Kapitel 227: brāhmaṇavṛtti-saṃsāranadītaraṇa
Brahmanische Lebensweise und das Überqueren des Stroms des Daseins durch Einsicht
Vyāsa beschreibt die Pflichten des Hausherr-Brahmanen und vergleicht den Lauf der Welt mit einem reißenden Strom, den nur der Einsichtige mit dem Floß der Erkenntnis überquert.
Vyāsa sprach: „Man betrachte das dreifache Wissen, das in den Veden gelehrt ist, und zwar nach seinen Teilen: nach den Lauten und Silben des Ṛg[veda] und des Sāman, ebenso des Yajus und des Atharvan.“
Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Nom.; 3.Sg.Perf.)
trayīvidyām avekṣeta
das dreifache Wissen soll man betrachten (Akk.; 3.Sg.Opt.)
vedeṣūktām athāṅgataḥ
in den Veden Gesagtes, und zwar nach den Teilen (Lok.Pl.; Part.Pass. Akk.; Abl.-Adv.)
ṛksāmavarṇākṣarataḥ
nach Lauten und Silben von Ṛg- und Sāmaveda (Abl.-Adv.; Kompositum)
Der Verehrungswürdige [?] steht, in diesen sechs Werken gefestigt.
Wort für Wort
tiṣṭhaty eteṣu
er steht in diesen (3.Sg.Präs.; Lok.Pl.)
bhagavān
der Verehrungswürdige (Nom.Sg.)
ṣaṭsu karmasu
in sechs Werken (Lok.Pl.)
saṃsthitaḥ
gefestigt, feststehend (Part.Pass. Nom.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Bezug von bhagavān unklar (Zusatzstrophe, wohl der Hausherr-Brahmane wie in Vers 6).
So soll er nach dem Dharma leben und Handlungen wie ein Śiṣṭa [Maßgeblicher] vollziehen; ohne Beeinträchtigung der Wesen soll der Zweimalgeborene seinen Lebensunterhalt zu erlangen suchen.
Wort für Wort
evaṃ dharmeṇa varteta
so soll er gemäß dem Dharma leben (Instr.Sg.; 3.Sg.Opt.)
kriyāḥ śiṣṭavad ācaret
Handlungen wie ein Śiṣṭa soll er vollziehen (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.)
asaṃrodhena bhūtānām
ohne Behinderung der Wesen (Instr.Sg.; Gen.Pl.)
vṛttiṃ lipseta vai
Lebensunterhalt soll zu erlangen wünschen, wahrlich (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.Desid.)
[Er sei] einer, der von den Guten Erkenntnis empfangen hat, ein Śiṣṭa, in den Lehrschriften scharfsichtig; der in der Welt Handlungen gemäß seinem eigenen Dharma vollzieht und seinem Versprechen an die Wahrheit treu ist.
Wort für Wort
sadbhya āgatavijñānaḥ
von den Guten zugekommene Erkenntnis besitzend (Abl.Pl.; Bahuvrīhi Nom.)
śiṣṭaḥ śāstravicakṣaṇaḥ
ein Maßgeblicher, in den Śāstras scharfsichtig (Nom.Sg.)
svadharmeṇa kriyā
gemäß dem eigenen Dharma Handlungen (Instr.Sg.; Akk.Pl.)
loke kurvāṇaḥ
in der Welt tuend (Lok.Sg.; Part.Med. Nom.)
satyasaṃgaraḥ
der Wahrheit verpflichtet, wahrhaftig im Versprechen (Nom.Sg.)
dhṛtimān apramattaś ca dānto dharmavid ātmavān; vītaharṣabhayakrodho brāhmaṇo nāvasīdati
Standhaft, nicht nachlässig, bezwungen [in den Sinnen], dharmakundig, seiner selbst mächtig, frei von Freude, Furcht und Zorn: [so] sinkt der Brahmane nicht ab.
Der aber, dessen Übel abgeschüttelt ist, der Kluge, mäßig Essende, Sinnesbezwinger, soll, nachdem er Begierde und Zorn unter seine Gewalt gebracht hat, danach streben, zum Stand des Brahman zu gelangen.
