Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 50: bhīṣmopasaṃgamaḥ Kṛṣṇa und die Pāṇḍavas besuchen Bhīṣma und bitten ihn um Belehrung

Nach dem Bericht über Rāmas Vernichtung der Kṣatriyas ziehen Kṛṣṇa und Yudhiṣṭhira zu dem auf dem Pfeillager liegenden Bhīṣma. Kṛṣṇa würdigt dessen Wissen und bittet ihn, Yudhiṣṭhiras Kummer zu heilen.

vaiśaṃpāyana uvāca; tato rāmasya tat karma śrutvā rājā yudhiṣṭhiraḥ; vismayaṃ paramaṃ gatvā pratyuvāca janārdanam

Vaiśaṃpāyana sprach: Als darauf König Yudhiṣṭhira jenes Werk des Rāma vernommen hatte, geriet er in höchstes Staunen und sprach zu Janārdana.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf.)
tato rāmasya tat karma śrutvā
darauf, nachdem er jenes Werk des Rāma gehört hatte (Gen./Akk./Abs.)
rājā yudhiṣṭhiraḥ
König Yudhiṣṭhira (Nom.)
vismayaṃ paramaṃ gatvā
in höchstes Staunen geraten (Abs.)
pratyuvāca janārdanam
sprach zu Janārdana (Perf./Akk.)

aho rāmasya vārṣṇeya śakrasyeva mahātmanaḥ; vikramo yena vasudhā krodhān niḥkṣatriyā kṛtā

„Ach, Vārṣṇeya, [welche] Tapferkeit des hochherzigen Rāma, der dem Śakra gleicht, durch die die Erde im Zorn von Kṣatriyas leer gemacht wurde!“

Wort für Wort
aho rāmasya vārṣṇeya
ach, des Rāma, o Vārṣṇeya (Interj./Gen./Vok.)
śakrasyeva mahātmanaḥ
gleich dem Śakra, des Hochgesinnten (Gen.)
vikramo yena
die Tapferkeit, durch die (Nom./Instr.)
vasudhā krodhān
die Erde aus Zorn (Nom./Abl.)
niḥkṣatriyā kṛtā
von Kṣatriyas leer gemacht (Part.Pass. f.)

gobhiḥ samudreṇa tathā golāṅgūlarkṣavānaraiḥ; guptā rāmabhayodvignāḥ kṣatriyāṇāṃ kulodvahāḥ

„Von Kühen, vom Meer sowie von Langurenschwänzen, Bären und Affen beschützt, waren die Fortführer der Kṣatriya-Geschlechter, aus Furcht vor Rāma beunruhigt [, verborgen].“

Wort für Wort
gobhiḥ samudreṇa
von Kühen, vom Meer (Instr.)
tathā golāṅgūlarkṣavānaraiḥ
ebenso von Languren, Bären und Affen (Instr. Pl.)
guptā
beschützt (Part.Pass. Nom. Pl.)
rāmabhayodvignāḥ
durch Furcht vor Rāma beunruhigt (Kompos., Nom. Pl.)
kṣatriyāṇāṃ kulodvahāḥ
die Fortführer der Geschlechter der Kṣatriyas (Gen. Pl./Nom. Pl.)

guptā ist Nom. Pl. m. (Lesart mit Maskulinum-Kongruenz zu kulodvahāḥ); ‚[, verborgen]‘ als sinngemäße Ergänzung.

aho dhanyo hi loko 'yaṃ sabhāgyāś ca narā bhuvi; yatra karmedṛśaṃ dharmyaṃ dvijena kṛtam acyuta

„Ach, glücklich ist diese Welt, und die Menschen auf Erden sind vom Glück begünstigt, wo eine solche rechtmäßige Tat von einem Zweimalgeborenen vollbracht wurde, Acyuta!“

Wort für Wort
aho dhanyo hi loko 'yam
ach, glücklich fürwahr ist diese Welt (Nom.)
sabhāgyāś ca narā bhuvi
und vom Glück begünstigt die Menschen auf Erden (Nom. Pl./Lok.)
yatra karma
wo die Tat (Lok./Nom.)
īdṛśaṃ dharmyaṃ
eine solche, dem Dharma gemäße (Nom. n.)
dvijena kṛtam acyuta
vom Zweimalgeborenen getan, o Acyuta (Instr./Part.Pass./Vok.)

tathā yāntau tadā tāta tāv acyutayudhiṣṭhirau; jagmatur yatra gāṅgeyaḥ śaratalpagataḥ prabhuḥ

[Vaiśaṃpāyana:] So gingen damals, mein Lieber, Acyuta und Yudhiṣṭhira dorthin, wo der Gaṅgā-Sohn, der Herr, auf dem Pfeillager lag.

