Kapitel 313: śukajanakasaṃvāda
Śuka befragt König Janaka über die Erlösungslehre
Auf Geheiß seines Vaters Vyāsa sucht Śuka König Janaka von Videha auf, um ihn über den mokṣadharma zu befragen. Janaka legt zunächst die Stufenfolge der vier Lebensordnungen (āśramas) dar, erklärt dann aber, dass ein bereits erkenntnisgereiftes Wesen die Erlösung auch außerhalb dieser Stufenfolge erlangen kann, und schildert abschließend das Wesen des von Leidenschaft und Gegensatzpaaren freien, gleichmütigen Weisen.
bhīṣma uvāca; tataḥ sa rājā janako mantribhiḥ saha bhārata; puraḥ purohitaṃ kṛtvā sarvāṇy antaḥpurāṇi ca
Bhīṣma sprach: „Darauf, o Bhārata, [begab sich] jener König Janaka zusammen mit den Ministern, wobei er den Hauspriester vorausschickte, mitsamt allen [Frauen] des Frauengemachs,
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom./3.Sg.Perf.)
tataḥ
darauf, dann (Adv.)
sa rājā janakaḥ
jener König Janaka (Nom.Sg.)
mantribhiḥ saha
zusammen mit den Ministern (Instr.Pl.)
bhārata
o Bhārata (Vok., Anrede an Yudhiṣṭhira)
puraḥ purohitam kṛtvā
den Hauspriester voranstellend (Abs.)
sarvāṇi antaḥpurāṇi ca
und alle [Frauen] des Frauengemachs (Akk.Pl.)
Satz läuft grammatisch in Vers 2 weiter (Hauptverb samabhyagāt dort).
— einen Sitz voranstellend und mancherlei Kleinodien, und nachdem er mit erhobenem Haupt die Ehrengabe [arghya] genommen hatte, ging er dem Sohn des Lehrers [Śuka] entgegen.
tatropaviṣṭaṃ taṃ kārṣṇiṃ śāstrataḥ pratyapūjayat; pādyaṃ nivedya prathamam arghyaṃ gāṃ ca nyavedayat; sa ca tāṃ mantravat pūjāṃ pratyagṛhṇād yathāvidhi
Ihn, den dort sitzenden Sohn des Kṣṇa [Vyāsa, d. h. Śuka], verehrte er vorschriftsgemäß; nachdem er zuerst das Fußwasser dargeboten hatte, brachte er die Ehrengabe und eine Kuh dar. Und er [Śuka] nahm jene mit Mantras begleitete Verehrung ordnungsgemäß entgegen.
Wort für Wort
tatra upaviṣṭam taṃ kārṣṇim
ihn, den dort sitzenden Sohn des Kṣṇa [Śuka] (Akk.Sg.)
śāstrataḥ pratyapūjayat
verehrte gemäß der Lehre (3.Sg.Impf.)
pādyaṃ nivedya prathamam
nachdem er zuerst das Fußwasser dargeboten hatte (Abs.)
arghyaṃ gāṃ ca nyavedayat
brachte die Ehrengabe und eine Kuh dar (3.Sg.Impf.)
sa ca tāṃ mantravat pūjām
und er jene mit Mantras begleitete Verehrung (Akk.Sg.)
pratyagṛhṇāt yathāvidhi
nahm entgegen, vorschriftsgemäß (3.Sg.Impf./Adv.)
"kārṣṇi" = Patronym, "Sohn des Kṣṇa [Dvaipāyana, d. h. Vyāsa]", hier Bezeichnung für Śuka.
pratigṛhya ca tāṃ pūjāṃ janakād dvijasattamaḥ; gāṃ caiva samanujñāya rājānam anumānya ca
Und nachdem der Beste der Zweifachgeborenen [Śuka] jene Verehrung von Janaka entgegengenommen, die Kuh gebilligt/angenommen und dem König Achtung erwiesen hatte,
anujñātaḥ sa tenātha niṣasāda sahānugaḥ; udārasattvābhijano bhūmau rājā kṛtāñjaliḥ
Von ihm [Śuka] darauf dazu aufgefordert, setzte sich jener samt seinem Gefolge auf den Boden — der König, von edler Wesensart und Herkunft, mit gefalteten Händen.
kuśalaṃ cāvyayaṃ caiva pṛṣṭvā vaiyāsakiṃ nṛpaḥ; kim āgamanam ity eva paryapṛcchata pārthivaḥ
Nachdem der König den Sohn des Vyāsa nach Wohlergehen und Unwandelbarkeit gefragt hatte, fragte der Herrscher [weiter]: „Was ist der Grund deines Kommens?“
Wort für Wort
kuśalaṃ cāvyayaṃ caiva
und nach Wohlergehen und Unwandelbarkeit (Akk.Sg.)
