Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 67: rājapratiṣṭhā Warum ein König nötig ist: Ursprung und Einsetzung des Königtums

Bhīṣma begründet, dass Weihe und Einsetzung eines Königs die vordringlichste Aufgabe eines Reiches ist, und erzählt, wie die königlosen Geschöpfe Manu zur Herrschaft bewegten; danach folgen Regeln für die Ehrung des Königs.

yudhiṣṭhira uvāca; cāturāśramya ukto 'tra cāturvarṇyas tathaiva ca; rāṣṭrasya yat kṛtyatamaṃ tan me brūhi pitāmaha

Yudhiṣṭhira sprach: „Die vier Lebensstufen sind hier genannt worden, und ebenso die vier Stände; was davon für das Reich das Wichtigste ist, das sage mir, Großvater.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
cāturāśramya uktaḥ atra
die Vierheit der Lebensstufen wurde hier genannt (Nom.Sg.m., Part.Pass.)
cāturvarṇyaḥ tathā eva ca
und ebenso die Vierheit der Stände (Nom.Sg.)
rāṣṭrasya yat kṛtyatamam
was für das Reich das am meisten Zutuende/Wichtigste ist (Gen./Rel.Nom.n.Sup.)
tat me brūhi pitāmaha
das sage mir, Großvater (Imp. 2.Sg./Dat.-Gen./Vok.)

bhīṣma uvāca; rāṣṭrasyaitat kṛtyatamaṃ rājña evābhiṣecanam; anindram abalaṃ rāṣṭraṃ dasyavo 'bhibhavanti ca

Bhīṣma sprach: „Das Wichtigste für ein Reich ist die Weihe des Königs; ein Reich ohne Indra [d. h. ohne Oberherrn], ohne Kraft, wird von Räubern überwältigt.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach
rāṣṭrasya etat kṛtyatamam
dies ist das Wichtigste des Reiches (Gen.Sg./Nom.n.)
rājñaḥ eva abhiṣecanam
eben die Weihe des Königs (Gen.Sg./Nom.Sg.n.)
anindram abalaṃ rāṣṭram
das Reich ohne Indra, kraftlos (Bahuvrīhi, Nom.Sg.n.)
dasyavaḥ abhibhavanti ca
und Räuber überwältigen [es] (Nom.Pl.m./3.Pl.Präs.)

arājakeṣu rāṣṭreṣu dharmo na vyavatiṣṭhate; parasparaṃ ca khādanti sarvathā dhig arājakam

In Reichen ohne König hat der Dharma keinen festen Bestand; und sie fressen einander in jeder Hinsicht; pfui auf das Königlose!

Wort für Wort
arājakeṣu rāṣṭreṣu
in königlosen Reichen (Lok.Pl.n.)
dharmaḥ na vyavatiṣṭhate
der Dharma hat keinen Bestand (Nom.Sg./3.Sg.Med.Präs.)
parasparaṃ ca khādanti
und sie fressen einander (Adv./3.Pl.Präs.)
sarvathā
auf jede Weise (Adv.)
dhik arājakam
pfui auf das Königlose (Interj. + Akk.n.)

indram enaṃ pravṛṇute yad rājānam iti śrutiḥ; yathaivendras tathā rājā saṃpūjyo bhūtim icchatā

Indra erwählt diesen [so]: dass sie ihn „König“ nennen, so [sagt] die Śruti; wie Indra, so ist der König von dem zu ehren, der Wohlstand wünscht.

Wort für Wort
indram enaṃ pravṛṇute
Indra erwählt diesen (Akk.Sg./3.Sg.Präs.Med.)
yat rājānam iti śrutiḥ
dass [sie ihn] „König“ [nennen], so die Śruti (Nom.Sg.f.)
yathā eva indraḥ tathā rājā
wie Indra, so der König (Nom.Sg.)
saṃpūjyaḥ
zu ehren (Gerundiv Nom.Sg.m.)
bhūtim icchatā
von dem, der Wohlstand wünscht (Akk.Sg.f./Instr.Sg.Part.Präs.)

nārājakeṣu rāṣṭreṣu vastavyam iti vaidikam; nārājakeṣu rāṣṭreṣu havyam agnir vahaty api

„In Reichen ohne König darf man nicht wohnen“, so lautet die vedische Lehre; in Reichen ohne König trägt selbst Agni die Opfergabe nicht [zu den Göttern].

