Kapitel 261: kapilasyūmaraśmisaṃvādaḥ – gārhasthyamokṣavicāraḥ
Kapila und Syūmaraśmi: Hausstand, Veda-Autorität und Weg zur Erlösung
Im Gespräch zwischen dem Weisen Kapila und Syūmaraśmi wird gestritten, ob der Hausstand mit seinen vedischen Pflichten oder die Entsagung zur Erlösung führt; Kapila betont die Wächterschaft über die vier Tore des Menschen, Syūmaraśmi das Gewicht der Schrift (śāstra).
Kapila sprach: „Nur dies [allein] im Blick, gehen die Asketen, auf dem Pfad Wandelnde, [ihren Weg]; bei ihnen gibt es in allen Welten keinerlei Übertretung.“
Wort für Wort
kapila uvāca
Kapila sprach (Perf.)
etāvad anupaśyantaḥ
nur dies erblickend (Part. Präs., Nom. Pl.)
yatayo yānti
die Asketen gehen (Nom. Pl./3.Pl.Präs.)
mārgagāḥ
auf dem Pfad Wandelnde (Nom. Pl.)
na eṣāṃ sarveṣu lokeṣu
nicht [gibt es] bei ihnen in allen Welten (Gen./Lok. Pl.)
Frei von den Gegensatzpaaren, ohne Ehrfurchtsgruß, ohne die Fessel von Segenswünschen, die Weisen, von allen Sünden befreit, wandeln rein und makellos.
Wort für Wort
nirdvaṃdvā
frei von den Gegensatzpaaren (Nom. Pl.)
nirnamaskārā
ohne Ehrfurchtsgruß (Nom. Pl.)
nirāśīrbandhanā
ohne Fessel der Segenswünsche/Wünsche (Nom. Pl.)
budhāḥ
die Weisen (Nom. Pl.)
vimuktāḥ sarvapāpebhyaḥ
befreit von allen Sünden (Part. Perf. Pass., Nom. Pl./Abl. Pl.)
apavarge 'tha saṃtyāge buddhau ca kṛtaniścayāḥ; brahmiṣṭhā brahmabhūtāś ca brahmaṇy eva kṛtālayāḥ
Zur Erlösung, zum Verzicht und zur Erkenntnis haben sie den Entschluss gefasst; im Brahman Gegründete, zu Brahman Gewordene, im Brahman selbst ihre Wohnstatt Genommene.
Wort für Wort
apavarge 'tha saṃtyāge
in der Erlösung und im Verzicht (Lok. Sg.)
buddhau ca
und in der Erkenntnis (Lok. Sg.)
kṛtaniścayāḥ
Entschluss gefasst habend (Nom. Pl., Bahuvrīhi)
brahmiṣṭhā
im Brahman fest Stehende (Nom. Pl.)
brahmabhūtāś ca
und zu Brahman Gewordene (Nom. Pl.)
brahmaṇy eva kṛtālayāḥ
im Brahman selbst die Wohnstatt genommen habend (Lok. Sg./Nom. Pl.)
Syūmaraśmi sprach: „Wenn dies die höchste Vollendung ist, wenn dies das höchste Ziel ist – [so gilt:] ohne sich auf die Hausherren zu stützen, kommt kein anderer Lebensabschnitt zustande.
Wort für Wort
syūmaraśmir uvāca
Syūmaraśmi sprach (Perf.)
yady eṣā paramā niṣṭhā
wenn dies die höchste Vollendung [ist] (Nom. Sg. f.)
yady eṣā paramā gatiḥ
wenn dies das höchste Ziel [ist] (Nom. Sg. f.)
gṛhasthān avyapāśritya
ohne sich auf die Hausherren zu stützen (Akk. Pl./Abs. mit a-)
na āśramo 'nyaḥ pravartate
kein anderer Lebensabschnitt kommt in Gang (Nom. Sg./3.Sg.Präs.)
„Gäbe es jene Pflanzen draußen und viele Wälder ebenso, o Zweimalgeborener – da es außerhalb der Pflanzen kein Lebewesen gibt –: wessen Rede könnte wahr sein: ‚Vom Haus aus gibt es keine Erlösung‘?“[?]
Wort für Wort
yās tāḥ syur bahir oṣadhyaḥ
jene Pflanzen, die es draußen gäbe (Nom. Pl. f./Opt.)
bahv araṇyās tathā dvija
und viele Wälder ebenso, o Zweimalgeborener (Nom. Pl./Vok. Sg.)
oṣadhibhyo bahir yasmāt
da außerhalb der Pflanzen (Abl. Pl.)
prāṇī kaś cin na vidyate
kein Lebewesen sich findet (Nom. Sg./3.Sg.Präs. Pass.)
kasya eṣā vāg bhavet satyā
wessen diese Rede wäre wahr (Gen. Sg./Opt.)
mokṣo nāsti gṛhād iti
„Erlösung gibt es nicht vom Haus aus“, so (Abl. Sg.)
