Kapitel 320: śukamokṣa
Śukas Eingehen ins Brahman und Vyāsas Trost durch Śiva
Bhīṣma erzählt, wie der Weise Śuka, Sohn des Vyāsa, unter kosmischen Wunderzeichen durch den gespaltenen Himalaya hindurch in die Freiheit fliegt und ins ewige Brahman eingeht. Der trauernde Vater Vyāsa folgt ihm nach, wird von Śiva getröstet und erhält zum Trost für immer einen seinem Sohn gleichenden Schatten in dieser Welt.
Bhīṣma sprach: Nachdem der hochaskesereiche Brahmanenweise so diese Worte gesprochen hatte, machte sich Śuka auf zur Vollendung, wobei er die vier Arten der Welten aufgab.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom.Sg./3.Sg.Perf.)
ity evam uktvā vacanam
nachdem er so diese Rede gesprochen hatte (Abs./Akk.Sg.)
brahmarṣiḥ sumahātapāḥ
der Brahmanenweise von gewaltiger Askese (Nom.Sg.)
prātiṣṭhata śukaḥ siddhim
Śuka machte sich auf zur Vollendung (3.Sg.Impf./Nom.Sg./Akk.Sg.)
hitvā lokāṃś caturvidhān
nachdem er die vierfachen Welten verlassen hatte (Abs./Akk.Pl.)
tamo hy aṣṭavidhaṃ hitvā jahau pañcavidhaṃ rajaḥ; tataḥ sattvaṃ jahau dhīmāṃs tad adbhutam ivābhavat
Nachdem er die achtfache Dunkelheit aufgegeben hatte, gab er auch die fünffache Leidenschaft auf; dann gab der Weise auch die Gutheit auf – das war wie ein Wunder.
Wort für Wort
tamo hy aṣṭavidhaṃ hitvā
die achtfache Dunkelheit fürwahr aufgegeben habend (Abs./Akk.Sg.)
jahau pañcavidhaṃ rajaḥ
gab er die fünffache Leidenschaft auf (3.Sg.Perf./Akk.Sg.)
tataḥ sattvaṃ jahau
dann gab er die Gutheit auf (Adv./Akk.Sg./3.Sg.Perf.)
sa śṛṅge 'pratime divye himavan merusaṃbhave; saṃśliṣṭe śvetapīte dve rukmarūpyamaye śubhe
Er sah auf dem aus Himavat und Meru entstandenen Gebirge die beiden unvergleichlichen, göttlichen, eng aneinanderliegenden, weiß-gelben, aus Gold und Silber bestehenden, schönen Gipfel,
Wort für Wort
sa śṛṅge
er [sah] die beiden Gipfel (Nom.Sg./Akk.Dual)
'pratime divye
unvergleichlichen, göttlichen (Akk.Dual)
himavan merusaṃbhave
aus Himavat und Meru entstanden (Akk.Dual)
saṃśliṣṭe śvetapīte dve
eng aneinanderliegenden, weiß-gelben, zwei (Akk.Dual)
rukmarūpyamaye śubhe
aus Gold und Silber bestehenden, schönen (Akk.Dual)
so 'viśaṅkena manasā tathaivābhyapatac chukaḥ; tataḥ parvataśṛṅge dve sahasaiva dvidhākṛte; adṛśyetāṃ mahārāja tad adbhutam ivābhavat
Mit unerschrockenem Sinn flog Śuka ebenso darauf zu; da wurden die beiden Berggipfel augenblicklich gespalten – so wurden sie gesehen, o Großkönig – das war wie ein Wunder.
Wort für Wort
so 'viśaṅkena manasā
er, mit unerschrockenem Sinn (Nom.Sg./Instr.Sg.)
tathaivābhyapatac chukaḥ
so flog Śuka ebenso darauf zu (3.Sg.Impf./Nom.Sg.)
tataḥ parvataśṛṅge dve
dann die beiden Berggipfel (Nom.Dual)
sahasaiva dvidhākṛte
wurden sogleich gespalten (Nom.Dual Ppp.)
adṛśyetāṃ mahārāja
sie wurden [so] gesehen, o Großkönig (3.Dual.Impf.Pass./Vok.Sg.)
Darin spielten vergnügt und badeten die Scharen der Apsaras; als sie Śuka sahen, dessen Erscheinung wie leer [gestaltlos] war, blieben sie, selbst ohne [eigene] Gestalt [?], unbekleidet.
und badeten die Scharen der Apsaras (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
śūnyākāraṃ śukaṃ
Śuka, dessen Erscheinung leer/gestaltlos war (Akk.Sg.)
nirākārāḥ
[selbst] ohne [eigene] Gestalt [?] (Nom.Pl.)
dṛṣṭvā vivāsasaḥ
als sie [ihn] sahen, unbekleidet (Abs./Nom.Pl.)
Die genaue Nuance von „nirākārāḥ“ (bezogen auf die Apsaras) ist unsicher [?]; vermutlich meint der Vers, dass sie sich vor dem entkörperlicht-transzendenten Śuka nicht zu bedecken brauchten – anders als später vor Vyāsa (vgl. V. 28f.).
