Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 27: yudhiṣṭhiraśokaḥ prāyopaveśasaṃkalpaś ca Yudhiṣṭhiras Klage, sein Entschluss zum Fasten und Vyāsas erste Mahnung

Yudhiṣṭhira klagt über die gefallenen Verwandten und Freunde, bezichtigt sich der Schuld an Bhīṣmas, Droṇas und Karṇas Tod und erklärt, sich bis zum Tod aushungern zu wollen. Vyāsa hält ihn zurück und beginnt seine Trostrede mit dem Hinweis auf Vergänglichkeit und Schicksal.

yudhiṣṭhira uvāca; abhimanyau hate bāle draupadyās tanayeṣu ca; dhṛṣṭadyumne virāṭe ca drupade ca mahīpatau

Yudhiṣṭhira sprach: „Da Abhimanyu, der Knabe, erschlagen ist und die Söhne der Draupadī, Dhṛṣṭadyumna, Virāṭa und Drupada, der Herr der Erde,

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Nom.Sg.; Perf.3.Sg.)
abhimanyau hate bāle
als Abhimanyu, der Knabe, erschlagen war (Lok.Sg., Lokativus absolutus)
draupadyās tanayeṣu ca
und die Söhne der Draupadī (Gen.Sg. / Lok.Pl.)
dhṛṣṭadyumne virāṭe ca
und Dhṛṣṭadyumna und Virāṭa (Lok.Sg.)
drupade ca mahīpatau
und Drupada, der Erdenherr (Lok.Sg.)

Die Genitiv-/Lokativreihe hängt von den erschlagenen Personen ab; das Prädikat (hateṣu) folgt sinngemäß in Vers 2 und 3.

vasuṣeṇe ca dharmajñe dhṛṣṭaketau ca pārthive; tathānyeṣu narendreṣu nānādeśyeṣu saṃyuge

und Vasuṣeṇa, der das Dharma kennt, und der Fürst Dhṛṣṭaketu, und anderen Männerherrschern aus mancherlei Ländern im Kampf [erschlagen sind],

Wort für Wort
vasuṣeṇe ca dharmajñe
und Vasuṣeṇa, der Dharmakundige (Lok.Sg.)
dhṛṣṭaketau ca pārthive
und Dhṛṣṭaketu, der Fürst (Lok.Sg.)
tathānyeṣu narendreṣu
ebenso unter den anderen Männerherrschern (Lok.Pl.)
nānādeśyeṣu saṃyuge
aus verschiedenen Ländern, im Kampf (Lok.Pl. / Lok.Sg.)

Vasuṣeṇa ist ein Name Karṇas.

na vimuñcati māṃ śoko jñātighātinam āturam; rājyakāmukam aty ugraṃ svavaṃśocchedakārakam

verlässt mich der Kummer nicht, der ich Verwandte erschlagen habe, gequält bin, nach der Herrschaft begierig, überaus grausam, Zerstörer meines eigenen Geschlechts.

Wort für Wort
na vimuñcati māṃ śokaḥ
nicht lässt mich der Kummer los (3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)
jñātighātinam āturam
den Verwandtenmörder, den Gequälten (Akk.Sg.)
rājyakāmukam aty ugram
den Herrschaftsbegierigen, überaus Grausamen (Akk.Sg.)
svavaṃśocchedakārakam
den Verursacher des Untergangs des eigenen Geschlechts (Akk.Sg.)

yasyāṅke krīḍamānena mayā vai parivartitam; sa mayā rājyalubdhena gāṅgeyo vinipātitaḥ

Auf dessen Schoß ich spielend mich [einst] hin und her gewälzt habe – der Gāṅgeya wurde von mir, dem herrschaftsgierigen, zu Fall gebracht.

