Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 261: kapilasyūmaraśmisaṃvādaḥ – gārhasthyamokṣavicāraḥ Kapila und Syūmaraśmi: Hausstand, Veda-Autorität und Weg zur Erlösung

Im Gespräch zwischen dem Weisen Kapila und Syūmaraśmi wird gestritten, ob der Hausstand mit seinen vedischen Pflichten oder die Entsagung zur Erlösung führt; Kapila betont die Wächterschaft über die vier Tore des Menschen, Syūmaraśmi das Gewicht der Schrift (śāstra).

kapila uvāca; etāvad anupaśyanto yatayo yānti mārgagāḥ; naiṣāṃ sarveṣu lokeṣu kaś cid asti vyatikramaḥ

Kapila sprach: „Nur dies [allein] im Blick, gehen die Asketen, auf dem Pfad Wandelnde, [ihren Weg]; bei ihnen gibt es in allen Welten keinerlei Übertretung.“

Wort für Wort
kapila uvāca
Kapila sprach (Perf.)
etāvad anupaśyantaḥ
nur dies erblickend (Part. Präs., Nom. Pl.)
yatayo yānti
die Asketen gehen (Nom. Pl./3.Pl.Präs.)
mārgagāḥ
auf dem Pfad Wandelnde (Nom. Pl.)
na eṣāṃ sarveṣu lokeṣu
nicht [gibt es] bei ihnen in allen Welten (Gen./Lok. Pl.)
kaś cid asti vyatikramaḥ
irgendeine Übertretung (Nom. Sg., 3.Sg.Präs.)

nirdvaṃdvā nirnamaskārā nirāśīrbandhanā budhāḥ; vimuktāḥ sarvapāpebhyaś caranti śucayo 'malāḥ

Frei von den Gegensatzpaaren, ohne Ehrfurchtsgruß, ohne die Fessel von Segenswünschen, die Weisen, von allen Sünden befreit, wandeln rein und makellos.

Wort für Wort
nirdvaṃdvā
frei von den Gegensatzpaaren (Nom. Pl.)
nirnamaskārā
ohne Ehrfurchtsgruß (Nom. Pl.)
nirāśīrbandhanā
ohne Fessel der Segenswünsche/Wünsche (Nom. Pl.)
budhāḥ
die Weisen (Nom. Pl.)
vimuktāḥ sarvapāpebhyaḥ
befreit von allen Sünden (Part. Perf. Pass., Nom. Pl./Abl. Pl.)
caranti śucayo 'malāḥ
wandeln, rein, makellos (3.Pl.Präs./Nom. Pl.)

apavarge 'tha saṃtyāge buddhau ca kṛtaniścayāḥ; brahmiṣṭhā brahmabhūtāś ca brahmaṇy eva kṛtālayāḥ

Zur Erlösung, zum Verzicht und zur Erkenntnis haben sie den Entschluss gefasst; im Brahman Gegründete, zu Brahman Gewordene, im Brahman selbst ihre Wohnstatt Genommene.

Wort für Wort
apavarge 'tha saṃtyāge
in der Erlösung und im Verzicht (Lok. Sg.)
buddhau ca
und in der Erkenntnis (Lok. Sg.)
kṛtaniścayāḥ
Entschluss gefasst habend (Nom. Pl., Bahuvrīhi)
brahmiṣṭhā
im Brahman fest Stehende (Nom. Pl.)
brahmabhūtāś ca
und zu Brahman Gewordene (Nom. Pl.)
brahmaṇy eva kṛtālayāḥ
im Brahman selbst die Wohnstatt genommen habend (Lok. Sg./Nom. Pl.)

viśokā naṣṭarajasas teṣāṃ lokāḥ sanātanāḥ; teṣāṃ gatiṃ parāṃ prāpya gārhasthye kiṃ prayojanam

Kummerlos, frei von Rajas [Leidenschaft] – für sie gibt es ewige Welten. Was soll dann der Hausstand, wenn man ihr höchstes Ziel erreicht hat?

Wort für Wort
viśokā naṣṭarajasaḥ
kummerlos, mit verlorenem Rajas (Nom. Pl.)
teṣāṃ lokāḥ sanātanāḥ
für sie [sind] Welten ewig (Gen. Pl./Nom. Pl.)
teṣāṃ gatiṃ parām
deren höchstes Ziel (Akk. Sg.)
prāpya
erreicht habend (Abs.)
gārhasthye kiṃ prayojanam
im Hausstand, welcher Zweck? (Lok. Sg./Nom. Sg.)

syūmaraśmir uvāca; yady eṣā paramā niṣṭhā yady eṣā paramā gatiḥ; gṛhasthān avyapāśritya nāśramo 'nyaḥ pravartate

Syūmaraśmi sprach: „Wenn dies die höchste Vollendung ist, wenn dies das höchste Ziel ist – [so gilt:] ohne sich auf die Hausherren zu stützen, kommt kein anderer Lebensabschnitt zustande.

Wort für Wort
syūmaraśmir uvāca
Syūmaraśmi sprach (Perf.)
yady eṣā paramā niṣṭhā
wenn dies die höchste Vollendung [ist] (Nom. Sg. f.)
yady eṣā paramā gatiḥ
wenn dies das höchste Ziel [ist] (Nom. Sg. f.)
gṛhasthān avyapāśritya
ohne sich auf die Hausherren zu stützen (Akk. Pl./Abs. mit a-)
na āśramo 'nyaḥ pravartate
kein anderer Lebensabschnitt kommt in Gang (Nom. Sg./3.Sg.Präs.)

yathā mātaram āśritya sarve jīvanti jantavaḥ; evaṃ gṛhastham āśritya vartanta itare ''śramāḥ

Wie alle Lebewesen leben, indem sie sich auf die Mutter stützen, so bestehen die anderen Lebensabschnitte, indem sie sich auf den Hausherrn stützen.

Wort für Wort
yathā mātaram āśritya
wie, auf die Mutter gestützt (Akk. Sg./Abs.)
sarve jīvanti jantavaḥ
alle Wesen leben (Nom. Pl./3.Pl.Präs.)
evaṃ gṛhastham āśritya
so, auf den Hausherrn gestützt (Akk. Sg./Abs.)
vartanta itare
bestehen die anderen (3.Pl.Präs. Med./Nom. Pl.)
āśramāḥ
Lebensabschnitte (Nom. Pl.)

gṛhastha eva yajate gṛhasthas tapyate tapaḥ; gārhasthyam asya dharmasya mūlaṃ yat kiṃ cid ejate

Nur der Hausherr opfert, nur der Hausherr übt Askese; der Hausstand ist die Wurzel dieses Dharma [und] alles dessen, was sich regt.

Wort für Wort
gṛhastha eva yajate
nur der Hausherr opfert (Nom. Sg./3.Sg.Präs. Med.)
gṛhasthas tapyate tapaḥ
der Hausherr übt Askese (Nom. Sg./3.Sg.Präs./Akk. Sg.)
gārhasthyam
der Hausstand (Nom. Sg.)
asya dharmasya mūlam
dieses Dharma Wurzel (Gen. Sg./Nom. Sg.)
yat kiṃ cid ejate
was immer sich regt (Nom. Sg. n./3.Sg.Präs.)

prajanād dhy abhinirvṛttāḥ sarve prāṇabhṛto mune; prajanaṃ cāpy utānyatra na kathaṃ cana vidyate

Denn aus der Zeugung sind alle Lebewesen entstanden, o Weiser; und Zeugung gibt es anderswo auf keine Weise.

Wort für Wort
prajanād hi abhinirvṛttāḥ
denn aus der Zeugung entstanden (Abl. Sg./Part. Perf. Pass., Nom. Pl.)
sarve prāṇabhṛto mune
alle Lebewesen, o Weiser (Nom. Pl./Vok. Sg.)
prajanaṃ ca api uta anyatra
und Zeugung auch anderswo (Nom. Sg.)
na kathaṃ cana vidyate
auf keine Weise findet sich (3.Sg.Präs. Pass.)

yās tāḥ syur bahir oṣadhyo bahv araṇyās tathā dvija; oṣadhibhyo bahir yasmāt prāṇī kaś cin na vidyate; kasyaiṣā vāg bhavet satyā mokṣo nāsti gṛhād iti

„Gäbe es jene Pflanzen draußen und viele Wälder ebenso, o Zweimalgeborener – da es außerhalb der Pflanzen kein Lebewesen gibt –: wessen Rede könnte wahr sein: ‚Vom Haus aus gibt es keine Erlösung‘?“[?]

