Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 92: rājadharmopadeśa Utathyas Belehrung Māndhātṛs über die Pflichten des Königs und den Schutz der Schwachen

Der Weise Utathya unterweist König Māndhātṛ: Der König ist das Zeitalter (yuga), Schöpfer oder Vernichter der Wesen, muss die Schwachen schützen, Beamte überwachen und sich am Vorbild von Yama und Indra ausrichten.

utathya uvāca; kālavarṣī ca parjanyo dharmacārī ca pārthivaḥ; saṃpad yadaiṣā bhavati sā bibharti sukhaṃ prajāḥ

Utathya sprach: „Ein zur rechten Zeit regnender Parjanya und ein dharmagemäß wandelnder Fürst: Wenn dieser Wohlstand entsteht, so erhält er die Geschöpfe [Untertanen] im Glück.“

Wort für Wort
utathya uvāca
Utathya sprach (Perf.)
kālavarṣī ca parjanyo
und Parjanya, der zur rechten Zeit regnet (Nom.Sg.)
dharmacārī ca pārthivaḥ
und der Fürst, der den Dharma übt (Nom.Sg.)
saṃpad yadā eṣā bhavati
wenn dieser Wohlstand entsteht (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
sā bibharti sukhaṃ prajāḥ
er/sie erhält die Geschöpfe in Glück (3.Sg.Präs.; Akk.Pl./Sg.)

Zu bibharti: Subjekt ist formal saṃpad (fem.), gemeint ist die Wirkung von Regen und gerechtem König.

yo na jānāti nirhantuṃ vastrāṇāṃ rajako malam; raktāni vā śodhayituṃ yathā nāsti tathaiva saḥ

Wer nicht versteht, wie der Wäscher den Schmutz aus Kleidern entfernt oder gefärbte [Kleider] reinigt, der ist so, als gäbe es ihn nicht.

Wort für Wort
yo na jānāti
wer nicht weiß/versteht (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
nirhantuṃ vastrāṇāṃ rajako malam
den Schmutz der Kleider zu entfernen, [nämlich] der Wäscher (Inf.; Gen.Pl.; Nom.Sg.; Akk.Sg.)
raktāni vā śodhayituṃ
oder gefärbte [Kleider] zu reinigen (Akk.Pl.n.; Inf.Kaus.)
yathā nāsti tathaiva saḥ
der ist wie nicht vorhanden (Adv.; 3.Sg.Präs.; Nom.)

evam eva dvijendrāṇāṃ kṣatriyāṇāṃ viśām api; śūdrāś caturṇāṃ varṇānāṃ nānākarmasv avasthitāḥ

Ebenso [verhält es sich] bei den Besten der Zweimalgeborenen, den Kṣatriyas und Vaiśyas, und die Śūdras: die vier Stände sind auf verschiedene Tätigkeiten festgelegt.

Wort für Wort
evam eva
ebenso (Adv.)
dvijendrāṇāṃ kṣatriyāṇāṃ viśām api
bei den Besten der Zweimalgeborenen, den Kṣatriyas und auch den Vaiśyas (Gen.Pl.)
śūdrāś
und die Śūdras (Nom.Pl.)
caturṇāṃ varṇānāṃ
der vier Stände (Gen.Pl.)
nānākarmasv avasthitāḥ
in verschiedenen Tätigkeiten festgelegt (Lok.Pl.; Part.Perf.Pass. Nom.Pl.)

karma śūdre kṛṣir vaiśye daṇḍanītiś ca rājani; brahmacaryaṃ tapo mantrāḥ satyaṃ cāpi dvijātiṣu

Beim Śūdra [ist] der Dienst [die Aufgabe], beim Vaiśya der Ackerbau, beim König die Regierungskunst der Strafe; bei den Zweimalgeborenen Keuschheit, Askese, Mantras und auch die Wahrheit.

Wort für Wort
karma śūdre
Tätigkeit/Dienst beim Śūdra (Nom.Sg.; Lok.Sg.)
kṛṣir vaiśye
Ackerbau beim Vaiśya (Nom.Sg.; Lok.Sg.)
daṇḍanītiś ca rājani
und Strafpolitik beim König (Nom.Sg.; Lok.Sg.)
brahmacaryaṃ tapo mantrāḥ
Keuschheit/Vedastudium, Askese, Mantras (Nom.Sg.; Nom.Pl.)
satyaṃ cāpi dvijātiṣu
und auch die Wahrheit bei den Zweimalgeborenen (Nom.Sg.; Lok.Pl.)

Prädikat ist zu ergänzen („ist“). brahmacarya auch „Enthaltsamkeit, Vedaschülerschaft“.

teṣāṃ yaḥ kṣatriyo veda vastrāṇām iva śodhanam; śīladoṣān vinirhantuṃ sa pitā sa prajāpatiḥ

Der Kṣatriya unter ihnen, der versteht, Charakterfehler zu beseitigen, wie man Kleider reinigt: der ist [ihr] Vater, der ist Prajāpati.

Wort für Wort
teṣāṃ yaḥ kṣatriyo veda
wer von ihnen als Kṣatriya versteht (Gen.Pl.; Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
vastrāṇām iva śodhanam
wie das Reinigen von Kleidern (Gen.Pl.; Nom.Sg.n.)
śīladoṣān vinirhantuṃ
Charakterfehler zu beseitigen (Akk.Pl.; Inf.)
sa pitā sa prajāpatiḥ
der ist Vater, der ist Prajāpati (Nom.Sg.)

kṛtaṃ tretā dvāparaś ca kaliś ca bharatarṣabha; rājavṛttāni sarvāṇi rājaiva yugam ucyate

Kṛta, Tretā, Dvāpara und Kali, Stier unter den Bharatas: alle sind Verhaltensweisen des Königs; der König allein wird ‚Yuga‘ genannt.

Wort für Wort
kṛtaṃ tretā dvāparaś ca kaliś ca
Kṛta, Tretā, Dvāpara und Kali (Nom.)
bharatarṣabha
Stier unter den Bharatas (Vok.Sg.)
rājavṛttāni sarvāṇi
alle Verhaltensweisen des Königs (Nom.Pl.n.)
rājā eva yugam ucyate
der König allein wird Yuga genannt (Nom.Sg.; Akk.Sg.; 3.Sg.Pass.)

cāturvarṇyaṃ tathā vedāś cāturāśramyam eva ca; sarvaṃ pramuhyate hy etad yadā rājā pramādyati

Die Vierständeordnung, ebenso die Veden und die vier Lebensstufen: all dies gerät in Verwirrung, wenn der König nachlässig ist.

