Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 72: rājadharmānuśāsanam Der König als Beschützer: Pflichten, Steuern und Lohn des Schutzes

Bhīṣma antwortet Yudhiṣṭhira, wie ein König durch rechte Herrschaft, maßvolle Besteuerung und Schutz der Untertanen frei von Schuld bleibt und großen Lohn erlangt.

yudhiṣṭhira uvāca; kathaṃ rājā prajā rakṣan nādhibandhena yujyate; dharme ca nāparādhnoti tan me brūhi pitāmaha

Yudhiṣṭhira sprach: „Wie wird ein König, der die Untertanen beschützt, nicht von Bindung [an Schuld] befallen und verfehlt sich nicht gegen das Dharma? Das sage mir, Großvater.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
kathaṃ rājā prajā rakṣan
wie ein König, die Untertanen beschützend (Adv./Nom.Sg./Akk.Pl./Part.Präs.)
na adhibandhena yujyate
wird nicht mit Bindung/Fessel verbunden (Instr.Sg./3.Sg.Pass.)
dharme ca na aparādhnoti
und sich gegen das Dharma nicht verfehlt (Lok.Sg./3.Sg.Präs.)
tat me brūhi pitāmaha
das sage mir, Großvater (Akk./Dat.-Gen./Imp.2.Sg./Vok.)

adhibandha: 'Bindung, Fessel, Bedrängnis'; hier als Verstrickung in Schuld/Nachteil gedeutet [?].

bhīṣma uvāca; samāsenaiva te tāta dharmān vakṣyāmi niścitān; vistareṇa hi dharmāṇāṃ na jātv antam avāpnuyāt

Bhīṣma sprach: „Nur in Kürze, mein Lieber, will ich dir die feststehenden Pflichten darlegen; denn in Ausführlichkeit käme man bei den Pflichten niemals an ein Ende.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach
samāsena eva te tāta
nur in Kürze dir, Lieber (Instr.Sg./Dat./Vok.)
dharmān vakṣyāmi niścitān
die Pflichten werde ich sagen, feststehende (Akk.Pl./1.Sg.Fut./Part.Pass.Akk.Pl.)
vistareṇa hi dharmāṇām
denn durch Ausführlichkeit der Pflichten (Instr.Sg./Gen.Pl.)
na jātu antam avāpnuyāt
niemals ein Ende erreichen würde man (Akk.Sg./Opt.3.Sg.)

dharmaniṣṭhāñ śrutavato vedavratasamāhitān; arcitān vāsayethās tvaṃ gṛhe guṇavato dvijān

Die im Dharma Gefestigten, Schriftkundigen, im Vedagelübde Gesammelten, geehrten, tugendhaften Zweimalgeborenen sollst du in deinem Hause wohnen lassen.

Wort für Wort
dharmaniṣṭhān śrutavataḥ
im Dharma Gefestigte, Gelehrte (Akk.Pl.)
vedavratasamāhitān
dem Vedagelübde Hingegebene (Akk.Pl., Kompositum)
arcitān
Geehrte (Part.Pass.Akk.Pl.)
vāsayethāḥ tvam gṛhe
wohnen lassen sollst du im Haus (Opt.Med.2.Sg./Lok.Sg.)
guṇavataḥ dvijān
tugendhafte Zweimalgeborene (Akk.Pl.)

pratyutthāyopasaṃgṛhya caraṇāv abhivādya ca; atha sarvāṇi kurvīthāḥ kāryāṇi sapurohitaḥ

Stehe vor ihnen auf, umfasse ihre Füße und grüße sie; danach magst du alle Geschäfte verrichten, zusammen mit dem Hauspriester.

Wort für Wort
pratyutthāya
aufstehend, entgegen (Absolutiv)
upasaṃgṛhya caraṇau
die Füße umfassend (Absolutiv/Akk.Du.)
abhivādya ca
und begrüßend (Absolutiv)
atha sarvāṇi kurvīthāḥ
danach sollst du alle verrichten (Opt.Med.2.Sg.)
kāryāṇi sapurohitaḥ
Geschäfte, mit dem Purohita (Akk.Pl./Nom.Sg.)

dharmakāryāṇi nirvartya maṅgalāni prayujya ca; brāhmaṇān vācayethās tvam arthasiddhijayāśiṣaḥ

Hast du die Dharma-Handlungen vollzogen und Segensriten angewandt, so lass die Brahmanen Segenswünsche für Erfolg im Nutzen und Sieg sprechen.