Wort für Wort
yās tāḥ syur bahir oṣadhyaḥ
jene Pflanzen, die es draußen gäbe (Nom. Pl. f./Opt.)
bahv araṇyās tathā dvija
und viele Wälder ebenso, o Zweimalgeborener (Nom. Pl./Vok. Sg.)
oṣadhibhyo bahir yasmāt
da außerhalb der Pflanzen (Abl. Pl.)
prāṇī kaś cin na vidyate
kein Lebewesen sich findet (Nom. Sg./3.Sg.Präs. Pass.)
kasya eṣā vāg bhavet satyā
wessen diese Rede wäre wahr (Gen. Sg./Opt.)
mokṣo nāsti gṛhād iti
„Erlösung gibt es nicht vom Haus aus“, so (Abl. Sg.)

Sinn der Strophe unsicher; wörtliche Wiedergabe.

aśraddadhānair aprājñaiḥ sūkṣmadarśanavarjitaiḥ; nirāśair alasaiḥ śrāntais tapyamānaiḥ svakarmabhiḥ; śramasyoparamo dṛṣṭaḥ pravrajyā nāma paṇḍitaiḥ

Von Ungläubigen, Unweisen, des feinen Blicks Entbehrenden, Hoffnungslosen, Trägen, Erschöpften, durch ihre eigenen Taten Gequälten – bei ihnen wird von den Gelehrten das Ende der Mühe, ‚Pravrajyā‘ [Hinauswandern] genannt, gesehen.[?]

Wort für Wort
aśraddadhānair aprājñaiḥ
von Ungläubigen, Unweisen (Instr. Pl.)
sūkṣmadarśanavarjitaiḥ
des feinen Blicks beraubt (Instr. Pl.)
nirāśair alasaiḥ śrāntaiḥ
hoffnungslos, träge, erschöpft (Instr. Pl.)
tapyamānaiḥ svakarmabhiḥ
gequält von den eigenen Taten (Part. Präs. Pass., Instr. Pl.)
śramasya uparamo dṛṣṭaḥ
der Mühe Aufhören gesehen (Gen. Sg./Nom. Sg./Part. Perf. Pass.)
pravrajyā nāma paṇḍitaiḥ
‚Pravrajyā‘ genannt, von den Gelehrten (Nom. Sg./Instr. Pl.)

Konstruktion (Instrumental-Reihe) unsicher.

trailokyasyaiva hetur hi maryādā śāśvatī dhruvā; brāhmaṇo nāma bhagavāñ janmaprabhṛti pūjyate

Denn Ursache eben der drei Welten ist die ewige, feste Ordnung; der sogenannte Brāhmaṇa, der Erhabene, wird von Geburt an verehrt.

Wort für Wort
trailokyasya eva hetuḥ hi
Ursache der drei Welten eben (Gen. Sg./Nom. Sg.)
maryādā śāśvatī dhruvā
die Ordnung, ewig, fest (Nom. Sg. f.)
brāhmaṇo nāma bhagavān
der sogenannte Brāhmaṇa, der Erhabene (Nom. Sg.)
janmaprabhṛti pūjyate
von Geburt an wird verehrt (Adv./3.Sg.Präs. Pass.)

prāg garbhādhānān mantrā hi pravartante dvijātiṣu; aviśrambheṣu vartante viśrambheṣv apy asaṃśayam

Schon vor der Empfängnis kommen bei den Zweimalgeborenen Mantras zur Anwendung; sie werden ohne Zweifel bei [Dingen] ohne Vertrauen wie bei solchen mit Vertrauen angewandt.[?]

Wort für Wort
prāg garbhādhānāt
vor der Empfängnis (Abl. Sg.)
mantrā hi pravartante
Mantras werden ja angewandt (Nom. Pl./3.Pl.Präs. Med.)
dvijātiṣu
bei den Zweimalgeborenen (Lok. Pl.)
aviśrambheṣu vartante
bei Vertrauenslosem/Unvertrautem bestehen sie (Lok. Pl./3.Pl.Präs.)
viśrambheṣv api asaṃśayam
auch bei Vertrautem, zweifellos (Lok. Pl./Adv.)

Sinn von aviśrambheṣu/viśrambheṣu unsicher.

dāhaḥ punaḥ saṃśrayaṇe saṃsthite pātrabhojanam; dānaṃ gavāṃ paśūnāṃ vā piṇḍānāṃ cāpsu majjanam

Ferner Verbrennung beim [Anlegen/Bestatten][?]; nach dem Tod das Mahl aus der Schale; die Gabe von Kühen oder Tieren und das Eintauchen der Klöße ins Wasser.

Wort für Wort
dāhaḥ punaḥ
Verbrennung wiederum (Nom. Sg.)
saṃśrayaṇe saṃsthite
beim Anschluss/Bestatten [?], wenn [jemand] gestorben ist (Lok. Sg./Part. Lok.)
pātrabhojanam
Speisen aus der Schale (Nom. Sg.)
dānaṃ gavāṃ paśūnāṃ vā
Gabe von Kühen oder Tieren (Nom. Sg./Gen. Pl.)
piṇḍānāṃ ca apsu majjanam
der Klöße Eintauchen ins Wasser (Gen. Pl./Lok. Pl.)

saṃśrayaṇe unsicher.

arciṣmanto barhiṣadaḥ kravyādāḥ pitaraḥ smṛtāḥ; mṛtasyāpy anumanyante mantrā mantrāś ca kāraṇam

Die glanzvollen, auf dem Opferstreu sitzenden, fleischverzehrenden Väter werden [so] überliefert; auch dem Toten stimmen sie zu, [und] Mantras – Mantras sind der Grund.[?]

Wort für Wort
arciṣmanto barhiṣadaḥ
die glanzvollen, auf dem Streu sitzenden (Nom. Pl.)
kravyādāḥ pitaraḥ smṛtāḥ
fleischverzehrend, die Väter, überliefert (Nom. Pl./Part. Perf. Pass.)
mṛtasya api anumanyante
auch des Toten stimmen zu (Gen. Sg./3.Pl.Präs. Med.)
mantrā mantrāś ca kāraṇam
Mantras, und Mantras [sind] der Grund (Nom. Pl./Nom. Sg.)

Zweiter Halbvers unsicher.

evaṃ krośatsu vedeṣu kuto mokṣo 'sti kasya cit; ṛṇavanto yadā martyāḥ pitṛdevadvijātiṣu

Wenn die Veden so [laut] rufen, woher gäbe es Erlösung für irgendjemanden? Denn die Sterblichen sind Schuldner gegenüber Vätern, Göttern und Zweimalgeborenen.

Wort für Wort
evaṃ krośatsu vedeṣu
wenn die Veden so rufen (Lok. abs. Pl.)
kuto mokṣo 'sti kasya cit
woher gibt es Erlösung für irgendwen (Nom. Sg./3.Sg.Präs./Gen. Sg.)
ṛṇavanto yadā martyāḥ
da die Sterblichen Schuldner sind (Nom. Pl.)
pitṛdevadvijātiṣu
gegenüber Vätern, Göttern, Zweimalgeborenen (Lok. Pl.)

śriyā vihīnair alasaiḥ paṇḍitair apalāpitam; vedavādāparijñānaṃ satyābhāsam ivānṛtam

Von Wohlstandslosen, Trägen, [angeblichen] Gelehrten wird die Veda-Lehre verleugnet – aus Unkenntnis, ein Anschein von Wahrheit, gleichsam Unwahrheit.

Wort für Wort
śriyā vihīnair alasaiḥ
von Glanzlosen/Mittellosen, Trägen (Instr. Pl.)
paṇḍitair apalāpitam
von Gelehrten verleugnet (Instr. Pl./Part. Pass.)
vedavādāparijñānam
Nichtkennen der Veda-Lehren (Nom. Sg.)
satyābhāsam iva anṛtam
Schein der Wahrheit, gleichsam Unwahrheit (Nom. Sg. n.)

na vai pāpair hriyate kṛṣyate vā; yo brāhmaṇo yajate vedaśāstraiḥ; ūrdhvaṃ yajñaḥ paśubhiḥ sārdham eti; saṃtarpitas tarpayate ca kāmaiḥ

Nicht wird von Sünden fortgerissen oder gezogen der Brāhmaṇa, der mit den Veda-Lehren opfert; aufwärts geht das Opfer samt den Opfertieren; gesättigt sättigt er [seinerseits] mit Wunscherfüllungen.

