Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 121: daṇḍasvarūpa Wesen, Gestalt und Namen der Strafgewalt (Daṇḍa) und ihr Verhältnis zu Vyavahāra und Dharma

Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Wesen der Strafgewalt beschreibt Bhīṣma Daṇḍa als personifizierte, schreckliche Gestalt, zählt ihre Namen und Erscheinungsformen auf und erläutert ihre Bedeutung für Dharma, Vyavahāra und die Ordnung der Welt.

yudhiṣṭhira uvāca; ayaṃ pitāmahenokto rājadharmaḥ sanātanaḥ; īśvaraś ca mahādaṇḍo daṇḍe sarvaṃ pratiṣṭhitam

Yudhiṣṭhira sprach: „Dieses ewige Königsgesetz wurde vom Großvater verkündet; und der Herr [ist] die große Strafgewalt (daṇḍa); in der Strafgewalt ist alles gegründet.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Nom.; 3.Sg.Perf.)
ayaṃ pitāmahena uktaḥ
dieses wurde vom Großvater gesagt (Instr.; PPP Nom.)
rājadharmaḥ sanātanaḥ
Königsgesetz, ewiges (Nom.Sg.m.)
īśvaraḥ ca mahādaṇḍaḥ
und der Herr, die große Strafgewalt (Nom.Sg.m.)
daṇḍe sarvaṃ pratiṣṭhitam
in der Strafgewalt ist alles gegründet (Lok.; PPP Nom.n.)

devatānām ṛṣīṇāṃ ca pitṝṇāṃ ca mahātmanām; yakṣarakṣaḥpiśācānāṃ martyānāṃ ca viśeṣataḥ

Für Götter, Seher, Väter und Hochgesinnte, für Yakṣas, Rākṣasas und Piśācas und besonders für die Sterblichen –

Wort für Wort
devatānām ṛṣīṇāṃ ca
für Götter und Seher (Gen.Pl.)
pitṝṇāṃ ca mahātmanām
und für Väter, die Hochgesinnten (Gen.Pl.)
yakṣarakṣaḥpiśācānām
für Yakṣas, Rākṣasas, Piśācas (Dvandva, Gen.Pl.)
martyānāṃ ca viśeṣataḥ
und für Sterbliche, besonders (Gen.Pl./Adv.)

sarveṣāṃ prāṇināṃ loke tiryakṣv api nivāsinām; sarvavyāpī mahātejā daṇḍaḥ śreyān iti prabho

für alle Wesen in der Welt, auch für die, die unter den Tieren wohnen, [gilt]: Die allgegenwärtige, hochglänzende Strafgewalt ist das Beste, o Herr.

Wort für Wort
sarveṣāṃ prāṇinām loke
für alle Wesen in der Welt (Gen.Pl./Lok.Sg.)
tiryakṣu api nivāsinām
auch für die unter den Tieren Wohnenden (Lok.Pl./Gen.Pl.)
sarvavyāpī mahātejāḥ
allgegenwärtig, von großem Glanz (Nom.Sg.m.)
daṇḍaḥ śreyān
die Strafgewalt ist besser/das Beste (Nom.; Komp.)
iti prabho
so [heißt es], o Herr (Vok.)

ity etad uktaṃ bhavatā sarvaṃ daṇḍyaṃ carācaram; dṛśyate lokam āsaktaṃ sasurāsuramānuṣam

So hast du es gesagt: Alles Bewegliche und Unbewegliche ist zu strafen; man sieht die Welt, samt Göttern, Asuras und Menschen, [daran] gebunden.

