Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 234: āśramadharma-brahmacaryavidhi Śukas Frage nach Handeln und Entsagen; die vier Lebensstufen und die Pflichten des Schülers

Śuka fragt, wie der vedische Doppelbefehl „Handle!“ und „Entsage!“ zusammenpasst. Vyāsa antwortet mit der Lehre von den vier Lebensstufen und beschreibt ausführlich die Pflichten des Brahmacārin.

śuka uvāca; kṣarāt prabhṛti yaḥ sargaḥ saguṇānīndriyāṇi ca; buddhyaiśvaryābhisargārthaṃ yad dhyānaṃ cātmanaḥ śubham

Śuka sprach: Die Schöpfung, die mit dem Vergänglichen [kṣara] beginnt, und die Sinnesorgane samt ihren Eigenschaften, ebenso die heilsame Meditation des Selbst zum Zweck der Entfaltung von Erkenntnis und Herrschermacht [ist mir nun dargelegt].

Wort für Wort
śuka uvāca
Śuka sprach (3.Sg.Perf.)
kṣarāt prabhṛti yaḥ sargaḥ
die Schöpfung, die vom Vergänglichen an [beginnt] (Abl./Nom.Sg.)
saguṇāni indriyāṇi ca
und die Sinnesorgane samt ihren Eigenschaften (Nom.Pl.)
buddhi-aiśvarya-abhisarga-artham
zum Zweck der Entfaltung von Erkenntnis und Herrschermacht (Kompositum, Akk./Adv.)
yad dhyānaṃ ca ātmanaḥ śubham
und die Meditation des Selbst, die heilsam ist (Nom.Sg.n./Gen.Sg.)

Der Satz ist elliptisch; das Prädikat fehlt im Text, sinngemäß als Rückgriff auf das zuvor Gelehrte ergänzt.

bhūya eva tu loke 'smin sadvṛttiṃ vṛttihaitukīm; yayā santaḥ pravartante tad icchāmy anuvarṇitam

Doch noch weiter will ich in dieser Welt das rechte Verhalten [sadvṛtti] hören, das auf Lebensunterhalt und Praxis beruht, durch das die Guten handeln; dies wünsche ich [von dir] ausführlich dargelegt.

Wort für Wort
bhūyas eva tu loke asmin
aber noch mehr in dieser Welt (Adv./Lok.Sg.)
sadvṛttiṃ vṛttihaitukīm
das rechte Verhalten, das auf Lebensführung gegründet ist (Akk.Sg.f.) [?]
yayā santaḥ pravartante
durch das die Guten tätig werden (Instr.Sg./Nom.Pl./3.Pl.Med.)
tad icchāmi anuvarṇitam
das wünsche ich ausführlich dargelegt (1.Sg.Präs./PPP)

vṛttihaitukī ist unsicher; gemeint wohl ‚auf den Lebensverhältnissen (vṛtti) als Grund beruhend‘.

vede vacanam uktaṃ tu kuru karma tyajeti ca; katham etad vijānīyāṃ tac ca vyākhyātum arhasi

Im Veda aber ist das Wort gesprochen: „Tu das Werk!“ und ebenso „Lass es!“. Wie soll ich dies verstehen? Das mögest du mir erklären.

Wort für Wort
vede vacanam uktam tu
im Veda ist aber ein Wort gesagt (Lok.Sg./Nom.Sg.n./PPP)
kuru karma tyaja iti ca
„Tu das Werk“ und „gib auf“ (Imp.2.Sg. ×2)
katham etad vijānīyām
wie sollte ich dies verstehen (Opt.1.Sg.)
tac ca vyākhyātum arhasi
und dies darzulegen bist du imstande (Inf./2.Sg.Präs.)

lokavṛttāntatattvajñaḥ pūto 'haṃ guruśāsanāt; kṛtvā buddhiṃ viyuktātmā tyakṣyāmy ātmānam avyathaḥ

Ich kenne die Wahrheit des weltlichen Treibens und bin durch die Unterweisung des Lehrers geläutert. Nachdem ich [mein] Erkennen gefasst habe, will ich, vom Selbst gelöst, furchtlos das Selbst [den Körper?] aufgeben.