Wort für Wort
na arājakeṣu rāṣṭreṣu
nicht in königlosen Reichen (Lok.Pl.)
vastavyam iti vaidikam
„man soll wohnen“, so das Vedische (Gerundiv unpers./Nom.Sg.n.)
na arājakeṣu rāṣṭreṣu
nicht in königlosen Reichen (Lok.Pl.)
havyam agniḥ vahati api
auch Agni trägt die Opfergabe (Akk.Sg.n./Nom.Sg.m./3.Sg.Präs.)

atha ced abhivarteta rājyārthī balavattaraḥ; arājakāni rāṣṭrāṇi hatarājāni vā punaḥ

Wenn aber ein stärkerer Bewerber um die Herrschaft gegen königlose Reiche oder solche, deren Könige erschlagen sind, wiederum heranzieht, ...

Wort für Wort
atha ced abhivarteta
wenn nun aber [er] heranzieht (Opt. 3.Sg.Med.)
rājyārthī balavattaraḥ
ein Herrschaftsbewerber, stärker (Nom.Sg.m./Komp.)
arājakāni rāṣṭrāṇi
königlose Reiche (Akk.Pl.n.)
hatarājāni vā punaḥ
oder solche mit erschlagenen Königen, wiederum (Bahuvrīhi, Akk.Pl.n.)

Der Satz läuft in 7 weiter.

pratyudgamyābhipūjyaḥ syād etad atra sumantritam; na hi pāpāt pāpataram asti kiṃ cid arājakāt

... so soll er [mit Entgegenkommen] empfangen und geehrt werden; das ist hier gut beraten; denn nichts Schlimmeres als das Schlimme gibt es als das Königlose.

Wort für Wort
pratyudgamya abhipūjyaḥ syāt
nach dem Entgegengehen soll er geehrt werden (Ger./Gerundiv/Opt.3.Sg.)
etat atra sumantritam
dies ist hier wohlberaten (Nom.Sg.n., Part.Pass.)
na hi pāpāt pāpataram
denn nichts Schlimmeres als das Schlimme (Abl./Komp.Nom.n.)
asti kiṃ cit arājakāt
gibt es etwas als das Königlose (3.Sg.Präs./Abl.)

sa cet samanupaśyeta samagraṃ kuśalaṃ bhavet; balavān hi prakupitaḥ kuryān niḥśeṣatām api

Wenn er [der Stärkere] es recht bedenkt, kann alles gut werden; denn ein Starker, erzürnt, könnte sogar völlige Vernichtung bewirken.

Wort für Wort
sa cet samanupaśyeta
wenn er es recht erwägt (Opt. 3.Sg.Med.)
samagraṃ kuśalaṃ bhavet
es würde ganz gut sein (Nom.Sg.n./Opt.3.Sg.)
balavān hi prakupitaḥ
denn ein Starker, erzürnt (Nom.Sg.m./Part.Pass.)
kuryāt niḥśeṣatām api
könnte sogar Restlosigkeit [Vernichtung] bewirken (Opt.3.Sg./Akk.Sg.f.)

yo durbalo na namati sa mahatkleśabhāg bhavet

Wer schwach ist und sich nicht beugt, würde großes Leid erfahren.

Wort für Wort
yaḥ durbalaḥ na namati
wer schwach ist [und] sich nicht beugt (Nom.Sg.m./3.Sg.Präs.)
sa mahatkleśabhāj
der hat Anteil an großem Leid (Nom.Sg.m., Kompositum)
bhavet
würde sein (Opt. 3.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (Sternzeile).

bhūyāṃsaṃ labhate kleśaṃ yā gaur bhavati durduhā; suduhā yā tu bhavati naiva tāṃ kleśayanty uta

Mehr Leid erfährt die Kuh, die schwer zu melken ist; die aber, die leicht zu melken ist, quälen sie gewiss nicht.

Wort für Wort
bhūyāṃsaṃ labhate kleśam
größeres Leid erlangt (Akk.Sg.m./3.Sg.Präs.Med.)
yā gauḥ bhavati durduhā
die Kuh, die schwer zu melken ist (Nom.Sg.f.)
suduhā yā tu bhavati
die aber, die leicht zu melken ist (Nom.Sg.f.)
na eva tāṃ kleśayanti uta
die quälen sie gewiss nicht (3.Pl.Kaus.Präs./Akk.)

yad ataptaṃ praṇamati na tat saṃtāpayanty uta; yac ca svayaṃ nataṃ dāru na tat saṃnāmayanty api

Was ungeglüht sich beugt, das erhitzt man nicht; und Holz, das sich von selbst gebogen hat, das biegt man nicht [weiter] zurecht.

