Kapitel 72: rājadharmānuśāsanam
Der König als Beschützer: Pflichten, Steuern und Lohn des Schutzes
Bhīṣma antwortet Yudhiṣṭhira, wie ein König durch rechte Herrschaft, maßvolle Besteuerung und Schutz der Untertanen frei von Schuld bleibt und großen Lohn erlangt.
yudhiṣṭhira uvāca; kathaṃ rājā prajā rakṣan nādhibandhena yujyate; dharme ca nāparādhnoti tan me brūhi pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Wie wird ein König, der die Untertanen beschützt, nicht von Bindung [an Schuld] befallen und verfehlt sich nicht gegen das Dharma? Das sage mir, Großvater.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
kathaṃ rājā prajā rakṣan
wie ein König, die Untertanen beschützend (Adv./Nom.Sg./Akk.Pl./Part.Präs.)
na adhibandhena yujyate
wird nicht mit Bindung/Fessel verbunden (Instr.Sg./3.Sg.Pass.)
dharme ca na aparādhnoti
und sich gegen das Dharma nicht verfehlt (Lok.Sg./3.Sg.Präs.)
tat me brūhi pitāmaha
das sage mir, Großvater (Akk./Dat.-Gen./Imp.2.Sg./Vok.)
adhibandha: 'Bindung, Fessel, Bedrängnis'; hier als Verstrickung in Schuld/Nachteil gedeutet [?].
bhīṣma uvāca; samāsenaiva te tāta dharmān vakṣyāmi niścitān; vistareṇa hi dharmāṇāṃ na jātv antam avāpnuyāt
Bhīṣma sprach: „Nur in Kürze, mein Lieber, will ich dir die feststehenden Pflichten darlegen; denn in Ausführlichkeit käme man bei den Pflichten niemals an ein Ende.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach
samāsena eva te tāta
nur in Kürze dir, Lieber (Instr.Sg./Dat./Vok.)
dharmān vakṣyāmi niścitān
die Pflichten werde ich sagen, feststehende (Akk.Pl./1.Sg.Fut./Part.Pass.Akk.Pl.)
vistareṇa hi dharmāṇām
denn durch Ausführlichkeit der Pflichten (Instr.Sg./Gen.Pl.)
na jātu antam avāpnuyāt
niemals ein Ende erreichen würde man (Akk.Sg./Opt.3.Sg.)
Die im Dharma Gefestigten, Schriftkundigen, im Vedagelübde Gesammelten, geehrten, tugendhaften Zweimalgeborenen sollst du in deinem Hause wohnen lassen.
Wort für Wort
dharmaniṣṭhān śrutavataḥ
im Dharma Gefestigte, Gelehrte (Akk.Pl.)
vedavratasamāhitān
dem Vedagelübde Hingegebene (Akk.Pl., Kompositum)
arcitān
Geehrte (Part.Pass.Akk.Pl.)
vāsayethāḥ tvam gṛhe
wohnen lassen sollst du im Haus (Opt.Med.2.Sg./Lok.Sg.)
ārjavena ca saṃpanno dhṛtyā buddhyā ca bhārata; arthārthaṃ parigṛhṇīyāt kāmakrodhau ca varjayet
Mit Geradheit ausgestattet, mit Standhaftigkeit und Einsicht, Bhārata, sollst du [Reichtum] um des Nutzens willen an dich nehmen und Begierde und Zorn meiden.
Wort für Wort
ārjavena ca saṃpannaḥ
und mit Geradheit ausgestattet (Instr.Sg./Part.Nom.Sg.)
dhṛtyā buddhyā ca bhārata
mit Standhaftigkeit und Einsicht, Bhārata (Instr.Sg./Vok.)
arthārthaṃ parigṛhṇīyāt
um des Nutzens willen ergreifen soll er (Adv./Opt.3.Sg.)
kāmakrodhau ca varjayet
und Begierde und Zorn meiden soll er (Akk.Du./Opt.3.Sg.)
