Kapitel 2: karṇaśāpakathā
Nārada erzählt: Karṇas Herkunft, seine Waffenlehre bei Rāma und der Fluch des Brāhmaṇa
Nārada beginnt das Geheimnis um Karṇas Geburt und Schicksal zu erzählen: Zurückgewiesen von Droṇa, sucht Karṇa Rāma auf, erwirbt Waffenkunde und wird nach dem versehentlichen Töten einer Opferkuh von einem Brahmanen verflucht.
vaiśaṃpāyana uvāca; sa evam uktas tu munir nārado vadatāṃ varaḥ; kathayām āsa tat sarvaṃ yathā śaptaḥ sa sūtajaḥ
Vaiśaṃpāyana sprach: Als der Weise Nārada, der Beste unter den Redenden, so angesprochen worden war, erzählte er all das, wie jener Sūtasohn verflucht worden war.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf. 3.Sg.)
sa evam uktas tu munir nārado
als dieser, so angesprochen, der Weise Nārada (Nom. Sg., Part. Pass.)
vadatāṃ varaḥ
der Beste der Redenden (Gen. Pl./Nom. Sg.)
kathayām āsa tat sarvam
erzählte all das (Perf. periphr. 3.Sg./Akk. Sg.)
yathā śaptaḥ sa sūtajaḥ
wie verflucht wurde jener Sūtasohn (Part. Pass./Nom. Sg.)
„Wie könnte ein Kṣatriya, durch Waffen gereinigt, in den Himmel gelangen?“ [so dachte man], Herr. Deshalb wurde der Jungfrauensohn als Erzeuger von Zusammenstoß erschaffen.
Wort für Wort
kṣatraṃ svargaṃ kathaṃ gacchet
wie könnte die Kriegerkaste in den Himmel gelangen (Nom./Akk. Sg., Pot. 3.Sg.)
chastrapūtam iti prabho
durch Waffen gereinigt, so [dachte man], Herr (Part. Pass./Vok.)
sa balaṃ bhīmasenasya phalgunasya ca lāghavam; buddhiṃ ca tava rājendra yamayor vinayaṃ tathā
Er [grämte sich], wenn er an Bhīmasenas Kraft und Phalgunas Gewandtheit dachte, an deinen Verstand, Herr der Könige, und ebenso an die Bescheidenheit der Zwillinge,
Wort für Wort
sa balaṃ bhīmasenasya
er, die Kraft Bhīmasenas (Nom./Akk. Sg./Gen. Sg.)
phalgunasya ca lāghavam
und Phalgunas Gewandtheit (Gen. Sg./Akk. Sg.)
buddhiṃ ca tava rājendra
und deinen Verstand, Herr der Könige (Akk. Sg./Gen./Vok.)
yamayor vinayaṃ tathā
ebenso der Zwillinge Bescheidenheit (Gen. Du./Akk. Sg.)
Satz setzt sich in Vers 7 fort (cintayāno vyadahyata).
sakhyaṃ ca vāsudevena bālye gāṇḍivadhanvanaḥ; prajānām anurāgaṃ ca cintayāno vyadahyata
und an die Freundschaft des Gāṇḍīva-Bogenträgers mit Vāsudeva seit der Kindheit sowie an die Zuneigung der Untertanen; so nachsinnend, brannte er [vor Neid].
Wort für Wort
sakhyaṃ ca vāsudevena
und die Freundschaft mit Vāsudeva (Akk. Sg./Instr. Sg.)
bālye gāṇḍivadhanvanaḥ
seit der Kindheit des Gāṇḍīva-Bogenträgers (Lok. Sg./Gen. Sg.)
prajānām anurāgaṃ ca
und die Zuneigung der Untertanen (Gen. Pl./Akk. Sg.)
cintayāno vyadahyata
nachsinnend, wurde er verbrannt [= quälte sich] (Part. Med./Impf. Pass. 3.Sg.)
„Oh, seltsam, überaus seltsam ist diese verkehrte Welt: Wessen der Gute sich schämt, daran hat der Schlechte Gefallen.“
Wort für Wort
aho citraṃ mahac citram
oh, seltsam, sehr seltsam (Interj./Nom. Sg. n.)
viparītam idaṃ jagat
verkehrt [ist] diese Welt (Nom. Sg. n.)
yenāpatrapate sādhur
wodurch der Gute sich schämt (Instr. Sg./3.Sg.Präs. Med.)
asādhus tena tuṣyati
der Schlechte freut sich darüber (Instr. Sg./3.Sg.Präs.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers der kritischen Ausgabe (Sternzeile); in der Rede Karṇas an Droṇa eingeschoben, trennt zwei Halbverse von 010.
samaḥ putreṣu ca snehaḥ śiṣyeṣu ca tava dhruvam; tvatprasādān na māṃ brūyur akṛtāstraṃ vicakṣaṇāḥ
„Gleich ist ja deine Zuneigung zu [deinen] Söhnen und zu [deinen] Schülern, gewiss. Durch deine Gnade sollen die Kundigen mich nicht einen nennen, der die Waffen nicht vollendet hat.“
Wort für Wort
samaḥ putreṣu ca snehaḥ
gleich ist die Zuneigung zu den Söhnen (Nom. Sg./Lok. Pl.)
