Kapitel 144: kapotīpraveśaḥ
Die Taubenfrau klagt, folgt ihrem Gatten ins Feuer und findet ihn im Himmel
Fortsetzung der Taubengeschichte: Nachdem der Vogelfänger gegangen ist, beklagt die Taube ihren im Feuer verbrannten Gatten, stürzt sich selbst ins Feuer und wird im Himmel mit ihm vereint.
nāhaṃ te vipriyaṃ kānta kadā cid api saṃsmare; sarvā vai vidhavā nārī bahuputrāpi khecara; śocyā bhavati bandhūnāṃ patihīnā manasvinī
„Nie, geliebter [Gatte], erinnere ich mich, dir je etwas Unliebes [getan zu haben]. Jede verwitwete Frau, o Himmelsflieger, und wäre sie auch mit vielen Söhnen [gesegnet], wird zum Gegenstand des Jammers für ihre Verwandten – die gattenlose, [selbst] die Standhafte.
Wort für Wort
nāhaṃ te vipriyaṃ kānta
nicht ich [erinnere] dir Unliebes, Geliebter (Akk./Vok.)
kadā cid api saṃsmare
je, überhaupt (1.Sg.Opt./Präs.)
sarvā vai vidhavā nārī
jede verwitwete Frau (Nom.Sg.f.)
bahuputrāpi khecara
auch mit vielen Söhnen, o Himmelsflieger (Bahuv./Vok.)
śocyā bhavati bandhūnām
wird beklagenswert für die Verwandten (3.Sg.Präs./Gen.Pl.)
ākāśagamane caiva sukhitāhaṃ tvayā sukham; vihṛtāsmi tvayā kānta tan me nādyāsti kiṃ cana
Auch beim Flug durch den Himmel war ich mit dir glücklich, [ein] Glück; ich habe mich mit dir vergnügt, Geliebter – darum fehlt mir jetzt nichts [mehr, was ich mir wünschen könnte].
Wort für Wort
ākāśagamane caiva
und auch beim Gehen im Himmel (Lok.)
sukhitāhaṃ tvayā sukham
ich war glücklich mit dir, Glück (Adj./Instr./Akk.-Adv.)
vihṛtāsmi tvayā kānta
ich habe mich vergnügt mit dir, Geliebter (Perf.Pass.-Konstr./Vok.)
tan me nādyāsti kiṃ cana
daher ist mir heute nichts (übrig) (Präs.)
Der Schluss tan me nādyāsti kiṃ cana ist knapp; gedeutet als: es bleibt mir jetzt nichts (mehr zu wünschen).
nāsti bhartṛsamo nātho na ca bhartṛsamaṃ sukham; visṛjya dhanasarvasvaṃ bhartā vai śaraṇaṃ striyāḥ
Es gibt keinen Beschützer, der dem Gatten gleichkäme, und kein Glück, das dem Gatten gleichkäme. Alles Vermögen und allen Besitz aufgebend, ist der Gatte fürwahr die Zuflucht der Frau.
Wort für Wort
nāsti bhartṛsamo nāthaḥ
es gibt keinen dem Gatten gleichen Beschützer (Nom.)
na ca bhartṛsamaṃ sukham
und kein dem Gatten gleiches Glück (Nom.)
visṛjya dhanasarvasvam
hingebend Vermögen und alles Eigentum (Abs./Akk.)
bhartā vai śaraṇaṃ striyāḥ
der Gatte ist fürwahr die Zuflucht der Frau (Nom./Gen.)
Die Wendung visṛjya dhanasarvasvam bleibt syntaktisch locker; hier als Beschreibung des Gatten gefasst, der alles hingibt [?].
kapoto 'pi ca tāṃ dṛṣṭvā kapotīṃ ca surūpiṇīm; harṣeṇa mahatā yuktaḥ pariṣvajyedam abravīt; aho mām anugacchantyā kṛtaṃ sādhu śubhaṃ tvayā; kṣaṇamātreṇa duḥkhena sukhaṃ tena samārjitam; tisraḥ koṭyardhakoṭī ca yāni lomāni mānave; tāvat kālaṃ vaset svarge bhartāraṃ yānugacchati; vyālagrāhī yathā vyālaṃ bilād uddharate balāt; tadvad bhartāram uddhṛtya tenaiva saha modate
Auch der Täuberich, als er sie sah, die Taube von schöner Gestalt, [wurde] von großer Freude erfüllt, umarmte [sie] und sprach dies: „Ach, indem du mir gefolgt bist, hast du Gutes, Heilvolles getan; in einem Augenblick des Leidens hast du damit Glück erworben. Drei Krores und ein halbes Krore [an] Haaren, die es am Menschen gibt – so lange Zeit weilt im Himmel, wer dem Gatten folgt. Wie ein Schlangenfänger die Schlange mit Gewalt aus dem Loch hervorzieht, so zieht sie den Gatten herauf und freut sich mit ihm.“
Wort für Wort
kapoto 'pi ca tāṃ dṛṣṭvā kapotīṃ ca surūpiṇīm
auch der Täuberich, sie sehend, die Taube, die schön Gestaltete (Nom./Abs./Akk.)
harṣeṇa mahatā yuktaḥ pariṣvajyedam abravīt
von großer Freude erfüllt, umarmend, sprach dies (Instr./PPP/Abs./Impf.)
aho mām anugacchantyā kṛtaṃ sādhu śubhaṃ tvayā
ach, mir folgend, Gutes, Heilvolles getan von dir (Part.f.Instr./PPP/Instr.)
kṣaṇamātreṇa duḥkhena sukhaṃ tena samārjitam
in bloß einem Augenblick durch Leid, Glück dadurch erworben (Instr./PPP)
tisraḥ koṭyardhakoṭī ca yāni lomāni mānave
drei Krores und ein halbes Krore, welche Haare am Menschen (Nom./Lok.)
tāvat kālaṃ vaset svarge bhartāraṃ yānugacchati
so lange Zeit weile im Himmel, die dem Gatten folgt (Opt./Lok./Akk.)
vyālagrāhī yathā vyālaṃ bilād uddharate balāt
wie ein Schlangenfänger die Schlange aus dem Loch mit Gewalt heraufzieht (Nom./Akk./Abl./3.Sg.Med.)
tadvad bhartāram uddhṛtya tenaiva saha modate
so, den Gatten heraufziehend, freut sie sich mit ihm (Abs./Präs.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften). „Drei Krores und ein halbes Krore“ für tisraḥ koṭyardhakoṭī ca: wörtlich „drei Krores [und] ein halbes Krore“, Zahl nach Wortlaut wiedergegeben [?].