Wort für Wort
iti etat uktaṃ bhavatā
so wurde dies von dir gesagt (Instr.; PPP)
sarvaṃ daṇḍyam
alles ist zu strafen (Gerundiv Nom.n.)
carācaram
das Bewegliche und Unbewegliche (Dvandva, Nom.n.)
dṛśyate lokam āsaktam
man sieht die Welt gebunden (Pass.3.Sg.; Akk./PPP)
sasurāsuramānuṣam
samt Göttern, Asuras und Menschen (Bahuvrīhi)

lokam āsaktam: Akkusativ statt Nominativ; wohl metrisch/Sprachgebrauch, sinngemäß „die Welt … ist [an die Strafe] gebunden“.

etad icchāmy ahaṃ jñātuṃ tattvena bharatarṣabha; ko daṇḍaḥ kīdṛśo daṇḍaḥ kiṃrūpaḥ kiṃparāyaṇaḥ

Dies möchte ich der Wahrheit gemäß wissen, Stier der Bharatas: Was ist die Strafe, wie beschaffen ist die Strafe, welche Gestalt hat sie, was ist ihr Ziel [wörtl. Zuflucht]?

Wort für Wort
etat icchāmi aham jñātum
dies will ich wissen (1.Sg.Präs.; Inf.)
tattvena
der Wahrheit nach, genau (Instr.)
bharatarṣabha
Stier der Bharatas (Vok.)
kaḥ daṇḍaḥ kīdṛśaḥ daṇḍaḥ
was für eine Strafe, wie beschaffen die Strafe (Nom.)
kiṃrūpaḥ kiṃparāyaṇaḥ
von welcher Gestalt, mit welchem Ziel (Bahuvrīhi, Nom.)

kimātmakaḥ kathaṃbhūtaḥ katimūrtiḥ kathaṃprabhuḥ; jāgarti sa kathaṃ daṇḍaḥ prajāsv avahitātmakaḥ

Von welchem Wesen, wie geartet, wie viele Gestalten hat sie, wie mächtig ist sie? Wie wacht diese Strafe, achtsamen Sinnes, über die Geschöpfe?

Wort für Wort
kimātmakaḥ kathaṃbhūtaḥ
von welchem Wesen, wie geartet (Nom.)
katimūrtiḥ
mit wie vielen Gestalten (Bahuvrīhi)
kathaṃprabhuḥ
wie mächtig (Bahuvrīhi)
jāgarti sa kathaṃ daṇḍaḥ
wie wacht diese Strafe (3.Sg.Präs.)
prajāsu avahitātmakaḥ
über die Geschöpfe, achtsamen Sinnes (Lok.Pl.; Bahuvrīhi)

kaś ca pūrvāparam idaṃ jāgarti paripālayan; kaś ca vijñāyate pūrvaṃ ko 'paro daṇḍasaṃjñitaḥ; kiṃsaṃsthaś ca bhaved daṇḍaḥ kā cāsya gatir iṣyate

Und wer wacht, dieses Vorher und Nachher behütend? Und wer wird als der Frühere erkannt, wer ist der andere, „Strafe“ genannte? Worin besteht die Strafe, und welches Ziel wird ihr zugeschrieben?

Wort für Wort
kaḥ ca pūrvāparam idam
und wer [wacht über] dieses Vorher und Nachher (Nom./Akk.n.)
jāgarti paripālayan
wacht, behütend (3.Sg.Präs.; Part.Präs.)
kaḥ ca vijñāyate pūrvam
und wer wird als früherer erkannt (Pass.3.Sg.)
kaḥ aparaḥ daṇḍasaṃjñitaḥ
wer [ist] der andere, Strafe genannt (PPP Nom.)
kiṃsaṃsthaḥ ca bhavet daṇḍaḥ
und worin bestehend wäre die Strafe (Opt.3.Sg.)
kā ca asya gatiḥ iṣyate
und welches Ziel wird ihr zugeschrieben (Pass.3.Sg.)

pūrvāparam: Bedeutung („Vorher und Nachher“ / „der Frühere und der Spätere“) nicht ganz sicher; die Frage nach „früher/anderer“ bezieht sich vermutlich auf Dharma/Vyavahāra und Daṇḍa.

bhīṣma uvāca; śṛṇu kauravya yo daṇḍo vyavahāryo yathā ca saḥ; yasmin hi sarvam āyattaṃ sa daṇḍa iha kevalaḥ