Wort für Wort
dharmakāryāṇi nirvartya
die Dharma-Handlungen vollendend (Akk.Pl./Absolutiv)
maṅgalāni prayujya ca
und Glücksriten anwendend (Akk.Pl./Absolutiv)
brāhmaṇān vācayethāḥ tvam
Brahmanen sollst du sprechen lassen (Akk.Pl./Kaus.Opt.2.Sg.)
arthasiddhijayāśiṣaḥ
Segenswünsche für Gelingen des Nutzens und Sieg (Akk.Pl., Kompositum)

ārjavena ca saṃpanno dhṛtyā buddhyā ca bhārata; arthārthaṃ parigṛhṇīyāt kāmakrodhau ca varjayet

Mit Geradheit ausgestattet, mit Standhaftigkeit und Einsicht, Bhārata, sollst du [Reichtum] um des Nutzens willen an dich nehmen und Begierde und Zorn meiden.

Wort für Wort
ārjavena ca saṃpannaḥ
und mit Geradheit ausgestattet (Instr.Sg./Part.Nom.Sg.)
dhṛtyā buddhyā ca bhārata
mit Standhaftigkeit und Einsicht, Bhārata (Instr.Sg./Vok.)
arthārthaṃ parigṛhṇīyāt
um des Nutzens willen ergreifen soll er (Adv./Opt.3.Sg.)
kāmakrodhau ca varjayet
und Begierde und Zorn meiden soll er (Akk.Du./Opt.3.Sg.)

'arthārtham' evtl. auch 'um des Reichtums willen'.

kāmakrodhau puraskṛtya yo 'rthaṃ rājānutiṣṭhati; na sa dharmaṃ na cāpy arthaṃ parigṛhṇāti bāliśaḥ

Wer, o König, Begierde und Zorn voranstellend einem Vorhaben nachgeht, der erlangt weder Dharma noch Nutzen; er ist töricht.

Wort für Wort
kāmakrodhau puraskṛtya
Begierde und Zorn voranstellend (Akk.Du./Absolutiv)
yaḥ artham rāja anutiṣṭhati
wer dem Nutzen, König, nachgeht (Nom./Akk./Vok./3.Sg.)
na sa dharmaṃ na ca api artham
der weder Dharma noch auch Nutzen (Akk.Sg.)
parigṛhṇāti bāliśaḥ
erlangt, ein Tor (3.Sg.Präs./Nom.Sg.)

mā sma lubdhāṃś ca mūrkhāṃś ca kāme cārtheṣu yūyujaḥ; alubdhān buddhisaṃpannān sarvakarmasu yojayet

Setze nicht Habgierige und Dumme in Begierde und Angelegenheiten ein; Nicht-Habgierige, mit Einsicht Begabte soll er zu allen Geschäften einsetzen.

Wort für Wort
mā sma lubdhān ca mūrkhān ca
nicht Habgierige und Dumme (Akk.Pl.)
kāme ca artheṣu
in Begierde und in Angelegenheiten [?] (Lok.Sg./Lok.Pl.)
yūyujaḥ
du sollst einsetzen (Aor.Inj.Kaus./2.Sg.)
alubdhān buddhisaṃpannān
Nicht-Habgierige, mit Verstand Ausgestattete (Akk.Pl.)
sarvakarmasu yojayet
zu allen Geschäften einsetzen soll er (Lok.Pl./Opt.Kaus.3.Sg.)

kāme cārtheṣu: Lesart unsicher (evtl. 'kāmārtheṣu'); Wiedergabe unter Vorbehalt.

mūrkho hy adhikṛto 'rtheṣu kāryāṇām aviśāradaḥ; prajāḥ kliśnāty ayogena kāmadveṣasamanvitaḥ

Denn ein Dummer, der mit Angelegenheiten betraut ist, in Geschäften unkundig, plagt die Untertanen durch falsche Anwendung, von Begierde und Hass erfüllt.

Wort für Wort
mūrkhaḥ hi adhikṛtaḥ artheṣu
denn ein Dummer, in Angelegenheiten eingesetzt (Nom.Sg./Part.Pass./Lok.Pl.)
kāryāṇām aviśāradaḥ
in Geschäften unkundig (Gen.Pl./Nom.Sg.)
prajāḥ kliśnāti
die Untertanen quält er (Akk.Pl./3.Sg.Präs.)
ayogena
durch Unfähigkeit/Fehlgriff (Instr.Sg.)
kāmadveṣasamanvitaḥ
mit Begierde und Hass behaftet (Nom.Sg.)

baliṣaṣṭhena śulkena daṇḍenāthāparādhinām; śāstranītena lipsethā vetanena dhanāgamam

Mit der Abgabe, deren sechster Teil [der Ertrag] ist, mit Zoll, mit Strafen für Übeltäter und, nach den Lehrbüchern der Staatskunst, mit Lohn sollst du Einkünfte zu erlangen suchen.

