Kapitel 250: mṛtyūtpattiḥ vyādhyutpattiś ca
Mṛtyus Askese, Brahmās Zusage und der Ursprung der Krankheiten aus den Tränen
Nārada erzählt dem König die Geschichte von Mṛtyu, dem Tod als Göttin: Sie sträubt sich gegen die Aufgabe, die Geschöpfe zu vernichten, übt lange Askese und erhält von Brahmā die Zusage, dass ihr kein Unrecht zufällt; ihre Tränen werden zu Krankheiten. Daraus wird der Trost abgeleitet, um Verstorbene nicht zu trauern.
Nārada sprach: Nachdem sie ihren Kummer abgelegt hatte, sprach die Schwache mit den sehr langen Augen da mit gefalteten Händen, gleich einer herabgebeugten Liane.
Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach (Perf. 3.Sg.)
vinīya duḥkham
den Kummer abgelegt habend (Abs.) / Kummer (Akk.)
abalā sā tv atīvāyatekṣaṇā
die Schwache, sie aber, mit überaus langen Augen (Nom.Sg.f.)
uvāca prāñjalir bhūtvā
sprach, mit gefalteten Händen geworden (Perf.; Abs.)
priyān putrān vayasyāṃś ca bhrātṝn mātṝḥ pitṝn api; apadhyāsyanti yad deva mṛtāṃs teṣāṃ bibhemy aham
„Geliebte Söhne, Freunde, Brüder, Mütter und auch Väter werden [mir] Übles wünschen, o Gott, wenn ihre [Angehörigen] gestorben sind; davor fürchte ich mich.“
Wort für Wort
priyān putrān vayasyāṃś ca
geliebte Söhne und Freunde (Akk.Pl.)
bhrātṝn mātṝḥ pitṝn api
Brüder, Mütter, auch Väter (Akk.Pl.)
apadhyāsyanti yad deva
werden Übles wünschen, weil/dass, o Gott (3.Pl.Fut.; Vok.)
mṛtāṃs teṣāṃ bibhemy aham
[wegen] der Gestorbenen von ihnen fürchte ich mich (Akk.Pl.; Gen.Pl.; 1.Sg.)
apadhyāsyanti: ‚Übles wünschen/verwünschen‘; Konstruktion von yad ... mṛtān teṣām locker.
Dann, auf dem Gipfel des Himavat, wo die Götter geopfert haben, stand sie dort, Herr der Könige, auf der Zehe ein weiteres Nikharva [Jahre] und stellte den Großvater eifrig zufrieden.
Wort für Wort
tato himavato mūrdhni
dann auf dem Haupt des Himavat (Gen.; Lok.)
yatra devāḥ samījire
wo die Götter geopfert haben (Perf.Med.)
tatrāṅguṣṭhena rājendra
dort auf der Zehe, Herr der Könige (Instr.; Vok.)
nikharvam aparaṃ tataḥ
ein Nikharva, ein weiteres, darauf (Akk.)
tasthau pitāmahaṃ caiva
stand und den Großvater (Perf.; Akk.)
toṣayām āsa yatnataḥ
stellte sie zufrieden, mit Eifer (Perf.Kaus.; Adv.)
„Und unter den Männern wirst du dem Aussehen nach ein Mann sein, unter den Frauen eine Frau in Frauengestalt, unter den Dritten [dem dritten Geschlecht] ein Neutrum.“
Wort für Wort
puruṣeṣu ca rūpeṇa
und unter den Männern, der Gestalt nach (Lok.Pl.; Instr.)
puruṣas tvaṃ bhaviṣyasi
ein Mann du wirst sein (Fut.2.Sg.)
strīṣu strīrūpiṇī caiva
unter den Frauen von Frauengestalt (Lok.Pl.; Nom.f.)
yān aśrubindūn patitān apaśyaṃ; ye pāṇibhyāṃ dhāritās te purastāt; te vyādhayo mānavān ghorarūpāḥ; prāpte kāle pīḍayiṣyanti mṛtyo
„Die Tränentropfen, die ich fallen sah, die von dir zuvor mit den Händen aufgefangen wurden, diese werden als Krankheiten von schrecklicher Gestalt die Menschen quälen, wenn die Zeit gekommen ist, Mṛtyu.“
Wort für Wort
yān aśrubindūn patitān apaśyam
welche Tränentropfen gefallen ich sah (Akk.Pl.; Impf.1.Sg.)
ye pāṇibhyāṃ dhāritās te purastāt
welche mit den Händen gehalten wurden, sie zuvor (Instr.Du.; Adv.)
te vyādhayo mānavān ghorarūpāḥ
diese, die Krankheiten, die Menschen, schrecklich gestaltet (Nom.Pl.; Akk.Pl.)
prāpte kāle pīḍayiṣyanti mṛtyo
wenn die Zeit gekommen ist, werden quälen, Mṛtyu (Lok. abs.; Fut.; Vok.)
