Kapitel 27: yudhiṣṭhiraśokaḥ prāyopaveśasaṃkalpaś ca
Yudhiṣṭhiras Klage, sein Entschluss zum Fasten und Vyāsas erste Mahnung
Yudhiṣṭhira klagt über die gefallenen Verwandten und Freunde, bezichtigt sich der Schuld an Bhīṣmas, Droṇas und Karṇas Tod und erklärt, sich bis zum Tod aushungern zu wollen. Vyāsa hält ihn zurück und beginnt seine Trostrede mit dem Hinweis auf Vergänglichkeit und Schicksal.
na vimuñcati māṃ śoko jñātighātinam āturam; rājyakāmukam aty ugraṃ svavaṃśocchedakārakam
verlässt mich der Kummer nicht, der ich Verwandte erschlagen habe, gequält bin, nach der Herrschaft begierig, überaus grausam, Zerstörer meines eigenen Geschlechts.
Wort für Wort
na vimuñcati māṃ śokaḥ
nicht lässt mich der Kummer los (3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)
jñātighātinam āturam
den Verwandtenmörder, den Gequälten (Akk.Sg.)
rājyakāmukam aty ugram
den Herrschaftsbegierigen, überaus Grausamen (Akk.Sg.)
svavaṃśocchedakārakam
den Verursacher des Untergangs des eigenen Geschlechts (Akk.Sg.)
den Großvater, den Männerlöwen, hochgewachsen wie einen alten Löwen, von scharfen Pfeilen überschüttet, als ich [ihn] sah, wurde mir der Geist erschüttert.
Wort für Wort
jīrṇaṃ siṃham iva prāṃśum
einem alten, hochgewachsenen Löwen gleich (Akk.Sg.)
narasiṃhaṃ pitāmaham
den Männerlöwen, den Großvater (Akk.Sg.)
kīryamāṇaṃ śarais tīkṣṇaiḥ
mit scharfen Pfeilen überschüttet (Akk.Sg. Part.Pass.; Instr.Pl.)
dṛṣṭvā me vyathitaṃ manaḥ
nachdem ich sah, wurde mein Geist erschüttert (Abs.; Dat./Gen.Sg.; Part.Pass.)
der Flusssohn, der Held, forderte, als in Vārāṇasī die versammelte Fürsten-Kriegerschaft war, um der Jungfrau willen [alle] auf einem einzigen Wagen zum Kampf heraus –
Wort für Wort
sametaṃ pārthivaṃ kṣatram
die versammelte Fürstenkriegerschaft (Akk.Sg. Part.Pass.)
vārāṇasyāṃ nadīsutaḥ
in Vārāṇasī, der Flusssohn (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
kanyārtham āhvayad vīraḥ
um der Jungfrau willen rief er heraus, der Held (Akk.Sg. Adv.; Impf.3.Sg.; Nom.Sg.)
rathenaikena saṃyuge
mit einem einzigen Wagen im Kampf (Instr.Sg.; Lok.Sg.)
Gemeint ist die Brautwahl der Töchter des Königs von Kāśī, bei der Bhīṣma die Jungfrauen entführte.
und durch den der König Ugrāyudha, ein Weltherrscher, schwer zu bezwingen, durch die Glut seiner Waffen verbrannt wurde – der wurde von mir im Kampf zu Tode gebracht.
Wort für Wort
yena cogrāyudho rājā
und durch den König Ugrāyudha (Instr.Sg.; Nom.Sg.)
cakravartī durāsadaḥ
der Weltherrscher, schwer zu bezwingen (Nom.Sg.)
dagdhaḥ śastrapratāpena
wurde verbrannt durch die Glut der Waffen (Part.Pass.; Instr.Sg.)
sa mayā yudhi ghātitaḥ
der wurde von mir im Kampf getötet (Instr.Sg.; Lok.Sg.; Part.Pass.Kaus.)
yadainaṃ patitaṃ bhūmāv apaśyaṃ rudhirokṣitam; tadaivāviśad aty ugro jvaro me munisattama; yena saṃvardhitā bālā yena sma parirakṣitāḥ
Als ich ihn auf der Erde liegen sah, blutbespritzt, da drang sogleich überaus heftiges Fieber in mich, du Bester der Weisen – ihn, durch den wir als Kinder großgezogen und beschützt worden sind.
