Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 191: jāpakasthānavarṇana Die höchste Stätte des Jāpaka, im Vergleich zu der selbst die Götterhimmel Höllen sind

Bhīṣma antwortet auf Yudhiṣṭhiras Frage nach der Hölle des Jāpaka mit einer Umkehrung: Die Stätten der Götter sind nur relativ „Höllen“ gegenüber der furcht- und leidfreien Stätte des Höchsten Selbst, die der Murmler erreicht.

yudhiṣṭhira uvāca; kīdṛśo jāpako yāti nirayaṃ varṇayasva me; kautūhalaṃ hi me jātaṃ tad bhavān vaktum arhati

Yudhiṣṭhira sprach: „Welche Hölle betritt ein Jāpaka [Murmler]? Schildere sie mir; denn Neugier ist in mir entstanden, das solltest du mir erzählen.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.3.Sg.)
kīdṛśo jāpako yāti nirayaṃ
welche Art von Murmler geht in die Hölle (Nom.Sg. / 3.Sg.Präs. / Akk.Sg.)
varṇayasva me
schildere mir (Imp.Med.2.Sg. / Dat.Sg.)
kautūhalaṃ hi me jātaṃ
denn Neugier ist mir entstanden (Nom.Sg.n. / Part.Perf.Pass.)
tad bhavān vaktum arhati
das mögest du sagen (Inf. / 3.Sg.Präs.; bhavān Nom.Sg.)

bhīṣma uvāca; dharmasyāṃśaḥ prasūto 'si dharmiṣṭho 'si svabhāvataḥ; dharmamūlāśrayaṃ vākyaṃ śṛṇuṣvāvahito 'nagha

Bhīṣma sprach: „Du bist ein Spross [Anteil] des Dharma und von Natur aus im höchsten Maße dem Dharma ergeben. Höre, Sündloser, aufmerksam die Rede, die im Dharma gründet und wurzelt.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.3.Sg.)
dharmasyāṃśaḥ prasūto 'si
du bist ein Anteil des Dharma, hervorgegangen (Gen.Sg. / Nom.Sg. / Part.Perf.Pass. / 2.Sg.Präs.)
dharmiṣṭho 'si svabhāvataḥ
du bist der Dharma-Ergebenste von Natur aus (Superl.Nom.Sg. / Abl.-Adv.)
dharmamūlāśrayaṃ vākyaṃ
die Rede, die im Dharma Wurzel und Halt hat (Bahuvrīhi, Akk.Sg.n.)
śṛṇuṣvāvahito 'nagha
höre aufmerksam, Sündloser (Imp.Med.2.Sg. / Part.Perf.Pass.Nom. / Vok.Sg.)

amūni yāni sthānāni devānāṃ paramātmanām; nānāsaṃsthānavarṇāni nānārūpaphalāni ca

Jene Stätten [Wohnsitze] dort, die den Göttern, den Höchstselbstigen [Hochbeseelten], gehören, mit mannigfachen Gestalten und Farben und mit mannigfachen Formen und Früchten,

Wort für Wort
amūni yāni sthānāni
jene Stätten, welche (Nom.Pl.n.)
devānāṃ paramātmanām
der Götter, der höchstbeseelten (Gen.Pl.)
nānāsaṃsthānavarṇāni
mit mannigfachen Gestalten und Farben (Bahuvrīhi, Nom.Pl.n.)
nānārūpaphalāni ca
und mit mannigfachen Formen und Früchten (Bahuvrīhi, Nom.Pl.n.)

paramātmanām: hier als Gen.Pl. eines Adjektivs „hochbeseelt“ gefasst; Deutung als „die Höchsten“ ebenso möglich.

divyāni kāmacārīṇi vimānāni sabhās tathā; ākrīḍā vividhā rājan padminyaś cāmalodakāḥ

göttliche, nach Belieben sich bewegende Himmelswagen und Versammlungshallen, ebenso mannigfache Lustgärten, König, und Lotosteiche mit klarem Wasser,