śuka uvāca; pitrāham ukto bhadraṃ te mokṣadharmārthakovidaḥ; videharājo yājyo me janako nāma viśrutaḥ
Śuka sprach: „Mir sagte der Vater — Heil dir! —: ‚Kundig im Sinn der Erlösungslehre ist der König von Videha, mein Opferherr, mit Namen Janaka, der Berühmte.'
Wort für Wort
pitrā aham uktaḥ
von [meinem] Vater wurde ich angesprochen (Nom.Sg.Pass.)
bhadraṃ te
Heil dir (Formel)
mokṣadharmārthakovidaḥ
kundig im Sinn der Erlösungslehre (Nom.Sg., Adj., bez. auf Janaka)
videharājaḥ
der König von Videha (Nom.Sg.)
yājyo me
mein Opferherr (Nom.Sg./Gen.)
janako nāma viśrutaḥ
namens Janaka, der Berühmte (Nom.Sg.)
"bhadraṃ te" ist die eingeschobene Segensformel des Vaters (Vyāsa) an Śuka innerhalb dessen wiedergegebener Rede.
tatra gacchasva vai tūrṇaṃ yadi te hṛdi saṃśayaḥ; pravṛttau vā nivṛttau vā sa te chetsyati saṃśayam
‚Geh eilends dorthin, wenn in deinem Herzen ein Zweifel besteht, sei es über das Hinwenden zur Welt [Pravṛtti] oder das Abwenden von ihr [Nivṛtti] — er wird dir den Zweifel lösen.'
Wort für Wort
tatra gacchasva vai tūrṇam
geh dorthin eilends (2.Sg.Imp.)
yadi te hṛdi saṃśayaḥ
wenn in deinem Herzen ein Zweifel [ist] (Lok./Nom.)
pravṛttau vā nivṛttau vā
sei es über Weltzuwendung oder Weltabwendung (Lok.Sg.)
sa te chetsyati saṃśayam
er wird dir den Zweifel zerschlagen/lösen (3.Sg.Fut./Akk.)
kiṃ kāryaṃ brāhmaṇeneha mokṣārthaś ca kim ātmakaḥ; kathaṃ ca mokṣaḥ kartavyo jñānena tapasāpi vā
‚Was ist hier die Aufgabe eines Brahmanen, und was ist das Wesen des Erlösungsziels? Und wie ist die Erlösung zu vollziehen — durch Wissen oder auch durch Askese?'
Wort für Wort
kiṃ kāryaṃ brāhmaṇena iha
was ist hier die Aufgabe eines Brahmanen (Nom./Instr.)
mokṣārthaḥ ca kim ātmakaḥ
und was ist das Wesen des Erlösungsziels (Nom.Sg.)
kathaṃ ca mokṣaḥ kartavyaḥ
und wie ist die Erlösung zu vollziehen (Nom.Sg., Ger.)
Janaka sprach: „Höre, was hier die Aufgabe eines Brahmanen von Geburt an ist: Nachdem er die Initiation [Upanayana] empfangen hat, o Kind, soll er sich ganz dem Veda widmen.
— nachdem er, selbstbeherrscht, die Veden studiert und die [Lehrer-]Gabe entrichtet hat, und dann die Erlaubnis erhalten hat, soll der Zweifachgeborene heimkehren.
