Ursache; sie, deren Wesen Zeit ist, wird vom mächtigen Viṣṇu in [dieser] Gestalt aufgewühlt und bringt die vielerlei Wesen in Teilen hervor. Dies sehend wird der Puruṣa, ohne [sich in] Wahrheit [zu verstricken?], zum Zeugen und wirkt weiter; in sie eintretend, wie es sich fügt, ist er ungeteilt und doch von geteilten Merkmalen.
Wort für Wort
yam acyutaṃ paraṃ nityaṃ
den Unvergänglichen, Höchsten, Ewigen (Akk.)
liṅgahīnaṃ ca nirmalam
und Merkmallosen, Makellosen (Akk.)
nirvāṇam amṛtaṃ śrīmat
Verlöschen, Unsterbliches, Herrliches (Akk.)
tad viṣṇoḥ paramaṃ padam
das ist Viṣṇus (Gen.) höchster Ort (Nom.)
bhave ca bhedavad bhinnaṃ
und im Werden (Lok.), in Unterschiede geteilt (Part.Perf.Pass.)
pradānaṃ guṇakārakam
Gabe/Urnatur [?], Eigenschaften bewirkend (Nom.)
tasmin na sajjate nityaṃ
an ihm haftet nicht (3.Sg.Präs.Pass.) je
sa eṣa puruṣo 'paraḥ
dieser ist der andere Puruṣa (Nom.)
puruṣādhiṣṭhitaṃ nityaṃ
von einem Puruṣa beherrscht, beständig (Part.Perf.Pass.)
dies gesehen habend (Abs.), der Puruṣa, ohne Wahrheit/nicht-wirklich [?]
sākṣī bhūtvā pravartate
Zeuge geworden (Abs.), wirkt weiter (3.Sg.Präs.Med.)
tat praviśya yathāyogam
in sie eingetreten (Abs.), wie es sich fügt
abhinno bhinnalakṣaṇaḥ
ungeteilt, von geteilten Merkmalen (Nom.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Text stellenweise verderbt (pradānam, 'tattvam, Bezüge von rūpeṇa). Wiedergabe mit Vorbehalt. [?]
tad akṣaram acintyaṃ vai bhinnarūpeṇa dṛśyate; paśya kālākhyam aniśaṃ na coṣṇaṃ nātiśītalam; na santy ete guṇās tasmiṃs tathā tasmāt pravartate; śītalo 'yam anuprāptaḥ kālo grīṣmas tathaiva ca; vakṣyanti sarvabhūtāni hy ete sūryodayaṃ prati; āgacchanti nivartanti sa kālo guṇarāśayaḥ; na caiva prakṛtisthena kālayuktena nityaśaḥ; guṇaiḥ saṃbhogam aratis tattvavijñānakovidam; puruṣādhiṣṭhitā nityaṃ prakṛtiḥ sūyate parā
Jenes Unvergängliche, Unbegreifliche wird in verschiedener Gestalt gesehen. Sieh die ‚Zeit‘ genannte, unablässig: weder heiß noch allzu kalt. Diese Eigenschaften sind in ihr nicht [als solche] vorhanden, und so geht sie [dennoch] daraus hervor. Kühl ist die eingetretene Zeit, ebenso der Sommer; alle Wesen werden sagen, dies [gelte] mit Blick auf den Sonnenaufgang. Sie kommen und gehen; jene Zeit ist ein Haufen von Eigenschaften. Nicht aber [findet] der in der Urnatur Verweilende, stets mit der Zeit Verbundene an den Eigenschaften Genuss [?], der kundig ist in der Erkenntnis der Wahrheit. Von einem Puruṣa beherrscht wird beständig die höchste Urnatur [Prakṛti] geboren [?].
in geteilter Gestalt (Instr.), wird gesehen (3.Sg.Präs.Pass.)
paśya kālākhyam aniśam
sieh (Imp.) die ‚Zeit‘ Genannte, unablässig (Akk./Adv.)
na coṣṇaṃ nātiśītalam
weder heiß noch allzu kalt (Nom.)
na santy ete guṇās tasmiṃs
nicht sind diese Eigenschaften (Nom.Pl.) in ihm (Lok.)
tathā tasmāt pravartate
und so geht [sie] daraus hervor (3.Sg.Präs.Med.)