Wort für Wort
lokavṛtta-anta-tattvajñaḥ
der Kenner der Wahrheit vom Ende/Wesen des weltlichen Treibens (Nom.Sg.m.)
pūtaḥ aham guru-śāsanāt
geläutert bin ich durch die Unterweisung des Lehrers (PPP/Abl.)
kṛtvā buddhim viyuktātmā
nachdem ich das Erkennen gefasst habe, mit gelöstem Selbst (Abs./Nom.Sg.)
tyakṣyāmi ātmānam avyathaḥ
werde ich das Selbst aufgeben, ohne Furcht (Fut.1.Sg./Akk.Sg.)

Zeile 1 (lokavṛttāntatattvajña) ist mehrdeutig; ‚anta‘ kann ‚Ende‘ oder ‚Wesen‘ bedeuten.

vyāsa uvāca; yaiṣā vai vihitā vṛttiḥ purastād brahmaṇā svayam; eṣā pūrvataraiḥ sadbhir ācīrṇā paramarṣibhiḥ

Vyāsa sprach: Diese Lebensweise, die einst von Brahmā selbst festgesetzt wurde, ist von den früheren guten höchsten Sehern geübt worden.

Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (3.Sg.Perf.)
yā eṣā vai vihitā vṛttiḥ
diese Lebensweise, die festgesetzt wurde (Nom.Sg.f./PPP)
purastād brahmaṇā svayam
zuvor von Brahmā selbst (Adv./Instr.Sg.)
eṣā pūrvataraiḥ sadbhiḥ ācīrṇā
sie ist von früheren Guten geübt worden (Instr.Pl./PPP)
paramarṣibhiḥ
von den höchsten Sehern (Instr.Pl.)

brahmacaryeṇa vai lokāñ jayanti paramarṣayaḥ; ātmanaś ca hṛdi śreyas tv anviccha manasātmani

Durch Keuschheit [brahmacarya] gewinnen die höchsten Seher die Welten. Suche auch das Heil des Selbst im Herzen, mit dem Geist im Selbst.

Wort für Wort
brahmacaryeṇa vai lokān
durch Brahmacarya wahrlich die Welten (Instr.Sg./Akk.Pl.)
jayanti paramarṣayaḥ
gewinnen die höchsten Seher (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
ātmanaḥ ca hṛdi śreyaḥ tu
und das Heil des Selbst im Herzen (Gen./Lok.Sg./Akk.Sg.n.)
anviccha manasā ātmani
suche mit dem Geist im Selbst (Imp.2.Sg./Instr./Lok.)

vane mūlaphalāśī ca tapyan suvipulaṃ tapaḥ; puṇyāyatanacārī ca bhūtānām avihiṃsakaḥ

Im Wald von Wurzeln und Früchten sich nährend, sehr große Askese übend, an heiligen Stätten wandernd und den Wesen nichts zuleide tuend,

Wort für Wort
vane mūla-phala-āśī ca
und im Wald Wurzeln und Früchte essend (Lok./Nom.Sg.m.)
tapyan suvipulaṃ tapaḥ
sehr große Askese übend (Part.Präs./Akk.Sg.)
puṇya-āyatana-cārī ca
und an heiligen Stätten wandernd (Nom.Sg.m.)
bhūtānām avihiṃsakaḥ
den Wesen kein Leid zufügend (Gen.Pl./Nom.Sg.m.)

vidhūme sannamusale vānaprasthapratiśraye; kāle prāpte caran bhaikṣaṃ kalpate brahmabhūyase

in einer Waldeinsiedelei ohne Rauch, wo der Mörser ruht, wenn die Zeit gekommen ist, Almosen sammelnd, taugt man zum Brahman-Sein.