Wort für Wort
yasyāṅke krīḍamānena
auf dessen Schoß, mir spielend (Lok.Sg.; Instr.Sg. Part.Präs.Med.)
mayā vai parivartitam
wurde von mir wahrlich [umhergewälzt] (Instr.Sg.; Part.Pass. unpers.)
sa mayā rājyalubdhena
er von mir, dem herrschaftsgierigen (Instr.Sg.)
gāṅgeyo vinipātitaḥ
der Gāṅgeya wurde zu Fall gebracht (Nom.Sg.; Part.Pass.Kaus.)

parivartitam ist unpersönlich mit mayā konstruiert.

yadā hy enaṃ vighūrṇantam apaśyaṃ pārthasāyakaiḥ; kampamānaṃ yathā vajraiḥ prekṣamāṇaṃ śikhaṇḍinam

Denn als ich ihn taumelnd sah, von den Pfeilen des Pārtha [getroffen], zitternd wie von Blitzkeulen, den Śikhaṇḍin anblickend –

Wort für Wort
yadā hy enam
denn als ihn (Konj.; Akk.Sg.)
vighūrṇantam apaśyam
taumelnd sah ich (Akk.Sg. Part.Präs.; Impf.1.Sg.)
pārthasāyakaiḥ
von Pārthas Pfeilen (Instr.Pl.)
kampamānaṃ yathā vajraiḥ
zitternd wie von Donnerkeilen (Akk.Sg.; Instr.Pl.)
prekṣamāṇaṃ śikhaṇḍinam
den Śikhaṇḍin anblickend (Akk.Sg. Part.Präs.Med.)

jīrṇaṃ siṃham iva prāṃśuṃ narasiṃhaṃ pitāmaham; kīryamāṇaṃ śarais tīkṣṇair dṛṣṭvā me vyathitaṃ manaḥ

den Großvater, den Männerlöwen, hochgewachsen wie einen alten Löwen, von scharfen Pfeilen überschüttet, als ich [ihn] sah, wurde mir der Geist erschüttert.

Wort für Wort
jīrṇaṃ siṃham iva prāṃśum
einem alten, hochgewachsenen Löwen gleich (Akk.Sg.)
narasiṃhaṃ pitāmaham
den Männerlöwen, den Großvater (Akk.Sg.)
kīryamāṇaṃ śarais tīkṣṇaiḥ
mit scharfen Pfeilen überschüttet (Akk.Sg. Part.Pass.; Instr.Pl.)
dṛṣṭvā me vyathitaṃ manaḥ
nachdem ich sah, wurde mein Geist erschüttert (Abs.; Dat./Gen.Sg.; Part.Pass.)

prāṅmukhaṃ sīdamānaṃ ca rathād apacyutaṃ śaraiḥ; ghūrṇamānaṃ yathā śailaṃ tadā me kaśmalo 'bhavat

Nach Osten gewandt, sinkend, von den Pfeilen vom Wagen herabgestürzt, wankend wie ein Berg – da überkam mich die Ohnmacht.

Wort für Wort
prāṅmukhaṃ sīdamānaṃ ca
mit dem Gesicht nach Osten und sinkend (Akk.Sg.; Part.Präs.Med.)
rathād apacyutaṃ śaraiḥ
vom Wagen herabgefallen durch Pfeile (Abl.Sg.; Part.Pass.; Instr.Pl.)
ghūrṇamānaṃ yathā śailam
wankend wie ein Berg (Akk.Sg. Part.; Akk.Sg.)
tadā me kaśmalo 'bhavat
da entstand mir Benommenheit (Nom.Sg.; Impf.3.Sg.)

yaḥ sa bāṇadhanuṣpāṇir yodhayām āsa bhārgavam; bahūny ahāni kauravyaḥ kurukṣetre mahāmṛdhe

Er, der Bogen und Pfeil in der Hand, gegen den Bhārgava kämpfte, viele Tage lang, der Kauravya, auf dem Kurukṣetra in der großen Schlacht –

Wort für Wort
yaḥ sa bāṇadhanuṣpāṇiḥ
der, mit Pfeil und Bogen in der Hand (Nom.Sg.)
yodhayām āsa bhārgavam
kämpfen ließ / focht gegen den Bhārgava (Perf.Kaus.3.Sg.; Akk.Sg.)
bahūny ahāni kauravyaḥ
viele Tage, der Kauravya (Akk.Pl.; Nom.Sg.)
kurukṣetre mahāmṛdhe
auf dem Kurukṣetra, in der großen Schlacht (Lok.Sg.)