Wort für Wort
baliṣaṣṭhena śulkena
mit Abgabe, deren Sechstes [der Ertrag] ist, und Zoll (Instr.Sg.)
daṇḍena atha aparādhinām
mit Buße, ferner der Schuldigen (Instr.Sg./Gen.Pl.)
śāstranītena
nach der Lehre der Staatskunst geleitet (Instr.Sg.)
lipsethāḥ vetanena
du sollst zu erlangen suchen, durch Lohn (Desid.Opt.Med.2.Sg./Instr.Sg.)
dhanāgamam
Zufluss von Vermögen (Akk.Sg.)

vetanena: 'durch Lohn/Entgelt' (etwa für Dienstleistungen); Sinn unsicher [?].

dāpayitvā karaṃ dharmyaṃ rāṣṭraṃ nityaṃ yathāvidhi; aśeṣān kalpayed rājā yogakṣemān atandritaḥ

Hat der König die rechtmäßige Steuer im Reich stets ordnungsgemäß erheben lassen, so soll er unermüdlich für alle [Untertanen] Erwerb und Wahrung des Besitzes sichern.

Wort für Wort
dāpayitvā karaṃ dharmyam
erheben lassend die rechtmäßige Steuer (Absolutiv Kaus./Akk.Sg.)
rāṣṭraṃ nityaṃ yathāvidhi
im Reich stets nach Vorschrift (Akk./Lok. Sg.)
aśeṣān kalpayet rājā
alle ohne Rest soll einrichten der König (Akk.Pl./Opt.3.Sg./Nom.)
yogakṣemān atandritaḥ
Erwerb und Bewahrung (Akk.Pl.), unermüdlich (Nom.Sg.)

Syntax von 'rāṣṭram' und 'aśeṣān' knapp; Wiedergabe sinngemäß.

gopāyitāraṃ dātāraṃ dharmanityam atandritam; akāmadveṣasaṃyuktam anurajyanti mānavāḥ

Den Beschützer, den Geber, den im Dharma Beständigen, den Unermüdlichen, den frei von Begierde und Hass Seienden, ihm sind die Menschen zugetan.

Wort für Wort
gopāyitāraṃ dātāram
den Beschützer, den Geber (Akk.Sg.)
dharmanityam atandritam
den im Dharma Beständigen, Unermüdlichen (Akk.Sg.)
akāmadveṣasaṃyuktam
den frei von Begierde und Hass Seienden (Akk.Sg.)
anurajyanti mānavāḥ
werden ihm zugetan die Menschen (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)

mā smādharmeṇa lābhena lipsethās tvaṃ dhanāgamam; dharmārthāv adhruvau tasya yo 'paśāstraparo bhavet

Suche nicht Zufluss von Vermögen durch ungerechten Gewinn; wessen Dharma und Nutzen sind unbeständig, der auf falsche Lehren aus ist.

Wort für Wort
mā sma adharmeṇa lābhena
nicht durch Adharma, durch Gewinn (Instr.Sg.)
lipsethāḥ tvaṃ dhanāgamam
sollst du zu erlangen suchen, Vermögenszufluss (Opt.2.Sg./Akk.)
dharmārthau adhruvau tasya
Dharma und Nutzen unbeständig ihm (Nom.Du./Gen.Sg.)
yaḥ apaśāstraparaḥ bhavet
der auf schlechte Lehre bedacht sein sollte (Nom.Sg./Opt.3.Sg.)

apaśāstraparo rājā saṃcayān nādhigacchati; asthāne cāsya tad vittaṃ sarvam eva vinaśyati

Ein König, der auf falsche Lehren aus ist, kommt nicht zu Ansammlung; und dieses sein Vermögen geht am falschen Ort gänzlich zugrunde.

Wort für Wort
apaśāstraparaḥ rājā
der König, auf falsche Lehre bedacht (Nom.Sg.)
saṃcayāt na adhigacchati
zu Ansammlung gelangt nicht (Abl.Sg./3.Sg.Präs.)
asthāne ca asya
und am unpassenden Ort, ihm (Lok.Sg./Gen.Sg.)
tat vittam sarvam eva vinaśyati
dieses Vermögen ganz und gar geht zugrunde (Nom.Sg./3.Sg.Präs.)

