Kapitel 284: gṛhasthasya tapovidhiḥ
Anhaftung im Hausleben und der Wert der Askese
Parāśara leitet von der Pflichtenordnung des Hausvaters zur Askese über: Besitzdenken führt zu Leid und Überdruss, aus dem Askese erwächst; ihre Früchte reichen bis zum Himmel, doch der Hausvater bleibt Halt aller Lebensstufen.
parāśara uvāca; eṣa dharmavidhis tāta gṛhasthasya prakīrtitaḥ; tapovidhiṃ tu vakṣyāmi tan me nigadataḥ śṛṇu
Parāśara sprach: „Dies ist, mein Lieber, die Ordnung der Pflichten des Hausvaters, wie sie verkündet wurde. Die Ordnung der Askese aber werde ich nun darlegen – die höre von mir, während ich sie ausspreche.“
Wort für Wort
parāśara uvāca
Parāśara sprach (Perf.)
eṣa dharmavidhiḥ
diese Ordnung der Pflicht (Nom.Sg.m.)
tāta
mein Lieber (Vok.)
gṛhasthasya prakīrtitaḥ
des Hausvaters verkündet (Gen.Sg.; Part.Pass.)
tapovidhiṃ tu vakṣyāmi
die Ordnung der Askese aber werde ich sagen (Akk.; 1.Sg.Fut.)
tat me nigadataḥ śṛṇu
das höre von mir, der ich es sage (Imp.; Gen./Abl. Part.Präs.)
prāyeṇa hi gṛhasthasya mamatvaṃ nāma jāyate; saṅgāgataṃ naraśreṣṭha bhāvais tāmasarājasaiḥ
Meist entsteht nämlich beim Hausvater das sogenannte „Mein-Sein“ [Besitzdenken], aus Anhaftung hervorgegangen, o Bester der Männer, durch Zustände von tamasischer und rajasischer Art.
Wort für Wort
prāyeṇa hi gṛhasthasya
meist nämlich beim Hausvater (Instr./Adv.; Gen.Sg.)
mamatvaṃ nāma jāyate
das sogenannte Mein-Sein entsteht (Nom.Sg.n.; 3.Sg.Pass./Med.)
saṅgāgataṃ
aus Anhaftung gekommen (Nom.Sg.n.; Kompositum)
naraśreṣṭha
Bester der Männer (Vok.)
bhāvaiḥ tāmasarājasaiḥ
durch Zustände tamasischer und rajasischer Art (Instr.Pl.)
evaṃ tasya pravṛttasya nityam evānupaśyataḥ; rāgadveṣau vivardhete hy anityatvam apaśyataḥ
So wachsen bei ihm, der stets in Tätigkeit befangen ist und beständig nur darauf schaut, Zuneigung und Abneigung, da er die Vergänglichkeit nicht sieht.
Wort für Wort
evaṃ tasya pravṛttasya
so bei ihm, dem in Tätigkeit Befangenen (Gen.Sg.; Part.Perf.Pass.)
nityam eva anupaśyataḥ
stets nur betrachtend (Adv.; Gen.Part.Präs.)
rāgadveṣau vivardhete
Zuneigung und Abneigung wachsen (Nom.Du.; 3.Du.Med.)
hi anityatvam apaśyataḥ
denn die Vergänglichkeit nicht sehend (Akk.Sg.; Gen.Part.Präs.)
rāgadveṣābhibhūtaṃ ca naraṃ dravyavaśānugam; mohajātā ratir nāma samupaiti narādhipa
Den von Zuneigung und Abneigung überwältigten, dem Besitz [dem Materiellen] folgenden Menschen ergreift, o Herr der Menschen, die aus Verblendung geborene sogenannte Lust [Vergnügungssucht].
Wort für Wort
rāgadveṣābhibhūtaṃ ca naram
und den von Zuneigung und Abneigung überwältigten Menschen (Akk.Sg.)
dravyavaśānugam
dem Besitz unterworfen folgend (Akk.Sg.; Kompositum)
mohajātā ratiḥ nāma
aus Verblendung geborene, sogenannte Lust (Nom.Sg.f.)
kṛtārtho bhogato bhūtvā sa vai ratiparāyaṇaḥ; lābhaṃ grāmyasukhād anyaṃ ratito nānupaśyati
Zum Genuss gelangt, sich am Ziel wähnend, wird er ganz der Lust ergeben; einen anderen Gewinn als das Vergnügen des Alltags sieht er von der Lust her nicht.
