Kapitel 61: āśramadharmavarṇanā
Die Lebensstadien: Vedaschüler, Hausherr, Waldeinsiedler und Bettelwanderer
Bhīṣma beginnt die Darlegung der Lebensstadien und stellt den Hausstand als hervorragendes Stadium heraus; der Abschnitt bricht mit der Beschreibung des Brahmacārin ab.
vānaprasthaṃ bhaikṣacaryāṃ gārhasthyaṃ ca mahāśramam; brahmacaryāśramaṃ prāhuś caturthaṃ brāhmaṇair vṛtam
Das Waldeinsiedlertum, den Bettelwandel und den Hausstand als das große Stadium, [und] als viertes nennen sie das Stadium des Brahmacarya, das von Brahmanen [zuerst] befolgt wird.
Wort für Wort
vānaprastham bhaikṣacaryāṃ
Waldeinsiedlertum, Bettelwandel (Akk.)
gārhasthyaṃ ca mahāśramam
und den Hausstand, das große Stadium (Akk.)
brahmacaryāśramaṃ
das Stadium der Keuschheit/Vedaschülerschaft (Akk.)
prāhuś caturthaṃ
sie nennen [es] als viertes (3.Pl.Perf.)
brāhmaṇair vṛtam
von Brahmanen befolgt (Instr.Pl./Part.Pass.)
vānaprasthaṃ ist im Text Akk. n. (Stadium des Waldeinsiedlers); die Reihenfolge der Aufzählung weicht von der üblichen ab.
jaṭākaraṇasaṃskāraṃ dvijātitvam avāpya ca; ādhānādīni karmāṇi prāpya vedam adhītya ca
[Der Brahmane], der das Weiheritual des Haarflechtens [samt Aufnahme] und die Zweimalgeborenheit erlangt hat, die Riten – beginnend mit der Feuerbegründung – erreicht und den Veda studiert hat,
Wort für Wort
jaṭākaraṇasaṃskāraṃ
die Weihe der Haarflechtung (Akk.)
dvijātitvam avāpya ca
und die Zweimalgeborenheit erlangt habend (Abs.)
ādhānādīni karmāṇi
die Riten, mit der Feuerbegründung beginnend (Akk.Pl.)
prāpya
erreicht habend (Abs.)
vedam adhītya ca
und den Veda studiert habend (Abs.)
jaṭākaraṇasaṃskāra: Deutung unsicher [?] (Weihe zum Tragen der Haarflechte / Aufnahme in die Schülerschaft).
mit Gattin oder auch ohne, selbstbeherrscht, die Sinne gezügelt, soll er, nachdem er seine Pflichten erfüllt hat, aus dem Hausstand ins Waldeinsiedler-Stadium gehen.
tatrāraṇyakaśāstrāṇi samadhītya sa dharmavit; ūrdhvaretāḥ prajāyitvā gacchaty akṣarasātmatām
Dort, nachdem er die Āraṇyaka-Lehrschriften gründlich studiert hat, gelangt er, der Dharmakundige, mit aufwärtsgerichtetem Samen, nach der Zeugung von Nachkommen zur Wesensgleichheit mit dem Unvergänglichen.
Wort für Wort
tatrāraṇyakaśāstrāṇi
dort die Āraṇyaka-Lehrschriften (Lok./Akk.Pl.)
samadhītya sa dharmavit
gründlich studiert habend, er, der Dharmakundige (Abs./Nom.)
ūrdhvaretāḥ
mit aufwärtsgerichtetem Samen (Nom.)
prajāyitvā
Nachkommen gezeugt habend (Abs.)
gacchaty akṣarasātmatām
er geht zur Wesensgleichheit mit dem Unvergänglichen (3.Sg.Präs./Akk.)
Die Abfolge ‚ūrdhvaretāḥ … prajāyitvā‘ ist im Text so überliefert.
etāny eva nimittāni munīnām ūrdhvaretasām; kartavyānīha vipreṇa rājann ādau vipaścitā
Dies sind eben die Anlässe [bzw. Voraussetzungen] für die Munis mit aufwärtsgerichtetem Samen; sie sind hier vom Brahmanen, o König, zu Anfang vom Einsichtigen zu vollziehen.
Wort für Wort
etāny eva nimittāni
dies eben sind die Anlässe/Voraussetzungen (Nom.Pl.)
Für den Brahmanen, der die Keuschheit [des Schülers] vollzogen hat, o Herr der Menschen, gilt hier die Befugnis zum Bettelwandel als gepriesen – für den Erlösungsstrebenden.