Wort für Wort
cāturvarṇyaṃ tathā vedāḥ
die Vierständeordnung und ebenso die Veden (Nom.Sg.n.; Nom.Pl.)
cāturāśramyam eva ca
und auch die Ordnung der vier Lebensstufen (Nom.Sg.n.)
sarvaṃ pramuhyate hi etad
all dies gerät ja in Verwirrung (Nom.Sg.n.; 3.Sg.Pass.)
yadā rājā pramādyati
wenn der König nachlässig ist (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)

agnitretā trayī vidyā yajñāś ca sahadakṣiṇāḥ; sarva eva pramādyanti yadā rājā pramādyati

Die [drei] Feuer, das dreifache Wissen und die Opfer samt Opfergaben: alle werden nachlässig [vernachlässigt], wenn der König nachlässig ist.

Wort für Wort
agnitretā trayī vidyā
die drei Feuer, das dreifache Wissen (Nom.Sg.)
yajñāś ca sahadakṣiṇāḥ
und die Opfer samt Opfergaben (Nom.Pl.)
sarva eva pramādyanti
alle werden nachlässig (Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.)
yadā rājā pramādyati
wenn der König nachlässig ist (3.Sg.Präs.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (Sternvers) der kritischen Ausgabe.

rājaiva kartā bhūtānāṃ rājaiva ca vināśakaḥ; dharmātmā yaḥ sa kartā syād adharmātmā vināśakaḥ

Der König allein ist der Schöpfer der Wesen, und der König allein ist ihr Vernichter. Wer dharmagesinnt ist, der ist Schöpfer; wer adharmagesinnt ist, Vernichter.

Wort für Wort
rājā eva kartā bhūtānāṃ
der König allein ist Schöpfer der Wesen (Nom.Sg.; Gen.Pl.)
rājā eva ca vināśakaḥ
und der König allein ist Vernichter (Nom.Sg.)
dharmātmā yaḥ sa kartā syāt
wer dharmagesinnt ist, der sei/ist Schöpfer (Nom.Sg.; Opt.3.Sg.)
adharmātmā vināśakaḥ
der Adharmagesinnte [ist] Vernichter (Nom.Sg.)

rājño bhāryāś ca putrāś ca bāndhavāḥ suhṛdas tathā; sametya sarve śocanti yadā rājā pramādyati

Die Frauen des Königs, seine Söhne, Verwandte und Freunde: alle zusammen trauern, wenn der König nachlässig ist.

Wort für Wort
rājño bhāryāś ca putrāś ca
die Frauen und Söhne des Königs (Gen.Sg.; Nom.Pl.)
bāndhavāḥ suhṛdas tathā
Verwandte und ebenso Freunde (Nom.Pl.)
sametya sarve śocanti
alle trauern gemeinsam (Abs.; Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.)
yadā rājā pramādyati
wenn der König nachlässig ist

hastino 'śvāś ca gāvaś cāpy uṣṭrāśvataragardabhāḥ; adharmavṛtte nṛpatau sarve sīdanti pārthiva

Elefanten, Pferde und Rinder, auch Kamele, Maultiere und Esel: bei einem Herrscher, der adharmisch handelt, gehen alle zugrunde, o Fürst.

Wort für Wort
hastino 'śvāś ca gāvaś ca
Elefanten, Pferde und Rinder (Nom.Pl.)
api uṣṭrāśvataragardabhāḥ
auch Kamele, Maultiere, Esel (Nom.Pl.)
adharmavṛtte nṛpatau
bei einem König, der adharmisch handelt (Lok.Sg., Lok. abs.)
sarve sīdanti pārthiva
alle gehen zugrunde/sinken (3.Pl.Präs.); o Fürst (Vok.Sg.)

durbalārthaṃ balaṃ sṛṣṭaṃ dhātrā māndhātar ucyate; abalaṃ tan mahad bhūtaṃ yasmin sarvaṃ pratiṣṭhitam

Für den Schwachen wurde von Dhātṛ die Stärke geschaffen, so sagt man, Māndhātṛ. Das Schwache ist ein großes Wesen, in dem alles gegründet ist.

Wort für Wort
durbalārthaṃ balaṃ sṛṣṭaṃ
um des Schwachen willen ist die Stärke geschaffen (Adv.; Nom.Sg.n.; Part.Perf.Pass.)
dhātrā
vom Schöpfer/Dhātṛ (Instr.Sg.)
māndhātar ucyate
o Māndhātṛ, so heißt es/sagt man (Vok.Sg.; 3.Sg.Pass.)
abalaṃ tad mahad bhūtaṃ
das Schwache ist jenes große Wesen (Nom.Sg.n.)
yasmin sarvaṃ pratiṣṭhitam
in dem alles gegründet ist (Lok.Sg.; Part.Perf.Pass.)

Die Wendung „ein großes Wesen“ (mahad bhūtam) kann auch „große Macht“ meinen.

yac ca bhūtaṃ sa bhajate bhūtā ye ca tadanvayāḥ; adharmasthe hi nṛpatau sarve sīdanti pārthiva

Und welches Wesen [der Schwache] es ist, dem wenden sich [die Wesen] zu, und die Wesen, die zu diesem gehören. Beim König, der im Adharma steht, sinken alle, o Fürst.

Wort für Wort
yat ca bhūtaṃ sa bhajate
und welches Wesen es auch sei, dem wendet man sich zu (Nom.Sg.n.; 3.Sg.Präs.Med.)
bhūtā ye ca tadanvayāḥ
und die Wesen, die zu diesem gehören (Nom.Pl.; Nom.Pl.)
adharmasthe hi nṛpatau
denn beim König, der im Adharma steht (Lok.Sg.)
sarve sīdanti pārthiva
alle sinken, o Fürst (3.Pl.Präs.; Vok.Sg.)

Halbvers a schwierig; Subjekt von bhajate unklar. [?] Wiedergabe wortnah.

durbalasya hi yac cakṣur muner āśīviṣasya ca; aviṣahyatamaṃ manye mā sma durbalam āsadaḥ

Der Blick des Schwachen und der des Weisen und der Giftschlange: Ich halte ihn für den am schwersten zu ertragenden. Nähere dich [darum] nicht einem Schwachen [feindlich]!

Wort für Wort
durbalasya hi yat cakṣur
denn der Blick des Schwachen (Gen.Sg.; Nom.Sg.n.)
muner āśīviṣasya ca
des Weisen und der Giftschlange (Gen.Sg.)
aviṣahyatamaṃ manye
für am unerträglichsten halte ich [ihn] (Superl.Akk.; 1.Sg.Präs.)
mā sma durbalam āsadaḥ
nähere dich nicht dem Schwachen [angreifend] (Prohib.; Akk.Sg.; 2.Sg.Aor.)

durbalāṃs tāta budhyethā nityam evāvimānitān; mā tvāṃ durbalacakṣūṃṣi pradaheyuḥ sabāndhavam

Mein Lieber, erkenne die Schwachen als [solche, die] stets nicht zu missachten [sind]! Mögen die Blicke der Schwachen dich nicht samt deiner Verwandtschaft verbrennen.

