Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 227: brāhmaṇavṛtti-saṃsāranadītaraṇa Brahmanische Lebensweise und das Überqueren des Stroms des Daseins durch Einsicht

Vyāsa beschreibt die Pflichten des Hausherr-Brahmanen und vergleicht den Lauf der Welt mit einem reißenden Strom, den nur der Einsichtige mit dem Floß der Erkenntnis überquert.

vyāsa uvāca; trayīvidyām avekṣeta vedeṣūktām athāṅgataḥ; ṛksāmavarṇākṣarato yajuṣo 'tharvaṇas tathā

Vyāsa sprach: „Man betrachte das dreifache Wissen, das in den Veden gelehrt ist, und zwar nach seinen Teilen: nach den Lauten und Silben des Ṛg[veda] und des Sāman, ebenso des Yajus und des Atharvan.“

Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Nom.; 3.Sg.Perf.)
trayīvidyām avekṣeta
das dreifache Wissen soll man betrachten (Akk.; 3.Sg.Opt.)
vedeṣūktām athāṅgataḥ
in den Veden Gesagtes, und zwar nach den Teilen (Lok.Pl.; Part.Pass. Akk.; Abl.-Adv.)
ṛksāmavarṇākṣarataḥ
nach Lauten und Silben von Ṛg- und Sāmaveda (Abl.-Adv.; Kompositum)
yajuṣo 'tharvaṇas tathā
des Yajus, des Atharvan, ebenso (Gen.Sg.)

tiṣṭhaty eteṣu bhagavān ṣaṭsu karmasu saṃsthitaḥ

Der Verehrungswürdige [?] steht, in diesen sechs Werken gefestigt.

Wort für Wort
tiṣṭhaty eteṣu
er steht in diesen (3.Sg.Präs.; Lok.Pl.)
bhagavān
der Verehrungswürdige (Nom.Sg.)
ṣaṭsu karmasu
in sechs Werken (Lok.Pl.)
saṃsthitaḥ
gefestigt, feststehend (Part.Pass. Nom.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Bezug von bhagavān unklar (Zusatzstrophe, wohl der Hausherr-Brahmane wie in Vers 6).

vedavādeṣu kuśalā hy adhyātmakuśalāś ca ye; sattvavanto mahābhāgāḥ paśyanti prabhavāpyayau

Die in den Aussagen der Veden Kundigen und die im Wissen um das Selbst Kundigen, die Wesensstarken, Hochbeglückten, sehen Ursprung und Vergehen.

Wort für Wort
vedavādeṣu kuśalā hy
in den Vedaaussagen kundig, ja (Lok.Pl.; Nom.Pl.)
adhyātmakuśalāś ca ye
und die im Selbstwissen Kundigen, welche (Nom.Pl.)
sattvavanto mahābhāgāḥ
die Wesensstarken, Hochbeglückten (Nom.Pl.)
paśyanti
sie sehen (3.Pl.Präs.)
prabhavāpyayau
Ursprung und Vergehen (Akk.Du.)

evaṃ dharmeṇa varteta kriyāḥ śiṣṭavad ācaret; asaṃrodhena bhūtānāṃ vṛttiṃ lipseta vai dvijaḥ

So soll er nach dem Dharma leben und Handlungen wie ein Śiṣṭa [Maßgeblicher] vollziehen; ohne Beeinträchtigung der Wesen soll der Zweimalgeborene seinen Lebensunterhalt zu erlangen suchen.

Wort für Wort
evaṃ dharmeṇa varteta
so soll er gemäß dem Dharma leben (Instr.Sg.; 3.Sg.Opt.)
kriyāḥ śiṣṭavad ācaret
Handlungen wie ein Śiṣṭa soll er vollziehen (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.)
asaṃrodhena bhūtānām
ohne Behinderung der Wesen (Instr.Sg.; Gen.Pl.)
vṛttiṃ lipseta vai
Lebensunterhalt soll zu erlangen wünschen, wahrlich (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.Desid.)
dvijaḥ
der Zweimalgeborene (Nom.Sg.)

sadbhya āgatavijñānaḥ śiṣṭaḥ śāstravicakṣaṇaḥ; svadharmeṇa kriyā loke kurvāṇaḥ satyasaṃgaraḥ

[Er sei] einer, der von den Guten Erkenntnis empfangen hat, ein Śiṣṭa, in den Lehrschriften scharfsichtig; der in der Welt Handlungen gemäß seinem eigenen Dharma vollzieht und seinem Versprechen an die Wahrheit treu ist.