Wort für Wort
vedān adhītya
die Veden studiert habend (Abs.)
niyataḥ
selbstbeherrscht (Nom.Sg., Adj.)
dakṣiṇām apavarjya ca
und die Lehrergabe entrichtet habend (Abs.)
abhyanujñām atha prāpya
und dann die Erlaubnis erhalten habend (Abs.)
samāvarteta vai dvijaḥ
soll wahrlich der Zweifachgeborene heimkehren (3.Sg.Opt.)
samāvṛttas tu gārhasthye sadāro niyato vaset; anasūyur yathānyāyam āhitāgnis tathaiva ca
Zurückgekehrt aber soll er im Haushalterstand mit Gattin, selbstbeherrscht, wohnen — ohne Missgunst, den Regeln gemäß, und ebenso mit angelegtem [Opfer-]Feuer.
Wort für Wort
samāvṛttaḥ tu
zurückgekehrt aber (Nom.Sg., Ptz.Perf.)
gārhasthye sadāraḥ niyataḥ vaset
soll im Hausstand mit Gattin, selbstbeherrscht, wohnen (Lok./Nom./3.Sg.Opt.)
utpādya putrapautraṃ tu vanyāśramapade vaset; tān evāgnīn yathāśāstram arcayann atithipriyaḥ
Nachdem er aber Söhne und Enkel erzeugt hat, soll er an der Stätte des Waldasyls [Vānaprastha] wohnen, dabei ebenjene Feuer vorschriftsgemäß verehrend, den Gästen zugetan.
Wort für Wort
utpādya putrapautraṃ tu
aber Söhne und Enkel erzeugt habend (Abs.)
vanyāśramapade vaset
soll an der Stätte des Waldasyls wohnen (Lok./3.Sg.Opt.)
Er, im Wald, nachdem er die Feuer regelgemäß in sich selbst aufgenommen hat — der Dharmakundige, frei von Gegensatzpaaren, mit von Leidenschaft befreitem Selbst — soll an der Stätte des Brahman-[Standes, d. h. als Entsagender] wohnen.
Wort für Wort
sa vane agnīn yathānyāyam
er, im Wald, die Feuer regelgemäß (Nom./Akk.Pl./Adv.)
ātmani āropya
in sich selbst hineinversetzt habend (Abs.)
dharmavit
der Dharmakundige (Nom.Sg.)
nirdvaṃdvaḥ
frei von Gegensatzpaaren (Nom.Sg., Adj.)
vītarāgātmā
mit von Leidenschaft befreitem Selbst (Nom.Sg., Adj.)
brahmāśramapade vaset
soll an der Stätte der Brahman-Stufe wohnen (Lok./3.Sg.Opt.)
"ātmany āropya" bezieht sich auf das rituelle Internalisieren der Opferfeuer beim Übergang zur Entsagung (Saṃnyāsa).
śuka uvāca; utpanne jñānavijñāne pratyakṣe hṛdi śāśvate; kim avaśyaṃ nivastavyam āśrameṣu vaneṣu ca
Śuka sprach: „Wenn Wissen und Erkenntnis entstanden, im Herzen unmittelbar gegenwärtig und beständig geworden sind — muss man dann notwendig in den Lebensstufen und in den Wäldern verweilen?
Wort für Wort
utpanne jñānavijñāne
wenn Wissen und Erkenntnis entstanden sind (Lok.Abs.)
pratyakṣe hṛdi śāśvate
unmittelbar gegenwärtig im Herzen, beständig (Lok.Sg., Adj.)
janaka uvāca; na vinā jñānavijñānaṃ mokṣasyādhigamo bhavet; na vinā gurusaṃbandhaṃ jñānasyādhigamaḥ smṛtaḥ
Janaka sprach: „Ohne Wissen und Erkenntnis kann es kein Erlangen der Erlösung geben; ohne Verbindung mit einem Lehrer gilt kein Erlangen des Wissens [als möglich].
Wort für Wort
na vinā jñānavijñānam
nicht ohne Wissen und Erkenntnis (Akk.Sg.)
mokṣasya adhigamaḥ bhavet
kann es ein Erlangen der Erlösung geben (Gen./Nom./3.Sg.Opt.)
na vinā gurusaṃbandham
nicht ohne Verbindung mit dem Lehrer (Akk.Sg.)
jñānasya adhigamaḥ smṛtaḥ
gilt das Erlangen des Wissens (Gen./Nom.Sg., Ptz.Perf.Pass.)