„Bei allen Wesen sollst du zur Zeit des Endes Begierde und Zorn vereint einsetzen; so wird dir das unermessliche Dharma zuteilwerden, und du wirst kein Unrecht erlangen, da du gleichmäßig handelst.“
Wort für Wort
sarveṣāṃ tvaṃ prāṇinām antakāle
bei allen Wesen du, zur Zeit des Endes (Gen.Pl.; Lok.)
kāmakrodhau sahitau yojayethāḥ
Begierde und Zorn, vereint, sollst einsetzen (Nom.Du.; Opt.Med.)
evaṃ dharmas tvām upaiṣyaty ameyo
so wird das Dharma dich erreichen, unermesslich (Fut.; Nom.)
na cādharmaṃ lapsyase tulyavṛttiḥ
und nicht Unrecht wirst du erlangen, gleichmäßig handelnd (Fut.Med.; Nom.f.)
„So wirst du das genannte Dharma wahren und dich nicht ins Unrecht versenken; darum lass dir den [dir] zugekommenen Wunsch gefallen, verbinde [sie damit] und raffe hier die Wesen dahin.“
Wort für Wort
evaṃ dharmaṃ pālayiṣyasy athoktaṃ
so wirst du das Dharma wahren, wie gesagt (Fut.2.Sg.; Part.)
na cātmānaṃ majjayiṣyasy adharme
und dich nicht wirst versenken ins Unrecht (Kaus.Fut.; Lok.)
tasmāt kāmaṃ rocayābhyāgataṃ tvaṃ
darum den Wunsch, gekommenen, lass gefallen du (Imp.Kaus.; Akk.)
saṃyojyātho saṃharasveha jantūn
verbunden habend, dann raffe dahin hier die Wesen (Abs.; Imp.Med.; Akk.Pl.)
Da sagte sie, aus Furcht vor dem Fluch wegen der Bezeichnung ‚Mṛtyu‘, zu ihm: „Gut.“ Dann nimmt sie zur Todeszeit den Wesen die Lebenshauche, indem sie Begierde und Zorn erlangt, [sie] betört und tötet.
Wort für Wort
sā vai tadā mṛtyusaṃjñāpadeśāc
sie, ja, da, wegen der Benennung ‚Mṛtyu‘ (Abl.)
chāpād bhītā bāḍham ity abravīt tam
vor dem Fluch erschrocken, „gut“ sprach zu ihm (Abl.; Impf.)
atho prāṇān prāṇinām antakāle
dann die Lebenshauche der Wesen zur Todeszeit (Akk.Pl.; Gen.; Lok.)
kāmakrodhau prāpya nirmohya hanti
Begierde und Zorn erlangt, betört, tötet sie (Abs.; Abs.; 3.Sg.)
mṛtyor ye te vyādhayaś cāśrupātā; manuṣyāṇāṃ rujyate yaiḥ śarīram; sarveṣāṃ vai prāṇināṃ prāṇanānte; tasmāc chokaṃ mā kṛthā budhya buddhyā
„Die Krankheiten des Mṛtyu und die Tränenfälle, durch die der Körper der Menschen schmerzt, [sind bei] allen Wesen am Ende des Atmens [da]; darum grame dich nicht, begreife mit Einsicht.“
Wort für Wort
mṛtyor ye te vyādhayaś cāśrupātā
des Mṛtyu, welche Krankheiten und Tränenfälle (Gen.; Nom.Pl.)
manuṣyāṇāṃ rujyate yaiḥ śarīram
der Menschen es schmerzt durch welche der Körper (Gen.Pl.; Pass.; Instr.)
sarveṣāṃ vai prāṇināṃ prāṇanānte
aller Wesen am Ende des Atmens (Gen.Pl.; Lok.)
tasmāc chokaṃ mā kṛthā budhya buddhyā
darum Kummer nicht mache, begreife mit Einsicht (Aor.Inj. mit mā; Imp.; Instr.)