Wort für Wort
dhūtapāpmā tu medhāvī
mit abgeschütteltem Übel aber, klug (Nom.Sg.)
laghvāhāro jitendriyaḥ
leicht essend, die Sinne besiegt habend (Nom.Sg.)
kāmakrodhau vaśe kṛtvā
Begierde und Zorn unter Gewalt gebracht habend (Akk.Du.; Lok.; Abs.)
ninīṣed brahmaṇaḥ padam
er soll [hin]führen/gelangen wollen zum Stand des Brahman (3.Sg.Opt.Desid.; Gen.; Akk.)
Die Feuer und die Brahmanen soll er verehren und sich vor den Gottheiten verneigen; rauhe Rede soll er meiden und Gewalt, die mit Adharma verbunden ist.
Wort für Wort
agnīṃś ca brāhmaṇāṃś cārced
die Feuer und die Brahmanen soll er ehren (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.)
devatāḥ praṇameta ca
vor den Gottheiten soll er sich verneigen (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.Med.)
varjayed ruṣatīṃ vācaṃ
rauhe Rede soll er meiden (3.Sg.Opt.; Akk.Sg.)
hiṃsāṃ cādharmasaṃhitām
und Gewalt, die mit Adharma verbunden ist (Akk.Sg.)
Der Verständige überquert den Strom, dessen Wasser die fünf Sinne sind, den schrecklichen, dessen Ufer die Gier ist, sehr schwer zu durchqueren, dessen Schlamm der Zorn ist, unbezwingbar.
Wort für Wort
pañcendriyajalāṃ ghorāṃ
mit den fünf Sinnen als Wasser, schrecklich (Akk.Sg.f.)
lobhakūlāṃ sudustarām
mit Gier als Ufer, sehr schwer zu überqueren (Akk.Sg.f.)
manyupaṅkām anādhṛṣyāṃ
mit Zorn als Schlamm, unbezwingbar (Akk.Sg.f.)
nadīṃ tarati buddhimān
den Fluss überquert der Verständige (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.; Nom.)
Was von Verlangen und Zorn aufgewühlt und beständig völlig verblendet sein mag: [so] wird die Welt fortwährend dahingetragen durch die große, vom Gesetz gesehene, unaufhaltbare Kraft, im Strom des Eigenwesens [?].
Wort für Wort
kāmamanyūddhataṃ yat syān
was von Verlangen und Zorn aufgewühlt sein mag (Part.Pass. Nom.; 3.Sg.Opt.)
nityam atyantamohitam
stets völlig verblendet (Part.Pass. Nom.)
mahatā vidhidṛṣṭena
durch die große, vom Gesetz/Fügung gesehene (Instr.Sg.)
balenāpratighātinā
durch Kraft, unaufhaltbar (Instr.Sg.)
svabhāvasrotasā vṛttam
durch den Strom des Eigenwesens, im Lauf (Instr.Sg.; Part. Nom.)
uhyate satataṃ jagat
wird dahingetragen, beständig, die Welt (3.Sg.Pass.; Nom.Sg.)
Syntax der Strophe schwierig; vṛttam uhyate wohl „wird im [ihrem] Lauf fortgetragen“.
kālodakena mahatā varṣāvartena saṃtatam; māsormiṇartuvegena pakṣolapatṛṇena ca
[Der Strom hat] mit dem Wasser der Zeit ein großes, ständiges Jahresstrudel-Wirbeln, die Monate als Wellen, den Jahreszeiten-Schwall und die Halbmonate als Schilfgras.
Wort für Wort
kālodakena mahatā
mit dem großen Wasser der Zeit (Instr.Sg.)
varṣāvartena saṃtatam
mit dem Strudel der Regenzeiten/Jahre, ununterbrochen (Instr.Sg.; Adv.)
māsormiṇartuvegena
mit Monaten als Wellen, mit der Jahreszeiten-Strömung (Instr.Sg.)
pakṣolapatṛṇena ca
und mit Halbmonaten als Schilf und Gras (Instr.Sg.)
Fortsetzung des Stromgleichnisses; varṣāvarta kann „Regen-/Jahresstrudel“ bedeuten.
nimeṣonmeṣaphenena ahorātrajavena ca; kāmagrāheṇa ghoreṇa vedayajñaplavena ca
[Mit] Lidschlag und Lidöffnen als Schaum, mit Tag und Nacht als Geschwindigkeit, mit der Begierde als schrecklichem Krokodil und mit Veda und Opfer als Floß.