Von Ungläubigen, Unweisen, des feinen Blicks Entbehrenden, Hoffnungslosen, Trägen, Erschöpften, durch ihre eigenen Taten Gequälten – bei ihnen wird von den Gelehrten das Ende der Mühe, ‚Pravrajyā‘ [Hinauswandern] genannt, gesehen.[?]
Wort für Wort
aśraddadhānair aprājñaiḥ
von Ungläubigen, Unweisen (Instr. Pl.)
sūkṣmadarśanavarjitaiḥ
des feinen Blicks beraubt (Instr. Pl.)
nirāśair alasaiḥ śrāntaiḥ
hoffnungslos, träge, erschöpft (Instr. Pl.)
tapyamānaiḥ svakarmabhiḥ
gequält von den eigenen Taten (Part. Präs. Pass., Instr. Pl.)
śramasya uparamo dṛṣṭaḥ
der Mühe Aufhören gesehen (Gen. Sg./Nom. Sg./Part. Perf. Pass.)
pravrajyā nāma paṇḍitaiḥ
‚Pravrajyā‘ genannt, von den Gelehrten (Nom. Sg./Instr. Pl.)
Schon vor der Empfängnis kommen bei den Zweimalgeborenen Mantras zur Anwendung; sie werden ohne Zweifel bei [Dingen] ohne Vertrauen wie bei solchen mit Vertrauen angewandt.[?]
Wort für Wort
prāg garbhādhānāt
vor der Empfängnis (Abl. Sg.)
mantrā hi pravartante
Mantras werden ja angewandt (Nom. Pl./3.Pl.Präs. Med.)
dvijātiṣu
bei den Zweimalgeborenen (Lok. Pl.)
aviśrambheṣu vartante
bei Vertrauenslosem/Unvertrautem bestehen sie (Lok. Pl./3.Pl.Präs.)
Ferner Verbrennung beim [Anlegen/Bestatten][?]; nach dem Tod das Mahl aus der Schale; die Gabe von Kühen oder Tieren und das Eintauchen der Klöße ins Wasser.
Wort für Wort
dāhaḥ punaḥ
Verbrennung wiederum (Nom. Sg.)
saṃśrayaṇe saṃsthite
beim Anschluss/Bestatten [?], wenn [jemand] gestorben ist (Lok. Sg./Part. Lok.)
pātrabhojanam
Speisen aus der Schale (Nom. Sg.)
dānaṃ gavāṃ paśūnāṃ vā
Gabe von Kühen oder Tieren (Nom. Sg./Gen. Pl.)
piṇḍānāṃ ca apsu majjanam
der Klöße Eintauchen ins Wasser (Gen. Pl./Lok. Pl.)
Die glanzvollen, auf dem Opferstreu sitzenden, fleischverzehrenden Väter werden [so] überliefert; auch dem Toten stimmen sie zu, [und] Mantras – Mantras sind der Grund.[?]
Wort für Wort
arciṣmanto barhiṣadaḥ
die glanzvollen, auf dem Streu sitzenden (Nom. Pl.)
kravyādāḥ pitaraḥ smṛtāḥ
fleischverzehrend, die Väter, überliefert (Nom. Pl./Part. Perf. Pass.)
mṛtasya api anumanyante
auch des Toten stimmen zu (Gen. Sg./3.Pl.Präs. Med.)
mantrā mantrāś ca kāraṇam
Mantras, und Mantras [sind] der Grund (Nom. Pl./Nom. Sg.)
Wenn die Veden so [laut] rufen, woher gäbe es Erlösung für irgendjemanden? Denn die Sterblichen sind Schuldner gegenüber Vätern, Göttern und Zweimalgeborenen.
Wort für Wort
evaṃ krośatsu vedeṣu
wenn die Veden so rufen (Lok. abs. Pl.)
kuto mokṣo 'sti kasya cit
woher gibt es Erlösung für irgendwen (Nom. Sg./3.Sg.Präs./Gen. Sg.)
ṛṇavanto yadā martyāḥ
da die Sterblichen Schuldner sind (Nom. Pl.)
pitṛdevadvijātiṣu
gegenüber Vätern, Göttern, Zweimalgeborenen (Lok. Pl.)
na vai pāpair hriyate kṛṣyate vā; yo brāhmaṇo yajate vedaśāstraiḥ; ūrdhvaṃ yajñaḥ paśubhiḥ sārdham eti; saṃtarpitas tarpayate ca kāmaiḥ
Nicht wird von Sünden fortgerissen oder gezogen der Brāhmaṇa, der mit den Veda-Lehren opfert; aufwärts geht das Opfer samt den Opfertieren; gesättigt sättigt er [seinerseits] mit Wunscherfüllungen.
