Kapitel 234: āśramadharma-brahmacaryavidhi
Śukas Frage nach Handeln und Entsagen; die vier Lebensstufen und die Pflichten des Schülers
Śuka fragt, wie der vedische Doppelbefehl „Handle!“ und „Entsage!“ zusammenpasst. Vyāsa antwortet mit der Lehre von den vier Lebensstufen und beschreibt ausführlich die Pflichten des Brahmacārin.
Śuka sprach: Die Schöpfung, die mit dem Vergänglichen [kṣara] beginnt, und die Sinnesorgane samt ihren Eigenschaften, ebenso die heilsame Meditation des Selbst zum Zweck der Entfaltung von Erkenntnis und Herrschermacht [ist mir nun dargelegt].
Wort für Wort
śuka uvāca
Śuka sprach (3.Sg.Perf.)
kṣarāt prabhṛti yaḥ sargaḥ
die Schöpfung, die vom Vergänglichen an [beginnt] (Abl./Nom.Sg.)
saguṇāni indriyāṇi ca
und die Sinnesorgane samt ihren Eigenschaften (Nom.Pl.)
buddhi-aiśvarya-abhisarga-artham
zum Zweck der Entfaltung von Erkenntnis und Herrschermacht (Kompositum, Akk./Adv.)
yad dhyānaṃ ca ātmanaḥ śubham
und die Meditation des Selbst, die heilsam ist (Nom.Sg.n./Gen.Sg.)
Der Satz ist elliptisch; das Prädikat fehlt im Text, sinngemäß als Rückgriff auf das zuvor Gelehrte ergänzt.
bhūya eva tu loke 'smin sadvṛttiṃ vṛttihaitukīm; yayā santaḥ pravartante tad icchāmy anuvarṇitam
Doch noch weiter will ich in dieser Welt das rechte Verhalten [sadvṛtti] hören, das auf Lebensunterhalt und Praxis beruht, durch das die Guten handeln; dies wünsche ich [von dir] ausführlich dargelegt.
Wort für Wort
bhūyas eva tu loke asmin
aber noch mehr in dieser Welt (Adv./Lok.Sg.)
sadvṛttiṃ vṛttihaitukīm
das rechte Verhalten, das auf Lebensführung gegründet ist (Akk.Sg.f.) [?]
yayā santaḥ pravartante
durch das die Guten tätig werden (Instr.Sg./Nom.Pl./3.Pl.Med.)
tad icchāmi anuvarṇitam
das wünsche ich ausführlich dargelegt (1.Sg.Präs./PPP)
vṛttihaitukī ist unsicher; gemeint wohl ‚auf den Lebensverhältnissen (vṛtti) als Grund beruhend‘.
Ich kenne die Wahrheit des weltlichen Treibens und bin durch die Unterweisung des Lehrers geläutert. Nachdem ich [mein] Erkennen gefasst habe, will ich, vom Selbst gelöst, furchtlos das Selbst [den Körper?] aufgeben.
Wort für Wort
lokavṛtta-anta-tattvajñaḥ
der Kenner der Wahrheit vom Ende/Wesen des weltlichen Treibens (Nom.Sg.m.)
pūtaḥ aham guru-śāsanāt
geläutert bin ich durch die Unterweisung des Lehrers (PPP/Abl.)
kṛtvā buddhim viyuktātmā
nachdem ich das Erkennen gefasst habe, mit gelöstem Selbst (Abs./Nom.Sg.)
tyakṣyāmi ātmānam avyathaḥ
werde ich das Selbst aufgeben, ohne Furcht (Fut.1.Sg./Akk.Sg.)
Zeile 1 (lokavṛttāntatattvajña) ist mehrdeutig; ‚anta‘ kann ‚Ende‘ oder ‚Wesen‘ bedeuten.
śuka uvāca; yad idaṃ vedavacanaṃ lokavāde virudhyate; pramāṇe cāpramāṇe ca viruddhe śāstratā kutaḥ
Śuka sprach: Dieses Vedawort, das der Weltrede widerspricht, und wo sich Maßgebliches und Nichtmaßgebliches widerstreiten, woher soll da die Geltung der Lehre kommen?
Wort für Wort
śuka uvāca
Śuka sprach (3.Sg.Perf.)
yad idaṃ veda-vacanam
dieses Wort des Veda (Nom.Sg.n.)
loka-vāde virudhyate
widerspricht der Weltrede (Lok./3.Sg.Pass.)
pramāṇe ca apramāṇe ca viruddhe
wenn Maßgebliches und Nichtmaßgebliches im Widerspruch stehen (Lok.abs.)