śītalo 'yam anuprāptaḥ
kühl diese, eingetreten (Part.Perf.Pass.)
kālo grīṣmas tathaiva ca
Zeit, Sommer, ebenso (Nom.)
vakṣyanti sarvabhūtāni
werden sagen (3.Pl.Fut.), alle Wesen
hy ete sūryodayaṃ prati
denn diese, im Hinblick auf den Sonnenaufgang
āgacchanti nivartanti
sie kommen, sie kehren zurück (3.Pl.Präs.)
sa kālo guṇarāśayaḥ
jene Zeit [hat] Eigenschaftshaufen (Nom.)
na caiva prakṛtisthena kālayuktena nityaśaḥ
und nicht bei dem in der Urnatur Stehenden, mit der Zeit Verbundenen, stets (Instr.)
guṇaiḥ saṃbhogam aratiḥ
mit den Eigenschaften (Instr.) Genuss, Unlust [?]
tattvavijñānakovidam
in der Wahrheitserkenntnis kundig (Akk.)
puruṣādhiṣṭhitā nityaṃ prakṛtiḥ sūyate parā
von Puruṣa beherrscht, beständig, Prakṛti wird geboren/gebiert, die höchste
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage, Text stark verderbt und syntaktisch dunkel (v. a. guṇaiḥ saṃbhogam aratiḥ); Wiedergabe unsicher. [?]
Ebenso bringt der Herr die Veden und Lehrbücher und die ewigen Weltordnungen [Dharmas] hervor, nachdem er in der Auflösung in die Urnatur eingegangen ist, am Anfang des Zeitalters.
Wort für Wort
tathaiva vedaśāstrāṇi
ebenso Veden und Lehrbücher (Akk.Pl.)
lokadharmāṃś ca śāśvatān
und die Weltordnungen, ewigen (Akk.Pl.)
pralaye prakṛtiṃ prāpya
in der Auflösung (Lok.), die Urnatur erreicht habend (Abs.)
yugādau sṛjate prabhuḥ
am Zeitalteranfang (Lok.) bringt hervor (3.Sg.), der Herr (Nom.)
yathartuṣv ṛtuliṅgāni nānārūpāṇi paryaye; dṛśyante tāni tāny eva tathā brahmāharātriṣu
Wie in den Jahreszeiten die Merkmale der Jahreszeiten, vielgestaltig, im Wechsel sichtbar werden, eben diese jeweils, so [auch] in den Tagen und Nächten des Brahmā.
Wort für Wort
yathartuṣv ṛtuliṅgāni
wie in den Jahreszeiten (Lok.Pl.) die Jahreszeitenmerkmale (Nom.Pl.)
nānārūpāṇi paryaye
vielgestaltig (Nom.Pl.), im Wechsel (Lok.)
dṛśyante tāni tāny eva
werden gesehen (3.Pl.Präs.Pass.), jene jeweiligen eben
atha yad yad yadā bhāvi kālayogād yugādiṣu; tat tad utpadyate jñānaṃ lokayātrāvidhānajam
Dann entsteht jenes jeweilige Wissen, was jeweils zu welcher Zeit sein soll, durch das Wirken der Zeit in den Zeitalteranfängen: das aus der Einrichtung des Weltlaufs geborene [Wissen].
Wort für Wort
atha yad yad yadā bhāvi
dann was jeweils wann sein wird (Fut.Part.)
kālayogād yugādiṣu
durch die Verbindung mit der Zeit (Abl.), in den Zeitalteranfängen (Lok.Pl.)
śrutir eṣā samākhyātā tadarthaṃ kāraṇātmanā; anāmnāyavidhānād vai vedā hy antarhitā yathā; yugānte hy astabhūtāni śāstrāṇi vividhāni ca; sarvasattvavinā[śā]d vai jīvātmanityayā smṛtāḥ; anyasminn aṇḍasadbhāve vartamānāni nityaśaḥ
Dies ist als Śruti [Offenbarung] überliefert, zu diesem Zweck durch die Ursache-Natur. Weil die Vedas nicht aufgesagt werden [?], sind sie gleichsam verschwunden; am Zeitalterende sind Wesen und vielerlei Lehrbücher untergegangen; durch den Untergang aller Wesen gelten sie [?] als ewig an das Lebens-Selbst [gebunden]; und sie bestehen beständig fort im Dasein eines anderen Weltei [?].
zu diesem Zweck, durch das Wesen der Ursache (Instr.)
anāmnāyavidhānād vai
weil ohne Überlieferungsordnung [?] (Abl.), fürwahr
vedā hy antarhitā yathā
die Vedas (Nom.), verschwunden (Part.), gleichsam
yugānte hy astabhūtāni
am Zeitalterende (Lok.), untergegangene Wesen [?]
