Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 144: kapotīpraveśaḥ Die Taubenfrau klagt, folgt ihrem Gatten ins Feuer und findet ihn im Himmel

Fortsetzung der Taubengeschichte: Nachdem der Vogelfänger gegangen ist, beklagt die Taube ihren im Feuer verbrannten Gatten, stürzt sich selbst ins Feuer und wird im Himmel mit ihm vereint.

bhīṣma uvāca; tato gate śākunike kapotī prāha duḥkhitā; saṃsmṛtya bhartāram atho rudatī śokamūrchitā

Bhīṣma sprach: Als der Vogelfänger dann fortgegangen war, sprach die Taube, leidgeplagt, ihres Gatten gedenkend, weinend und von Kummer betäubt:

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
tato gate śākunike
dann, als der Vogelfänger gegangen war (Lok. abs.)
kapotī prāha duḥkhitā
die Taube sprach, leidend (3.Sg.Perf./Nom.)
saṃsmṛtya bhartāram
des Gatten gedenkend (Abs./Akk.)
atho rudatī śokamūrchitā
und weinend, von Kummer betäubt (Part.Präs./Nom.)

nāhaṃ te vipriyaṃ kānta kadā cid api saṃsmare; sarvā vai vidhavā nārī bahuputrāpi khecara; śocyā bhavati bandhūnāṃ patihīnā manasvinī

„Nie, geliebter [Gatte], erinnere ich mich, dir je etwas Unliebes [getan zu haben]. Jede verwitwete Frau, o Himmelsflieger, und wäre sie auch mit vielen Söhnen [gesegnet], wird zum Gegenstand des Jammers für ihre Verwandten – die gatten­lose, [selbst] die Standhafte.

Wort für Wort
nāhaṃ te vipriyaṃ kānta
nicht ich [erinnere] dir Unliebes, Geliebter (Akk./Vok.)
kadā cid api saṃsmare
je, überhaupt (1.Sg.Opt./Präs.)
sarvā vai vidhavā nārī
jede verwitwete Frau (Nom.Sg.f.)
bahuputrāpi khecara
auch mit vielen Söhnen, o Himmelsflieger (Bahuv./Vok.)
śocyā bhavati bandhūnām
wird beklagenswert für die Verwandten (3.Sg.Präs./Gen.Pl.)
patihīnā manasvinī
des Gatten beraubt, die Standhafte (Nom.Sg.f.)

lālitāhaṃ tvayā nityaṃ bahumānāc ca sāntvitā; vacanair madhuraiḥ snigdhair asakṛt sumanoharaiḥ

Stets wurde ich von dir gehätschelt und aus Hochachtung getröstet, mit süßen, zärtlichen, immer wieder sehr herzerfreuenden Worten.

Wort für Wort
lālitāhaṃ tvayā nityam
ich wurde von dir gehätschelt, stets (PPP/Instr.)
bahumānāc ca sāntvitā
und aus Hochachtung getröstet (Abl./PPP)
vacanair madhuraiḥ snigdhaiḥ
mit süßen, zärtlichen Worten (Instr.Pl.)
asakṛt sumanoharaiḥ
wiederholt, sehr herzerfreuenden (Adv./Instr.Pl.)

kandareṣu ca śailānāṃ nadīnāṃ nirjhareṣu ca; drumāgreṣu ca ramyeṣu ramitāhaṃ tvayā priya

In Berghöhlen, an Flussquellen und auf den Wipfeln der lieblichen Bäume bin ich von dir erfreut worden, Geliebter.

Wort für Wort
kandareṣu ca śailānām
und in den Höhlen der Berge (Lok.Pl./Gen.Pl.)
nadīnāṃ nirjhareṣu ca
und an den Sturzbächen/Quellen der Flüsse (Gen.Pl./Lok.Pl.)
drumāgreṣu ca ramyeṣu
und auf den lieblichen Baumwipfeln (Lok.Pl.)
ramitāhaṃ tvayā priya
ich wurde von dir erfreut, Lieber (PPP kaus./Instr./Vok.)

ākāśagamane caiva sukhitāhaṃ tvayā sukham; vihṛtāsmi tvayā kānta tan me nādyāsti kiṃ cana

Auch beim Flug durch den Himmel war ich mit dir glücklich, [ein] Glück; ich habe mich mit dir vergnügt, Geliebter – darum fehlt mir jetzt nichts [mehr, was ich mir wünschen könnte].