Wort für Wort
sadbhya āgatavijñānaḥ
von den Guten zugekommene Erkenntnis besitzend (Abl.Pl.; Bahuvrīhi Nom.)
śiṣṭaḥ śāstravicakṣaṇaḥ
ein Maßgeblicher, in den Śāstras scharfsichtig (Nom.Sg.)
svadharmeṇa kriyā
gemäß dem eigenen Dharma Handlungen (Instr.Sg.; Akk.Pl.)
loke kurvāṇaḥ
in der Welt tuend (Lok.Sg.; Part.Med. Nom.)
satyasaṃgaraḥ
der Wahrheit verpflichtet, wahrhaftig im Versprechen (Nom.Sg.)

Satz ohne finites Verb; Anschluss an Vers 4.

tiṣṭhaty eteṣu gṛhavān ṣaṭsu karmasu sa dvijaḥ; pañcabhiḥ satataṃ yajñaiḥ śraddadhāno yajeta ca

Dieser Zweimalgeborene, der Hausherr, steht in diesen sechs Werken; er soll beständig mit den fünf Opfern, gläubig, opfern.

Wort für Wort
tiṣṭhaty eteṣu gṛhavān
er steht in diesen, der Hausherr (3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)
ṣaṭsu karmasu sa dvijaḥ
in den sechs Werken, dieser Zweimalgeborene (Lok.Pl.; Nom.Sg.)
pañcabhiḥ satataṃ yajñaiḥ
mit den fünf Opfern beständig (Instr.Pl.)
śraddadhāno yajeta ca
gläubig soll er opfern (Part. Nom.; 3.Sg.Opt.Med.)

dhṛtimān apramattaś ca dānto dharmavid ātmavān; vītaharṣabhayakrodho brāhmaṇo nāvasīdati

Standhaft, nicht nachlässig, bezwungen [in den Sinnen], dharmakundig, seiner selbst mächtig, frei von Freude, Furcht und Zorn: [so] sinkt der Brahmane nicht ab.

Wort für Wort
dhṛtimān apramattaś ca
standhaft und nicht nachlässig (Nom.Sg.)
dānto dharmavid ātmavān
beherrscht, dharmakundig, selbstbeherrscht (Nom.Sg.)
vītaharṣabhayakrodho
frei von Freude, Furcht, Zorn (Bahuvrīhi Nom.)
brāhmaṇo nāvasīdati
der Brahmane sinkt nicht ab (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)

dānam adhyayanaṃ yajñas tapo hrīr ārjavaṃ damaḥ; etair vardhayate tejaḥ pāpmānaṃ cāpakarṣati

Gabe, Studium, Opfer, Askese, Scham, Geradheit, Selbstzügelung: durch diese mehrt er seinen Glanz und zieht das Übel von sich fort.

Wort für Wort
dānam adhyayanaṃ yajñas
Gabe, Studium, Opfer (Nom.Sg.)
tapo hrīr ārjavaṃ damaḥ
Askese, Scham, Geradheit, Selbstzügelung (Nom.Sg.)
etair vardhayate tejaḥ
durch diese mehrt er den Glanz (Instr.Pl.; 3.Sg.Präs.Med.; Akk.)
pāpmānaṃ cāpakarṣati
und das Übel zieht er weg (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)

dhūtapāpmā tu medhāvī laghvāhāro jitendriyaḥ; kāmakrodhau vaśe kṛtvā ninīṣed brahmaṇaḥ padam

Der aber, dessen Übel abgeschüttelt ist, der Kluge, mäßig Essende, Sinnesbezwinger, soll, nachdem er Begierde und Zorn unter seine Gewalt gebracht hat, danach streben, zum Stand des Brahman zu gelangen.