Wort für Wort
vidhūme sanna-musale
wo kein Rauch ist und der Mörser ruht (Lok.Sg.)
vānaprastha-pratiśraye
in der Zuflucht/Einsiedelei der Waldeinsiedler (Lok.Sg.)
kāle prāpte caran bhaikṣam
wenn die Zeit gekommen ist, Almosen erbittend umhergehend (Lok.abs./Part.Präs./Akk.Sg.)
kalpate brahma-bhūyase
wird tauglich zum Brahman-Werden (3.Sg.Med./Dat.)

niḥstutir nirnamaskāraḥ parityajya śubhāśubhe; araṇye vicaraikākī yena kena cid āśitaḥ

Ohne Lobpreis, ohne Verehrungsgruß, Gutes und Schlechtes aufgebend, wandere im Wald allein umher, mit dem, was du gerade bekommst, gesättigt.

Wort für Wort
niḥstutiḥ nirnamaskāraḥ
ohne Lobgesang, ohne Verehrungsgruß (Nom.Sg.m.)
parityajya śubha-aśubhe
Gutes und Schlechtes aufgebend (Abs./Akk.Du.n.)
araṇye vicara ekākī
im Wald wandere allein (Lok./Imp.2.Sg./Nom.Sg.)
yena kena cid āśitaḥ
mit was auch immer gesättigt (Instr.Sg./Nom.Sg.m. PPP)

śuka uvāca; yad idaṃ vedavacanaṃ lokavāde virudhyate; pramāṇe cāpramāṇe ca viruddhe śāstratā kutaḥ

Śuka sprach: Dieses Vedawort, das der Weltrede widerspricht, und wo sich Maßgebliches und Nichtmaßgebliches widerstreiten, woher soll da die Geltung der Lehre kommen?

Wort für Wort
śuka uvāca
Śuka sprach (3.Sg.Perf.)
yad idaṃ veda-vacanam
dieses Wort des Veda (Nom.Sg.n.)
loka-vāde virudhyate
widerspricht der Weltrede (Lok./3.Sg.Pass.)
pramāṇe ca apramāṇe ca viruddhe
wenn Maßgebliches und Nichtmaßgebliches im Widerspruch stehen (Lok.abs.)
śāstratā kutaḥ
woher [dann] Lehrautorität (Nom.Sg.f./Interrog.)

ity etac chrotum icchāmi bhagavān prabravītu me; karmaṇām avirodhena katham etat pravartate

Dies möchte ich hören; der Erhabene möge es mir darlegen: Wie kann dies ohne Widerspruch der Werke zur Geltung kommen?

Wort für Wort
iti etat śrotum icchāmi
dies möchte ich hören (Inf./1.Sg.Präs.)
bhagavān prabravītu me
der Erhabene möge mir sagen (Nom.Sg./Imp.3.Sg./Dat.)
karmaṇām avirodhena
ohne Widerspruch der Werke (Gen.Pl./Instr.Sg.)
katham etat pravartate
wie kommt dies in Gang (3.Sg.Med.)

bhīṣma uvāca; ity uktaḥ pratyuvācedaṃ gandhavatyāḥ sutaḥ sutam; ṛṣis tat pūjayan vākyaṃ putrasyāmitatejasaḥ

Bhīṣma sprach: So angesprochen, antwortete der Sohn der Gandhavatī [Vyāsa] seinem Sohn dies, wobei der Seher das Wort seines Sohnes von unermesslichem Glanz lobte.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
iti uktaḥ pratyuvāca idam
so angesprochen antwortete er dies (PPP/3.Sg.Perf.)
gandhavatyāḥ sutaḥ sutam
der Sohn der Gandhavatī seinem Sohn (Gen./Nom./Akk.Sg.)
ṛṣiḥ tat pūjayan vākyam
der Seher, dieses Wort preisend (Nom./Part.Präs./Akk.Sg.)
putrasya amita-tejasaḥ
des Sohnes von unermesslichem Glanz (Gen.Sg.)

gṛhastho brahmacārī ca vānaprastho 'tha bhikṣukaḥ; yathoktakāriṇaḥ sarve gacchanti paramāṃ gatim

Der Hausvater, der Keuschheitsschüler, der Waldeinsiedler und der Bettelmönch: Alle, die dem Vorgeschriebenen gemäß handeln, gelangen zum höchsten Ziel.