sametaṃ pārthivaṃ kṣatraṃ vārāṇasyāṃ nadīsutaḥ; kanyārtham āhvayad vīro rathenaikena saṃyuge

der Flusssohn, der Held, forderte, als in Vārāṇasī die versammelte Fürsten-Kriegerschaft war, um der Jungfrau willen [alle] auf einem einzigen Wagen zum Kampf heraus –

Wort für Wort
sametaṃ pārthivaṃ kṣatram
die versammelte Fürstenkriegerschaft (Akk.Sg. Part.Pass.)
vārāṇasyāṃ nadīsutaḥ
in Vārāṇasī, der Flusssohn (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
kanyārtham āhvayad vīraḥ
um der Jungfrau willen rief er heraus, der Held (Akk.Sg. Adv.; Impf.3.Sg.; Nom.Sg.)
rathenaikena saṃyuge
mit einem einzigen Wagen im Kampf (Instr.Sg.; Lok.Sg.)

Gemeint ist die Brautwahl der Töchter des Königs von Kāśī, bei der Bhīṣma die Jungfrauen entführte.

yena cogrāyudho rājā cakravartī durāsadaḥ; dagdhaḥ śastrapratāpena sa mayā yudhi ghātitaḥ

und durch den der König Ugrāyudha, ein Weltherrscher, schwer zu bezwingen, durch die Glut seiner Waffen verbrannt wurde – der wurde von mir im Kampf zu Tode gebracht.

Wort für Wort
yena cogrāyudho rājā
und durch den König Ugrāyudha (Instr.Sg.; Nom.Sg.)
cakravartī durāsadaḥ
der Weltherrscher, schwer zu bezwingen (Nom.Sg.)
dagdhaḥ śastrapratāpena
wurde verbrannt durch die Glut der Waffen (Part.Pass.; Instr.Sg.)
sa mayā yudhi ghātitaḥ
der wurde von mir im Kampf getötet (Instr.Sg.; Lok.Sg.; Part.Pass.Kaus.)

svayaṃ mṛtyuṃ rakṣamāṇaḥ pāñcālyaṃ yaḥ śikhaṇḍinam; na bāṇaiḥ pātayām āsa so 'rjunena nipātitaḥ

Er, der selbst seinen Tod [in Śikhaṇḍin] hütete und den Pāñcāla Śikhaṇḍin nicht mit Pfeilen fällte, wurde von Arjuna gefällt.

Wort für Wort
svayaṃ mṛtyuṃ rakṣamāṇaḥ
selbst den Tod schützend / im Auge behaltend (Akk.Sg.; Part.Präs.Med.)
pāñcālyaṃ yaḥ śikhaṇḍinam
den Pāñcāla Śikhaṇḍin, der (Akk.Sg.; Nom.Sg.)
na bāṇaiḥ pātayām āsa
nicht mit Pfeilen fällte er (Instr.Pl.; Perf.Kaus.3.Sg.)
so 'rjunena nipātitaḥ
der wurde von Arjuna gefällt (Instr.Sg.; Part.Pass.Kaus.)

yadainaṃ patitaṃ bhūmāv apaśyaṃ rudhirokṣitam; tadaivāviśad aty ugro jvaro me munisattama; yena saṃvardhitā bālā yena sma parirakṣitāḥ

Als ich ihn auf der Erde liegen sah, blutbespritzt, da drang sogleich überaus heftiges Fieber in mich, du Bester der Weisen – ihn, durch den wir als Kinder großgezogen und beschützt worden sind.