Wort für Wort
na vai pāpair hriyate kṛṣyate vā
nicht wird von Sünden fortgetragen oder gezogen (Instr. Pl./3.Sg.Präs. Pass.)
yo brāhmaṇo yajate vedaśāstraiḥ
der Brāhmaṇa, der opfert mit Veda-Vorschriften (Nom. Sg./3.Sg.Präs. Med./Instr. Pl.)
ūrdhvaṃ yajñaḥ paśubhiḥ sārdham eti
aufwärts geht das Opfer mit den Tieren (Adv./Nom. Sg./Instr. Pl./3.Sg.Präs.)
saṃtarpitas tarpayate ca kāmaiḥ
gesättigt sättigt er mit Wünschen (Part. Pass./3.Sg.Kaus./Instr. Pl.)

na vedānāṃ paribhavān na śāṭhyena na māyayā; mahat prāpnoti puruṣo brahma brahmaṇi vindati

Nicht durch Missachtung der Veden, nicht durch Tücke, nicht durch Trug erlangt der Mensch das Große; [das] Brahman findet er im Brahman.

Wort für Wort
na vedānāṃ paribhavāt
nicht durch Geringschätzung der Veden (Gen. Pl./Abl. Sg.)
na śāṭhyena na māyayā
nicht durch Tücke, nicht durch Trug (Instr. Sg.)
mahat prāpnoti puruṣaḥ
das Große erlangt der Mensch (Akk. Sg./3.Sg.Präs./Nom. Sg.)
brahma brahmaṇi vindati
Brahman im Brahman findet er (Akk. Sg./Lok. Sg./3.Sg.Präs.)

kapila uvāca; darśaṃ ca paurṇamāsaṃ ca agnihotraṃ ca dhīmatām; cāturmāsyāni caivāsaṃs teṣu yajñaḥ sanātanaḥ

Kapila sprach: „Darśa, Paurṇamāsa und das Agnihotra der Einsichtigen und ebenso die Cāturmāsya-Opfer waren [da]; in ihnen [besteht] das ewige Opfer.“

Wort für Wort
kapila uvāca
Kapila sprach (Perf.)
darśaṃ ca paurṇamāsaṃ ca
Neumond- und Vollmondopfer (Akk./Nom. Sg.)
agnihotraṃ ca dhīmatām
und Agnihotra der Einsichtigen (Nom. Sg./Gen. Pl.)
cāturmāsyāni ca eva āsan
und die Cāturmāsyas waren (Nom. Pl./3.Pl.Impf.)
teṣu yajñaḥ sanātanaḥ
in ihnen das Opfer, ewig (Lok. Pl./Nom. Sg.)

anārambhāḥ sudhṛtayaḥ śucayo brahmasaṃśritāḥ; brahmaṇaiva sma te devāṃs tarpayanty amṛtaiṣiṇaḥ

Ohne Unternehmungen, wohl gefestigt, rein, im Brahman zufluchtnehmend, sättigen sie die Götter durch Brahman allein, nach Unsterblichkeit strebend.

Wort für Wort
anārambhāḥ sudhṛtayaḥ
ohne Unternehmungen, wohl gefestigt (Nom. Pl.)
śucayo brahmasaṃśritāḥ
rein, im Brahman Zuflucht gefunden (Nom. Pl.)
brahmaṇā eva sma te
durch Brahman allein (Instr. Sg.), sie [pflegten]
devān tarpayanti
die Götter sättigen (Akk. Pl./3.Pl.Präs.)
amṛtaiṣiṇaḥ
Unsterblichkeit Suchende (Nom. Pl.)

sarvabhūtātmabhūtasya sarvabhūtāni paśyataḥ; devāpi mārge muhyanti apadasya padaiṣiṇaḥ

Beim [Weisen], der Selbst aller Wesen geworden ist und alle Wesen sieht, irren selbst die Götter auf dem Weg, sie, die die Spur des Spurlosen suchen.

Wort für Wort
sarvabhūtātmabhūtasya
dessen, der zum Selbst aller Wesen geworden (Gen. Sg.)
sarvabhūtāni paśyataḥ
der alle Wesen sieht (Akk. Pl./Gen. Sg. Part.)
devā api mārge muhyanti
auch Götter auf dem Weg irren (Nom. Pl./Lok. Sg./3.Pl.Präs.)
apadasya padaiṣiṇaḥ
des Spurlosen Spur Suchende (Gen. Sg./Nom. Pl.)

caturdvāraṃ puruṣaṃ caturmukhaṃ; caturdhā cainam upayāti nindā; bāhubhyāṃ vāca udarād upasthāt; teṣāṃ dvāraṃ dvārapālo bubhūṣet

Vier Tore hat der Mensch, vier Münder; auf vierfache Weise kommt Tadel über ihn: von den beiden Armen, von der Rede, vom Bauch, vom Geschlechtsteil. Deren Tor möge er [als] Torwächter zu sein trachten.

Wort für Wort
caturdvāraṃ puruṣaṃ caturmukham
den Menschen mit vier Toren, vier Mündern (Akk. Sg.)
caturdhā ca enam upayāti nindā
und vierfach naht ihm der Tadel (Adv./Akk. Sg./3.Sg.Präs./Nom. Sg.)
bāhubhyāṃ vāca udarād upasthāt
von den Armen, von der Rede, vom Bauch, vom Geschlechtsteil (Abl. Du./Abl. Sg.)
teṣāṃ dvāraṃ dvārapālo bubhūṣet
deren Tor möge Torwächter zu sein wünschen (Gen. Pl./Akk. Sg./Nom. Sg./Desid.Opt.)

nākṣair dīvyen nādadītānyavittaṃ; na vāyonīyasya śṛtaṃ pragṛhṇet; kruddho na caiva prahareta dhīmāṃs; tathāsya tat pāṇipādaṃ suguptam

Nicht soll er mit Würfeln spielen, nicht fremdes Gut nehmen; nicht Gekochtes von [einem niedrig Geborenen][?] annehmen; der Weise soll nicht zornig zuschlagen – so sind ihm Hand und Fuß wohlbehütet.

Wort für Wort
na akṣair dīvyet
nicht soll er mit Würfeln spielen (Instr. Pl./Opt.)
na ādadīta anyavittam
nicht nehme er fremdes Gut (Opt. Med./Akk. Sg.)
na vāyonīyasya śṛtaṃ pragṛhṇet
nicht Gekochtes von [dem] Vāyonīya [?] annehmen (Gen. Sg./Akk. Sg./Opt.)
kruddho na ca eva prahareta dhīmān
zornig soll der Weise nicht schlagen (Part./Opt./Nom. Sg.)
tathā asya tat pāṇipādaṃ suguptam
so ist ihm dies, Hand und Fuß, wohlbehütet (Nom. Sg. n.)

vāyonīyasya unsicher.

nākrośam archen na mṛṣā vadec ca; na paiśunaṃ janavādaṃ ca kuryāt; satyavrato mitabhāṣo 'pramattas; tathāsya vāgdvāram atho suguptam

Nicht soll er Schmähung üben[?], nicht lügen, nicht Verleumdung und Gerede der Leute betreiben; dem Wahrheitsgelübde treu, maßvoll redend, unachtsam nie – so ist ihm das Tor der Rede wohlbehütet.

Wort für Wort
na ākrośam archet
nicht soll er Beschimpfung [ausüben?] (Akk. Sg./Opt.)
na mṛṣā vadet ca
und nicht lügen (Adv./Opt.)
na paiśunaṃ janavādaṃ ca kuryāt
nicht Verleumdung und Leutegerede betreiben (Akk. Sg./Opt.)
satyavrato mitabhāṣo 'pramattaḥ
wahrhaft im Gelübde, maßvoll redend, achtsam (Nom. Sg.)
tathā asya vāgdvāram atho suguptam
so ist ihm das Rede-Tor dann wohlbehütet (Nom. Sg.)

archet unsicher (ṛc/arc).

nānāśanaḥ syān na mahāśanaḥ syād; alolupaḥ sādhubhir āgataḥ syāt; yātrārtham āhāram ihādadīta; tathāsya syāj jāṭharī dvāraguptiḥ

Weder soll er ohne Nahrung sein noch ein großer Esser; nicht gierig, [nur mit dem], was ihm von Guten zukommt[?]; zum Unterhalt nehme er hier Nahrung zu sich – so ist die Behütung des Bauch-Tores.