Wort für Wort
gṛhasthaḥ brahmacārī ca
der Hausvater und der Brahmacārin (Nom.Sg.)
vānaprasthaḥ atha bhikṣukaḥ
der Waldeinsiedler und dann der Bettelmönch (Nom.Sg.)
yathā-ukta-kāriṇaḥ sarve
alle, die wie gesagt handeln (Nom.Pl.m.)
gacchanti paramāṃ gatim
gelangen zum höchsten Ziel (3.Pl.Präs./Akk.Sg.f.)

eko ya āśramān etān anutiṣṭhed yathāvidhi; akāmadveṣasaṃyuktaḥ sa paratra mahīyate

Wer auch nur eine dieser Lebensstufen vorschriftsgemäß befolgt, frei von Begehren und Abneigung, der wird im Jenseits geehrt.

Wort für Wort
ekaḥ yaḥ āśramān etān
wer eine dieser Lebensstufen (Nom.Sg./Akk.Pl.)
anutiṣṭhet yathāvidhi
befolgen sollte, nach Vorschrift (Opt.3.Sg./Adv.)
akāma-dveṣa-saṃyuktaḥ
frei von Begehren und Hass verbunden [mit Freiheit] (Nom.Sg.m.)
saḥ paratra mahīyate
der wird im Jenseits geehrt (3.Sg.Pass.)

akāmadveṣasaṃyukta: ‚ausgestattet mit Nicht-Begehren und Nicht-Abneigung‘ bzw. ‚frei von‘; hier sinngemäß wiedergegeben.

catuṣpadī hi niḥśreṇī brahmaṇy eṣā pratiṣṭhitā; etām āśritya niḥśreṇīṃ brahmaloke mahīyate

Vierstufig ist diese Leiter, im Brahman gegründet; auf diese Leiter gestiegen, wird man in der Brahma-Welt geehrt.

Wort für Wort
catuṣpadī hi niḥśreṇī
vierstufig ist ja die Leiter (Nom.Sg.f.)
brahmaṇi eṣā pratiṣṭhitā
im Brahman ist sie gegründet (Lok./PPP)
etām āśritya niḥśreṇīm
auf diese Leiter sich stützend (Abs./Akk.Sg.)
brahma-loke mahīyate
in der Brahma-Welt wird man geehrt (Lok./3.Sg.Pass.)

āyuṣas tu caturbhāgaṃ brahmacāryanasūyakaḥ; gurau vā guruputre vā vased dharmārthakovidaḥ

Ein Viertel der Lebenszeit soll der Brahmacārin, ohne Missgunst, beim Lehrer oder beim Sohn des Lehrers weilen, kundig in Recht und Nutzen.

Wort für Wort
āyuṣaḥ tu catur-bhāgam
ein Viertel der Lebenszeit (Gen./Akk.Sg.)
brahmacārī anasūyakaḥ
der Brahmacārin, ohne Missgunst (Nom.Sg.)
gurau vā guru-putre vā
beim Lehrer oder beim Sohn des Lehrers (Lok.Sg.)
vaset dharma-artha-kovidaḥ
soll weilen, kundig in Dharma und Artha (Opt.3.Sg./Nom.Sg.)

karmātirekeṇa guror adhyetavyaṃ bubhūṣatā; dakṣiṇo nāpavādī syād āhūto gurum āśrayet

Über die Pflichtarbeit für den Lehrer hinaus soll er, wenn er [Wissen] erlangen will, [beim Lehrer] lernen; geschickt und nicht tadelnd soll er sein, und gerufen soll er sich an den Lehrer wenden.

Wort für Wort
karma-atirekeṇa guroḥ
über das [übliche] Maß der Dienste des Lehrers hinaus (Instr.Sg./Gen.)
adhyetavyam bubhūṣatā
es ist zu lernen von dem, der es zu etwas bringen will (Gerundiv/Part.Des.)
dakṣiṇaḥ na apavādī syāt
er sei gewandt und kein Tadler (Nom.Sg./Opt.3.Sg.)
āhūtaḥ gurum āśrayet
gerufen soll er sich an den Lehrer halten (PPP/Opt.3.Sg.)

karmātirekeṇa ist mehrdeutig (‚durch Überschuss an Dienst‘); Wiedergabe mit den wenigsten Zusatzannahmen. [?]

jaghanyaśāyī pūrvaṃ syād utthāyī guruveśmani; yac ca śiṣyeṇa kartavyaṃ kāryaṃ dāsena vā punaḥ

Er soll später schlafen gehen [als der Lehrer] und früher aufstehen im Haus des Lehrers; und was ein Schüler oder auch ein Diener zu tun hat, [soll er tun].