Wort für Wort
yadainaṃ patitaṃ bhūmau
als ich ihn gefallen auf der Erde (Akk.Sg.; Lok.Sg.)
apaśyaṃ rudhirokṣitam
sah ich, von Blut besprengt (Impf.1.Sg.; Akk.Sg.)
tadaivāviśad aty ugro jvaro me
da drang sogleich überaus heftiges Fieber in mich (Impf.3.Sg.; Nom.Sg.; Gen./Dat.)
munisattama
du Bester der Weisen (Vok.Sg.)
yena saṃvardhitā bālāḥ
durch den wir als Kinder großgezogen wurden (Instr.Sg.; Nom.Pl.)
yena sma parirakṣitāḥ
durch den wir beschützt wurden (Part.Pass.Pl.)

sa mayā rājyalubdhena pāpena gurughātinā; alpakālasya rājyasya kṛte mūḍhena ghātitaḥ

Der wurde von mir, dem herrschaftsgierigen, sündigen Lehrermörder, dem Verblendeten, um einer nur kurzen Herrschaft willen getötet.

Wort für Wort
sa mayā rājyalubdhena
er von mir, dem herrschaftsgierigen (Instr.Sg.)
pāpena gurughātinā
dem sündigen Lehrermörder (Instr.Sg.)
alpakālasya rājyasya kṛte
um einer nur kurzzeitigen Herrschaft willen (Gen.Sg.; Postp.)
mūḍhena ghātitaḥ
vom Verblendeten getötet (Instr.Sg.; Part.Pass.Kaus.)

ācāryaś ca maheṣvāsaḥ sarvapārthivapūjitaḥ; abhigamya raṇe mithyā pāpenoktaḥ sutaṃ prati

Und der Lehrer, der große Bogenschütze, von allen Fürsten verehrt, wurde im Kampf, als ich zu ihm getreten war, von mir Sünder mit Unwahrem angesprochen, [was] seinen Sohn [betraf].

Wort für Wort
ācāryaś ca maheṣvāsaḥ
und der Lehrer, der große Bogenschütze (Nom.Sg.)
sarvapārthivapūjitaḥ
von allen Fürsten verehrt (Nom.Sg. Part.Pass.)
abhigamya raṇe mithyā
nachdem ich [ihn] im Kampf aufgesucht hatte, unwahr (Abs.; Lok.Sg.; Adv.)
pāpenoktaḥ sutaṃ prati
vom Sünder angesprochen, bezüglich des Sohnes (Instr.Sg.; Part.Pass.; Akk.Sg.+Postp.)

tan me dahati gātrāṇi yan māṃ gurur abhāṣata; satyavākyo hi rājaṃs tvaṃ yadi jīvati me sutaḥ; satyaṃ mā marśayan vipro mayi tat paripṛṣṭavān

Das verbrennt mir die Glieder, was der Lehrer zu mir sprach: „Du bist wahrhaftig in der Rede, König – ob mein Sohn lebt?“ Der Brahmane, [mich als] die Wahrheit [sagend erachtend?] [?], befragte mich darüber.

Wort für Wort
tan me dahati gātrāṇi
das verbrennt mir die Glieder (Nom.Sg.n.; Dat./Gen.; Akk.Pl.)
yan māṃ gurur abhāṣata
was der Lehrer zu mir sagte (Impf.3.Sg.Med.)
satyavākyo hi rājaṃs tvam
denn wahrhaftig in der Rede bist du, König (Vok.Sg.)
yadi jīvati me sutaḥ
ob mein Sohn lebt (3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)
satyaṃ mā marśayan vipraḥ
die Wahrheit [?] erwägend, der Brahmane (Part.Präs.Kaus.; Nom.Sg.)
mayi tat paripṛṣṭavān
hat mich darüber befragt (Lok.Sg.; Part.Perf.Akt.)

Die Wendung satyaṃ mā marśayan ist unsicher (mā vermutlich für mām, marśayan zu mṛś oder mṛṣ); Sinn wohl: Droṇa hielt Yudhiṣṭhira für unbedingt wahrhaftig und fragte ihn deshalb.

kuñjaraṃ cāntaraṃ kṛtvā mithyopacaritaṃ mayā; subhṛśaṃ rājyalubdhena pāpena gurughātinā

Nachdem ich den Elefanten dazwischengestellt hatte, wurde von mir Trug geübt, sehr [schwer], von mir, dem herrschaftsgierigen, sündigen Lehrermörder.