Bhīṣma sprach: „Höre, Kauravya, welche Strafe anzuwenden ist [vyavahārya] und wie sie beschaffen ist; die Strafe, in der alles beruht, ist hier die alleinige [Wirklichkeit].“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach
śṛṇu kauravya
höre, Kauravya (Imp.; Vok.)
yaḥ daṇḍaḥ vyavahāryaḥ
welche Strafe anzuwenden ist (Gerundiv Nom.)
yathā ca saḥ
und wie sie ist
yasmin hi sarvam āyattam
in der ja alles beruht (Lok.; PPP)
saḥ daṇḍaḥ iha kevalaḥ
diese ist hier die alleinige Strafe (Nom.)

dharmasyākhyā mahārāja vyavahāra itīṣyate; tasya lopaḥ kathaṃ na syāl lokeṣv avahitātmanaḥ; ity arthaṃ vyavahārasya vyavahāratvam iṣyate

„Die Benennung des Dharma, großer König, gilt als Vyavahāra. Wie sollte dessen Ausfall unter den Welten nicht [eintreten] bei dem, der achtsam ist [?] – deshalb, um dieses Zweckes willen, gilt das Vyavahāra-Sein des Vyavahāra.“

Wort für Wort
dharmasya ākhyā mahārāja
die Benennung des Dharma, großer König (Gen.; Vok.)
vyavahāraḥ iti iṣyate
‚Vyavahāra‘, so gilt sie (Pass.3.Sg.)
tasya lopaḥ kathaṃ na syāt
dessen Ausfall, wie sollte er nicht sein (Opt.3.Sg.)
lokeṣu avahitātmanaḥ
unter den Welten, des Achtsamen (Lok.Pl.; Gen.)
ity artham
deshalb, zu diesem Zweck (Akk.Adv.)
vyavahārasya vyavahāratvam iṣyate
dem Vyavahāra kommt Vyavahāra-Sein zu (Gen.; Pass.)

Stelle verkürzt und schwer; es handelt sich um eine etymologisierende Erklärung von vyavahāra (vi-ava-√hṛ); die Zuordnung von avahitātmanaḥ ist unsicher.

api caitat purā rājan manunā proktam āditaḥ; supraṇītena daṇḍena priyāpriyasamātmanā; prajā rakṣati yaḥ samyag dharma eva sa kevalaḥ

Auch dies wurde einst, König, von Manu am Anfang gesagt: Wer mit gut angewandter Strafe, gleichmütig gegenüber Liebem und Unliebem, die Geschöpfe recht schützt, der ist allein der Dharma.

Wort für Wort
api ca etat purā rājan
auch dies einst, König (Vok.)
manunā proktam āditaḥ
von Manu gesagt am Anfang (Instr.; PPP)
supraṇītena daṇḍena
mit gut angewandter Strafe (Instr.)
priyāpriyasamātmanā
gleichmütig gegenüber Lieb und Unlieb (Bahuvrīhi, Instr./Nom.)
prajāḥ rakṣati yaḥ samyak
wer die Geschöpfe recht schützt (3.Sg.Präs.)
dharmaḥ eva sa kevalaḥ
der ist allein der Dharma (Nom.)

priyāpriyasamātmanā ist formal Instr., bezieht sich sinngemäß auf den Schützenden bzw. die Strafe.

athoktam etad vacanaṃ prāg eva manunā purā; janma coktaṃ vasiṣṭhena brahmaṇo vacanaṃ mahat

Und dieses Wort wurde vorher ebenfalls von Manu einst gesprochen; und die Geburt [der Strafe] wurde von Vasiṣṭha erzählt, das große Wort des Brahmā.