Wort für Wort
na vai pāpair hriyate kṛṣyate vā
nicht wird von Sünden fortgetragen oder gezogen (Instr. Pl./3.Sg.Präs. Pass.)
yo brāhmaṇo yajate vedaśāstraiḥ
der Brāhmaṇa, der opfert mit Veda-Vorschriften (Nom. Sg./3.Sg.Präs. Med./Instr. Pl.)
ūrdhvaṃ yajñaḥ paśubhiḥ sārdham eti
aufwärts geht das Opfer mit den Tieren (Adv./Nom. Sg./Instr. Pl./3.Sg.Präs.)
saṃtarpitas tarpayate ca kāmaiḥ
gesättigt sättigt er mit Wünschen (Part. Pass./3.Sg.Kaus./Instr. Pl.)
Vier Tore hat der Mensch, vier Münder; auf vierfache Weise kommt Tadel über ihn: von den beiden Armen, von der Rede, vom Bauch, vom Geschlechtsteil. Deren Tor möge er [als] Torwächter zu sein trachten.
Wort für Wort
caturdvāraṃ puruṣaṃ caturmukham
den Menschen mit vier Toren, vier Mündern (Akk. Sg.)
caturdhā ca enam upayāti nindā
und vierfach naht ihm der Tadel (Adv./Akk. Sg./3.Sg.Präs./Nom. Sg.)
bāhubhyāṃ vāca udarād upasthāt
von den Armen, von der Rede, vom Bauch, vom Geschlechtsteil (Abl. Du./Abl. Sg.)
teṣāṃ dvāraṃ dvārapālo bubhūṣet
deren Tor möge Torwächter zu sein wünschen (Gen. Pl./Akk. Sg./Nom. Sg./Desid.Opt.)
nākṣair dīvyen nādadītānyavittaṃ; na vāyonīyasya śṛtaṃ pragṛhṇet; kruddho na caiva prahareta dhīmāṃs; tathāsya tat pāṇipādaṃ suguptam
Nicht soll er mit Würfeln spielen, nicht fremdes Gut nehmen; nicht Gekochtes von [einem niedrig Geborenen][?] annehmen; der Weise soll nicht zornig zuschlagen – so sind ihm Hand und Fuß wohlbehütet.
Wort für Wort
na akṣair dīvyet
nicht soll er mit Würfeln spielen (Instr. Pl./Opt.)
na ādadīta anyavittam
nicht nehme er fremdes Gut (Opt. Med./Akk. Sg.)
na vāyonīyasya śṛtaṃ pragṛhṇet
nicht Gekochtes von [dem] Vāyonīya [?] annehmen (Gen. Sg./Akk. Sg./Opt.)
kruddho na ca eva prahareta dhīmān
zornig soll der Weise nicht schlagen (Part./Opt./Nom. Sg.)
tathā asya tat pāṇipādaṃ suguptam
so ist ihm dies, Hand und Fuß, wohlbehütet (Nom. Sg. n.)
nākrośam archen na mṛṣā vadec ca; na paiśunaṃ janavādaṃ ca kuryāt; satyavrato mitabhāṣo 'pramattas; tathāsya vāgdvāram atho suguptam
Nicht soll er Schmähung üben[?], nicht lügen, nicht Verleumdung und Gerede der Leute betreiben; dem Wahrheitsgelübde treu, maßvoll redend, unachtsam nie – so ist ihm das Tor der Rede wohlbehütet.
Wort für Wort
na ākrośam archet
nicht soll er Beschimpfung [ausüben?] (Akk. Sg./Opt.)
na mṛṣā vadet ca
und nicht lügen (Adv./Opt.)
na paiśunaṃ janavādaṃ ca kuryāt
nicht Verleumdung und Leutegerede betreiben (Akk. Sg./Opt.)
satyavrato mitabhāṣo 'pramattaḥ
wahrhaft im Gelübde, maßvoll redend, achtsam (Nom. Sg.)
tathā asya vāgdvāram atho suguptam
so ist ihm das Rede-Tor dann wohlbehütet (Nom. Sg.)
Weder soll er ohne Nahrung sein noch ein großer Esser; nicht gierig, [nur mit dem], was ihm von Guten zukommt[?]; zum Unterhalt nehme er hier Nahrung zu sich – so ist die Behütung des Bauch-Tores.