Wort für Wort
kṛtārthaḥ bhogataḥ bhūtvā
am Ziel angelangt, vom Genuss her geworden (Nom.; Abl.; Abs.)
sa vai ratiparāyaṇaḥ
er fürwahr der Lust ergeben (Nom.Sg.)
lābhaṃ grāmyasukhād anyam
einen Gewinn außer dem alltäglichen Vergnügen (Akk.Sg.; Abl.Sg.)
ratitaḥ na anupaśyati
von der Lust her sieht er nicht (Abl.; 3.Sg.Präs.)
tato lobhābhibhūtātmā saṅgād vardhayate janam; puṣṭyarthaṃ caiva tasyeha janasyārthaṃ cikīrṣati
Dann, in seinem Wesen von Gier überwältigt, vermehrt er aus Anhaftung seine Leute; und zur Ernährung und um dieser Leute willen will er hier [Besitz] erwerben.
Wort für Wort
tataḥ lobhābhibhūtātmā
dann von Gier überwältigten Wesens (Nom.Sg.; Bahuvrīhi)
saṅgād vardhayate janam
aus Anhaftung vermehrt er die Leute (Abl.; 3.Sg.Kaus.; Akk.)
puṣṭyartham eva tasya iha
zur Ernährung und seiner hier (Adv.; Gen.)
janasya artham cikīrṣati
um der Leute willen will er tun/erwerben (Gen.; Desid.3.Sg.)
sa jānann api cākāryam arthārthaṃ sevate naraḥ; bālasnehaparītātmā tatkṣayāc cānutapyate
Obwohl er weiß, dass es Unerlaubtes ist, tut der Mensch es um des Erwerbs willen; von kindischer Zuneigung erfüllt, quält er sich beim Schwinden davon.
Wort für Wort
sa jānann api akāryam
er, obwohl wissend das Nichtzutuende (Part.Präs.; Akk.Sg.n.)
arthārthaṃ sevate naraḥ
um des Erwerbs willen pflegt es der Mensch (Adv.; 3.Sg.Med.; Nom.)
bālasnehaparītātmā
von kindischer Zuneigung erfüllten Wesens (Nom.Sg.; Kompositum)
tatkṣayāt ca anutapyate
und bei dessen Schwund quält er sich (Abl.; 3.Sg.Pass.)
snehāyatananāśāc ca dhananāśāc ca pārthiva; ādhivyādhipratāpāc ca nirvedam upagacchati
Durch die Zerstörung der Stätten der Zuneigung, durch Verlust des Reichtums, o Fürst, und durch die Pein seelischen Leids und der Krankheit gelangt er zum Überdruss.
Wort für Wort
snehāyatananāśāt ca
und durch die Zerstörung der Stätten der Zuneigung (Abl.Sg.)
dhananāśāt ca pārthiva
und durch Verlust des Reichtums, o Fürst (Abl.; Vok.)
ādhivyādhipratāpāt ca
und durch die Pein von seelischem Leid und Krankheit (Abl.Sg.)
nirvedād ātmasaṃbodhaḥ saṃbodhāc chāstradarśanam; śāstrārthadarśanād rājaṃs tapa evānupaśyati
Aus Überdruss entsteht Selbsterkenntnis, aus Erkenntnis die Einsicht in die Lehre; aus der Einsicht in den Sinn der Lehre, o König, erblickt er nur noch die Askese.
Wort für Wort
nirvedād ātmasaṃbodhaḥ
aus Überdruss Selbsterkenntnis (Abl.; Nom.)
saṃbodhāc chāstradarśanam
aus Erkenntnis Einsicht in die Lehre (Abl.; Nom.)
śāstrārthadarśanād rājan
aus der Einsicht in den Lehrsinn, o König (Abl.; Vok.)
durlabho hi manuṣyendra naraḥ pratyavamarśavān; yo vai priyasukhe kṣīṇe tapaḥ kartuṃ vyavasyati
Schwer zu finden ist nämlich, Herr der Menschen, ein Mensch mit Rückbesinnung, der bei geschwundener Lust am Liebgewonnenen sich zur Askese entschließt.