Wort für Wort
na anaśanaḥ syāt na mahāśanaḥ syāt
nicht Nichtesser, nicht Vielesser sei er (Nom. Sg./Opt.)
alolupaḥ
nicht gierig (Nom. Sg.)
sādhubhir āgataḥ syāt
von Guten Gekommenes [annehmend] sei er (Instr. Pl./Part. Perf.)
yātrārtham āhāram iha ādadīta
zum Lebensunterhalt nehme er hier Nahrung (Akk. Sg./Opt. Med.)
tathā asya syāj jāṭharī dvāraguptiḥ
so sei ihm die Bauch-Torhut (Nom. Sg./Opt.)

na vīrapatnīṃ vihareta nārīṃ; na cāpi nārīm anṛtāv āhvayīta; bhāryāvrataṃ hy ātmani dhārayīta; tathāsyopasthadvāraguptir bhaveta

Nicht soll er der Frau eines Helden nahen, noch eine Frau zur Unzeit herbeirufen; das Gelübde gegenüber der Ehefrau halte er in sich – so wäre ihm das Geschlechts-Tor behütet.

Wort für Wort
na vīrapatnīṃ vihareta nārīm
nicht soll er mit der Frau eines Helden verkehren (Akk. Sg./Opt.)
na ca api nārīm anṛtau āhvayīta
noch eine Frau außerhalb der Zeit herbeirufen (Akk. Sg./Lok. Sg./Opt. Med.)
bhāryāvrataṃ hi ātmani dhārayīta
das Gelübde der Ehefrau trage er in sich (Akk. Sg./Lok. Sg./Opt. Med.)
tathā asya upasthadvāraguptir bhaveta
so wäre ihm das Geschlechts-Tor-Behütung (Nom. Sg./Opt.)

dvārāṇi yasya sarvāṇi suguptāni manīṣiṇaḥ; upastham udaraṃ bāhū vāk caturthī sa vai dvijaḥ

Wessen Tore alle wohlbehütet sind, des Weisen – Geschlechtsteil, Bauch, Arme, als viertes die Rede –, der ist wahrhaft ein Zweimalgeborener.

Wort für Wort
dvārāṇi yasya sarvāṇi suguptāni
dessen Tore alle wohlbehütet (Nom. Pl. n.)
manīṣiṇaḥ
des Weisen (Gen. Sg.)
upastham udaraṃ bāhū
Geschlechtsteil, Bauch, Arme (Nom. Sg./Nom. Du.)
vāk caturthī
die Rede als vierte (Nom. Sg. f.)
sa vai dvijaḥ
der ist wahrlich Zweimalgeborener (Nom. Sg.)

moghāny aguptadvārasya sarvāṇy eva bhavanty uta; kiṃ tasya tapasā kāryaṃ kiṃ yajñena kim ātmanā

Vergeblich wird für den, dessen Tore unbehütet sind, alles: Was soll ihm die Askese, was das Opfer, was das Selbst?

Wort für Wort
moghāni aguptadvārasya
vergeblich für den mit unbehüteten Toren (Nom. Pl. n./Gen. Sg.)
sarvāṇi eva bhavanti uta
alles wird ja (Nom. Pl./3.Pl.Präs.)
kiṃ tasya tapasā kāryam
was soll ihm mit Askese zu tun sein (Instr. Sg./Nom. Sg.)
kiṃ yajñena kim ātmanā
was mit Opfer, was mit dem Selbst (Instr. Sg.)

anuttarīyavasanam anupastīrṇaśāyinam; bāhūpadhānaṃ śāmyantaṃ taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ

Ohne Obergewand, ohne Streu schlafend, den Arm als Kissen, ruhig – ihn kennen die Götter als Brāhmaṇa.

Wort für Wort
anuttarīyavasanam
ohne Obergewand (Akk. Sg.)
anupastīrṇaśāyinam
ohne Unterlage schlafend (Akk. Sg.)
bāhūpadhānaṃ śāmyantam
den Arm als Kissen, zur Ruhe kommend (Akk. Sg./Part. Präs.)
taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ
ihn kennen die Götter als Brāhmaṇa (Akk. Sg./Nom. Pl./3.Pl.Perf.)

dvaṃdvārāmeṣu sarveṣu ya eko ramate muniḥ; pareṣām ananudhyāyaṃs taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ

Wer unter allen, die sich an den Paaren [der Gegensätze] ergötzen, als einziger Weiser sich [in sich] erfreut, ohne über andere nachzusinnen – ihn kennen die Götter als Brāhmaṇa.

Wort für Wort
dvaṃdvārāmeṣu sarveṣu
unter allen an Paaren/Gegensätzen Sich-Ergötzenden [?] (Lok. Pl.)
ya eko ramate muniḥ
wer als einziger sich erfreut, der Weise (Nom. Sg./3.Sg.Präs. Med.)
pareṣām ananudhyāyan
über andere nicht nachsinnend (Gen. Pl./Part. Präs.)
taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ
ihn kennen die Götter als Brāhmaṇa (Akk. Sg./3.Pl.Perf.)

dvaṃdvārāmeṣu unsicher.

yena sarvam idaṃ buddhaṃ prakṛtir vikṛtiś ca yā; gatijñaḥ sarvabhūtānāṃ taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ

Durch den dies alles erkannt ist, sowohl Prakṛti als auch das, was Umwandlung ist, den Kenner des Weges aller Wesen – ihn kennen die Götter als Brāhmaṇa.

Wort für Wort
yena sarvam idaṃ buddham
durch den dies All erkannt ist (Instr. Sg./Part. Pass.)
prakṛtir vikṛtiś ca yā
Urnatur und Umwandlung, welche (Nom. Sg. f.)
gatijñaḥ sarvabhūtānām
Kenner des Weges aller Wesen (Nom. Sg./Gen. Pl.)
taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ
ihn kennen die Götter als Brāhmaṇa

abhayaṃ sarvabhūtebhyaḥ sarveṣām abhayaṃ yataḥ; sarvabhūtātmabhūto yas taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ

Furchtlosigkeit vor allen Wesen, von dem alle Furchtlosigkeit haben, der zum Selbst aller Wesen geworden ist – ihn kennen die Götter als Brāhmaṇa.

Wort für Wort
abhayaṃ sarvabhūtebhyaḥ
Furchtlosigkeit vor allen Wesen (Nom. Sg./Abl. Pl.)
sarveṣām abhayaṃ yataḥ
bei dem alle Furchtlosigkeit [haben] (Gen. Pl./Abl.-Adv.)
sarvabhūtātmabhūto yaḥ
der zum Selbst aller Wesen geworden (Nom. Sg.)
taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ
ihn kennen die Götter als Brāhmaṇa

nāntareṇānujānanti vedānāṃ yat kriyāphalam; anujñāya ca tat sarvam anyad rocayate 'phalam

Ohne Weiteres[?] erkennen sie nicht an, was als Werkfrucht der Veden gilt; und nachdem man diesem allem zugestimmt hat, gefällt [einem] anderes, Fruchtloses.

Wort für Wort
na antareṇa anujānanti
nicht ohne Zwischenstufe [?] erkennen sie an (Adv./3.Pl.Präs.)
vedānāṃ yat kriyāphalam
der Veden was Werkfrucht [ist] (Gen. Pl./Nom. Sg.)
anujñāya ca tat sarvam
und zugestimmt habend diesem allem (Abs./Akk. Sg.)
anyad rocayate 'phalam
anderes, Fruchtloses gefällt (Akk. Sg. n./3.Sg.Kaus.Med.)

nāntareṇa unsicher.

phalavanti ca karmāṇi vyuṣṭimanti dhruvāṇi ca; viguṇāni ca paśyanti tathānaikāntikāni ca

Fruchttragend sind die Werke, gedeihenbringend und beständig; man sieht [sie] aber auch als mangelhaft und ebenso als nicht unfehlbar.

Wort für Wort
phalavanti ca karmāṇi
und fruchttragend die Werke (Nom. Pl. n.)
vyuṣṭimanti dhruvāṇi ca
gedeihenbringend und beständig (Nom. Pl. n.)
viguṇāni ca paśyanti
und mangelhaft sehen sie [sie] (Akk. Pl. n./3.Pl.Präs.)
tathā anaikāntikāni ca
und ebenso nicht unfehlbar (Akk. Pl. n.)

guṇāś cātra sudurjñeyā jñātāś cāpi suduṣkarāḥ; anuṣṭhitāś cāntavanta iti tvam anupaśyasi

Die Vorzüge (Eigenschaften) hierbei sind sehr schwer zu erkennen, und selbst erkannt sehr schwer auszuführen; und ausgeführt sind sie [doch] endlich – so siehst du es.

