Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 62: brāhmaṇasya svadharmaḥ, vikarmasthasya nindā Die Pflicht des Brahmanen und der Tadel für den, der von ihr abweicht

Yudhiṣṭhira bittet um leicht gangbare, heilbringende Pflichten; Bhīṣma beginnt mit den vier Lebensstufen des Brahmanen und mit der Warnung vor fremden Standestätigkeiten. Die Verse 9–11 sind sprachlich dunkel.

yudhiṣṭhira uvāca; śivān sukhān mahodarkān ahiṃsrāṃl lokasaṃmatān; brūhi dharmān sukhopāyān madvidhānāṃ sukhāvahān

Yudhiṣṭhira sprach: „Heilsame, angenehme, mit schönen Folgen versehene, gewaltlose, von den Menschen gebilligte Pflichten nenne mir, Pflichten, die leicht zu üben sind und für Menschen wie mich Wohlergehen bringen.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
śivān sukhān mahodarkān
heilsame, angenehme, folgenreich-gute (Akk.Pl.m.)
ahiṃsrān lokasaṃmatān
gewaltlose, von den Menschen anerkannte (Akk.Pl.m.)
brūhi dharmān
nenne die Pflichten (Imp.2.Sg. / Akk.Pl.)
sukhopāyān
leicht zu erlangende, mit angenehmen Mitteln (Akk.Pl.m., Kompositum)
madvidhānāṃ sukhāvahān
für Leute wie mich Glück bringende (Gen.Pl. / Akk.Pl.m.)

bhīṣma uvāca; brāhmaṇasyeha catvāra āśramā vihitāḥ prabho; varṇās tān anuvartante trayo bharatasattama

Bhīṣma sprach: „Für den Brahmanen sind hier vier Lebensstufen vorgeschrieben, Herr; die [anderen] drei Stände folgen ihnen nach, bester der Bharatas.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
brāhmaṇasya iha
für den Brahmanen hier (Gen./Dat.-Sinn, Adv.)
catvāra āśramā vihitāḥ
vier Lebensstufen sind vorgeschrieben (Nom.Pl.m., Part.Pass.)
prabho
Herr (Vok.Sg.)
varṇās tān anuvartante
die Stände folgen ihnen nach (Nom.Pl. / Akk.Pl. / 3.Pl.Med.)
trayo bharatasattama
die drei, bester der Bharatas (Nom.Pl.m. / Vok.Sg.)

uktāni karmāṇi bahūni rājan; svargyāṇi rājanyaparāyaṇāni; nemāni dṛṣṭāntavidhau smṛtāni; kṣātre hi sarvaṃ vihitaṃ yathāvat

Viele Handlungen sind genannt worden, König, die zum Himmel führen und auf den Kṣatriya ausgerichtet sind; diese aber sind im Bereich der Regel des Beispiels [?] nicht überliefert; denn im Kṣatriya-Bereich ist alles gehörig vorgeschrieben.

Wort für Wort
uktāni karmāṇi bahūni rājan
genannt wurden viele Handlungen, König (Part.Pass. Nom.Pl.n. / Vok.Sg.)
svargyāṇi
zum Himmel führende (Nom.Pl.n.)
rājanyaparāyaṇāni
auf den Kṣatriya ausgerichtete (Nom.Pl.n., Kompositum)
na imāni
diese nicht (Sandhi: nemāni)
dṛṣṭāntavidhau smṛtāni
in der Regel des Beispiels [?] überliefert (Lok.Sg. / Part.Pass. Nom.Pl.n.)
kṣātre hi sarvaṃ
denn im Kṣatriya-Bereich alles (Lok.Sg.n. / Nom.Sg.n.)
vihitaṃ yathāvat
vorgeschrieben, gehörig (Part.Pass. / Adv.)

dṛṣṭāntavidhau ist unsicher; gemeint ist wohl die Regelung nach Beispielen/Vorbildern. Der Bezug von „nemāni“ (na + imāni) ist nicht eindeutig.

kṣātrāṇi vaiśyāni ca sevamānaḥ; śaudrāṇi karmāṇi ca brāhmaṇaḥ san; asmiṃl loke nindito mandacetāḥ; pare ca loke nirayaṃ prayāti

Wer als Brahmane Tätigkeiten der Kṣatriyas, der Vaiśyas und auch der Śūdras ausübt, der Törichte, wird in dieser Welt getadelt und geht in der jenseitigen Welt in die Hölle.