Wort für Wort
yat ataptaṃ praṇamati
was ungeglüht sich beugt (Nom.Sg.n./3.Sg.Präs.)
na tat saṃtāpayanti uta
das erhitzen sie nicht (3.Pl.Kaus.)
yat ca svayaṃ nataṃ dāru
und Holz, das von selbst gebogen ist (Nom.Sg.n., Part.Pass.)
na tat saṃnāmayanti api
das biegt man nicht [weiter] (3.Pl.Kaus.Präs.)

etayopamayā dhīraḥ saṃnameta balīyase; indrāya sa praṇamate namate yo balīyase

Nach diesem Gleichnis soll der Weise sich dem Stärkeren beugen; wer sich dem Stärkeren beugt, der beugt sich Indra.

Wort für Wort
etayā upamayā
nach diesem Gleichnis (Instr.Sg.f.)
dhīraḥ saṃnameta balīyase
der Weise soll sich beugen vor dem Stärkeren (Nom.Sg.m./Opt.Med./Dat.Komp.)
indrāya sa praṇamate
vor Indra verneigt er sich (Dat./3.Sg.Präs.Med.)
namate yaḥ balīyase
wer sich dem Stärkeren beugt (3.Sg.Präs.Med./Dat.)

tasmād rājaiva kartavyaḥ satataṃ bhūtim icchatā; na dhanārtho na dārārthas teṣāṃ yeṣām arājakam

Darum ist von dem, der Wohlstand wünscht, stets ein König einzusetzen; weder Reichtum noch Ehefrau gibt es für diejenigen, deren [Land] königlos ist.

Wort für Wort
tasmāt rājā eva kartavyaḥ
darum ist eben ein König zu machen (Abl./Gerundiv Nom.Sg.m.)
satataṃ bhūtim icchatā
stets von dem, der Wohlstand wünscht (Adv./Instr.Part.)
na dhanārthaḥ na dārārthaḥ
weder Besitz noch Ehefrau [als Zweck/Gewinn] (Nom.Sg.m., Tatpuruṣa)
teṣāṃ yeṣām arājakam
für die, deren [Reich] königlos ist (Gen.Pl./Rel.Gen.Pl./Nom.n.)

prīyate hi haran pāpaḥ paravittam arājake; yadāsya uddharanty anye tadā rājānam icchati

Denn der Böse freut sich, wenn er im Königlosen fremdes Gut raubt; wenn ihm aber andere es wegnehmen, dann wünscht er einen König.

Wort für Wort
prīyate hi haran pāpaḥ
denn der Böse freut sich, indem er raubt (3.Sg.Pass./Part.Präs./Nom.Sg.m.)
paravittam arājake
fremdes Gut im Königlosen (Akk.Sg.n./Lok.Sg.n.)
yadā asya uddharanti anye
wenn ihm andere [es] wegnehmen (3.Pl.Präs./Gen.Sg.)
tadā rājānam icchati
dann wünscht er einen König (Akk.Sg./3.Sg.Präs.)

pāpā api tadā kṣemaṃ na labhante kadā cana; ekasya hi dvau harato dvayoś ca bahavo 'pare

Auch die Bösen erlangen dann niemals Ruhe; denn einem nehmen zwei [etwas], und zweien viele andere.

Wort für Wort
pāpāḥ api tadā
auch die Bösen dann (Nom.Pl.m.)
kṣemaṃ na labhante kadā cana
Sicherheit erlangen sie niemals (Akk.Sg.n./3.Pl.Med.)
ekasya hi dvau harataḥ
denn einem nehmen zwei (Gen./Nom.Du./3.Du.Präs.)
dvayoḥ ca bahavaḥ apare
und zweien viele andere (Gen.Du./Nom.Pl.m.)

adāsaḥ kriyate dāso hriyante ca balāt striyaḥ

Ein Nicht-Sklave wird zum Sklaven gemacht, und Frauen werden mit Gewalt geraubt.

Wort für Wort
adāsaḥ kriyate dāsaḥ
der Nicht-Sklave wird zum Sklaven gemacht (Nom.Sg.m./3.Sg.Pass.)
hriyante ca balāt striyaḥ
und mit Gewalt werden Frauen geraubt (3.Pl.Pass./Abl./Nom.Pl.f.)

**** **** vivayomānaṃ tathaiva ca (sic)

[Lücke im Text] ... und ebenso [?] ...

Wort für Wort
vivayomānam
(verderbt, unklar) [?]
tathā eva ca
und ebenso (Adv.)
**** ****
Lücke im Text

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). [Anm.: Zeile in der kritischen Ausgabe lückenhaft und verderbt; „vivayomānam“ ist nicht sicher deutbar.]

etasmāt kāraṇād devāḥ prajāpālān pracakrire

Aus diesem Grund setzten die Götter Schützer der Geschöpfe ein.