'saṃcayān nādhigacchati': Sinn 'kommt nicht zum Sammeln/Aufhäufen'; [?]

arthamūlo 'pahiṃsāṃ ca kurute svayam ātmanaḥ; karair aśāstradṛṣṭair hi mohāt saṃpīḍayan prajāḥ

Wer den Reichtum zur Wurzel hat, fügt sich selbst Schaden zu, wenn er aus Verblendung durch Abgaben, die in den Lehrbüchern nicht vorgesehen sind, die Untertanen bedrückt.

Wort für Wort
arthamūlaḥ
den Reichtum zur Wurzel habend (Nom.Sg.)
apahiṃsāṃ ca kurute svayam ātmanaḥ
und Schädigung fügt zu sich selbst (Akk.Sg./3.Sg.Med./Gen.Sg.)
karaiḥ aśāstradṛṣṭaiḥ hi
durch Abgaben, nicht in der Lehre gesehene (Instr.Pl.)
mohāt saṃpīḍayan prajāḥ
aus Verblendung bedrückend die Untertanen (Abl.Sg./Part.Präs.Kaus./Akk.Pl.)

ūdhaś chindyād dhi yo dhenvāḥ kṣīrārthī na labhet payaḥ

Wer der Kuh das Euter abschneidet, obwohl er Milch begehrt, erhält keine Milch.

Wort für Wort
ūdhaḥ chindyāt hi
das Euter abschneiden würde, der (Akk.Sg./Opt.3.Sg.)
yaḥ dhenvāḥ
wer der Milchkuh (Nom./Gen.Sg.)
kṣīrārthī
Milch begehrend (Nom.Sg.)
na labhet payaḥ
erhielte keine Milch (Opt.3.Sg./Akk.Sg.)

yo hi pakvaṃ drumaṃ chidya labhate na punaḥ phalam

Wer einen reifen Baum fällt, erhält nicht wieder Frucht.

Wort für Wort
yaḥ hi pakvaṃ drumam
wer einen reifen Baum (Nom./Akk.Sg.)
chidya
abschneidend/fällend (Absolutiv)
labhate na punaḥ phalam
erhält nicht wieder Frucht (3.Sg.Präs./Adv./Akk.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (*0174) der kritischen Ausgabe; 'chidya' für 'chittvā'.

evaṃ rāṣṭram ayogena pīḍitaṃ na vivardhate

So gedeiht ein Reich, das durch falsche Anwendung bedrückt wird, nicht.

Wort für Wort
evam rāṣṭram
so ein Reich (Adv./Nom.Sg.)
ayogena pīḍitam
durch Fehlgriff bedrückt (Instr.Sg./Part.Pass.)
na vivardhate
gedeiht nicht (3.Sg.Präs.Med.)

yavasodakam ādāya sāntvena vinayena ca

[Er soll] Gras und Wasser [bereitstellen] und dabei mit Beschwichtigung und Bescheidenheit [vorgehen].

Wort für Wort
yavasa udakam ādāya
Gras und Wasser nehmend/bereitstellend (Akk.Sg./Absolutiv)
sāntvena
mit Besänftigung (Instr.Sg.)
vinayena ca
und mit Zucht/Bescheidenheit (Instr.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (*0175); Satzbruch, Ergänzung sinngemäß [Anm.: Fortsetzung unklar]. 'yavasodakam ādāya' evtl. 'Futter und Wasser nehmend' [?].

yo hi dogdhrīm upāste tu sa nityaṃ labhate payaḥ; evaṃ rāṣṭram upāyena bhuñjāno labhate phalam

Denn wer der Milchkuh aufwartet, erhält stets Milch; ebenso erlangt, wer das Reich mit dem rechten Mittel genießt, Frucht.

Wort für Wort
yaḥ hi dogdhrīm upāste tu
wer aber die Milchkuh pflegt (Nom./Akk.Sg./3.Sg.Med.)
sa nityaṃ labhate payaḥ
der erhält stets Milch (Adv./3.Sg./Akk.)
evaṃ rāṣṭram upāyena
so das Reich durch das rechte Mittel (Adv./Akk./Instr.Sg.)
bhuñjānaḥ labhate phalam
genießend, erlangt Frucht (Part.Med.Nom./3.Sg./Akk.)

atha rāṣṭram upāyena bhujyamānaṃ surakṣitam; janayaty atulāṃ nityaṃ kośavṛddhiṃ yudhiṣṭhira

Bringt aber ein Reich, das mit dem rechten Mittel genutzt und gut geschützt wird, stets unvergleichliche Mehrung des Schatzes hervor, Yudhiṣṭhira.