Wort für Wort
nimeṣonmeṣaphenena
mit Lidschließen und -öffnen als Schaum (Instr.Sg.)
ahorātrajavena ca
und mit Tag und Nacht als Strömung (Instr.Sg.)
kāmagrāheṇa ghoreṇa
mit der Begierde als Krokodil, schrecklich (Instr.Sg.)
Mit den Yugas als Seen, mitten in der Flut, und mit dem Dasein, das größtenteils aus Brahman [besteht?] [?]: die vom Schöpfer erschaffenen Wesen werden zu Yamas Wohnsitz gezogen.
Wort für Wort
yugahradaughamadhyena
mit den Yugas als Seen, inmitten der Flut (Instr.Sg.)
brahmaprāyabhavena ca
und mit dem überwiegend brahmanischen/brahmahaften Dasein [?] (Instr.Sg.)
dhātrā sṛṣṭāni bhūtāni
vom Schöpfer erschaffene Wesen (Instr.Sg.; Part.Pass. Nom.Pl.)
kṛṣyante yamasādanam
werden gezogen zu Yamas Wohnsitz (3.Pl.Pass.; Akk.)
brahmaprāyabhava unsicher (etwa: Dasein/Ursprung, überwiegend auf Brahman gegründet).
saṃśayātmā sa kāmātmā calacitto 'lpacetanaḥ; aprājño na taraty eva yo hy āste na sa gacchati
Wer zweifelnden Wesens, begierdehaft, wankelmütig und geringen Verstandes ist, der Unweise, kommt überhaupt nicht hinüber; wer nur dasitzt, geht nicht [voran].
Wort für Wort
saṃśayātmā sa kāmātmā
zweifelnd, er, begierdehaft (Nom.Sg.)
calacitto 'lpacetanaḥ
wankelmütig, geringen Verstandes (Nom.Sg.)
aprājño na taraty eva
der Unweise überquert gar nicht (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
yo hy āste na sa gacchati
wer nämlich sitzt, der geht nicht (3.Sg.Präs.Med.; 3.Sg.Präs.)
In einer dreifach reinen Familie geboren, dreifach [?] zweifelnd [?], drei Werke tuend [?]: darum soll er im Auftauchen verharren, damit er durch Einsicht hinüberkomme.
Wort für Wort
tryavadāte kule jātas
in dreifach reiner Familie geboren (Lok.Sg.; Part.Pass. Nom.)
trisaṃdehas trikarmakṛt
dreifach Zweifel [?], drei Werke tuend [?] (Nom.Sg.)
tasmād unmajjanas tiṣṭhen
darum im Auftauchen verharre er (Abl.-Adv.; 3.Sg.Opt.)
nistaret prajñayā yathā
damit er hinüberkomme durch Einsicht (3.Sg.Opt.; Instr.Sg.)
Vers verderbt oder unklar; trisaṃdehaḥ und trikarmakṛt nicht sicher zu deuten.
saṃskṛtasya hi dāntasya niyatasya kṛtātmanaḥ; prājñasyānantarā siddhir iha loke paratra ca
Denn für den Geläuterten, Beherrschten, Gezügelten, Selbstgeläuterten, den Einsichtigen [kommt] die Vollendung unmittelbar, hier in dieser Welt und im Jenseits.
Wort für Wort
saṃskṛtasya hi dāntasya
für den Geweihten, Beherrschten (Gen.Sg.)
niyatasya kṛtātmanaḥ
für den Gezügelten, Selbstgeläuterten (Gen.Sg.)
prājñasyānantarā siddhir
für den Einsichtigen unmittelbare Vollendung (Gen.Sg.; Nom.Sg.)
In diesen [Werken] lebt der Hausherr, ohne Zorn, ohne Missgunst; er soll beständig mit den fünf Opfern opfern und dabei die Reste [der Gabe] verzehren.
Wort für Wort
vartate teṣu gṛhavān
er lebt in diesen, der Hausherr (3.Sg.Präs.Med.; Lok.Pl.; Nom.)
akrudhyann anasūyakaḥ
nicht zürnend, nicht missgünstig (Part. Nom.; Nom.Sg.)
pañcabhiḥ satataṃ yajñair
mit den fünf Opfern beständig (Instr.Pl.)
vighasāśī yajeta ca
Reste-Esser soll er opfern (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.Med.)
