Kapitel 114: vetasavṛttiḥ
Die Rohrweide als Vorbild: Nachgiebigkeit gegenüber einem übermächtigen Feind
Bhīṣma antwortet auf Yudhiṣṭhiras Frage mit dem Gespräch von Ozean und Gaṅgā: Wer sich der Wucht des Stärkeren zeitweilig beugt wie die Rohrweide, überdauert.
Yudhiṣṭhira sprach: „König, Stier der Bharatas: Wie soll ein König, der ein Reich erlangt hat, aber schwach ist und keine Mittel [asādhanaḥ] hat, gegenüber einem übermäßig erstarkten Feind bestehen?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
rājā rājyam anuprāpya
der König, ein Reich erlangt habend (Nom.Sg.; Abs.; Akk.Sg.)
durbalo bharatarṣabha
schwach, o Stier der Bharatas (Nom.Sg.; Vok.Sg.)
amitrasyātivṛddhasya
gegenüber einem Feind, der übermäßig erstarkt ist (Gen.Sg.)
samūlaśākhān paśyāmi nihatāṃś chāyino drumān; yuṣmābhir iha pūrṇābhir anyāṃs tatra na vetasam
„Ich sehe Schatten spendende Bäume mit Wurzeln und Ästen niedergeworfen; von euch, die ihr hier [mit Wasser] gefüllt seid, [sehe ich] andere [Bäume niedergeworfen], dort aber nicht die Rohrweide.“
Wort für Wort
samūlaśākhān paśyāmi
mit Wurzeln und Ästen [sehe] ich (Akk.Pl.; 1.Sg.Präs.)
akāyaś cālpasāraś ca vetasaḥ kūlajaś ca vaḥ; avajñāya naśakyo vā kiṃ cid vā tena vaḥ kṛtam
„Stammlos und von geringem Kern ist die Rohrweide und wächst am Ufer. Habt ihr sie verachtet, oder ist sie nicht [zu bezwingen] [?], oder was habt ihr ihr sonst getan?“
Wort für Wort
akāyaś cālpasāraś ca
stammlos und von geringem Kern (Nom.Sg.)
vetasaḥ kūlajaś ca vaḥ
die Rohrweide, am Ufer wachsend, euer (Nom.Sg.; Nom.Sg.; Gen.Pl.)
avajñāya
verachtend (Gerundium)
naśakyo vā
oder nicht zu bezwingen [?] (Nom.Sg.)
kiṃ cid vā tena vaḥ kṛtam
oder was ist von euch mit ihr getan (Nom./Instr.Sg.; Part.Pass.)
tiṣṭhanty ete yathāsthānaṃ nagā hy ekaniketanāḥ; tatas tyajanti tat sthānaṃ prātilomyād acetasaḥ
„Diese Bäume stehen fest an ihrem Platz, denn sie haben nur eine [einzige] Behausung; daher verlassen die Unverständigen aus Widersetzlichkeit diesen Ort.“
Wort für Wort
tiṣṭhanty ete yathāsthānam
diese stehen an ihrem Platz (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.; Adv.)
nagā hy ekaniketanāḥ
die Bäume, denn sie haben eine einzige Behausung (Nom.Pl.; Bahuvrīhi)
tatas tyajanti tat sthānam
daher verlassen sie diesen Ort (3.Pl.Präs.; Akk.Sg.)
prātilomyād acetasaḥ
aus Widersetzlichkeit, unverständig (Abl.Sg.; Nom.Pl.)
vetaso vegam āyāntaṃ dṛṣṭvā namati netaraḥ; sa ca vege 'bhyatikrānte sthānam āsādya tiṣṭhati
„Die Rohrweide beugt sich, wenn sie die heranströmende Wucht sieht; der andere nicht. Und ist die Wucht vorübergegangen, so nimmt sie ihren Platz wieder ein und steht [aufrecht].“
Wort für Wort
vetaso vegam āyāntam
die Rohrweide, die heranströmende Wucht (Nom.Sg.; Akk.Sg.; Part.Präs. Akk.Sg.)
dṛṣṭvā namati
gesehen habend, beugt sich (Gerundium; 3.Sg.Präs.)
netaraḥ
nicht der andere (Nom.Sg.)
sa ca vege 'bhyatikrānte
und sie, wenn die Wucht vorüber ist (Nom.Sg.; Lok.abs.)
sthānam āsādya tiṣṭhati
nimmt den Platz ein und steht (Gerundium; 3.Sg.Präs.)
kālajñaḥ samayajñaś ca sadā vaśyaś ca nodrumaḥ; anulomas tathāstabdhas tena nābhyeti vetasaḥ
„Zeitkundig und satzungskundig, stets nachgiebig, kein [starrer] Baum, fügsam und nicht steif: darum wird die Rohrweide nicht [von der Flut überwältigt] [?].“
Wort für Wort
kālajñaḥ samayajñaś ca
zeitkundig und übereinkunftskundig (Nom.Sg.)
sadā vaśyaś ca
und stets nachgiebig (Nom.Sg.)
nodrumaḥ
kein [starrer] Baum [?] (Nom.Sg.)
anulomas tathāstabdhaḥ
fügsam und ebenso nicht steif (Nom.Sg.)
tena nābhyeti vetasaḥ
darum wird die Rohrweide nicht erreicht/überwältigt [?] (Instr.; 3.Sg.Präs.)
„nodrumaḥ“ und „nābhyeti“ unsicher; Sinn: die Rohrweide wird nicht zu Fall gebracht.
yo hi śatror vivṛddhasya prabhor vadhavināśane; pūrvaṃ na sahate vegaṃ kṣipram eva sa naśyati
„Wer nämlich den Ansturm eines erstarkten, mächtigen Feindes, wenn es um Tötung und Vernichtung geht, nicht zuerst [nachgebend] erträgt, der geht schnell zugrunde.“
Wort für Wort
yo hi śatror vivṛddhasya
wer nämlich, [gegenüber] des erstarkten Feindes (Nom.Sg.; Gen.Sg.)
prabhor vadhavināśane
des Mächtigen, bei Tötung und Vernichtung (Gen.Sg.; Lok.Sg.)
pūrvaṃ na sahate vegam
zuerst nicht erträgt den Ansturm (Adv.; 3.Sg.Präs.Med.; Akk.Sg.)
kṣipram eva sa naśyati
schnell geht der zugrunde (Adv.; Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)