Wort für Wort
tathā yāntau tadā tāta
so gehend damals, o Lieber (Part.Präs. Du./Vok.)
tāv acyutayudhiṣṭhirau
jene beiden, Acyuta und Yudhiṣṭhira (Nom. Du.)
jagmatur yatra
gingen (dorthin), wo (Perf. 3.Du.)
gāṅgeyaḥ prabhuḥ
der Gaṅgā-Sohn, der Herr (Nom.)
śaratalpagataḥ
auf das Pfeillager gelangt/liegend (Part.Pass. Nom.)

tāta: Anrede vermutlich an Janamejaya.

tatas te dadṛśur bhīṣmaṃ śaraprastaraśāyinam; svaraśmijālasaṃvītaṃ sāyaṃsūryam ivānalam

Da sahen sie Bhīṣma, auf dem Pfeilbett liegend, von dem Netz seiner eigenen Strahlen umhüllt wie ein Feuer, wie die Abendsonne.

Wort für Wort
tatas te dadṛśur bhīṣmam
da sahen sie den Bhīṣma (Perf. 3.Pl./Akk.)
śaraprastaraśāyinam
auf dem Pfeillager liegend (Akk.)
svaraśmijālasaṃvītam
umhüllt vom Netz der eigenen Strahlen (Kompos., Akk.)
sāyaṃsūryam ivānalam
wie die Abendsonne, wie ein Feuer (Akk.)

upāsyamānaṃ munibhir devair iva śatakratum; deśe paramadharmiṣṭhe nadīmoghavatīm anu

Er wurde von Weisen bedient, wie Śatakratu von den Göttern, an einem höchst tugendhaften Ort, entlang der Oghavatī.

Wort für Wort
upāsyamānaṃ munibhiḥ
bedient/verehrt von Weisen (Part.Pass. Präs./Instr. Pl.)
devair iva śatakratum
wie Śatakratu von den Göttern (Instr. Pl./Akk.)
deśe paramadharmiṣṭhe
an einem höchst dharma-gemäßen Ort (Lok.)
nadīmoghavatīm anu
entlang des Flusses Oghavatī (Akk./Postp.)

dūrād eva tam ālokya kṛṣṇo rājā ca dharmarāṭ; catvāraḥ pāṇḍavāś caiva te ca śāradvatādayaḥ

Schon von fern erblickten ihn Kṛṣṇa und der König, der Herr des Dharma, sowie die vier Pāṇḍavas und Śāradvata [Kṛpa] und die anderen.

Wort für Wort
dūrād eva tam ālokya
schon von fern, ihn erblickend (Abl./Abs.)
kṛṣṇo rājā ca dharmarāṭ
Kṛṣṇa und der König, der Dharma-Herrscher (Nom.)
catvāraḥ pāṇḍavāś caiva
und die vier Pāṇḍavas (Nom. Pl.)
te ca śāradvatādayaḥ
und jene, Śāradvata und die übrigen (Nom. Pl.)

avaskandyātha vāhebhyaḥ saṃyamya pracalaṃ manaḥ; ekīkṛtyendriyagrāmam upatasthur mahāmunīn

Sie stiegen von den Gespannen ab, bändigten den unsteten Geist, sammelten die Schar der Sinne und traten zu den großen Weisen.

Wort für Wort
avaskandyātha vāhebhyaḥ
dann abgestiegen von den Gespannen (Abs./Abl. Pl.)
saṃyamya pracalaṃ manaḥ
den unsteten Geist bändigend (Abs./Akk.)
ekīkṛtyendriyagrāmam
die Sinnesschar vereinigend (Abs./Akk.)
upatasthur mahāmunīn
traten zu den großen Weisen (Perf. 3.Pl./Akk. Pl.)

abhivādya ca govindaḥ sātyakis te ca kauravāḥ; vyāsādīṃs tān ṛṣīn paścād gāṅgeyam upatasthire

Govinda, Sātyaki und jene Kauravas begrüßten die Ṛṣis, Vyāsa und die übrigen, und traten danach zu Gāṅgeya.