Wort für Wort
atha rāṣṭram upāyena
ferner das Reich mit dem rechten Mittel (Nom./Instr.Sg.)
bhujyamānaṃ surakṣitam
genutzt, gut geschützt (Part.Pass.Nom.Sg.)
janayati atulām nityam
erzeugt unvergleichliche stets (3.Sg.Kaus./Akk.Sg.f./Adv.)
kośavṛddhiṃ yudhiṣṭhira
Mehrung des Schatzes, Yudhiṣṭhira (Akk.Sg./Vok.)

dogdhi dhānyaṃ hiraṇyaṃ ca prajā rājñi surakṣitā; nityaṃ svebhyaḥ parebhyaś ca tṛptā mātā yathā payaḥ

Gut geschützte Untertanen melken für den König Getreide und Gold, wie eine Mutter Milch, [und sind] stets satt, sowohl von den eigenen Leuten als auch von Fremden.

Wort für Wort
dogdhi dhānyaṃ hiraṇyaṃ ca
melkt Getreide und Gold (3.Sg.Präs./Akk.)
prajā rājñi surakṣitā
die Untertanen, für den König, gut geschützt (Nom.Sg.kollektiv/Lok./Dat.Sg./Part.Pass.)
nityaṃ svebhyaḥ parebhyaḥ ca
stets von Eigenen und von Fremden (Abl.Pl.)
tṛptā mātā yathā payaḥ
gesättigt, wie eine Mutter Milch (Part.Pass.Nom.Sg.f./Nom./Adv./Akk.)

Lesart: 'tṛptā mātā yathā payaḥ' syntaktisch knapp; [?].

mālākāropamo rājan bhava māṅgārikopamaḥ; tathā yuktaś ciraṃ rāṣṭraṃ bhoktuṃ śakyasi pālayan

Sei, o König, wie ein Kranzwinder, nicht wie ein Köhler; so gerüstet kannst du das Reich lange genießen, während du es hütest.

Wort für Wort
mālākāropamaḥ rājan bhava
wie ein Blumengirlandenflechter, o König, sei (Nom.Sg./Vok./Imp.2.Sg.)
mā aṅgārikopamaḥ
nicht wie ein Köhler (Nom.Sg.)
tathā yuktaḥ ciram
so ausgestattet, lange (Part.Nom./Adv.)
rāṣṭraṃ bhoktuṃ śakyasi pālayan
das Reich zu genießen vermagst du, hütend (Akk./Inf./2.Sg./Part.Präs.)

paracakrābhiyānena yadi te syād dhanakṣayaḥ; atha sāmnaiva lipsethā dhanam abrāhmaṇeṣu yat

Wenn dir durch den Angriff eines feindlichen Heeres ein Verlust an Vermögen entstünde, dann suche das Vermögen auf gütlichem Wege zu erlangen, das sich bei Nicht-Brahmanen befindet.

Wort für Wort
paracakrābhiyānena
durch den Angriff eines fremden Heeres (Instr.Sg.)
yadi te syāt dhanakṣayaḥ
wenn dir sein sollte Vermögensverlust (Dat.-Gen./Opt.3.Sg./Nom.Sg.)
atha sāmnā eva lipsethāḥ
dann nur durch gütliche Mittel erstreben sollst du (Instr.Sg./Opt.2.Sg.)
dhanam abrāhmaṇeṣu yat
das Vermögen, das bei Nicht-Brahmanen ist (Akk./Lok.Pl./Rel.)

mā sma te brāhmaṇaṃ dṛṣṭvā dhanasthaṃ pracalen manaḥ; antyāyām apy avasthāyāṃ kim u sphītasya bhārata

Dein Sinn soll nicht schwanken, wenn du einen Brahmanen im Besitz von Vermögen siehst; selbst im äußersten Notstand [nicht], um wie viel weniger bei [einem] Wohlhabenden, Bhārata.

