Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 114: vetasavṛttiḥ Die Rohrweide als Vorbild: Nachgiebigkeit gegenüber einem übermächtigen Feind

Bhīṣma antwortet auf Yudhiṣṭhiras Frage mit dem Gespräch von Ozean und Gaṅgā: Wer sich der Wucht des Stärkeren zeitweilig beugt wie die Rohrweide, überdauert.

yudhiṣṭhira uvāca; rājā rājyam anuprāpya durbalo bharatarṣabha; amitrasyātivṛddhasya kathaṃ tiṣṭhed asādhanaḥ

Yudhiṣṭhira sprach: „König, Stier der Bharatas: Wie soll ein König, der ein Reich erlangt hat, aber schwach ist und keine Mittel [asādhanaḥ] hat, gegenüber einem übermäßig erstarkten Feind bestehen?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
rājā rājyam anuprāpya
der König, ein Reich erlangt habend (Nom.Sg.; Abs.; Akk.Sg.)
durbalo bharatarṣabha
schwach, o Stier der Bharatas (Nom.Sg.; Vok.Sg.)
amitrasyātivṛddhasya
gegenüber einem Feind, der übermäßig erstarkt ist (Gen.Sg.)
kathaṃ tiṣṭhet
wie soll er bestehen (Opt. 3.Sg.)
asādhanaḥ
ohne Mittel (Nom.Sg.; Bahuvrīhi)

bhīṣma uvāca; atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam; saritāṃ caiva saṃvādaṃ sāgarasya ca bhārata

Bhīṣma sprach: „Hierzu führt man auch diese alte Erzählung an: das Gespräch der Flüsse und des Ozeans, Bhārata.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf. 3.Sg.)
atrāpy udāharanti
hierzu auch führt man an (3.Pl.Präs.)
imam itihāsaṃ purātanam
diese alte Erzählung (Akk.Sg.)
saritāṃ caiva saṃvādam
und das Gespräch der Flüsse (Gen.Pl.; Akk.Sg.)
sāgarasya ca bhārata
und des Ozeans, o Bhārata (Gen.Sg.; Vok.Sg.)

surārinilayaḥ śaśvat sāgaraḥ saritāṃ patiḥ; papraccha saritaḥ sarvāḥ saṃśayaṃ jātam ātmanaḥ

Der Ozean, ewige Wohnstätte der Götterfeinde und Herr der Flüsse, fragte alle Flüsse nach einem Zweifel, der in ihm entstanden war.

Wort für Wort
surārinilayaḥ śaśvat
Wohnstätte der Götterfeinde, immerdar (Nom.Sg.; Adv.)
sāgaraḥ saritāṃ patiḥ
der Ozean, Herr der Flüsse (Nom.Sg.; Gen.Pl.; Nom.Sg.)
papraccha saritaḥ sarvāḥ
fragte alle Flüsse (Perf. 3.Sg.; Akk.Pl.)
saṃśayaṃ jātam ātmanaḥ
einen entstandenen Zweifel bei sich (Akk.Sg.; Part.Pass.; Gen.Sg.)

samūlaśākhān paśyāmi nihatāṃś chāyino drumān; yuṣmābhir iha pūrṇābhir anyāṃs tatra na vetasam

„Ich sehe Schatten spendende Bäume mit Wurzeln und Ästen niedergeworfen; von euch, die ihr hier [mit Wasser] gefüllt seid, [sehe ich] andere [Bäume niedergeworfen], dort aber nicht die Rohrweide.“

Wort für Wort
samūlaśākhān paśyāmi
mit Wurzeln und Ästen [sehe] ich (Akk.Pl.; 1.Sg.Präs.)
nihatāṃś chāyino drumān
niedergeworfen, Schatten spendende Bäume (Part.Pass. Akk.Pl.; Akk.Pl.)
yuṣmābhir iha pūrṇābhiḥ
von euch, hier gefüllten (Instr.Pl.; Instr.Pl.Fem.)
anyāṃs tatra
andere dort (Akk.Pl.; Adv.)
na vetasam
nicht die Rohrweide (Akk.Sg.)