Wort für Wort
guṇāḥ ca atra
und die Vorzüge/Eigenschaften hierbei (Nom.Pl. / Lok.)
sudurjñeyāḥ
sehr schwer zu erkennen (Nom.Pl., Gerundiv)
jñātāḥ ca api suduṣkarāḥ
und selbst erkannt sehr schwer zu tun (Part.Perf.Pass. Nom.Pl.; Nom.Pl.)
anuṣṭhitāḥ ca antavantaḥ
und ausgeführt endlich/vergänglich (Part.Perf.Pass. Nom.Pl.; Nom.Pl.)
iti tvam anupaśyasi
so siehst du (es) (2.Sg.Präs.)

syūmaraśmir uvāca; yathā ca vedaprāmāṇyaṃ tyāgaś ca saphalo yathā; tau panthānāv ubhau vyaktau bhagavaṃs tad bravīhi me

Syūmaraśmi sprach: „Wie die Autorität der Veden [gilt] und wie der Verzicht fruchtbringend ist – diese beiden Wege sind [mir] offenbar; Erhabener, das sage mir.“

Wort für Wort
syūmaraśmiḥ uvāca
Syūmaraśmi sprach (3.Sg.Perf.)
yathā ca vedaprāmāṇyam
und wie die Geltung/Autorität der Veden (Nom.Sg.n., Kompositum)
tyāgaḥ ca saphalaḥ yathā
und der Verzicht fruchtbringend, wie (Nom.Sg.)
tau panthānau ubhau vyaktau
diese beiden Wege, beide offenkundig (Nom.Du.)
bhagavan tat bravīhi me
Erhabener, das sage mir (Vok.; Imp.2.Sg.; Dat./Gen.)

kapila uvāca; pratyakṣam iha paśyanti bhavantaḥ satpathe sthitāḥ; pratyakṣaṃ tu kim atrāsti yad bhavanta upāsate

Kapila sprach: „Unmittelbar Wahrnehmbares seht ihr hier, die ihr auf dem guten Pfad steht; was aber ist hierbei unmittelbar wahrnehmbar, dem ihr euch widmet?“

Wort für Wort
kapilaḥ uvāca
Kapila sprach (3.Sg.Perf.)
pratyakṣam iha paśyanti bhavantaḥ
Unmittelbares hier sehen die Herren/ihr (Akk.Sg.n.; 3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)
satpathe sthitāḥ
auf gutem Pfad stehend (Lok.Sg.; Part.Perf. Nom.Pl.)
pratyakṣam tu kim atra asti
unmittelbar wahrnehmbar aber was ist hierbei (Nom.Sg.n.; 3.Sg.Präs.)
yat bhavantaḥ upāsate
dem ihr euch widmet/das ihr verehrt (Rel.; 3.Pl.Präs.Med.)

syūmaraśmir uvāca; syūmaraśmir ahaṃ brahmañ jijñāsārtham ihāgataḥ; śreyaskāmaḥ pratyavocam ārjavān na vivakṣayā; imaṃ ca saṃśayaṃ ghoraṃ bhagavān prabravītu me

Syūmaraśmi sprach: „Syūmaraśmi bin ich, Brahmane; um zu erforschen, bin ich hierher gekommen. Nach dem Heil verlangend habe ich aufrichtig geantwortet, nicht aus Streitlust. Und diesen furchtbaren Zweifel möge der Erhabene mir erklären.“

Wort für Wort
syūmaraśmiḥ aham brahman
Syūmaraśmi (bin) ich, Brahmane (Nom.; Nom.; Vok.)
jijñāsārtham iha āgataḥ
zum Zweck des Erforschens hierher gekommen (Adv./Akk.; Part.Perf.Pass. Nom.Sg.)
śreyaskāmaḥ pratyavocam
nach dem Heil verlangend antwortete ich (Nom.Sg.; 1.Sg.Aor.)
ārjavāt na vivakṣayā
aus Aufrichtigkeit, nicht aus Redelust/Streitlust (Abl.; Instr.)
imam ca saṃśayam ghoram
und diesen Zweifel, furchtbaren (Akk.Sg.m.)
bhagavān prabravītu me
der Erhabene möge erklären mir (Nom.; Imp.3.Sg.; Dat.)

vivakṣayā: eigentlich ‚aus Redelust/Absicht zu reden‘; hier als ‚Streitlust‘ gedeutet [?].

pratyakṣam iha paśyanto bhavantaḥ satpathe sthitāḥ; kim atra pratyakṣatamaṃ bhavanto yad upāsate; anyatra tarkaśāstrebhya āgamāc ca yathāgamam

„Unmittelbar Wahrnehmbares seht ihr hier, die ihr auf dem guten Pfad steht; was ist hierbei das am meisten Unmittelbare, dem ihr euch widmet – außer den Lehrbüchern der Logik und der Überlieferung, [nämlich] gemäß der Überlieferung?“

Wort für Wort
pratyakṣam iha paśyantaḥ
Unmittelbares hier sehend (Part.Präs. Nom.Pl.)
bhavantaḥ satpathe sthitāḥ
ihr, auf gutem Pfad stehend (Nom.Pl.; Lok.; Part.)
kim atra pratyakṣatamam
was ist hierbei das Unmittelbarste (Nom.Sg.n., Superl.)
bhavantaḥ yat upāsate
ihr, dem ihr euch widmet (Nom.Pl.; Rel.; 3.Pl.Präs.Med.)
anyatra tarkaśāstrebhyaḥ
außer den Lehrbüchern der Logik (Adv.; Abl.Pl.)
āgamāt ca yathāgamam
und von der Überlieferung, gemäß der Überlieferung (Abl.Sg.; Adv.)

Die Sprecherangabe fehlt; die Verse 39–41 setzen wohl die Rede Syūmaraśmis fort. Der Halbvers ‚yathāgamam‘ ist knapp und unsicher gedeutet [?].

āgamo vedavādas tu tarkaśāstrāṇi cāgamaḥ; yathāgamam upāsīta āgamas tatra sidhyati; siddhiḥ pratyakṣarūpā ca dṛśyaty āgamaniścayāt

„Überlieferung (āgama) ist die Veda-Lehre, und die Lehrbücher der Logik [sind] Überlieferung; gemäß der Überlieferung soll man [etwas] verehren, darin gelingt die Überlieferung; und der Erfolg, von wahrnehmbarer Gestalt, wird gesehen aus der Gewissheit der Überlieferung.“

Wort für Wort
āgamaḥ vedavādaḥ tu
Überlieferung ist die Veda-Rede/Veda-Lehre aber (Nom.Sg.m.)
tarkaśāstrāṇi ca āgamaḥ
und die Lehrbücher der Logik [sind] Überlieferung (Nom.Pl.n.; Nom.Sg.)
yathāgamam upāsīta
gemäß der Überlieferung soll man verehren (Adv.; Opt.Med.3.Sg.)
āgamaḥ tatra sidhyati
die Überlieferung gelingt/bewährt sich darin (Nom.; Adv.; 3.Sg.Präs.)
siddhiḥ pratyakṣarūpā ca
und der Erfolg von wahrnehmbarer Gestalt (Nom.Sg.f.)
dṛśyati āgamaniścayāt
wird gesehen aus der Gewissheit der Überlieferung (3.Sg.Pass.; Abl.Sg.)

Der Vers ist knapp und in der Zuordnung von āgama und siddhi nicht sicher [?].

naur nāvīva nibaddhā hi srotasā sanibandhanā; hriyamāṇā kathaṃ vipra kubuddhīṃs tārayiṣyati; etad bravītu bhagavān upapanno 'smy adhīhi bhoḥ

„Wie ein Boot, an ein [anderes] Boot gebunden, samt der Fessel von der Strömung fortgerissen [wird] – wie, Brahmane, wird es die Schlechtgesinnten hinüberführen? Dies möge der Erhabene sagen; ich bin herangetreten, belehre [mich], o Herr.“

Wort für Wort
nauḥ nāvi iva nibaddhā
wie ein Boot an ein Boot gebunden (Nom.Sg.f.; Lok.Sg.f.; Part.Perf.Pass.)
srotasā sanibandhanā
durch die Strömung, samt Fessel (Instr.Sg.; Nom.Sg.f.)
hriyamāṇā katham vipra
fortgerissen werdend, wie, Brahmane (Part.Präs.Pass.; Vok.)
kubuddhīn tārayiṣyati
die Schlechtgesinnten wird hinüberführen (Akk.Pl.; 3.Sg.Fut.Kaus.)
etat bravītu bhagavān
dies möge sagen der Erhabene (Imp.3.Sg.; Nom.)
upapannaḥ asmi adhīhi bhoḥ
herangetreten bin ich, belehre/studiere, o Herr (Part.Perf.; 1.Sg.; Imp.2.Sg.; Vok.)