Wort für Wort
dhūtapāpmā tu medhāvī
mit abgeschütteltem Übel aber, klug (Nom.Sg.)
laghvāhāro jitendriyaḥ
leicht essend, die Sinne besiegt habend (Nom.Sg.)
kāmakrodhau vaśe kṛtvā
Begierde und Zorn unter Gewalt gebracht habend (Akk.Du.; Lok.; Abs.)
ninīṣed brahmaṇaḥ padam
er soll [hin]führen/gelangen wollen zum Stand des Brahman (3.Sg.Opt.Desid.; Gen.; Akk.)

agnīṃś ca brāhmaṇāṃś cārced devatāḥ praṇameta ca; varjayed ruṣatīṃ vācaṃ hiṃsāṃ cādharmasaṃhitām

Die Feuer und die Brahmanen soll er verehren und sich vor den Gottheiten verneigen; rauhe Rede soll er meiden und Gewalt, die mit Adharma verbunden ist.

Wort für Wort
agnīṃś ca brāhmaṇāṃś cārced
die Feuer und die Brahmanen soll er ehren (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.)
devatāḥ praṇameta ca
vor den Gottheiten soll er sich verneigen (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.Med.)
varjayed ruṣatīṃ vācaṃ
rauhe Rede soll er meiden (3.Sg.Opt.; Akk.Sg.)
hiṃsāṃ cādharmasaṃhitām
und Gewalt, die mit Adharma verbunden ist (Akk.Sg.)

eṣā pūrvatarā vṛttir brāhmaṇasya vidhīyate; jñānāgamena karmāṇi kurvan karmasu sidhyati

Dies gilt als die ältere Lebensweise des Brahmanen; wer durch Überlieferung des Wissens die Werke vollzieht, gelingt in den Werken.

Wort für Wort
eṣā pūrvatarā vṛttir
dies ist die frühere Lebensweise (Nom.Sg.f.)
brāhmaṇasya vidhīyate
des Brahmanen wird sie vorgeschrieben (Gen.; 3.Sg.Pass.)
jñānāgamena karmāṇi
durch Wissensüberlieferung die Werke (Instr.Sg.; Akk.Pl.)
kurvan karmasu sidhyati
tuend, in den Werken gelingt er (Part. Nom.; Lok.Pl.; 3.Sg.Präs.)

pañcendriyajalāṃ ghorāṃ lobhakūlāṃ sudustarām; manyupaṅkām anādhṛṣyāṃ nadīṃ tarati buddhimān

Der Verständige überquert den Strom, dessen Wasser die fünf Sinne sind, den schrecklichen, dessen Ufer die Gier ist, sehr schwer zu durchqueren, dessen Schlamm der Zorn ist, unbezwingbar.

Wort für Wort
pañcendriyajalāṃ ghorāṃ
mit den fünf Sinnen als Wasser, schrecklich (Akk.Sg.f.)
lobhakūlāṃ sudustarām
mit Gier als Ufer, sehr schwer zu überqueren (Akk.Sg.f.)
manyupaṅkām anādhṛṣyāṃ
mit Zorn als Schlamm, unbezwingbar (Akk.Sg.f.)
nadīṃ tarati buddhimān
den Fluss überquert der Verständige (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.; Nom.)

kāmamanyūddhataṃ yat syān nityam atyantamohitam; mahatā vidhidṛṣṭena balenāpratighātinā; svabhāvasrotasā vṛttam uhyate satataṃ jagat

Was von Verlangen und Zorn aufgewühlt und beständig völlig verblendet sein mag: [so] wird die Welt fortwährend dahingetragen durch die große, vom Gesetz gesehene, unaufhaltbare Kraft, im Strom des Eigenwesens [?].

Wort für Wort
kāmamanyūddhataṃ yat syān
was von Verlangen und Zorn aufgewühlt sein mag (Part.Pass. Nom.; 3.Sg.Opt.)
nityam atyantamohitam
stets völlig verblendet (Part.Pass. Nom.)
mahatā vidhidṛṣṭena
durch die große, vom Gesetz/Fügung gesehene (Instr.Sg.)
balenāpratighātinā
durch Kraft, unaufhaltbar (Instr.Sg.)
svabhāvasrotasā vṛttam
durch den Strom des Eigenwesens, im Lauf (Instr.Sg.; Part. Nom.)
uhyate satataṃ jagat
wird dahingetragen, beständig, die Welt (3.Sg.Pass.; Nom.Sg.)