śāstrāṇi vividhāni ca
Lehrbücher (Nom.Pl.), vielerlei
sarvasattvavināśād vai
durch den Untergang aller Wesen (Abl.)
jīvātmanityayā smṛtāḥ
durch die Ewigkeit des Lebens-Selbst (Instr.), überliefert (Part.Perf.Pass.)
anyasminn aṇḍasadbhāve
im Bestehen eines anderen Weltei (Lok.)
vartamānāni nityaśaḥ
bestehend (Part.Präs.), stets (Adv.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Text verderbt (sarvasattvavinā[śā]d mit Ergänzung in der Ausgabe, anāmnāyavidhānāt). Wiedergabe unsicher. [?]
nyāyatantraṃ hi kārtsnyena gautamo veda tattvataḥ; vedāntakarmayogaṃ ca vedavid brahmavid vibhuḥ; dvaipāyano nijagrāha śilpaśāstraṃ bhṛguḥ punaḥ
Gautama kannte im Ganzen und der Wahrheit nach das Lehrgebäude der Logik; der Vedakundige, Brahmankenner, der Mächtige Dvaipāyana erfasste die Praxis des Yoga gemäß dem Vedānta; Bhṛgu wiederum [erfasste] die Lehre der Kunstfertigkeiten.
Wort für Wort
nyāyatantraṃ hi kārtsnyena
das Lehrgebäude der Logik ja im Ganzen (Akk.Sg.n. / Instr. Adv.)
gautamo veda tattvataḥ
Gautama kannte der Wahrheit nach (Nom.Sg. / 3.Sg.Perf. / Abl.-Adv.)
vedāntakarmayogaṃ ca
und die Werk- und Yoga-Praxis des Vedānta (Akk.Sg.m., Kompositum)
vedavid brahmavid vibhuḥ
der Vedakundige, Brahmankenner, Mächtige (Nom.Sg.m.)
dvaipāyano nijagrāha
Dvaipāyana erfasste (Nom.Sg. / 3.Sg.Perf.)
śilpaśāstraṃ bhṛguḥ punaḥ
die Lehre der Kunstfertigkeiten Bhṛgu wiederum (Akk.Sg.n. / Nom.Sg. / Adv.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Bedeutung von vedāntakarmayoga (Yoga-Praxis gemäß dem Vedānta bzw. Werk und Yoga) unsicher.
nyāyatantrāṇy anekāni tais tair uktāni vādibhiḥ; hetvāgamasadācārair yad uktaṃ tad upāsyate
Viele Lehrgebäude der Logik sind von diesen und jenen Disputanten vorgetragen worden; was durch Gründe, Überlieferung und bewährtes Verhalten gesagt ist, das wird befolgt.
Wort für Wort
nyāyatantrāṇy anekāni
Lehrgebäude der Logik, viele (Nom.Pl.n.)
tais tair uktāni vādibhiḥ
von diesen und jenen gesagt (Part.Perf.Pass.) von Disputanten (Instr.Pl.)
hetvāgamasadācārair
durch Gründe, Überlieferung und guten Wandel (Instr.Pl., Kompositum)
yad uktaṃ tad upāsyate
was gesagt ist, das wird verehrt/befolgt (Part.Perf.Pass. / 3.Sg.Pass.)
nārāyaṇād ṛṣigaṇās tathā mukhyāḥ surāsurāḥ; rājarṣayaḥ purāṇāś ca paramaṃ duḥkhabheṣajam
Von Nārāyaṇa [haben] die Scharen der Seher, ebenso die vornehmsten Götter und Asuras und die alten Königsseher das höchste Heilmittel gegen das Leid [empfangen].
Wort für Wort
nārāyaṇād ṛṣigaṇās
von Nārāyaṇa die Scharen der Seher (Abl.Sg. / Nom.Pl.)
tathā mukhyāḥ surāsurāḥ
ebenso die Vornehmsten unter Göttern und Asuras (Adv. / Nom.Pl.)
Aus dem Wirken des Unmanifesten geht die Erkenntniskraft [buddhi] hervor, sie bringt das Ichbewusstsein hervor; aus dem Ichbewusstsein [entsteht] der Raum, aus dem Raum entstammt der Wind.
Wort für Wort
avyaktakarmajā buddhir
aus dem Wirken des Unmanifesten geboren die Buddhi (Nom.Sg.f.)
ahaṃkāraṃ prasūyate
das Ichbewusstsein bringt sie hervor (Akk.Sg.m. / 3.Sg.Präs.) [?]