Wort für Wort
durbalān tāta budhyethāḥ
die Schwachen, mein Lieber, sollst du erkennen (Akk.Pl.; Vok.; 2.Sg.Opt.Med.)
nityam eva avimānitān
als stets nicht Missachtete (Adv.; Akk.Pl.)
mā tvāṃ durbalacakṣūṃṣi
nicht sollen dich die Blicke der Schwachen (Akk.Sg.; Nom.Pl.n.)
pradaheyuḥ sabāndhavam
verbrennen samt [deinen] Verwandten (3.Pl.Opt.; Akk.Sg.)

na hi durbaladagdhasya kule kiṃ cit prarohati; āmūlaṃ nirdahaty eva mā sma durbalam āsadaḥ

Denn in der Familie, die von einem Schwachen verbrannt wurde, sprießt nichts mehr; er verbrennt sie bis zur Wurzel. Nähere dich nicht einem Schwachen [feindlich]!

Wort für Wort
na hi durbaladagdhasya
denn von dem, der vom Schwachen verbrannt wurde (Gen.Sg.; Part.Perf.Pass.)
kule kiṃ cit prarohati
in der Familie sprießt irgendetwas (Lok.Sg.; 3.Sg.Präs.)
āmūlaṃ nirdahati eva
er verbrennt sie bis zur Wurzel (Adv.; 3.Sg.Präs.)
mā sma durbalam āsadaḥ
nähere dich nicht dem Schwachen (2.Sg.Aor.)

abalaṃ vai balāc chreyo yac cātibalavad balam; balasyābaladagdhasya na kiṃ cid avaśiṣyate

Schwachheit ist besser als Stärke, und zwar [als] jene Stärke, die übermächtig ist; von der Stärke, die vom Schwachen verbrannt wurde, bleibt nichts übrig.

Wort für Wort
abalaṃ vai balāt śreyo
Schwäche ist besser als Stärke (Nom.Sg.n.; Abl.Sg.; Komp.)
yat ca atibalavad balam
und zwar die Stärke, die übermächtig ist (Nom.Sg.n.)
balasya abaladagdhasya
von der Stärke, die vom Schwachen verbrannt wurde (Gen.Sg.)
na kiṃ cid avaśiṣyate
nichts bleibt übrig (3.Sg.Pass.)

Halbvers a: die Konstruktion (yac cātibalavad balam) ist elliptisch; Wiedergabe mit geringen Zusatzannahmen.

vimānito hatotkruṣṭas trātāraṃ cen na vindati; amānuṣakṛtas tatra daṇḍo hanti narādhipam

Wenn ein Missachteter, Geschlagener, Schreiender keinen Beschützer findet, dann trifft die nicht von Menschen bewirkte Strafe den Herrscher der Menschen.

Wort für Wort
vimānito hatotkruṣṭaḥ
missachtet, geschlagen, angeschrien/schreiend (Part.Nom.Sg.)
trātāraṃ cet na vindati
wenn er keinen Beschützer findet (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
amānuṣakṛtas tatra daṇḍo
dann die nicht von Menschen bewirkte Strafe (Nom.Sg.)
hanti narādhipam
erschlägt den Herrscher der Menschen (3.Sg.Präs.; Akk.Sg.)

hatotkruṣṭa auch als „geschlagen und schreiend“ (Dvandva).

mā sma tāta bale stheyā bādhiṣṭhā māpi durbalam; mā tvā durbalacakṣūṃṣi dhakṣyanty agnir ivāśrayam

Mein Lieber, verlass dich nicht auf [deine] Stärke und bedränge auch nicht den Schwachen; die Blicke der Schwachen sollen dich nicht verbrennen, wie das Feuer eine Wohnstatt.

Wort für Wort
mā sma tāta bale stheyāḥ
mein Lieber, stehe nicht [pochend] auf Stärke (Prohib.; Vok.; Lok.Sg.; 2.Sg.Opt.)
bādhiṣṭhāḥ mā api durbalam
und bedränge auch nicht den Schwachen (2.Sg.Aor.Med.; Akk.Sg.)
mā tvā durbalacakṣūṃṣi
nicht [sollen] dich die Blicke der Schwachen (Akk.; Nom.Pl.n.)
dhakṣyanti agnir iva āśrayam
werden verbrennen wie Feuer eine Wohnstatt (3.Pl.Fut.; Nom.Sg.; Akk.Sg.)

Die Verbindung von mā mit dem Futur (dhakṣyanti) ist ungewöhnlich; Sinn: Warnung.

yāni mithyābhiśastānāṃ patanty aśrūṇi rodatām; tāni putrān paśūn ghnanti teṣāṃ mithyābhiśāsatām

Die Tränen der zu Unrecht Beschuldigten, die weinend fallen: diese erschlagen die Söhne und das Vieh derer, die zu Unrecht beschuldigen.

Wort für Wort
yāni mithyābhiśastānāṃ
die Tränen der zu Unrecht Beschuldigten (Nom.Pl.n.; Gen.Pl.)
patanti aśrūṇi rodatām
fallen [als] Tränen der Weinenden (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.; Gen.Pl.)
tāni putrān paśūn ghnanti
diese erschlagen Söhne und Vieh (3.Pl.Präs.; Akk.Pl.)
teṣāṃ mithyābhiśāsatām
derer, die zu Unrecht beschuldigen (Gen.Pl.; Part.Präs.)

mithyābhiśāsatām: Lesart unsicher (evtl. „zu Unrecht Regierenden/Strafenden“).

yadi nātmani putreṣu na cet pautreṣu naptṛṣu; na hi pāpaṃ kṛtaṃ karma sadyaḥ phalati gaur iva

[Trifft es] nicht ihn selbst, [dann] die Söhne; wenn nicht, dann die Enkel, die Urenkel: Denn eine getane böse Tat reift nicht sofort, wie die Erde [?] [nicht sofort Frucht trägt].

Wort für Wort
yadi na ātmani putreṣu
wenn nicht an ihm selbst, [dann] an den Söhnen (Lok.Sg.; Lok.Pl.)
na cet pautreṣu naptṛṣu
wenn nicht, [dann] an den Enkeln, den Urenkeln (Lok.Pl.)
na hi pāpaṃ kṛtaṃ karma
denn eine getane böse Tat (Nom.Sg.n.; Part.)
sadyaḥ phalati
trägt nicht sofort Frucht (Adv.; 3.Sg.Präs.)
gaur iva
wie eine Kuh/die Erde [?] (Nom.Sg.)

gaur iva: gauḥ = Kuh oder Erde; Vergleichspunkt (Frucht nicht sofort) spricht für „Erde“. Der Satz ist elliptisch.

yatrābalo vadhyamānas trātāraṃ nādhigacchati; mahān daivakṛtas tatra daṇḍaḥ patati dāruṇaḥ

Wo ein Schwacher, [während er] geschlagen wird, keinen Beschützer findet, da fällt eine große, von den Göttern bewirkte, furchtbare Strafe.