Wort für Wort
abhivādya ca govindaḥ
und nachdem er gegrüßt hatte, Govinda (Abs./Nom.)
sātyakis te ca kauravāḥ
Sātyaki und jene Kauravas (Nom.)
vyāsādīṃs tān ṛṣīn
jene Ṛṣis, Vyāsa und die anderen (Akk. Pl.)
paścād gāṅgeyam upatasthire
danach traten sie zu Gāṅgeya (Perf. 3.Pl. Med./Akk.)

tapovṛddhiṃ tataḥ pṛṣṭvā gāṅgeyaṃ yadukauravāḥ; parivārya tataḥ sarve niṣeduḥ puruṣarṣabhāḥ

Nachdem die Yadus und Kauravas Gāṅgeya nach dem Wachstum seiner Askese gefragt hatten, setzten sich alle, die Stiere unter den Männern, ringsum.

Wort für Wort
tapovṛddhiṃ tataḥ pṛṣṭvā
danach nach dem Wachstum der Askese gefragt habend (Akk./Abs.)
gāṅgeyaṃ yadukauravāḥ
den Gāṅgeya, die Yadus und Kauravas (Akk./Nom. Pl.)
parivārya tataḥ sarve
umringend, dann alle (Abs./Nom. Pl.)
niṣeduḥ puruṣarṣabhāḥ
setzten sich, die Stiere unter den Männern (Perf. 3.Pl./Nom. Pl.)

tato niśamya gāṅgeyaṃ śāmyamānam ivānalam; kiṃ cid dīnamanā bhīṣmam iti hovāca keśavaḥ

Da sprach Keśava, als er Gāṅgeya wie ein erlöschendes Feuer sah, mit etwas bedrücktem Gemüt zu Bhīṣma folgendermaßen.

Wort für Wort
tato niśamya gāṅgeyam
da, Gāṅgeya wahrnehmend (Abs./Akk.)
śāmyamānam ivānalam
wie ein erlöschendes Feuer (Part.Präs. Akk.)
kiṃ cid dīnamanāḥ
mit etwas niedergeschlagenem Gemüt (Nom.)
bhīṣmam iti hovāca keśavaḥ
zu Bhīṣma so sprach Keśava (Akk./Perf./Nom.)

kaccij jñānāni te rājan prasannāni yathā purā; kaccid avyākulā caiva buddhis te vadatāṃ vara

„Sind deine Erkenntnisse, König, klar wie früher? Ist dein Verstand unverwirrt, Bester der Redenden?“

Wort für Wort
kaccij jñānāni te rājan
sind etwa deine Erkenntnisse, König (Frageptl./Nom. Pl./Vok.)
prasannāni yathā purā
klar, wie früher (Nom. Pl. n./Adv.)
kaccid avyākulā caiva
und ist etwa unverwirrt (Nom. f.)
buddhis te vadatāṃ vara
dein Verstand, Bester der Redenden (Nom./Gen. Pl./Vok.)

śarābhighātaduḥkhāt te kaccid gātraṃ na dūyate; mānasād api duḥkhād dhi śārīraṃ balavattaram

„Schmerzt dich dein Leib nicht durch den Kummer der Pfeilstöße? Denn körperlicher Schmerz ist stärker als seelischer.“

Wort für Wort
śarābhighātaduḥkhāt te
aus Schmerz über die Pfeilstöße dir (Abl./Gen.)
kaccid gātraṃ na dūyate
schmerzt etwa der Körper nicht (Pass. 3.Sg.)
mānasād api duḥkhād dhi
denn als seelischer Schmerz (Abl. Komparativ)
śārīraṃ balavattaram
der körperliche ist stärker (Nom. n. Komp.)

varadānāt pituḥ kāmaṃ chandamṛtyur asi prabho; śaṃtanor dharmaśīlasya na tv etac chamakāraṇam

„Durch die Wunschgewährung deines Vaters bist du nach Belieben Herr über den Tod, o Gebieter, [durch die] des Śaṃtanu, der dem Dharma ergeben war; doch ist dies kein Grund zur Linderung.“

