Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 225: bhūtapralayakrama Die Rückauflösung der Elemente bis in das unoffenbare Brahman

Vyāsa beschreibt die Reihenfolge der Weltauflösung: Erde, Wasser, Licht, Wind und Raum werden nacheinander in das jeweils feinere Element zurückgenommen, dann Geist, Mond, Entschluss und Zeit, bis Brahman allein bleibt.

vyāsa uvāca; pṛthivyāṃ yāni bhūtāni jaṅgamāni dhruvāṇi ca; tāny evāgre pralīyante bhūmitvam upayānti ca

Vyāsa sprach: „Die Wesen, die auf der Erde sind, die beweglichen und die unbeweglichen – diese lösen sich zuerst auf und gehen in den Erdzustand ein.“

Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Nom. Sg.; Perf. 3.Sg.)
pṛthivyāṃ yāni bhūtāni
auf der Erde [sind] welche Wesen (Lok. Sg.; Nom. Pl. n.)
jaṅgamāni dhruvāṇi ca
bewegliche und feststehende (Nom. Pl. n.)
tāny evāgre pralīyante
diese nun zuerst lösen sich auf (Präs. Pass./Med. 3.Pl.; Lok. Sg. „zuerst“)
bhūmitvam upayānti ca
und gehen in den Erdzustand ein (Akk. Sg.; Präs. 3.Pl.)

tataḥ pralīne sarvasmin sthāvare jaṅgame tathā; akāṣṭhā nistṛṇā bhūmir dṛśyate kūrmapṛṣṭhavat

Dann, wenn alles Unbewegliche und ebenso das Bewegliche aufgelöst ist, erscheint die Erde ohne Holz [?], ohne Gras, wie ein Schildkrötenrücken.

Wort für Wort
tataḥ pralīne sarvasmin
dann, wenn aufgelöst alles (Abl. Adv.; Lok. abs.)
sthāvare jaṅgame tathā
Unbewegliches, Bewegliches ebenso (Lok. Sg.)
akāṣṭhā nistṛṇā bhūmiḥ
ohne Holz [?], ohne Gras, die Erde (Nom. Sg. f.)
dṛśyate kūrmapṛṣṭhavat
wird gesehen wie ein Schildkrötenrücken (Präs. Pass. 3.Sg.; Adv.)

akāṣṭhā: fem. Form zu kāṣṭha „Holz“ (auch kāṣṭhā „Himmelsrichtung, Ziel, Grenze“ möglich: „grenzenlos“); im Kontext (nistṛṇā) „ohne Holz“ gewählt.

bhūmer api guṇaṃ gandham āpa ādadate yadā; āttagandhā tadā bhūmiḥ pralayatvāya kalpate

Wenn die Wasser auch der Erde die Eigenschaft, den Geruch, an sich ziehen, dann ist die Erde, ihres Geruchs beraubt, zur Auflösung bereit.

Wort für Wort
bhūmer api guṇaṃ gandham
auch der Erde die Eigenschaft, den Geruch (Gen. Sg.; Akk. Sg.)
āpa ādadate yadā
wenn die Wasser an sich ziehen (Nom. Pl. f.; Präs. Med. 3.Pl.)
āttagandhā tadā bhūmiḥ
dann die Erde, deren Geruch genommen ist (Kompositum, Nom. Sg. f.)
pralayatvāya kalpate
wird tauglich zur Auflösung (Dat. Sg.; Präs. Med. 3.Sg.)

āpas tataḥ pratiṣṭhanti ūrmimatyo mahāsvanāḥ; sarvam evedam āpūrya tiṣṭhanti ca caranti ca

Dann treten die Wasser hervor, wogenreich, mit gewaltigem Tosen; alles dies erfüllend, stehen sie und bewegen sich.

Wort für Wort
āpas tataḥ pratiṣṭhanti
die Wasser dann erheben/stellen sich auf (Nom. Pl. f.; Präs. 3.Pl.)
ūrmimatyo mahāsvanāḥ
wogenreich, von großem Tosen (Nom. Pl. f.)
sarvam evedam āpūrya
dies alles nur erfüllend (Akk. Sg. n.; Gerundium)
tiṣṭhanti ca caranti ca
sie stehen und sie bewegen sich (Präs. 3.Pl.)

apām api guṇāṃs tāta jyotir ādadate yadā; āpas tadā āttaguṇā jyotiṣy uparamanti ca

Wenn das Licht, mein Lieber, auch der Wasser Eigenschaften an sich zieht, dann kommen die Wasser, ihrer Eigenschaft beraubt, im Licht zur Ruhe.