Wort für Wort
durlabhaḥ hi manuṣyendra
schwer zu erlangen nämlich, o Herr der Menschen (Nom.; Vok.)
naraḥ pratyavamarśavān
ein Mensch mit Rückbesinnung (Nom.Sg.)
yo vai priyasukhe kṣīṇe
der fürwahr, wenn Liebes und Glück geschwunden sind (Lok.abs.)
tapaḥ kartuṃ vyavasyati
zur Askese-Übung sich entschließt (Inf.; 3.Sg.Präs.)
„priyasukhe“ als „am Lieben und Glück“ oder „am Liebgewonnenen“ deutbar.
Askese ist allumfassend, mein Lieber, auch für den Geringen vorgeschrieben; dem, der die Sinne bezwungen hat und gezähmt ist, zeigt sie den Weg zum Himmel.
Wort für Wort
tapaḥ sarvagataṃ tāta
Askese ist allumfassend, Lieber (Nom.Sg.n.; Vok.)
hīnasya api vidhīyate
auch für den Geringen wird sie vorgeschrieben (Gen.; 3.Sg.Pass.)
yakṣarākṣasagandharvāḥ siddhāś cānye divaukasaḥ; saṃsiddhās tapasā tāta ye cānye svargavāsinaḥ
Yakṣas, Rākṣasas und Gandharvas, Siddhas und andere Himmelsbewohner; durch Askese vollendet sind sie, mein Lieber, und was es sonst an Himmelsbewohnern gibt.
Wort für Wort
yakṣarākṣasagandharvāḥ
Yakṣas, Rākṣasas, Gandharvas (Nom.Pl.)
siddhāḥ ca anye divaukasaḥ
und Siddhas, andere Himmelsbewohner (Nom.Pl.)
saṃsiddhāḥ tapasā tāta
durch Askese vollendet, Lieber (Nom.Pl.; Instr.; Vok.)
ye ca anye svargavāsinaḥ
und welche anderen Himmelsbewohner [es gibt] (Nom.Pl.)
ye cādau brahmaṇā sṛṣṭā brāhmaṇās tapasā purā; te bhāvayantaḥ pṛthivīṃ vicaranti divaṃ tathā
Und die Brahmanen, die einst am Anfang von Brahmā durch Askese geschaffen wurden – sie, die die Erde gedeihen lassen, wandeln umher, und ebenso im Himmel.
Wort für Wort
ye ca ādau brahmaṇā sṛṣṭāḥ
und die am Anfang von Brahmā geschaffen wurden (Nom.Pl.; Instr.; Part.Pass.)
brāhmaṇāḥ tapasā purā
die Brahmanen durch Askese einst (Nom.Pl.; Instr.)
te bhāvayantaḥ pṛthivīm
sie, die Erde gedeihen lassend (Nom.Pl.Part.Kaus.; Akk.)
vicaranti divaṃ tathā
wandeln umher, ebenso im Himmel (3.Pl.Präs.; Akk.)
Nichts ist durch Askese unerreichbar in diesen drei Welten, Bezwinger der Feinde; Verzicht auf Genuss sind die Früchte derer, die das Werk nicht getan haben.
Wort für Wort
na aprāpyaṃ tapasā kiṃ cit
nichts durch Askese Unerreichbares (Nom.; Instr.)
trailokye asmin
in diesen drei Welten (Lok.)
paraṃtapa
Bezwinger der Feinde (Vok.)
upabhogaparityāgaḥ
Verzicht auf Genuss (Nom.Sg.)
phalāni akṛtakarmaṇām
die Früchte derer, die das Werk nicht getan haben (Nom.Pl.; Gen.Pl.)
„akṛtakarmaṇām“ hier auf das Werk der Askese bezogen; Sinn des zweiten Halbverses knapp.
Ob glücklich oder unglücklich, soll der Mensch die Gier aufgeben, nachdem er die Lehre mit dem Geist und mit dem Verstand betrachtet hat, bester der Könige.
Wort für Wort
sukhitaḥ duḥkhitaḥ vā api
ob glücklich oder unglücklich (Nom.Sg.)
naraḥ lobhaṃ parityajet
der Mensch möge die Gier aufgeben (Opt.3.Sg.)
avekṣya manasā śāstram
nachdem er mit dem Geist die Lehre betrachtet (Abs.; Instr.; Akk.)
buddhyā ca nṛpasattama
und mit dem Verstand, bester der Könige (Instr.; Vok.)
yad iṣṭaṃ tat sukhaṃ prāhur dveṣyaṃ duḥkham ihocyate; kṛtākṛtasya tapasaḥ phalaṃ paśyasva yādṛśam
Was erwünscht ist, das nennen sie Glück; das Verhasste wird hier Leid genannt. Sieh, wie beschaffen die Frucht der getanen und der nicht getanen Askese ist.