Wort für Wort
kuñjaraṃ cāntaraṃ kṛtvā
und nachdem ich den Elefanten zum Zwischenglied gemacht hatte (Akk.Sg.; Abs.)
mithyopacaritam mayā
Trug wurde von mir geübt (Part.Pass.; Instr.Sg.)
subhṛśaṃ rājyalubdhena
überaus, vom Herrschaftsgierigen (Adv.; Instr.Sg.)
pāpena gurughātinā
vom sündigen Lehrermörder (Instr.Sg.)

satyakañcukam āsthāya mayokto gurur āhave; aśvatthāmā hata iti kuñjare vinipātite; kān nu lokān gamiṣyāmi kṛtvā tat karma dāruṇam

Den „Panzer der Wahrheit“ [als Deckung] angelegt, wurde vom mir in der Schlacht zum Lehrer gesagt: „Aśvatthāman ist erschlagen“, als der Elefant gefällt war. In welche Welten werde ich gehen, nachdem ich diese grausame Tat begangen habe?

Wort für Wort
satyakañcukam āsthāya
den Panzer der Wahrheit angelegt/angenommen habend (Akk.Sg.; Abs.)
mayokto gurur āhave
von mir wurde gesagt zum Lehrer in der Schlacht (Instr.Sg.; Part.Pass.; Nom./Akk.; Lok.Sg.)
aśvatthāmā hata iti
„Aśvatthāman ist erschlagen“, so (Nom.Sg.; Part.Pass.)
kuñjare vinipātite
als der Elefant gefällt war (Lok.Sg., Lok. abs.)
kān nu lokān gamiṣyāmi
in welche Welten werde ich wohl gehen (Akk.Pl.; Fut.1.Sg.)
kṛtvā tat karma dāruṇam
nachdem ich diese grausame Tat vollbracht habe (Abs.; Akk.Sg.)

aghātayaṃ ca yat karṇaṃ samareṣv apalāyinam; jyeṣṭhaṃ bhrātaram aty ugraṃ ko mattaḥ pāpakṛttamaḥ

Und dass ich Karṇa töten ließ, der in den Schlachten nicht floh, den ältesten Bruder, den überaus Grimmigen – wer ist sündiger als ich?

Wort für Wort
aghātayaṃ ca yat karṇam
und dass ich töten ließ Karṇa (Impf.Kaus.1.Sg.; Akk.Sg.)
samareṣv apalāyinam
den in den Kämpfen nicht Fliehenden (Lok.Pl.; Akk.Sg.)
jyeṣṭhaṃ bhrātaram aty ugram
den ältesten Bruder, den überaus Grimmigen (Akk.Sg.)
ko mattaḥ pāpakṛttamaḥ
wer ist sündentäterischer als ich (Nom.Sg.; Abl.Sg.; Superl.)

abhimanyuṃ ca yad bālaṃ jātaṃ siṃham ivādriṣu; prāveśayam ahaṃ lubdho vāhinīṃ droṇapālitām

Und Abhimanyu, den Knaben, der wie ein Löwe in den Bergen geboren war – den habe ich, gierig, in das von Droṇa beschützte Heer hineingeführt.

Wort für Wort
abhimanyuṃ ca yad bālam
und dass ich Abhimanyu, den Knaben (Akk.Sg.)
jātaṃ siṃham ivādriṣu
geboren, wie einen Löwen in den Bergen (Part.Pass.; Akk.Sg.; Lok.Pl.)
prāveśayam ahaṃ lubdhaḥ
hineinführte ich, gierig (Impf.Kaus.1.Sg.; Nom.Sg.)
vāhinīṃ droṇapālitām
in das von Droṇa geschützte Heer (Akk.Sg.)

tadāprabhṛti bībhatsuṃ na śaknomi nirīkṣitum; kṛṣṇaṃ ca puṇḍarīkākṣaṃ kilbiṣī bhrūṇahā yathā

Seitdem vermag ich Bībhatsu nicht anzusehen, auch nicht Kṛṣṇa, den Lotosäugigen, ich Schuldbeladener, gleich einem Embryomörder.