Wort für Wort
apām api guṇāṃs tāta
auch der Wasser Eigenschaften, mein Lieber (Gen. Pl.; Akk. Pl.; Vok.)
jyotir ādadate yadā
wenn das Licht an sich zieht (Nom. Sg. n.; Präs. Med. 3.Sg.)
āpas tadā āttaguṇāḥ
dann die Wasser, deren Eigenschaft genommen ist (Nom. Pl. f.)
jyotiṣy uparamanti ca
und kommen im Licht zur Ruhe (Lok. Sg.; Präs. 3.Pl.)

yadādityaṃ sthitaṃ madhye gūhanti śikhino 'rciṣaḥ; sarvam evedam arcirbhiḥ pūrṇaṃ jājvalyate nabhaḥ

Wenn die flammenden Strahlen die in der Mitte stehende Sonne verbergen, dann lodert dieser ganze Himmelsraum, von Strahlen erfüllt, hell auf.

Wort für Wort
yadādityaṃ sthitaṃ madhye
wenn die Sonne, in der Mitte stehend (Akk. Sg.; Part. Perf. Pass.; Lok. Sg.)
gūhanti śikhino 'rciṣaḥ
verbergen die flammenden Strahlen (Präs. 3.Pl.; Nom. Pl. f.)
sarvam evedam arcirbhiḥ pūrṇam
dies ganze [All] von Strahlen erfüllt (Instr. Pl.; Nom. Sg. n.)
jājvalyate nabhaḥ
lodert hell auf, der Himmelsraum (Intensiv 3.Sg.; Nom. Sg. n.)

jyotiṣo 'pi guṇaṃ rūpaṃ vāyur ādadate yadā; praśāmyati tadā jyotir vāyur dodhūyate mahān

Wenn der Wind auch des Lichtes Eigenschaft, die Gestalt, an sich zieht, dann erlischt das Licht; der Wind, der gewaltige, wird heftig bewegt.

Wort für Wort
jyotiṣo 'pi guṇaṃ rūpam
auch des Lichtes Eigenschaft, die Gestalt (Gen. Sg.; Akk. Sg.)
vāyur ādadate yadā
wenn der Wind an sich zieht (Nom. Sg.; Präs. Med. 3.Sg.)
praśāmyati tadā jyotiḥ
dann erlischt das Licht (Präs. 3.Sg.)
vāyur dodhūyate mahān
der Wind, groß, wird heftig geschüttelt/tobt (Intensiv Pass. 3.Sg.; Nom. Sg.)

tatas tu mūlam āsādya vāyuḥ saṃbhavam ātmanaḥ; adhaś cordhvaṃ ca tiryak ca dodhavīti diśo daśa

Dann, zur Wurzel gelangt, dem Ursprung seiner selbst, weht der Wind heftig nach unten, nach oben und quer, in die zehn Himmelsrichtungen.

Wort für Wort
tatas tu mūlam āsādya
dann aber, zur Wurzel gelangt (Akk. Sg.; Gerundium)
vāyuḥ saṃbhavam ātmanaḥ
der Wind, den Ursprung seiner selbst (Nom. Sg.; Akk. Sg.; Gen. Sg.)
adhaś cordhvaṃ ca tiryak ca
nach unten, nach oben und quer (Adv.)
dodhavīti diśo daśa
schüttelt/weht heftig die zehn Richtungen (Intensiv 3.Sg.; Akk. Pl. f.)

vāyor api guṇaṃ sparśam ākāśaṃ grasate yadā; praśāmyati tadā vāyuḥ khaṃ tu tiṣṭhati nānadat

Wenn der Raum auch des Windes Eigenschaft, die Berührung, verschlingt, dann erlischt der Wind; der Raum aber bleibt, weithin hallend, bestehen.

Wort für Wort
vāyor api guṇaṃ sparśam
auch des Windes Eigenschaft, die Berührung (Gen. Sg.; Akk. Sg.)
ākāśaṃ grasate yadā
wenn der Äther/Raum verschlingt (Nom. Sg.; Präs. Med. 3.Sg.)
praśāmyati tadā vāyuḥ
dann erlischt der Wind (Präs. 3.Sg.)
khaṃ tu tiṣṭhati
der Raum aber bleibt bestehen (Nom. Sg. n.; Präs. 3.Sg.)
nānadat
laut hallend (Part. Präs. Intensiv, Nom. Sg. n.)

arūpam arasasparśam agandhaṃ na ca mūrtimat; sarvalokapraṇaditaṃ svaṃ tu tiṣṭhati nānadat

[Er ist] ohne Gestalt, ohne Geschmack und Berührung, ohne Geruch und nicht körperhaft, von allen Welten zum Erschallen gebracht; der Raum aber bleibt hallend bestehen.