Wort für Wort
etasmāt kāraṇāt
aus diesem Grund (Abl.Sg.n.)
devāḥ
die Götter (Nom.Pl.m.)
prajāpālān pracakrire
Schützer der Geschöpfe schufen/setzten sie ein (Akk.Pl.m./3.Pl.Perf.Med.)

rājā cen na bhavel loke pṛthivyāṃ daṇḍadhārakaḥ; śūle matsyān ivāpakṣyan durbalān balavattarāḥ

Gäbe es in der Welt, auf der Erde, keinen König als Träger des Strafstabes, so würden die Stärkeren die Schwachen wie Fische am Spieß braten.

Wort für Wort
rājā cet na bhavet loke
wenn es keinen König gäbe in der Welt (Nom.Sg./Opt.3.Sg./Lok.)
pṛthivyāṃ daṇḍadhārakaḥ
auf Erden, den Stabträger (Lok.Sg.f./Nom.Sg.m.)
śūle matsyān iva
wie Fische am Spieß (Lok.Sg.m./Akk.Pl.m.)
apakṣyan
würden braten (Konditional 3.Pl.)
durbalān balavattarāḥ
die Schwachen, die Stärkeren (Akk.Pl.m./Nom.Pl.m.Komp.)

arājakāḥ prajāḥ pūrvaṃ vineśur iti naḥ śrutam; parasparaṃ bhakṣayanto matsyā iva jale kṛśān

Königlose Untertanen gingen früher zugrunde, so haben wir gehört, indem sie einander auffraßen wie Fische im Wasser die schwächeren.

Wort für Wort
arājakāḥ prajāḥ pūrvam
die königlosen Untertanen früher (Nom.Pl.f./Adv.)
vineśuḥ iti naḥ śrutam
gingen zugrunde, so ist von uns gehört (3.Pl.Perf./Part.Pass.)
parasparaṃ bhakṣayantaḥ
einander verzehrend (Adv./Part.Präs.Nom.Pl.m.)
matsyāḥ iva jale kṛśān
wie Fische im Wasser die Schmächtigen (Nom.Pl./Lok.Sg.n./Akk.Pl.m.)

tāḥ sametya tataś cakruḥ samayān iti naḥ śrutam; vākkrūro daṇḍapuruṣo yaś ca syāt pāradārikaḥ; yaś ca na svam athādadyāt tyājyā nas tādṛśā iti

Da kamen sie zusammen und schlossen Übereinkünfte, so haben wir gehört: wer mit Worten grausam ist, wer ein Gewalttäter ist und wer ein Ehebrecher ist, und wer [das] nicht Eigene nimmt [d. h. stiehlt] – solche seien von uns zu verstoßen.

Wort für Wort
tāḥ sametya tataḥ cakruḥ
sie kamen zusammen, dann machten sie (Nom.Pl.f./Abs./3.Pl.Perf.)
samayān iti naḥ śrutam
Übereinkünfte, so haben wir gehört (Akk.Pl.m./Part.Pass.)
vākkrūraḥ daṇḍapuruṣaḥ
der in Worten Grausame, der Gewaltmensch (Nom.Sg.m.)
yaḥ ca syāt pāradārikaḥ
und wer ein Ehebrecher wäre (Opt.3.Sg./Nom.Sg.m.)
yaḥ ca na svam ādadyāt
und wer Fremdes, nicht das Eigene nähme (Opt.3.Sg.)
tyājyāḥ naḥ tādṛśāḥ iti
solche sind von uns zu verstoßen (Gerundiv Nom.Pl.m./Gen.Pl.)

Der Wortlaut „yaś ca na svam athādadyāt“ ist elliptisch; Wiedergabe: „wer das nicht ihm Gehörende nähme“.

viśvāsanārthaṃ varṇānāṃ sarveṣām aviśeṣataḥ; tās tathā samayaṃ kṛtvā samaye nāvatasthire

Zur Vertrauensbildung unter allen Ständen ohne Unterschied; doch nachdem sie so die Übereinkunft geschlossen hatten, hielten sie sich nicht an die Übereinkunft.