Wort für Wort
na anaśanaḥ syāt na mahāśanaḥ syāt
nicht Nichtesser, nicht Vielesser sei er (Nom. Sg./Opt.)
alolupaḥ
nicht gierig (Nom. Sg.)
sādhubhir āgataḥ syāt
von Guten Gekommenes [annehmend] sei er (Instr. Pl./Part. Perf.)
yātrārtham āhāram iha ādadīta
zum Lebensunterhalt nehme er hier Nahrung (Akk. Sg./Opt. Med.)
na vīrapatnīṃ vihareta nārīṃ; na cāpi nārīm anṛtāv āhvayīta; bhāryāvrataṃ hy ātmani dhārayīta; tathāsyopasthadvāraguptir bhaveta
Nicht soll er der Frau eines Helden nahen, noch eine Frau zur Unzeit herbeirufen; das Gelübde gegenüber der Ehefrau halte er in sich – so wäre ihm das Geschlechts-Tor behütet.
Wort für Wort
na vīrapatnīṃ vihareta nārīm
nicht soll er mit der Frau eines Helden verkehren (Akk. Sg./Opt.)
na ca api nārīm anṛtau āhvayīta
noch eine Frau außerhalb der Zeit herbeirufen (Akk. Sg./Lok. Sg./Opt. Med.)
bhāryāvrataṃ hi ātmani dhārayīta
das Gelübde der Ehefrau trage er in sich (Akk. Sg./Lok. Sg./Opt. Med.)
tathā asya upasthadvāraguptir bhaveta
so wäre ihm das Geschlechts-Tor-Behütung (Nom. Sg./Opt.)
Wer unter allen, die sich an den Paaren [der Gegensätze] ergötzen, als einziger Weiser sich [in sich] erfreut, ohne über andere nachzusinnen – ihn kennen die Götter als Brāhmaṇa.
Wort für Wort
dvaṃdvārāmeṣu sarveṣu
unter allen an Paaren/Gegensätzen Sich-Ergötzenden [?] (Lok. Pl.)
ya eko ramate muniḥ
wer als einziger sich erfreut, der Weise (Nom. Sg./3.Sg.Präs. Med.)
pareṣām ananudhyāyan
über andere nicht nachsinnend (Gen. Pl./Part. Präs.)
taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ
ihn kennen die Götter als Brāhmaṇa (Akk. Sg./3.Pl.Perf.)
Durch den dies alles erkannt ist, sowohl Prakṛti als auch das, was Umwandlung ist, den Kenner des Weges aller Wesen – ihn kennen die Götter als Brāhmaṇa.
Wort für Wort
yena sarvam idaṃ buddham
durch den dies All erkannt ist (Instr. Sg./Part. Pass.)
nāntareṇānujānanti vedānāṃ yat kriyāphalam; anujñāya ca tat sarvam anyad rocayate 'phalam
Ohne Weiteres[?] erkennen sie nicht an, was als Werkfrucht der Veden gilt; und nachdem man diesem allem zugestimmt hat, gefällt [einem] anderes, Fruchtloses.
Wort für Wort
na antareṇa anujānanti
nicht ohne Zwischenstufe [?] erkennen sie an (Adv./3.Pl.Präs.)
vedānāṃ yat kriyāphalam
der Veden was Werkfrucht [ist] (Gen. Pl./Nom. Sg.)
anujñāya ca tat sarvam
und zugestimmt habend diesem allem (Abs./Akk. Sg.)
Die Vorzüge (Eigenschaften) hierbei sind sehr schwer zu erkennen, und selbst erkannt sehr schwer auszuführen; und ausgeführt sind sie [doch] endlich – so siehst du es.
Wort für Wort
guṇāḥ ca atra
und die Vorzüge/Eigenschaften hierbei (Nom.Pl. / Lok.)
sudurjñeyāḥ
sehr schwer zu erkennen (Nom.Pl., Gerundiv)
jñātāḥ ca api suduṣkarāḥ
und selbst erkannt sehr schwer zu tun (Part.Perf.Pass. Nom.Pl.; Nom.Pl.)
anuṣṭhitāḥ ca antavantaḥ
und ausgeführt endlich/vergänglich (Part.Perf.Pass. Nom.Pl.; Nom.Pl.)
syūmaraśmir uvāca; yathā ca vedaprāmāṇyaṃ tyāgaś ca saphalo yathā; tau panthānāv ubhau vyaktau bhagavaṃs tad bravīhi me
Syūmaraśmi sprach: „Wie die Autorität der Veden [gilt] und wie der Verzicht fruchtbringend ist – diese beiden Wege sind [mir] offenbar; Erhabener, das sage mir.“
Wort für Wort
syūmaraśmiḥ uvāca
Syūmaraśmi sprach (3.Sg.Perf.)
