Kapitel 57: rājadharmopadeśa
Pflichten und Tugenden des Königs: Schutz des Volkes, Wachsamkeit und Selbstbeherrschung
Bhīṣma unterweist Yudhiṣṭhira in den Herrscherpflichten: unermüdliche Tätigkeit, Zuwendung zum Volk, Auswahl guter Gefährten und der Schutz als ewiger Dharma des Königs; das Kapitel enthält mehrere überlieferte Ślokas (Uśanas, Marutta, Bhārgava, Manu).
bhīṣma uvāca; nityodyuktena vai rājñā bhavitavyaṃ yudhiṣṭhira; praśāmyate ca rājā hi nārīvodyamavarjitaḥ
Bhīṣma sprach: „Ein König muss stets unermüdlich tätig sein, Yudhiṣṭhira; denn ein König, der ohne Tatkraft ist, kommt zur Ruhe [d. h. wird kraftlos] wie eine Frau.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
nityodyuktena vai rājñā
von einem König, der stets rührig ist (Instr.)
bhavitavyaṃ yudhiṣṭhira
muss sein, Yudhiṣṭhira (Gerundiv/Vok.)
praśāmyate ca rājā hi
denn der König kommt zur Ruhe (3.Sg.Pass./Nom.)
nārīva udyamavarjitaḥ
wie eine Frau, ohne Tatkraft (Nom./Kompositum)
praśāmyate: ‚erlischt, kommt zur Ruhe‘; der Vergleich mit der Frau ist wortnah wiedergegeben.
bhagavān uśanā cāha ślokam atra viśāṃ pate; tam ihaikamanā rājan gadatas tvaṃ nibodha me
Der ehrwürdige Uśanas hat hierzu einen Śloka gesprochen, Herr der Menschen; den höre du von mir, König, während ich ihn vortrage, mit gesammeltem Geist.
Wort für Wort
bhagavān uśanā cāha
der Ehrwürdige Uśanas sprach (Nom./3.Sg.Perf.)
ślokam atra viśāṃ pate
einen Śloka hierzu, Herr der Menschen (Akk./Vok.)
tam ihaikamanā rājan
diesen hier einmütig, König (Akk./Nom./Vok.)
gadatas tvaṃ nibodha me
von mir, der ihn spricht, höre du (Gen. Part./Imp.)
Diese beiden verschlingt die Erde, wie die Schlange die in Höhlen Liegenden: den König, der sich nicht widersetzt, und den Brāhmaṇa, der nicht in die Fremde zieht.
Wort für Wort
dvāv etau grasate bhūmiḥ
diese beiden verschlingt die Erde (Akk. Du./3.Sg.Präs./Nom.)
sarpo bilaśayān iva
wie die Schlange die in Höhlen Liegenden (Nom./Akk. Pl.)
rājānaṃ cāviroddhāraṃ
und den König, der nicht widersteht (Akk.)
brāhmaṇaṃ cāpravāsinam
und den Brāhmaṇa, der nicht auswärts weilt (Akk.)
Deutung von aviroddhāram (‚nicht Widerstand leistend‘) und apravāsinam (‚nicht verreisend‘) wortnah; der Sinn des zweiten Gliedes ist umstritten.
tad etan naraśārdūla hṛdi tvaṃ kartum arhasi; saṃdheyān api saṃdhatsva virodhyāṃś ca virodhaya
Das, Tiger unter den Männern, solltest du dir zu Herzen nehmen: Verbünde dich mit denen, mit denen man sich verbünden kann, und bekämpfe die Feindseligen.
Wort für Wort
tad etan naraśārdūla
dies, Tiger unter den Männern (Akk./Vok.)
hṛdi tvaṃ kartum arhasi
ins Herz solltest du es legen (Lok./Inf.)
saṃdheyān api saṃdhatsva
und mit den Verbündbaren verbünde dich (Gerundiv Akk./Imp. Med.)
Herr, Minister, Freunde, Schatzkammer, Reich, Festung und Heer [sind die sieben Glieder].
Wort für Wort
svāmyamātyasuhṛt
Herr, Minister, Freund (Kompositum)
kośarāṣṭradurgabalāni ca
Schatzkammer, Reich, Festung, Heer und (Nom. Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; zählt die sieben Glieder (prakṛti) des Staates auf, syntaktisch ohne Verb.