Wort für Wort
yatra abalo vadhyamānaḥ
wo ein Schwacher, der geschlagen/getötet wird (Nom.Sg.; Part.Pass.)
trātāraṃ na adhigacchati
keinen Beschützer findet (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
mahān daivakṛtas tatra
eine große, von den Göttern bewirkte, dort (Nom.Sg.)
daṇḍaḥ patati dāruṇaḥ
fällt die furchtbare Strafe (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)

yuktā yadā jānapadā bhikṣante brāhmaṇā iva; abhīkṣṇaṃ bhikṣudoṣeṇa rājānaṃ ghnanti tādṛśāḥ

Wenn die [im Amt] eingesetzten Landesbeamten wie Brahmanen fortwährend betteln, dann erschlagen solche [Leute] durch den Fehler des Bettelns den König.

Wort für Wort
yuktā yadā jānapadā
wenn die eingesetzten Landesbeamten (Nom.Pl.; Nom.Pl.)
bhikṣante brāhmaṇā iva
betteln wie Brahmanen (3.Pl.Präs.Med.; Nom.Pl.)
abhīkṣṇaṃ bhikṣudoṣeṇa
fortwährend durch den Fehler des Bettelns (Adv.; Instr.Sg.)
rājānaṃ ghnanti tādṛśāḥ
erschlagen solche den König (Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)

yuktāḥ = angestellte Beamte; gemeint ist wohl Erpressung von Abgaben. [?]

rājño yadā janapade bahavo rājapūruṣāḥ; anayenopavartante tad rājñaḥ kilbiṣaṃ mahat

Wenn im Land des Königs viele Königsdiener ungerecht vorgehen, dann ist das eine große Sünde des Königs.

Wort für Wort
rājño yadā janapade
wenn im Land des Königs (Gen.Sg.; Lok.Sg.)
bahavo rājapūruṣāḥ
viele Königsdiener (Nom.Pl.)
anayena upavartante
durch Unrecht/ungerecht vorgehen (Instr.Sg.; 3.Pl.Präs.Med.)
tad rājñaḥ kilbiṣaṃ mahat
das ist eine große Verfehlung des Königs (Nom.Sg.n.)

yadā yuktā nayanty arthān kāmād arthavaśena vā; kṛpaṇaṃ yācamānānāṃ tad rājño vaiśasaṃ mahat

Wenn die Beamten die Angelegenheiten der jämmerlich Bittenden aus Laune oder unter dem Zwang des Vorteils [so] führen, dann ist das ein großes Unheil für den König.

Wort für Wort
yadā yuktā nayanti arthān
wenn die Beamten die Angelegenheiten führen (Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.; Akk.Pl.)
kāmād arthavaśena vā
aus Willkür/Begierde oder unter dem Zwang des Vorteils (Abl.Sg.; Instr.Sg.)
kṛpaṇaṃ yācamānānāṃ
der jämmerlich Bittenden (Adv.; Gen.Pl.Part.Med.)
tad rājño vaiśasaṃ mahat
das ist ein großes Unheil/Verderben für den König (Nom.Sg.n.)

Konstruktion locker; nayanti arthān evtl. „bringen [die Sache] durch“. [?]

mahāvṛkṣo jāyate vardhate ca; taṃ caiva bhūtāni samāśrayanti; yadā vṛkṣaś chidyate dahyate vā; tadāśrayā aniketā bhavanti

Ein großer Baum entsteht und wächst, und ihn suchen die Wesen als Zuflucht auf; wird der Baum gefällt oder verbrannt, dann werden die, die bei ihm Zuflucht hatten, ohne Behausung.

Wort für Wort
mahāvṛkṣo jāyate vardhate ca
ein großer Baum entsteht und wächst (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
taṃ ca eva bhūtāni samāśrayanti
und ihn suchen die Wesen auf (Akk.Sg.; Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.)
yadā vṛkṣaś chidyate dahyate vā
wenn der Baum gefällt oder verbrannt wird (3.Sg.Pass.)
tadā āśrayā aniketā bhavanti
dann werden die, die dort Zuflucht hatten, ohne Behausung (Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.)

yadā rāṣṭre dharmam agryaṃ caranti; saṃskāraṃ vā rājaguṇaṃ bruvāṇāḥ; tair evādharmaś carito dharmamohāt; tūrṇaṃ jahyāt sukṛtaṃ duṣkṛtaṃ ca

Wenn im Reich [Leute] den höchsten Dharma üben oder [bloße] Läuterung als Königstugend ausgeben, [so] wird von eben diesen aus Verblendung über den Dharma Adharma geübt; rasch würde man Gutes und Schlechtes [Verdienst und Vergehen] preisgeben [?].

Wort für Wort
yadā rāṣṭre dharmam agryaṃ caranti
wenn sie im Reich den höchsten Dharma üben (Lok.Sg.; Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.)
saṃskāraṃ vā rājaguṇaṃ bruvāṇāḥ
oder Läuterung als Königstugend bezeichnend (Akk.Sg.; Part.Präs.Med. Nom.Pl.)
tair eva adharmaś carito
von eben diesen wird Adharma geübt (Instr.Pl.; Nom.Sg.; Part.Pass.)
dharmamohāt
aus Verblendung über den Dharma (Abl.Sg.)
tūrṇaṃ jahyāt sukṛtaṃ duṣkṛtaṃ ca
rasch würde man Gutgetanes und Schlechtgetanes preisgeben (Adv.; 3.Sg.Opt.; Akk.Sg.n.)

Stark verderbt oder elliptisch; Subjekt von jahyāt und Sinn von saṃskāra unsicher. Wiedergabe tastend.

yatra pāpā jñāyamānāś caranti; satāṃ kalir vindati tatra rājñaḥ; yadā rājā śāsti narān naśiṣyān; na tad rājyaṃ vardhate bhūmipāla

Wo Böse, obwohl erkannt, [frei] umhergehen, da erlangt der König das Unheil der Guten [?]; wenn ein König Menschen lenkt, die dem Untergang geweiht sind [?], dann gedeiht dieses Reich nicht, o Erdhüter.