yathā ca vedaprāmāṇyam
und wie die Geltung/Autorität der Veden (Nom.Sg.n., Kompositum)
tyāgaḥ ca saphalaḥ yathā
und der Verzicht fruchtbringend, wie (Nom.Sg.)
tau panthānau ubhau vyaktau
diese beiden Wege, beide offenkundig (Nom.Du.)
bhagavan tat bravīhi me
Erhabener, das sage mir (Vok.; Imp.2.Sg.; Dat./Gen.)
kapila uvāca; pratyakṣam iha paśyanti bhavantaḥ satpathe sthitāḥ; pratyakṣaṃ tu kim atrāsti yad bhavanta upāsate
Kapila sprach: „Unmittelbar Wahrnehmbares seht ihr hier, die ihr auf dem guten Pfad steht; was aber ist hierbei unmittelbar wahrnehmbar, dem ihr euch widmet?“
Wort für Wort
kapilaḥ uvāca
Kapila sprach (3.Sg.Perf.)
pratyakṣam iha paśyanti bhavantaḥ
Unmittelbares hier sehen die Herren/ihr (Akk.Sg.n.; 3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)
satpathe sthitāḥ
auf gutem Pfad stehend (Lok.Sg.; Part.Perf. Nom.Pl.)
pratyakṣam tu kim atra asti
unmittelbar wahrnehmbar aber was ist hierbei (Nom.Sg.n.; 3.Sg.Präs.)
yat bhavantaḥ upāsate
dem ihr euch widmet/das ihr verehrt (Rel.; 3.Pl.Präs.Med.)
syūmaraśmir uvāca; syūmaraśmir ahaṃ brahmañ jijñāsārtham ihāgataḥ; śreyaskāmaḥ pratyavocam ārjavān na vivakṣayā; imaṃ ca saṃśayaṃ ghoraṃ bhagavān prabravītu me
Syūmaraśmi sprach: „Syūmaraśmi bin ich, Brahmane; um zu erforschen, bin ich hierher gekommen. Nach dem Heil verlangend habe ich aufrichtig geantwortet, nicht aus Streitlust. Und diesen furchtbaren Zweifel möge der Erhabene mir erklären.“
Wort für Wort
syūmaraśmiḥ aham brahman
Syūmaraśmi (bin) ich, Brahmane (Nom.; Nom.; Vok.)
jijñāsārtham iha āgataḥ
zum Zweck des Erforschens hierher gekommen (Adv./Akk.; Part.Perf.Pass. Nom.Sg.)
śreyaskāmaḥ pratyavocam
nach dem Heil verlangend antwortete ich (Nom.Sg.; 1.Sg.Aor.)
ārjavāt na vivakṣayā
aus Aufrichtigkeit, nicht aus Redelust/Streitlust (Abl.; Instr.)
imam ca saṃśayam ghoram
und diesen Zweifel, furchtbaren (Akk.Sg.m.)
bhagavān prabravītu me
der Erhabene möge erklären mir (Nom.; Imp.3.Sg.; Dat.)
vivakṣayā: eigentlich ‚aus Redelust/Absicht zu reden‘; hier als ‚Streitlust‘ gedeutet [?].
pratyakṣam iha paśyanto bhavantaḥ satpathe sthitāḥ; kim atra pratyakṣatamaṃ bhavanto yad upāsate; anyatra tarkaśāstrebhya āgamāc ca yathāgamam
„Unmittelbar Wahrnehmbares seht ihr hier, die ihr auf dem guten Pfad steht; was ist hierbei das am meisten Unmittelbare, dem ihr euch widmet – außer den Lehrbüchern der Logik und der Überlieferung, [nämlich] gemäß der Überlieferung?“
Wort für Wort
pratyakṣam iha paśyantaḥ
Unmittelbares hier sehend (Part.Präs. Nom.Pl.)
bhavantaḥ satpathe sthitāḥ
ihr, auf gutem Pfad stehend (Nom.Pl.; Lok.; Part.)
kim atra pratyakṣatamam
was ist hierbei das Unmittelbarste (Nom.Sg.n., Superl.)
bhavantaḥ yat upāsate
ihr, dem ihr euch widmet (Nom.Pl.; Rel.; 3.Pl.Präs.Med.)
anyatra tarkaśāstrebhyaḥ
außer den Lehrbüchern der Logik (Adv.; Abl.Pl.)
āgamāt ca yathāgamam
und von der Überlieferung, gemäß der Überlieferung (Abl.Sg.; Adv.)
Die Sprecherangabe fehlt; die Verse 39–41 setzen wohl die Rede Syūmaraśmis fort. Der Halbvers ‚yathāgamam‘ ist knapp und unsicher gedeutet [?].
