Kapitel 229: jñānaplavaḥ, svabhāvakhaṇḍanaṃ, vidyāyāḥ śraiṣṭhyakramaḥ
Das Floß der Erkenntnis: Widerlegung der bloßen Eigennatur und die Rangfolge der Wesen bis zum Selbstkenner
Vyāsa unterweist Śuka über Erkenntnis als Mittel, die beiden Wege von Tätigkeit und Abkehr zu überqueren. Er weist die Lehre zurück, allein die Eigennatur (svabhāva) sei Ursache, und ordnet die Wesen stufenweise nach Vorzüglichkeit bis zum Selbstkundigen und wahren Brāhmaṇa. Der Text von Vers 3 ist schwer verständlich.
vyāsa uvāca; atha jñānaplavaṃ dhīro gṛhītvā śāntim āsthitaḥ; unmajjaṃś ca nimajjaṃś ca jñānam evābhisaṃśrayet
Vyāsa sprach: Wenn der Besonnene dann das Floß der Erkenntnis ergriffen hat und im Frieden verharrt, soll er sich, ob er auftaucht oder untertaucht, einzig an die Erkenntnis halten.
Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Perf.)
atha jñānaplavaṃ
dann das Floß der Erkenntnis (Akk. Sg.)
dhīro gṛhītvā
der Besonnene, nachdem er ergriffen hat (Nom. Sg.; Absolutiv)
śāntim āsthitaḥ
im Frieden verharrend (Akk. Sg.; Part. Perf. Pass. mit aktiver Bedeutung)
unmajjaṃś ca nimajjaṃś ca
auftauchend und untertauchend (Part. Präs. Nom. Sg.)
jñānam evābhisaṃśrayet
einzig zur Erkenntnis seine Zuflucht nehmen soll er (Akk.; Opt. 3.Sg.)
śuka uvāca; kiṃ taj jñānam atho vidyā yayā nistarati dvayam; pravṛttilakṣaṇo dharmo nivṛttir iti caiva hi
Śuka sprach: Was ist jene Erkenntnis, oder [jenes] Wissen, durch die man das Zweifache überquert: die Pflicht, die durch Tätigkeit gekennzeichnet ist, und die Abkehr [davon]?
Wort für Wort
śuka uvāca
Śuka sprach (Perf.)
kiṃ taj jñānam
was [ist] jene Erkenntnis (Nom. Sg. n.)
atho vidyā
oder das Wissen (Nom. Sg. f.)
yayā nistarati dvayam
durch die man überquert das Zweifache (Instr. Sg.; 3.Sg.Präs.; Akk. Sg.)
pravṛttilakṣaṇo dharmaḥ
die Pflicht, durch Tätigkeit gekennzeichnet (Bahuvrīhi; Nom. Sg.)
nivṛttir iti caiva hi
und die Abkehr, so [heißt es] fürwahr (Nom. Sg.; Partikeln)
vyāsa uvāca; yas tu paśyet svabhāvena vinā bhāvam acetanaḥ; puṣyate ca punaḥ sarvān prajñayā muktahetukaḥ
Vyāsa sprach: Wer aber, unverständig, ohne [anderes] Sein außer aus der Eigennatur [?] etwas sähe, und wieder alle durch Einsicht nährt, dessen Grund die Befreiung ist [?] …
Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Perf.)
yas tu paśyet
wer aber sähe (Nom. Sg.; Opt. 3.Sg.)
svabhāvena vinā bhāvam
ohne das Sein durch Eigennatur [?] (Instr. Sg.; Postp.; Akk. Sg.)
acetanaḥ
unverständig (Nom. Sg.)
puṣyate ca punaḥ sarvān
und er wird genährt [?] / nährt wiederum alle (3.Sg.Präs.; Akk. Pl.)
prajñayā muktahetukaḥ
durch Einsicht, mit Befreiung als Grund [?] (Instr. Sg.; Bahuvrīhi Nom. Sg.)
Der Text ist offenbar verderbt oder sehr elliptisch; die Wiedergabe ist unsicher.
ye cainaṃ pakṣam āśritya vartayanty alpacetasaḥ; svabhāvaṃ kāraṇaṃ jñātvā na śreyaḥ prāpnuvanti te
Und die, die, geringen Verstandes, diese Seite [der Lehre] bezogen haben und danach leben, erlangen, da sie die Eigennatur als Ursache erkannt zu haben [meinen], nicht das Heil.