Wort für Wort
yad iṣṭaṃ tat sukham
was erwünscht ist, das [ist] Glück (Nom.n.)
prāhuḥ dveṣyaṃ duḥkham
sie sagen; Verhasstes [ist] Leid (Perf.3.Pl.; Nom.n.)
iha ucyate
hier wird gesagt (3.Sg.Pass.)
kṛtākṛtasya tapasaḥ phalam
die Frucht der getanen und nicht getanen Askese (Gen.; Akk.)
tataḥ phalārthaṃ carati bhavanti jyāyaso guṇāḥ; dharmavṛttyā ca satataṃ kāmārthābhyāṃ na hīyate
Dann handelt er um der Frucht willen, [und] es entstehen höhere Vorzüge; durch Wandel nach dem Dharma wird er beständig weder von Kāma noch von Artha verlassen.
Wort für Wort
tataḥ phalārthaṃ carati
dann handelt er um der Frucht willen (Adv.; 3.Sg.Präs.)
bhavanti jyāyasaḥ guṇāḥ
es entstehen höhere Vorzüge (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)
dharmavṛttyā ca satatam
und durch Wandel nach dem Dharma beständig (Instr.; Adv.)
kāmārthābhyāṃ na hīyate
von Kāma und Artha wird er nicht verlassen (Abl.Du.; 3.Sg.Pass.)
Vers knapp; Beziehung von „tataḥ phalārtham“ zum Vorigen unsicher.
aprayatnāgatāḥ sevyā gṛhasthair viṣayāḥ sadā; prayatnenopagamyaś ca svadharma iti me matiḥ
Die ohne Anstrengung zugefallenen Sinnesobjekte sind von Hausvätern stets zu genießen; was durch Anstrengung zu erlangen ist, ist Eigenpflicht – so ist meine Ansicht.
Wort für Wort
aprayatnāgatāḥ sevyāḥ
ohne Mühe zugekommen, zu genießen (Nom.Pl.; Gerundiv)
gṛhasthaiḥ viṣayāḥ sadā
von Hausvätern die Sinnesobjekte stets (Instr.; Nom.Pl.)
prayatnena upagamyaḥ ca
und was durch Anstrengung zu erlangen ist (Instr.; Gerundiv)
svadharmaḥ iti me matiḥ
[ist] Eigenpflicht – so meine Ansicht (Nom.; Gen.; Nom.f.)
[Von denen] Stolzen, in guter Familie Geborenen, die stets die Lehrbedeutung zum Auge haben, denen die Ausübung der Pflichtwerke fehlt und die aus Unvermögen in sich verschlossen sind –
Wort für Wort
mānināṃ kulajātānām
der Stolzen, der aus [gutem] Geschlecht Geborenen (Gen.Pl.)
nityaṃ śāstrārthacakṣuṣām
die stets die Lehrbedeutung zum Auge haben (Adv.; Gen.Pl.)
dharmakriyāviyuktānām
denen die Pflichtwerke fehlen (Gen.Pl.)
aśaktyā saṃvṛtātmanām
aus Unvermögen in sich verschlossen (Instr.; Gen.Pl.)
sarvātmanā tu kurvīta gṛhasthaḥ karmaniścayam; dākṣyeṇa havyakavyārthaṃ svadharmaṃ vicaren nṛpa
Mit ganzem Wesen soll der Hausvater Entschlossenheit im Handeln üben; mit Geschick soll er zum Zwecke von Havya und Kavya seine Eigenpflicht vollziehen, o König.
Wort für Wort
sarvātmanā tu kurvīta
mit ganzem Wesen aber möge er üben (Instr.; Opt.Med.)
gṛhasthaḥ karmaniścayam
der Hausvater Entschlossenheit im Handeln (Nom.; Akk.)
dākṣyeṇa havyakavyārtham
mit Geschick zum Zweck von Götter- und Ahnenopfer (Instr.; Akk.)
svadharmaṃ vicaret nṛpa
die Eigenpflicht möge er vollziehen, o König (Akk.; Opt.3.Sg.; Vok.)