Wort für Wort
mā sma te brāhmaṇam dṛṣṭvā
nicht dir, einen Brahmanen sehend (Dat.-Gen./Akk./Absolutiv)
dhanasthaṃ pracalet manaḥ
im Besitz von Vermögen befindlich, schwanken soll der Sinn (Akk.Sg./Opt.3.Sg./Nom.)
antyāyām api avasthāyām
selbst im äußersten Zustand (Lok.Sg.f.)
kim u sphītasya bhārata
wie viel eher bei Wohlhabendem, Bhārata (Gen.Sg./Vok.)

'sphītasya' evtl. auch 'des Blühenden, Reichen' [?] (Reich des Königs oder Wohlstand des Brahmanen).

dhanāni tebhyo dadyās tvaṃ yathāśakti yathārhataḥ; sāntvayan parirakṣaṃś ca svargam āpsyasi durjayam

Gib ihnen Vermögen nach Kräften und nach Würdigkeit; indem du [sie] beschwichtigst und beschützt, wirst du den schwer zu besiegenden Himmel erlangen.

Wort für Wort
dhanāni tebhyaḥ dadyāḥ tvam
Vermögen ihnen sollst du geben (Akk.Pl./Dat.Pl./Opt.2.Sg.)
yathāśakti yathārhataḥ
nach Kraft, nach Würdigkeit (Adv.)
sāntvayan parirakṣan ca
besänftigend und schützend (Part.Präs.)
svargam āpsyasi durjayam
den Himmel wirst du erlangen, schwer besiegbar (Akk./2.Sg.Fut./Akk.)

evaṃ dharmeṇa vṛttena prajās tvaṃ paripālayan; svantaṃ puṇyaṃ yaśovantaṃ prāpsyase kurunandana

Wenn du so gemäß dem Dharma und Wandel die Untertanen beschützt, wirst du ein gutes Ende, Verdienst und Ruhm erlangen, Freude der Kurus.

Wort für Wort
evaṃ dharmeṇa vṛttena
so durch Dharma, durch [rechten] Wandel (Instr.Sg.)
prajāḥ tvaṃ paripālayan
die Untertanen du schützend (Akk.Pl./Part.Präs.)
svantaṃ puṇyaṃ yaśovantam
gutes Ende, Verdienst, ruhmvoll (Akk.Sg.)
prāpsyase kurunandana
wirst erlangen, Kurusprössling (2.Sg.Fut.Med./Vok.)

dharmeṇa vyavahāreṇa prajāḥ pālaya pāṇḍava; yudhiṣṭhira tathā yukto nādhibandhena yokṣyase

Beschütze die Untertanen gemäß Dharma und Rechtsverfahren, Pāṇḍava; so gerüstet wirst du, Yudhiṣṭhira, nicht von Bindung befallen werden.

Wort für Wort
dharmeṇa vyavahāreṇa
mit Dharma, mit Rechtsverfahren (Instr.Sg.)
prajāḥ pālaya pāṇḍava
die Untertanen beschütze, Pāṇḍava (Akk.Pl./Imp.2.Sg./Vok.)
yudhiṣṭhira tathā yuktaḥ
Yudhiṣṭhira, so gerüstet (Vok./Adv./Part.Nom.Sg.)
na adhibandhena yokṣyase
nicht mit Bindung wirst du verbunden (Instr.Sg./2.Sg.Fut.Med.)

eṣa eva paro dharmo yad rājā rakṣate prajāḥ; bhūtānāṃ hi yathā dharme rakṣaṇaṃ ca parā dayā

Dies eben ist die höchste Pflicht, dass der König die Untertanen schützt; und wie im Dharma der Wesen, so ist der Schutz höchstes Mitgefühl.

Wort für Wort
eṣaḥ eva paraḥ dharmaḥ
dies eben ist höchste Pflicht (Nom.Sg.)
yat rājā rakṣate prajāḥ
dass der König schützt die Untertanen (Konj./Nom./3.Sg.Med./Akk.Pl.)
bhūtānāṃ hi yathā dharme
denn der Wesen, wie im Dharma (Gen.Pl./Adv./Lok.Sg.)
rakṣaṇaṃ ca parā dayā
und Schutz ist höchstes Mitleid (Nom.Sg./Nom.Sg.f.)

Zweiter Halbvers syntaktisch schwierig; Wiedergabe unter Vorbehalt [?].

iha loke sukhaṃ prāpya paratra ca mahītale; evaṃ tebhyaḥ paracceto (sic) brāhmaṇebhyo yathāvidhi; sattvena paribhogāya svargaṃ jeṣyasi durjayam

Nachdem du Glück in dieser Welt und im Jenseits auf Erden erlangt hast, [wirst du] so, wenn du jenen Brahmanen ordnungsgemäß [gibst], aus Wahrhaftigkeit zum Genuss den schwer zu besiegenden Himmel gewinnen.