Wort für Wort
ye cainaṃ pakṣam āśritya
und die, diese Seite bezogen habend (Nom. Pl.; Akk. Sg.; Absolutiv)
svabhāvo hi vināśāya mohakarmamanobhavaḥ; niruktam etayor etat svabhāvaparabhāvayoḥ
Denn die Eigennatur [führt] zum Untergang, aus Verblendung, Handlung und Geist entstanden [?]; das ist die Bestimmung dieser beiden, von Eigennatur und Fremdnatur.
Wort für Wort
svabhāvo hi vināśāya
denn die Eigennatur zum Untergang (Nom. Sg.; Dat. Sg.)
mohakarmamanobhavaḥ
aus Verblendung, Handlung und Geist entstanden (Tatpuruṣa; Nom. Sg.)
niruktam etayor etat
erklärt ist dies von diesen beiden (Part. Perf. Pass. n.; Gen. Du.)
svabhāvaparabhāvayoḥ
von Eigennatur und Fremdnatur (Gen. Du.)
Die Zeile svabhāvo hi vināśāya … ist syntaktisch knapp; die Wiedergabe folgt dem Wortlaut.
Die Einsicht verbindet mit den Zielen [= Gütern], die Einsicht erlangt das Heil; die Könige genießen die Herrschaft durch Einsicht, [selbst] von gleicher Erscheinung [wie andere] [?].
Wort für Wort
prajñā saṃyojayaty arthaiḥ
die Einsicht verbindet mit Zielen (Nom. Sg.; 3.Sg.Kaus.; Instr. Pl.)
prajñā śreyo ’dhigacchati
die Einsicht erlangt das Heil (Akk. Sg. n.; 3.Sg.Präs.)
rājāno bhuñjate rājyaṃ
die Könige genießen die Herrschaft (Nom. Pl.; 3.Pl.Präs. Med.; Akk. Sg.)
prajñayā tulyalakṣaṇāḥ
durch Einsicht, von gleichem Merkmal [?] (Instr. Sg.; Bahuvrīhi Nom. Pl.)
pārāvaryaṃ tu bhūtānāṃ jñānenaivopalabhyate; vidyayā tāta sṛṣṭānāṃ vidyaiva paramā gatiḥ
Das Höhere und Niedrigere der Wesen wird aber allein durch Erkenntnis erfasst; für die durch Wissen Geschaffenen [?], Lieber, ist das Wissen allein der höchste Weg.
Wort für Wort
pārāvaryaṃ tu bhūtānāṃ
das Höhere und Niedrigere aber der Wesen (Nom. Sg. n.; Gen. Pl.)
jñānenaivopalabhyate
wird allein durch Erkenntnis erfasst (Instr. Sg.; 3.Sg.Präs. Pass.)
vidyayā tāta sṛṣṭānāṃ
durch Wissen, Lieber, der Geschaffenen [?] (Instr. Sg.; Vok. Sg.; Gen. Pl.)
vidyaiva paramā gatiḥ
das Wissen allein [ist] der höchste Weg (Nom. Sg. f.)
vidyayā … sṛṣṭānām ist unsicher; die Wiedergabe folgt dem Wortlaut.
sthāvarebhyo viśiṣṭāni jaṅgamāny upalakṣayet; upapannaṃ hi yac ceṣṭā viśiṣyeta viśeṣyayoḥ
Man soll die Beweglichen als vorzüglicher denn die Unbeweglichen erkennen; denn es ist einleuchtend, dass sich unter zwei zu Unterscheidenden das durch Regsamkeit auszeichnet.
Wort für Wort
sthāvarebhyo viśiṣṭāni
vorzüglicher als die Unbeweglichen (Abl. Pl.; Nom. Pl. n.)
jaṅgamāny upalakṣayet
die Beweglichen soll man erkennen (Nom./Akk. Pl. n.; Opt.)
upapannaṃ hi yac ceṣṭā
denn einleuchtend [ist], dass die Regsamkeit (Part. Perf. Pass. n.; Nom. Sg.)
viśiṣyeta viśeṣyayoḥ
sich auszeichnen solle unter den beiden zu Unterscheidenden (Opt. Pass. 3.Sg.; Gen./Lok. Du.)
Die zweite Vershälfte ist knapp und die Wiedergabe unsicher.
Die Mittleren, sagt man, sind zweifach: pflichtkundige und andere; die Pflichtkundigen sind vorzüglicher wegen der Erfassung von Zutuendem und Nichtzutuendem.
