Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 246: kāmavṛkṣa-puranagara-nirūpaṇa Der Baum des Begehrens und das Gleichnis von der Stadt des Körpers

Vyāsa schildert das Begehren als riesigen Baum, der mit Gleichmut und Wachsamkeit zu entwurzeln ist, und beginnt das Gleichnis vom Körper als Stadt, in der Buddhi, Manas, Sinne sowie die Fehler Tamas und Rajas ihre Rollen haben.

vyāsa uvāca; hṛdi kāmadrumaś citro mohasaṃcayasaṃbhavaḥ; krodhamānamahāskandho vivitsāparimocanaḥ

Vyāsa sprach: Im Herzen [steht] ein bunter Baum des Begehrens, entstanden aus einer Anhäufung von Verblendung; Zorn und Dünkel sind sein großer Stamm, das Verlangen zu wissen [ist] seine Loslösung [?].

Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Nom.Sg.; 3.Sg.Perf.)
hṛdi kāmadrumaḥ citraḥ
im Herzen der Begehrensbaum, bunt (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
mohasaṃcayasaṃbhavaḥ
aus Anhäufung von Verblendung entstanden (Bahuvrīhi, Nom.Sg.)
krodhamānamahāskandhaḥ
Zorn und Dünkel als großen Stamm habend (Bahuvrīhi, Nom.Sg.)
vivitsāparimocanaḥ
dessen Loslösung/Befreiung das Wissenwollen ist (Bahuvrīhi, Nom.Sg.)

vivitsāparimocanaḥ unsicher: vivitsā kann auch Streitlust bedeuten; Bezug von parimocana unklar.

tasya cājñānam ādhāraḥ pramādaḥ pariṣecanam; so 'bhyasūyāpalāśo hi purāduṣkṛtasāravān

Sein Fundament ist Unwissen, Achtlosigkeit das Begießen; er hat Missgunst als Blätter und ist voll vom Kernholz früherer Untaten.

Wort für Wort
tasya ca ajñānam ādhāraḥ
und dessen Fundament ist Unwissen (Gen.Sg.; Nom.Sg.)
pramādaḥ pariṣecanam
Achtlosigkeit [ist] das Begießen (Nom.Sg.; Nom.Sg.)
saḥ abhyasūyāpalāśaḥ
er, Missgunst als Laub habend (Nom.Sg.; Bahuvrīhi)
hi purāduṣkṛtasāravān
ja, mit dem Kern früherer Untaten versehen (Nom.Sg.)

saṃmohacintāviṭapaḥ śokaśākho bhayaṃkaraḥ; mohanībhiḥ pipāsābhir latābhiḥ pariveṣṭitaḥ

Verblendung und Sorge sind seine Äste, Kummer seine Zweige, furchtbar ist er; er ist umschlungen von Ranken, [nämlich] betörenden Durstgelüsten.

Wort für Wort
saṃmohacintāviṭapaḥ
dessen Äste Verblendung und Sorge sind (Bahuvrīhi, Nom.Sg.)
śokaśākhaḥ
dessen Zweige der Kummer ist (Bahuvrīhi, Nom.Sg.)
bhayaṃkaraḥ
furchterregend (Nom.Sg.)
mohanībhiḥ pipāsābhiḥ
durch betörende Durstgelüste (Instr.Pl.f.)
latābhiḥ pariveṣṭitaḥ
von Ranken umschlungen (Instr.Pl.; Part.Pass. Nom.Sg.)

upāsate mahāvṛkṣaṃ sulubdhās taṃ phalepsavaḥ; āyāsaiḥ saṃyataḥ pāśaiḥ phalāni pariveṣṭayan

Ihn, den großen Baum, umlagern die sehr Gierigen, die nach Früchten Verlangenden; [er,] durch Mühen gebunden, umwindet mit Schlingen die Früchte [?].