Auch vom Seher Uddālaka wurde Śvetaketu, der große Asket, der die Brāhmaṇen fälschlich [betrügerisch?] behandelte, verstoßen, obwohl er der geliebte Sohn war.
Wort für Wort
ṛṣiṇoddālakenāpi
auch vom Seher Uddālaka (Instr.)
śvetaketur mahātapāḥ
Śvetaketu, der große Asket (Nom.)
mithyā viprān upacaran
die Brāhmaṇen fälschlich behandelnd (Adv./Akk./Part.Präs.)
na hiṃsyāt paravittāni deyaṃ kāle ca dāpayet; vikrāntaḥ satyavāk kṣānto nṛpo na calate pathaḥ
Er soll fremdes Gut nicht schädigen und zur rechten Zeit das Zu-Gebende geben lassen; ein tapferer, wahrhaftig redender, nachsichtiger König weicht nicht vom Pfad ab.
Wort für Wort
na hiṃsyāt paravittāni
nicht schädigen soll er fremde Güter (3.Sg.Opt./Akk. Pl.)
deyaṃ kāle ca dāpayet
und das Zu-Gebende zur rechten Zeit lasse er geben (Gerundiv/Lok./3.Sg.Opt. Kaus.)
vikrāntaḥ satyavāk kṣāntaḥ
tapfer, wahrhaft redend, nachsichtig (Nom.)
nṛpo na calate pathaḥ
der König weicht nicht vom Weg ab (Nom./3.Sg.Präs./Abl.)
guptamantro jitakrodho śāstrārthagataniścayaḥ; dharme cārthe ca kāme ca mokṣe ca satataṃ rataḥ
Mit geheim gehaltener Beratung, den Zorn besiegt, gewiss in der Erkenntnis des Sinnes der Lehrschriften, stets am Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa hängend [soll der König sein].
Wort für Wort
guptamantro jitakrodho
dessen Rat geheim ist, der den Zorn besiegt hat (Nom.)
śāstrārthagataniścayaḥ
der über den Sinn der Lehrbücher Gewissheit erlangt hat (Nom.)
dharme cārthe ca kāme ca
in Dharma, Artha und Kāma (Lok.)
mokṣe ca satataṃ rataḥ
und im Mokṣa, stets erfreut (Lok./Adv./Nom.)
jitakrodho (statt -krodhaḥ) ist metrisch/sandhi-bedingt Nom. Sg.; Fortsetzung im folgenden Vers.
na viśvasec ca nṛpatir na cātyarthaṃ na viśvaset; ṣāḍguṇyaguṇadoṣāṃś ca nityaṃ buddhyāvalokayet
Der König soll nicht [blind] vertrauen, aber auch nicht übermäßig misstrauen; und Vorzüge und Mängel der sechs Maßnahmen soll er stets mit dem Verstand prüfen.
Wort für Wort
na viśvasec ca nṛpatiḥ
und der König soll nicht vertrauen (3.Sg.Opt./Nom.)
na cātyarthaṃ na viśvaset
und nicht übermäßig soll er nicht vertrauen [d. h. nicht ganz misstrauen] (Adv./3.Sg.Opt.)
ṣāḍguṇyaguṇadoṣāṃś ca
und Vorzüge und Mängel der Sechsheit (Akk. Pl.)
nityaṃ buddhyāvalokayet
stets mit dem Verstand betrachten soll er (Adv./Instr./3.Sg.Opt.)
na cātyarthaṃ na viśvaset: wörtlich ‚auch nicht übermäßig nicht vertrauen‘, sinngemäß: nicht völliges Misstrauen.
dviṭchidradarśī nṛpatir nityam eva praśasyate; trivargaviditārthaś ca yuktacāropadhiś ca yaḥ
Ein König, der die Schwächen der Feinde erspäht, wird stets gepriesen, ebenso wer den Sinn der drei Lebensziele kennt und Späher und Prüfmittel [Versuchungsproben] einsetzt.