Bhīṣma sprach: So angesprochen, antwortete der Sohn der Gandhavatī [Vyāsa] seinem Sohn dies, wobei der Seher das Wort seines Sohnes von unermesslichem Glanz lobte.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
iti uktaḥ pratyuvāca idam
so angesprochen antwortete er dies (PPP/3.Sg.Perf.)
gandhavatyāḥ sutaḥ sutam
der Sohn der Gandhavatī seinem Sohn (Gen./Nom./Akk.Sg.)
ṛṣiḥ tat pūjayan vākyam
der Seher, dieses Wort preisend (Nom./Part.Präs./Akk.Sg.)
Der Hausvater, der Keuschheitsschüler, der Waldeinsiedler und der Bettelmönch: Alle, die dem Vorgeschriebenen gemäß handeln, gelangen zum höchsten Ziel.
Wort für Wort
gṛhasthaḥ brahmacārī ca
der Hausvater und der Brahmacārin (Nom.Sg.)
vānaprasthaḥ atha bhikṣukaḥ
der Waldeinsiedler und dann der Bettelmönch (Nom.Sg.)
Über die Pflichtarbeit für den Lehrer hinaus soll er, wenn er [Wissen] erlangen will, [beim Lehrer] lernen; geschickt und nicht tadelnd soll er sein, und gerufen soll er sich an den Lehrer wenden.
Wort für Wort
karma-atirekeṇa guroḥ
über das [übliche] Maß der Dienste des Lehrers hinaus (Instr.Sg./Gen.)
adhyetavyam bubhūṣatā
es ist zu lernen von dem, der es zu etwas bringen will (Gerundiv/Part.Des.)
dakṣiṇaḥ na apavādī syāt
er sei gewandt und kein Tadler (Nom.Sg./Opt.3.Sg.)
āhūtaḥ gurum āśrayet
gerufen soll er sich an den Lehrer halten (PPP/Opt.3.Sg.)
karmātirekeṇa ist mehrdeutig (‚durch Überschuss an Dienst‘); Wiedergabe mit den wenigsten Zusatzannahmen. [?]
Er soll später schlafen gehen [als der Lehrer] und früher aufstehen im Haus des Lehrers; und was ein Schüler oder auch ein Diener zu tun hat, [soll er tun].
Wort für Wort
jaghanya-śāyī pūrvam syāt
er sei als Letzter schlafend, früher [aufstehend] (Nom.Sg./Adv./Opt.)
utthāyī guru-veśmani
aufstehend im Haus des Lehrers (Nom.Sg.m./Lok.)
yat ca śiṣyeṇa kartavyam
und was vom Schüler zu tun ist (Gerundiv/Instr.)
kāryam dāsena vā punar
zu erledigen oder wiederum vom Diener (Gerundiv/Instr.)
Der Satz bleibt in 18cd unvollständig; Fortsetzung in Vers 19.
rein, geschickt, mit guten Eigenschaften, soll er sprechen, schnell wie ein Pfeil; mit dem Blick soll er den Lehrer aufmerksam ansehen, die Sinne bezwungen.
Wort für Wort
śuciḥ dakṣaḥ guṇa-upetaḥ
rein, gewandt, mit Tugenden ausgestattet (Nom.Sg.m.)
brūyāt iṣuḥ iva atvaraḥ
er soll sprechen, wie ein Pfeil, ohne Hast (Opt.3.Sg./Nom.Sg.)
cakṣuṣā gurum avyagraḥ
mit dem Auge, den Lehrer, ungestört (Instr./Akk./Nom.)
nirīkṣeta jita-indriyaḥ
soll er anschauen, die Sinne besiegt (Opt.3.Sg.Med./Nom.Sg.)
‚iṣur ivātvaraḥ‘ ist dunkel: wörtlich ‚wie ein Pfeil, nicht hastig‘. Gemeint wohl: geradeheraus, treffend, ohne Übereilung. [?]
nābhuktavati cāśnīyād apītavati no pibet; na tiṣṭhati tathāsīta nāsupte prasvapeta ca
Er soll nicht essen, wenn [der Lehrer] noch nicht gegessen hat, nicht trinken, wenn er noch nicht getrunken hat; nicht sitzen, wenn er steht, und nicht schlafen gehen, wenn er noch nicht schläft.