śiṣyeṣu ca tava dhruvam
und zu den Schülern, deine, gewiss (Lok. Pl./Gen./Adv.)
tvatprasādān na māṃ brūyur
durch deine Gnade sollen sie mich nicht nennen (Abl./Opt. 3.Pl.)
akṛtāstraṃ vicakṣaṇāḥ
als in Waffen Unvollendeten, die Kundigen (Akk. Sg./Nom. Pl.)
„Die Brahmā-Waffe soll ein Brāhmaṇa kennen, der die Gelübde recht befolgt hat, oder ein Kṣatriya, der Asket ist; kein anderer darf sie auf irgendeine Weise kennen.“
Wort für Wort
brahmāstraṃ brāhmaṇo vidyād
die Brahmā-Waffe soll ein Brāhmaṇa kennen (Akk. Sg./Nom. Sg./Opt. 3.Sg.)
yathāvac caritavrataḥ
der recht die Gelübde geübt hat (Bahuvrīhi Nom. Sg.)
kṣatriyo vā tapasvī yo
oder ein Kṣatriya, der ein Asket ist (Nom. Sg./Rel.)
nānyo vidyāt kathaṃ cana
kein anderer soll sie kennen, auf keine Weise (Opt. 3.Sg.)
sa tu rāmam upāgamya śirasābhipraṇamya ca; brāhmaṇo bhārgavo 'smīti gauraveṇābhyagacchata
Als er zu Rāma gekommen war und sich mit dem Haupt vor ihm verneigt hatte, trat er ihm ehrfürchtig [mit den Worten] entgegen: „Ich bin ein Brāhmaṇa aus dem Geschlecht der Bhṛgus.“
Wort für Wort
sa tu rāmam upāgamya
er aber, zu Rāma herangetreten (Abs./Akk. Sg.)
śirasābhipraṇamya ca
und sich mit dem Haupt verneigend (Instr. Sg./Abs.)
brāhmaṇo bhārgavo 'smīti
„ein Brāhmaṇa, ein Bhārgava bin ich“ (Nom. Sg./1.Sg.Präs.)
gauraveṇābhyagacchata
mit Ehrfurcht näherte er sich (Instr. Sg./Impf. 3.Sg. Med.)
Rāma nahm ihn auf, nachdem er ihn allseits nach Geschlecht und dergleichen befragt hatte: „Bleibe [hier], sei willkommen!“, und er wurde überaus erfreut.
Wort für Wort
rāmas taṃ pratijagrāha
Rāma nahm ihn auf (Perf. 3.Sg.)
pṛṣṭvā gotrādi sarvaśaḥ
befragt habend nach Geschlecht usw. vollständig (Abs./Akk. Sg./Adv.)
uṣyatāṃ svāgataṃ ceti
„es werde geweilt“ und „willkommen“ (Imp. Pass. 3.Sg./Nom.)
prītimāṃś cābhavad bhṛśam
und wurde erfreut, sehr (Nom. Sg./Impf. 3.Sg./Adv.)
yena vispardhase nityaṃ yadarthaṃ ghaṭase 'niśam; yudhyatas tena te pāpa bhūmiś cakraṃ grasiṣyati
„Mit dem, mit dem du beständig wetteiferst und um dessentwillen du dich unablässig mühst: im Kampf mit ihm, du Frevler, wird die Erde dein Rad verschlingen.“
Wort für Wort
yena vispardhase nityaṃ
mit dem du beständig wetteiferst (Rel. Instr./2.Sg.Präs. Med.)
yadarthaṃ ghaṭase 'niśam
um dessentwillen du dich mühst, unablässig (Adv./2.Sg.Präs.)
yudhyatas tena te pāpa
wenn du mit ihm kämpfst, dein, Frevler (Part. Gen./Instr./Gen./Vok.)
bhūmiś cakraṃ grasiṣyati
die Erde wird das Rad verschlingen (Nom. Sg./Akk. Sg./Fut. 3.Sg.)
„Und wenn dann das Rad von der Erde verschlungen ist, wird der Feind dir, dem Verwirrten, mit Tapferkeit das Haupt abschlagen; geh, du Niedrigster der Menschen!“
Wort für Wort
tataś cakre mahīgraste
und dann, wenn das Rad von der Erde ergriffen ist (Lok. abs.)
mūrdhānaṃ te vicetasaḥ
dein Haupt, des Verwirrten (Akk. Sg./Gen./Gen. Sg.)
pātayiṣyati vikramya
wird fällen, sich mit Tapferkeit anstrengend (Fut. Kaus. 3.Sg./Abs.)
śatrur gaccha narādhama
der Feind; geh, Niedrigster der Menschen (Nom. Sg./Imp. 2.Sg./Vok.)