Wort für Wort
viśvāsanārtham
zum Zweck der Vertrauensbildung (Akk.Sg.n.)
varṇānāṃ sarveṣām aviśeṣataḥ
aller Stände, ohne Unterschied (Gen.Pl.m./Adv.)
tāḥ tathā samayaṃ kṛtvā
sie, nachdem sie so die Übereinkunft gemacht (Nom.Pl.f./Abs.)
samaye na avatasthire
hielten nicht an der Übereinkunft fest (Lok.Sg./3.Pl.Perf.Med.)

sahitās tās tadā jagmur asukhārtāḥ pitāmaham; anīśvarā vinaśyāmo bhagavann īśvaraṃ diśa

Vereint gingen sie dann, vom Unglück bedrängt, zum Großvater: „Wir sind ohne Herrn und gehen zugrunde; Erhabener, weise uns einen Herrn zu.“

Wort für Wort
sahitāḥ tāḥ tadā jagmuḥ
vereint gingen sie da (Nom.Pl.f./3.Pl.Perf.)
asukhārtāḥ pitāmaham
von Unglück bedrängt, zum Großvater (Nom.Pl.f./Akk.Sg.m.)
anīśvarāḥ vinaśyāmaḥ
ohne Herrn gehen wir zugrunde (Nom.Pl./1.Pl.Präs.)
bhagavan īśvaraṃ diśa
Erhabener, bestimme einen Herrn (Vok./Akk./Imp.2.Sg.)

yaṃ pūjayema saṃbhūya yaś ca naḥ paripālayet; tābhyo manuṃ vyādideśa manur nābhinananda tāḥ

„[Einen,] den wir gemeinsam verehren und der uns beschützen soll.“ Für sie bestimmte er Manu; doch Manu billigte sie [die Wahl/den Antrag] nicht.

Wort für Wort
yaṃ pūjayema saṃbhūya
den wir verehren mögen, vereint (Opt.1.Pl./Abs.)
yaḥ ca naḥ paripālayet
und der uns schützen soll (Opt.3.Sg.)
tābhyaḥ manuṃ vyādideśa
für sie wies er Manu an (Dat.Pl.f./Akk./3.Sg.Perf.)
manuḥ na abhinananda tāḥ
Manu billigte sie nicht (Nom./3.Sg.Perf./Akk.Pl.f.)

Die Aussage ist knapp; „tābhyaḥ“ = „für sie“ (die Untertanen).

manur uvāca; bibhemi karmaṇaḥ krūrād rājyaṃ hi bhṛśaduṣkaram; viśeṣato manuṣyeṣu mithyāvṛttiṣu nityadā

Manu sprach: „Ich fürchte die grausame Tat; denn Königtum ist überaus schwer, zumal unter Menschen, die allezeit trügerisch handeln.“

Wort für Wort
manuḥ uvāca
Manu sprach
bibhemi karmaṇaḥ krūrāt
ich fürchte mich vor der grausamen Tat (1.Sg.Präs./Abl.Sg.n.)
rājyaṃ hi bhṛśaduṣkaram
denn Königtum ist sehr schwer (Nom.Sg.n.)
viśeṣataḥ manuṣyeṣu
besonders unter Menschen (Adv./Lok.Pl.)
mithyāvṛttiṣu nityadā
unter den falsch Handelnden, stets (Lok.Pl./Adv.)

bhīṣma uvāca; tam abruvan prajā mā bhaiḥ karmaṇaino gamiṣyati; paśūnām adhipañcāśad dhiraṇyasya tathaiva ca; dhānyasya daśamaṃ bhāgaṃ dāsyāmaḥ kośavardhanam

Bhīṣma sprach: Zu ihm sagten die Untertanen: „Fürchte dich nicht; die Schuld der Tat wird nicht zu dir kommen. Von den Tieren [geben wir] den Fünfzigsten [?], ebenso vom Gold, und vom Getreide den zehnten Teil werden wir geben, zur Mehrung des Schatzes.“

Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach
tam abruvan prajāḥ
zu ihm sprachen die Untertanen (Akk./3.Pl.Impf./Nom.Pl.f.)
mā bhaiḥ karmaṇaḥ enaḥ na gamiṣyati
fürchte dich nicht, die Schuld der Tat wird nicht kommen (Prohib./Gen./Nom.n./3.Sg.Fut.)
paśūnām adhipañcāśat hiraṇyasya tathā eva ca
von den Tieren ein Fünfzigstel [?], ebenso vom Gold (Gen.)
dhānyasya daśamaṃ bhāgam
vom Getreide den zehnten Teil (Gen./Akk.Sg.m.)
dāsyāmaḥ kośavardhanam
wir werden geben, zur Mehrung des Schatzes (1.Pl.Fut./Akk.Sg.n.)

[Anm.: „adhipañcāśat“ ist unsicher; gemeint ist wohl ein Anteil von einem Fünfzigstel.]

kanyāṃ śulke cārurūpāṃ vivāheṣūdyatāsu ca

Ein Mädchen von lieblicher Gestalt [als Abgabe?] beim Brautpreis [?] und wenn Hochzeiten bevorstehen.