Wort für Wort
atha uktam etat vacanam
und dieses Wort wurde gesagt (PPP Nom.n.)
prāk eva manunā purā
vorher schon von Manu einst (Instr.)
janma ca uktaṃ vasiṣṭhena
und die Geburt wurde von Vasiṣṭha gesagt (Instr.)
brahmaṇaḥ vacanaṃ mahat
das große Wort des Brahmā (Gen.; Nom.n.)

prāg idaṃ vacanaṃ proktam ataḥ prāgvacanaṃ viduḥ; vyavahārasya cākhyānād vyavahāra ihocyate

Dieses Wort wurde vorher gesprochen; daher kennt man es als „Vorwort“ (prāgvacana); und wegen der Erklärung des Vyavahāra heißt es hier „Vyavahāra“.

Wort für Wort
prāk idaṃ vacanaṃ proktam
zuvor wurde dieses Wort gesprochen (PPP)
ataḥ prāgvacanaṃ viduḥ
daher kennt man [es als] ‚Vorwort‘ (3.Pl.Perf.)
vyavahārasya ca ākhyānāt
und wegen der Erklärung des Vyavahāra (Abl.)
vyavahāraḥ iha ucyate
‚Vyavahāra‘ wird es hier genannt (Pass.3.Sg.)

daṇḍāt trivargaḥ satataṃ supraṇītāt pravartate; daivaṃ hi paramo daṇḍo rūpato 'gnir ivocchikhaḥ

Aus gut angewandter Strafe geht beständig die Dreiheit [der Lebensziele] hervor; denn die Strafe ist das höchste Göttliche, der Gestalt nach wie ein Feuer mit aufwärts lodernden Flammen.

Wort für Wort
daṇḍāt trivargaḥ satatam
aus der Strafe die Dreiheit stets (Abl.; Nom.)
supraṇītāt pravartate
aus gut Angewandtem geht sie hervor (Abl.; 3.Sg.Präs.)
daivaṃ hi paramaḥ daṇḍaḥ
denn das Göttliche, die höchste Strafe (Nom.)
rūpataḥ agniḥ iva
der Gestalt nach wie Feuer (Adv.; Nom.)
ucchikhaḥ
mit aufwärts stehenden Flammen (Bahuvrīhi)

nīlotpaladalaśyāmaś caturdaṃṣṭraś caturbhujaḥ; aṣṭapān naikanayanaḥ śaṅkukarṇordhvaromavān

Dunkel wie ein Blütenblatt der blauen Lotosblume, vierzähnig, vierarmig, achtfüßig, vieläugig, mit Pfahlohren und aufwärts stehendem Haar.

Wort für Wort
nīlotpaladalaśyāmaḥ
dunkel wie ein Blatt der blauen Lotosblume (Nom.)
caturdaṃṣṭraḥ caturbhujaḥ
vierzähnig, vierarmig (Bahuvrīhi)
aṣṭapāt
achtfüßig (Nom.)
naikanayanaḥ
vieläugig (Nom.)
śaṅkukarṇaḥ ūrdhvaromavān
pfahlohrig, mit aufrechtem Haar (Nom.)

naikanayana: „nicht ein Auge“, d.h. vieläugig.

jaṭī dvijihvas tāmrāsyo mṛgarājatanucchadaḥ; etad rūpaṃ bibharty ugraṃ daṇḍo nityaṃ durāvaraḥ

Mit Haarknoten, zweizüngig, kupferrotem Gesicht, das Fell des Tierkönigs als Körperhülle: Diese schreckliche Gestalt trägt die Strafe stets, schwer abzuwehren.