Der Satz ist elliptisch; „nihatān“ ist zu „anyān“ zu ergänzen.

akāyaś cālpasāraś ca vetasaḥ kūlajaś ca vaḥ; avajñāya naśakyo vā kiṃ cid vā tena vaḥ kṛtam

„Stammlos und von geringem Kern ist die Rohrweide und wächst am Ufer. Habt ihr sie verachtet, oder ist sie nicht [zu bezwingen] [?], oder was habt ihr ihr sonst getan?“

Wort für Wort
akāyaś cālpasāraś ca
stammlos und von geringem Kern (Nom.Sg.)
vetasaḥ kūlajaś ca vaḥ
die Rohrweide, am Ufer wachsend, euer (Nom.Sg.; Nom.Sg.; Gen.Pl.)
avajñāya
verachtend (Gerundium)
naśakyo vā
oder nicht zu bezwingen [?] (Nom.Sg.)
kiṃ cid vā tena vaḥ kṛtam
oder was ist von euch mit ihr getan (Nom./Instr.Sg.; Part.Pass.)

„naśakyo“ verderbt oder mehrdeutig (na śakyo?).

tad ahaṃ śrotum icchāmi sarvāsām eva vo matam; yathā kūlāni cemāni bhittvā nānīyate vaśam

„Das möchte ich hören, die Meinung von euch allen: wie sie, obwohl ihr diese Ufer durchbrecht, nicht in [eure] Gewalt gebracht wird [?].“

Wort für Wort
tad ahaṃ śrotum icchāmi
das will ich hören (Akk.Sg.; 1.Sg.Präs.; Inf.)
sarvāsām eva vo matam
eure, aller, Meinung (Gen.Pl.Fem.; Gen.Pl.; Akk.Sg.)
yathā kūlāni cemāni
wie diese Ufer (Akk.Pl.)
bhittvā
durchbrochen habend (Gerundium)
nānīyate vaśam
wird nicht unter Gewalt gebracht (Pass. 3.Sg.Präs.; Akk.Sg.)

Bezug des Passivs unklar (Rohrweide als Subjekt ergänzt).

tataḥ prāha nadī gaṅgā vākyam uttaram arthavat; hetumad grāhakaṃ caiva sāgaraṃ saritāṃ patim

Da sprach der Fluss Gaṅgā zum Ozean, dem Herrn der Flüsse, eine Antwortrede, die sinnvoll, begründet und überzeugend war.

Wort für Wort
tataḥ prāha nadī gaṅgā
da sprach der Fluss Gaṅgā (Adv.; Perf. 3.Sg.; Nom.Sg.)
vākyam uttaram arthavat
eine Rede, Antwort, sinnvoll (Akk.Sg.)
hetumad grāhakaṃ ca
begründet und überzeugend (Akk.Sg.)
eva sāgaraṃ saritāṃ patim
zum Ozean, dem Herrn der Flüsse (Akk.Sg.; Gen.Pl.; Akk.Sg.)

tiṣṭhanty ete yathāsthānaṃ nagā hy ekaniketanāḥ; tatas tyajanti tat sthānaṃ prātilomyād acetasaḥ

„Diese Bäume stehen fest an ihrem Platz, denn sie haben nur eine [einzige] Behausung; daher verlassen die Unverständigen aus Widersetzlichkeit diesen Ort.“

Wort für Wort
tiṣṭhanty ete yathāsthānam
diese stehen an ihrem Platz (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.; Adv.)
nagā hy ekaniketanāḥ
die Bäume, denn sie haben eine einzige Behausung (Nom.Pl.; Bahuvrīhi)
tatas tyajanti tat sthānam
daher verlassen sie diesen Ort (3.Pl.Präs.; Akk.Sg.)
prātilomyād acetasaḥ
aus Widersetzlichkeit, unverständig (Abl.Sg.; Nom.Pl.)

vetaso vegam āyāntaṃ dṛṣṭvā namati netaraḥ; sa ca vege 'bhyatikrānte sthānam āsādya tiṣṭhati

„Die Rohrweide beugt sich, wenn sie die heranströmende Wucht sieht; der andere nicht. Und ist die Wucht vorübergegangen, so nimmt sie ihren Platz wieder ein und steht [aufrecht].“

Wort für Wort
vetaso vegam āyāntam
die Rohrweide, die heranströmende Wucht (Nom.Sg.; Akk.Sg.; Part.Präs. Akk.Sg.)
dṛṣṭvā namati
gesehen habend, beugt sich (Gerundium; 3.Sg.Präs.)
netaraḥ
nicht der andere (Nom.Sg.)
sa ca vege 'bhyatikrānte
und sie, wenn die Wucht vorüber ist (Nom.Sg.; Lok.abs.)
sthānam āsādya tiṣṭhati
nimmt den Platz ein und steht (Gerundium; 3.Sg.Präs.)