Wort für Wort
yatra pāpā jñāyamānāś caranti
wo Böse, obwohl erkannt, umhergehen (Nom.Pl.; Part.Pass.; 3.Pl.Präs.)
satāṃ kalir vindati tatra rājñaḥ
das Unheil der Guten trifft dort den König [?] (Gen.Pl.; Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.; Akk.Sg.)
yadā rājā śāsti narān naśiṣyān
wenn der König Menschen lenkt, die zugrunde gehen werden [?] (3.Sg.Präs.; Akk.Pl.; Part.Fut.)
na tad rājyaṃ vardhate
dieses Reich gedeiht nicht (Nom.Sg.n.; 3.Sg.Präs.)
bhūmipāla
o Erdhüter (Vok.Sg.)

satāṃ kalir rājñaḥ: Konstruktion unsicher (rājñaḥ evtl. Gen. zu kalir). naśiṣyān evtl. auch na śiṣyān „nicht zu Belehrende/Züchtigende“. [?]

yaś cāmātyaṃ mānayitvā yathārhaṃ; mantre ca yuddhe ca nṛpo niyuñjyāt; pravardhate tasya rāṣṭraṃ nṛpasya; bhuṅkte mahīṃ cāpy akhilāṃ cirāya

Der König, der den Minister nach Gebühr ehrt und ihn in Beratung und im Krieg einsetzt: dessen Reich gedeiht, und er genießt lange die ganze Erde.

Wort für Wort
yaḥ ca amātyaṃ mānayitvā yathārham
wer den Minister nach Gebühr ehrt (Nom.Sg.; Akk.Sg.; Abs.; Adv.)
mantre ca yuddhe ca nṛpo niyuñjyāt
und der König ihn im Rat und im Krieg einsetzt (Lok.Sg.; Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.)
pravardhate tasya rāṣṭraṃ nṛpasya
es gedeiht das Reich dieses Königs (3.Sg.Präs.; Gen.Sg.; Nom.Sg.n.)
bhuṅkte mahīṃ ca api akhilāṃ cirāya
und er genießt die ganze Erde lange (3.Sg.Präs.; Akk.Sg.; Dat.Sg.)

atrāpi sukṛtaṃ karma vācaṃ caiva subhāṣitām; samīkṣya pūjayan rājā dharmaṃ prāpnoty anuttamam

Auch hierbei erlangt der König den höchsten Dharma, wenn er gute Tat und wohlgesprochenes Wort erwägt und ehrt.

Wort für Wort
atra api sukṛtaṃ karma
auch hierbei die gute Tat (Adv.; Akk.Sg.n.)
vācaṃ ca eva subhāṣitām
und das wohlgesprochene Wort (Akk.Sg.f.)
samīkṣya pūjayan rājā
erwägend und ehrend, der König (Abs.; Part.Präs.; Nom.Sg.)
dharmaṃ prāpnoti anuttamam
erlangt den unübertrefflichen Dharma (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)

saṃvibhajya yadā bhuṅkte na cānyān avamanyate; nihanti balinaṃ dṛptaṃ sa rājño dharma ucyate

Wenn er, nachdem er [alles] geteilt hat, [erst dann] isst und keinen anderen geringschätzt, wenn er den stolzen Starken niederschlägt – das wird des Königs Dharma genannt.

Wort für Wort
saṃvibhajya yadā bhuṅkte
nachdem er geteilt hat, wenn er isst (Abs./3.Sg.Präs.Med.)
na ca anyān avamanyate
und nicht andere geringschätzt (3.Sg.Präs./Akk.Pl.)
nihanti balinaṃ dṛptaṃ
er schlägt nieder den Starken, Stolzen (3.Sg./Akk.Sg.)
sa rājñaḥ dharmaḥ ucyate
das wird des Königs Dharma genannt (Gen./Nom./3.Sg.Pass.)

trāyate hi yadā sarvaṃ vācā kāyena karmaṇā; putrasyāpi na mṛṣyec ca sa rājño dharma ucyate

Wenn er [alles] in Wort, Leib und Tat beschützt und selbst bei einem Sohn [Unrecht] nicht duldet – das wird des Königs Dharma genannt.

Wort für Wort
trāyate hi yadā sarvam
er beschützt ja, wenn, alles (3.Sg.Präs.Med./Akk.)
vācā kāyena karmaṇā
durch Wort, Leib, Tat (Instr.)
putrasya api na mṛṣyet ca
selbst des Sohnes nicht duldet er (Gen./Opt.)
sa rājñaḥ dharmaḥ ucyate
das wird des Königs Dharma genannt

Objekt von „trāyate“ ist „sarvam“; „mṛṣyet“ ohne ausdrückliches Objekt, [Unrecht] ergänzt.

saṃvibhajya yadā bhuṅkte nṛpatir durbalān narān; tadā bhavanti balinaḥ sa rājño dharma ucyate

Wenn ein König, nachdem er geteilt hat, [erst dann] isst, [teilend] mit den schwachen Menschen, dann werden sie stark – das wird des Königs Dharma genannt.

Wort für Wort
saṃvibhajya yadā bhuṅkte
nachdem er geteilt hat, wenn er isst
nṛpatiḥ durbalān narān
der König, die schwachen Menschen (Nom./Akk.Pl.)
tadā bhavanti balinaḥ
dann werden sie stark (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
sa rājñaḥ dharmaḥ ucyate
das wird des Königs Dharma genannt

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; „saṃvibhajya … durbalān narān“ wörtlich: nachdem er geteilt hat [mit] den schwachen Männern.

yadā rakṣati rāṣṭrāṇi yadā dasyūn apohati; yadā jayati saṃgrāme sa rājño dharma ucyate

Wenn er die Reiche schützt, wenn er die Räuber vertreibt, wenn er in der Schlacht siegt – das wird des Königs Dharma genannt.

Wort für Wort
yadā rakṣati rāṣṭrāṇi
wenn er schützt die Reiche (3.Sg./Akk.Pl.)
yadā dasyūn apohati
wenn er die Räuber vertreibt (Akk.Pl./3.Sg.)
yadā jayati saṃgrāme
wenn er siegt in der Schlacht (3.Sg./Lok.)
sa rājñaḥ dharmaḥ ucyate
das wird des Königs Dharma genannt

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

pāpam ācarato yatra karmaṇā vyāhṛtena vā; priyasyāpi na mṛṣyeta sa rājño dharma ucyate

Wo einer Böses tut, durch Tat oder ausgesprochenes Wort, da soll er es selbst bei einem Lieben nicht dulden – das wird des Königs Dharma genannt.

Wort für Wort
pāpam ācarataḥ yatra
des Böses Tuenden, wo (Akk./Gen.Part./Adv.)
karmaṇā vyāhṛtena vā
durch Tat oder durch Gesprochenes (Instr.)
priyasya api na mṛṣyeta
selbst des Lieben nicht dulde er (Gen./Opt.Med.)
sa rājñaḥ dharmaḥ ucyate
das wird des Königs Dharma genannt

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

yadā śāraṇikān rājā putravat parirakṣati; bhinatti na ca maryādāṃ sa rājño dharma ucyate

Wenn der König die Śāraṇikas [?] wie Söhne beschützt und die Schranke [der Ordnung] nicht durchbricht – das wird des Königs Dharma genannt.