Wort für Wort
arūpam arasasparśam
ohne Gestalt, ohne Geschmack und Berührung (Kompositum, Nom. Sg. n.)
agandhaṃ na ca mūrtimat
ohne Geruch und nicht körperhaft (Nom. Sg. n.)
sarvalokapraṇaditam
von allen Welten zum Erschallen gebracht (Kompositum, Part. Perf. Pass. Kaus.)
svaṃ tu tiṣṭhati nānadat
der Raum aber bleibt hallend bestehen (Nom. Sg. n.; Präs. 3.Sg.; Part. Intensiv)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). sva = „Raum, Äther“ (Variante von kha); Satzbau der Zusatzzeile lose.

ākāśasya guṇaṃ śabdam abhivyaktātmakaṃ manaḥ

Des Raumes Eigenschaft, den Laut, [verschlingt] der Geist, dessen Wesen das Offenbarwerden ist.

Wort für Wort
ākāśasya guṇaṃ śabdam
des Raumes Eigenschaft, den Laut (Gen. Sg.; Akk. Sg.)
abhivyaktātmakaṃ manaḥ
der Geist, dessen Wesen Offenbarwerden ist (Kompositum, Nom. Sg. n.)

Das Verb (grasate) folgt erst in der Zusatzzeile 225.010*0674; ergänzt in [ ].

grasate ca yadā so 'pi śāmyati pratisaṃcare

Und wenn er ihn verschlingt, kommt auch er zur Ruhe in der Wiederauflösung.

Wort für Wort
grasate ca yadā
und wenn er verschlingt (Präs. Med. 3.Sg.)
so 'pi śāmyati
auch er kommt zur Ruhe (Nom. Sg. m.; Präs. 3.Sg.)
pratisaṃcare
in der Wiederauflösung (Lok. Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; Bezug von „er“ (der Geist) und Objekt (der Laut) sind aus dem Kontext ergänzt.

manaso vyaktam avyaktaṃ brāhmaḥ sa pratisaṃcaraḥ

Vom Geist [aus ist] offenbar [und] unoffenbar [die Wiederauflösung]; das ist die brahmische Wiederauflösung.

Wort für Wort
manaso vyaktam avyaktam
vom Geist [her] offenbar [und] unoffenbar (Abl./Gen. Sg.; Nom. Sg. n.)
brāhmaḥ sa pratisaṃcaraḥ
brahmisch ist diese Wiederauflösung (Nom. Sg. m.)

Wortlaut knapp, Konstruktion unsicher [?].

tad ātmaguṇam āviśya mano grasati candramāḥ; manasy uparate 'dhyātmā candramasy avatiṣṭhate

Indem der Mond in dessen eigenes Wesen [bzw. seine Eigenschaft] eingeht, verschlingt er den Geist; ist der Geist zur Ruhe gekommen, so bleibt das Selbst im Mond bestehen.

Wort für Wort
tad ātmaguṇam āviśya
dies, in die eigene Eigenschaft eingehend (Akk. Sg. n.; Gerundium)
mano grasati candramāḥ
den Geist verschlingt der Mond (Akk. Sg.; Präs. 3.Sg.; Nom. Sg.)
manasy uparate
wenn der Geist zur Ruhe gekommen ist (Lok. abs.)
'dhyātmā candramasy avatiṣṭhate
das Innere/Selbst bleibt im Mond bestehen (Nom. Sg.; Lok. Sg.; Präs. Med. 3.Sg.)

taṃ tu kālena mahatā saṃkalpaḥ kurute vaśe; cittaṃ grasati saṃkalpas tac ca jñānam anuttamam

Ihn aber bringt nach langer Zeit der Entschluss in seine Gewalt; der Entschluss verschlingt das Denken, und das ist das unübertroffene Wissen.

Wort für Wort
taṃ tu kālena mahatā
ihn aber nach großer Zeit (Akk. Sg.; Instr. Sg.)
saṃkalpaḥ kurute vaśe
der Entschluss bringt in [seine] Gewalt (Nom. Sg.; Präs. Med. 3.Sg.; Lok. Sg.)
cittaṃ grasati saṃkalpaḥ
das Denken verschlingt der Entschluss (Akk. Sg.; Präs. 3.Sg.)
tac ca jñānam anuttamam
und das ist Wissen, unübertroffen (Nom. Sg. n.)

kālo girati vijñānaṃ kālo balam iti śrutiḥ; balaṃ kālo grasati tu taṃ vidvān kurute vaśe

Die Zeit verschlingt das Erkennen; „Die Zeit ist Kraft“, so die Überlieferung. Die Zeit aber verschlingt die Kraft; diese [Zeit] bringt der Wissende in seine Gewalt.