ākāśaṃ cāpy ahaṃkārād
und auch der Raum aus dem Ichbewusstsein (Nom.Sg.n. / Abl.Sg.)
vāyur ākāśasaṃbhavaḥ
der Wind, aus dem Raum entstanden (Nom.Sg.m.)
ahaṃkāraṃ prasūyate ist grammatisch auffällig (Akk. statt Instr./Abl.); als „bringt hervor“ mit Objekt gedeutet.
Dann [kommen] die fünf Erkenntnissinne und ebenso die fünf Tatsinne, die fünf Sinnesobjekte und als sechzehntes unter den Wandlungen der Geist [manas].
Wort für Wort
jñānendriyāṇy ataḥ pañca
Erkenntnissinne, daher fünf (Nom.Pl.n. / Adv. / Num.)
pañca karmendriyāṇy api
fünf Tatsinne auch (Num. / Nom.Pl.n.)
viṣayāḥ pañca caikaṃ ca
Sinnesobjekte, fünf, und eines (Nom.Pl.m. / Num. / Num.)
vikāre ṣoḍaśaṃ manaḥ
unter den Wandlungen als sechzehntes der Geist (Lok.Sg. / Ord.n. / Nom.Sg.n.)
śrotraṃ tvak cakṣuṣī jihvā ghrāṇaṃ pañcendriyāṇy api; pādau pāyur upasthaś ca hastau vāk karmaṇām api
Ohr, Haut, die beiden Augen, Zunge, Nase: [das sind] die fünf Sinne; die beiden Füße, der After und das Geschlechtsorgan, die beiden Hände und die Sprache gehören zu den Tätigkeiten.
Wort für Wort
śrotraṃ tvak cakṣuṣī
Ohr, Haut, zwei Augen (Nom.Sg.n. / Nom.Sg.f. / Nom.Du.n.)
jihvā ghrāṇaṃ pañcendriyāṇy api
Zunge, Nase; fünf Sinne (Nom.Sg.f. / Nom.Sg.n. / Nom.Pl.n.)
pādau pāyur upasthaś ca
die zwei Füße, After und Geschlechtsorgan (Nom.Du. / Nom.Sg. / Nom.Sg.)
hastau vāk karmaṇām api
die zwei Hände und die Rede, der Tätigkeiten [Organe] (Nom.Du. / Nom.Sg.f. / Gen.Pl.n.)
Laut, Berührung, Gestalt, Geschmack und ebenso Geruch [sind die Objekte]. Als alles durchdringend ist das Denken zu erkennen; unter diesen ist der Geist allgegenwärtig.
Wort für Wort
śabdaḥ sparśo 'tha rūpaṃ ca
Laut, Berührung, dann Gestalt (Nom.Sg.)
raso gandhas tathaiva ca
Geschmack, Geruch, ebenso auch (Nom.Sg.m.)
vijñeyaṃ vyāpakaṃ cittam
zu erkennen das durchdringende Denken (Gerundiv Nom.Sg.n. / Nom.Sg.n.)
teṣu sarvagataṃ manaḥ
unter diesen allgegenwärtig der Geist (Lok.Pl. / Nom.Sg.n.)
buddhīndriyārthā ity uktā daśa saṃsargayonayaḥ; sadasadbhāvayoge ca mana ity abhidhīyate; vyavasāyaguṇā buddhir ahaṃkāro 'bhimānakaḥ; na bījaṃ dehayoge ca karmabījapravartanāt
Die Sinne der Erkenntnis und ihre Objekte, so heißt es, sind zehn, Ursprünge der Verbindung; in der Verbindung von Sein und Nichtsein wird [etwas] „Geist“ genannt. Die Buddhi hat die Bestimmtheit zur Eigenschaft, das Ichbewusstsein ist das Sich-Einbilden; ein Same [besteht] nicht bei der Verbindung mit dem Körper, weil Samen der Taten [ihn] in Gang bringen.