Wort für Wort
iha loke sukhaṃ prāpya
in dieser Welt Glück erlangt habend (Lok./Akk./Absolutiv)
paratra ca mahītale
und im Jenseits auf der Erde (Adv./Lok.)
evaṃ tebhyaḥ paracceto
so ihnen, [?] (Adv./Dat.Pl.)
brāhmaṇebhyaḥ yathāvidhi
den Brahmanen nach Vorschrift (Dat.Pl./Adv.)
sattvena paribhogāya
durch Wesensgüte, zum Genuss (Instr.Sg./Dat.Sg.)
svargaṃ jeṣyasi durjayam
den Himmel wirst du gewinnen, schwer besiegbar (Akk./2.Sg.Fut./Akk.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (*0176); 'paracceto (sic)' verderbt, Wiedergabe unsicher [Anm.: Text verderbt].

tasmād evaṃ paraṃ dharmaṃ manyante dharmakovidāḥ; yad rājā rakṣaṇe yukto bhūteṣu kurute dayām

Deshalb halten die Dharmakundigen dies für die höchste Pflicht: dass der König, dem Schutz ergeben, Mitgefühl gegenüber den Wesen übt.

Wort für Wort
tasmāt evaṃ paraṃ dharmam
deshalb so höchste Pflicht (Abl./Adv./Akk.Sg.)
manyante dharmakovidāḥ
halten (dafür) die Dharmakundigen (3.Pl.Präs.Med./Nom.Pl.)
yat rājā rakṣaṇe yuktaḥ
dass der König, im Schutz eingesetzt (Konj./Nom./Lok.Sg./Part.)
bhūteṣu kurute dayām
gegenüber Wesen übt Mitgefühl (Lok.Pl./3.Sg.Med./Akk.Sg.)

yad ahnā kurute pāpam arakṣan bhayataḥ prajāḥ; rājā varṣasahasreṇa tasyāntam adhigacchati

Das Übel, das ein König an einem Tag begeht, indem er die Untertanen aus Furcht nicht beschützt, dessen Ende erreicht er erst nach tausend Jahren.

Wort für Wort
yat ahnā kurute pāpam
was an einem Tag er begeht an Übel (Rel./Instr.Sg./3.Sg.Med./Akk.)
arakṣan bhayataḥ prajāḥ
nicht schützend aus Furcht die Untertanen (Part.Präs./Adv./Akk.Pl.)
rājā varṣasahasreṇa
der König, nach tausend Jahren (Nom./Instr.Sg.)
tasya antam adhigacchati
dessen Ende erreicht er (Gen./Akk./3.Sg.)

'bhayataḥ' evtl. 'aus Furcht' oder 'aus Gefahr'; Sinn [?].

yad ahnā kurute puṇyaṃ prajā dharmeṇa pālayan; daśa varṣasahasrāṇi tasya bhuṅkte phalaṃ divi

Das Verdienst, das er an einem Tag erwirbt, indem er die Untertanen gemäß dem Dharma beschützt, dessen Frucht genießt er zehntausend Jahre im Himmel.

Wort für Wort
yat ahnā kurute puṇyam
was an einem Tag er tut an Verdienst (Rel./Instr.Sg./Akk.)
prajā dharmeṇa pālayan
die Untertanen dem Dharma gemäß hütend (Akk.Pl./Instr.Sg./Part.Präs.)
daśa varṣasahasrāṇi
zehn Tausend Jahre (Akk.Pl.)
tasya bhuṅkte phalaṃ divi
dessen genießt er die Frucht im Himmel (Gen./3.Sg.Med./Akk./Lok.)

yadā na kurute dharmaṃ rājā bhūtāni pālayan; prajāpuṇyaṃ caturbhāgaṃ tadā na prāpnuyān nṛpaḥ

Wenn der König, während er die Wesen hütet, das Dharma nicht übt, dann erlangt er, der Herrscher, ein Viertel des Verdienstes der Untertanen nicht.