Das Gleichnis ist knapp; die Bezugnahme (wohl auf die an die Veden Gebundenen) ist unsicher [?].

naiva tyāgī na saṃtuṣṭo nāśoko na nirāmayaḥ; na nirvivitso nāvṛtto nāpavṛtto 'sti kaś cana

„Niemand ist ganz Verzichter, [niemand] zufrieden, [niemand] frei von Kummer, [niemand] frei von Leiden, [niemand] ohne Streben nach Wissen [?], [niemand] zurückgekehrt, [niemand] abgewendet.“

Wort für Wort
na eva tyāgī na saṃtuṣṭaḥ
nicht ist ganz ein Verzichter, nicht zufrieden (Nom.Sg.m.; Part.Perf.)
na aśokaḥ na nirāmayaḥ
nicht kummerfrei, nicht leidfrei (Nom.Sg.m.)
na nirvivitsaḥ
nicht ohne Verlangen/Wissbegier [?] (Nom.Sg.m.)
na āvṛttaḥ na apavṛttaḥ
nicht zurückgekehrt, nicht abgewendet [?] (Part.Perf.Pass. Nom.Sg.m.)
asti kaḥ cana
ist irgendwer (3.Sg.Präs.; Indef.)

nirvivitsa, āvṛtta und apavṛtta sind hier nicht sicher wiedergegeben [?].

bhavanto 'pi ca hṛṣyanti śocanti ca yathā vayam; indriyārthāś ca bhavatāṃ samānāḥ sarvajantuṣu

„Auch ihr freut euch und trauert, wie wir; und eure Sinnesobjekte sind bei allen Lebewesen gleich.“

Wort für Wort
bhavantaḥ api ca hṛṣyanti
auch ihr freut euch (Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.)
śocanti ca yathā vayam
und trauert, wie wir (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)
indriyārthāḥ ca bhavatām
und die Sinnesobjekte euer (Nom.Pl.; Gen.Pl.)
samānāḥ sarvajantuṣu
gleich bei allen Lebewesen (Nom.Pl.; Lok.Pl.)

evaṃ caturṇāṃ varṇānām āśramāṇāṃ pravṛttiṣu; ekam ālambamānānāṃ nirṇaye kiṃ nirāmayam

„So [ist es] bei den Betätigungen der vier Stände und Lebensstadien; für diejenigen, die sich [jeweils] an das Eine halten – was ist bei der Entscheidung das Leidfreie?“

Wort für Wort
evam caturṇām varṇānām
so der vier Stände (Gen.Pl.)
āśramāṇām pravṛttiṣu
der Lebensstadien, bei den Betätigungen (Gen.Pl.; Lok.Pl.)
ekam ālambamānānām
die sich an das Eine halten (Akk.Sg.; Part.Präs.Med. Gen.Pl.)
nirṇaye kim nirāmayam
bei der Entscheidung was [ist] das Leidfreie/Heilsame (Lok.Sg.; Nom.Sg.n.)

kapila uvāca; yad yad ācarate śāstram atha sarvapravṛttiṣu; yasya yatra hy anuṣṭhānaṃ tatra tatra nirāmayam

Kapila sprach: „Welche Lehre man auch bei allen Betätigungen übt – wessen Ausübung wo [ist], dort jeweils ist das Leidfreie.“

Wort für Wort
kapilaḥ uvāca
Kapila sprach (3.Sg.Perf.)
yat yat ācarate śāstram
welche Lehre auch immer man befolgt (Rel.; 3.Sg.Präs.Med.; Akk.Sg.n.)
atha sarvapravṛttiṣu
dann/nun bei allen Betätigungen (Lok.Pl.)
yasya yatra hi anuṣṭhānam
wessen wo ja die Ausübung (Gen.Sg.; Adv.; Nom.Sg.n.)
tatra tatra nirāmayam
dort jeweils das Leidfreie (Adv.; Nom.Sg.n.)

Der Vers ist knapp; ‚śāstram ācarate‘ und ‚anuṣṭhāna‘ sind sinngemäß wiedergegeben [?].

sarvaṃ pāvayate jñānaṃ yo jñānaṃ hy anuvartate; jñānād apetya yā vṛttiḥ sā vināśayati prajāḥ

„Alles läutert das Wissen, für den, der dem Wissen folgt; ein Handeln aber, das sich vom Wissen entfernt, richtet die Geschöpfe zugrunde.“

Wort für Wort
sarvam pāvayate jñānam
alles reinigt das Wissen (Akk.Sg.n.; 3.Sg.Präs.Kaus.; Nom.Sg.n.)
yaḥ jñānam hi anuvartate
wer dem Wissen folgt (Rel.; Akk.; 3.Sg.Präs.Med.)
jñānāt apetya
vom Wissen abgewichen (Abl.Sg.; Abs.)
yā vṛttiḥ sā vināśayati prajāḥ
welches Verhalten, das vernichtet die Geschöpfe (Rel.f.; Nom.Sg.; 3.Sg.Kaus.; Akk.Pl.)

bhavanto jñānino nityaṃ sarvataś ca nirāgamāḥ; aikātmyaṃ nāma kaś cid dhi kadā cid abhipadyate

„Ihr seid stets Wissende und allseits ohne Überlieferung; die Einheit des Selbst erlangt ja nur mancher irgendwann.“

Wort für Wort
bhavantaḥ jñāninaḥ nityam
ihr [seid] Wissende immer (Nom.Pl.; Adv.)
sarvataḥ ca nirāgamāḥ
und allseits ohne Überlieferung (Adv.; Nom.Pl.)
aikātmyam nāma
Einheit des Selbst, wahrlich/genannt (Akk.Sg.n.; Part.)
kaḥ cit hi kadā cit
irgendeiner ja irgendwann (Nom.Sg.; Adv.)
abhipadyate
erlangt (3.Sg.Präs.Med.)

Der Sinn von ‚nirāgamāḥ‘ und ‚aikātmya‘ in diesem Zusammenhang ist unsicher [?].

śāstraṃ hy abuddhvā tattvena ke cid vādabalā janāḥ; kāmadveṣābhibhūtatvād ahaṃkāravaśaṃ gatāḥ

„Denn manche Leute, die das Lehrbuch nicht der Wahrheit nach erfasst haben, stark im Wortstreit, sind, von Begierde und Hass überwältigt, der Herrschaft der Ichsucht verfallen.“

Wort für Wort
śāstram hi abuddhvā tattvena
denn das Lehrbuch nicht erfasst habend der Wahrheit nach (Akk.; Abs.; Instr.)
ke cit vādabalāḥ janāḥ
manche Leute, stark im Wortstreit (Nom.Pl.; Nom.Pl.)
kāmadveṣābhibhūtatvāt
wegen der Überwältigung durch Begierde und Hass (Abl.Sg.)
ahaṃkāravaśam gatāḥ
in die Gewalt der Ichsucht geraten (Akk.Sg.; Part.Perf. Nom.Pl.)

yāthātathyam avijñāya śāstrāṇāṃ śāstradasyavaḥ; brahmastenā nirārambhā apakvamatayo 'śivāḥ

„Ohne die Wirklichkeit der Lehrbücher zu kennen, [sind sie] Räuber der Lehrbücher, Brahman-Diebe, ohne Unternehmen, unreifen Verstandes, unheilvoll.“

Wort für Wort
yāthātathyam avijñāya
die Wirklichkeit/Wahrheit nicht erkannt habend (Akk.Sg.n.; Abs.)
śāstrāṇām śāstradasyavaḥ
der Lehrbücher Räuber der Lehre (Gen.Pl.; Nom.Pl.)
brahmastenāḥ nirārambhāḥ
Diebe des Brahman/Veda, ohne Unternehmung (Nom.Pl.)
apakvamatayaḥ aśivāḥ
unreifen Verstandes, unheilvoll (Nom.Pl.)

