Kapitel 129: āpaddharme balavadvigrahopāyāḥ
Verhalten eines bedrängten Königs: Frieden, Kampf oder Rückzug
Yudhiṣṭhira fragt nach dem Handeln eines geschwächten, von innen und außen bedrohten Königs; Bhīṣma nennt Friedensschluss, entschlossenen Kampf oder Rückzug als Auswege. Der Text ist an mehreren Stellen dunkel.
yudhiṣṭhira uvāca; kṣīṇasya dīrghasūtrasya sānukrośasya bandhuṣu; viraktapaurarāṣṭrasya nirdravyanicayasya ca
Yudhiṣṭhira sprach: „Für einen [König], der geschwunden ist, säumig, mitleidig gegenüber Verwandten, dessen Stadt- und Landvolk sich abgewandt hat und dessen angehäufter Besitz aufgebraucht ist –
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Nom.; 3.Sg.Perf.)
kṣīṇasya dīrghasūtrasya
des Geschwundenen, Säumigen (Gen.Sg.m.)
sānukrośasya bandhuṣu
des Mitleidigen gegenüber Verwandten (Gen.Sg.; Lok.Pl.)
virakta-paura-rāṣṭrasya
dessen Stadt- und Landvolk sich abgewandt hat (Bahuvrīhi, Gen.Sg.)
nirdravya-nicayasya ca
und dessen Vorrat an Gütern erschöpft ist (Bahuvrīhi, Gen.Sg.)
dessen Hauptleute argwöhnisch sind, dessen Rat verraten ist, Bhārata, dessen Freunde nicht geachtet werden und dessen Minister in jeder Hinsicht gespalten sind,
Wort für Wort
pariśaṅkita-mukhyasya
dessen Vornehmste argwöhnisch sind (Bahuvrīhi, Gen.Sg.)
śruta-mantrasya bhārata
dessen Beratung bekannt geworden ist; Bhārata (Gen.Sg.; Vok.)
asaṃbhāvita-mitrasya
dessen Freunde nicht geachtet sind (Bahuvrīhi, Gen.Sg.)
bhinnāmātyasya sarvaśaḥ
dessen Minister gespalten sind, in jeder Hinsicht (Gen.Sg.; Adv.)
der von einem feindlichen Heer angegriffen wird, schwach ist gegenüber einem Stärkeren und dessen Sinn verstört ist: sage, was bleibt [ihm] zu tun übrig?“
Wort für Wort
para-cakrābhiyātasya
von einem Feindesheer angegriffen (Gen.Sg.)
durbalasya balīyasā
des Schwachen, gegenüber dem Stärkeren (Gen.; Instr.Sg.)
āpanna-cetasaḥ
dessen Geist in Not geraten ist (Bahuvrīhi, Gen.Sg.)
brūhi
sprich (2.Sg.Imp.)
kiṃ kāryam avaśiṣyate
was bleibt zu tun übrig (Nom.n.; Gerundiv; 3.Sg.Pass.Präs.)
Bhīṣma sprach: „Wenn [der Angreifer] ein Auswärtiger ist, siegesbegierig, in Recht und Nutzen kundig und redlich, so soll [der Bedrängte] rasch Frieden schließen und dabei das jeweils Frühere [zuerst] freibekommen [?].
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach
bāhyaś ced vijigīṣuḥ syāt
wenn ein Auswärtiger, ein Siegesbegieriger, er ist (Nom.; 3.Sg.Opt.)
dharmārtha-kuśalaḥ śuciḥ
in Dharma und Artha kundig, rein (Nom.Sg.m.)
javena saṃdhiṃ kurvīta
rasch Frieden schließen soll er (Instr.; Akk.; 3.Sg.Opt.Med.)
pūrvān pūrvān vimokṣayan
das jeweils Frühere befreiend (Akk.Pl.; Part.Präs.Kaus.)
pūrvān pūrvān vimokṣayan: Sinn unsicher (Rangfolge der zu rettenden Güter oder Zugeständnisse).
Ist [der Angreifer] aber ein Siegesbegieriger ohne Recht, mächtig und zum Bösen entschlossen, so soll [der Bedrängte] mit ihm Frieden schließen und ihn durch Zurückhaltung seiner selbst angehen [?].
Wort für Wort
adharma-vijigīṣuś ced
wenn ein Siegesbegieriger ohne Recht (Nom.)
balavān pāpa-niścayaḥ
mächtig, zum Bösen entschlossen (Nom.Sg.m.)