Syntax der Strophe schwierig; vṛttam uhyate wohl „wird im [ihrem] Lauf fortgetragen“.

kālodakena mahatā varṣāvartena saṃtatam; māsormiṇartuvegena pakṣolapatṛṇena ca

[Der Strom hat] mit dem Wasser der Zeit ein großes, ständiges Jahresstrudel-Wirbeln, die Monate als Wellen, den Jahreszeiten-Schwall und die Halbmonate als Schilfgras.

Wort für Wort
kālodakena mahatā
mit dem großen Wasser der Zeit (Instr.Sg.)
varṣāvartena saṃtatam
mit dem Strudel der Regenzeiten/Jahre, ununterbrochen (Instr.Sg.; Adv.)
māsormiṇartuvegena
mit Monaten als Wellen, mit der Jahreszeiten-Strömung (Instr.Sg.)
pakṣolapatṛṇena ca
und mit Halbmonaten als Schilf und Gras (Instr.Sg.)

Fortsetzung des Stromgleichnisses; varṣāvarta kann „Regen-/Jahresstrudel“ bedeuten.

nimeṣonmeṣaphenena ahorātrajavena ca; kāmagrāheṇa ghoreṇa vedayajñaplavena ca

[Mit] Lidschlag und Lidöffnen als Schaum, mit Tag und Nacht als Geschwindigkeit, mit der Begierde als schrecklichem Krokodil und mit Veda und Opfer als Floß.

Wort für Wort
nimeṣonmeṣaphenena
mit Lidschließen und -öffnen als Schaum (Instr.Sg.)
ahorātrajavena ca
und mit Tag und Nacht als Strömung (Instr.Sg.)
kāmagrāheṇa ghoreṇa
mit der Begierde als Krokodil, schrecklich (Instr.Sg.)
vedayajñaplavena ca
und mit Veda und Opfer als Floß (Instr.Sg.)

dharmadvīpena bhūtānāṃ cārthakāmaraveṇa ca; ṛtasopānatīreṇa vihiṃsātaruvāhinā

[Mit] dem Dharma als Insel der Wesen, mit dem Getöse von Nutzen und Lust, mit der Ṛta-Treppe als Ufer und mit der Gewalt als Baum, den er dahinträgt.

Wort für Wort
dharmadvīpena bhūtānāṃ
mit dem Dharma als Insel der Wesen (Instr.Sg.; Gen.Pl.)
cārthakāmaraveṇa ca
und mit dem Tosen von Nutzen und Lust (Instr.Sg.)
ṛtasopānatīreṇa
mit der Ṛta-Stufe als Ufer [?] (Instr.Sg.)
vihiṃsātaruvāhinā
mit Gewalt als Bäume tragend [?] (Instr.Sg.)

Wiedergabe von ṛtasopānatīreṇa und vihiṃsātaruvāhinā unsicher.

yugahradaughamadhyena brahmaprāyabhavena ca; dhātrā sṛṣṭāni bhūtāni kṛṣyante yamasādanam

Mit den Yugas als Seen, mitten in der Flut, und mit dem Dasein, das größtenteils aus Brahman [besteht?] [?]: die vom Schöpfer erschaffenen Wesen werden zu Yamas Wohnsitz gezogen.

Wort für Wort
yugahradaughamadhyena
mit den Yugas als Seen, inmitten der Flut (Instr.Sg.)
brahmaprāyabhavena ca
und mit dem überwiegend brahmanischen/brahmahaften Dasein [?] (Instr.Sg.)
dhātrā sṛṣṭāni bhūtāni
vom Schöpfer erschaffene Wesen (Instr.Sg.; Part.Pass. Nom.Pl.)
kṛṣyante yamasādanam
werden gezogen zu Yamas Wohnsitz (3.Pl.Pass.; Akk.)

brahmaprāyabhava unsicher (etwa: Dasein/Ursprung, überwiegend auf Brahman gegründet).

etat prajñāmayair dhīrā nistaranti manīṣiṇaḥ; plavair aplavavanto hi kiṃ kariṣyanty acetasaḥ

Dies überqueren die Standhaften, die Weisen, mit den Flößen der Einsicht; denn die, die kein Floß haben, was sollen die Unverständigen [da] tun?