Wort für Wort
dviṭchidradarśī nṛpatiḥ
der König, der die Blößen der Feinde sieht (Nom.)
nityam eva praśasyate
wird stets gepriesen (Adv./3.Sg.Pass.)
trivargaviditārthaś ca
und wer den Sinn der Dreiheit [Dharma, Artha, Kāma] kennt (Nom.)
yuktacāropadhiś ca yaḥ
und der, der Späher und Prüfungen eingesetzt hat (Nom./Rel.)
upadhi: verdeckte Prüfung der Redlichkeit von Beamten [?].
kośasyopārjanaratir yamavaiśravaṇopamaḥ; vettā ca daśavargasya sthānavṛddhikṣayātmanaḥ
An der Mehrung der Schatzkammer sich erfreuend, Yama und Vaiśravaṇa gleich, Kenner der zehn Gruppen [?] und dessen, was Stand, Wachstum und Niedergang seiner selbst betrifft [?].
Wort für Wort
kośasyopārjanaratiḥ
am Erwerb der Schatzkammer sich erfreuend (Gen./Nom.)
yamavaiśravaṇopamaḥ
Yama und Vaiśravaṇa gleich (Nom.)
vettā ca daśavargasya
und Kenner der Zehnergruppe (Nom./Gen.)
sthānavṛddhikṣayātmanaḥ
dessen, was Stillstand, Wachstum, Verfall zum Wesen hat (Gen.)
daśavarga und sthānavṛddhikṣayātman sind unklar; wörtliche Wiedergabe, Deutung offen.
upāsitā ca vṛddhānāṃ jitatandrīr alolupaḥ; satāṃ vṛtte sthitamatiḥ santo hy ācāradarśinaḥ
Er sei den Älteren aufwartend, die Trägheit besiegend, nicht gierig, sein Sinn in der Lebensweise der Guten gefestigt; denn die Guten sind es, die auf rechtes Verhalten sehen.
Wort für Wort
upāsitā ca vṛddhānām
und der den Alten aufwartet (Nom./Gen. Pl.)
jitatandrīr alolupaḥ
Trägheit besiegt habend, nicht gierig (Nom.)
satāṃ vṛtte sthitamatiḥ
im Wandel der Guten festen Sinnes (Gen./Lok./Nom.)
santo hy ācāradarśinaḥ
denn die Guten sind Beobachter des rechten Verhaltens (Nom. Pl.)
svayaṃ prahartādātā ca vaśyātmā vaśyasādhanaḥ; kāle dātā ca bhoktā ca śuddhācāras tathaiva ca
Er sei selbst Schlagender und Gebender, selbstbeherrscht, seine Untergebenen im Griff habend, zur rechten Zeit gebend und genießend und ebenso von reinem Wandel.
[Als Gefährten soll er nehmen] Tapfere, Ergebene, Unbestechliche, aus gutem Geschlecht Geborene, Gesunde, Wohlerzogene, mit Wohlerzogenen Verbundene, Ehrbewusste, die nicht geringschätzen [Anm.: Fortsetzung in 25].
Wort für Wort
śūrān bhaktān asaṃhāryān
Tapfere, Ergebene, Unabwerbbare (Akk. Pl.)
kule jātān arogiṇaḥ
in Familie Geborene, Gesunde (Akk. Pl.)
śiṣṭāñ śiṣṭābhisaṃbandhān
Wohlerzogene, mit Wohlerzogenen Verbundene (Akk. Pl.)
sahāyān satataṃ kuryād rājā bhūtipuraskṛtaḥ; tais tulyaś ca bhaved bhogaiś chatramātrājñayādhikaḥ
Solche soll der König, auf Wohlstand bedacht, stets zu Gefährten machen; ihnen soll er an Genüssen gleich sein, nur durch Schirm und Befehl höher stehen.
Wort für Wort
sahāyān satataṃ kuryāt
zu Gefährten soll er stets machen (Akk./Adv./3.Sg.Opt.)
rājā bhūtipuraskṛtaḥ
der König, Wohlstand voranstellend (Nom.)
tais tulyaś ca bhaved bhogaiḥ
und mit ihnen gleich sei er an Genüssen (Instr./Nom./Instr.)
śucis tu pṛthivīpālo lokacittagrahe rataḥ; na pataty aribhir grastaḥ patitaś cāvatiṣṭhate
Ein reiner Erdbeschützer, der auf das Gewinnen der Herzen der Welt bedacht ist, fällt nicht, wenn Feinde ihn ergriffen haben; und ist er gefallen, so steht er [wieder] fest.