Wort für Wort
upāsate mahāvṛkṣam
sie umlagern/warten auf den großen Baum (3.Pl.Präs.Med.; Akk.Sg.)
sulubdhāḥ tam
die sehr Gierigen, ihn (Nom.Pl.; Akk.Sg.)
phalepsavaḥ
Früchte begehrend (Nom.Pl.)
āyāsaiḥ saṃyataḥ
durch Mühen gebunden/gezügelt (Instr.Pl.; Part.Pass. Nom.Sg.)
pāśaiḥ phalāni pariveṣṭayan
mit Schlingen die Früchte umwindend (Instr.Pl.; Akk.Pl.; Part.Präs. Nom.Sg.)

Der Bezug von saṃyataḥ und pariveṣṭayan (Baum oder Gierige) ist unsicher.

yas tān pāśān vaśe kṛtvā taṃ vṛkṣam apakarṣati; gataḥ sa duḥkhayor antaṃ yatamānas tayor dvayoḥ

Wer jene Schlingen in seine Gewalt bringt und den Baum [samt Wurzel] herauszieht, der ist zum Ende der beiden Leiden gelangt, da er sich um jene beiden bemüht [hat].

Wort für Wort
yaḥ tān pāśān vaśe kṛtvā
wer jene Schlingen in seine Gewalt gebracht habend (Nom.Sg.; Akk.Pl.; Absolutiv)
tam vṛkṣam apakarṣati
den Baum herauszieht/entfernt (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
gataḥ saḥ duḥkhayoḥ antam
der ist zum Ende der beiden Leiden gelangt (Part.Pass.; Gen.Du.; Akk.Sg.)
yatamānaḥ tayoḥ dvayoḥ
sich bemühend um jene beiden (Part.Präs.Med.; Gen.Du.)

Die beiden Leiden sind vermutlich körperliches und seelisches Leiden.

saṃrohaty akṛtaprajñaḥ saṃtāpena hi pādapam; sa tam eva tato hanti viṣaṃ grastam ivāturam

Wer keine gebildete Einsicht hat, lässt den Baum durch Qual [immer wieder] emporwachsen [?]; der [Baum] tötet dann eben diesen, wie Gift einen Kranken, der es verschluckt hat.

Wort für Wort
saṃrohati akṛtaprajñaḥ
lässt wachsen/wächst, der Ungeschulte (3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)
saṃtāpena hi pādapam
durch Qual/Glut, ja, den Baum (Instr.Sg.; Akk.Sg.)
saḥ tam eva tataḥ hanti
der tötet eben diesen dann (Nom.Sg.; Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
viṣaṃ grastam iva āturam
wie Gift den Verschlungenen [Gift] einen Kranken (Nom.Sg.; Part.Pass. Akk.Sg.; Akk.Sg.)

Syntax und Subjektwechsel unsicher; saṃrohati ist ohne Kausativ transitiv gebraucht.

tasyānuśayamūlasya mūlam uddhriyate balāt; tyāgāpramādākṛtinā sāmyena paramāsinā

Dem, dessen Wurzel die Reue ist, wird die Wurzel mit Gewalt ausgerissen, durch das höchste Schwert: Gleichmut, dessen Gestalt Verzicht und Wachsamkeit ist [?].

Wort für Wort
tasya anuśayamūlasya
dessen, der Reue als Wurzel hat (Gen.Sg.; Bahuvrīhi)
mūlam uddhriyate balāt
die Wurzel wird ausgerissen mit Gewalt (Nom.Sg.; 3.Sg.Pass.; Abl.Sg.)
tyāgāpramādākṛtinā
durch das, dessen Gestalt Verzicht und Wachsamkeit ist (Instr.Sg.)
sāmyena paramāsinā
durch Gleichmut, das höchste Schwert (Instr.Sg.; Instr.Sg.)

tyāgāpramādākṛtinā: Analyse als tyāga-apramāda-ākṛtinā unsicher.

evaṃ yo veda kāmasya kevalaṃ parikarṣaṇam; vadhaṃ vai kāmaśāstrasya sa duḥkhāny ativartate

So überwindet, wer das bloße Herausziehen des Begehrens kennt, [ja] die Tötung der Lehre vom Begehren, die Leiden.