kālajñaḥ samayajñaś ca sadā vaśyaś ca nodrumaḥ; anulomas tathāstabdhas tena nābhyeti vetasaḥ

„Zeitkundig und satzungskundig, stets nachgiebig, kein [starrer] Baum, fügsam und nicht steif: darum wird die Rohrweide nicht [von der Flut überwältigt] [?].“

Wort für Wort
kālajñaḥ samayajñaś ca
zeitkundig und übereinkunftskundig (Nom.Sg.)
sadā vaśyaś ca
und stets nachgiebig (Nom.Sg.)
nodrumaḥ
kein [starrer] Baum [?] (Nom.Sg.)
anulomas tathāstabdhaḥ
fügsam und ebenso nicht steif (Nom.Sg.)
tena nābhyeti vetasaḥ
darum wird die Rohrweide nicht erreicht/überwältigt [?] (Instr.; 3.Sg.Präs.)

„nodrumaḥ“ und „nābhyeti“ unsicher; Sinn: die Rohrweide wird nicht zu Fall gebracht.

mārutodakavegena ye namanty unnamanti ca; oṣadhyaḥ pādapā gulmā na te yānti parābhavam

„Die Kräuter, Bäume und Sträucher, die sich unter der Wucht von Wind und Wasser beugen und [wieder] aufrichten, geraten nicht ins Verderben.“

Wort für Wort
mārutodakavegena
durch die Wucht von Wind und Wasser (Instr.Sg.; Tatpuruṣa)
ye namanty unnamanti ca
die sich beugen und sich aufrichten (Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.)
oṣadhyaḥ pādapā gulmāḥ
Kräuter, Bäume, Sträucher (Nom.Pl.)
na te yānti parābhavam
die gehen nicht dem Untergang entgegen (3.Pl.Präs.; Akk.Sg.)

yo hi śatror vivṛddhasya prabhor vadhavināśane; pūrvaṃ na sahate vegaṃ kṣipram eva sa naśyati

„Wer nämlich den Ansturm eines erstarkten, mächtigen Feindes, wenn es um Tötung und Vernichtung geht, nicht zuerst [nachgebend] erträgt, der geht schnell zugrunde.“

Wort für Wort
yo hi śatror vivṛddhasya
wer nämlich, [gegenüber] des erstarkten Feindes (Nom.Sg.; Gen.Sg.)
prabhor vadhavināśane
des Mächtigen, bei Tötung und Vernichtung (Gen.Sg.; Lok.Sg.)
pūrvaṃ na sahate vegam
zuerst nicht erträgt den Ansturm (Adv.; 3.Sg.Präs.Med.; Akk.Sg.)
kṣipram eva sa naśyati
schnell geht der zugrunde (Adv.; Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)

sārāsāraṃ balaṃ vīryam ātmano dviṣataś ca yaḥ; jānan vicarati prājño na sa yāti parābhavam

„Wer als Weiser Kern und Nichtkern, Stärke und Tapferkeit, seine eigene und die des Hassers, kennt und [so] umhergeht, der gerät nicht ins Verderben.“

Wort für Wort
sārāsāraṃ balaṃ vīryam
Kern und Nichtkern, Stärke, Tapferkeit (Akk.Sg.)
ātmano dviṣataś ca
des eigenen und des Hassers (Gen.Sg.; Part.Präs. Gen.Sg.)
yaḥ jānan vicarati prājñaḥ
wer wissend umhergeht, der Weise (Nom.Sg.; Part.Präs.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)
na sa yāti parābhavam
der geht nicht dem Untergang entgegen (3.Sg.Präs.; Akk.Sg.)

evam eva yadā vidvān manyetātibalaṃ ripum; saṃśrayed vaitasīṃ vṛttim evaṃ prajñānalakṣaṇam

„Ebenso: Wenn ein Kundiger einen Feind für übermächtig hält, soll er das Verhalten der Rohrweide annehmen; das ist das Kennzeichen der Klugheit.“

Wort für Wort
evam eva yadā vidvān
ebenso, wenn ein Wissender (Adv.; Nom.Sg.)
manyetātibalaṃ ripum
für übermächtig halten soll [er] den Feind (Opt. 3.Sg.Med.; Akk.Sg.)
saṃśrayed vaitasīṃ vṛttim
er soll annehmen das Rohrweiden-Verhalten (Opt. 3.Sg.; Akk.Sg.)
evaṃ prajñānalakṣaṇam
so [ist] das Kennzeichen der Klugheit (Adv.; Nom.Sg.)

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