Wort für Wort
kālo girati vijñānam
die Zeit verschlingt das Erkennen (Nom. Sg.; Präs. 3.Sg.; Akk. Sg.)
kālo balam iti śrutiḥ
„Zeit [ist] Kraft“, so die Überlieferung (Nom. Sg.; Nom. Sg. f.)
balaṃ kālo grasati tu
die Kraft, die Zeit verschlingt sie (Akk. Sg. n.; Nom. Sg. m.; Präs. 3.Sg.)
taṃ vidvān kurute vaśe
ihn [die Zeit] bringt der Wissende in seine Gewalt (Nom. Sg. Part. Perf.; Präs. Med. 3.Sg.)

ākāśasya tadā ghoṣaṃ taṃ vidvān kurute ''tmani; tad avyaktaṃ paraṃ brahma tac chāśvatam anuttamam; evaṃ sarvāṇi bhūtāni brahmaiva pratisaṃcaraḥ

Dann macht der Wissende das Getöse des Raumes im Selbst [aufgehen]. Das ist das Unoffenbare, das höchste Brahman, das Ewige, Unübertroffene. So ist für alle Wesen Brahman selbst die Wiederauflösung.

Wort für Wort
ākāśasya tadā ghoṣam
des Raumes dann das Getöse (Gen. Sg.; Akk. Sg.)
taṃ vidvān kurute 'tmani
dieses macht der Wissende im Selbst [aufgehen] (Akk.; Nom. Sg.; Präs. Med. 3.Sg.; Lok. Sg.)
tad avyaktaṃ paraṃ brahma
das [ist] das Unoffenbare, das höchste Brahman (Nom. Sg. n.)
tac chāśvatam anuttamam
das Ewige, Unübertroffene (Nom. Sg. n.)
evaṃ sarvāṇi bhūtāni
so [gilt für] alle Wesen (Nom./Akk. Pl. n.)
brahmaiva pratisaṃcaraḥ
Brahman selbst [ist] die Wiederauflösung (Nom. Sg. n.; Nom. Sg. m.)

yathāvat kīrtitaṃ samyag evam etad asaṃśayam; bodhyaṃ vidyāmayaṃ dṛṣṭvā yogibhiḥ paramātmabhiḥ

Wie es richtig verkündet wurde, so verhält es sich ohne Zweifel: als das zu Erkennende, aus Wissen bestehend, erschaut von den Yogins, deren Ziel das höchste Selbst ist.

Wort für Wort
yathāvat kīrtitaṃ samyag
wie es sich gehört, verkündet, recht (Adv.; Part. Perf. Pass.)
evam etad asaṃśayam
so ist dies, zweifelsfrei (Adv.; Nom. Sg. n.)
bodhyaṃ vidyāmayam
das zu Erkennende, aus Wissen bestehend (Nom. Sg. n.)
dṛṣṭvā yogibhiḥ paramātmabhiḥ
erschaut von den Yogins, auf das höchste Selbst [gerichteten] (Gerundium; Instr. Pl.)

dṛṣṭvā (Gerundium) steht ungenau für ein Partizip („erschaut“); paramātmabhiḥ als „deren Ziel das höchste Selbst ist“ [?].

evaṃ vistārasaṃkṣepau brahmāvyakte punaḥ punaḥ; yugasāhasrayor ādāv ahno rātryās tathaiva ca

So geschehen Ausbreitung und Zusammenziehung im unoffenbaren Brahman immer wieder, am Anfang von Tag und ebenso Nacht der [je] tausend Yugas.

Wort für Wort
evaṃ vistārasaṃkṣepau
so Ausbreitung und Zusammenziehung (Nom. Du. m.)
brahmāvyakte punaḥ punaḥ
im unoffenbaren Brahman, immer wieder (Lok. Sg. n.; Adv.)
yugasāhasrayor ādau
am Anfang der beiden tausend Yugas [umfassenden] (Gen. Du.; Lok. Sg.)
ahno rātryās tathaiva ca
des Tages und ebenso der Nacht (Gen. Sg.)

[Anm.: Verb ist zu ergänzen („geschehen“).]

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