Wort für Wort
caritabrahmacaryasya
dessen, der das Brahmacarya vollzogen hat (Gen.)
brāhmaṇasya viśāṃ pate
des Brahmanen, o Herr der Menschen (Gen./Vok.)
bhaikṣacaryāsv adhīkāraḥ
die Befugnis zu den Bettelwandel-Praktiken (Lok.Pl./Nom.)
Wo immer er sich bei Sonnenuntergang niederlegt, ohne Feuer, ohne Behausung, von dem lebend, was er bekommt, soll er ein Muni sein, gezähmt, die Sinne besiegt.
Wort für Wort
yatrāstamitaśāyī syān
wo er bei Sonnenuntergang lagert, soll er sein (Nom./3.Sg.Opt.)
niragnir aniketanaḥ
feuerlos, ohne Behausung (Nom.)
yathopalabdhajīvī syān
vom jeweils Erlangten lebend soll er sein (Nom./Opt.)
Er soll ohne Wünsche sein, allen gleich, ohne Genuss, ohne Wandlung; der Brahmane, der das Stadium der Geborgenheit erreicht hat, gelangt zur Wesensgleichheit mit dem Unvergänglichen.
Wort für Wort
nirāśīḥ syāt
wunschlos soll er sein (Nom./3.Sg.Opt.)
sarvasamo nirbhogo
allen gleich, ohne Genuss (Nom.)
nirvikāravān
frei von Wandlung/Erregung (Nom.)
vipraḥ kṣemāśramaṃ prāptaḥ
der Brahmane, ins Stadium der Geborgenheit gelangt (Nom./Part.)
gacchaty akṣarasātmatām
geht zur Wesensgleichheit mit dem Unvergänglichen (3.Sg.Präs.)
Nachdem er die Veden studiert, alle [seine] Pflichten erfüllt, Nachkommenschaft gezeugt und Freuden genossen hat, soll er gesammelt jene schwer auszuübende Hausherrenpflicht vollziehen, die von den Munis als Dharma erkannt wurde.
Wort für Wort
adhītya vedān
die Veden studiert habend (Abs./Akk.Pl.)
kṛtasarvakṛtyaḥ
der alle Pflichten erfüllt hat (Nom.)
saṃtānam utpādya
Nachkommenschaft gezeugt habend (Akk./Abs.)
sukhāni bhuktvā
Freuden genossen habend (Akk.Pl./Abs.)
samāhitaḥ pracared
gesammelt soll er ausüben (Nom./3.Sg.Opt.)
duścaraṃ taṃ gārhasthyadharmaṃ
jene schwer auszuübende Hausherrenpflicht (Akk.)
munidharmadṛṣṭam
[die] von den Munis als Dharma erschaute (Part.Pass./Akk.)
munidharmadṛṣṭam: Auffassung des Kompositums unsicher [?] (‚als Munipflicht gesehen‘ / ‚von Munis als Dharma gesehen‘).
Mit der eigenen Frau zufrieden, ihr zur Zeit der Fruchtbarkeit nahend, dem Gebot [des Dharma] dienend, nicht arglistig, nicht krumm, mäßig im Essen, den Göttern ergeben, dankbar, wahrhaftig, sanft, nicht grausam, nachsichtig,
Wort für Wort
svadāratuṣṭa
mit der eigenen Frau zufrieden (Nom.)
ṛtukālagāmī
zur Zeit der Fruchtbarkeit [ihr] nahend (Nom.)
niyogasevī naśaṭho najihmaḥ
dem Gebot dienend, nicht arglistig, nicht krumm (Nom.)
gezähmt, folgsam, bei Götter- und Ahnenopfern nicht nachlässig, den Zweimalgeborenen stets Speise gebend, neidlos, ein Geber an alle Zeichenträger [aller Orden], und den Vaitāna-Feuern beständig ergeben – so soll der Hausherr sein.
Wort für Wort
dānto vidheyo
gezähmt, folgsam (Nom.)
havyakavye 'pramattaḥ
bei Götter- und Ahnenopfer unachtsam-nicht, d.h. achtsam (Lok./Nom.)
annasya dātā satataṃ dvijebhyaḥ
Speisegeber stets an die Zweimalgeborenen (Nom./Dat.Pl.)
amatsarī
neidlos (Nom.)
sarvaliṅgipradātā
Geber an alle Zeichenträger (Nom.)
vaitānanityaś ca
und den Vaitāna-Opfern beständig [ergeben] (Nom.)
gṛhāśramī syāt
der Hausherr soll sein (Nom./3.Sg.Opt.)
vidheya: ‚folgsam, lenkbar‘; vaitāna = die Śrauta-Feuer betreffend.
athātra nārāyaṇagītam āhur; maharṣayas tāta mahānubhāvāḥ; mahārtham atyarthatapaḥprayuktaṃ; tad ucyamānaṃ hi mayā nibodha
Nun sprechen hierzu die großen Seher, Lieber, die Hochgewaltigen, ein Nārāyaṇa-Lied, das von großem Sinn und mit übermäßiger Askese verbunden ist; dies, wie ich es sage, vernimm.