Wort für Wort
na abhuktavati ca aśnīyāt
nicht soll er essen, wenn [jener] nicht gegessen hat (Lok.Part.Perf./Opt.3.Sg.)
apītavati na pibet
noch nicht getrunken habend soll er nicht trinken (Lok./Opt.3.Sg.)
na tiṣṭhati tathā āsīta
nicht [soll er] sitzen, während [jener] steht (Lok./Opt.3.Sg.Med.)
na asupte prasvapeta ca
und nicht schlafen, wenn [jener] nicht schläft (Lok./Opt.3.Sg.Med.)
iti sarvam anujñāpya nivedya gurave dhanam; kuryāt kṛtvā ca tat sarvam ākhyeyaṃ gurave punaḥ
Nachdem er so für alles die Erlaubnis eingeholt und dem Lehrer den Ertrag angezeigt hat, soll er handeln, und nachdem er all das getan hat, soll er es dem Lehrer wieder melden.
Wort für Wort
iti sarvam anujñāpya
so alles die Erlaubnis einholend (Abs.)
nivedya gurave dhanam
dem Lehrer den Besitz/Ertrag übergebend (Abs./Dat./Akk.)
kuryāt kṛtvā ca tat sarvam
er soll handeln und nachdem er dies alles getan hat (Opt.3.Sg./Abs.)
ākhyeyam gurave punaḥ
es ist dem Lehrer wieder zu melden (Gerundiv/Dat./Adv.)
nivedya gurave dhanam: ‚Besitz übergeben‘ oder ‚Ertrag melden‘; ohne sichere Entscheidung. [?]
yāṃs tu gandhān rasān vāpi brahmacārī na sevate; seveta tān samāvṛtta iti dharmeṣu niścayaḥ
Welche Düfte oder Säfte der Brahmacārin nicht genießt, die soll er, nachdem er heimgekehrt [samāvṛtta] ist, genießen: dies ist die feste Bestimmung in den Rechtsvorschriften.
Wort für Wort
yān tu gandhān rasān vā api
welche Düfte oder Geschmäcke (Akk.Pl.)
brahmacārī na sevate
der Brahmacārin nicht genießt (3.Sg.Med.)
seveta tān samāvṛttaḥ
die soll er genießen, heimgekehrt (Opt.3.Sg.Med./Nom.Sg.)
iti dharmeṣu niścayaḥ
so ist die Bestimmung in den Rechtstexten (Lok.Pl./Nom.Sg.)
Wenn das vierte Viertel der Lebenszeit mit Vedagelübde und Fasten vergangen ist, soll er dem Lehrer den Lehrerlohn geben und nach Vorschrift heimkehren.
Wort für Wort
veda-vrata-upavāsena
durch Veda-Gelübde und Fasten (Instr.Sg.)
caturthe ca āyuṣaḥ gate
und wenn das vierte [Viertel] der Lebenszeit vergangen ist (Lok.abs.)
gurave dakṣiṇām dattvā
dem Lehrer den Lehrerlohn gegeben habend (Dat./Akk./Abs.)
samāvarted yathāvidhi
soll heimkehren nach Vorschrift (Opt.3.Sg./Adv.)
caturthe cāyuṣo gate: wörtlich ‚wenn das Vierte der Lebenszeit vergangen ist‘, d. h. nach dem ersten Lebensviertel (Zählung des Textes uneinheitlich). [?]
Mit einer auf rechte Weise erworbenen Gattin verbunden, nachdem er die Feuer rechtmäßig entzündet hat, soll er das zweite Viertel der Lebenszeit dem Hausherrengelübde folgen.
Wort für Wort
dharma-labdhaiḥ yutaḥ dāraiḥ
mit rechtmäßig erworbener Gattin verbunden (Instr.Pl./PPP)
agnīn utpādya dharmataḥ
die Feuer entzündend, rechtmäßig (Abs./Akk.Pl./Adv.)
dvitīyam āyuṣaḥ bhāgam
der zweite Teil der Lebenszeit (Akk.Sg.)
gṛha-medhi-vratī bhavet
dem Gelübde des Hausherrn folgend soll er sein (Nom.Sg./Opt.3.Sg.)
dāraiḥ ist Plural (‚Gattinnen‘) und wird oft für ‚Gattin‘ gebraucht.