Kapitel 50: bhīṣmopasaṃgamaḥ
Kṛṣṇa und die Pāṇḍavas besuchen Bhīṣma und bitten ihn um Belehrung
Nach dem Bericht über Rāmas Vernichtung der Kṣatriyas ziehen Kṛṣṇa und Yudhiṣṭhira zu dem auf dem Pfeillager liegenden Bhīṣma. Kṛṣṇa würdigt dessen Wissen und bittet ihn, Yudhiṣṭhiras Kummer zu heilen.
„Von Kühen, vom Meer sowie von Langurenschwänzen, Bären und Affen beschützt, waren die Fortführer der Kṣatriya-Geschlechter, aus Furcht vor Rāma beunruhigt [, verborgen].“
Wort für Wort
gobhiḥ samudreṇa
von Kühen, vom Meer (Instr.)
tathā golāṅgūlarkṣavānaraiḥ
ebenso von Languren, Bären und Affen (Instr. Pl.)
guptā
beschützt (Part.Pass. Nom. Pl.)
rāmabhayodvignāḥ
durch Furcht vor Rāma beunruhigt (Kompos., Nom. Pl.)
kṣatriyāṇāṃ kulodvahāḥ
die Fortführer der Geschlechter der Kṣatriyas (Gen. Pl./Nom. Pl.)
guptā ist Nom. Pl. m. (Lesart mit Maskulinum-Kongruenz zu kulodvahāḥ); ‚[, verborgen]‘ als sinngemäße Ergänzung.
aho dhanyo hi loko 'yaṃ sabhāgyāś ca narā bhuvi; yatra karmedṛśaṃ dharmyaṃ dvijena kṛtam acyuta
„Ach, glücklich ist diese Welt, und die Menschen auf Erden sind vom Glück begünstigt, wo eine solche rechtmäßige Tat von einem Zweimalgeborenen vollbracht wurde, Acyuta!“
Wort für Wort
aho dhanyo hi loko 'yam
ach, glücklich fürwahr ist diese Welt (Nom.)
sabhāgyāś ca narā bhuvi
und vom Glück begünstigt die Menschen auf Erden (Nom. Pl./Lok.)
yatra karma
wo die Tat (Lok./Nom.)
īdṛśaṃ dharmyaṃ
eine solche, dem Dharma gemäße (Nom. n.)
dvijena kṛtam acyuta
vom Zweimalgeborenen getan, o Acyuta (Instr./Part.Pass./Vok.)
varadānāt pituḥ kāmaṃ chandamṛtyur asi prabho; śaṃtanor dharmaśīlasya na tv etac chamakāraṇam
„Durch die Wunschgewährung deines Vaters bist du nach Belieben Herr über den Tod, o Gebieter, [durch die] des Śaṃtanu, der dem Dharma ergeben war; doch ist dies kein Grund zur Linderung.“
Wort für Wort
varadānāt pituḥ kāmam
durch die Gewährung der Gunst des Vaters, nach Wunsch (Abl./Gen./Adv.)
chandamṛtyur asi prabho
du bist einer, der den Tod nach Belieben hat, o Herr (2.Sg./Vok.)
tvāṃ hi rājye sthitaṃ sphīte samagrāṅgam arogiṇam; strīsahasraiḥ parivṛtaṃ paśyāmīhordhvaretasam
„Dich sehe ich hier im blühenden Reich stehend, mit unversehrten Gliedern, gesund, von tausend Frauen umgeben, [und doch] als einen, dessen Same aufwärts gerichtet ist.“
Wort für Wort
tvāṃ hi rājye sthitam
dich fürwahr im Reich stehend (Akk./Lok./Part.)
sphīte samagrāṅgam arogiṇam
im blühenden, mit vollständigen Gliedern, gesund (Lok./Akk.)
strīsahasraiḥ parivṛtam
von tausenden Frauen umgeben (Instr. Pl./Part.Pass.)
paśyāmīhordhvaretasam
sehe ich hier den Enthaltsamen (1.Sg./Adv./Akk.)
ūrdhvaretas = ‚dessen Same nach oben gerichtet ist‘, d. h. strikt enthaltsam.
mṛtyum āvārya tarasā śaraprastaraśāyinaḥ; nisargaprabhavaṃ kiṃ cin na ca tātānuśuśruma
„— von [keinem anderen] haben wir gehört, dass er den Tod mit Wucht abwehrt [und] auf dem Pfeillager liegt; auch etwas von angeborener Herkunft [?] haben wir, Lieber, nicht vernommen.“
Wort für Wort
mṛtyum āvārya tarasā
den Tod mit Wucht abwehrend (Akk./Abs./Instr.)
śaraprastaraśāyinaḥ
des auf dem Pfeillager Liegenden (Gen.)
nisargaprabhavaṃ kiṃ cin
etwas aus Natur/Anlage Entstandenes [?] (Akk.)
na ca tātānuśuśruma
und nicht, Lieber, haben wir gehört (Perf. 1.Pl./Vok.)
Verderbte/schwierige Stelle: Bezug von śaraprastaraśāyinaḥ (Gen.) und nisargaprabhavam unklar; Übersetzung sinngemäß.