āgamo vedavādas tu tarkaśāstrāṇi cāgamaḥ; yathāgamam upāsīta āgamas tatra sidhyati; siddhiḥ pratyakṣarūpā ca dṛśyaty āgamaniścayāt
„Überlieferung (āgama) ist die Veda-Lehre, und die Lehrbücher der Logik [sind] Überlieferung; gemäß der Überlieferung soll man [etwas] verehren, darin gelingt die Überlieferung; und der Erfolg, von wahrnehmbarer Gestalt, wird gesehen aus der Gewissheit der Überlieferung.“
Wort für Wort
āgamaḥ vedavādaḥ tu
Überlieferung ist die Veda-Rede/Veda-Lehre aber (Nom.Sg.m.)
tarkaśāstrāṇi ca āgamaḥ
und die Lehrbücher der Logik [sind] Überlieferung (Nom.Pl.n.; Nom.Sg.)
yathāgamam upāsīta
gemäß der Überlieferung soll man verehren (Adv.; Opt.Med.3.Sg.)
āgamaḥ tatra sidhyati
die Überlieferung gelingt/bewährt sich darin (Nom.; Adv.; 3.Sg.Präs.)
siddhiḥ pratyakṣarūpā ca
und der Erfolg von wahrnehmbarer Gestalt (Nom.Sg.f.)
dṛśyati āgamaniścayāt
wird gesehen aus der Gewissheit der Überlieferung (3.Sg.Pass.; Abl.Sg.)
Der Vers ist knapp und in der Zuordnung von āgama und siddhi nicht sicher [?].
„Wie ein Boot, an ein [anderes] Boot gebunden, samt der Fessel von der Strömung fortgerissen [wird] – wie, Brahmane, wird es die Schlechtgesinnten hinüberführen? Dies möge der Erhabene sagen; ich bin herangetreten, belehre [mich], o Herr.“
Wort für Wort
nauḥ nāvi iva nibaddhā
wie ein Boot an ein Boot gebunden (Nom.Sg.f.; Lok.Sg.f.; Part.Perf.Pass.)
srotasā sanibandhanā
durch die Strömung, samt Fessel (Instr.Sg.; Nom.Sg.f.)
naiva tyāgī na saṃtuṣṭo nāśoko na nirāmayaḥ; na nirvivitso nāvṛtto nāpavṛtto 'sti kaś cana
„Niemand ist ganz Verzichter, [niemand] zufrieden, [niemand] frei von Kummer, [niemand] frei von Leiden, [niemand] ohne Streben nach Wissen [?], [niemand] zurückgekehrt, [niemand] abgewendet.“
Wort für Wort
na eva tyāgī na saṃtuṣṭaḥ
nicht ist ganz ein Verzichter, nicht zufrieden (Nom.Sg.m.; Part.Perf.)
na aśokaḥ na nirāmayaḥ
nicht kummerfrei, nicht leidfrei (Nom.Sg.m.)
na nirvivitsaḥ
nicht ohne Verlangen/Wissbegier [?] (Nom.Sg.m.)
na āvṛttaḥ na apavṛttaḥ
nicht zurückgekehrt, nicht abgewendet [?] (Part.Perf.Pass. Nom.Sg.m.)
asti kaḥ cana
ist irgendwer (3.Sg.Präs.; Indef.)
nirvivitsa, āvṛtta und apavṛtta sind hier nicht sicher wiedergegeben [?].
„So [ist es] bei den Betätigungen der vier Stände und Lebensstadien; für diejenigen, die sich [jeweils] an das Eine halten – was ist bei der Entscheidung das Leidfreie?“
Wort für Wort
evam caturṇām varṇānām
so der vier Stände (Gen.Pl.)
āśramāṇām pravṛttiṣu
der Lebensstadien, bei den Betätigungen (Gen.Pl.; Lok.Pl.)
ekam ālambamānānām
die sich an das Eine halten (Akk.Sg.; Part.Präs.Med. Gen.Pl.)
nirṇaye kim nirāmayam
bei der Entscheidung was [ist] das Leidfreie/Heilsame (Lok.Sg.; Nom.Sg.n.)
