Kapitel 97: vijayadharmaḥ
Vom rechtmäßigen Sieg und der Schonung der Besiegten
Bhīṣma lehrt, dass ein Sieg nur durch Dharma Bestand hat: Wehrlose und Besiegte sind zu schonen, Brahmanen als Vermittler zu achten, Unterworfene mit Milde zu gewinnen. Beispiele früherer Könige beschließen das Kapitel.
Bhīṣma sprach: „Nicht durch Unrecht soll ein Herr der Welt die Erde zu erobern trachten; welcher Erdenherrscher würde einen durch Unrecht errungenen Sieg gutheißen?“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
na adharmeṇa
nicht durch Unrecht (Instr.Sg.)
mahīṃ jetuṃ lipseta
die Erde zu erobern trachten soll (Akk.; Inf.; Opt. Med. von lip-sa)
jagatīpatiḥ
der Herr der Welt (Nom.Sg.)
adharmavijayaṃ labdhvā
nachdem er einen Sieg durch Unrecht erlangt hat (Akk.; Ger.)
viśīrṇakavacaṃ caiva tavāsmīti ca vādinam; kṛtāñjaliṃ nyastaśastraṃ gṛhītvā na vihiṃsayet
Einen, dessen Panzer zerrissen ist, der sagt: „Ich bin dein“, der mit gefalteten Händen dasteht und die Waffen niedergelegt hat, soll man, wenn man ihn gefangen genommen hat, nicht verletzen.
Wort für Wort
viśīrṇakavacaṃ ca
und einen mit zerrissenem Panzer (Akk.Sg.; Bahuvrīhi)
tava asmi iti ca vādinam
und einen, der sagt „Ich bin dein“ (Gen.; 1.Sg.Präs.; Akk.Sg.Part.)
kṛtāñjaliṃ
einen mit gefalteten Händen (Akk.Sg.)
nyastaśastraṃ
einen, der die Waffen niedergelegt hat (Akk.Sg.)
gṛhītvā na vihiṃsayet
nachdem man ihn ergriffen hat, soll man nicht verletzen (Ger.; Opt.)
balenāvajito yaś ca na taṃ yudhyeta bhūmipaḥ; saṃvatsaraṃ vipraṇayet tasmāj jātaḥ punar bhavet
Wer durch Heeresmacht besiegt wurde, gegen den soll der Erdenherrscher nicht [erneut] kämpfen; ein Jahr lang soll er ihn [in Gewahrsam] halten [?], damit er danach gleichsam wiedergeboren sei [?].
Wort für Wort
balena avajitaḥ yaḥ ca
und wer durch Kraft besiegt wurde (Instr.; Nom.Sg.m.)
na taṃ yudhyeta bhūmipaḥ
gegen den soll der Erdenherrscher nicht kämpfen (Akk.; Opt. Med.; Nom.)
saṃvatsaraṃ vipraṇayet
ein Jahr lang soll er [ihn] fortführen/halten [?] (Akk.; Opt. Akt.)
tasmāt jātaḥ punar bhavet
von da an möge er wieder geboren/neu sein [?] (Abl.; Part.; Opt.)
Verse dunkel: vipraṇayet und tasmāj jātaḥ punar bhavet sind unsicher; Lesart mit den wenigsten Zusatzannahmen gewählt.
Vor Ablauf eines Jahres ist ein durch Gewalt geraubtes Mädchen nicht zu berühren; ebenso [verhält es sich mit] allem Besitz und allem anderen, was plötzlich [mit Gewalt] geraubt wurde.
Wort für Wort
na arvāk saṃvatsarāt
nicht vor Ablauf eines Jahres (Abl.)
kanyā spraṣṭavyā
ein Mädchen ist zu berühren (Nom.Sg.f.; Gerundiv)
vikramāhṛtā
durch Tapferkeit/Gewalt geraubt (Nom.Sg.f.)
evam eva dhanaṃ sarvam
ebenso alles Vermögen (Nom.Sg.n.)
yat ca anyat sahasā āhṛtam
und was sonst plötzlich geraubt wurde (Nom.Sg.n.; Part.)
na tu vandhyaṃ dhanaṃ tiṣṭhet pibeyur brāhmaṇāḥ payaḥ; yuñjīran vāpy anaḍuhaḥ kṣantavyaṃ vā tadā bhavet
Doch soll das Vermögen nicht unfruchtbar liegen bleiben: Brahmanen mögen [davon] Milch trinken, oder Ochsen mögen angeschirrt werden, oder dann muss verziehen werden [?].