Wort für Wort
buddhīndriyārthā ity uktā
Erkenntnissinne und Objekte, so genannt (Nom.Pl. / Part.Perf.Pass.)
daśa saṃsargayonayaḥ
zehn, Ursprünge der Verbindung (Num. / Nom.Pl.f.)
sadasadbhāvayoge ca
und in der Verbindung von Sein und Nichtsein (Lok.Sg.)
mana ity abhidhīyate
„Geist“ so wird genannt (3.Sg.Pass.)
vyavasāyaguṇā buddhir
die Bestimmtheit als Eigenschaft habend, die Buddhi (Nom.Sg.f.)
ahaṃkāro 'bhimānakaḥ
das Ichbewusstsein, Einbildung (Nom.Sg.m.)
na bījaṃ dehayoge ca
kein Same bei der Verbindung mit dem Körper (Nom.Sg.n. / Lok.Sg.) [?]
karmabījapravartanāt
wegen des Ingangsetzens durch Tatsamen (Abl.Sg.n.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; letzter Halbvers (na bījaṃ dehayoge ca …) syntaktisch und inhaltlich unsicher.
Bei der Erkenntnis des Geschmacks ist es diese Zunge, beim Ausgesprochenen ebenso die Rede; der Geist aber ist, mit den verschiedenen Sinnen verbunden, [auf sie] insgesamt verteilt.
Wort für Wort
rasajñāne tu jihveyaṃ
bei der Kenntnis des Geschmacks aber diese Zunge (Lok.Sg. / Nom.Sg.f.)
vyāhṛte vāk tathaiva ca
beim Ausgesprochenen die Rede ebenso (Lok.Sg.n. / Nom.Sg.f.)
indriyair vividhair yuktam
mit den verschiedenen Sinnen verbunden (Instr.Pl. / Part.Perf.Pass.)
sarvaṃ vyastaṃ manas tathā
ganz verteilt der Geist ebenso (Adv. / Part.Perf.Pass. / Nom.Sg.n.) [?]
vyastam manas: „verteilt/aufgeteilt“; Sinn der Aussage leicht unsicher.
Ebenso hat die Zunge die Eigenschaft des Soma [Mondes], der Geruch aber die Eigenschaft der Erde; das Ohr hat den Laut zur Eigenschaft, und ebenso das Auge die Eigenschaft des Feuers. Die Berührung soll man als Eigenschaft des Windes erkennen, bei allen Wesen zu jeder Zeit.
Wort für Wort
tadvat somaguṇā jihvā
ebenso die Zunge, den Soma als Eigenschaft habend (Adv. / Nom.Sg.f.)
gandhas tu pṛthivīguṇaḥ
der Geruch aber, Eigenschaft der Erde (Nom.Sg.m.)
śrotraṃ śabdaguṇaṃ caiva
das Ohr, den Laut als Eigenschaft habend, und (Nom.Sg.n.)
cakṣur agner guṇas tathā
das Auge, des Feuers Eigenschaft, ebenso (Nom.Sg.n. / Gen.Sg. / Nom.Sg.m.)
sparśaṃ vāyuguṇaṃ vidyāt
die Berührung als Eigenschaft des Windes erkenne man (Akk.Sg.m. / 3.Sg.Opt.)
Den Geist bezeichnen sie als von der Eigenschaft der Reinheit [sattva]; die Reinheit ist aus dem Unmanifesten geboren. Da sie im Selbst aller Wesen ruht, soll der Einsichtige [dies] erkennen.
Wort für Wort
manaḥ sattvaguṇaṃ prāhuḥ
den Geist, dessen Eigenschaft sattva ist, nennen sie (Akk.Sg.n. / 3.Pl.Perf.)
sattvam avyaktajaṃ tathā
sattva, aus dem Unmanifesten geboren, ebenso (Nom.Sg.n.)
sarvabhūtātmabhūtasthaṃ
in dem Selbst aller Wesen befindlich (Nom./Akk.Sg.n., Kompositum)
tasmād budhyeta buddhimān
daher soll erkennen der Einsichtige (Adv. / 3.Sg.Opt.Med. / Nom.Sg.m.)
ajaraḥ so 'maraś caiva vyaktāvyaktopadeśavān; vyāpakaḥ saguṇaḥ sūkṣmaḥ sarvabhūtaguṇāśrayaḥ
Er ist alterslos und unsterblich, lehrt das Manifeste und das Unmanifeste, ist durchdringend, mit Eigenschaften begabt, fein und der Halt der Eigenschaften aller Wesen.