śāstraṃ hy abuddhvā tattvena ke cid vādabalā janāḥ; kāmadveṣābhibhūtatvād ahaṃkāravaśaṃ gatāḥ
„Denn manche Leute, die das Lehrbuch nicht der Wahrheit nach erfasst haben, stark im Wortstreit, sind, von Begierde und Hass überwältigt, der Herrschaft der Ichsucht verfallen.“
Wort für Wort
śāstram hi abuddhvā tattvena
denn das Lehrbuch nicht erfasst habend der Wahrheit nach (Akk.; Abs.; Instr.)
ke cit vādabalāḥ janāḥ
manche Leute, stark im Wortstreit (Nom.Pl.; Nom.Pl.)
kāmadveṣābhibhūtatvāt
wegen der Überwältigung durch Begierde und Hass (Abl.Sg.)
ahaṃkāravaśam gatāḥ
in die Gewalt der Ichsucht geraten (Akk.Sg.; Part.Perf. Nom.Pl.)
yo yathāprakṛtir jantuḥ prakṛteḥ syād vaśānugaḥ; tasya dveṣaś ca kāmaś ca krodho dambho 'nṛtaṃ madaḥ; nityam evābhivartante guṇāḥ prakṛtisaṃbhavāḥ
„Welches Geschöpf auch immer, seiner Natur gemäß, der Natur untertan ist – bei ihm treten stets Hass und Begierde, Zorn, Heuchelei, Unwahrheit und Rausch auf: die aus der Natur entstandenen Eigenschaften.“
Wort für Wort
yaḥ yathāprakṛtiḥ jantuḥ
welches Geschöpf, seiner Natur entsprechend (Nom.Sg.m.)
prakṛteḥ syāt vaśānugaḥ
der Natur, sei er, der Gewalt folgend (Gen./Abl.; Opt.3.Sg.; Nom.Sg.)
tasya dveṣaḥ ca kāmaḥ ca
bei ihm Hass und Begierde (Gen.Sg.; Nom.Sg.)
krodhaḥ dambhaḥ anṛtam madaḥ
Zorn, Heuchelei, Unwahrheit, Rausch (Nom.Sg.)
nityam eva abhivartante
stets treten auf/wirken (Adv.; 3.Pl.Präs.Med.)
guṇāḥ prakṛtisaṃbhavāḥ
die Eigenschaften, aus der Natur entstanden (Nom.Pl.)
yataḥ svarūpataś cānyo jātitaḥ śrutito 'rthataḥ; katham asmin sa ity eva saṃbandhaḥ syād asaṃhitaḥ
„Da [jemand] nach Wesensform, Geburt, Überlieferung und Sinn ein anderer ist – wie könnte dann bei diesem [die Aussage] ‚er ist es‘ eine Beziehung sein, [die] unverbunden [ist]?“
Wort für Wort
yataḥ svarūpataḥ ca anyaḥ
da nach Wesensform und verschieden (Abl.-Adv.; Nom.Sg.m.)
jātitaḥ śrutitaḥ arthataḥ
nach Geburt, nach Überlieferung, nach Sinn (Abl.-Adv.)
katham asmin saḥ iti eva
wie bei diesem ‚er‘ eben so (Adv.; Lok.Sg.; Pron.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Text und Bezug sind unklar (was mit sa/asmin gemeint ist), Übersetzung unsicher [?].
syūmaraśmir uvāca; sarvam etan mayā brahmañ śāstrataḥ parikīrtitam; na hy avijñāya śātrārthaṃ pravartante pravṛttayaḥ
Syūmaraśmi sprach: „Alles dies, Brahmane, habe ich nach dem Lehrbuch dargelegt; denn ohne den Sinn der Lehre zu kennen, setzen die Betätigungen nicht ein.“
Wort für Wort
syūmaraśmiḥ uvāca
Syūmaraśmi sprach (3.Sg.Perf.)
sarvam etat mayā brahman
alles dies von mir, Brahmane (Nom.Sg.n.; Instr.; Vok.)
śāstrataḥ parikīrtitam
aus dem Lehrbuch/nach der Lehre dargelegt (Adv.; Part.Perf.Pass.)
na hi avijñāya śāstrārtham
denn nicht, ohne erkannt zu haben den Sinn der Lehre (Abs.; Akk.)
pravartante pravṛttayaḥ
setzen ein die Betätigungen (3.Pl.Präs.Med.; Nom.Pl.)
yaḥ kaś cin nyāyya ācāraḥ sarvaṃ śāstram iti śrutiḥ; yad anyāyyam aśāstraṃ tad ity eṣā śrūyate śrutiḥ
„Was immer rechtes Verhalten ist, [das ist] alles Śāstra – so die Überlieferung; was unrecht ist, ist Nicht-Śāstra – so wird diese Überlieferung gehört.“
Wort für Wort
yaḥ kaḥ cit nyāyyaḥ ācāraḥ
welches auch immer rechtmäßige Verhalten (Nom.Sg.m.)
sarvam śāstram iti śrutiḥ
alles Lehrbuch/Lehre, so die Überlieferung (Nom.Sg.n.; Nom.Sg.f.)
yat anyāyyam aśāstram
was unrechtmäßig, Nicht-Lehre (Rel.; Nom.Sg.n.)
tat iti eṣā śrūyate śrutiḥ
das, so wird diese Überlieferung gehört (3.Sg.Pass.; Nom.Sg.f.)