Wort für Wort
kanyāṃ
ein Mädchen (Akk.Sg.f.)
śulke cārurūpām
beim Brautpreis/Zoll [?], von schöner Gestalt (Lok.Sg.n./Akk.Sg.f.)
vivāheṣu udyatāsu ca
und wenn Hochzeiten bevorstehen (Lok.Pl./Part.Pass.Lok.Pl.f.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). [Anm.: Zusatzzeile; Sinn und Bezug unsicher, wohl weitere Abgabe an den König.]

mukhyena śastrapatreṇa ye manuṣyāḥ pradhānataḥ; bhavantaṃ te 'nuyāsyanti mahendram iva devatāḥ

Die Männer, die mit vorzüglicher Waffe und Pfeil [?] in erster Reihe stehen, werden dir folgen wie die Götter dem großen Indra.

Wort für Wort
mukhyena śastrapatreṇa
mit vorzüglicher Waffe und Pfeil(-Gefieder) [?] (Instr.Sg.n.)
ye manuṣyāḥ pradhānataḥ
die Männer, die vornehmlich (Nom.Pl.m./Adv.)
bhavantaṃ te anuyāsyanti
dir werden sie folgen (Akk.Sg./3.Pl.Fut.)
mahendram iva devatāḥ
wie die Götter dem Mahendra (Akk.Sg./Nom.Pl.f.)

[Anm.: „śastrapatra“ ist unsicher (Waffe, Pfeil/Klinge oder Fahrzeug).]

sa tvaṃ jātabalo rājan duṣpradharṣaḥ pratāpavān; sukhe dhāsyasi naḥ sarvān kubera iva nairṛtān

„Du, König, der du Kraft gewonnen hast, schwer zu bezwingen und glanzvoll, wirst uns alle in Glück setzen wie Kubera die Nairṛtas.“

Wort für Wort
sa tvaṃ jātabalaḥ rājan
du, der du Kraft erlangt hast, König (Nom.Sg./Vok.)
duṣpradharṣaḥ pratāpavān
schwer angreifbar, glanzvoll (Nom.Sg.m.)
sukhe dhāsyasi naḥ sarvān
du wirst uns alle ins Glück setzen (Lok.Sg./2.Sg.Fut.)
kuberaḥ iva nairṛtān
wie Kubera die Nairṛtas (Nom./Akk.Pl.m.)

yaṃ ca dharmaṃ cariṣyanti prajā rājñā surakṣitāḥ; caturthaṃ tasya dharmasya tvatsaṃsthaṃ no bhaviṣyati

„Und welchen Dharma die vom König gut beschützten Untertanen üben werden, ein Viertel dieses Dharma wird bei dir liegen.“

Wort für Wort
yaṃ ca dharmaṃ cariṣyanti
und welchen Dharma sie üben werden (Akk./3.Pl.Fut.)
prajāḥ rājñā surakṣitāḥ
die Untertanen, vom König wohlgeschützt (Nom.Pl.f./Instr./Part.)
caturthaṃ tasya dharmasya
ein Viertel dieses Dharma (Nom.Sg.n./Gen.)
tvatsaṃsthaṃ naḥ bhaviṣyati
wird bei dir liegen, für uns (Nom./3.Sg.Fut.)

tena dharmeṇa mahatā sukhalabdhena bhāvitaḥ; pāhy asmān sarvato rājan devān iva śatakratuḥ

„Durch diesen großen, mühelos gewonnenen Dharma gestärkt, schütze uns überall, König, wie Śatakratu die Götter.“

Wort für Wort
tena dharmeṇa mahatā
durch diesen großen Dharma (Instr.Sg.m.)
sukhalabdhena bhāvitaḥ
mühelos erlangt, gestärkt (Instr./Nom.Sg.m. Part.Pass.)
pāhi asmān sarvataḥ rājan
schütze uns ringsum, König (Imp.2.Sg./Akk.Pl./Adv./Vok.)
devān iva śatakratuḥ
wie Śatakratu die Götter (Akk.Pl./Nom.Sg.)

vijayāyāśu niryāhi pratapan raśmimān iva; mānaṃ vidhama śatrūṇāṃ dharmo jayatu naḥ sadā

„Zieh rasch aus zum Sieg, glühend wie der Strahlenreiche [die Sonne]; zerbrich den Stolz der Feinde; der Dharma möge uns stets siegen.“

Wort für Wort
vijayāya āśu niryāhi
zum Sieg zieh rasch aus (Dat./Adv./Imp.2.Sg.)
pratapan raśmimān iva
glühend wie der Strahlenreiche (Part.Präs.Nom.Sg.m./Nom.Sg.m.)
mānaṃ vidhama śatrūṇām
den Stolz zerstreue der Feinde (Akk./Imp.2.Sg./Gen.Pl.)
dharmaḥ jayatu naḥ sadā
der Dharma siege für uns stets (Imp.3.Sg./Gen.Pl.)

sa niryayau mahātejā balena mahatā vṛtaḥ; mahābhijanasaṃpannas tejasā prajvalann iva

Er zog aus, von großem Glanz, umgeben von einem großen Heer, mit hoher Abkunft ausgestattet, vor Glanz gleichsam lodernd.