Wort für Wort
evaṃ yaḥ veda
so wer weiß (Adv.; Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
kāmasya kevalaṃ parikarṣaṇam
des Begehrens bloßes Herausziehen (Gen.Sg.; Akk.Sg.; Akk.Sg.)
vadhaṃ vai kāmaśāstrasya
die Tötung, wahrlich, der Kāma-Lehre (Akk.Sg.; Gen.Sg.)
saḥ duḥkhāni ativartate
er überwindet die Leiden (Nom.Sg.; Akk.Pl.; 3.Sg.Präs.)

kāmaśāstra: wörtlich Lehre/Regelwerk des Begehrens; Bedeutung an dieser Stelle unsicher.

śarīraṃ puram ity āhuḥ svāminī buddhir iṣyate; tatra buddheḥ śarīrasthaṃ mano nāmārthacintakam

Den Körper nennt man eine Stadt; als [deren] Herrin gilt die Buddhi [Verstand]; darin [ist] das im Körper weilende, der Buddhi [zugeordnete] Manas [Denkorgan] genannt, der Bedenker der Dinge.

Wort für Wort
śarīraṃ puram iti āhuḥ
den Körper eine Stadt, so sagt man (Akk.Sg.; 3.Pl.Perf.)
svāminī buddhiḥ iṣyate
Herrin ist die Buddhi, gilt (Nom.Sg.f.; Nom.Sg.; 3.Sg.Pass.)
tatra buddheḥ śarīrasthaṃ
darin, der Buddhi [zugehörig], im Körper befindlich (Adv.; Gen./Abl.Sg.; Nom.Sg.n.)
manaḥ nāma
das Manas genannt (Nom.Sg.; Adv.)
artha-cintakam
Bedenker der Gegenstände (Nom.Sg.)

buddheḥ kann Gen. oder Abl. sein; die Beziehung ist offen.

indriyāṇi janāḥ paurās tadarthaṃ tu parā kṛtiḥ; tatra dvau dāruṇau doṣau tamo nāma rajas tathā

Die Sinne sind die Leute der Stadt, die Bürger; für deren Zweck aber ist das höhere Wirken [?]. Darin [gibt es] zwei furchtbare Fehler: Tamas genannt, und ebenso Rajas.

Wort für Wort
indriyāṇi janāḥ paurāḥ
die Sinne [sind] die Leute, Stadtbürger (Nom.Pl.; Nom.Pl.; Nom.Pl.)
tadartham tu parā kṛtiḥ
für deren Zweck aber ist das höhere Tun (Adv.; Part.; Nom.Sg.f.; Nom.Sg.)
tatra dvau dāruṇau doṣau
darin zwei furchtbare Fehler (Adv.; Nom.Du.; Nom.Du.)
tamaḥ nāma rajaḥ tathā
Tamas genannt, Rajas ebenso (Nom.Sg.; Adv.; Nom.Sg.; Adv.)

parā kṛtiḥ unsicher.

yadartham upajīvanti paurāḥ sahapureśvarāḥ; advāreṇa tam evārthaṃ dvau doṣāv upajīvataḥ

Wovon die Bürger samt den Stadtherren leben, eben von diesem Gegenstand leben die beiden Fehler, [aber] ohne Tor [d. h. auf unrechtem Weg].

Wort für Wort
yadartham upajīvanti
wovon sie leben (Adv.; 3.Pl.Präs.)
paurāḥ sahapureśvarāḥ
die Bürger samt den Stadtherren (Nom.Pl.; Nom.Pl.)
advāreṇa
ohne Tor/auf unrechtem Weg (Instr.Sg.)
tam eva artham
eben diesen Gegenstand (Akk.Sg.)
dvau doṣau upajīvataḥ
die beiden Fehler leben davon (Nom.Du.; 3.Du.Präs.)

tatra buddhir hi durdharṣā manaḥ sādharmyam ucyate; paurāś cāpi manas trastās teṣām api calā sthitiḥ

Darin ist die Buddhi schwer zu bezwingen; dem Manas wird Wesensgleichheit zugeschrieben; und die Bürger sind vom Manas erschreckt [?], auch ihr Stand ist unstet.