Wort für Wort
yadā śāraṇikān rājā
wenn die Śāraṇikas [?] der König (Akk.Pl./Nom.)
putravat parirakṣati
wie Söhne beschützt er (Adv./3.Sg.Präs.)
bhinatti na ca maryādām
und nicht durchbricht er die Schranke (3.Sg./Akk.)
sa rājñaḥ dharmaḥ ucyate
das wird des Königs Dharma genannt

„śāraṇika“ unsicher (etwa: Schutzsuchende/Schutzbefohlene oder Wanderer).

yadāptadakṣiṇair yajñair yajate śraddhayānvitaḥ; kāmadveṣāv anādṛtya sa rājño dharma ucyate

Wenn er mit Opfern, bei denen die Opferlöhne recht bemessen sind, voll Vertrauen opfert und Begierde und Hass unbeachtet lässt – das wird des Königs Dharma genannt.

Wort für Wort
yadā āpta-dakṣiṇaiḥ yajñaiḥ
wenn mit Opfern mit angemessenen Opferlöhnen (Instr.Pl.)
yajate śraddhayā anvitaḥ
opfert er, mit Vertrauen begabt (3.Sg.Med./Instr./Nom.)
kāma-dveṣau anādṛtya
Begierde und Hass missachtend (Akk.Du./Abs.)
sa rājñaḥ dharmaḥ ucyate
das wird des Königs Dharma genannt

kṛpaṇānāthavṛddhānāṃ yadāśru vyapamārṣṭi vai; harṣaṃ saṃjanayan nṝṇāṃ sa rājño dharma ucyate

Wenn er den Armen, Schutzlosen und Alten die Träne abwischt und den Menschen Freude erzeugt – das wird des Königs Dharma genannt.

Wort für Wort
kṛpaṇa-anātha-vṛddhānām
der Elenden, Schutzlosen, Alten (Gen.Pl.)
yadā aśru vyapamārṣṭi vai
wenn er die Träne abwischt, fürwahr (3.Sg.Präs.)
harṣaṃ saṃjanayan
Freude erzeugend (Akk./Part.Präs.)
nṝṇām sa rājñaḥ dharmaḥ ucyate
den Männern; das wird des Königs Dharma genannt (Gen./Dat.-Sinn)

vivardhayati mitrāṇi tathārīṃś cāpakarṣati; saṃpūjayati sādhūṃś ca sa rājño dharma ucyate

Er lässt die Freunde wachsen, so auch drängt er die Feinde zurück und ehrt die Guten – das wird des Königs Dharma genannt.

Wort für Wort
vivardhayati mitrāṇi
er lässt wachsen die Freunde (3.Sg.Kaus./Akk.Pl.)
tathā arīn ca apakarṣati
und ebenso die Feinde zieht er weg (Akk.Pl./3.Sg.)
saṃpūjayati sādhūn ca
und ehrt die Guten (3.Sg./Akk.Pl.)
sa rājñaḥ dharmaḥ ucyate
das wird des Königs Dharma genannt

satyaṃ pālayati prāptyā nityaṃ bhūmiṃ prayacchati; pūjayaty atithīn bhṛtyān sa rājño dharma ucyate

Er hält die Wahrheit, gibt stets Land nach [rechtem] Erlangen [?], ehrt Gäste und Diener – das wird des Königs Dharma genannt.

Wort für Wort
satyaṃ pālayati
die Wahrheit hütet er (Akk./3.Sg.)
prāptyā nityaṃ
durch Erlangen [?], stets (Instr./Adv.)
bhūmiṃ prayacchati
Land gibt er (Akk./3.Sg.)
pūjayati atithīn bhṛtyān
er ehrt Gäste, Diener (Akk.Pl.)
sa rājñaḥ dharmaḥ ucyate
das wird des Königs Dharma genannt

„prāptyā“ unsicher (etwa: nach Gebühr/gemäß dem Erlangten).

nigrahānugrahau cobhau yatra syātāṃ pratiṣṭhitau; asmiṃl loke pare caiva rājā tat prāpnute phalam

Wo Strafe und Gunst beide fest gegründet sind, jenen Lohn erlangt der König in dieser Welt und in der jenseitigen.

Wort für Wort
nigraha-anugrahau ca ubhau
Strafe und Gunst, beide (Nom.Du.)
yatra syātām pratiṣṭhitau
wo sie sein mögen, gegründet (Opt.Du./Nom.Du.)
asmin loke pare ca eva
in dieser Welt und in der jenseitigen (Lok.)
rājā tat prāpnute phalam
der König erlangt jenen Lohn (Nom./3.Sg./Akk.)

yamo rājā dhārmikāṇāṃ māndhātaḥ parameśvaraḥ; saṃyacchan bhavati prāṇān nasaṃyacchaṃs tu pāpakaḥ

Yama ist der König der Rechtschaffenen, Māndhātṛ, der höchste Herr; zügelnd [erhält] er die Lebewesen [?], nicht zügelnd aber ist er ein Übeltäter.

Wort für Wort
yamaḥ rājā dhārmikāṇām
Yama [ist] König der Rechtschaffenen (Nom./Gen.Pl.)
māndhātaḥ parama-īśvaraḥ
Māndhātṛ, höchster Herr (Vok./Nom.)
saṃyacchan bhavati prāṇān
zügelnd wird er [Herr über] die Lebewesen [?] (Part./3.Sg./Akk.Pl.)
na saṃyacchan tu pāpakaḥ
nicht zügelnd aber [ist er] ein Übeltäter (Part./Nom.)

Zweiter Halbvers syntaktisch knapp; „prāṇān“ als Objekt zu „saṃyacchan“ gefasst, „na saṃyacchan“ zu trennen.

ṛtvikpurohitācāryān satkṛtyānavamanya ca; yadā samyak pragṛhṇāti sa rājño dharma ucyate

Wenn er Opferpriester, Hauspriester und Lehrer ehrt, sie nicht geringschätzt und recht unterstützt – das wird des Königs Dharma genannt.

Wort für Wort
ṛtvij-purohita-ācāryān
Opferpriester, Hauspriester, Lehrer (Akk.Pl.)
satkṛtya anavamanya ca
ehrend und nicht geringschätzend (Abs.)
yadā samyak pragṛhṇāti
wenn er recht annimmt/unterstützt (3.Sg.Präs.)
sa rājñaḥ dharmaḥ ucyate
das wird des Königs Dharma genannt

yamo yacchati bhūtāni sarvāṇy evāviśeṣataḥ; tasya rājñānukartavyaṃ yantavyā vidhivat prajāḥ

Yama zügelt alle Wesen ohne Unterschied; ihm soll der König nacheifern: die Untertanen sind der Vorschrift gemäß zu zügeln.