Wort für Wort
varadānāt pituḥ kāmam
durch die Gewährung der Gunst des Vaters, nach Wunsch (Abl./Gen./Adv.)
chandamṛtyur asi prabho
du bist einer, der den Tod nach Belieben hat, o Herr (2.Sg./Vok.)
śaṃtanor dharmaśīlasya
des Śaṃtanu, der dem Dharma zugetan ist (Gen.)
na tv etac chamakāraṇam
doch dies ist kein Grund zur Linderung (Nom.)

susūkṣmo 'pīha dehe vai śalyo janayate rujam; kiṃ punaḥ śarasaṃghātaiś citasya tava bhārata

„Schon ein ganz feiner Splitter verursacht hier im Körper Schmerz; wie viel mehr bei dir, der du mit Bündeln von Pfeilen übersät bist, Bhārata?“

Wort für Wort
susūkṣmo 'pīha dehe vai
selbst ein sehr feiner, hier im Körper fürwahr (Nom./Lok.)
śalyo janayate rujam
ein Splitter erzeugt Schmerz (Nom./3.Sg./Akk.)
kiṃ punaḥ
was erst (Adv.)
śarasaṃghātaiś citasya
von Pfeilbündeln bedeckt (Instr. Pl./Gen.)
tava bhārata
bei dir, o Bhārata (Gen./Vok.)

kāmaṃ naitat tavākhyeyaṃ prāṇināṃ prabhavāpyayau; bhavān hy upadiśec chreyo devānām api bhārata

„Zwar ist dir dies nicht zu erzählen: Entstehen und Vergehen der Lebewesen; denn du könntest sogar den Göttern das Heil lehren, Bhārata.“

Wort für Wort
kāmaṃ naitat tavākhyeyam
zwar ist dir dies nicht zu erzählen (Adv./Gerundiv)
prāṇināṃ prabhavāpyayau
Entstehen und Vergehen der Lebewesen (Gen. Pl./Nom. Du.)
bhavān hy upadiśet
denn du könntest lehren (Nom./Opt.)
śreyo devānām api bhārata
das Heil auch den Göttern, o Bhārata (Akk./Gen. Pl./Vok.)

yad dhi bhūtaṃ bhaviṣyac ca bhavac ca puruṣarṣabha; sarvaṃ taj jñānavṛddhasya tava pāṇāv ivāhitam

„Denn was war, sein wird und ist, Stier unter den Männern, all das liegt dir, dem an Wissen Gereiften, wie in der Hand [bereit].“

Wort für Wort
yad dhi bhūtaṃ bhaviṣyac ca
denn was gewesen ist und sein wird (Nom. n.)
bhavac ca puruṣarṣabha
und was ist, o Stier unter Männern (Part.Präs./Vok.)
sarvaṃ taj jñānavṛddhasya tava
all das, dir, dem an Wissen Gereiften (Nom./Gen.)
pāṇāv ivāhitam
wie in der Hand gelegt (Lok./Part.Pass.)

saṃsāraś caiva bhūtānāṃ dharmasya ca phalodayaḥ; viditas te mahāprājña tvaṃ hi brahmamayo nidhiḥ

„Auch der Kreislauf der Wesen und das Aufgehen der Frucht des Dharma sind dir bekannt, sehr Weiser; denn du bist ein aus Brahman bestehender Schatz.“

Wort für Wort
saṃsāraś caiva bhūtānām
und der Kreislauf der Wesen (Nom./Gen. Pl.)
dharmasya ca phalodayaḥ
und das Aufgehen der Frucht des Dharma (Gen./Nom.)
viditas te mahāprājña
ist dir bekannt, o sehr Weiser (Part.Pass./Instr./Vok.)
tvaṃ hi brahmamayo nidhiḥ
denn du bist ein aus Brahman bestehender Schatz (Nom.)

tvāṃ hi rājye sthitaṃ sphīte samagrāṅgam arogiṇam; strīsahasraiḥ parivṛtaṃ paśyāmīhordhvaretasam

„Dich sehe ich hier im blühenden Reich stehend, mit unversehrten Gliedern, gesund, von tausend Frauen umgeben, [und doch] als einen, dessen Same aufwärts gerichtet ist.“

Wort für Wort
tvāṃ hi rājye sthitam
dich fürwahr im Reich stehend (Akk./Lok./Part.)
sphīte samagrāṅgam arogiṇam
im blühenden, mit vollständigen Gliedern, gesund (Lok./Akk.)
strīsahasraiḥ parivṛtam
von tausenden Frauen umgeben (Instr. Pl./Part.Pass.)
paśyāmīhordhvaretasam
sehe ich hier den Enthaltsamen (1.Sg./Adv./Akk.)