ātmanaḥ saṃnirodhena
durch Einschränkung seiner selbst (Gen.; Instr.Sg.)
saṃdhiṃ tenābhiyojayet
Frieden mit ihm verbinden soll er (Akk.; Instr.; 3.Sg.Opt.Kaus.)
saṃnirodha und abhiyojayet nur vermutungsweise wiedergegeben.
Oder er verlasse die Hauptstadt und überstehe die Not auf anderem Wege; fällt jenes Dasein weg, so soll er, am Leben, die Güter später wieder erwerben [?].
Wort für Wort
apāsya rājadhānīṃ vā
oder die Hauptstadt verlassend (Abs.; Akk.)
tared anyena vāpadam
oder auf anderem Wege die Not überwinden soll er (3.Sg.Opt.; Instr.; Akk.)
avarodhāj jugupseta kā sapatnadhane dayā; na tv evātmā pradātavyaḥ śakye sati kathaṃ cana
Vor der Einschließung möge er zurückschrecken [?]: Was soll Mitleid mit dem Besitz des Nebenbuhlers? Keinesfalls aber darf man sich selbst hingeben, solange es möglich ist.
Wort für Wort
avarodhāj jugupseta
wegen der Einschließung möge er Abscheu haben (Abl.; 3.Sg.Opt.Desid.)
kā sapatna-dhane dayā
welches Mitleid gibt es beim Besitz des Rivalen (Nom.f.; Lok.)
na tv evātmā pradātavyaḥ
doch nicht darf man sich selbst hingeben (Nom.; Gerundiv)
śakye sati kathaṃ cana
solange es möglich ist, in keiner Weise (Lok.abs.; Adv.)
Erste Satzhälfte (avarodhāj jugupseta, sapatnadhane dayā) syntaktisch unsicher.
Yudhiṣṭhira sprach: „Wenn im Inneren Aufruhr herrscht und von außen Bedrängnis, wenn der Schatz erschöpft und der Rat verraten ist, was bleibt dann zu tun?“
Bhīṣma sprach: „Entweder soll er rasch Frieden wünschen oder rasch scharf zuschlagen oder rasch den Fuß zurückziehen; das ist alles, was für den Ausgang des Kampfes gilt [?].
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach
kṣipraṃ vā saṃdhi-kāmaḥ syāt
entweder rasch friedenswillig sei er (Adv.; Nom.; 3.Sg.Opt.)
kṣipraṃ vā tīkṣṇa-vikramaḥ
oder rasch scharf im Angriff (Nom.Sg.)
padāpanayanaṃ kṣipram
Zurückziehen des Fußes, rasch (Nom.n.; Adv.)
etāvat sāṃparāyikam
das ist so viel an Entscheidendem für den Kampf/Ausgang (Nom.n.)
sāṃparāyika: 'auf den Kampf / das Jenseits bezogen'; hier als 'für den Ernstfall' verstanden.
Nachdem er allen Leuten Zugang [zu sich] verschafft hat und bereit ist, Milde zu üben, soll er aus Vertrauen Bescheidenheit zeigen oder sich zu den Sandalen entschließen, [das heißt zur Flucht] [?].
Wort für Wort
sarva-loka-āgamaṃ kṛtvā
allen Leuten Zutritt gewährt habend (Abs.)
mṛdutvaṃ gantum eva ca
und zur Sanftheit zu gelangen [bereit] (Akk.; Inf.)
viśvāsād vinayaṃ kuryāt
aus Vertrauen Fügsamkeit üben soll er (Abl.; Akk.; 3.Sg.Opt.)
vyavasyed vāpy upānahau
oder sich für die Sandalen entscheiden (3.Sg.Opt.; Akk.Du.)
Vers dunkel; 'upānahau' wohl idiomatisch für Aufbruch/Flucht.
Oder er möge den Rückzug wünschen, [den Gegner] aber nach Belieben besänftigen; nachdem er [ihn] mit Hilfe eines Freundes getäuscht [?] hat, breche er dann selbst auf.
Wort für Wort
apakramitum icchet vā
oder abzuziehen wünschen (Inf.; 3.Sg.Opt.)
yathākāmaṃ tu sāntvayet
nach Belieben aber besänftigen (Adv.; 3.Sg.Opt.Kaus.)
viliṅgamitvā mitreṇa
getäuscht [?] habend, durch einen Freund (Abs.; Instr.)
tataḥ svayam upakramet
dann selbst aufbrechen/vorgehen (Adv.; 3.Sg.Opt.)
viliṅgamitvā: Bedeutung unsicher (vielleicht 'unkenntlich machen/täuschen').