Wort für Wort
sa niryayau mahātejāḥ
er zog aus, von großem Glanz (3.Sg.Perf./Nom.Sg.m.)
balena mahatā vṛtaḥ
von großem Heer umgeben (Instr.Sg.n./Part.Pass.)
mahābhijanasaṃpannaḥ
mit hoher Abkunft ausgestattet (Nom.Sg.m.)
tejasā prajvalan iva
durch Glanz gleichsam lodernd (Instr./Part.Präs.)

tasya tāṃ mahimāṃ dṛṣṭvā mahendrasyeva devatāḥ; apatatrasire sarve svadharme ca dadhur manaḥ

Als sie seine Größe sahen wie die Götter die des Mahendra, erzitterten alle und richteten ihren Sinn auf die eigene Pflicht.

Wort für Wort
tasya tāṃ mahimāṃ dṛṣṭvā
nachdem sie seine Größe gesehen (Gen./Akk.Sg.f./Abs.)
mahendrasya iva devatāḥ
wie die Götter die des Mahendra (Gen./Nom.Pl.f.)
apatatrasire sarve
erzitterten alle (3.Pl.Perf.Med./Nom.Pl.)
svadharme ca dadhuḥ manaḥ
und richteten den Sinn auf die eigene Pflicht (Lok./3.Pl.Perf./Akk.n.)

varṇinaś cāśramāś caiva mlecchāḥ sarve ca dasyavaḥ

Die Angehörigen der Stände und der Lebensstufen und ebenso alle Mlecchas und Räuber [erzitterten].

Wort für Wort
varṇinaḥ ca āśramāḥ ca eva
die Ständigen und die Lebensstufen (Nom.Pl.m.)
mlecchāḥ sarve ca dasyavaḥ
alle Mlecchas und Räuber (Nom.Pl.m.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; Prädikat aus 34 zu ergänzen.

tato mahīṃ pariyayau parjanya iva vṛṣṭimān; śamayan sarvataḥ pāpān svakarmasu ca yojayan

Dann durchzog er die Erde wie Parjanya, der Regenbringende, indem er überall die Bösen besänftigte und zu ihren eigenen Werken anhielt.

Wort für Wort
tataḥ mahīṃ pariyayau
dann durchzog er die Erde (Adv./Akk.Sg.f./3.Sg.Perf.)
parjanyaḥ iva vṛṣṭimān
wie Parjanya, der Regenreiche (Nom.Sg.m.)
śamayan sarvataḥ pāpān
überall die Bösen besänftigend (Part.Kaus./Adv./Akk.Pl.m.)
svakarmasu ca yojayan
und zu den eigenen Werken anhaltend (Lok.Pl./Part.Kaus.)

evaṃ ye bhūtim iccheyuḥ pṛthivyāṃ mānavāḥ kva cit; kuryū rājānam evāgre prajānugrahakāraṇāt

So sollen Menschen, die irgendwo auf der Erde Wohlstand wünschen, zuallererst einen König einsetzen, um der Förderung der Untertanen willen.

Wort für Wort
evaṃ ye bhūtim iccheyuḥ
so wer Wohlstand wünschen möge (Adv./Rel./Opt.3.Pl.)
pṛthivyāṃ mānavāḥ kva cit
auf Erden Menschen irgendwo (Lok./Nom.Pl.m./Adv.)
kuryuḥ rājānam eva agre
sie sollen einen König machen, zuallererst (Opt.3.Pl./Akk./Adv.)
prajānugrahakāraṇāt
um der Gunst für die Untertanen willen (Abl.Sg.n.)

namasyeyuś ca taṃ bhaktyā śiṣyā iva guruṃ sadā; devā iva sahasrākṣaṃ prajā rājānam antike

Und sie sollen ihn in Ehrfurcht stets verehren, wie Schüler den Lehrer, wie die Götter den Tausendäugigen [Indra]: die Untertanen den König in ihrer Nähe.