Wort für Wort
jaghanya-śāyī pūrvam syāt
er sei als Letzter schlafend, früher [aufstehend] (Nom.Sg./Adv./Opt.)
utthāyī guru-veśmani
aufstehend im Haus des Lehrers (Nom.Sg.m./Lok.)
yat ca śiṣyeṇa kartavyam
und was vom Schüler zu tun ist (Gerundiv/Instr.)
kāryam dāsena vā punar
zu erledigen oder wiederum vom Diener (Gerundiv/Instr.)

Der Satz bleibt in 18cd unvollständig; Fortsetzung in Vers 19.

kṛtam ity eva tat sarvaṃ kṛtvā tiṣṭheta pārśvataḥ; kiṃkaraḥ sarvakārī ca sarvakarmasu kovidaḥ

„Es ist getan“: so soll er alles, was er getan hat, [dem Lehrer meldend] daneben stehen; ein Diener, alles verrichtend, in allen Werken kundig,

Wort für Wort
kṛtam iti eva tat sarvam
„Getan“, so [meldend] all dies (PPP/Akk.Sg.n.)
kṛtvā tiṣṭheta pārśvataḥ
nachdem er es getan hat, soll er seitlich stehen (Abs./Opt.3.Sg.Med./Adv.)
kiṃkaraḥ sarvakārī ca
ein Diener und Alles-Verrichter (Nom.Sg.)
sarva-karmasu kovidaḥ
in allen Werken kundig (Lok.Pl./Nom.Sg.)

śucir dakṣo guṇopeto brūyād iṣur ivātvaraḥ; cakṣuṣā gurum avyagro nirīkṣeta jitendriyaḥ

rein, geschickt, mit guten Eigenschaften, soll er sprechen, schnell wie ein Pfeil; mit dem Blick soll er den Lehrer aufmerksam ansehen, die Sinne bezwungen.

Wort für Wort
śuciḥ dakṣaḥ guṇa-upetaḥ
rein, gewandt, mit Tugenden ausgestattet (Nom.Sg.m.)
brūyāt iṣuḥ iva atvaraḥ
er soll sprechen, wie ein Pfeil, ohne Hast (Opt.3.Sg./Nom.Sg.)
cakṣuṣā gurum avyagraḥ
mit dem Auge, den Lehrer, ungestört (Instr./Akk./Nom.)
nirīkṣeta jita-indriyaḥ
soll er anschauen, die Sinne besiegt (Opt.3.Sg.Med./Nom.Sg.)

‚iṣur ivātvaraḥ‘ ist dunkel: wörtlich ‚wie ein Pfeil, nicht hastig‘. Gemeint wohl: geradeheraus, treffend, ohne Übereilung. [?]

nābhuktavati cāśnīyād apītavati no pibet; na tiṣṭhati tathāsīta nāsupte prasvapeta ca

Er soll nicht essen, wenn [der Lehrer] noch nicht gegessen hat, nicht trinken, wenn er noch nicht getrunken hat; nicht sitzen, wenn er steht, und nicht schlafen gehen, wenn er noch nicht schläft.

Wort für Wort
na abhuktavati ca aśnīyāt
nicht soll er essen, wenn [jener] nicht gegessen hat (Lok.Part.Perf./Opt.3.Sg.)
apītavati na pibet
noch nicht getrunken habend soll er nicht trinken (Lok./Opt.3.Sg.)
na tiṣṭhati tathā āsīta
nicht [soll er] sitzen, während [jener] steht (Lok./Opt.3.Sg.Med.)
na asupte prasvapeta ca
und nicht schlafen, wenn [jener] nicht schläft (Lok./Opt.3.Sg.Med.)

uttānābhyāṃ ca pāṇibhyāṃ pādāv asya mṛdu spṛśet; dakṣiṇaṃ dakṣiṇenaiva savyaṃ savyena pīḍayet

Mit nach oben gekehrten Händen soll er ihm sanft die Füße berühren; den rechten [Fuß] mit der Rechten, den linken mit der Linken soll er massieren.