Wort für Wort
kṣātrāṇi vaiśyāni ca
Kṣatriya- und Vaiśya-[Tätigkeiten] (Akk.Pl.n.)
sevamānaḥ
ausübend (Part.Präs.Med. Nom.Sg.m.)
śaudrāṇi karmāṇi ca
und Śūdra-Tätigkeiten (Akk.Pl.n.)
brāhmaṇaḥ san
obwohl er Brahmane ist (Nom.Sg. / Part.Präs. von as)
asmin loke nindito
in dieser Welt getadelt (Lok.Sg. / Part.Pass. Nom.Sg.m.)
mandacetāḥ
der Törichte (Nom.Sg.m., Kompositum)
pare ca loke narakaṃ prayāti
und in der jenseitigen Welt geht er in die Hölle (Lok.Sg. / Akk.Sg. / 3.Sg.Präs.)

yā saṃjñā vihitā loke dāse śuni vṛke paśau; vikarmaṇi sthite vipre tāṃ saṃjñāṃ kuru pāṇḍava

Die Bezeichnung, die in der Welt für Sklaven, Hund, Wolf und Vieh festgesetzt ist – diese Bezeichnung gib [auch] dem Brahmanen, der bei verbotener Handlung verharrt, Pāṇḍava.

Wort für Wort
yā saṃjñā vihitā loke
welche Bezeichnung in der Welt festgesetzt ist (Nom.Sg.f. / Part.Pass. / Lok.Sg.)
dāse śuni vṛke paśau
für Sklaven, Hund, Wolf, Vieh (Lok.Sg.)
vikarmaṇi sthite vipre
für den bei Fehlhandlung stehenden Brahmanen (Lok.Sg.; Part.Perf.Pass.)
tāṃ saṃjñāṃ kuru
diese Bezeichnung mache/gib (Akk.Sg. / Imp.2.Sg.)
pāṇḍava
Pāṇḍava (Vok.Sg.)

ṣaṭkarmasaṃpravṛttasya āśrameṣu caturṣv api; sarvadharmopapannasya saṃbhūtasya kṛtātmanaḥ

Von dem, der in den sechs Werken tätig ist, auch in den vier Lebensstufen, der mit allen Pflichten ausgestattet, wohl geboren und im Selbst geläutert ist –

Wort für Wort
ṣaṭkarmasaṃpravṛttasya
des in den sechs Werken Tätigen (Gen.Sg.m., Kompositum)
āśrameṣu caturṣu api
auch in den vier Lebensstufen (Lok.Pl.)
sarvadharmopapannasya
des mit allen Pflichten Ausgestatteten (Gen.Sg.m.)
saṃbhūtasya
des Wohlgeborenen [?] (Gen.Sg.m., Part.Pass.)
kṛtātmanaḥ
des im Selbst Gefestigten/Geläuterten (Gen.Sg.m.)

Der Satz ist mit Vers 7 verbunden: Die Genitive gehören zu „brāhmaṇasya“ dort. Die „sechs Werke“ sind wohl die üblichen sechs Brahmanentätigkeiten (Lehren, Lernen, Opfern usw.).

brāhmaṇasya viśuddhasya tapasy abhiratasya ca; nirāśiṣo vadānyasya lokā hy akṣarasaṃjñitāḥ

des reinen Brahmanen, der an der Askese Freude hat, wunschlos und freigebig ist – dessen Welten sind wahrlich „unvergänglich“ genannt.

Wort für Wort
brāhmaṇasya viśuddhasya
des Brahmanen, des reinen (Gen.Sg.m.)
tapasi abhiratasya ca
und des an der Askese Erfreuten (Lok.Sg. / Gen.Sg.m.)
nirāśiṣo
des Wunschlosen (Gen.Sg.m.)
vadānyasya
des Freigebigen (Gen.Sg.m.)
lokā hi
die Welten wahrlich (Nom.Pl.m.)
akṣarasaṃjñitāḥ
als unvergänglich bezeichnet (Nom.Pl.m., Part.Pass.)

yo yasmin kurute karma yādṛśaṃ yena yatra ca; tādṛśaṃ tādṛśenaiva sa guṇaṃ pratipadyate

Wer in welcher Sache welches Werk verrichtet, auf welche Weise und wo – je nach Art erlangt er durch eben solches [Tun] die entsprechende Eigenschaft.