Wort für Wort
etat prajñāmayair dhīrā
dies mit aus Einsicht [gemachten] Flößen, die Standhaften (Instr.Pl.; Nom.Pl.)
nistaranti manīṣiṇaḥ
überqueren, die Weisen (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)
plavair aplavavanto hi
mit Flößen; die ohne Floß, denn (Instr.Pl.; Nom.Pl.)
kiṃ kariṣyanty acetasaḥ
was werden sie tun, die Verstandlosen (3.Pl.Fut.; Nom.Pl.)

upapannaṃ hi yat prājño nistaren netaro janaḥ; dūrato guṇadoṣau hi prājñaḥ sarvatra paśyati

Es ist angemessen, dass der Einsichtige hinüberkommt, nicht der andere Mensch; denn der Einsichtige sieht überall aus der Ferne Vorzüge und Fehler.

Wort für Wort
upapannaṃ hi yat prājño
denn angemessen ist, dass der Einsichtige (Part.Pass. Nom.n.; Nom.Sg.)
nistaren netaro janaḥ
hinüberkomme, nicht der andere Mensch (3.Sg.Opt.; Nom.Sg.)
dūrato guṇadoṣau hi
aus der Ferne Vorzug und Fehler, denn (Abl.-Adv.; Akk.Du.)
prājñaḥ sarvatra paśyati
der Einsichtige sieht überall (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)

saṃśayātmā sa kāmātmā calacitto 'lpacetanaḥ; aprājño na taraty eva yo hy āste na sa gacchati

Wer zweifelnden Wesens, begierdehaft, wankelmütig und geringen Verstandes ist, der Unweise, kommt überhaupt nicht hinüber; wer nur dasitzt, geht nicht [voran].

Wort für Wort
saṃśayātmā sa kāmātmā
zweifelnd, er, begierdehaft (Nom.Sg.)
calacitto 'lpacetanaḥ
wankelmütig, geringen Verstandes (Nom.Sg.)
aprājño na taraty eva
der Unweise überquert gar nicht (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
yo hy āste na sa gacchati
wer nämlich sitzt, der geht nicht (3.Sg.Präs.Med.; 3.Sg.Präs.)

aplavo hi mahādoṣam uhyamāno 'dhigacchati; kāmagrāhagṛhītasya jñānam apy asya na plavaḥ

Ohne Floß, dahingetragen, gerät er in großen Schaden; für den vom Krokodil der Begierde Ergriffenen ist auch das Wissen kein Floß.

Wort für Wort
aplavo hi mahādoṣam
ohne Floß nämlich, großen Fehler/Schaden (Nom.Sg.; Akk.Sg.)
uhyamāno 'dhigacchati
dahingetragen, gerät er hinein (Part.Pass. Nom.; 3.Sg.Präs.)
kāmagrāhagṛhītasya
des vom Begierde-Krokodil Ergriffenen (Gen.Sg.)
jñānam apy asya na plavaḥ
Wissen ist auch für ihn kein Floß (Nom.Sg.; Gen.Sg.)

tasmād unmajjanasyārthe prayateta vicakṣaṇaḥ; etad unmajjanaṃ tasya yad ayaṃ brāhmaṇo bhavet

Darum soll der Scharfsichtige sich um das Auftauchen bemühen; dies ist sein Auftauchen: dass er ein Brahmane werde.

Wort für Wort
tasmād unmajjanasyārthe
darum um des Auftauchens willen (Abl.-Adv.; Gen.+Lok.)
prayateta vicakṣaṇaḥ
soll sich bemühen der Scharfsichtige (3.Sg.Opt.Med.; Nom.Sg.)
etad unmajjanaṃ tasya
dies ist sein Auftauchen (Nom.Sg.n.; Gen.Sg.)
yad ayaṃ brāhmaṇo bhavet
dass dieser ein Brahmane werde (3.Sg.Opt.)

tryavadāte kule jātas trisaṃdehas trikarmakṛt; tasmād unmajjanas tiṣṭhen nistaret prajñayā yathā

In einer dreifach reinen Familie geboren, dreifach [?] zweifelnd [?], drei Werke tuend [?]: darum soll er im Auftauchen verharren, damit er durch Einsicht hinüberkomme.