Wort für Wort
yadainaṃ patitaṃ bhūmau
als ich ihn gefallen auf der Erde (Akk.Sg.; Lok.Sg.)
apaśyaṃ rudhirokṣitam
sah ich, von Blut besprengt (Impf.1.Sg.; Akk.Sg.)
tadaivāviśad aty ugro jvaro me
da drang sogleich überaus heftiges Fieber in mich (Impf.3.Sg.; Nom.Sg.; Gen./Dat.)
munisattama
du Bester der Weisen (Vok.Sg.)
yena saṃvardhitā bālāḥ
durch den wir als Kinder großgezogen wurden (Instr.Sg.; Nom.Pl.)
ācāryaś ca maheṣvāsaḥ sarvapārthivapūjitaḥ; abhigamya raṇe mithyā pāpenoktaḥ sutaṃ prati
Und der Lehrer, der große Bogenschütze, von allen Fürsten verehrt, wurde im Kampf, als ich zu ihm getreten war, von mir Sünder mit Unwahrem angesprochen, [was] seinen Sohn [betraf].
Wort für Wort
ācāryaś ca maheṣvāsaḥ
und der Lehrer, der große Bogenschütze (Nom.Sg.)
sarvapārthivapūjitaḥ
von allen Fürsten verehrt (Nom.Sg. Part.Pass.)
abhigamya raṇe mithyā
nachdem ich [ihn] im Kampf aufgesucht hatte, unwahr (Abs.; Lok.Sg.; Adv.)
pāpenoktaḥ sutaṃ prati
vom Sünder angesprochen, bezüglich des Sohnes (Instr.Sg.; Part.Pass.; Akk.Sg.+Postp.)
tan me dahati gātrāṇi yan māṃ gurur abhāṣata; satyavākyo hi rājaṃs tvaṃ yadi jīvati me sutaḥ; satyaṃ mā marśayan vipro mayi tat paripṛṣṭavān
Das verbrennt mir die Glieder, was der Lehrer zu mir sprach: „Du bist wahrhaftig in der Rede, König – ob mein Sohn lebt?“ Der Brahmane, [mich als] die Wahrheit [sagend erachtend?] [?], befragte mich darüber.
Wort für Wort
tan me dahati gātrāṇi
das verbrennt mir die Glieder (Nom.Sg.n.; Dat./Gen.; Akk.Pl.)
yan māṃ gurur abhāṣata
was der Lehrer zu mir sagte (Impf.3.Sg.Med.)
satyavākyo hi rājaṃs tvam
denn wahrhaftig in der Rede bist du, König (Vok.Sg.)
yadi jīvati me sutaḥ
ob mein Sohn lebt (3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)
satyaṃ mā marśayan vipraḥ
die Wahrheit [?] erwägend, der Brahmane (Part.Präs.Kaus.; Nom.Sg.)
mayi tat paripṛṣṭavān
hat mich darüber befragt (Lok.Sg.; Part.Perf.Akt.)
Die Wendung satyaṃ mā marśayan ist unsicher (mā vermutlich für mām, marśayan zu mṛś oder mṛṣ); Sinn wohl: Droṇa hielt Yudhiṣṭhira für unbedingt wahrhaftig und fragte ihn deshalb.
satyakañcukam āsthāya mayokto gurur āhave; aśvatthāmā hata iti kuñjare vinipātite; kān nu lokān gamiṣyāmi kṛtvā tat karma dāruṇam
Den „Panzer der Wahrheit“ [als Deckung] angelegt, wurde vom mir in der Schlacht zum Lehrer gesagt: „Aśvatthāman ist erschlagen“, als der Elefant gefällt war. In welche Welten werde ich gehen, nachdem ich diese grausame Tat begangen habe?
Wort für Wort
satyakañcukam āsthāya
den Panzer der Wahrheit angelegt/angenommen habend (Akk.Sg.; Abs.)
mayokto gurur āhave
von mir wurde gesagt zum Lehrer in der Schlacht (Instr.Sg.; Part.Pass.; Nom./Akk.; Lok.Sg.)
aśvatthāmā hata iti
„Aśvatthāman ist erschlagen“, so (Nom.Sg.; Part.Pass.)
kuñjare vinipātite
als der Elefant gefällt war (Lok.Sg., Lok. abs.)
kān nu lokān gamiṣyāmi
in welche Welten werde ich wohl gehen (Akk.Pl.; Fut.1.Sg.)
kṛtvā tat karma dāruṇam
nachdem ich diese grausame Tat vollbracht habe (Abs.; Akk.Sg.)
prāyopaviṣṭaṃ jānīdhvam adya māṃ gurughātinam; jātiṣv anyāsv api yathā na bhaveyaṃ kulāntakṛt
Wisst, dass ich mich heute, ich Lehrermörder, zum Fasten bis zum Tode niedergesetzt habe, damit ich in anderen Geburten nicht [wieder] ein Vernichter der Sippe sei.