ācāryaḥ plāvitā tasya jñānaṃ plava ihocyate; vijñāya kṛtakṛtyas tu tīrṇas tad ubhayaṃ tyajet
Der Lehrer ist sein Fährmann, das Wissen wird hier das Floß genannt. Nachdem er aber erkannt hat, soll er, der sein Werk vollbracht hat, [nun] übergesetzt, beides aufgeben.
Wort für Wort
ācāryaḥ plāvitā tasya
der Lehrer [ist] sein Fährmann (Nom.Sg.)
jñānaṃ plavaḥ iha ucyate
das Wissen wird hier Floß genannt (Nom.Sg./3.Sg.Präs.Pass.)
vijñāya kṛtakṛtyaḥ tu
erkannt habend, sein Werk vollbracht habend, aber (Abs./Nom.Sg.)
tīrṇaḥ tad ubhayaṃ tyajet
übergesetzt, soll beides aufgeben (Nom.Sg./Akk./3.Sg.Opt.)
"plāvitā" (Nom. von plāvitṛ) = „Fährmann, der ans andere Ufer bringt“; hier metaphorisch für den Lehrer.
Zum Nicht-Abreißen der Menschengeschlechter, zum Nicht-Abreißen der [rituellen] Werke wurde von den Altvorderen dieser Dharma geübt, der von den vier Lebensstufen handelt.
Wort für Wort
anucchedāya lokānām
zum Nicht-Abreißen der Welten/Menschengeschlechter (Dat.Sg./Gen.Pl.)
anucchedāya karmaṇām
zum Nicht-Abreißen der Werke (Dat.Sg./Gen.Pl.)
pūrvair ācaritaḥ dharmaḥ
von den Vorfahren geübter Dharma (Instr.Pl./Nom.Sg., Ptz.Perf.Pass.)
cāturāśramyasaṃkathaḥ
der von den vier Lebensstufen handelnde (Nom.Sg., Adj.)
Durch diese stufenweise Methode, nachdem man in vielen Geburten durch [rituelles] Handeln gute und schlechte Taten vollbracht hat, wird hier die sogenannte Erlösung erlangt.
Wort für Wort
anena kramayogena
durch diese stufenweise Methode (Instr.Sg.)
bahujātiṣu karmaṇā
in vielen Geburten durch Handeln (Lok.Pl./Instr.Sg.)
kṛtvā śubhāśubhaṃ karma
gute und schlechte Taten vollbracht habend (Abs./Akk.Sg.)
mokṣo nāma iha labhyate
wird hier die sogenannte Erlösung erlangt (Nom.Sg./3.Sg.Präs.Pass.)
bhavitaiḥ kāraṇaiś cāyaṃ bahusaṃsārayoniṣu; āsādayati śuddhātmā mokṣaṃ vai prathamāśrame
Und durch die [karmischen] Ursachen, die in den vielen Daseinsursprüngen des Weltenkreislaufs entstanden sind, erlangt der mit gereinigtem Selbst [Seiende] die Erlösung sogar schon in der ersten Lebensstufe.
Wort für Wort
bhavitaiḥ kāraṇaiḥ ca ayam
und durch entstandene Ursachen, dieser (Instr.Pl./Nom.Sg.)
bahusaṃsārayoniṣu
in den vielen Daseinsursprüngen des Weltenkreislaufs (Lok.Pl.)
āsādayati śuddhātmā
erlangt der mit gereinigtem Selbst (3.Sg.Präs./Nom.Sg.)
mokṣaṃ vai prathamāśrame
die Erlösung wahrlich in der ersten Lebensstufe (Akk.Sg./Lok.Sg.)
"prathamāśrame" (in der ersten Lebensstufe, d. h. als Brahmacārin) deutet an, dass ein durch frühere Geburten bereits gereiftes Wesen die Erlösung erlangen kann, ohne alle vier Lebensstufen durchlaufen zu müssen.
tam āsādya tu muktasya dṛṣṭārthasya vipaścitaḥ; triṣv āśrameṣu ko nv artho bhavet param abhīpsataḥ
Nachdem er dies erreicht hat, den Befreiten, der das Ziel erkannt hat, den Weisen – welchen Nutzen könnten da noch die drei [übrigen] Lebensstadien haben für den, der nach dem Höchsten verlangt?