Wort für Wort
tryavadāte kule jātas
in dreifach reiner Familie geboren (Lok.Sg.; Part.Pass. Nom.)
trisaṃdehas trikarmakṛt
dreifach Zweifel [?], drei Werke tuend [?] (Nom.Sg.)
tasmād unmajjanas tiṣṭhen
darum im Auftauchen verharre er (Abl.-Adv.; 3.Sg.Opt.)
nistaret prajñayā yathā
damit er hinüberkomme durch Einsicht (3.Sg.Opt.; Instr.Sg.)

Vers verderbt oder unklar; trisaṃdehaḥ und trikarmakṛt nicht sicher zu deuten.

saṃskṛtasya hi dāntasya niyatasya kṛtātmanaḥ; prājñasyānantarā siddhir iha loke paratra ca

Denn für den Geläuterten, Beherrschten, Gezügelten, Selbstgeläuterten, den Einsichtigen [kommt] die Vollendung unmittelbar, hier in dieser Welt und im Jenseits.

Wort für Wort
saṃskṛtasya hi dāntasya
für den Geweihten, Beherrschten (Gen.Sg.)
niyatasya kṛtātmanaḥ
für den Gezügelten, Selbstgeläuterten (Gen.Sg.)
prājñasyānantarā siddhir
für den Einsichtigen unmittelbare Vollendung (Gen.Sg.; Nom.Sg.)
iha loke paratra ca
hier in der Welt und im Jenseits (Lok.Sg.)

vartate teṣu gṛhavān akrudhyann anasūyakaḥ; pañcabhiḥ satataṃ yajñair vighasāśī yajeta ca

In diesen [Werken] lebt der Hausherr, ohne Zorn, ohne Missgunst; er soll beständig mit den fünf Opfern opfern und dabei die Reste [der Gabe] verzehren.

Wort für Wort
vartate teṣu gṛhavān
er lebt in diesen, der Hausherr (3.Sg.Präs.Med.; Lok.Pl.; Nom.)
akrudhyann anasūyakaḥ
nicht zürnend, nicht missgünstig (Part. Nom.; Nom.Sg.)
pañcabhiḥ satataṃ yajñair
mit den fünf Opfern beständig (Instr.Pl.)
vighasāśī yajeta ca
Reste-Esser soll er opfern (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.Med.)

satāṃ vṛttena varteta kriyāḥ śiṣṭavad ācaret; asaṃrodhena dharmasya vṛttiṃ lipsed agarhitām

Nach der Lebensweise der Guten soll er leben, Handlungen wie ein Śiṣṭa vollziehen; ohne Beeinträchtigung des Dharma soll er einen untadeligen Lebensunterhalt zu erlangen suchen.

Wort für Wort
satāṃ vṛttena varteta
gemäß dem Verhalten der Guten soll er leben (Gen.Pl.; Instr.Sg.; 3.Sg.Opt.)
kriyāḥ śiṣṭavad ācaret
Handlungen wie ein Śiṣṭa soll er vollziehen (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.)
asaṃrodhena dharmasya
ohne Behinderung des Dharma (Instr.Sg.; Gen.Sg.)
vṛttiṃ lipsed agarhitām
Lebensunterhalt soll er zu erlangen suchen, untadeligen (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)

śrutivijñānatattvajñaḥ śiṣṭācāro vicakṣaṇaḥ; svadharmeṇa kriyāvāṃś ca karmaṇā so 'py asaṃkaraḥ

Wer die Wahrheit von Offenbarung und Erkenntnis kennt, das Verhalten der Śiṣṭas hat, scharfsichtig ist, gemäß dem eigenen Dharma handelt und durch [sein] Handeln unvermischt [rein] bleibt.

Wort für Wort
śrutivijñānatattvajñaḥ
Kenner der Wahrheit von Überlieferung und Erkenntnis (Nom.Sg.)
śiṣṭācāro vicakṣaṇaḥ
mit dem Wandel der Śiṣṭas, scharfsichtig (Nom.Sg.)
svadharmeṇa kriyāvāṃś ca
gemäß dem eigenen Dharma handlungsfähig/handelnd (Instr.Sg.; Nom.Sg.)
karmaṇā so 'py asaṃkaraḥ
durch das Handeln ist auch er unvermischt (Instr.Sg.; Nom.Sg.)