vaiguṇyam eva paśyanti na guṇān anuyuñjate; teṣāṃ tamaḥśarīrāṇāṃ tama eva parāyaṇam

„Nur Mängel sehen sie, die Vorzüge beachten sie nicht. Diesen, deren Leib Finsternis ist, ist Finsternis das höchste Ziel.“

Wort für Wort
vaiguṇyam eva paśyanti
nur Mangelhaftigkeit sehen sie (Akk.Sg.n.; 3.Pl.Präs.)
na guṇān anuyuñjate
nicht die Vorzüge beachten sie (Akk.Pl.; 3.Pl.Präs.Med.)
teṣām tamaḥśarīrāṇām
von diesen, deren Leib Finsternis ist (Gen.Pl.)
tamaḥ eva parāyaṇam
Finsternis nur [ist] die letzte Zuflucht/das Ziel (Nom.Sg.n.)

yo yathāprakṛtir jantuḥ prakṛteḥ syād vaśānugaḥ; tasya dveṣaś ca kāmaś ca krodho dambho 'nṛtaṃ madaḥ; nityam evābhivartante guṇāḥ prakṛtisaṃbhavāḥ

„Welches Geschöpf auch immer, seiner Natur gemäß, der Natur untertan ist – bei ihm treten stets Hass und Begierde, Zorn, Heuchelei, Unwahrheit und Rausch auf: die aus der Natur entstandenen Eigenschaften.“

Wort für Wort
yaḥ yathāprakṛtiḥ jantuḥ
welches Geschöpf, seiner Natur entsprechend (Nom.Sg.m.)
prakṛteḥ syāt vaśānugaḥ
der Natur, sei er, der Gewalt folgend (Gen./Abl.; Opt.3.Sg.; Nom.Sg.)
tasya dveṣaḥ ca kāmaḥ ca
bei ihm Hass und Begierde (Gen.Sg.; Nom.Sg.)
krodhaḥ dambhaḥ anṛtam madaḥ
Zorn, Heuchelei, Unwahrheit, Rausch (Nom.Sg.)
nityam eva abhivartante
stets treten auf/wirken (Adv.; 3.Pl.Präs.Med.)
guṇāḥ prakṛtisaṃbhavāḥ
die Eigenschaften, aus der Natur entstanden (Nom.Pl.)

etad buddhyānupaśyantaḥ saṃtyajeyuḥ śubhāśubham; parāṃ gatim abhīpsanto yatayaḥ saṃyame ratāḥ

„Dies mit dem Verstand erkennend, sollen die Asketen, die die höchste Bahn ersehnen und an der Zügelung Freude haben, Gutes und Schlechtes aufgeben.“

Wort für Wort
etat buddhyā anupaśyantaḥ
dies mit dem Verstand erkennend (Akk.; Instr.; Part.Präs. Nom.Pl.)
saṃtyajeyuḥ śubhāśubham
sollen aufgeben Gutes und Schlechtes (Opt.3.Pl.; Akk.Sg.n.)
parām gatim abhīpsantaḥ
die höchste Bahn ersehnend (Akk.Sg.f.; Part.Präs.Desid.)
yatayaḥ saṃyame ratāḥ
Asketen, an Zügelung sich erfreuend (Nom.Pl.; Lok.Sg.; Part.)

yataḥ svarūpataś cānyo jātitaḥ śrutito 'rthataḥ; katham asmin sa ity eva saṃbandhaḥ syād asaṃhitaḥ

„Da [jemand] nach Wesensform, Geburt, Überlieferung und Sinn ein anderer ist – wie könnte dann bei diesem [die Aussage] ‚er ist es‘ eine Beziehung sein, [die] unverbunden [ist]?“

Wort für Wort
yataḥ svarūpataḥ ca anyaḥ
da nach Wesensform und verschieden (Abl.-Adv.; Nom.Sg.m.)
jātitaḥ śrutitaḥ arthataḥ
nach Geburt, nach Überlieferung, nach Sinn (Abl.-Adv.)
katham asmin saḥ iti eva
wie bei diesem ‚er‘ eben so (Adv.; Lok.Sg.; Pron.)
saṃbandhaḥ syāt asaṃhitaḥ
Beziehung wäre, unverbunden (Nom.Sg.; Opt.3.Sg.; Nom.Sg.m.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Text und Bezug sind unklar (was mit sa/asmin gemeint ist), Übersetzung unsicher [?].

syūmaraśmir uvāca; sarvam etan mayā brahmañ śāstrataḥ parikīrtitam; na hy avijñāya śātrārthaṃ pravartante pravṛttayaḥ

Syūmaraśmi sprach: „Alles dies, Brahmane, habe ich nach dem Lehrbuch dargelegt; denn ohne den Sinn der Lehre zu kennen, setzen die Betätigungen nicht ein.“

Wort für Wort
syūmaraśmiḥ uvāca
Syūmaraśmi sprach (3.Sg.Perf.)
sarvam etat mayā brahman
alles dies von mir, Brahmane (Nom.Sg.n.; Instr.; Vok.)
śāstrataḥ parikīrtitam
aus dem Lehrbuch/nach der Lehre dargelegt (Adv.; Part.Perf.Pass.)
na hi avijñāya śāstrārtham
denn nicht, ohne erkannt zu haben den Sinn der Lehre (Abs.; Akk.)
pravartante pravṛttayaḥ
setzen ein die Betätigungen (3.Pl.Präs.Med.; Nom.Pl.)

śātrārtham ist Schreibung für śāstrārtham.

yaḥ kaś cin nyāyya ācāraḥ sarvaṃ śāstram iti śrutiḥ; yad anyāyyam aśāstraṃ tad ity eṣā śrūyate śrutiḥ

„Was immer rechtes Verhalten ist, [das ist] alles Śāstra – so die Überlieferung; was unrecht ist, ist Nicht-Śāstra – so wird diese Überlieferung gehört.“

Wort für Wort
yaḥ kaḥ cit nyāyyaḥ ācāraḥ
welches auch immer rechtmäßige Verhalten (Nom.Sg.m.)
sarvam śāstram iti śrutiḥ
alles Lehrbuch/Lehre, so die Überlieferung (Nom.Sg.n.; Nom.Sg.f.)
yat anyāyyam aśāstram
was unrechtmäßig, Nicht-Lehre (Rel.; Nom.Sg.n.)
tat iti eṣā śrūyate śrutiḥ
das, so wird diese Überlieferung gehört (3.Sg.Pass.; Nom.Sg.f.)

na pravṛttir ṛte śāstrāt kā cid astīti niścayaḥ; yad anyad vedavādebhyas tad aśāstram iti śrutiḥ

„Kein Handeln gibt es ohne das Śāstra – das ist die Gewissheit; was anders ist als die Veda-Aussagen, das ist Nicht-Śāstra, so die Überlieferung.“

Wort für Wort
na pravṛttiḥ ṛte śāstrāt
kein Handeln außer aufgrund des Lehrbuchs (Nom.Sg.f.; Präp.; Abl.)
kā cit asti iti niścayaḥ
irgendeines gibt es, so [lautet] die Gewissheit (Nom.Sg.f.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.m.)
yat anyat vedavādebhyaḥ
was anders als die Veda-Aussagen (Nom.Sg.n.; Abl.Pl.)
tat aśāstram iti śrutiḥ
das [ist] Nicht-Lehre, so die Überlieferung (Nom.Sg.n.; Nom.Sg.f.)

śāstrād apetaṃ paśyanti bahavo vyaktamāninaḥ; śāstradoṣān na paśyanti iha cāmutra cāpare

„Viele, die sich für Offenkundig-Wissende halten, sehen [etwas] als vom Śāstra abweichend an; die Fehler [dieser Abweichung] vom Śāstra sehen andere nicht, hier und im Jenseits.“

Wort für Wort
śāstrāt apetam paśyanti
vom Lehrbuch abgewichen sehen sie an (Abl.; Part.Perf. Akk.Sg.n.; 3.Pl.Präs.)
bahavaḥ vyaktamāninaḥ
viele, sich für Offenkundig-Wissende haltend (Nom.Pl.)
śāstradoṣān na paśyanti
die Fehler zum Lehrbuch nicht sehen sie (Akk.Pl.; 3.Pl.Präs.)
iha ca amutra ca apare
hier und drüben, andere (Adv.; Adv.; Nom.Pl.)