Wort für Wort
tadāprabhṛti bībhatsum
von da an Bībhatsu (Adv.; Akk.Sg.)
na śaknomi nirīkṣitum
nicht vermag ich anzublicken (1.Sg.Präs.; Inf.)
kṛṣṇaṃ ca puṇḍarīkākṣam
und Kṛṣṇa, den Lotosäugigen (Akk.Sg.)
kilbiṣī bhrūṇahā yathā
ich Schuldbeladener, wie ein Embryomörder (Nom.Sg.)

draupadīṃ cāpy aduḥkhārhāṃ pañcaputravinākṛtām; śocāmi pṛthivīṃ hīnāṃ pañcabhiḥ parvatair iva

Und um Draupadī, die Leid nicht verdient, der fünf Söhne genommen sind, trauere ich – wie um die Erde, die von fünf Bergen verlassen ist.

Wort für Wort
draupadīṃ cāpy aduḥkhārhām
und auch Draupadī, die Leid nicht verdient (Akk.Sg.)
pañcaputravinākṛtām
der fünf Söhne beraubt (Akk.Sg.)
śocāmi pṛthivīṃ hīnām
beklage ich, [wie] die Erde, verlassen (1.Sg.Präs.; Akk.Sg.)
pañcabhiḥ parvatair iva
von fünf Bergen gleichsam (Instr.Pl.)

so 'ham āgaskaraḥ pāpaḥ pṛthivīnāśakārakaḥ; āsīna evam evedaṃ śoṣayiṣye kalevaram

Ich, der Frevler, der Sünder, der Vernichter der Erde, werde, eben so hier sitzend, diesen Leib austrocknen.

Wort für Wort
so 'ham āgaskaraḥ pāpaḥ
ich, der Frevler, Sünder (Nom.Sg.)
pṛthivīnāśakārakaḥ
Verursacher des Untergangs der Erde (Nom.Sg.)
āsīna evam evedam
gerade so sitzend, eben diesen (Nom.Sg. Part.Präs.Med.)
śoṣayiṣye kalevaram
werde ich austrocknen lassen den Leib (Fut.Kaus.1.Sg.; Akk.Sg.)

prāyopaviṣṭaṃ jānīdhvam adya māṃ gurughātinam; jātiṣv anyāsv api yathā na bhaveyaṃ kulāntakṛt

Wisst, dass ich mich heute, ich Lehrermörder, zum Fasten bis zum Tode niedergesetzt habe, damit ich in anderen Geburten nicht [wieder] ein Vernichter der Sippe sei.

Wort für Wort
prāyopaviṣṭaṃ jānīdhvam
als zum Todesfasten Niedergesetzten wisst (Akk.Sg. Part.Pass.; Imp.2.Pl.)
adya māṃ gurughātinam
heute mich, den Lehrermörder (Akk.Sg.)
jātiṣv anyāsv api yathā
auch in anderen Geburten, damit (Lok.Pl.)
na bhaveyaṃ kulāntakṛt
nicht möge ich sein ein Sippenvernichter (Opt.1.Sg.; Nom.Sg.)

nopabhokṣye varān bhogān rājyaṃ tatparicchadān

Ich werde die erlesenen Genüsse nicht genießen, [weder] die Herrschaft noch deren Zubehör.

Wort für Wort
nopabhokṣye
nicht werde ich genießen (Fut.1.Sg.Med.)
varān bhogān
die vorzüglichen Genüsse (Akk.Pl.)
rājyaṃ tatparicchadān
die Herrschaft und ihre Ausstattungen (Akk.Sg.; Akk.Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (Stern-Passage) der kritischen Ausgabe.

na bhokṣye na ca pānīyam upayokṣye kathaṃ cana; śoṣayiṣye priyān prāṇān ihastho 'haṃ tapodhana

Nicht werde ich essen und auch niemals Wasser trinken; ich werde meine lieben Lebenshauche austrocknen, hier sitzend, du Reicher an Askese.