Wort für Wort
yadā na kurute dharmam
wenn er nicht übt Dharma (Adv./3.Sg.Med./Akk.)
rājā bhūtāni pālayan
der König, die Wesen hütend (Nom./Akk.Pl./Part.Präs.)
prajāpuṇyaṃ caturbhāgam
das Verdienst der Untertanen, ein Viertel (Akk.Sg.)
tadā na prāpnuyāt nṛpaḥ
dann erlangt nicht der Fürst (Adv./Opt.3.Sg./Nom.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (*0177); Sinn unsicher [?] (ob 'ein Viertel' als Anteil des Königs am Verdienst der Untertanen).

sviṣṭiḥ svadhītiḥ sutapā lokāñ jayati yāvataḥ; kṣaṇena tān avāpnoti prajā dharmeṇa pālayan

So viele Welten, wie einer durch Opfer, durch Studium und durch gute Askese gewinnt, die erlangt er im Augenblick, wenn er die Untertanen dem Dharma gemäß beschützt.

Wort für Wort
sviṣṭiḥ svadhītiḥ sutapā
gutes Opfer, gutes Studium, gute Askese (Nom.Sg.)
lokān jayati yāvataḥ
Welten gewinnt, so viele (Akk.Pl./3.Sg.Präs./Akk.Pl.)
kṣaṇena tān avāpnoti
in einem Augenblick diese erlangt er (Instr.Sg./Akk.Pl./3.Sg.)
prajā dharmeṇa pālayan
die Untertanen dem Dharma gemäß hütend (Akk.Pl./Instr./Part.Präs.)

Der erste Halbvers verlangt ein Subjekt 'wer' [Anm.: sinngemäß ergänzt]; Nominative als 'durch' gedeutet.

evaṃ dharmaṃ prayatnena kaunteya paripālayan; iha puṇyaphalaṃ labdhvā nādhibandhena yokṣyase

So wirst du, Sohn der Kuntī, das Dharma mit Eifer hütend, hier die Frucht des Verdienstes erlangen und nicht von Bindung befallen werden.

Wort für Wort
evaṃ dharmaṃ prayatnena
so das Dharma mit Eifer (Adv./Akk./Instr.Sg.)
kaunteya paripālayan
Kuntī-Sohn, hütend (Vok./Part.Präs.)
iha puṇyaphalaṃ labdhvā
hier die Verdienstfrucht erlangt habend (Adv./Akk./Absolutiv)
na adhibandhena yokṣyase
nicht mit Bindung wirst du verbunden (Instr./2.Sg.Fut.Med.)

svargaloke ca mahatīṃ śriyaṃ prāpsyasi pāṇḍava; asaṃbhavaś ca dharmāṇām īdṛśānām arājasu; tasmād rājaiva nānyo 'sti yo mahat phalam āpnuyāt

Und im Himmelsreich wirst du große Herrlichkeit erlangen, Pāṇḍava. Bei Nicht-Königen ist das Zustandekommen solcher Pflichten unmöglich; daher gibt es nur den König und keinen anderen, der große Frucht erlangen könnte.

Wort für Wort
svargaloke ca mahatīṃ śriyam
und in der Himmelswelt große Herrlichkeit (Lok./Akk.Sg.f.)
prāpsyasi pāṇḍava
wirst erlangen, Pāṇḍava (2.Sg.Fut./Vok.)
asaṃbhavaḥ ca dharmāṇām
und Unmöglichkeit der Pflichten (Nom.Sg./Gen.Pl.)
īdṛśānām arājasu
solcher, bei Nicht-Königen (Gen.Pl./Lok.Pl.)
tasmāt rājā eva na anyaḥ asti
daher nur der König, kein anderer ist (Abl./Nom./Nom./3.Sg.)
yaḥ mahat phalam āpnuyāt
der große Frucht erlangen könnte (Rel./Akk./Opt.3.Sg.)

sa rājyam ṛddhimat prāpya dharmeṇa paripālayan; indraṃ tarpaya somena kāmaiś ca suhṛdo janān

Wenn du ein blühendes Reich erlangt hast und es dem Dharma gemäß beschützt, erfreue Indra mit Soma und die Freunde und Leute mit Wünschen.

Wort für Wort
sa rājyam ṛddhimat prāpya
er/du, ein blühendes Reich erlangt habend (Nom./Akk.Sg./Absolutiv)
dharmeṇa paripālayan
dem Dharma gemäß hütend (Instr./Part.Präs.)
indraṃ tarpaya somena
Indra erfreue mit Soma (Akk./Imp.2.Sg./Instr.)
kāmaiḥ ca suhṛdaḥ janān
und mit Wünschen die Freunde, die Leute (Instr.Pl./Akk.Pl.)

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