Wort für Wort
athātra nārāyaṇagītam
nun hierzu ein von Nārāyaṇa gesungenes/Nārāyaṇa-Lied (Akk.)
āhur maharṣayas
sagen die großen Seher (3.Pl.Perf./Nom.)
tāta mahānubhāvāḥ
Lieber, die Hochgewaltigen (Vok./Nom.)
mahārtham atyarthatapaḥprayuktaṃ
von großem Sinn, mit übermäßiger Askese verbunden (Akk.)
tad ucyamānaṃ hi mayā nibodha
dies, mir gesprochen, vernimm (Part.Pass./Instr./Imp.)
nārāyaṇagītam: auch ‚von Nārāyaṇa gesungen‘ möglich.
satyārjavaṃ cātithipūjanaṃ ca; dharmas tathārthaś ca ratiś ca dāre; niṣevitavyāni sukhāni loke; hy asmin pare caiva mataṃ mamaitat
Wahrhaftigkeit und Geradheit, die Verehrung der Gäste, Dharma und Artha und die Liebeslust an der Gattin: dies sind Freuden, die in der Welt zu pflegen sind, hier und im Jenseits; das ist meine Ansicht.
Wort für Wort
satyārjavaṃ cātithipūjanaṃ ca
Wahrhaftigkeit und Geradheit sowie Gastverehrung (Nom.)
dharmas tathārthaś ca
Dharma und ebenso Artha (Nom.)
ratiś ca dāre
und Liebeslust an der Gattin (Nom./Lok.)
niṣevitavyāni sukhāni loke
als Freuden zu pflegen in der Welt (Gerundiv/Nom.Pl./Lok.)
Nach seiner Ablegung des Körpers gelten die ersehnten Wünsche als unvergänglich; zur Unendlichkeit hin stehen sie ihm bei [?], [Wesen] mit Augen, Köpfen und Gesichtern nach allen Seiten.
Wort für Wort
tasya dehaparityāgād
von ihm, nach der Ablegung des Körpers (Gen./Abl.)
iṣṭāḥ kāmākṣayā matāḥ
die ersehnten Wünsche gelten als unvergänglich (Nom.Pl.)
ānantyāyopatiṣṭhanti
zur Unendlichkeit treten sie heran/stehen bei (Dat./3.Pl.Präs.)
sarvatokṣiśiromukhāḥ
allseits mit Augen, Köpfen, Gesichtern (Nom.Pl.)
Stelle syntaktisch unklar/möglicherweise verderbt; die Wiedergabe ist unsicher.
Allein essend, allein murmelnd, allein umherziehend, Yudhiṣṭhira, nur einem einzigen Lehrer dienstbereit, mit Schmutz und Staub bedeckt [soll der Schüler sein].
Ohne Heim allein wandernd, Yudhiṣṭhira, [gegenüber] allen [?].
Wort für Wort
aniketaś carann ekaḥ
ohne Heim, allein wandernd (Nom./Part.)
sarvān eva yudhiṣṭhira
alle eben, Yudhiṣṭhira (Akk.Pl./Vok.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (Sternvers); der Satz ist elliptisch, Bezug von sarvān unklar [?].
na caraty adhikāreṇa sevitaṃ dviṣato na ca; eṣo ''śramapadas tāta brahmacāriṇa iṣyate
Er wandelt nicht aus [bloßer] Amtsbefugnis, noch [nimmt er an], was von einem Hassenden geboten wird [?]. Dies, Lieber, gilt als der Standort im Stadium des Brahmacārin.
Wort für Wort
na caraty adhikāreṇa
er wandelt nicht kraft Amtsbefugnis (3.Sg.Präs./Instr.)
sevitaṃ dviṣato na ca
und nicht [das] Bediente/Gepflegte eines Hassenden (Part.Pass./Gen.)
eṣo 'śramapadas tāta
dies ist der Standort/Rang im Stadium, Lieber (Nom./Vok.)
brahmacāriṇa iṣyate
gilt für den Brahmacārin (Gen./3.Sg.Pass.)
Erste Vershälfte syntaktisch dunkel; Wiedergabe unsicher.