Wort für Wort
na tu vandhyaṃ dhanaṃ tiṣṭhet
doch nicht unfruchtbar soll das Vermögen bleiben (Nom.Sg.n.; Opt.)
Von einem König ist nur ein König zu bekämpfen; so ist die Rechtsordnung festgesetzt. Kein anderer, der kein Rājanya ist, soll einen König auf irgendeine Weise angreifen.
Wort für Wort
rājñā rājā eva yoddhavyaḥ
vom König ist nur der König zu bekämpfen (Instr.; Nom.; Gerundiv)
tathā dharmaḥ vidhīyate
so wird das Recht bestimmt (Nom.; 3.Sg.Präs. Pass.)
na anyaḥ rājānam abhyaset
kein anderer soll den König angreifen (Nom.; Akk.; Opt.)
anīkayoḥ saṃhatayor yadīyād brāhmaṇo 'ntarā; śāntim icchann ubhayato na yoddhavyaṃ tadā bhavet; maryādāṃ śāśvatīṃ bhindyād brāhmaṇaṃ yo 'bhilaṅghayet
Wenn zwischen zwei aufeinandergetroffenen Heeren ein Brahmane hindurchtritt und von beiden Seiten Frieden wünscht, dann darf nicht gekämpft werden. Die ewige Schranke würde zerbrechen, wer den Brahmanen übertritt.
Wort für Wort
anīkayoḥ saṃhatayoḥ
zwischen zwei zusammengetroffenen Heeren (Lok./Gen.Du.)
yadi īyāt brāhmaṇaḥ antarā
wenn ein Brahmane dazwischen tritt (Opt.; Nom.)
śāntim icchan ubhayataḥ
Frieden wünschend nach beiden Seiten (Akk.; Part.)
atha cel laṅghayed enāṃ maryādāṃ kṣatriyabruvaḥ; apraśasyas tad ūrdhvaṃ syād anādeyaś ca saṃsadi
Wenn aber ein bloß dem Namen nach Kṣatriya diese Schranke überschreitet, so wird er danach unrühmlich und in der Versammlung nicht [mehr] beachtenswert.
Wort für Wort
atha cet laṅghayet enām maryādām
wenn er aber diese Schranke übertritt (Opt.; Akk.)
kṣatriyabruvaḥ
ein Kṣatriya nur dem Namen nach (Nom.Sg.)
apraśastaḥ tad ūrdhvaṃ syāt
danach würde er ungerühmt sein (Nom.; Opt.)
anādeyaḥ ca saṃsadi
und nicht zu beachten in der Versammlung (Nom.; Lok.)
yā tu dharmavilopena maryādābhedanena ca; tāṃ vṛttiṃ nānuvarteta vijigīṣur mahīpatiḥ; dharmalabdhād dhi vijayāt ko lābho 'bhyadhiko bhavet
Die Lebensweise, die mit Zerstörung des Dharma und Durchbrechen der Schranke verbunden ist, der soll ein siegbegehrender Erdenherrscher nicht folgen; denn welcher Gewinn wäre größer als ein durch Dharma errungener Sieg?
Wort für Wort
yā tu dharmavilopena
doch die [Lebensweise], die durch Zerstörung des Dharma (Instr.)
maryādābhedanena ca
und durch Durchbrechen der Schranke (Instr.)
tāṃ vṛttiṃ na anuvarteta
dieser Lebensweise soll er nicht folgen (Akk.; Opt.)
vijigīṣuḥ mahīpatiḥ
der siegbegehrende Erdenherr (Nom.Sg.)
dharmalabdhāt hi vijayāt
denn im Vergleich zu einem durch Dharma erlangten Sieg (Abl.)
sahasā nāmya bhūtāni kṣipram eva prasādayet; sāntvena bhogadānena sa rājñāṃ paramo nayaḥ
Hat er die Wesen [auch] gewaltsam niedergebeugt, so soll er sie rasch wieder besänftigen, durch Freundlichkeit und Gewährung von Genüssen; das ist bei Königen die höchste Klugheit.