Wort für Wort
ajaraḥ so 'maraś caiva
alterslos er, unsterblich und (Nom.Sg.m.)
vyaktāvyaktopadeśavān
das Manifeste und Unmanifeste lehrend/bezeichnend (Nom.Sg.m.)
vyāpakaḥ saguṇaḥ sūkṣmaḥ
durchdringend, mit Eigenschaften, fein (Nom.Sg.m.)
sarvabhūtaguṇāśrayaḥ
Stütze der Eigenschaften aller Wesen (Nom.Sg.m., Kompositum)
Wie das im Holz befindliche Feuer nicht gesehen wird, wenn das Holz gespalten ist, so wird das im Körper befindliche Selbst hier allein durch Yoga gesehen.
Wort für Wort
agnir dārugato yadvad
Feuer, im Holz befindlich, wie (Nom.Sg.m. / Adv.)
bhinne dārau na dṛśyate
wenn das Holz gespalten ist, wird nicht gesehen (Lok.Abs. / 3.Sg.Pass.)
tathaivātmā śarīrastho
so auch das Selbst, im Körper befindlich (Adv. / Nom.Sg.m.)
yogenaivātra dṛśyate
durch Yoga allein hier wird gesehen (Instr.Sg. / Adv. / 3.Sg.Pass.)
Wie das Feuer durch ein Mittel, nachdem man das Holz gerieben hat, sichtbar wird, so wird das im Körper befindliche Selbst hier allein durch Yoga gesehen.
Wort für Wort
agnir yathā hy upāyena
Feuer wie ja durch ein Mittel (Nom.Sg.m. / Instr.Sg.)
mathitvā dāru dṛśyate
nachdem man gerieben hat das Holz, wird es gesehen (Gerundium / Akk.Sg.n. / 3.Sg.Pass.)
tathaivātmā śarīrastho
so auch das Selbst, im Körper befindlich (Adv. / Nom.Sg.m.)
yogenaivātra dṛśyate
durch Yoga allein hier wird gesehen (Instr.Sg. / Adv. / 3.Sg.Pass.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
Wie das Wasser in den Flüssen sich vereinigt und wie die Strahlen in der Sonne, [und] wie sie sich ausbreitend dahinziehen, so [ist es] mit den Körpern der Verkörperten.
Wort für Wort
nadīṣv āpo yathā yuktā
in den Flüssen die Wasser, wie vereint (Lok.Pl. / Nom.Pl.f. / Part.Perf.Pass.)
yathā sūrye marīcayaḥ
wie in der Sonne die Strahlen (Lok.Sg. / Nom.Pl.m.)
saṃtanvānā yathā yānti
sich ausbreitend wie sie ziehen (Part.Präs.Med. Nom.Pl. / 3.Pl.Präs.)
tathā dehāḥ śarīriṇām
so die Körper der Verkörperten (Adv. / Nom.Pl.m. / Gen.Pl.) [?]
Durch die Tat wird man zuerst durchdrungen, durch die Tat erlangt man [etwas]; durch die Tat wird man anderswohin geführt, durch die eigene, stärkere [Tat].
Wort für Wort
karmaṇā vyāpyate pūrvam
durch die Tat wird durchdrungen zuerst (Instr.Sg.n. / 3.Sg.Pass. / Adv.)
karmaṇā copapadyate
und durch die Tat wird erlangt/eintritt (Instr.Sg. / 3.Sg.Pass.Med.)
karmaṇā nīyate 'nyatra
durch die Tat wird geführt anderswohin (Instr.Sg. / 3.Sg.Pass. / Adv.)
svakṛtena balīyasā
durch das selbst Getane, das stärkere (Instr.Sg.n. / Kompar.)
sa tu dehād yathā dehaṃ tyaktvānyaṃ pratipadyate; tathā taṃ saṃpravakṣyāmi bhūtagrāmaṃ svakarmajam
Wie er aber vom [einen] Körper den [anderen] Körper erlangt, nachdem er den [früheren] verlassen hat, so werde ich dir die aus eigenen Taten entstandene Schar der Wesen darlegen.
Wort für Wort
sa tu dehād yathā dehaṃ
er aber, wie aus dem Körper einen Körper (Nom.Sg. / Abl.Sg. / Akk.Sg.)
tyaktvānyaṃ pratipadyate
nach dem Verlassen einen anderen erlangt er (Gerundium / Akk.Sg. / 3.Sg.Präs.Med.)
tathā taṃ saṃpravakṣyāmi
so werde ich ihn darlegen (Adv. / Akk.Sg. / 1.Sg.Fut.)
bhūtagrāmaṃ svakarmajam
die Wesensschar, aus eigenen Taten geboren (Akk.Sg.m.)
Satzbau tathā … saṃpravakṣyāmi elliptisch; Anschluss an das Folgende.