Wort für Wort
tam āsādya tu
nachdem er dies (das Ziel) erreicht hat (Abs.)
muktasya dṛṣṭārthasya
des Befreiten, der das Ziel erkannt hat (Gen.Sg.)
vipaścitaḥ
des Weisen (Gen.Sg.)
triṣv āśrameṣu
in den drei Lebensstadien (Lok.Pl.)
ko nv artho bhavet
welchen Nutzen könnte es geben (Nom.Sg./3.Sg.Opt.)
param abhīpsataḥ
für den, der nach dem Höchsten verlangt (Gen.Sg.Part.)
Wie ein Vogel, der sich hoch über sein Fliegen [?] erhebt, erlangt er dort [im Jenseits] die Unendlichkeit: den Körper verlassend, befreit, jenseits der Gegensatzpaare, zur Ruhe gelangt.
Wort für Wort
pakṣī iva plavanād ūrdhvam
wie ein Vogel, hoch über dem Fliegen/Schweben (Nom.Sg./Abl.Sg.)
amutra anantyam aśnute
erlangt er dort [im Jenseits] die Unendlichkeit (3.Sg.Präs.)
vihāya dehaṃ
nachdem er den Körper verlassen hat (Abs./Akk.Sg.)
nirmukto nirdvaṃdvaḥ
befreit, jenseits der Gegensatzpaare (Nom.Sg.)
praśamaṃ gataḥ
zur Ruhe gelangt (Akk.Sg./Nom.Sg.Part.Perf.)
plavanād ūrdhvam ist unklar (Fliegen/Schweben über etwas hinaus); wörtlich mit [?] markiert.
Höre hierzu die Verse, die einst von König Yayāti gesungen wurden, mein Sohn, und die von den in der Erlösungslehre bewanderten Zweimalgeborenen bewahrt werden.
Wort für Wort
atra gāthāḥ purā gītāḥ
hierzu die einst gesungenen Verse (Akk.Pl.)
śṛṇu
höre! (2.Sg.Imp.)
rājñā yayātinā
von König Yayāti (Instr.Sg.)
dhāryante yā
die bewahrt werden (3.Pl.Präs.Pass./Nom.Pl.)
dvijais tāta
von den Zweimalgeborenen, mein Sohn (Instr.Pl./Vok.)
saṃyojya tapasātmānam īrṣyām utsṛjya mohinīm; tyaktvā kāmaṃ ca lobhaṃ ca tato brahmatvam aśnute
Nachdem er das Selbst durch Askese gefestigt [?], die verblendende Eifersucht abgelegt und Verlangen und Gier aufgegeben hat, erlangt er sodann das Brahmansein.
Wort für Wort
saṃyojya tapasā ātmānam
nachdem er das Selbst durch Askese vereint/gefestigt hat (Abs./Instr.Sg.)
īrṣyām utsṛjya mohinīm
die verblendende Eifersucht aufgegeben (Abs./Akk.Sg.)
tyaktvā kāmaṃ ca lobhaṃ ca
Verlangen und Gier abgelegt (Abs./Akk.Sg.)
tato brahmatvam aśnute
dann erlangt er das Brahmansein (3.Sg.Präs.)
saṃyojya ("vereinigend") ist mehrdeutig; mit welchem Bezugspunkt das Selbst "vereint" wird, bleibt offen, daher [?].
O Brahmanenweiser, du bist [mir] bekannt als einer, der ans Ende [alles Wissenswerten] gelangt ist – durch die Gnade deines Lehrers und durch deine eigene Unterweisung.
Wort für Wort
brahmarṣe
o Brahmanenweiser (Vok.Sg.)
viditaś ca asi
und du bist bekannt (Nom.Sg./2.Sg.Präs.)
viṣayāntam upāgataḥ
als einer, der ans Ende [alles Wissenswerten] gelangt ist (Akk.Sg./Nom.Sg.Part.Perf.)
guros tava prasādena
durch die Gnade deines Lehrers (Gen.Sg./Instr.Sg.)
Sei es aus Kindlichkeit, aus Zweifel oder aus einer aus mangelnder Befreiung entstandenen Furcht – selbst wenn die Erkenntnis entstanden ist, erlangt man jenen Zustand nicht.