Wort für Wort
tatra buddhiḥ hi durdharṣā
darin ist die Buddhi ja unbezwingbar (Adv.; Nom.Sg.; Nom.Sg.f.)
manaḥ sādharmyam ucyate
dem Manas [wird] Wesensgleichheit gesagt (Nom.Sg.; Nom.Sg.; 3.Sg.Pass.)
paurāḥ ca api manaḥ trastāḥ
und auch die Bürger, vom Manas erschreckt (Nom.Pl.; Nom.Sg.; Part.Pass. Nom.Pl.)
teṣām api calā sthitiḥ
auch ihr Stand [ist] unstet (Gen.Pl.; Nom.Sg.f.; Nom.Sg.)

Konstruktion von manaḥ sādharmyam ucyate und manas trastāḥ unsicher.

yadarthaṃ buddhir adhyāste na so 'rthaḥ pariṣīdati

Das Ziel, bei dem die Buddhi verweilt, dieses Ziel verfällt nicht.

Wort für Wort
yadartham buddhiḥ adhyāste
zu welchem Zweck die Buddhi sich aufhält (Adv.; Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
na saḥ arthaḥ pariṣīdati
nicht sinkt dieses Ziel (Neg.; Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)

pauramantraviyuktāyāḥ so 'rthaḥ saṃsīdati kramāt

Das Ziel der [Buddhi], die vom Rat der Bürger getrennt ist, verfällt nach und nach.

Wort für Wort
pauramantraviyuktāyāḥ
der vom Rat der Bürger getrennten (Gen.Sg.f.)
saḥ arthaḥ
dieses Ziel (Nom.Sg.)
saṃsīdati kramāt
verfällt allmählich (3.Sg.Präs.; Abl.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (Stern); Bezug von viyuktāyāḥ auf die Buddhi erschlossen.

yadarthaṃ pṛthag adhyāste manas tat pariṣīdati

Das Ziel, bei dem das Manas gesondert verweilt, das verfällt.

Wort für Wort
yadartham pṛthak adhyāste
zu welchem Zweck es gesondert verweilt (Adv.; Adv.; 3.Sg.Präs.Med.)
manaḥ tat pariṣīdati
das Manas, das sinkt/verfällt (Nom.Sg.; Nom.Sg.n.; 3.Sg.Präs.)

Wortlaut: manas tat pariṣīdati; der Bezug von tat (das Ziel) ist erschlossen, Konstruktion ungewöhnlich.

pṛthagbhūtaṃ yadā buddhyā mano bhavati kevalam; tatrainaṃ vivṛtaṃ śūnyaṃ rajaḥ paryavatiṣṭhate

Wenn das Manas von der Buddhi getrennt ganz allein wird, dann tritt ihm, dem bloßgelegten, leeren, das Rajas ringsum entgegen.

Wort für Wort
pṛthagbhūtam yadā buddhyā
getrennt geworden, wenn von der Buddhi (Part.Pass. Nom.Sg.n.; Adv.; Instr.Sg.)
manaḥ bhavati kevalam
das Manas wird allein (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.n.)
tatra enam vivṛtam śūnyam
da ihm, dem offenen, leeren (Adv.; Akk.Sg.; Akk.Sg.; Akk.Sg.)
rajaḥ paryavatiṣṭhate
das Rajas stellt sich ringsum (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)

enam ist Akkusativ; paryavatiṣṭhate mit Akk. als „umstellen, sich entgegenstellen“ gedeutet.

tan manaḥ kurute sakhyaṃ rajasā saha saṃgatam; taṃ cādāya janaṃ pauraṃ rajase saṃprayacchati

Dieses Manas schließt, mit dem Rajas verbunden, Freundschaft mit ihm; und es nimmt das Bürgervolk mit und übergibt es dem Rajas.

Wort für Wort
tat manaḥ kurute sakhyam
dieses Manas schließt Freundschaft (Nom.Sg.; Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.; Akk.Sg.)
rajasā saha saṃgatam
mit dem Rajas verbunden (Instr.Sg.; Part.Pass. Nom.Sg.n.)
tam ca ādāya janam pauram
und nachdem es das Volk, die Bürger, genommen hat (Akk.Sg.; Absolutiv; Akk.Sg.; Akk.Sg.)
rajase saṃprayacchati
dem Rajas übergibt es (Dat.Sg.; 3.Sg.Präs.)

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