Kapitel 67: rājapratiṣṭhā
Warum ein König nötig ist: Ursprung und Einsetzung des Königtums
Bhīṣma begründet, dass Weihe und Einsetzung eines Königs die vordringlichste Aufgabe eines Reiches ist, und erzählt, wie die königlosen Geschöpfe Manu zur Herrschaft bewegten; danach folgen Regeln für die Ehrung des Königs.
yudhiṣṭhira uvāca; cāturāśramya ukto 'tra cāturvarṇyas tathaiva ca; rāṣṭrasya yat kṛtyatamaṃ tan me brūhi pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Die vier Lebensstufen sind hier genannt worden, und ebenso die vier Stände; was davon für das Reich das Wichtigste ist, das sage mir, Großvater.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
cāturāśramya uktaḥ atra
die Vierheit der Lebensstufen wurde hier genannt (Nom.Sg.m., Part.Pass.)
cāturvarṇyaḥ tathā eva ca
und ebenso die Vierheit der Stände (Nom.Sg.)
rāṣṭrasya yat kṛtyatamam
was für das Reich das am meisten Zutuende/Wichtigste ist (Gen./Rel.Nom.n.Sup.)
tat me brūhi pitāmaha
das sage mir, Großvater (Imp. 2.Sg./Dat.-Gen./Vok.)
Bhīṣma sprach: „Das Wichtigste für ein Reich ist die Weihe des Königs; ein Reich ohne Indra [d. h. ohne Oberherrn], ohne Kraft, wird von Räubern überwältigt.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach
rāṣṭrasya etat kṛtyatamam
dies ist das Wichtigste des Reiches (Gen.Sg./Nom.n.)
rājñaḥ eva abhiṣecanam
eben die Weihe des Königs (Gen.Sg./Nom.Sg.n.)
anindram abalaṃ rāṣṭram
das Reich ohne Indra, kraftlos (Bahuvrīhi, Nom.Sg.n.)
dasyavaḥ abhibhavanti ca
und Räuber überwältigen [es] (Nom.Pl.m./3.Pl.Präs.)
„In Reichen ohne König darf man nicht wohnen“, so lautet die vedische Lehre; in Reichen ohne König trägt selbst Agni die Opfergabe nicht [zu den Göttern].
Wort für Wort
na arājakeṣu rāṣṭreṣu
nicht in königlosen Reichen (Lok.Pl.)
vastavyam iti vaidikam
„man soll wohnen“, so das Vedische (Gerundiv unpers./Nom.Sg.n.)
na arājakeṣu rāṣṭreṣu
nicht in königlosen Reichen (Lok.Pl.)
havyam agniḥ vahati api
auch Agni trägt die Opfergabe (Akk.Sg.n./Nom.Sg.m./3.Sg.Präs.)
pratyudgamyābhipūjyaḥ syād etad atra sumantritam; na hi pāpāt pāpataram asti kiṃ cid arājakāt
... so soll er [mit Entgegenkommen] empfangen und geehrt werden; das ist hier gut beraten; denn nichts Schlimmeres als das Schlimme gibt es als das Königlose.
Wort für Wort
pratyudgamya abhipūjyaḥ syāt
nach dem Entgegengehen soll er geehrt werden (Ger./Gerundiv/Opt.3.Sg.)
etat atra sumantritam
dies ist hier wohlberaten (Nom.Sg.n., Part.Pass.)
na hi pāpāt pāpataram
denn nichts Schlimmeres als das Schlimme (Abl./Komp.Nom.n.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). [Anm.: Zeile in der kritischen Ausgabe lückenhaft und verderbt; „vivayomānam“ ist nicht sicher deutbar.]
tāḥ sametya tataś cakruḥ samayān iti naḥ śrutam; vākkrūro daṇḍapuruṣo yaś ca syāt pāradārikaḥ; yaś ca na svam athādadyāt tyājyā nas tādṛśā iti
Da kamen sie zusammen und schlossen Übereinkünfte, so haben wir gehört: wer mit Worten grausam ist, wer ein Gewalttäter ist und wer ein Ehebrecher ist, und wer [das] nicht Eigene nimmt [d. h. stiehlt] – solche seien von uns zu verstoßen.
Wort für Wort
tāḥ sametya tataḥ cakruḥ
sie kamen zusammen, dann machten sie (Nom.Pl.f./Abs./3.Pl.Perf.)
samayān iti naḥ śrutam
Übereinkünfte, so haben wir gehört (Akk.Pl.m./Part.Pass.)
vākkrūraḥ daṇḍapuruṣaḥ
der in Worten Grausame, der Gewaltmensch (Nom.Sg.m.)
yaḥ ca syāt pāradārikaḥ
und wer ein Ehebrecher wäre (Opt.3.Sg./Nom.Sg.m.)
yaḥ ca na svam ādadyāt
und wer Fremdes, nicht das Eigene nähme (Opt.3.Sg.)
tyājyāḥ naḥ tādṛśāḥ iti
solche sind von uns zu verstoßen (Gerundiv Nom.Pl.m./Gen.Pl.)
Der Wortlaut „yaś ca na svam athādadyāt“ ist elliptisch; Wiedergabe: „wer das nicht ihm Gehörende nähme“.
viśvāsanārthaṃ varṇānāṃ sarveṣām aviśeṣataḥ; tās tathā samayaṃ kṛtvā samaye nāvatasthire
Zur Vertrauensbildung unter allen Ständen ohne Unterschied; doch nachdem sie so die Übereinkunft geschlossen hatten, hielten sie sich nicht an die Übereinkunft.