Wort für Wort
madhyamāni dvayāny āhur
die mittleren, zweifach, sagt man (Nom. Pl. n.)
dharmajñānītarāṇi ca
pflichtkundige und andere (Nom. Pl. n.)
dharmajñāni viśiṣṭāni
die Pflichtkundigen [sind] vorzüglicher (Nom. Pl. n.)
kāryākāryopadhāraṇāt
wegen der Erfassung von Zutuendem und Nichtzutuendem (Abl. Sg.)
vijñāyante hi yair vedāḥ sarvadharmakriyāphalāḥ; sayajñāḥ sakhilā vedāḥ pravaktṛbhyo viniḥsṛtāḥ
Denn durch sie werden die Veden erkannt, deren Frucht das Tun aller Pflichten ist, samt den Opfern und samt den Ergänzungen; von den Kündern sind die Veden ausgegangen.
Wort für Wort
vijñāyante hi yair vedāḥ
denn durch die die Veden erkannt werden (3.Pl.Präs. Pass.; Instr. Pl.; Nom. Pl.)
sarvadharmakriyāphalāḥ
deren Frucht das Tun aller Pflichten [ist] (Bahuvrīhi; Nom. Pl.)
sayajñāḥ sakhilā vedāḥ
samt Opfern, samt Ergänzungen, die Veden (Nom. Pl.)
pravaktṛbhyo viniḥsṛtāḥ
von den Kündern ausgegangen (Abl. Pl.; Part. Perf. Pass.)
dharmadvayaṃ hi yo veda sa sarvaḥ sarvadharmavid; sa tyāgī satyasaṃkalpaḥ sa tu kṣāntaḥ sa īśvaraḥ
Denn wer das Doppelte der Pflicht kennt, der ist ganz und gar ein Kenner aller Pflichten; er ist der Entsagende, von wahrem Entschluss, er der Geduldige, er ein Herr.
Wort für Wort
dharmadvayaṃ hi yo veda
denn wer das Pflichtdoppel kennt (Akk. Sg.; Nom. Sg.; 3.Sg.Perf.)
sa sarvaḥ sarvadharmavid
der [ist] vollständig, Kenner aller Pflichten (Nom. Sg.)
sa tyāgī satyasaṃkalpaḥ
er [ist] Entsagender, von wahrem Entschluss (Nom. Sg.; Bahuvrīhi)
sa tu kṣāntaḥ sa īśvaraḥ
er aber geduldig, er Herr (Nom. Sg.; Part. Perf. Pass.)
dharmadvayam („das Doppelte der Pflicht“) meint wohl Tätigkeit und Abkehr (vgl. Vers 2).
dharmajñānapratiṣṭhaṃ hi taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ; śabdabrahmaṇi niṣṇātaṃ pare ca kṛtaniścayam
Ihn, der im Wissen um die Pflicht gegründet ist, kennen die Götter als Brāhmaṇa, den im Wort-Brahman Bewanderten und den, der das Jenseitige entschieden hat.
Wort für Wort
dharmajñānapratiṣṭhaṃ hi
denn im Wissen um die Pflicht gegründet (Bahuvrīhi; Akk. Sg.)
taṃ devā brāhmaṇaṃ viduḥ
ihn kennen die Götter als Brāhmaṇa (Nom. Pl.; Akk. Sg.; 3.Pl.Perf.)
śabdabrahmaṇi niṣṇātaṃ
im Wort-Brahman bewandert (Lok. Sg.; Part. Perf. Pass. Akk.)
pare ca kṛtaniścayam
und in Bezug auf das Höchste Entschluss gefasst habend (Lok. Sg.; Bahuvrīhi Akk.)
pare kṛtaniścayam: „hinsichtlich des Höchsten/Jenseitigen einen Entschluss gefasst habend“ (Lok.).
antaḥsthaṃ ca bahiṣṭhaṃ ca ye ''dhiyajñādhidaivatam; jānanti tān namasyāmas te devās tāta te dvijāḥ
Die das Innenweilende und das Außenweilende, das Opferbezogene und das Götterbezogene kennen, vor denen verneigen wir uns; sie sind die Götter, Lieber, sie die Zweimalgeborenen.
Wort für Wort
antaḥsthaṃ ca bahiṣṭhaṃ ca
das Innenweilende und das Außenweilende (Akk. Sg. n.)
ye ’dhiyajñādhidaivatam
die [das] Opferbezogene und Götterbezogene [kennen] (Nom. Pl.; Akk. Sg.)
jānanti tān namasyāmaḥ
kennen; vor ihnen verneigen wir uns (3.Pl.Präs.; Akk. Pl.; 1.Pl.Präs.)
te devās tāta te dvijāḥ
sie [sind] Götter, Lieber, sie Zweimalgeborene (Nom. Pl.; Vok. Sg.)