Wort für Wort
yamaḥ yacchati bhūtāni
Yama zügelt die Wesen (Nom./3.Sg./Akk.Pl.)
sarvāṇi eva aviśeṣataḥ
alle, ohne Unterschied (Akk.Pl./Adv.)
tasya rājñā anukartavyam
ihm ist vom König nachzueifern (Gen./Instr./Gerundiv)
yantavyāḥ vidhivat prajāḥ
zu zügeln sind vorschriftsgemäß die Untertanen (Gerundiv/Adv./Nom.Pl.)

sahasrākṣeṇa rājā hi sarva evopamīyate; sa paśyati hi yaṃ dharmaṃ sa dharmaḥ puruṣarṣabha

Mit dem Tausendäugigen [Indra] wird ja jeder König verglichen; welches Dharma er sieht, das ist das Dharma, Stier unter den Männern.

Wort für Wort
sahasra-akṣeṇa rājā hi
mit dem Tausendäugigen, der König ja (Instr./Nom.)
sarvaḥ eva upamīyate
jeder wird verglichen (Nom./3.Sg.Pass.)
saḥ paśyati hi yaṃ dharmam
er sieht ja, welches Dharma (3.Sg./Akk.)
saḥ dharmaḥ puruṣa-ṛṣabha
das ist das Dharma, Stier der Männer (Nom./Vok.)

apramādena śikṣethāḥ kṣamāṃ buddhiṃ dhṛtiṃ matim; bhūtānāṃ sattvajijñāsāṃ sādhv asādhu ca sarvadā

Mit Unachtsamkeitsfreiheit [d. h. Wachsamkeit] sollst du lernen: Geduld, Einsicht, Standhaftigkeit, Verstand, und stets die Erforschung der Wesensart der Wesen, des Guten und des Nicht-Guten.

Wort für Wort
apramādena śikṣethāḥ
mit Wachsamkeit sollst du lernen (Instr./Opt.Med.)
kṣamāṃ buddhiṃ dhṛtiṃ matim
Geduld, Einsicht, Standhaftigkeit, Verstand (Akk.)
bhūtānāṃ sattva-jijñāsām
der Wesen Wesensart-Erforschung (Gen.Pl./Akk.)
sādhu asādhu ca sarvadā
Gutes und Nicht-Gutes, stets (Akk.Sg.n./Adv.)

saṃgrahaḥ sarvabhūtānāṃ dānaṃ ca madhurā ca vāk; paurajānapadāś caiva goptavyāḥ svā yathā prajāḥ

Das Zusammenhalten aller Wesen, das Geben und das freundliche Wort; Städter und Landbewohner sind zu schützen wie die eigenen Kinder.

Wort für Wort
saṃgrahaḥ sarva-bhūtānām
Zusammenhalt aller Wesen (Nom./Gen.Pl.)
dānaṃ ca madhurā ca vāk
Geben und süßes Wort (Nom.)
paura-jānapadāḥ ca eva
Städter und Landleute (Nom.Pl.)
goptavyāḥ svāḥ yathā prajāḥ
zu schützen, wie eigene Nachkommen (Gerundiv/Nom.Pl.)

na jātv adakṣo nṛpatiḥ prajāḥ śaknoti rakṣitum; bhāro hi sumahāṃs tāta rājyaṃ nāma suduṣkaram

Nie kann ein ungeschickter König die Untertanen schützen; eine sehr große Last ist ja, mein Lieber, das Königtum, überaus schwer zu tragen.

Wort für Wort
na jātu adakṣaḥ nṛpatiḥ
niemals ein Ungeschickter, König (Nom.)
prajāḥ śaknoti rakṣitum
die Untertanen vermag er zu schützen (Akk./3.Sg./Inf.)
bhāraḥ hi su-mahān tāta
Last ja sehr groß, Lieber (Nom./Vok.)
rājyaṃ nāma su-duṣkaram
das Königtum, wahrlich, überaus schwer (Nom.)

tad daṇḍavin nṛpaḥ prājñaḥ śūraḥ śaknoti rakṣitum; na hi śakyam adaṇḍena klībenābuddhināpi vā

Darum vermag ein einsichtiger, tapferer König, der den Stock [der Strafe] führt, zu schützen; denn ohne Stock oder als Schwächling oder Unverständiger ist es nicht möglich.

Wort für Wort
tad daṇḍavin nṛpaḥ
darum [?] der Strafgewalt-Führende, König (Nom.)
prājñaḥ śūraḥ śaknoti rakṣitum
einsichtig, tapfer, vermag zu schützen (Nom./3.Sg./Inf.)
na hi śakyam adaṇḍena
denn nicht möglich ist es ohne Stock (Instr.)
klībena abuddhinā api vā
durch einen Schwächling oder Unverständigen (Instr.)

„tad daṇḍavin“ formal unklar; als „tad“ (darum) und „daṇḍavin“ = Strafgewalt Führender gefasst [?].

abhirūpaiḥ kule jātair dakṣair bhaktair bahuśrutaiḥ; sarvā buddhīḥ parīkṣethās tāpasāśramiṇām api

Mit Wohlgestalteten, aus gutem Geschlecht Geborenen, Tüchtigen, Ergebenen, Vielgelehrten sollst du alle Gesinnungen prüfen, selbst die der Einsiedeleibewohner.

Wort für Wort
abhirūpaiḥ kule jātaiḥ
mit Passenden/Wohlgestalteten, im Geschlecht Geborenen (Instr.Pl.)
dakṣaiḥ bhaktaiḥ bahu-śrutaiḥ
Tüchtigen, Ergebenen, Vielgelehrten (Instr.Pl.)
sarvāḥ buddhīḥ parīkṣethāḥ
alle Gesinnungen sollst du prüfen (Akk.Pl./Opt.Med.)
tāpasa-āśraminām api
selbst der Asketen und Einsiedler (Gen.Pl.)

tatas tvaṃ sarvabhūtānāṃ dharmaṃ vetsyasi vai param; svadeśe paradeśe vā na te dharmo vinaśyati

Dann wirst du das höchste Dharma aller Wesen erkennen; im eigenen Land oder im fremden geht dein Dharma nicht zugrunde.

Wort für Wort
tataḥ tvaṃ sarva-bhūtānām
dann du, aller Wesen (Adv./Nom./Gen.Pl.)
dharmaṃ vetsyasi vai param
das Dharma wirst du erkennen, fürwahr, das höchste (Akk./2.Sg.Fut./Akk.)
sva-deśe para-deśe vā
im eigenen Land oder im fremden (Lok.)
na te dharmaḥ vinaśyati
nicht geht dir das Dharma zugrunde (Gen./Nom./3.Sg.)

dharmaś cārthaś ca kāmaś ca dharma evottaro bhavet; asmiṃl loke pare caiva dharmavit sukham edhate

Dharma, Artha und Kāma – das Dharma allein möge das Höchste sein; in dieser Welt und in der jenseitigen gedeiht der Dharma-Kundige glücklich.