Wort für Wort
yo yasmin kurute karma
wer in welchem [Bereich] ein Werk tut (Nom.Sg. / Lok.Sg. / 3.Sg.Präs.Med.)
yādṛśaṃ yena yatra ca
von welcher Art, womit und wo (Akk. / Instr. / Adv.)
tādṛśaṃ tādṛśena eva
solches durch eben solches (Akk. / Instr.)
sa guṇaṃ pratipadyate
der erlangt die Eigenschaft (Nom.Sg. / Akk.Sg. / 3.Sg.Präs.Med.)

guṇa hier wohl „Eigenschaft/Verdienst“; die Wiedergabe ist nicht ganz sicher.

vṛddhyā kṛṣivaṇiktvena jīvasaṃjīvanena ca; vettum arhasi rājendra svādhyāyagaṇitaṃ mahat

Durch Zins, Ackerbau, Handel und durch den Erwerb des Lebensunterhalts – du solltest die große Berechnung des Vedastudiums [?] kennen, Herrscher der Könige.

Wort für Wort
vṛddhyā kṛṣivaṇiktvena
durch Zins, Ackerbau und Handel (Instr.Sg.)
jīvasaṃjīvanena ca
und durch Lebensunterhalt-Erwerb [?] (Instr.Sg.n.)
vettum arhasi
du solltest wissen (Inf. / 2.Sg.Präs.)
rājendra
Herrscher der Könige (Vok.Sg.)
svādhyāyagaṇitaṃ mahat
die große Berechnung des Vedastudiums [?] (Akk.Sg.n.)

Sinn dunkel und wohl verderbt; svādhyāyagaṇita (etwa „Berechnung/Abrechnung des Selbststudiums“) ist unsicher.

kālasaṃcoditaḥ kālaḥ kālaparyāyaniścitaḥ; uttamādhamamadhyāni karmāṇi kurute 'vaśaḥ

Die Zeit, von der Zeit angetrieben und durch den Umlauf der Zeit bestimmt [?], vollzieht ohnmächtig höchste, niedrigste und mittlere Werke.

Wort für Wort
kālasaṃcoditaḥ kālaḥ
von der Zeit angetrieben, die Zeit (Nom.Sg.m., Part.Pass.)
kālaparyāyaniścitaḥ
durch den Umlauf der Zeit bestimmt [?] (Nom.Sg.m.)
uttamādhamamadhyāni
höchste, niedrigste und mittlere (Akk.Pl.n., Dvandva)
karmāṇi kurute
Werke vollzieht (Akk.Pl. / 3.Sg.Präs.Med.)
avaśaḥ
ohnmächtig, ohne eigene Macht (Nom.Sg.m.)

Syntax und Subjekt unsicher; „kāla“ zweimal bzw. dreimal im Vers, vielleicht mit unterschiedlichem Sinn (Zeit/Tod/Schicksal).

antavanti pradānāni purā śreyaskarāṇi ca; svakarmanirato loko hy akṣaraḥ sarvatomukhaḥ

Schenkungen haben ein Ende, und die früheren [Werke] sind heilbringend [?]; die Welt, am eigenen Werk erfreut, ist unvergänglich, allseitig gewandt [?].

Wort für Wort
antavanti pradānāni
endliche Schenkungen (Nom.Pl.n.)
purā
früher (Adv.)
śreyaskarāṇi ca
und heilbringende (Nom.Pl.n.)
svakarmanirato lokaḥ
die am eigenen Werk erfreute Welt (Nom.Sg.m.)
hi akṣaraḥ
wahrlich unvergänglich (Nom.Sg.m.)
sarvatomukhaḥ
allseitig gewandt [?] (Nom.Sg.m.)

Sinn dunkel, evtl. verderbt; Zuordnung von „purā“ und „akṣaraḥ sarvatomukhaḥ“ unsicher.

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