Die Zuordnung von śāstradoṣān ist knapp; sinngemäß gedeutet [?].

indriyārthāś ca bhavatāṃ samānāḥ sarvajantuṣu; evaṃ caturṇāṃ varṇānām āśramāṇāṃ pravṛttiṣu; evam ālambamānānāṃ nirṇaye sarvatodiśam

„Und eure Sinnesobjekte sind bei allen Lebewesen gleich; so bei den Betätigungen der vier Stände und Lebensstadien; so bei denen, die sich [daran] halten, bei der Entscheidung, nach allen Richtungen.“

Wort für Wort
indriyārthāḥ ca bhavatām
und die Sinnesobjekte euer (Nom.Pl.; Gen.Pl.)
samānāḥ sarvajantuṣu
gleich bei allen Lebewesen (Nom.Pl.; Lok.Pl.)
evam caturṇām varṇānām
so der vier Stände (Gen.Pl.)
āśramāṇām pravṛttiṣu
der Lebensstadien, bei den Betätigungen (Gen.Pl.; Lok.Pl.)
evam ālambamānānām
so bei denen, die sich halten (Part.Präs.Med. Gen.Pl.)
nirṇaye sarvatodiśam
bei der Entscheidung, nach allen Richtungen (Lok.Sg.; Adv.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage, die die Verse 43–44 in Teilen wiederholt; Satzbau unvollständig.

avijñānahataprajñā hīnaprajñās tamovṛtāḥ

[Sie sind] durch Nichtwissen um ihre Einsicht gebracht, von geringer Einsicht, von Finsternis umhüllt.

Wort für Wort
avijñānahataprajñāḥ
durch Nichtwissen um die Einsicht gebracht (Nom.Pl.)
hīnaprajñāḥ
von geringer Einsicht (Nom.Pl.)
tamovṛtāḥ
von Finsternis umhüllt (Part.Perf.Pass. Nom.Pl.)

Fortsetzung von Vers 57 (Bezug auf ‚bahavaḥ‘).

śakyaṃ tv ekena muktena kṛtakṛtyena sarvaśaḥ; piṇḍamātraṃ vyapāśritya carituṃ sarvatodiśam

„Möglich aber ist es für einen Einzigen, der befreit ist, der in jeder Hinsicht das Zu-Tuende getan hat, sich auf bloße Almosenspeise stützend, nach allen Richtungen umherzuziehen –“

Wort für Wort
śakyam tu ekena muktena
möglich aber für einen, befreit (Nom.Sg.n.; Instr.Sg.m.; Part.Perf.Pass.)
kṛtakṛtyena sarvaśaḥ
der das Zu-Tuende getan hat, in jeder Hinsicht (Instr.Sg.m.; Adv.)
piṇḍamātram vyapāśritya
bloße Speisegabe/Bissen sich stützend (Akk.Sg.n.; Abs.)
carītum sarvatodiśam
umherzuziehen nach allen Richtungen (Inf.; Adv.)

Der Satz setzt sich in den folgenden Einheiten fort.

ānantyaṃ vadamānena śaktena vijitātmanā

[von einem,] der Endlosigkeit verkündet, der fähig ist, mit besiegtem Selbst –

Wort für Wort
ānantyam vadamānena
Endlosigkeit/Unendlichkeit verkündend (Akk.Sg.n.; Part.Präs. Instr.Sg.)
śaktena vijitātmanā
fähig, mit besiegtem Selbst (Instr.Sg.m.; Instr.Sg.m.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Satzteil, der auf Vers 60 bezogen ist [Anm.: Fortsetzung/Satz abgebrochen]. ānantyam ist unsicher wiedergegeben [?].

vedavādaṃ vyapāśritya mokṣo 'stīti prabhāṣitum

sich auf die Veda-Lehre stützend zu verkünden: „Es gibt Erlösung.“

Wort für Wort
vedavādam vyapāśritya
sich auf die Veda-Lehre stützend (Akk.Sg.m.; Abs.)
mokṣaḥ asti iti
Erlösung gibt es, so (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.; Zitatpartikel)
prabhāṣitum
zu verkünden (Inf.)

Fortsetzung von Vers 60 (abhängig von ‚śakyam‘): ‚möglich ist es …, zu verkünden‘.

apetanyāyaśāstreṇa sarvalokavigarhiṇā

[durch einen,] der von Recht und Lehre abgewichen ist, von aller Welt getadelt –

Wort für Wort
apetanyāyaśāstreṇa
von Recht und Lehre abgewichen (Instr.Sg.m., Kompositum)
sarvalokavigarhiṇā
von aller Welt getadelt/tadelnswert (Instr.Sg.m.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Satzteil, der an die vorigen Einheiten anschließt [Anm.: Fortsetzung/Satz abgebrochen].

idaṃ tu duṣkaraṃ karma kuṭumbam abhisaṃśritam; dānam adhyayanaṃ yajñaḥ prajāsaṃtānam ārjavam

„Dies aber ist ein schwieriges Werk, das sich auf den Hausstand stützt: Gabe, Studium, Opfer, Nachkommenschaft, Aufrichtigkeit.“

Wort für Wort
idam tu duṣkaram karma
dies aber schwer zu tuendes Werk (Nom.Sg.n.; Nom.Sg.n.)
kuṭumbam abhisaṃśritam
den Hausstand/die Familie zur Grundlage habend (Akk.Sg.n.; Part.Perf.Pass. Nom.Sg.n.)
dānam adhyayanam yajñaḥ
Gabe, Studium, Opfer (Nom.Sg.)
prajāsaṃtānam ārjavam
Fortsetzung der Nachkommenschaft, Aufrichtigkeit (Nom.Sg.n.)

yady etad evaṃ kṛtvāpi na vimokṣo 'sti kasya cit; dhik kartāraṃ ca kāryaṃ ca śramaś cāyaṃ nirarthakaḥ

„Wenn es, dies so getan, dennoch für niemanden Erlösung gibt – Schande über den Täter und das Werk, und diese Mühe ist nutzlos.“

Wort für Wort
yadi etat evam kṛtvā api
wenn dies so getan habend dennoch (Konj.; Akk.; Abs.)
na vimokṣaḥ asti kasya cit
nicht Erlösung gibt es für irgendwen (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.; Gen.Sg.)
dhik kartāram ca kāryam ca
Schande über den Täter und das Werk (Akk.Sg.; Akk.Sg.n.)
śramaḥ ca ayam nirarthakaḥ
und diese Mühe nutzlos (Nom.Sg.m.)

nāstikyam anyathā ca syād vedānāṃ pṛṣṭhataḥkriyā; etasyānantyam icchāmi bhagavañ śrotum añjasā

„Nichtglaube würde sonst entstehen, und ein Handeln, das den Veden den Rücken kehrt. Dessen Endlosigkeit [?] möchte ich, Erhabener, geradeheraus hören.“

Wort für Wort
nāstikyam anyathā ca syāt
Nichtglaube sonst und würde sein (Nom.Sg.n.; Adv.; Opt.3.Sg.)
vedānām pṛṣṭhataḥkriyā
das Handeln im Rücken der Veden (Gen.Pl.; Nom.Sg.f.)
etasya ānantyam icchāmi
dessen Endlosigkeit wünsche ich (Gen.Sg.; Akk.Sg.n.; 1.Sg.Präs.)
bhagavan śrotum añjasā
Erhabener, zu hören, geradeheraus (Vok.; Inf.; Adv.)

etasyānantyam ist unsicher (‚dessen Endlosigkeit‘, vielleicht ‚die unbegrenzte Geltung dieser Lehre‘) [?].

tathyaṃ vadasva me brahmann upasanno 'smy adhīhi bhoḥ; yathā te vidito mokṣas tathecchāmy upaśikṣitum

„Sage mir die Wahrheit, Brahmane; ich bin herangetreten, belehre [mich], o Herr; wie dir die Erlösung bekannt ist, so möchte ich sie von dir lernen.“

Wort für Wort
tathyam vadasva me brahman
Wahres sprich zu mir, Brahmane (Akk.Sg.n.; Imp.Med.2.Sg.; Dat.; Vok.)
upasannaḥ asmi adhīhi bhoḥ
herangetreten bin ich, belehre, o Herr (Part.Perf.; 1.Sg.; Imp.2.Sg.; Vok.)
yathā te viditaḥ mokṣaḥ
wie dir bekannt die Erlösung (Dat./Gen.; Part.Perf.Pass.; Nom.Sg.)
tathā icchāmi upaśikṣitum
so wünsche ich zu lernen (Adv.; 1.Sg.Präs.; Inf.)

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