Wort für Wort
na bhokṣye
nicht werde ich essen (Fut.1.Sg.Med.)
na ca pānīyam upayokṣye kathaṃ cana
und Trinkwasser werde ich in keiner Weise zu mir nehmen (Akk.Sg.; Fut.1.Sg.)
śoṣayiṣye priyān prāṇān
ich werde die lieben Lebenshauche austrocknen (Fut.Kaus.1.Sg.; Akk.Pl.)
ihastho 'haṃ tapodhana
ich, hier verharrend, du Reicher an Askese (Nom.Sg.; Vok.Sg.)

yatheṣṭaṃ gamyatāṃ kāmam anujāne prasādya vaḥ; sarve mām anujānīta tyakṣyāmīdaṃ kalevaram

Geht nach Belieben, wohin ihr wollt; ich erlaube es, nachdem ich euch gnädig gestimmt habe. Erlaubt es mir alle: Ich werde diesen Leib verlassen.

Wort für Wort
yatheṣṭaṃ gamyatāṃ kāmam
nach Wunsch möge gegangen werden, nach Belieben (Imp.Pass. unpers.; Adv.)
anujāne prasādya vaḥ
ich gestatte, nachdem ich euch besänftigt habe (1.Sg.Präs.; Abs.; Akk.Pl.)
sarve mām anujānīta
alle gebt mir Erlaubnis (Nom.Pl.; Imp.2.Pl.)
tyakṣyāmīdaṃ kalevaram
ich werde diesen Leib aufgeben (Fut.1.Sg.; Akk.Sg.)

vaiśaṃpāyana uvāca; tam evaṃvādinaṃ pārthaṃ bandhuśokena vihvalam; maivam ity abravīd vyāso nigṛhya munisattamaḥ

Vaiśaṃpāyana sprach: Zu dem Pārtha, der so redete, verwirrt vom Kummer um die Verwandten, sagte Vyāsa, der beste der Weisen, ihn zurückhaltend: „Nicht so!“

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf.3.Sg.)
tam evaṃvādinaṃ pārtham
zu ihm, dem so Redenden, dem Pārtha (Akk.Sg.)
bandhuśokena vihvalam
vom Kummer um die Verwandten verstört (Instr.Sg.; Akk.Sg.)
maivam ity abravīd vyāsaḥ
„Nicht so!“, sagte Vyāsa (Impf.3.Sg.; Nom.Sg.)
nigṛhya munisattamaḥ
ihn zurückhaltend, der beste der Weisen (Abs.; Nom.Sg.)

ativelaṃ mahārāja na śokaṃ kartum arhasi; punar uktaṃ pravakṣyāmi diṣṭam etad iti prabho

„Über die Maßen, großer König, sollst du nicht trauern. Ich werde Gesagtes wiederholen: Das ist Schicksal, Herr.

Wort für Wort
ativelaṃ mahārāja
übermäßig, großer König (Adv.; Vok.Sg.)
na śokaṃ kartum arhasi
Trauer zu üben sollst du nicht (Akk.Sg.; Inf.; 2.Sg.Präs.)
punar uktaṃ pravakṣyāmi
Gesagtes werde ich wiederholt sagen (Adv.; Part.Pass.; Fut.1.Sg.)
diṣṭam etad iti prabho
das ist Schicksal, so, Herr (Nom.Sg.n.; Vok.Sg.)

saṃyogā viprayogāś ca jātānāṃ prāṇināṃ dhruvam; budbudā iva toyeṣu bhavanti na bhavanti ca

Verbindungen und Trennungen sind den geborenen Wesen gewiss; wie Blasen im Wasser entstehen sie und vergehen sie.

Wort für Wort
saṃyogā viprayogāś ca
Vereinigungen und Trennungen (Nom.Pl.)
jātānāṃ prāṇinām dhruvam
für geborene Wesen gewiss (Gen.Pl.; Adv./Nom.n.)
budbudā iva toyeṣu
wie Blasen im Wasser (Nom.Pl.; Lok.Pl.)
bhavanti na bhavanti ca
sie entstehen und sie entstehen nicht [mehr] (3.Pl.Präs.)

sarve kṣayāntā nicayāḥ patanāntāḥ samucchrayāḥ; saṃyogā viprayogāntā maraṇāntaṃ hi jīvitam

Alle Anhäufungen enden im Schwinden, Erhebungen im Fall; Verbindungen enden in Trennungen, und das Leben endet im Tod.