Wort für Wort
uttānābhyāṃ ca pāṇibhyām
und mit nach oben gekehrten Händen (Instr.Du.)
pādau asya mṛdu spṛśet
seine Füße sanft soll er berühren (Akk.Du./Adv./Opt.3.Sg.)
dakṣiṇaṃ dakṣiṇena eva
den rechten mit dem rechten [Hand] (Akk./Instr.)
savyaṃ savyena pīḍayet
den linken mit dem linken soll er drücken/massieren (Akk./Instr./Opt.3.Sg.Kaus.)

abhivādya guruṃ brūyād adhīṣva bhagavann iti; idaṃ kariṣye bhagavann idaṃ cāpi kṛtaṃ mayā

Nachdem er den Lehrer begrüßt hat, soll er sagen: „Lehre [mich], Erhabener!“; „Dies werde ich tun, Erhabener, und dies habe ich auch getan.“

Wort für Wort
abhivādya gurum brūyāt
den Lehrer begrüßt habend soll er sagen (Abs./Akk./Opt.3.Sg.)
adhīṣva bhagavan iti
„Lehre/Lies, Erhabener“ (Imp.2.Sg.Med./Vok.)
idam kariṣye bhagavan
„dies werde ich tun, Erhabener“ (Fut.1.Sg.Med.)
idam ca api kṛtam mayā
„und dies ist auch von mir getan“ (PPP/Instr.)

adhīṣva: ‚bitte um Unterricht/lehre mich‘; Wiedergabe in der Bedeutung der Aufforderung an den Lehrer zu unterrichten.

brahmaṃs tad api kartāsmi yad bhavān vakṣyate punaḥ

„O Brahmane, auch das werde ich tun, was Ihr weiterhin sagen werdet.“

Wort für Wort
brahman tad api kartā asmi
„Brahmane, auch das werde ich tun“ (Vok./Nom.Ag.+1.Sg.Präs.)
yad bhavān vakṣyate punaḥ
„was Ihr wiederum sagen werdet“ (Nom./Fut.3.Sg.Pass./Adv.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

iti sarvam anujñāpya nivedya gurave dhanam; kuryāt kṛtvā ca tat sarvam ākhyeyaṃ gurave punaḥ

Nachdem er so für alles die Erlaubnis eingeholt und dem Lehrer den Ertrag angezeigt hat, soll er handeln, und nachdem er all das getan hat, soll er es dem Lehrer wieder melden.

Wort für Wort
iti sarvam anujñāpya
so alles die Erlaubnis einholend (Abs.)
nivedya gurave dhanam
dem Lehrer den Besitz/Ertrag übergebend (Abs./Dat./Akk.)
kuryāt kṛtvā ca tat sarvam
er soll handeln und nachdem er dies alles getan hat (Opt.3.Sg./Abs.)
ākhyeyam gurave punaḥ
es ist dem Lehrer wieder zu melden (Gerundiv/Dat./Adv.)

nivedya gurave dhanam: ‚Besitz übergeben‘ oder ‚Ertrag melden‘; ohne sichere Entscheidung. [?]

yāṃs tu gandhān rasān vāpi brahmacārī na sevate; seveta tān samāvṛtta iti dharmeṣu niścayaḥ

Welche Düfte oder Säfte der Brahmacārin nicht genießt, die soll er, nachdem er heimgekehrt [samāvṛtta] ist, genießen: dies ist die feste Bestimmung in den Rechtsvorschriften.