Satz ohne finites Verb.

kriyāvāñ śraddadhānaś ca dātā prājño 'nasūyakaḥ; dharmādharmaviśeṣajñaḥ sarvaṃ tarati dustaram

Handelnd, gläubig, freigebig, einsichtig, ohne Missgunst, Kenner der Unterschiede von Dharma und Adharma: [so] überquert er alles schwer zu Überquerende.

Wort für Wort
kriyāvāñ śraddadhānaś ca
handelnd und gläubig (Nom.Sg.)
dātā prājño 'nasūyakaḥ
Geber, einsichtig, ohne Missgunst (Nom.Sg.)
dharmādharmaviśeṣajñaḥ
Kenner der Unterschiede von Dharma und Adharma (Nom.Sg.)
sarvaṃ tarati dustaram
alles Schwerüberquerbare überquert er (Akk.; 3.Sg.Präs.)

dhṛtimān apramattaś ca dānto dharmavid ātmavān; vītaharṣabhayakrodho brāhmaṇo nāvasīdati

Standhaft, nicht nachlässig, bezwungen [in den Sinnen], dharmakundig, seiner selbst mächtig, frei von Freude, Furcht und Zorn: [so] sinkt der Brahmane nicht ab.

Wort für Wort
dhṛtimān apramattaś ca
standhaft und nicht nachlässig (Nom.Sg.)
dānto dharmavid ātmavān
beherrscht, dharmakundig, selbstbeherrscht (Nom.Sg.)
vītaharṣabhayakrodho
frei von Freude, Furcht, Zorn (Bahuvrīhi Nom.)
brāhmaṇo nāvasīdati
der Brahmane sinkt nicht ab (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)

eṣā pūrvatarā vṛttir brāhmaṇasya vidhīyate; jñānavittvena karmāṇi kurvan sarvatra sidhyati

Dies gilt als die ältere Lebensweise des Brahmanen; wer durch den Besitz des Wissens die Werke vollzieht, gelingt überall.

Wort für Wort
eṣā pūrvatarā vṛttir
dies ist die frühere Lebensweise (Nom.Sg.f.)
brāhmaṇasya vidhīyate
des Brahmanen wird sie vorgeschrieben (Gen.; 3.Sg.Pass.)
jñānavittvena karmāṇi
durch den Besitz von Wissen die Werke (Instr.Sg.; Akk.Pl.)
kurvan sarvatra sidhyati
tuend gelingt er überall (Part. Nom.; 3.Sg.Präs.)

adharmaṃ dharmakāmo hi karotīhāvicakṣaṇaḥ; dharmaṃ cādharmasaṃkāśaṃ śocann iva karoti saḥ

Wer Dharma wünscht, tut hier, unkundig, Adharma; und einen Dharma, der dem Adharma gleicht, tut er, gleichsam klagend.

Wort für Wort
adharmaṃ dharmakāmo hi
Adharma, der Dharma-Wünschende nämlich (Akk.Sg.; Nom.Sg.)
karotīhāvicakṣaṇaḥ
tut hier, unkundig (3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)
dharmaṃ cādharmasaṃkāśaṃ
und Dharma, dem Adharma gleichend (Akk.Sg.)
śocann iva karoti saḥ
gleichsam klagend tut er (Part. Nom.; 3.Sg.Präs.)

dharmaṃ karomīti karoty adharmam; adharmakāmaś ca karoti dharmam; ubhe bālaḥ karmaṇī na prajānan; sa jāyate mriyate cāpi dehī

„Ich tue Dharma“, [denkend] tut er Adharma; und wer Adharma wünscht, tut Dharma; beide Handlungen nicht erkennend, wird der Törichte, der Verkörperte, geboren und stirbt auch.

Wort für Wort
dharmaṃ karomīti karoty
„Dharma tue ich“, so tut er (1.Sg.Präs.; 3.Sg.Präs.)
adharmam adharmakāmaś ca
Adharma; und der Adharma-Wünschende (Akk.Sg.; Nom.Sg.)
karoti dharmam
tut Dharma (3.Sg.Präs.; Akk.Sg.)
ubhe bālaḥ karmaṇī
beide, der Törichte, Handlungen (Akk.Du.; Nom.Sg.)
na prajānan
nicht erkennend (Part. Nom.)
sa jāyate mriyate cāpi dehī
er wird geboren und stirbt auch, der Verkörperte (3.Sg.Präs.Med.; Nom.Sg.)

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