'arthārtham' evtl. auch 'um des Reichtums willen'.
mūrkho hy adhikṛto 'rtheṣu kāryāṇām aviśāradaḥ; prajāḥ kliśnāty ayogena kāmadveṣasamanvitaḥ
Denn ein Dummer, der mit Angelegenheiten betraut ist, in Geschäften unkundig, plagt die Untertanen durch falsche Anwendung, von Begierde und Hass erfüllt.
Wort für Wort
mūrkhaḥ hi adhikṛtaḥ artheṣu
denn ein Dummer, in Angelegenheiten eingesetzt (Nom.Sg./Part.Pass./Lok.Pl.)
Mit der Abgabe, deren sechster Teil [der Ertrag] ist, mit Zoll, mit Strafen für Übeltäter und, nach den Lehrbüchern der Staatskunst, mit Lohn sollst du Einkünfte zu erlangen suchen.
Wort für Wort
baliṣaṣṭhena śulkena
mit Abgabe, deren Sechstes [der Ertrag] ist, und Zoll (Instr.Sg.)
daṇḍena atha aparādhinām
mit Buße, ferner der Schuldigen (Instr.Sg./Gen.Pl.)
śāstranītena
nach der Lehre der Staatskunst geleitet (Instr.Sg.)
lipsethāḥ vetanena
du sollst zu erlangen suchen, durch Lohn (Desid.Opt.Med.2.Sg./Instr.Sg.)
dhanāgamam
Zufluss von Vermögen (Akk.Sg.)
vetanena: 'durch Lohn/Entgelt' (etwa für Dienstleistungen); Sinn unsicher [?].
Hat der König die rechtmäßige Steuer im Reich stets ordnungsgemäß erheben lassen, so soll er unermüdlich für alle [Untertanen] Erwerb und Wahrung des Besitzes sichern.
Wort für Wort
dāpayitvā karaṃ dharmyam
erheben lassend die rechtmäßige Steuer (Absolutiv Kaus./Akk.Sg.)
rāṣṭraṃ nityaṃ yathāvidhi
im Reich stets nach Vorschrift (Akk./Lok. Sg.)
aśeṣān kalpayet rājā
alle ohne Rest soll einrichten der König (Akk.Pl./Opt.3.Sg./Nom.)
yogakṣemān atandritaḥ
Erwerb und Bewahrung (Akk.Pl.), unermüdlich (Nom.Sg.)
Syntax von 'rāṣṭram' und 'aśeṣān' knapp; Wiedergabe sinngemäß.
arthamūlo 'pahiṃsāṃ ca kurute svayam ātmanaḥ; karair aśāstradṛṣṭair hi mohāt saṃpīḍayan prajāḥ
Wer den Reichtum zur Wurzel hat, fügt sich selbst Schaden zu, wenn er aus Verblendung durch Abgaben, die in den Lehrbüchern nicht vorgesehen sind, die Untertanen bedrückt.
Wort für Wort
arthamūlaḥ
den Reichtum zur Wurzel habend (Nom.Sg.)
apahiṃsāṃ ca kurute svayam ātmanaḥ
und Schädigung fügt zu sich selbst (Akk.Sg./3.Sg.Med./Gen.Sg.)
karaiḥ aśāstradṛṣṭaiḥ hi
durch Abgaben, nicht in der Lehre gesehene (Instr.Pl.)
mohāt saṃpīḍayan prajāḥ
aus Verblendung bedrückend die Untertanen (Abl.Sg./Part.Präs.Kaus./Akk.Pl.)
yo hi pakvaṃ drumaṃ chidya labhate na punaḥ phalam
Wer einen reifen Baum fällt, erhält nicht wieder Frucht.
Wort für Wort
yaḥ hi pakvaṃ drumam
wer einen reifen Baum (Nom./Akk.Sg.)
chidya
abschneidend/fällend (Absolutiv)
labhate na punaḥ phalam
erhält nicht wieder Frucht (3.Sg.Präs./Adv./Akk.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (*0174) der kritischen Ausgabe; 'chidya' für 'chittvā'.