Wort für Wort
sarve kṣayāntā nicayāḥ
alle Anhäufungen haben Schwund zum Ende (Nom.Pl.)
patanāntāḥ samucchrayāḥ
Erhebungen haben Fall zum Ende (Nom.Pl.)
saṃyogā viprayogāntāḥ
Verbindungen haben Trennung zum Ende (Nom.Pl.)
maraṇāntaṃ hi jīvitam
denn das Leben hat den Tod zum Ende (Nom.Sg.n.)

sukhaṃ duḥkhāntam ālasyaṃ dākṣyaṃ duḥkhaṃ sukhodayam; bhūtiḥ śrīr hrīr dhṛtiḥ siddhir nādakṣe nivasanty uta

Behagliche Trägheit endet im Leid; Tüchtigkeit ist Mühsal, aus der Glück aufsteigt. Gedeihen, Glück, Scham, Standhaftigkeit und Erfolg wohnen fürwahr nicht beim Untüchtigen.

Wort für Wort
sukhaṃ duḥkhāntam ālasyam
Trägheit ist Wohlsein, das im Leid endet (Nom.Sg.n.)
dākṣyaṃ duḥkhaṃ sukhodayam
Tüchtigkeit ist Mühsal, deren Aufgang Glück ist (Nom.Sg.n.)
bhūtiḥ śrīr hrīr dhṛtiḥ siddhiḥ
Gedeihen, Glanz, Scham, Standhaftigkeit, Erfolg (Nom.Sg.f.)
nādakṣe nivasanty uta
nicht im Untüchtigen wohnen sie fürwahr (Lok.Sg.; 3.Pl.Präs.)

Die Kurzsätze sukhaṃ duḥkhāntam ālasyam und dākṣyaṃ duḥkhaṃ sukhodayam sind elliptisch; Wiedergabe sinngemäß ergänzt. hrī kann auch „Bescheidenheit“ heißen.

nālaṃ sukhāya suhṛdo nālaṃ duḥkhāya durhṛdaḥ; na ca prajñālam arthebhyo na sukhebhyo 'py alaṃ dhanam

Freunde vermögen nicht Glück [zu schenken], Feinde nicht Leid; auch Einsicht reicht nicht hin für [den Erwerb von] Gütern, und Reichtum reicht nicht hin für Freuden.

Wort für Wort
nālaṃ sukhāya suhṛdaḥ
nicht vermögen zum Glück die Freunde (Dat.Sg.; Nom.Pl.)
nālaṃ duḥkhāya durhṛdaḥ
nicht vermögen zum Leid die Feinde (Dat.Sg.; Nom.Pl.)
na ca prajñālam arthebhyaḥ
und nicht reicht Einsicht für die Güter (Nom.Sg.; Dat.Pl.)
na sukhebhyo 'py alaṃ dhanam
auch nicht reicht Reichtum für die Genüsse (Dat.Pl.; Nom.Sg.)

yathā sṛṣṭo 'si kaunteya dhātrā karmasu tat kuru; ata eva hi siddhis te neśas tvam ātmanā nṛpa

Wie du, Kaunteya, vom Schöpfer für die Taten erschaffen bist, das tu. Eben darum [hängt] dein Erfolg [daran]; nicht bist du, König, Herr über dich selbst.

Wort für Wort
yathā sṛṣṭo 'si kaunteya
wie du erschaffen bist, Kaunteya (2.Sg.Präs.; Part.Pass.; Vok.Sg.)
dhātrā karmasu tat kuru
vom Schöpfer für die Taten, das tu (Instr.Sg.; Lok.Pl.; Imp.2.Sg.)
ata eva hi siddhis te
eben darum ist dein Erfolg (Nom.Sg.f.; Gen.Sg.)
neśas tvam ātmanā nṛpa
nicht bist du Herr über dich selbst, König (Nom.Sg.; Instr.Sg.; Vok.Sg.)

Die zweite Vershälfte ist knapp; ata eva hi siddhis te ist sinngemäß ergänzt, neśas tvam ātmanā vermutlich na īśaḥ tvam ātmanā.

Dieses Kapitel in der Leseansicht