Kapitel 307: jarāmṛtyuvicāraḥ
Pañcaśikha und Janaka über Alter, Tod und die Vergänglichkeit der Wesen
Yudhiṣṭhira fragt, wie man dem Tod entgehen kann; Bhīṣma erzählt das Gespräch des Mönchs Pañcaśikha mit König Janaka über die Unentrinnbarkeit von Alter und Tod.
Yudhiṣṭhira sprach: „Wenn man große Herrschaft oder Reichtum erlangt hat, o Stier der Bharata, und dazu ein langes Leben erreicht hat – wie kann man dem Tod entgehen?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
aiśvaryaṃ vā mahat prāpya
oder große Herrschaft erlangt habend (Akk.Sg.n., Abs.)
dhanaṃ vā bharatarṣabha
oder Reichtum, o Stier der Bharata (Akk.Sg./Vok.)
dīrgham āyur avāpya atha
ein langes Leben erreicht habend, dann (Akk.Sg.n., Abs.)
Oder durch sehr große Askese, durch Werk oder durch Gelehrsamkeit, oder durch die Anwendung von Verjüngungs- und Lebenselixieren – durch welche [Mittel] gerät man nicht in die Gewalt von Alter und Tod?
Wort für Wort
tapasā vā sumahatā
oder durch sehr große Askese (Instr.Sg.)
karmaṇā vā śrutena vā
oder durch Werk, oder durch Gelehrsamkeit (Instr.Sg.)
rasāyanaprayogair vā
oder durch Anwendungen von Verjüngungselixieren (Tatp., Instr.Pl.)
kair na upaiti
durch welche [Mittel] gerät man nicht (Instr.Pl./3.Sg.Präs.)
jarāntakau
zu Alter und Todbringer [d. h. Alter und Tod] (Dvandva, Akk.Du.)
upa-i mit Akk. ‚in jemandes Gewalt geraten, erreichen‘; jarāntakau = Alter und Tod (Yama).
Janaka, der König der Videher, befragte den großen Seher Pañcaśikha, den besten Kenner des Veda, der die Zweifel über Recht und Nutzen zerschnitten hatte.
Wort für Wort
vaidehaḥ janako rājā
der Videher Janaka, der König (Nom.Sg.m.)
maharṣiṃ vedavittamam
den großen Seher, besten Kenner des Veda (Akk.Sg.m.)
paryapṛcchat
befragte (Impf. 3.Sg.)
pañcaśikham
Pañcaśikha (Akk.Sg.m.)
chinnadharmārthasaṃśayam
der die Zweifel an Dharma und Artha zerschnitten hat (Bahuvrīhi, Akk.Sg.m.)
evam uktaḥ sa vaidehaṃ pratyuvāca parokṣavit; nivṛttir naitayor asti nānivṛttiḥ kathaṃ cana
So angesprochen antwortete der Kenner des Jenseitigen dem Videher: „Für diese beiden gibt es kein Aufhören, und es gibt auf keine Weise ein Nicht-Aufhören.
Wort für Wort
evam uktaḥ sa
so angesprochen, er (Part.Perf.Pass. Nom.Sg.m.)
vaidehaṃ pratyuvāca
dem Videher antwortete (Akk.Sg./Perf. 3.Sg.)
parokṣavit
der Kenner des Verborgenen/Jenseitigen (Nom.Sg.m.)
nivṛttiḥ na etayoḥ asti
Aufhören nicht für diese beiden ist (Nom.Sg.f./Gen.Du./3.Sg.Präs.)
na anivṛttiḥ kathaṃ cana
nicht Nicht-Aufhören auf irgendeine Weise (Nom.Sg.f.)
Die Aussage ist knapp und philosophisch dicht; die Lesart ‚kein Aufhören und doch kein Nicht-Aufhören‘ bleibt etwas unsicher.
na hy ahāni nivartante na māsā na punaḥ kṣapāḥ; so 'yaṃ prapadyate 'dhvānaṃ cirāya dhruvam adhruvaḥ
Denn weder kehren die Tage zurück, noch die Monate, noch wiederum die Nächte; dieser [Mensch] aber geht den Weg für lange Zeit, [selbst] beständig, [doch] unbeständig.
Wort für Wort
na hi ahāni nivartante
denn nicht kehren die Tage zurück (Nom.Pl.n./3.Pl.Med.)
na māsāḥ na punaḥ kṣapāḥ
nicht Monate, nicht wiederum Nächte (Nom.Pl.)
saḥ ayam prapadyate adhvānam
dieser betritt den Weg (3.Sg.Med./Akk.Sg.m.)
cirāya dhruvam adhruvaḥ
für lange [Zeit], beständig [und doch] unbeständig (Dat./Adv./Nom.Sg.m.)
dhruvam adhruvaḥ: wörtlich ‚fest, [doch] nicht fest‘; Lesart unsicher.
Die Vernichtung aller Wesen wird beständig wie von einem Strom fortgetragen; [das Wesen,] das fortgetragen wird und untergeht im floßlosen Meer der Zeit, dem großen Krokodil Alter und Tod ausgeliefert – niemand kommt ihm zu Hilfe.