Wort für Wort
yān tu gandhān rasān vā api
welche Düfte oder Geschmäcke (Akk.Pl.)
brahmacārī na sevate
der Brahmacārin nicht genießt (3.Sg.Med.)
seveta tān samāvṛttaḥ
die soll er genießen, heimgekehrt (Opt.3.Sg.Med./Nom.Sg.)
iti dharmeṣu niścayaḥ
so ist die Bestimmung in den Rechtstexten (Lok.Pl./Nom.Sg.)

ye ke cid vistareṇoktā niyamā brahmacāriṇaḥ; tān sarvān anugṛhṇīyād bhavec cānapago guroḥ

Alle Regeln des Brahmacārin, die irgendwo ausführlich genannt sind, soll er sämtlich befolgen und dem Lehrer nicht untreu werden.

Wort für Wort
ye ke cid vistareṇa uktāḥ
welche auch immer ausführlich genannt sind (Nom.Pl./Instr.Sg./PPP)
niyamāḥ brahmacāriṇaḥ
die Regeln des Brahmacārin (Nom.Pl./Gen.Sg.)
tān sarvān anugṛhṇīyāt
diese alle soll er beachten (Akk.Pl./Opt.3.Sg.)
bhavet ca anapagaḥ guroḥ
und er soll dem Lehrer nicht abtrünnig sein (Opt.3.Sg./Nom.Sg./Abl.)

anugṛhṇīyāt: hier ‚aufnehmen, befolgen‘; sonst ‚begünstigen‘.

sa evaṃ gurave prītim upahṛtya yathābalam; āśrameṣv āśrameṣv evaṃ śiṣyo varteta karmaṇā

Nachdem er dem Lehrer so nach Kräften Freude bereitet hat, soll der Schüler in den einzelnen Lebensstufen ebenso durch sein Handeln verfahren.

Wort für Wort
saḥ evaṃ gurave prītim
er, so, dem Lehrer Freude (Nom./Dat./Akk.Sg.)
upahṛtya yathābalam
nachdem er [sie] dargebracht hat, nach Kräften (Abs./Adv.)
āśrameṣu āśrameṣu evam
in Lebensstufe um Lebensstufe ebenso (Lok.Pl.)
śiṣyaḥ varteta karmaṇā
soll der Schüler verfahren durch Handeln (Nom./Opt.3.Sg.Med./Instr.)

vedavratopavāsena caturthe cāyuṣo gate; gurave dakṣiṇāṃ dattvā samāvarted yathāvidhi

Wenn das vierte Viertel der Lebenszeit mit Vedagelübde und Fasten vergangen ist, soll er dem Lehrer den Lehrerlohn geben und nach Vorschrift heimkehren.

Wort für Wort
veda-vrata-upavāsena
durch Veda-Gelübde und Fasten (Instr.Sg.)
caturthe ca āyuṣaḥ gate
und wenn das vierte [Viertel] der Lebenszeit vergangen ist (Lok.abs.)
gurave dakṣiṇām dattvā
dem Lehrer den Lehrerlohn gegeben habend (Dat./Akk./Abs.)
samāvarted yathāvidhi
soll heimkehren nach Vorschrift (Opt.3.Sg./Adv.)

caturthe cāyuṣo gate: wörtlich ‚wenn das Vierte der Lebenszeit vergangen ist‘, d. h. nach dem ersten Lebensviertel (Zählung des Textes uneinheitlich). [?]

dharmalabdhair yuto dārair agnīn utpādya dharmataḥ; dvitīyam āyuṣo bhāgaṃ gṛhamedhivratī bhavet

Mit einer auf rechte Weise erworbenen Gattin verbunden, nachdem er die Feuer rechtmäßig entzündet hat, soll er das zweite Viertel der Lebenszeit dem Hausherrengelübde folgen.

Wort für Wort
dharma-labdhaiḥ yutaḥ dāraiḥ
mit rechtmäßig erworbener Gattin verbunden (Instr.Pl./PPP)
agnīn utpādya dharmataḥ
die Feuer entzündend, rechtmäßig (Abs./Akk.Pl./Adv.)
dvitīyam āyuṣaḥ bhāgam
der zweite Teil der Lebenszeit (Akk.Sg.)
gṛha-medhi-vratī bhavet
dem Gelübde des Hausherrn folgend soll er sein (Nom.Sg./Opt.3.Sg.)

dāraiḥ ist Plural (‚Gattinnen‘) und wird oft für ‚Gattin‘ gebraucht.

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