ūrdhvaretas = ‚dessen Same nach oben gerichtet ist‘, d. h. strikt enthaltsam.

ṛte śāṃtanavād bhīṣmāt triṣu lokeṣu pārthiva; satyasaṃdhān mahāvīryāc chūrād dharmaikatatparāt

„Außer Bhīṣma, dem Śāṃtanava, in den drei Welten, König, dem Wahrheitsgebundenen, sehr Tapferen, Helden, ganz allein auf Dharma Gerichteten —“

Wort für Wort
ṛte śāṃtanavād bhīṣmāt
außer Bhīṣma, dem Śāṃtanava (Abl.)
triṣu lokeṣu pārthiva
in den drei Welten, o König (Lok. Pl./Vok.)
satyasaṃdhān mahāvīryāc
dem Wahrheitsgebundenen, sehr Kraftvollen (Abl.)
chūrād dharmaikatatparāt
dem Helden, ganz auf Dharma allein Gerichteten (Abl.)

Konstruktion setzt sich in Vers 22 fort.

mṛtyum āvārya tarasā śaraprastaraśāyinaḥ; nisargaprabhavaṃ kiṃ cin na ca tātānuśuśruma

„— von [keinem anderen] haben wir gehört, dass er den Tod mit Wucht abwehrt [und] auf dem Pfeillager liegt; auch etwas von angeborener Herkunft [?] haben wir, Lieber, nicht vernommen.“

Wort für Wort
mṛtyum āvārya tarasā
den Tod mit Wucht abwehrend (Akk./Abs./Instr.)
śaraprastaraśāyinaḥ
des auf dem Pfeillager Liegenden (Gen.)
nisargaprabhavaṃ kiṃ cin
etwas aus Natur/Anlage Entstandenes [?] (Akk.)
na ca tātānuśuśruma
und nicht, Lieber, haben wir gehört (Perf. 1.Pl./Vok.)

Verderbte/schwierige Stelle: Bezug von śaraprastaraśāyinaḥ (Gen.) und nisargaprabhavam unklar; Übersetzung sinngemäß.

satye tapasi dāne ca yajñādhikaraṇe tathā; dhanurvede ca vede ca nityaṃ caivānvavekṣaṇe

„In Wahrhaftigkeit, in Askese und Gabe, ebenso im Bereich des Opfers, in Bogenkunde und Veda und in stetiger Umsicht —“

Wort für Wort
satye tapasi dāne ca
in Wahrheit, Askese und Gabe (Lok.)
yajñādhikaraṇe tathā
ebenso im Bereich des Opfers (Lok.)
dhanurvede ca vede ca
in der Bogenkunde und im Veda (Lok.)
nityaṃ caivānvavekṣaṇe
und in beständiger Aufmerksamkeit/Umsicht (Adv./Lok.)

anṛśaṃsaṃ śuciṃ dāntaṃ sarvabhūtahite ratam; mahārathaṃ tvatsadṛśaṃ na kaṃ cid anuśuśruma

„Einen Großwagenkämpfer, der dir gleich wäre, mitfühlend, rein, selbstbeherrscht, am Wohl aller Wesen sich erfreuend, haben wir von niemandem gehört.“

Wort für Wort
anṛśaṃsaṃ śuciṃ dāntam
mitfühlend, rein, gezähmt (Akk.)
sarvabhūtahite ratam
am Wohl aller Wesen sich erfreuend (Lok./Akk.)
mahārathaṃ tvatsadṛśam
einen Großwagenkämpfer, dir gleich (Akk.)
na kaṃ cid anuśuśruma
von keinem haben wir gehört (Perf. 1.Pl.)

tvaṃ hi devān sagandharvān sasurāsurarākṣasān; śakta ekarathenaiva vijetuṃ nātra saṃśayaḥ