Wort für Wort
jaṭī dvijihvaḥ
mit Flechtenhaar, zweizüngig (Nom.)
tāmrāsyaḥ
kupferrotes Gesicht habend (Bahuvrīhi)
mṛgarājatanucchadaḥ
das Fell des Tierkönigs als Körperhülle (Bahuvrīhi)
etat rūpaṃ bibharti ugram
diese schreckliche Gestalt trägt er (3.Sg.Präs.; Akk.)
daṇḍaḥ nityaṃ durāvaraḥ
die Strafe stets, schwer abzuwehren (Nom.)

mṛgarāja: Tierkönig, d.h. Löwe (oder Tiger).

asir gadā dhanuḥ śaktis triśūlaṃ mudgaraḥ śaraḥ; musalaṃ paraśuś cakraṃ prāso daṇḍarṣṭitomarāḥ

Schwert, Keule, Bogen, Speer (śakti), Dreizack, Hammer, Pfeil, Stößel, Beil, Wurfscheibe, Lanze, Stab, Schwertlanze (ṛṣṭi) und Wurfspieß –

Wort für Wort
asiḥ gadā dhanuḥ
Schwert, Keule, Bogen (Nom.)
śaktiḥ triśūlam
Speer, Dreizack
mudgaraḥ śaraḥ
Hammer, Pfeil
musalaṃ paraśuḥ cakram
Stößel, Beil, Wurfscheibe
prāsaḥ daṇḍa-ṛṣṭi-tomarāḥ
Lanze, Stab, ṛṣṭi-Schwert, Wurfspieß (Dvandva)

sarvapraharaṇīyāni santi yānīha kāni cit; daṇḍa eva hi sarvātmā loke carati mūrtimān

alle Waffen, die es hier irgend gibt: Die Strafe allein, das Selbst von allem, wandelt in der Welt gestaltet.

Wort für Wort
sarvapraharaṇīyāni
alle Waffen (Nom.Pl.n.)
santi yāni iha kāni cit
die es hier irgend gibt (3.Pl.Präs.)
daṇḍaḥ eva hi sarvātmā
die Strafe allein ist ja das Selbst von allem (Nom.)
loke carati mūrtimān
wandelt in der Welt, gestaltet (3.Sg.Präs.; Nom.)

bhindaṃś chindan rujan kṛntan dārayan pāṭayaṃs tathā; ghātayann abhidhāvaṃś ca daṇḍa eva caraty uta

Spaltend, zerhauend, quälend, zerschneidend, zerreißend, aufreißend, töten lassend und angreifend – die Strafe allein wandelt so, fürwahr.

Wort für Wort
bhindan chindan
spaltend, zerhauend (Part.Präs.)
rujan kṛntan
quälend, zerschneidend (Part.Präs.)
dārayan pāṭayan tathā
zerreißend, aufreißend ebenso (Part.Präs.Kaus.)
ghātayan abhidhāvan ca
töten lassend und angreifend (Part.Präs.)
daṇḍaḥ eva carati uta
die Strafe allein wandelt fürwahr (3.Sg.Präs.)

asir viśasano dharmas tīkṣṇavartmā durāsadaḥ; śrīgarbho vijayaḥ śāstā vyavahāraḥ prajāgaraḥ

Schwert, Vernichter, Dharma, der auf scharfer Bahn Wandelnde, schwer zu Nahende, Schoß des Glücks, Sieg, Lenker, Rechtsverfahren, Wacher der Geschöpfe –

Wort für Wort
asiḥ viśasanaḥ
Schwert, Schlachter/Vernichter (Nom.)
dharmaḥ tīkṣṇavartmā
Dharma, der mit scharfer Bahn (Nom.)
durāsadaḥ
der schwer Nahbare (Nom.)
śrīgarbhaḥ vijayaḥ
Schoß der Śrī/des Glücks, Sieg (Nom.)
śāstā vyavahāraḥ prajāgaraḥ
Lenker, Vyavahāra, Wacher der Geschöpfe (Nom.)

Aufzählung von Namen der Strafe (vgl. Vers 21).