Nach der Lebensweise der Guten soll er leben, Handlungen wie ein Śiṣṭa vollziehen; ohne Beeinträchtigung des Dharma soll er einen untadeligen Lebensunterhalt zu erlangen suchen.
Wort für Wort
satāṃ vṛttena varteta
gemäß dem Verhalten der Guten soll er leben (Gen.Pl.; Instr.Sg.; 3.Sg.Opt.)
kriyāḥ śiṣṭavad ācaret
Handlungen wie ein Śiṣṭa soll er vollziehen (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.)
asaṃrodhena dharmasya
ohne Behinderung des Dharma (Instr.Sg.; Gen.Sg.)
vṛttiṃ lipsed agarhitām
Lebensunterhalt soll er zu erlangen suchen, untadeligen (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)
śrutivijñānatattvajñaḥ śiṣṭācāro vicakṣaṇaḥ; svadharmeṇa kriyāvāṃś ca karmaṇā so 'py asaṃkaraḥ
Wer die Wahrheit von Offenbarung und Erkenntnis kennt, das Verhalten der Śiṣṭas hat, scharfsichtig ist, gemäß dem eigenen Dharma handelt und durch [sein] Handeln unvermischt [rein] bleibt.
Wort für Wort
śrutivijñānatattvajñaḥ
Kenner der Wahrheit von Überlieferung und Erkenntnis (Nom.Sg.)
śiṣṭācāro vicakṣaṇaḥ
mit dem Wandel der Śiṣṭas, scharfsichtig (Nom.Sg.)
svadharmeṇa kriyāvāṃś ca
gemäß dem eigenen Dharma handlungsfähig/handelnd (Instr.Sg.; Nom.Sg.)
karmaṇā so 'py asaṃkaraḥ
durch das Handeln ist auch er unvermischt (Instr.Sg.; Nom.Sg.)
kriyāvāñ śraddadhānaś ca dātā prājño 'nasūyakaḥ; dharmādharmaviśeṣajñaḥ sarvaṃ tarati dustaram
Handelnd, gläubig, freigebig, einsichtig, ohne Missgunst, Kenner der Unterschiede von Dharma und Adharma: [so] überquert er alles schwer zu Überquerende.
Wort für Wort
kriyāvāñ śraddadhānaś ca
handelnd und gläubig (Nom.Sg.)
dātā prājño 'nasūyakaḥ
Geber, einsichtig, ohne Missgunst (Nom.Sg.)
dharmādharmaviśeṣajñaḥ
Kenner der Unterschiede von Dharma und Adharma (Nom.Sg.)
sarvaṃ tarati dustaram
alles Schwerüberquerbare überquert er (Akk.; 3.Sg.Präs.)
dhṛtimān apramattaś ca dānto dharmavid ātmavān; vītaharṣabhayakrodho brāhmaṇo nāvasīdati
Standhaft, nicht nachlässig, bezwungen [in den Sinnen], dharmakundig, seiner selbst mächtig, frei von Freude, Furcht und Zorn: [so] sinkt der Brahmane nicht ab.
dharmaṃ karomīti karoty adharmam; adharmakāmaś ca karoti dharmam; ubhe bālaḥ karmaṇī na prajānan; sa jāyate mriyate cāpi dehī
„Ich tue Dharma“, [denkend] tut er Adharma; und wer Adharma wünscht, tut Dharma; beide Handlungen nicht erkennend, wird der Törichte, der Verkörperte, geboren und stirbt auch.
Wort für Wort
dharmaṃ karomīti karoty
„Dharma tue ich“, so tut er (1.Sg.Präs.; 3.Sg.Präs.)
adharmam adharmakāmaś ca
Adharma; und der Adharma-Wünschende (Akk.Sg.; Nom.Sg.)
karoti dharmam
tut Dharma (3.Sg.Präs.; Akk.Sg.)
ubhe bālaḥ karmaṇī
beide, der Törichte, Handlungen (Akk.Du.; Nom.Sg.)
na prajānan
nicht erkennend (Part. Nom.)
sa jāyate mriyate cāpi dehī
er wird geboren und stirbt auch, der Verkörperte (3.Sg.Präs.Med.; Nom.Sg.)