[Er soll] Gras und Wasser [bereitstellen] und dabei mit Beschwichtigung und Bescheidenheit [vorgehen].
Wort für Wort
yavasa udakam ādāya
Gras und Wasser nehmend/bereitstellend (Akk.Sg./Absolutiv)
sāntvena
mit Besänftigung (Instr.Sg.)
vinayena ca
und mit Zucht/Bescheidenheit (Instr.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (*0175); Satzbruch, Ergänzung sinngemäß [Anm.: Fortsetzung unklar]. 'yavasodakam ādāya' evtl. 'Futter und Wasser nehmend' [?].
dogdhi dhānyaṃ hiraṇyaṃ ca prajā rājñi surakṣitā; nityaṃ svebhyaḥ parebhyaś ca tṛptā mātā yathā payaḥ
Gut geschützte Untertanen melken für den König Getreide und Gold, wie eine Mutter Milch, [und sind] stets satt, sowohl von den eigenen Leuten als auch von Fremden.
Wort für Wort
dogdhi dhānyaṃ hiraṇyaṃ ca
melkt Getreide und Gold (3.Sg.Präs./Akk.)
prajā rājñi surakṣitā
die Untertanen, für den König, gut geschützt (Nom.Sg.kollektiv/Lok./Dat.Sg./Part.Pass.)
nityaṃ svebhyaḥ parebhyaḥ ca
stets von Eigenen und von Fremden (Abl.Pl.)
tṛptā mātā yathā payaḥ
gesättigt, wie eine Mutter Milch (Part.Pass.Nom.Sg.f./Nom./Adv./Akk.)
Wenn dir durch den Angriff eines feindlichen Heeres ein Verlust an Vermögen entstünde, dann suche das Vermögen auf gütlichem Wege zu erlangen, das sich bei Nicht-Brahmanen befindet.
Wort für Wort
paracakrābhiyānena
durch den Angriff eines fremden Heeres (Instr.Sg.)
yadi te syāt dhanakṣayaḥ
wenn dir sein sollte Vermögensverlust (Dat.-Gen./Opt.3.Sg./Nom.Sg.)
atha sāmnā eva lipsethāḥ
dann nur durch gütliche Mittel erstreben sollst du (Instr.Sg./Opt.2.Sg.)
dhanam abrāhmaṇeṣu yat
das Vermögen, das bei Nicht-Brahmanen ist (Akk./Lok.Pl./Rel.)
mā sma te brāhmaṇaṃ dṛṣṭvā dhanasthaṃ pracalen manaḥ; antyāyām apy avasthāyāṃ kim u sphītasya bhārata
Dein Sinn soll nicht schwanken, wenn du einen Brahmanen im Besitz von Vermögen siehst; selbst im äußersten Notstand [nicht], um wie viel weniger bei [einem] Wohlhabenden, Bhārata.
Wort für Wort
mā sma te brāhmaṇam dṛṣṭvā
nicht dir, einen Brahmanen sehend (Dat.-Gen./Akk./Absolutiv)
dhanasthaṃ pracalet manaḥ
im Besitz von Vermögen befindlich, schwanken soll der Sinn (Akk.Sg./Opt.3.Sg./Nom.)
antyāyām api avasthāyām
selbst im äußersten Zustand (Lok.Sg.f.)
kim u sphītasya bhārata
wie viel eher bei Wohlhabendem, Bhārata (Gen.Sg./Vok.)
'sphītasya' evtl. auch 'des Blühenden, Reichen' [?] (Reich des Königs oder Wohlstand des Brahmanen).
Nachdem du Glück in dieser Welt und im Jenseits auf Erden erlangt hast, [wirst du] so, wenn du jenen Brahmanen ordnungsgemäß [gibst], aus Wahrhaftigkeit zum Genuss den schwer zu besiegenden Himmel gewinnen.