Wort für Wort
sarvabhūtasamucchedaḥ
Vernichtung aller Wesen (Tatp., Nom.Sg.m.)
srotasā iva ūhyate sadā
wie durch einen Strom wird fortgetragen stets (Instr.Sg./3.Sg.Pass.)
ūhyamānaṃ nimajjantam
das fortgetragen wird, das untergeht (Part.Pass./Part.Präs. Akk.Sg.n.)
aplave kālasāgare
im floßlosen Meer der Zeit (Lok.Sg.m.)
jarāmṛtyumahāgrāhe
beim/wegen des großen Krokodils Alter und Tod (Karmadhāraya, Lok.Sg.m.)
na kaḥ cit abhipadyate
nicht jemand tritt [helfend] herzu (3.Sg.Präs.Med.)
Syntax der Strophe locker; ‚uhyamānaṃ nimajjantam‘ (Akk.) neben Nom.-Subjekt; abhipadyate mit [Anm.]: ‚zu Hilfe kommen‘ bzw. ‚Zuflucht finden‘ [?].
Keiner wird ihm zugehören, und dieser gehört niemandem; nur ein Zusammentreffen auf dem Weg ist dies, mit Ehefrauen und anderen Verwandten; ein dauerndes Beisammenleben ist von niemandem je zuvor erlangt worden.
Wort für Wort
na eva asya bhavitā kaḥ cit
nicht wird ihm jemand [gehören] (Fut.Nom.Agent. 3.Sg./Gen.Sg.)
na asau bhavati kasya cit
nicht dieser ist jemandes (3.Sg.Präs./Gen.Sg.)
pathi saṃgatam eva idam
auf dem Weg ein Zusammentreffen nur ist dies (Lok.Sg./Nom.Sg.n.)
dāraiḥ anyaiḥ ca bandhubhiḥ
mit Ehefrauen und anderen Verwandten (Instr.Pl.)
na ayam atyantasaṃvāsaḥ
nicht dieses dauernde Zusammenwohnen (Nom.Sg.m.)
labdhapūrvaḥ hi kena cit
erlangt zuvor doch von jemandem (Part.Pass. Nom.Sg.m./Instr.Sg.)
kṣipyante tena tenaiva niṣṭanantaḥ punaḥ punaḥ; kālena jātā jātā hi vāyunevābhrasaṃcayāḥ
Sie werden von diesem und jenem [Schicksal] immer wieder fortgeschleudert und jammern dabei; von der Zeit geboren, [vergehen] die Geborenen wie Wolkenhaufen vom Wind [verweht].
Wort für Wort
kṣipyante tena tena eva
sie werden geschleudert von diesem und jenem (3.Pl.Pass./Instr.Sg.)
niṣṭanantaḥ punaḥ punaḥ
jammernd, immer wieder (Part.Präs. Nom.Pl.m.)
kālena jātāḥ jātāḥ hi
von der Zeit geboren, die jeweils Geborenen (Instr.Sg./Part.Pass. Nom.Pl.)
vāyunā iva abhrasaṃcayāḥ
wie vom Wind Wolkenhaufen (Instr.Sg./Nom.Pl.m.)
niṣṭanantaḥ [?] als Nom.Pl. auf die Wesen bezogen; die Strophe ist elliptisch.
Wie könnte man sich bei Wesen, die so beschaffen sind, immer wieder [neu] entstehen und unbeständig sind, über Geborene freuen, und wie über Gestorbene fiebern [d. h. trauern]?
Wort für Wort
evaṃbhūteṣu bhūteṣu
bei so beschaffenen Wesen (Lok.Pl.n.)
nityabhūtādhruveṣu ca
und bei stets Werdenden [und] Unbeständigen (Lok.Pl.) [?]
kathaṃ hṛṣyeta jāteṣu
wie könnte man sich freuen über Geborene (Opt. 3.Sg./Lok.Pl.)
mṛteṣu ca kathaṃ jvaret
und über Gestorbene, wie könnte man fiebern/trauern (Lok.Pl./Opt. 3.Sg.)
nityabhūtādhruveṣu: Auflösung unsicher (nityabhūta + adhruva ‚stets seiend, doch unbeständig‘ oder ‚ständig neu entstehend‘).
satyaś ca te yathātmā ca tyaktaḥ syāt kim anena ca
Und wahr ist dir [dein Selbst] und wie das Selbst; [es] wäre aufgegeben – was [nützt] dir dieses da? [?]
Wort für Wort
satyaḥ ca te
und wahr dir (Nom.Sg.m./Gen.-Dat.Sg.)
yathā ātmā ca
und wie das Selbst (Adv./Nom.Sg.m.)
tyaktaḥ syāt
aufgegeben wäre (Part.Pass./Opt. 3.Sg.)
kim anena ca
und was [nützt] durch dieses (Instr.Sg.n.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Sternzusatz mit vermutlich verderbtem Text; die Wiedergabe ist unsicher.