śāstraṃ brāhmaṇamantraś ca śāstā prāgvacanaṃ gataḥ; dharmapālo 'kṣaro devaḥ satyago nityago grahaḥ

Lehre, Brahmanen-Spruch, Lenker, der zum „Vorwort“ Gegangene, Hüter des Dharma, der Unvergängliche, Gott, in der Wahrheit Wandelnder, stets Wandelnder, Ergreifer –

Wort für Wort
śāstram brāhmaṇamantraḥ ca
Lehrbuch, Brahmanen-Spruch (Nom.)
śāstā prāgvacanaṃ gataḥ
Lenker, zum Vorwort gegangen (PPP Nom.)
dharmapālaḥ akṣaraḥ devaḥ
Hüter des Dharma, Unvergänglicher, Gott (Nom.)
satyagaḥ nityagaḥ grahaḥ
in der Wahrheit gehend, stets gehend, Ergreifer (Nom.)

Namensliste; einzelne Namen (prāgvacanaṃ gataḥ, graha) nur wörtlich wiedergegeben.

asaṅgo rudratanayo manujyeṣṭhaḥ śivaṃkaraḥ; nāmāny etāni daṇḍasya kīrtitāni yudhiṣṭhira

der Ungebundene, Sohn des Rudra, der Älteste des Manu, Heilbringer: Dies sind die genannten Namen der Strafe, Yudhiṣṭhira.

Wort für Wort
asaṅgaḥ rudratanayaḥ
der Ungebundene, Sohn Rudras (Nom.)
manujyeṣṭhaḥ śivaṃkaraḥ
der Älteste Manus, Heilbringer (Nom.)
nāmāni etāni daṇḍasya
diese Namen der Strafe (Nom.Pl.; Gen.)
kīrtitāni yudhiṣṭhira
sind genannt worden, Yudhiṣṭhira (PPP; Vok.)

manujyeṣṭha: „Ältester unter den Menschen“ oder „Manus Ältester“ – mehrdeutig [?].

daṇḍo hi bhagavān viṣṇur yajño nārāyaṇaḥ prabhuḥ; śaśvad rūpaṃ mahad bibhran mahāpuruṣa ucyate

Denn die Strafe ist der erhabene Viṣṇu, das Opfer, Nārāyaṇa, der Herr; weil er beständig die große Gestalt trägt, heißt er Mahāpuruṣa, „der große Mensch“.

Wort für Wort
daṇḍaḥ hi bhagavān viṣṇuḥ
denn die Strafe ist der erhabene Viṣṇu (Nom.)
yajñaḥ nārāyaṇaḥ prabhuḥ
das Opfer, Nārāyaṇa, der Herr (Nom.)
śaśvat rūpaṃ mahat bibhran
stets die große Gestalt tragend (Adv.; Part.Präs.)
mahāpuruṣaḥ ucyate
‚Mahāpuruṣa‘ wird er genannt (Pass.3.Sg.)

yathoktā brahmakanyeti lakṣmīr nītiḥ sarasvatī; daṇḍanītir jagaddhātrī daṇḍo hi bahuvigrahaḥ

So wie sie genannt wird: Tochter des Brahmā, Lakṣmī, Nīti, Sarasvatī, Daṇḍanīti, Trägerin der Welt; denn die Strafe hat viele Gestalten.

Wort für Wort
yathā uktā
wie sie genannt wird (PPP f.)
brahmakanyā iti lakṣmīḥ
Brahmās Tochter, Lakṣmī (Nom.)
nītiḥ sarasvatī
Nīti, Sarasvatī
daṇḍanītiḥ jagaddhātrī
Daṇḍanīti, Weltenträgerin (Nom.)
daṇḍaḥ hi bahuvigrahaḥ
denn die Strafe ist vielgestaltig (Nom.)