Wort für Wort
śucis tu pṛthivīpālaḥ
ein reiner Erdbeschützer aber (Nom.)
lokacittagrahe rataḥ
am Gewinnen der Herzen der Leute erfreut (Lok./Nom.)
na pataty aribhir grastaḥ
fällt nicht, von Feinden ergriffen (3.Sg.Präs./Instr./Part.Pass.)
patitaś cāvatiṣṭhate
und gefallen bleibt er stehen (Part.Pass./3.Sg.Präs.)
Weise, mit den Vorzügen der Rechtlichkeit ausgestattet, auf die Schwächen der Gegner bedacht, für alle Stände gut zugänglich und Kenner von kluger und unkluger Politik.
Wort für Wort
prājño nyāyaguṇopetaḥ
weise, mit den Tugenden des Rechts versehen (Nom.)
pararandhreṣu tatparaḥ
auf die Schwächen der anderen darauf aus (Lok./Nom.)
sudarśaḥ sarvavarṇānām
gut anzusehen [zugänglich] für alle Stände (Nom./Gen. Pl.)
nayāpanayavit tathā
und Kenner von Politik und Fehlpolitik (Nom./Adv.)
sudarśaḥ: ‚gut sichtbar, zugänglich‘ oder ‚einen guten Blick habend‘ [?].
agūḍhavibhavā yasya paurā rāṣṭranivāsinaḥ; nayāpanayavettāraḥ sa rājā rājasattamaḥ
Dessen Bürger und Landbewohner, deren Wohlstand nicht verborgen ist und die Politik und Fehlpolitik zu unterscheiden wissen, der ist der beste der Könige.
Wort für Wort
agūḍhavibhavā yasya
dessen [Leute] mit unverborgenem Wohlstand (Nom. Pl./Gen.)
Dessen im Reich wohnende Leute ihren eigenen Handlungen ergeben sind, an Zusammenrottung [Streit] keine Freude haben, gezügelt sind und wie vorgeschrieben beschützt werden [Anm.: Satz setzt sich fort],
Wort für Wort
svakarmaniratā yasya
in eigenem Tun ergeben, dessen (Nom. Pl./Gen.)
janā viṣayavāsinaḥ
die Leute, im Reich wohnend (Nom. Pl.)
asaṃghātaratā dāntāḥ
nicht an Zusammenstoß/Zusammenrottung Freude habend, gezähmt (Nom. Pl.)
pālyamānā yathāvidhi
beschützt werdend nach Vorschrift (Part.Pass./Adv.)
asaṃghātarata: ‚nicht an Zusammenstoß/Gewalt Freude habend‘ oder ‚nicht an Zusammenrottung‘ [?].
Wer Kenntnisse [Wissende?] ehrt, lenkbar ist, dem Wohl der Bürger ergeben, dem Dharma der Guten folgend und freigebig, dieser König verdient die Herrschaft.
Wort für Wort
yaḥ satkaroti jñānāni
wer ehrt Kenntnisse (Rel./3.Sg.Präs./Akk. Pl.)
neyaḥ paurahite rataḥ
lenkbar, am Wohl der Bürger erfreut (Nom./Lok./Nom.)
satāṃ dharmānugas tyāgī
dem Dharma der Guten folgend, freigebig (Gen./Nom.)
sa rājā rājyam arhati
der König verdient die Herrschaft (Nom./Akk./3.Sg.)
jñānāni (‚Kenntnisse‘) ist ungewöhnlich; vielleicht ‚Wissende‘ gemeint [?].
Darum, König, gibt es für die Löwen unter den Königen keinen anderen ewigen Dharma als den ganz offenkundigen Schutz; denn Schutz ist der Halt der Welt.
Diese sechs soll ein Mensch verlassen wie ein zerbrochenes Schiff im Ozean: einen Lehrer, der nichts sagt [nicht lehrt], einen Opferpriester, der nichts gelernt hat,
Wort für Wort
ṣaḍ etān puruṣo jahyāt
diese sechs soll der Mensch verlassen (Akk./Nom./3.Sg.Opt.)
arakṣitāraṃ rājānaṃ bhāryāṃ cāpriyavādinīm; grāmakāmaṃ ca gopālaṃ vanakāmaṃ ca nāpitam
einen König, der nicht beschützt, eine Gattin, die Unfreundliches spricht, einen Kuhhirten, der ins Dorf will, und einen Barbier, der in den Wald will.