Wort für Wort
divyāni kāmacārīṇi
göttliche, nach Belieben sich bewegende (Nom.Pl.n.)
vimānāni sabhās tathā
Himmelswagen und Versammlungshallen ebenso (Nom.Pl.n. / Nom.Pl.f.)
ākrīḍā vividhā rājan
mannigfache Vergnügungsplätze, König (Nom.Pl.f. / Vok.Sg.)
padminyaś cāmalodakāḥ
und Lotosteiche mit reinem Wasser (Nom.Pl.f. / Bahuvrīhi)

caturṇāṃ lokapālānāṃ śukrasyātha bṛhaspateḥ; marutāṃ viśvadevānāṃ sādhyānām aśvinor api

[sie gehören] den vier Welthütern, dem Śukra und dem Bṛhaspati, den Maruts, den Viśvedevas, den Sādhyas und auch den beiden Aśvins,

Wort für Wort
caturṇāṃ lokapālānāṃ
der vier Welthüter (Gen.Pl.)
śukrasyātha bṛhaspateḥ
des Śukra und des Bṛhaspati (Gen.Sg.)
marutāṃ viśvadevānāṃ
der Maruts, der Viśvedevas (Gen.Pl.)
sādhyānām aśvinor api
der Sādhyas und auch der beiden Aśvins (Gen.Pl. / Gen.Du.)

rudrādityavasūnāṃ ca tathānyeṣāṃ divaukasām; ete vai nirayās tāta sthānasya paramātmanaḥ

den Rudras, Ādityas und Vasus und anderen Himmelsbewohnern. Dies alles sind fürwahr Höllen, Lieber, verglichen mit der Stätte des Höchsten Selbst.

Wort für Wort
rudrādityavasūnāṃ ca
der Rudras, Ādityas und Vasus (Dvandva, Gen.Pl.)
tathānyeṣāṃ divaukasām
und anderer Himmelsbewohner (Gen.Pl.)
ete vai nirayās tāta
diese sind fürwahr Höllen, Lieber (Nom.Pl.m. / Vok.Sg.)
sthānasya paramātmanaḥ
gegenüber der Stätte des Höchsten Selbst (Gen.Sg.)

Der Genitiv sthānasya paramātmanaḥ ist als Vergleichsmaßstab („im Vergleich zu“) gedeutet [?].

abhayaṃ cānimittaṃ ca na ca kleśabhayāvṛtam; dvābhyāṃ muktaṃ tribhir muktam aṣṭābhis tribhir eva ca

[Jene Stätte ist] furchtlos, ohne Anlass [Ursache], nicht von Leid und Furcht umhüllt; frei von zweien, frei von dreien, [frei] von acht und ebenso von dreien.

Wort für Wort
abhayaṃ cānimittaṃ ca
furchtlos und ohne Anlass (Nom.Sg.n.)
na ca kleśabhayāvṛtam
und nicht von Leid und Furcht umhüllt (Part.Perf.Pass.)
dvābhyāṃ muktaṃ tribhir muktam
frei von zweien, frei von dreien (Instr.Du. / Instr.Pl. / Part.Perf.Pass.)
aṣṭābhis tribhir eva ca
von acht und eben von dreien (Instr.Pl.)

Was mit den Zahlen „zwei, drei, acht, drei“ gemeint ist, bleibt unausgesprochen [?]; zu denken wäre etwa an Paare wie Freude/Leid, die drei Guṇas usw.

caturlakṣaṇavarjaṃ tu catuṣkāraṇavarjitam; apraharṣam anānandam aśokaṃ vigataklamam

ohne vier Merkmale und ohne vier Ursachen, ohne Frohlocken und ohne Wonne, ohne Kummer, frei von Ermattung.

Wort für Wort
caturlakṣaṇavarjaṃ tu
ohne vier Merkmale (Tatpuruṣa, Nom.Sg.n.)
catuṣkāraṇavarjitam
ohne vier Ursachen (Part.Perf.Pass.)
apraharṣam anānandam
ohne Frohlocken, ohne Wonne (Bahuvrīhi)
aśokaṃ vigataklamam
ohne Kummer, mit geschwundener Erschöpfung (Bahuvrīhi)

Die „vier Merkmale“ und „vier Ursachen“ sind im Vers nicht spezifiziert [?].

kālaḥ saṃpacyate tatra na kālas tatra vai prabhuḥ; sa kālasya prabhū rājan svargasyāpi tatheśvaraḥ

Dort reift die Zeit [wird gar gekocht], aber die Zeit ist dort nicht der Herr. Er ist der Herr der Zeit, König, und ebenso der Gebieter selbst über den Himmel.