Wort für Wort
ākāśagamane caiva
und auch beim Gehen im Himmel (Lok.)
sukhitāhaṃ tvayā sukham
ich war glücklich mit dir, Glück (Adj./Instr./Akk.-Adv.)
vihṛtāsmi tvayā kānta
ich habe mich vergnügt mit dir, Geliebter (Perf.Pass.-Konstr./Vok.)
tan me nādyāsti kiṃ cana
daher ist mir heute nichts (übrig) (Präs.)

Der Schluss tan me nādyāsti kiṃ cana ist knapp; gedeutet als: es bleibt mir jetzt nichts (mehr zu wünschen).

mitaṃ dadāti hi pitā mitaṃ mātā mitaṃ sutaḥ; amitasya tu dātāraṃ bhartāraṃ kā na pūjayet

Bemessen gibt der Vater, bemessen die Mutter, bemessen der Sohn; den Geber des Unbemessenen aber, den Gatten – welche [Frau] würde ihn nicht verehren?

Wort für Wort
mitaṃ dadāti hi pitā
Bemessenes gibt nämlich der Vater (Akk./3.Sg.Präs.)
mitaṃ mātā mitaṃ sutaḥ
Bemessenes die Mutter, Bemessenes der Sohn (Nom.)
amitasya tu dātāram
den Geber des Unbemessenen aber (Gen./Akk.)
bhartāraṃ kā na pūjayet
den Gatten, welche würde nicht verehren (Akk./Opt.)

nāsti bhartṛsamo nātho na ca bhartṛsamaṃ sukham; visṛjya dhanasarvasvaṃ bhartā vai śaraṇaṃ striyāḥ

Es gibt keinen Beschützer, der dem Gatten gleichkäme, und kein Glück, das dem Gatten gleichkäme. Alles Vermögen und allen Besitz aufgebend, ist der Gatte fürwahr die Zuflucht der Frau.

Wort für Wort
nāsti bhartṛsamo nāthaḥ
es gibt keinen dem Gatten gleichen Beschützer (Nom.)
na ca bhartṛsamaṃ sukham
und kein dem Gatten gleiches Glück (Nom.)
visṛjya dhanasarvasvam
hingebend Vermögen und alles Eigentum (Abs./Akk.)
bhartā vai śaraṇaṃ striyāḥ
der Gatte ist fürwahr die Zuflucht der Frau (Nom./Gen.)

Die Wendung visṛjya dhanasarvasvam bleibt syntaktisch locker; hier als Beschreibung des Gatten gefasst, der alles hingibt [?].

na kāryam iha me nātha jīvitena tvayā vinā; patihīnāpi kā nārī satī jīvitum utsahet

Ich habe hier kein Anliegen mehr am Leben ohne dich, Herr. Welche gute Frau würde, auch des Gatten beraubt, zu leben wagen?

Wort für Wort
na kāryam iha me nātha
nicht ist hier für mich zu tun, Herr (Gerundiv/Vok.)
jīvitena tvayā vinā
mit dem Leben ohne dich (Instr.)
patihīnāpi kā nārī satī
welche Frau, auch gattenlos, tugendhaft (Nom.)
jīvitum utsahet
zu leben wagen (Inf./Opt.)

evaṃ vilapya bahudhā karuṇaṃ sā suduḥkhitā; pativratā saṃpradīptaṃ praviveśa hutāśanam

So klagte sie vielfach, jammervoll und tief bekümmert; die ihrem Gatten Ergebene trat in das hell lodernde Feuer.

Wort für Wort
evaṃ vilapya bahudhā
so vielfach klagend (Abs.)
karuṇaṃ sā suduḥkhitā
jammervoll, sie, tief betrübt (Adv./Nom.)
pativratā saṃpradīptam
die Gattentreue, [in das] hell entflammte (Nom./Akk.)
praviveśa hutāśanam
trat ein in das Feuer (3.Sg.Perf./Akk.)

tataś citrāmbaradharaṃ bhartāraṃ sānvapaśyata; vimānasthaṃ sukṛtibhiḥ pūjyamānaṃ mahātmabhiḥ

Da erblickte sie ihren Gatten, in buntem Gewand, auf einem Himmelswagen weilend, von tugendhaften Hochgesinnten verehrt;

Wort für Wort
tataś citrāmbaradharam
da, [ihn] in buntem Gewand (Bahuv./Akk.)
bhartāraṃ sānvapaśyata
den Gatten, sie erblickte (Impf.)
vimānasthaṃ sukṛtibhiḥ
auf dem Himmelswagen befindlich, von den Tugendhaften (Akk./Instr.Pl.)
pūjyamānaṃ mahātmabhiḥ
verehrt werdend von den Hochgesinnten (Part.Pass./Instr.Pl.)

citramālyāmbaradharaṃ sarvābharaṇabhūṣitam; vimānaśatakoṭībhir āvṛtaṃ puṇyakīrtibhiḥ

[ihn], der bunte Kränze und Gewänder trug, mit allem Schmuck geziert, umgeben von hundert Krores von Himmelswagen [und] von Männern reinen Ruhmes.