„Alle Götter gehen am Ende des Atmens der Wesen hin und kehren ebenso wieder zurück; so gehen alle Menschen am Ende des Atmens hin und kehren wieder, gleich den Göttern, Löwe unter den Königen.“
Wort für Wort
sarve devāḥ prāṇināṃ prāṇanānte
alle Götter am Ende des Atmens der Wesen (Nom.Pl.; Gen.Pl.; Lok.)
gatvā vṛttāḥ saṃnivṛttās tathaiva
gegangen, verfahren, zurückgekehrt ebenso (Abs.; Part.Pass.)
evaṃ sarve mānavāḥ prāṇanānte
so alle Menschen am Ende des Atmens (Nom.Pl.)
gatvāvṛttā devavad rājasiṃha
gegangen, zurückgekehrt, wie Götter, Löwe der Könige (Abs.; Part.; Vok.)
„Vāyu, der furchtbare mit furchtbarem Laut, von großer Kraft, ist bei allen Wesen der Lebenshauch geworden; er wirkt mannigfach beim Zerfall der Verkörperten; darum ist Vāyu, der Gott der Götter, der Vorzüglichste.“
Wort für Wort
vāyur bhīmo bhīmanādo mahaujāḥ
Vāyu, furchtbar, mit furchtbarem Laut, gewaltig (Nom.)
sarveṣāṃ ca prāṇināṃ prāṇabhūtaḥ
und aller Wesen zum Lebenshauch geworden (Gen.Pl.; Nom.)
nānāvṛttir dehināṃ dehabhede
mannigfach wirkend, der Verkörperten beim Zerfall des Körpers (Nom.; Gen.Pl.; Lok.)
sarve devā martyasaṃjñāviśiṣṭāḥ; sarve martyā devasaṃjñāviśiṣṭāḥ; tasmāt putraṃ mā śuco rājasiṃha; putraḥ svargaṃ prāpya te modate ha
„Alle Götter sind durch die Bezeichnung ‚Sterbliche‘ ausgezeichnet, alle Sterblichen durch die Bezeichnung ‚Götter‘; darum betrauere den Sohn nicht, Löwe unter den Königen; dein Sohn erfreut sich, nachdem er den Himmel erreicht hat.“
Wort für Wort
sarve devā martyasaṃjñāviśiṣṭāḥ
alle Götter, durch den Namen ‚Sterbliche‘ ausgezeichnet (Nom.Pl.)
sarve martyā devasaṃjñāviśiṣṭāḥ
alle Sterblichen, durch den Namen ‚Götter‘ ausgezeichnet (Nom.Pl.)
tasmāt putraṃ mā śuco rājasiṃha
darum den Sohn nicht betrauere, Löwe der Könige (Akk.; Imp. mit mā; Vok.)
putraḥ svargaṃ prāpya te modate ha
der Sohn, den Himmel erreicht, dein, freut sich (Abs.; Präs.Med.)
Wiedergabe von saṃjñāviśiṣṭāḥ (‚durch den Namen ausgezeichnet‘) wortnah; der Sinn ist der Wechsel der Bezeichnung.
So nimmt Mṛtyu, von Gott geschaffen, zur gekommenen Zeit die Geschöpfe gebührend hinweg; und ihre Krankheiten, jene Tränenfälle, raffen hier zur gekommenen Zeit die Wesen dahin.
Wort für Wort
evaṃ mṛtyur devasṛṣṭā prajānāṃ
so Mṛtyu, von Gott geschaffen, der Geschöpfe (Nom.f.; Gen.Pl.)
prāpte kāle saṃharantī yathāvat
zur gekommenen Zeit hinwegraffend, gebührend (Lok. abs.; Part.f.; Adv.)
tasyāś caiva vyādhayas te 'śrupātāḥ
und ihre Krankheiten, jene Tränenfälle (Gen.Sg.f.; Nom.Pl.)
prāpte kāle saṃharantīha jantūn
zur gekommenen Zeit raffen hier dahin die Wesen (Part.Nom.Pl.; Akk.Pl.)