Wort für Wort
bālyād vā saṃśayād vā api
sei es aus Kindlichkeit oder aus Zweifel (Abl.Sg.)
bhayād vā api avimokṣajāt
oder aus einer aus Unerlöstheit entstandenen Furcht (Abl.Sg.)
utpanne ca api vijñāne
selbst wenn die Erkenntnis entstanden ist (Lok.Sg.Abs.)
na adhigacchati tāṃ gatim
erlangt man jenen Zustand nicht (3.Sg.Präs./Akk.Sg.)
Durch reine Entschlossenheit, [wie sie] Menschen meiner Art [eigen ist], von Zweifel befreit, die Knoten des Herzens lösend, erlangt man jenen Zustand.
Und du, o Brahmane, in dem die Erkenntnis [bereits] entstanden ist, von festem Verstand und ohne Gier, erlangst jenes Höchste sogar ohne [eigene] Anstrengung.
Wort für Wort
bhavāṃś ca utpannavijñānaḥ
und du, in dem die Erkenntnis entstanden ist (Nom.Sg.)
sthirabuddhir alolupaḥ
von festem Verstand, ohne Gier (Nom.Sg.)
vyavasāyād ṛte brahmann
ohne [eigene] Anstrengung, o Brahmane (Abl.Sg./Vok.Sg.)
nāsti te sukhaduḥkheṣu viśeṣo nāsti lolupā; nautsukyaṃ nṛttagīteṣu na rāga upajāyate
Für dich gibt es keinen Unterschied zwischen Freude und Leid, keine Gier gibt es [bei dir]; kein Verlangen nach Tanz und Gesang, keine Leidenschaft entsteht [in dir].
Wort für Wort
nāsti te sukhaduḥkheṣu viśeṣo
für dich gibt es keinen Unterschied zwischen Freude und Leid (3.Sg.Präs./Gen.Sg./Lok.Pl./Nom.Sg.)
nāsti lolupā
es gibt keine Gier (3.Sg.Präs./Nom.Sg.)
na autsukyaṃ nṛttagīteṣu
kein Verlangen nach Tanz und Gesang (Nom.Sg./Lok.Pl.)
na bandhuṣu nibandhas te na bhayeṣv asti te bhayam; paśyāmi tvāṃ mahābhāga tulyaloṣṭāśmakāñcanam
Du hast keine Bindung an Verwandte, und vor furchterregenden Dingen kennst du keine Furcht; ich sehe dich, o Hochbeglückter, als einen, dem Erdkloß, Stein und Gold gleich sind.
Wort für Wort
na bandhuṣu nibandhas te
du hast keine Bindung an Verwandte (Lok.Pl./Nom.Sg./Gen.Sg.)
na bhayeṣv asti te bhayam
in furchterregenden Dingen gibt es für dich keine Furcht (Lok.Pl./3.Sg.Präs./Nom.Sg.)
paśyāmi tvāṃ mahābhāga
ich sehe dich, o Hochbeglückter (1.Sg.Präs./Akk.Sg./Vok.Sg.)
tulyaloṣṭāśmakāñcanam
als einen, dem Erdkloß, Stein und Gold gleich sind (Akk.Sg.)
yat phalaṃ brāhmaṇasyeha mokṣārthaś ca yad ātmakaḥ; tasmin vai vartase vipra kim anyat paripṛcchasi
Was auch der Lohn des Brahmanen in dieser [Welt] ist, und worin auch das Ziel der Erlösung besteht – darin, o Brahmane, befindest du dich bereits; was fragst du noch nach anderem?
Wort für Wort
yat phalaṃ brāhmaṇasya iha
was der Lohn des Brahmanen hier ist (Nom.Sg./Gen.Sg.)
mokṣārthaś ca yad ātmakaḥ
und worin das Ziel der Erlösung besteht (Nom.Sg.)
tasmin vai vartase vipra
darin befindest du dich, o Brahmane (Lok.Sg./2.Sg.Präs./Vok.Sg.)
kim anyat paripṛcchasi
was fragst du noch nach anderem (Akk.Sg./2.Sg.Präs.)