„Denn du vermagst Götter samt Gandharvas, Asuras und Rākṣasas mit nur einem Wagen zu besiegen; darüber besteht kein Zweifel.“

Wort für Wort
tvaṃ hi devān sagandharvān
denn du, die Götter samt Gandharvas (Nom./Akk. Pl.)
sasurāsurarākṣasān
samt Asuras und Rākṣasas (Akk. Pl.)
śakta ekarathenaiva
fähig, mit einem einzigen Wagen (Nom./Instr.)
vijetuṃ nātra saṃśayaḥ
zu besiegen; hierin kein Zweifel (Inf./Nom.)

tvaṃ hi bhīṣma mahābāho vasūnāṃ vāsavopamaḥ; nityaṃ vipraiḥ samākhyāto navamo 'navamo guṇaiḥ

„Denn du, Bhīṣma, Starkarmiger, bist den Vasus wie Vāsava gleich; von Brahmanen wirst du stets als der neunte genannt, [doch] an Tugenden nicht der neunte [= nicht nachstehend].“

Wort für Wort
tvaṃ hi bhīṣma mahābāho
denn du, Bhīṣma, Starkarmiger (Nom./Vok.)
vasūnāṃ vāsavopamaḥ
unter den Vasus Vāsava-gleich (Gen. Pl./Nom.)
nityaṃ vipraiḥ samākhyātaḥ
stets von Brahmanen genannt (Instr. Pl./Part.Pass.)
navamo 'navamo guṇaiḥ
der neunte, an Tugenden nicht der neunte (Nom./Instr. Pl.)

Wortspiel: navama ‚neunt-‘ / anavama ‚nicht der letzte, nicht geringer‘; Bhīṣma gilt als neunter Vasu.

ahaṃ hi tvābhijānāmi yas tvaṃ puruṣasattama; tridaśeṣv api vikhyātaḥ svaśaktyā sumahābalaḥ

„Denn ich kenne dich, wer du bist, bester der Männer: unter den Dreißig [Göttern] berühmt, durch eigene Kraft von gewaltiger Stärke.“

Wort für Wort
ahaṃ hi tvābhijānāmi
ich erkenne dich fürwahr (1.Sg.)
yas tvaṃ puruṣasattama
wer du bist, Bester der Männer (Nom./Vok.)
tridaśeṣv api vikhyātaḥ
auch unter den Göttern berühmt (Lok. Pl./Part.Pass.)
svaśaktyā sumahābalaḥ
durch eigene Kraft sehr stark (Instr./Nom.)

manuṣyeṣu manuṣyendra na dṛṣṭo na ca me śrutaḥ; bhavato yo guṇais tulyaḥ pṛthivyāṃ puruṣaḥ kva cit

„Unter den Menschen, Herr der Menschen, ist weder gesehen noch von mir gehört worden, dass irgendwo auf Erden ein Mann dir an Vorzügen gleich wäre.“

Wort für Wort
manuṣyeṣu manuṣyendra
unter Menschen, o Menschenherr (Lok. Pl./Vok.)
na dṛṣṭo na ca me śrutaḥ
nicht gesehen und nicht von mir gehört (Part.Pass.)
bhavato yo guṇais tulyaḥ
der dir an Vorzügen gleich (Gen./Instr. Pl./Nom.)
pṛthivyāṃ puruṣaḥ kva cit
auf Erden ein Mann irgendwo (Lok./Nom.)

tvaṃ hi sarvair guṇai rājan devān apy atiricyase; tapasā hi bhavāñ śaktaḥ sraṣṭuṃ lokāṃś carācarān

„Denn durch alle Vorzüge, König, übertriffst du sogar die Götter; durch Askese vermagst du ja die Welten mit Beweglichem und Unbeweglichem zu erschaffen.“

Wort für Wort
tvaṃ hi sarvair guṇai rājan
denn du durch alle Vorzüge, König (Instr. Pl./Vok.)
devān apy atiricyase
übertriffst sogar die Götter (Akk. Pl./2.Sg. Pass./Med.)
tapasā hi bhavāñ śaktaḥ
durch Askese bist du fähig (Instr./Nom.)
sraṣṭuṃ lokāṃś carācarān
die Welten mit Beweglichem und Unbeweglichem zu erschaffen (Inf./Akk. Pl.)