Wort für Wort
viśvāsanārtham
zum Zweck der Vertrauensbildung (Akk.Sg.n.)
varṇānāṃ sarveṣām aviśeṣataḥ
aller Stände, ohne Unterschied (Gen.Pl.m./Adv.)
tāḥ tathā samayaṃ kṛtvā
sie, nachdem sie so die Übereinkunft gemacht (Nom.Pl.f./Abs.)
samaye na avatasthire
hielten nicht an der Übereinkunft fest (Lok.Sg./3.Pl.Perf.Med.)
Bhīṣma sprach: Zu ihm sagten die Untertanen: „Fürchte dich nicht; die Schuld der Tat wird nicht zu dir kommen. Von den Tieren [geben wir] den Fünfzigsten [?], ebenso vom Gold, und vom Getreide den zehnten Teil werden wir geben, zur Mehrung des Schatzes.“
Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach
tam abruvan prajāḥ
zu ihm sprachen die Untertanen (Akk./3.Pl.Impf./Nom.Pl.f.)
mā bhaiḥ karmaṇaḥ enaḥ na gamiṣyati
fürchte dich nicht, die Schuld der Tat wird nicht kommen (Prohib./Gen./Nom.n./3.Sg.Fut.)
paśūnām adhipañcāśat hiraṇyasya tathā eva ca
von den Tieren ein Fünfzigstel [?], ebenso vom Gold (Gen.)
dhānyasya daśamaṃ bhāgam
vom Getreide den zehnten Teil (Gen./Akk.Sg.m.)
dāsyāmaḥ kośavardhanam
wir werden geben, zur Mehrung des Schatzes (1.Pl.Fut./Akk.Sg.n.)
[Anm.: „adhipañcāśat“ ist unsicher; gemeint ist wohl ein Anteil von einem Fünfzigstel.]
Ein Mädchen von lieblicher Gestalt [als Abgabe?] beim Brautpreis [?] und wenn Hochzeiten bevorstehen.
Wort für Wort
kanyāṃ
ein Mädchen (Akk.Sg.f.)
śulke cārurūpām
beim Brautpreis/Zoll [?], von schöner Gestalt (Lok.Sg.n./Akk.Sg.f.)
vivāheṣu udyatāsu ca
und wenn Hochzeiten bevorstehen (Lok.Pl./Part.Pass.Lok.Pl.f.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). [Anm.: Zusatzzeile; Sinn und Bezug unsicher, wohl weitere Abgabe an den König.]
Und sie sollen ihn in Ehrfurcht stets verehren, wie Schüler den Lehrer, wie die Götter den Tausendäugigen [Indra]: die Untertanen den König in ihrer Nähe.
Wort für Wort
namasyeyuḥ ca tam bhaktyā
und sie sollen ihn verehren in Hingabe (Opt.3.Pl./Akk./Instr.Sg.f.)
śiṣyāḥ iva gurum sadā
wie Schüler den Lehrer stets (Nom.Pl./Akk.Sg./Adv.)
devāḥ iva sahasrākṣam
wie die Götter den Tausendäugigen (Nom.Pl./Akk.Sg.m.)
prajāḥ rājānam antike
die Untertanen den König in der Nähe (Nom.Pl.f./Akk./Lok.Sg.n.)
satkṛtaṃ svajaneneha paro 'pi bahu manyate; svajanena tv avajñātaṃ pare paribhavanty uta
Wer von den eigenen Leuten geehrt wird, den achtet auch ein Fremder hoch; wer aber von den eigenen Leuten missachtet wird, den behandeln die Fremden schmählich.
Wort für Wort
satkṛtaṃ svajanena iha
geehrt von den eigenen Leuten hier (Part.Pass./Instr.Sg.m.)
paraḥ api bahu manyate
auch der Fremde schätzt hoch (Nom.Sg.m./3.Sg.Präs.Med.)
svajanena tu avajñātam
von den eigenen Leuten aber missachtet (Instr./Part.Pass.)
guptātmā syād durādharṣaḥ smitapūrvābhibhāṣitā; ābhāṣitaś ca madhuraṃ pratibhāṣeta mānavān
Er soll selbstbeherrscht und schwer zu bezwingen sein, [stets] mit vorausgehendem Lächeln sprechend; angesprochen soll er den Menschen freundlich antworten.
Wort für Wort
guptātmā syāt
er soll selbstbewahrt sein (Nom.Sg.m./Opt.3.Sg.)
durādharṣaḥ
schwer zu bezwingen (Nom.Sg.m.)
smitapūrvābhibhāṣitā
der mit Lächeln zuvor spricht (Nom.Sg.m.)
ābhāṣitaḥ ca madhuram
und angesprochen, freundlich (Part.Pass./Adv.)
pratibhāṣeta mānavān
er soll den Menschen antworten (Opt.3.Sg.Med./Akk.Pl.m.)
kṛtajño dṛḍhabhaktiḥ syāt saṃvibhāgī jitendriyaḥ; īkṣitaḥ prativīkṣeta mṛdu carju ca valgu ca
Er soll dankbar und fest in der Ergebenheit sein, teilend und die Sinne bezwingend; angeblickt soll er zurückblicken, sanft, aufrichtig und freundlich.
Wort für Wort
kṛtajñaḥ dṛḍhabhaktiḥ syāt
er sei dankbar, fest in Zuneigung (Nom.Sg.m./Opt.3.Sg.)
saṃvibhāgī jitendriyaḥ
teilend, die Sinne bezwungen habend (Nom.Sg.m.)
īkṣitaḥ prativīkṣeta
angeblickt blicke er zurück (Part.Pass./Opt.3.Sg.Med.)