Śuka aber, nachdem er eine über den Wind hinausgehende, durch den Luftraum ziehende Bewegung vollzogen hatte, zeigte seine eigene Macht und wurde dann zu allen Wesen.
Wort für Wort
śukas tu mārutād ūrdhvaṃ
Śuka aber, über den Wind hinaus (Nom.Sg./Abl.Sg./Adv.)
gatiṃ kṛtvāntarikṣagām
eine durch den Luftraum ziehende Bewegung vollzogen habend (Akk.Sg./Abs./Akk.Sg.)
darśayitvā prabhāvaṃ svaṃ
seine eigene Macht gezeigt habend (Abs./Akk.Sg.)
sarvabhūto 'bhavat tadā
wurde dann zu allen Wesen (Nom.Sg./3.Sg.Impf./Adv.)
mahāyogagatiṃ tv agryāṃ vyāsotthāya mahātapāḥ; nimeṣāntaramātreṇa śukābhipatanaṃ yayau
Vyāsa aber, der große Asket, erhob sich und gelangte durch die höchste Bewegung großer Yoga-Kraft binnen eines bloßen Augenblicks zu dem Ort von Śukas Flug.
Wort für Wort
mahāyogagatiṃ tv agryāṃ
die höchste Bewegung großer Yoga-Kraft (Akk.Sg.)
vyāsotthāya mahātapāḥ
Vyāsa, sich erhebend, der große Asket (Nom.Sg./Abs./Nom.Sg.)
nimeṣāntaramātreṇa
binnen des bloßen Zwischenraums eines Augenblicks (Instr.Sg.)
śukābhipatanaṃ yayau
gelangte zu dem Ort von Śukas Flug (Akk.Sg./3.Sg.Perf.)
Śuka aber, der Gerechtsinnige, der allgegenwärtig, alldurchseelt und allseitig geworden war, antwortete, indem er mit dem Laut „Bhoḥ“ widerhallen ließ.
Wort für Wort
śukaḥ sarvagato bhūtvā
Śuka, allgegenwärtig geworden (Nom.Sg./Abs.)
sarvātmā sarvatomukhaḥ
alldurchseelt, allseitig [mit Gesicht nach allen Seiten] (Nom.Sg.)
pratyabhāṣata dharmātmā
antwortete der Gerechtsinnige (3.Sg.Impf.Med./Nom.Sg.)
bhoḥśabdenānunādayan
indem er mit dem Laut ‚Bhoḥ‘ widerhallen ließ (Instr.Sg./Präs.Part.)
Śuka aber, nachdem er damals seine Macht gezeigt hatte, verschwand; er gab die Sinnesqualitäten, angefangen mit dem Ton, auf und erlangte den höchsten Zustand.
Wort für Wort
antarhitaḥ
verschwunden/unsichtbar geworden (Nom.Sg.Ppp.)
prabhāvaṃ tu darśayitvā
nachdem er [seine] Macht gezeigt hatte (Akk.Sg./Abs.)
śukas tadā
Śuka, damals (Nom.Sg./Adv.)
guṇān saṃtyajya śabdādīn
die Sinnesqualitäten, angefangen mit dem Ton, aufgebend (Akk.Pl./Abs./Akk.Pl.)
padam adhyagamat param
erlangte den höchsten Zustand (Akk.Sg./3.Sg.Impf./Akk.Sg.)
sa gatiṃ paramāṃ prāpto duṣprāpām ajitendriyaiḥ; daivatair api viprarṣe taṃ tvaṃ kim anuśocasi
Er hat den höchsten Zustand erreicht, den auch die Götter mit unbezwungenen Sinnen schwer erreichen können, o Brahmanenweiser – warum betrauerst du ihn?
Wort für Wort
sa gatiṃ paramāṃ prāpto
er, den höchsten Zustand erreicht habend (Nom.Sg./Akk.Sg./Nom.Sg.Ppp.)
duṣprāpām ajitendriyaiḥ
schwer erreichbar für die mit unbezwungenen Sinnen (Akk.Sg./Instr.Pl.)
daivatair api viprarṣe
auch für die Götter, o Brahmanenweiser (Instr.Pl./Vok.Sg.)
taṃ tvaṃ kim anuśocasi
ihn – warum betrauerst du (Akk.Sg./Nom.Sg./Interrog./2.Sg.Präs.)
Wer diese heilige Erzählung, die mit der Lehre von Befreiung, Recht und Nutzen verbunden ist, sich zu Herzen nimmt und der Gelassenheit ergeben ist, der wird den höchsten Zustand erreichen.
Wort für Wort
itihāsam imaṃ puṇyaṃ
diese heilige Erzählung (Akk.Sg.)
mokṣadharmārthasaṃhitam
verbunden mit Befreiung, Recht und Nutzen (Akk.Sg.)
dhārayed yaḥ śamaparaḥ
wer sie sich zu Herzen nimmt, der Gelassenheit ergeben (3.Sg.Opt./Nom.Sg.Rel./Nom.Sg.)
sa gacchet paramāṃ gatim
der wird den höchsten Zustand erreichen (Nom.Sg./3.Sg.Opt./Akk.Sg.)