Wort für Wort
sahasā nāmya bhūtāni
nachdem er die Wesen plötzlich/gewaltsam gebeugt hat (Ger.; Akk.Pl.)
kṣipram eva prasādayet
er soll sie sogleich besänftigen (Opt. Kaus.)
sāntvena bhogadānena
durch Freundlichkeit, durch Gewährung von Genüssen (Instr.)
saḥ rājñāṃ paramaḥ nayaḥ
das ist der Könige höchste Klugheit (Gen.Pl.; Nom.)
bhujyamānā hy ayogena svarāṣṭrād abhitāpitāḥ; amitrān paryupāsīran vyasanaughapratīkṣiṇaḥ
Werden sie nämlich durch Missregierung ausgebeutet und aus dem eigenen Reich gepeinigt, so werden sie sich Feinden zuwenden, auf die Flut des Unglücks lauernd.
Wort für Wort
bhujyamānāḥ hi ayogena
denn ausgebeutet durch Missregierung (Part. Pass.; Instr.)
Ein Feind ist nicht gänzlich zu vernichten, keinesfalls zu sehr zu zerschneiden; denn auch sein Leben gibt ein allzu sehr Zerschnittener mit einem Mal auf.
Wort für Wort
na amitraḥ vinikartavyaḥ
der Feind ist nicht zu zerstückeln (Nom.; Gerundiv)
na aticchedyaḥ kathaṃ cana
nicht übermäßig zu beschneiden, keinesfalls (Gerundiv)
jīvitaṃ hi api
denn sogar das Leben (Akk.)
aticchinnaḥ saṃtyajati
der allzu sehr Zerschnittene gibt auf (Part.; 3.Sg.Präs.)
ṛtvikpurohitācāryā ye cānye śrutasaṃmatāḥ; pūjārhāḥ pūjitā yasya sa vai lokajid ucyate
Opferpriester, Hauspriester und Lehrer sowie andere von den Gelehrten Anerkannte, die der Verehrung würdig sind, [wessen] sie verehrt werden, der heißt wahrlich Welteroberer.
Wort für Wort
ṛtvikpurohitācāryāḥ
Opferpriester, Hauspriester, Lehrer (Nom.Pl.)
ye ca anye śrutasaṃmatāḥ
und welche anderen durch Gelehrsamkeit Anerkannte (Nom.Pl.)
pūjārhāḥ pūjitāḥ yasya
der Verehrung würdig, verehrt von wem (Nom.Pl.; Part.; Gen.)
saḥ vai lokajit ucyate
der wird wahrlich Weltbezwinger genannt (3.Sg.Präs. Pass.)
Pratardana, der im Kampf einen König besiegt hatte, brachte, [nur] das Land ausgenommen, dessen Stadt und stets die unsterblichen [?] Heilkräuter [als Beute] heim.
Wort für Wort
bhūmivarjaṃ puraṃ
die Stadt, das Land ausgenommen (Akk.Sg.)
rājā jitvā rājānam āhave
der König, nachdem er einen König im Kampf besiegt hatte (Nom.; Ger.; Akk.; Lok.)
sarvavidyātirekād vā jayam icchen mahīpatiḥ; na māyayā na dambhena ya icched bhūtim ātmanaḥ
Oder der Erdenherr möge aus Überlegenheit in allen Wissenschaften nach Sieg streben; nicht durch Trug, nicht durch Heuchelei [möge] der, der das Gedeihen seiner selbst wünscht, [es tun].
Wort für Wort
sarvavidyātirekāt vā
oder aus Übermaß an allen Wissenschaften (Abl.)
jayam icchet mahīpatiḥ
möge den Sieg wünschen der Erdenherr (Akk.; Opt.; Nom.)
na māyayā na dambhena
nicht durch Trug, nicht durch Heuchelei (Instr.)
yaḥ icchet bhūtim ātmanaḥ
wer das Gedeihen seiner selbst wünscht (Nom.; Opt.; Akk.; Gen.)