Wort für Wort
kālaḥ saṃpacyate tatra
die Zeit wird dort gereift (3.Sg.Präs.Pass.)
na kālas tatra vai prabhuḥ
nicht ist die Zeit dort der Herr (Nom.Sg.)
sa kālasya prabhū rājan
er ist der Herr der Zeit, König (Nom.Sg. / Gen.Sg. / Vok.Sg.)
svargasyāpi tatheśvaraḥ
auch des Himmels ebenso Gebieter (Gen.Sg. / Nom.Sg.)

Sa kālasya prabhū: prabhū ist metrisch gedehnter Nom.Sg. von prabhu.

etad vai brahmaṇaḥ sthānaṃ jāpakasya mahātmanaḥ; tatrasthaṃ paramātmānaṃ dhyāyan vai susamāhitaḥ; hiraṇyagarbhasāyujyaṃ prāpnuyād vā nṛpottama

Dies ist fürwahr die Stätte des Brahman [Brahmā] für den hochgesinnten Jāpaka. Wer dort weilend das Höchste Selbst meditiert, wohlgesammelt, könnte, bester der Könige, die Wesensgemeinschaft mit Hiraṇyagarbha erlangen.

Wort für Wort
etad vai brahmaṇaḥ sthānaṃ
dies ist fürwahr die Stätte des Brahman/Brahmā (Nom.Sg.n. / Gen.Sg.)
jāpakasya mahātmanaḥ
für den hochgesinnten Murmler (Gen.Sg.)
tatrasthaṃ paramātmānaṃ dhyāyan
dort weilend, das Höchste Selbst meditierend (Akk.Sg. / Part.Präs.)
vai susamāhitaḥ
wohlgesammelt (Part.Perf.Pass.Nom.Sg.)
hiraṇyagarbhasāyujyaṃ
die Verbundenheit mit Hiraṇyagarbha (Akk.Sg.)
prāpnuyād vā nṛpottama
möge erlangen, oder [auch], bester der Könige (Opt.3.Sg. / Vok.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften). tatrasthaṃ ist syntaktisch nicht ganz eindeutig (Akk. zu paramātmānam oder Nom. zum Meditierenden) [?].

ātmakevalatāṃ prāptas tatra gatvā na śocati; īdṛśaṃ paramaṃ sthānaṃ nirayās te ca tādṛśāḥ

Zur Alleinheit des Selbst gelangt, trauert er nicht, wenn er dorthin gegangen ist. So beschaffen ist die höchste Stätte, und so beschaffen [im Vergleich] jene Höllen.

Wort für Wort
ātmakevalatāṃ prāptas
zur Alleinheit des Selbst gelangt (Akk.Sg.f. / Part.Perf.Pass.)
tatra gatvā na śocati
dorthin gegangen, trauert er nicht (Abs. / 3.Sg.Präs.)
īdṛśaṃ paramaṃ sthānaṃ
so beschaffen ist die höchste Stätte (Nom.Sg.n.)
nirayās te ca tādṛśāḥ
und jene Höllen sind so beschaffen (Nom.Pl.m.)

Der Nachsatz nirayās te ca tādṛśāḥ ist knapp; gemeint wohl „und jene [Götterstätten] sind ebenso [nur relativ] Höllen“ [?].

ete te nirayāḥ proktāḥ sarva eva yathātatham; tasya sthānavarasyeha sarve nirayasaṃjñitāḥ

Diese Höllen sind dir nun in allen Einzelheiten der Wahrheit gemäß genannt worden; im Vergleich zu jener erhabensten Stätte werden hier alle als „Höllen“ bezeichnet.

Wort für Wort
ete te nirayāḥ proktāḥ
diese Höllen sind dir genannt (Nom.Pl. / Dat.Sg. / Part.Perf.Pass.)
sarva eva yathātatham
alle, so wie sie wirklich sind (Nom.Pl. / Adv.)
tasya sthānavarasyeha
im Vergleich zu jener vortrefflichen Stätte hier (Gen.Sg. / Adv.)
sarve nirayasaṃjñitāḥ
alle „Hölle“ genannt (Nom.Pl.m., Bahuvrīhi/Part.)

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