Wort für Wort
dharmaḥ ca arthaḥ ca kāmaḥ ca
Dharma, Artha und Kāma (Nom.)
dharmaḥ eva uttaraḥ bhavet
das Dharma allein sei das Höhere/Höchste (Nom./Opt.)
asmin loke pare ca eva
in dieser Welt und in der jenseitigen (Lok.)
dharma-vit sukham edhate
der Dharma-Kundige gedeiht glücklich (Nom./Adv./3.Sg.Med.)

tyajanti dārān prāṇāṃś ca manuṣyāḥ pratipūjitāḥ; saṃgrahaś caiva bhūtānāṃ dānaṃ ca madhurā ca vāk

Menschen, die geehrt werden, geben Frauen und Leben auf; [so wirkt] das Zusammenhalten der Wesen, das Geben und das freundliche Wort.

Wort für Wort
tyajanti dārān prāṇān ca
sie geben auf Frauen und Leben (3.Pl./Akk.Pl.)
manuṣyāḥ pratipūjitāḥ
Menschen, geehrt (Nom.Pl./PPP)
saṃgrahaḥ ca eva bhūtānām
und der Zusammenhalt der Wesen (Nom./Gen.Pl.)
dānaṃ ca madhurā ca vāk
Geben und süßes Wort (Nom.)

Zusammenhang der beiden Halbverse verkürzt; [so wirkt] ergänzt.

apramādaś ca śaucaṃ ca tāta bhūtikaraṃ mahat; etebhyaś caiva māndhātaḥ satataṃ mā pramādithāḥ

Wachsamkeit und Reinheit, mein Lieber, bringen großes Gedeihen; hierin, Māndhātṛ, sei stets nicht nachlässig.

Wort für Wort
apramādaḥ ca śaucaṃ ca
Wachsamkeit und Reinheit (Nom.)
tāta bhūti-karam mahat
Lieber, gedeihenbringend, groß (Vok./Nom.n.)
etebhyaḥ ca eva māndhātaḥ
und gegenüber diesen, Māndhātṛ (Abl./Vok.)
satataṃ mā pramādithāḥ
stets sei nicht nachlässig (Adv./Prohib.Aor.)

„etebhyaḥ“ als „in/gegenüber diesen“ gefasst.

apramatto bhaved rājā chidradarśī parātmanoḥ; nāsya chidraṃ paraḥ paśyec chidreṣu param anviyāt

Wachsam soll der König sein, die Schwächen der anderen und seiner selbst erkennend; seine Schwäche soll der Feind nicht sehen, in den Schwächen soll er den Feind verfolgen.

Wort für Wort
apramattaḥ bhavet rājā
wachsam sei der König (Nom./Opt.)
chidra-darśī para-ātmanoḥ
Schwächen sehend an anderem und sich selbst (Nom./Gen.Du.)
na asya chidraṃ paraḥ paśyet
nicht seine Schwäche sehe der Feind (Gen./Akk./Nom./Opt.)
chidreṣu param anviyāt
in den Schwächen verfolge er den Feind (Lok.Pl./Akk./Opt.)

etad vṛttaṃ vāsavasya yamasya varuṇasya ca; rājarṣīṇāṃ ca sarveṣāṃ tat tvam apy anupālaya

Dies ist das Verhalten Vāsavas [Indras], Yamas und Varuṇas und aller Königsseher; das befolge auch du.

Wort für Wort
etad vṛttaṃ vāsavasya
dies ist das Verhalten Vāsavas (Nom./Gen.)
yamasya varuṇasya ca
Yamas und Varuṇas (Gen.)
rāja-ṛṣīṇāṃ ca sarveṣām
und aller Königsweisen (Gen.Pl.)
tat tvam api anupālaya
das sollst du auch bewahren (Akk./Nom./Imp.)

tat kuruṣva mahārāja vṛttaṃ rājarṣisevitam; ātiṣṭha divyaṃ panthānam ahnāya bharatarṣabha

Übe das, großer König, das von Königsweisen gepflegte Verhalten; betritt den göttlichen Pfad rasch, Stier der Bharatas.

Wort für Wort
tat kuruṣva mahā-rāja
das tu, großer König (Imp.Med./Vok.)
vṛttaṃ rāja-ṛṣi-sevitam
das Verhalten, von Königsweisen gepflegt (Akk./PPP)
ātiṣṭha divyaṃ panthānam
betritt den göttlichen Pfad (Imp./Akk.)
ahnāya bharata-ṛṣabha
rasch, Stier der Bharatas (Adv./Vok.)

dharmavṛttaṃ hi rājānaṃ pretya ceha ca bhārata; devarṣipitṛgandharvāḥ kīrtayanty amitaujasaḥ

Einen im Dharma wandelnden König rühmen hier und im Jenseits, Bhārata, Götterseher, Ahnen und Gandharven von unermesslicher Kraft.

Wort für Wort
dharma-vṛttaṃ hi rājānam
einen dharmagemäß Handelnden, König (Akk.)
pretya ca iha ca bhārata
im Jenseits und hier, Bhārata (Abs./Adv./Vok.)
deva-ṛṣi-pitṛ-gandharvāḥ
Götterseher, Ahnen, Gandharven (Nom.Pl.)
kīrtayanti amita-ojasaḥ
rühmen, von unermesslicher Kraft (3.Pl./Nom.Pl.)

bhīṣma uvāca; sa evam ukto māndhātā tenotathyena bhārata; kṛtavān aviśaṅkas tad ekaḥ prāpa ca medinīm

Bhīṣma sprach: Von jenem Utathya so angesprochen, tat Māndhātṛ, Bhārata, das ohne Zögern und gewann allein die Erde.

Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach (Nom./Perf.)
saḥ evam uktaḥ māndhātā
er, so angesprochen, Māndhātṛ (Nom./PPP/Nom.)
tena utathyena bhārata
von jenem Utathya, Bhārata (Instr./Vok.)
kṛtavān aviśaṅkaḥ tad
tat er, ohne Zögern, das (PPA/Nom./Akk.)
ekaḥ prāpa ca medinīm
allein erlangte er und die Erde (Nom./Perf./Akk.)

bhavān api tathā samyaṅ māndhāteva mahīpatiḥ; dharmaṃ kṛtvā mahīṃ rakṣan svarge sthānam avāpsyasi

Auch du, der du recht wie Māndhātṛ Herr der Erde bist: wenn du das Dharma tust und die Erde schützt, wirst du im Himmel einen Platz erlangen.

Wort für Wort
bhavān api tathā samyak
auch du, ebenso, recht (Nom./Adv.)
māndhātā iva mahī-patiḥ
wie Māndhātṛ, Herr der Erde (Nom.)
dharmaṃ kṛtvā mahīṃ rakṣan
das Dharma getan habend, die Erde schützend (Abs./Akk./Part.)
svarge sthānam avāpsyasi
im Himmel einen Platz wirst du erlangen (Lok./Akk./2.Sg.Fut.)

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