Wort für Wort
iha loke sukhaṃ prāpya
in dieser Welt Glück erlangt habend (Lok./Akk./Absolutiv)
paratra ca mahītale
und im Jenseits auf der Erde (Adv./Lok.)
evaṃ tebhyaḥ paracceto
so ihnen, [?] (Adv./Dat.Pl.)
brāhmaṇebhyaḥ yathāvidhi
den Brahmanen nach Vorschrift (Dat.Pl./Adv.)
sattvena paribhogāya
durch Wesensgüte, zum Genuss (Instr.Sg./Dat.Sg.)
svargaṃ jeṣyasi durjayam
den Himmel wirst du gewinnen, schwer besiegbar (Akk./2.Sg.Fut./Akk.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (*0176); 'paracceto (sic)' verderbt, Wiedergabe unsicher [Anm.: Text verderbt].
yadā na kurute dharmaṃ rājā bhūtāni pālayan; prajāpuṇyaṃ caturbhāgaṃ tadā na prāpnuyān nṛpaḥ
Wenn der König, während er die Wesen hütet, das Dharma nicht übt, dann erlangt er, der Herrscher, ein Viertel des Verdienstes der Untertanen nicht.
Wort für Wort
yadā na kurute dharmam
wenn er nicht übt Dharma (Adv./3.Sg.Med./Akk.)
rājā bhūtāni pālayan
der König, die Wesen hütend (Nom./Akk.Pl./Part.Präs.)
prajāpuṇyaṃ caturbhāgam
das Verdienst der Untertanen, ein Viertel (Akk.Sg.)
tadā na prāpnuyāt nṛpaḥ
dann erlangt nicht der Fürst (Adv./Opt.3.Sg./Nom.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (*0177); Sinn unsicher [?] (ob 'ein Viertel' als Anteil des Königs am Verdienst der Untertanen).
So viele Welten, wie einer durch Opfer, durch Studium und durch gute Askese gewinnt, die erlangt er im Augenblick, wenn er die Untertanen dem Dharma gemäß beschützt.
Wort für Wort
sviṣṭiḥ svadhītiḥ sutapā
gutes Opfer, gutes Studium, gute Askese (Nom.Sg.)
lokān jayati yāvataḥ
Welten gewinnt, so viele (Akk.Pl./3.Sg.Präs./Akk.Pl.)
kṣaṇena tān avāpnoti
in einem Augenblick diese erlangt er (Instr.Sg./Akk.Pl./3.Sg.)
prajā dharmeṇa pālayan
die Untertanen dem Dharma gemäß hütend (Akk.Pl./Instr./Part.Präs.)
Der erste Halbvers verlangt ein Subjekt 'wer' [Anm.: sinngemäß ergänzt]; Nominative als 'durch' gedeutet.
svargaloke ca mahatīṃ śriyaṃ prāpsyasi pāṇḍava; asaṃbhavaś ca dharmāṇām īdṛśānām arājasu; tasmād rājaiva nānyo 'sti yo mahat phalam āpnuyāt
Und im Himmelsreich wirst du große Herrlichkeit erlangen, Pāṇḍava. Bei Nicht-Königen ist das Zustandekommen solcher Pflichten unmöglich; daher gibt es nur den König und keinen anderen, der große Frucht erlangen könnte.
Wort für Wort
svargaloke ca mahatīṃ śriyam
und in der Himmelswelt große Herrlichkeit (Lok./Akk.Sg.f.)
prāpsyasi pāṇḍava
wirst erlangen, Pāṇḍava (2.Sg.Fut./Vok.)
asaṃbhavaḥ ca dharmāṇām
und Unmöglichkeit der Pflichten (Nom.Sg./Gen.Pl.)
īdṛśānām arājasu
solcher, bei Nicht-Königen (Gen.Pl./Lok.Pl.)
tasmāt rājā eva na anyaḥ asti
daher nur der König, kein anderer ist (Abl./Nom./Nom./3.Sg.)
yaḥ mahat phalam āpnuyāt
der große Frucht erlangen könnte (Rel./Akk./Opt.3.Sg.)