Wort für Wort
citramālyāmbaradharam
bunte Kränze und Gewänder tragend (Akk.)
sarvābharaṇabhūṣitam
mit allem Schmuck geziert (PPP/Akk.)
vimānaśatakoṭibhir āvṛtam
von hundert Krores von Himmelswagen umgeben (Instr.Pl./PPP)
puṇyakīrtibhiḥ
von Männern reinen Ruhmes (Instr.Pl.)

kapoto 'pi ca tāṃ dṛṣṭvā kapotīṃ ca surūpiṇīm; harṣeṇa mahatā yuktaḥ pariṣvajyedam abravīt; aho mām anugacchantyā kṛtaṃ sādhu śubhaṃ tvayā; kṣaṇamātreṇa duḥkhena sukhaṃ tena samārjitam; tisraḥ koṭyardhakoṭī ca yāni lomāni mānave; tāvat kālaṃ vaset svarge bhartāraṃ yānugacchati; vyālagrāhī yathā vyālaṃ bilād uddharate balāt; tadvad bhartāram uddhṛtya tenaiva saha modate

Auch der Täuberich, als er sie sah, die Taube von schöner Gestalt, [wurde] von großer Freude erfüllt, umarmte [sie] und sprach dies: „Ach, indem du mir gefolgt bist, hast du Gutes, Heilvolles getan; in einem Augenblick des Leidens hast du damit Glück erworben. Drei Krores und ein halbes Krore [an] Haaren, die es am Menschen gibt – so lange Zeit weilt im Himmel, wer dem Gatten folgt. Wie ein Schlangenfänger die Schlange mit Gewalt aus dem Loch hervorzieht, so zieht sie den Gatten herauf und freut sich mit ihm.“

Wort für Wort
kapoto 'pi ca tāṃ dṛṣṭvā kapotīṃ ca surūpiṇīm
auch der Täuberich, sie sehend, die Taube, die schön Gestaltete (Nom./Abs./Akk.)
harṣeṇa mahatā yuktaḥ pariṣvajyedam abravīt
von großer Freude erfüllt, umarmend, sprach dies (Instr./PPP/Abs./Impf.)
aho mām anugacchantyā kṛtaṃ sādhu śubhaṃ tvayā
ach, mir folgend, Gutes, Heilvolles getan von dir (Part.f.Instr./PPP/Instr.)
kṣaṇamātreṇa duḥkhena sukhaṃ tena samārjitam
in bloß einem Augenblick durch Leid, Glück dadurch erworben (Instr./PPP)
tisraḥ koṭyardhakoṭī ca yāni lomāni mānave
drei Krores und ein halbes Krore, welche Haare am Menschen (Nom./Lok.)
tāvat kālaṃ vaset svarge bhartāraṃ yānugacchati
so lange Zeit weile im Himmel, die dem Gatten folgt (Opt./Lok./Akk.)
vyālagrāhī yathā vyālaṃ bilād uddharate balāt
wie ein Schlangenfänger die Schlange aus dem Loch mit Gewalt heraufzieht (Nom./Akk./Abl./3.Sg.Med.)
tadvad bhartāram uddhṛtya tenaiva saha modate
so, den Gatten heraufziehend, freut sie sich mit ihm (Abs./Präs.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften). „Drei Krores und ein halbes Krore“ für tisraḥ koṭyardhakoṭī ca: wörtlich „drei Krores [und] ein halbes Krore“, Zahl nach Wortlaut wiedergegeben [?].

tataḥ svargagataḥ pakṣī bhāryayā saha saṃgataḥ; karmaṇā pūjitas tena reme tatra sa bhāryayā

Dann, in den Himmel gelangt, wurde der Vogel mit seiner Gattin vereint; durch sein Tun geehrt, freute er sich dort mit seiner Gattin.

Wort für Wort
tataḥ svargagataḥ pakṣī
dann der in den Himmel gegangene Vogel (Nom.)
bhāryayā saha saṃgataḥ
mit der Gattin vereint (PPP)
karmaṇā pūjitas tena
durch Tat geehrt, dadurch (Instr./PPP)
reme tatra sa bhāryayā
freute sich dort er mit der Gattin (3.Sg.Perf.Med./Instr.)

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