„Denn du, Bhīṣma, Starkarmiger, bist den Vasus wie Vāsava gleich; von Brahmanen wirst du stets als der neunte genannt, [doch] an Tugenden nicht der neunte [= nicht nachstehend].“
Wort für Wort
tvaṃ hi bhīṣma mahābāho
denn du, Bhīṣma, Starkarmiger (Nom./Vok.)
vasūnāṃ vāsavopamaḥ
unter den Vasus Vāsava-gleich (Gen. Pl./Nom.)
nityaṃ vipraiḥ samākhyātaḥ
stets von Brahmanen genannt (Instr. Pl./Part.Pass.)
navamo 'navamo guṇaiḥ
der neunte, an Tugenden nicht der neunte (Nom./Instr. Pl.)
Wortspiel: navama ‚neunt-‘ / anavama ‚nicht der letzte, nicht geringer‘; Bhīṣma gilt als neunter Vasu.
tvaṃ hi sarvair guṇai rājan devān apy atiricyase; tapasā hi bhavāñ śaktaḥ sraṣṭuṃ lokāṃś carācarān
„Denn durch alle Vorzüge, König, übertriffst du sogar die Götter; durch Askese vermagst du ja die Welten mit Beweglichem und Unbeweglichem zu erschaffen.“
Wort für Wort
tvaṃ hi sarvair guṇai rājan
denn du durch alle Vorzüge, König (Instr. Pl./Vok.)
devān apy atiricyase
übertriffst sogar die Götter (Akk. Pl./2.Sg. Pass./Med.)
tapasā hi bhavāñ śaktaḥ
durch Askese bist du fähig (Instr./Nom.)
sraṣṭuṃ lokāṃś carācarān
die Welten mit Beweglichem und Unbeweglichem zu erschaffen (Inf./Akk. Pl.)
cāturvedye ca ye proktāś cāturhotre ca bhārata; sāṃkhye yoge ca niyatā ye ca dharmāḥ sanātanāḥ
„Auch die, die im Vierfachen Veda-Wissen und im Vier-Priester-Ritual, Bhārata, verkündet sind, und die im Sāṃkhya und Yoga festgesetzten ewigen Pflichten [sind dir bekannt].“
Wort für Wort
cāturvedye ca ye proktāḥ
und die im Vierveda-Wissen verkündet sind (Lok./Nom. Pl.)
cāturvarṇyena yaś caiko dharmo na sma virudhyate; sevyamānaḥ sa caivādyo gāṅgeya viditas tava
„Und die eine Pflicht, die mit der Vierstände-Ordnung nicht in Widerspruch gerät, wenn sie befolgt wird, und die uranfängliche, Gāṅgeya, ist dir bekannt.“
Wort für Wort
cāturvarṇyena yaś caiko
und die eine, die mit den vier Ständen (Instr./Nom.)
dharmo na sma virudhyate
Pflicht, die nicht im Widerspruch steht (Nom./Pass. 3.Sg.)
sevyamānaḥ sa caivādyaḥ
befolgt, und jene, die uranfängliche (Part.Pass./Nom.)
pratilomaprasūtānāṃ mlecchānāṃ caiva yaḥ smṛtaḥ; deśajātikulānāṃ ca jānīṣe dharmalakṣaṇam; vedokto yaś ca śiṣṭoktaḥ sa caiva viditas tava
„Und was für die in verkehrter Ordnung Erzeugten und für die Mlecchas überliefert ist, und die Merkmale der Pflicht der Länder, Herkünfte und Geschlechter kennst du; und was im Veda gesagt und von den Gelehrten gesagt ist, das ist dir ebenso bekannt.“
Wort für Wort
pratilomaprasūtānāṃ mlecchānāṃ caiva
der in verkehrter Ordnung Erzeugten und der Mlecchas (Gen. Pl.)
yaḥ smṛtaḥ
was überliefert ist (Nom./Part.Pass.)
deśajātikulānāṃ ca
der Länder, Herkünfte und Geschlechter (Gen. Pl.)
jānīṣe dharmalakṣaṇam
du kennst das Merkmal der Pflicht (2.Sg./Akk.)
vedokto yaś ca śiṣṭoktaḥ
was im Veda und was von Gelehrten gesagt ist (Nom.)
sa caiva viditas tava
das ist dir ebenso bekannt (Nom./Gen.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
„Und Hinwendung und Abkehr, auch das ist dir bekannt.“
Wort für Wort
pravṛttaś ca nivṛttaś ca
und Hinwendung [zur Welt] und Abkehr (Nom.)
sa cāpi viditas tava
auch das ist dir bekannt (Nom./Part.Pass./Gen.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). pravṛtta/nivṛtta hier sinngemäß als weltzugewandtes bzw. weltabgewandtes Handeln.
sa pāṇḍaveyasya manaḥsamutthitaṃ; narendra śokaṃ vyapakarṣa medhayā; bhavadvidhā hy uttamabuddhivistarā; vimuhyamānasya janasya śāntaye
„Ziehe darum, Herr der Menschen, mit [deiner] Einsicht dem Pāṇḍava den aus dem Geist aufgestiegenen Kummer heraus; denn Männer wie du, mit höchster Weite des Verstandes, sind zur Beruhigung eines verwirrten Menschen [da].“
Wort für Wort
sa pāṇḍaveyasya
du, dem Pāṇḍava (Nom./Gen.)
manaḥsamutthitaṃ narendra śokam
den im Geist entstandenen Kummer, o Männerfürst (Akk./Vok.)
vyapakarṣa medhayā
ziehe heraus mit Einsicht (Imp./Instr.)
bhavadvidhā hy uttamabuddhivistarāḥ
denn Leute wie du, von höchster Verstandesweite (Nom. Pl.)
vimuhyamānasya janasya śāntaye
zur Beruhigung des verwirrten Menschen (Part.Präs. Gen./Dat.)