Wort für Wort
namasyeyuḥ ca tam bhaktyā
und sie sollen ihn verehren in Hingabe (Opt.3.Pl./Akk./Instr.Sg.f.)
śiṣyāḥ iva gurum sadā
wie Schüler den Lehrer stets (Nom.Pl./Akk.Sg./Adv.)
devāḥ iva sahasrākṣam
wie die Götter den Tausendäugigen (Nom.Pl./Akk.Sg.m.)
prajāḥ rājānam antike
die Untertanen den König in der Nähe (Nom.Pl.f./Akk./Lok.Sg.n.)

satkṛtaṃ svajaneneha paro 'pi bahu manyate; svajanena tv avajñātaṃ pare paribhavanty uta

Wer von den eigenen Leuten geehrt wird, den achtet auch ein Fremder hoch; wer aber von den eigenen Leuten missachtet wird, den behandeln die Fremden schmählich.

Wort für Wort
satkṛtaṃ svajanena iha
geehrt von den eigenen Leuten hier (Part.Pass./Instr.Sg.m.)
paraḥ api bahu manyate
auch der Fremde schätzt hoch (Nom.Sg.m./3.Sg.Präs.Med.)
svajanena tu avajñātam
von den eigenen Leuten aber missachtet (Instr./Part.Pass.)
pare paribhavanti uta
die Fremden demütigen [ihn] (Nom.Pl./3.Pl.Präs.)

rājñaḥ paraiḥ paribhavaḥ sarveṣām asukhāvahaḥ; tasmāc chatraṃ ca patraṃ ca vāsāṃsy ābharaṇāni ca

Die Demütigung des Königs durch Fremde bringt allen Unglück; darum [sollen sie ihm geben] Schirm und Fächer [?], Gewänder und Schmuck ...

Wort für Wort
rājñaḥ paraiḥ paribhavaḥ
die Demütigung des Königs durch Fremde (Gen./Instr.Pl./Nom.Sg.m.)
sarveṣām asukhāvahaḥ
allen Unglück bringend (Gen.Pl./Nom.Sg.m.)
tasmāt chatraṃ ca patraṃ ca
darum Schirm und Fächer/Blatt [?] (Abl./Akk.Sg.n.)
vāsāṃsi ābharaṇāni ca
und Gewänder und Schmuck (Akk.Pl.n.)

Der Satz läuft in 41 weiter. „patra“ unsicher (Wedel/Blatt).

bhojanāny atha pānāni rājñe dadyur gṛhāṇi ca; āsanāni ca śayyāś ca sarvopakaraṇāni ca

... Speisen und Getränke, Häuser, Sitze und Lager und alle Geräte sollen sie dem König geben.

Wort für Wort
bhojanāni atha pānāni
Speisen und Getränke (Akk.Pl.n.)
rājñe dadyuḥ gṛhāṇi ca
dem König sollen sie geben, und Häuser (Dat./Opt.3.Pl./Akk.Pl.n.)
āsanāni ca śayyāḥ ca
und Sitze und Lager (Akk.Pl.n./Akk.Pl.f.)
sarvopakaraṇāni ca
und alle Geräte (Akk.Pl.n.)

guptātmā syād durādharṣaḥ smitapūrvābhibhāṣitā; ābhāṣitaś ca madhuraṃ pratibhāṣeta mānavān

Er soll selbstbeherrscht und schwer zu bezwingen sein, [stets] mit vorausgehendem Lächeln sprechend; angesprochen soll er den Menschen freundlich antworten.

Wort für Wort
guptātmā syāt
er soll selbstbewahrt sein (Nom.Sg.m./Opt.3.Sg.)
durādharṣaḥ
schwer zu bezwingen (Nom.Sg.m.)
smitapūrvābhibhāṣitā
der mit Lächeln zuvor spricht (Nom.Sg.m.)
ābhāṣitaḥ ca madhuram
und angesprochen, freundlich (Part.Pass./Adv.)
pratibhāṣeta mānavān
er soll den Menschen antworten (Opt.3.Sg.Med./Akk.Pl.m.)

kṛtajño dṛḍhabhaktiḥ syāt saṃvibhāgī jitendriyaḥ; īkṣitaḥ prativīkṣeta mṛdu carju ca valgu ca

Er soll dankbar und fest in der Ergebenheit sein, teilend und die Sinne bezwingend; angeblickt soll er zurückblicken, sanft, aufrichtig und freundlich.

Wort für Wort
kṛtajñaḥ dṛḍhabhaktiḥ syāt
er sei dankbar, fest in Zuneigung (Nom.Sg.m./Opt.3.Sg.)
saṃvibhāgī jitendriyaḥ
teilend, die Sinne bezwungen habend (Nom.Sg.m.)
īkṣitaḥ prativīkṣeta
angeblickt blicke er zurück (Part.Pass./Opt.3.Sg.Med.)
mṛdu ṛju ca valgu ca
sanft und gerade und lieblich (Adv.n.)

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