Wort für Wort
prāyopaviṣṭaṃ jānīdhvam
als zum Todesfasten Niedergesetzten wisst (Akk.Sg. Part.Pass.; Imp.2.Pl.)
adya māṃ gurughātinam
heute mich, den Lehrermörder (Akk.Sg.)
jātiṣv anyāsv api yathā
auch in anderen Geburten, damit (Lok.Pl.)
na bhaveyaṃ kulāntakṛt
nicht möge ich sein ein Sippenvernichter (Opt.1.Sg.; Nom.Sg.)
Vaiśaṃpāyana sprach: Zu dem Pārtha, der so redete, verwirrt vom Kummer um die Verwandten, sagte Vyāsa, der beste der Weisen, ihn zurückhaltend: „Nicht so!“
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf.3.Sg.)
tam evaṃvādinaṃ pārtham
zu ihm, dem so Redenden, dem Pārtha (Akk.Sg.)
bandhuśokena vihvalam
vom Kummer um die Verwandten verstört (Instr.Sg.; Akk.Sg.)
maivam ity abravīd vyāsaḥ
„Nicht so!“, sagte Vyāsa (Impf.3.Sg.; Nom.Sg.)
nigṛhya munisattamaḥ
ihn zurückhaltend, der beste der Weisen (Abs.; Nom.Sg.)
Behagliche Trägheit endet im Leid; Tüchtigkeit ist Mühsal, aus der Glück aufsteigt. Gedeihen, Glück, Scham, Standhaftigkeit und Erfolg wohnen fürwahr nicht beim Untüchtigen.
Wort für Wort
sukhaṃ duḥkhāntam ālasyam
Trägheit ist Wohlsein, das im Leid endet (Nom.Sg.n.)
dākṣyaṃ duḥkhaṃ sukhodayam
Tüchtigkeit ist Mühsal, deren Aufgang Glück ist (Nom.Sg.n.)
bhūtiḥ śrīr hrīr dhṛtiḥ siddhiḥ
Gedeihen, Glanz, Scham, Standhaftigkeit, Erfolg (Nom.Sg.f.)
nādakṣe nivasanty uta
nicht im Untüchtigen wohnen sie fürwahr (Lok.Sg.; 3.Pl.Präs.)
Die Kurzsätze sukhaṃ duḥkhāntam ālasyam und dākṣyaṃ duḥkhaṃ sukhodayam sind elliptisch; Wiedergabe sinngemäß ergänzt. hrī kann auch „Bescheidenheit“ heißen.
nālaṃ sukhāya suhṛdo nālaṃ duḥkhāya durhṛdaḥ; na ca prajñālam arthebhyo na sukhebhyo 'py alaṃ dhanam
Freunde vermögen nicht Glück [zu schenken], Feinde nicht Leid; auch Einsicht reicht nicht hin für [den Erwerb von] Gütern, und Reichtum reicht nicht hin für Freuden.
Wort für Wort
nālaṃ sukhāya suhṛdaḥ
nicht vermögen zum Glück die Freunde (Dat.Sg.; Nom.Pl.)
nālaṃ duḥkhāya durhṛdaḥ
nicht vermögen zum Leid die Feinde (Dat.Sg.; Nom.Pl.)
na ca prajñālam arthebhyaḥ
und nicht reicht Einsicht für die Güter (Nom.Sg.; Dat.Pl.)
na sukhebhyo 'py alaṃ dhanam
auch nicht reicht Reichtum für die Genüsse (Dat.Pl.; Nom.Sg.)
yathā sṛṣṭo 'si kaunteya dhātrā karmasu tat kuru; ata eva hi siddhis te neśas tvam ātmanā nṛpa
Wie du, Kaunteya, vom Schöpfer für die Taten erschaffen bist, das tu. Eben darum [hängt] dein Erfolg [daran]; nicht bist du, König, Herr über dich selbst.
Wort für Wort
yathā sṛṣṭo 'si kaunteya
wie du erschaffen bist, Kaunteya (2.Sg.Präs.; Part.Pass.; Vok.Sg.)
dhātrā karmasu tat kuru
vom Schöpfer für die Taten, das tu (Instr.Sg.; Lok.Pl.; Imp.2.Sg.)
ata eva hi siddhis te
eben darum ist dein Erfolg (Nom.Sg.f.; Gen.Sg.)
neśas tvam ātmanā nṛpa
nicht bist du Herr über dich selbst, König (Nom.Sg.; Instr.Sg.; Vok.Sg.)
Die zweite Vershälfte ist knapp; ata eva hi siddhis te ist sinngemäß ergänzt, neśas tvam ātmanā vermutlich na īśaḥ tvam ātmanā.