kiṃ punaś cātmano lokān uttamān uttamair guṇaiḥ

„Wie viel mehr [vermagst du] für dich selbst die höchsten Welten durch höchste Vorzüge [zu erlangen].“

Wort für Wort
kiṃ punaś cātmano
wie viel mehr aber für dich selbst (Adv./Gen.)
lokān uttamān
die höchsten Welten (Akk. Pl.)
uttamair guṇaiḥ
durch höchste Vorzüge (Instr. Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Verb ist zu ergänzen (etwa ‚erlangen/schaffen‘); Zusatzvers.

tad asya tapyamānasya jñātīnāṃ saṃkṣayeṇa vai; jyeṣṭhasya pāṇḍuputrasya śokaṃ bhīṣma vyapānuda

„Nimm darum, Bhīṣma, diesem ältesten Sohn Pāṇḍus, der wegen des Untergangs der Verwandten gequält ist, den Kummer.“

Wort für Wort
tad asya tapyamānasya
darum diesem Gequälten (Adv./Gen.)
jñātīnāṃ saṃkṣayeṇa vai
durch den Untergang der Verwandten (Gen. Pl./Instr.)
jyeṣṭhasya pāṇḍuputrasya
dem ältesten Sohn des Pāṇḍu (Gen.)
śokaṃ bhīṣma vyapānuda
den Kummer, o Bhīṣma, vertreibe (Akk./Vok./Imp.)

ye hi dharmāḥ samākhyātāś cāturvarṇyasya bhārata; cāturāśramyasaṃsṛṣṭās te sarve viditās tava

„Die Pflichten, die für die vier Stände verkündet sind, Bhārata, und die mit den vier Lebensstufen verbunden sind, all diese sind dir bekannt.“

Wort für Wort
ye hi dharmāḥ samākhyātāḥ
die Pflichten, die verkündet sind (Nom. Pl./Part.Pass.)
cāturvarṇyasya bhārata
für die Vierstände-Ordnung, o Bhārata (Gen./Vok.)
cāturāśramyasaṃsṛṣṭāḥ
mit den vier Lebensstufen verbunden (Nom. Pl.)
te sarve viditās tava
diese alle sind dir bekannt (Nom. Pl./Gen.)

cāturvedye ca ye proktāś cāturhotre ca bhārata; sāṃkhye yoge ca niyatā ye ca dharmāḥ sanātanāḥ

„Auch die, die im Vierfachen Veda-Wissen und im Vier-Priester-Ritual, Bhārata, verkündet sind, und die im Sāṃkhya und Yoga festgesetzten ewigen Pflichten [sind dir bekannt].“

Wort für Wort
cāturvedye ca ye proktāḥ
und die im Vierveda-Wissen verkündet sind (Lok./Nom. Pl.)
cāturhotre ca bhārata
und im Cāturhotra-Ritual, o Bhārata (Lok./Vok.)
sāṃkhye yoge ca niyatāḥ
im Sāṃkhya und Yoga festgesetzt (Lok./Part.Pass.)
ye ca dharmāḥ sanātanāḥ
und die ewigen Pflichten (Nom. Pl.)

cāturvarṇyena yaś caiko dharmo na sma virudhyate; sevyamānaḥ sa caivādyo gāṅgeya viditas tava

„Und die eine Pflicht, die mit der Vierstände-Ordnung nicht in Widerspruch gerät, wenn sie befolgt wird, und die uranfängliche, Gāṅgeya, ist dir bekannt.“

Wort für Wort
cāturvarṇyena yaś caiko
und die eine, die mit den vier Ständen (Instr./Nom.)
dharmo na sma virudhyate
Pflicht, die nicht im Widerspruch steht (Nom./Pass. 3.Sg.)
sevyamānaḥ sa caivādyaḥ
befolgt, und jene, die uranfängliche (Part.Pass./Nom.)
gāṅgeya viditas tava
o Gāṅgeya, ist dir bekannt (Vok./Part.Pass./Gen.)

pratilomaprasūtānāṃ mlecchānāṃ caiva yaḥ smṛtaḥ; deśajātikulānāṃ ca jānīṣe dharmalakṣaṇam; vedokto yaś ca śiṣṭoktaḥ sa caiva viditas tava