„Viele, die sich für Offenkundig-Wissende halten, sehen [etwas] als vom Śāstra abweichend an; die Fehler [dieser Abweichung] vom Śāstra sehen andere nicht, hier und im Jenseits.“
Wort für Wort
śāstrāt apetam paśyanti
vom Lehrbuch abgewichen sehen sie an (Abl.; Part.Perf. Akk.Sg.n.; 3.Pl.Präs.)
bahavaḥ vyaktamāninaḥ
viele, sich für Offenkundig-Wissende haltend (Nom.Pl.)
śāstradoṣān na paśyanti
die Fehler zum Lehrbuch nicht sehen sie (Akk.Pl.; 3.Pl.Präs.)
iha ca amutra ca apare
hier und drüben, andere (Adv.; Adv.; Nom.Pl.)
Die Zuordnung von śāstradoṣān ist knapp; sinngemäß gedeutet [?].
„Und eure Sinnesobjekte sind bei allen Lebewesen gleich; so bei den Betätigungen der vier Stände und Lebensstadien; so bei denen, die sich [daran] halten, bei der Entscheidung, nach allen Richtungen.“
Wort für Wort
indriyārthāḥ ca bhavatām
und die Sinnesobjekte euer (Nom.Pl.; Gen.Pl.)
samānāḥ sarvajantuṣu
gleich bei allen Lebewesen (Nom.Pl.; Lok.Pl.)
evam caturṇām varṇānām
so der vier Stände (Gen.Pl.)
āśramāṇām pravṛttiṣu
der Lebensstadien, bei den Betätigungen (Gen.Pl.; Lok.Pl.)
evam ālambamānānām
so bei denen, die sich halten (Part.Präs.Med. Gen.Pl.)
nirṇaye sarvatodiśam
bei der Entscheidung, nach allen Richtungen (Lok.Sg.; Adv.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage, die die Verse 43–44 in Teilen wiederholt; Satzbau unvollständig.
śakyaṃ tv ekena muktena kṛtakṛtyena sarvaśaḥ; piṇḍamātraṃ vyapāśritya carituṃ sarvatodiśam
„Möglich aber ist es für einen Einzigen, der befreit ist, der in jeder Hinsicht das Zu-Tuende getan hat, sich auf bloße Almosenspeise stützend, nach allen Richtungen umherzuziehen –“
Wort für Wort
śakyam tu ekena muktena
möglich aber für einen, befreit (Nom.Sg.n.; Instr.Sg.m.; Part.Perf.Pass.)
kṛtakṛtyena sarvaśaḥ
der das Zu-Tuende getan hat, in jeder Hinsicht (Instr.Sg.m.; Adv.)
piṇḍamātram vyapāśritya
bloße Speisegabe/Bissen sich stützend (Akk.Sg.n.; Abs.)
carītum sarvatodiśam
umherzuziehen nach allen Richtungen (Inf.; Adv.)
Der Satz setzt sich in den folgenden Einheiten fort.
fähig, mit besiegtem Selbst (Instr.Sg.m.; Instr.Sg.m.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Satzteil, der auf Vers 60 bezogen ist [Anm.: Fortsetzung/Satz abgebrochen]. ānantyam ist unsicher wiedergegeben [?].
[durch einen,] der von Recht und Lehre abgewichen ist, von aller Welt getadelt –
Wort für Wort
apetanyāyaśāstreṇa
von Recht und Lehre abgewichen (Instr.Sg.m., Kompositum)
sarvalokavigarhiṇā
von aller Welt getadelt/tadelnswert (Instr.Sg.m.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Satzteil, der an die vorigen Einheiten anschließt [Anm.: Fortsetzung/Satz abgebrochen].
„Nichtglaube würde sonst entstehen, und ein Handeln, das den Veden den Rücken kehrt. Dessen Endlosigkeit [?] möchte ich, Erhabener, geradeheraus hören.“
Wort für Wort
nāstikyam anyathā ca syāt
Nichtglaube sonst und würde sein (Nom.Sg.n.; Adv.; Opt.3.Sg.)
vedānām pṛṣṭhataḥkriyā
das Handeln im Rücken der Veden (Gen.Pl.; Nom.Sg.f.)
etasya ānantyam icchāmi
dessen Endlosigkeit wünsche ich (Gen.Sg.; Akk.Sg.n.; 1.Sg.Präs.)
bhagavan śrotum añjasā
Erhabener, zu hören, geradeheraus (Vok.; Inf.; Adv.)
etasyānantyam ist unsicher (‚dessen Endlosigkeit‘, vielleicht ‚die unbegrenzte Geltung dieser Lehre‘) [?].