„Und was für die in verkehrter Ordnung Erzeugten und für die Mlecchas überliefert ist, und die Merkmale der Pflicht der Länder, Herkünfte und Geschlechter kennst du; und was im Veda gesagt und von den Gelehrten gesagt ist, das ist dir ebenso bekannt.“

Wort für Wort
pratilomaprasūtānāṃ mlecchānāṃ caiva
der in verkehrter Ordnung Erzeugten und der Mlecchas (Gen. Pl.)
yaḥ smṛtaḥ
was überliefert ist (Nom./Part.Pass.)
deśajātikulānāṃ ca
der Länder, Herkünfte und Geschlechter (Gen. Pl.)
jānīṣe dharmalakṣaṇam
du kennst das Merkmal der Pflicht (2.Sg./Akk.)
vedokto yaś ca śiṣṭoktaḥ
was im Veda und was von Gelehrten gesagt ist (Nom.)
sa caiva viditas tava
das ist dir ebenso bekannt (Nom./Gen.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

pravṛttaś ca nivṛttaś ca sa cāpi viditas tava

„Und Hinwendung und Abkehr, auch das ist dir bekannt.“

Wort für Wort
pravṛttaś ca nivṛttaś ca
und Hinwendung [zur Welt] und Abkehr (Nom.)
sa cāpi viditas tava
auch das ist dir bekannt (Nom./Part.Pass./Gen.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). pravṛtta/nivṛtta hier sinngemäß als weltzugewandtes bzw. weltabgewandtes Handeln.

itihāsapurāṇaṃ ca kārtsnyena viditaṃ tava; dharmaśāstraṃ ca sakalaṃ nityaṃ manasi te sthitam

„Itihāsa und Purāṇa sind dir vollständig bekannt, und das ganze Dharmaśāstra ist dir stets im Geist gegenwärtig.“

Wort für Wort
itihāsapurāṇaṃ ca
und Itihāsa und Purāṇa (Nom.)
kārtsnyena viditaṃ tava
vollständig dir bekannt (Instr./Part.Pass./Gen.)
dharmaśāstraṃ ca sakalam
und das ganze Dharmaśāstra (Nom.)
nityaṃ manasi te sthitam
stets in deinem Geist gegenwärtig (Adv./Lok./Part.)

ye ca ke cana loke 'sminn arthāḥ saṃśayakārakāḥ; teṣāṃ chettā nāsti loke tvad anyaḥ puruṣarṣabha

„Und welche Dinge auch immer in dieser Welt Zweifel erregen, deren Beseitiger gibt es in der Welt außer dir nicht, Stier unter den Männern.“

Wort für Wort
ye ca ke cana loke 'smin
und welche irgend in dieser Welt (Nom. Pl./Lok.)
arthāḥ saṃśayakārakāḥ
Angelegenheiten, die Zweifel verursachen (Nom. Pl.)
teṣāṃ chettā nāsti loke
deren Zerschneider gibt es nicht in der Welt (Gen. Pl./Nom./Lok.)
tvad anyaḥ puruṣarṣabha
außer dir, o Stier unter Männern (Abl./Nom./Vok.)

sa pāṇḍaveyasya manaḥsamutthitaṃ; narendra śokaṃ vyapakarṣa medhayā; bhavadvidhā hy uttamabuddhivistarā; vimuhyamānasya janasya śāntaye

„Ziehe darum, Herr der Menschen, mit [deiner] Einsicht dem Pāṇḍava den aus dem Geist aufgestiegenen Kummer heraus; denn Männer wie du, mit höchster Weite des Verstandes, sind zur Beruhigung eines verwirrten Menschen [da].“

Wort für Wort
sa pāṇḍaveyasya
du, dem Pāṇḍava (Nom./Gen.)
manaḥsamutthitaṃ narendra śokam
den im Geist entstandenen Kummer, o Männerfürst (Akk./Vok.)
vyapakarṣa medhayā
ziehe heraus mit Einsicht (Imp./Instr.)
bhavadvidhā hy uttamabuddhivistarāḥ
denn Leute wie du, von höchster Verstandesweite (Nom. Pl.)
vimuhyamānasya janasya śāntaye
zur Beruhigung des verwirrten Menschen (Part.Präs. Gen./Dat.)

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