Der Vers lautet wörtlich „die Tochter des Brahmā“ mit Verweis auf eine früher gegebene Aussage; Bezug etwas offen.

arthānarthau sukhaṃ duḥkhaṃ dharmādharmau balābale; daurbhāgyaṃ bhāgadheyaṃ ca puṇyāpuṇye guṇāguṇau

Nutzen und Schaden, Glück und Leid, Dharma und Adharma, Stärke und Schwäche, Unglück und Glückslos, Verdienst und Unverdienst, Vorzüge und Nachteile –

Wort für Wort
arthānarthau sukhaṃ duḥkham
Nutzen und Schaden, Glück, Leid (Dvandva Nom.Du.)
dharmādharmau balābale
Dharma und Adharma, Stärke und Schwäche
daurbhāgyaṃ bhāgadheyaṃ ca
Unglück und Glückslos
puṇyāpuṇye guṇāguṇau
Verdienst und Unverdienst, Vorzüge und Nachteile

kāmākāmāv ṛtur māsaḥ śarvarī divasaḥ kṣaṇaḥ; aprasādaḥ prasādaś ca harṣaḥ krodhaḥ śamo damaḥ

Begehren und Nichtbegehren, Jahreszeit, Monat, Nacht, Tag, Augenblick, Ungnade und Gnade, Freude, Zorn, Ruhe, Selbstbezwingung –

Wort für Wort
kāmākāmau
Begehren und Nichtbegehren (Dvandva)
ṛtuḥ māsaḥ
Jahreszeit, Monat
śarvarī divasaḥ kṣaṇaḥ
Nacht, Tag, Augenblick
aprasādaḥ prasādaḥ ca
Ungnade und Gnade
harṣaḥ krodhaḥ śamaḥ damaḥ
Freude, Zorn, Ruhe, Selbstbezwingung

daivaṃ puruṣakāraś ca mokṣāmokṣau bhayābhaye; hiṃsāhiṃse tapo yajñaḥ saṃyamo 'tha viṣāviṣam

Schicksal und Menschentat, Erlösung und Nichterlösung, Furcht und Furchtlosigkeit, Verletzen und Nichtverletzen, Askese, Opfer, Zügelung und dann Gift und Nichtgift.

Wort für Wort
daivaṃ puruṣakāraḥ ca
Schicksal und Menschentat (Nom.)
mokṣāmokṣau bhayābhaye
Erlösung und Nichterlösung, Furcht und Furchtlosigkeit
hiṃsāhiṃse
Verletzen und Nichtverletzen
tapaḥ yajñaḥ saṃyamaḥ
Askese, Opfer, Zügelung
atha viṣāviṣam
dann Gift und Nichtgift

antaś cādiś ca madhyaṃ ca kṛtyānāṃ ca prapañcanam; madaḥ pramādo darpaś ca dambho dhairyaṃ nayānayau

Ende, Anfang und Mitte, und die Entfaltung der Handlungen; Rausch, Nachlässigkeit, Hochmut, Heuchelei, Standhaftigkeit, kluge und unkluge Führung –

Wort für Wort
antaḥ ca ādiḥ ca madhyaṃ ca
Ende, Anfang, Mitte (Nom.)
kṛtyānāṃ ca prapañcanam
und die Entfaltung der Handlungen (Gen.Pl.; Nom.n.)
madaḥ pramādaḥ
Rausch, Nachlässigkeit
darpaḥ ca dambhaḥ
Hochmut und Heuchelei
dhairyaṃ nayānayau
Standhaftigkeit, kluge und unkluge Führung

aśaktiḥ śaktir ity eva mānastambhau vyayāvyayau; vinayaś ca visargaś ca kālākālau ca bhārata

Unvermögen und Vermögen, Stolz und Starrheit, Ausgaben und Nichtausgaben, Bescheidenheit und Freigebigkeit [bzw. Loslassen], rechte und unrechte Zeit, o Bhārata –

Wort für Wort
aśaktiḥ śaktiḥ iti eva
Unvermögen, Vermögen (Nom.)
mānastambhau
Stolz und Starrheit (Dvandva)
vyayāvyayau
Ausgabe und Nichtausgabe
vinayaḥ ca visargaḥ ca
Bescheidenheit/Zucht und Entlassen/Hingabe
kālākālau ca bhārata
rechte und unrechte Zeit, o Bhārata (Vok.)

visarga: „Loslassen, Entsenden, Schöpfung, Freigebigkeit“; Wahl unsicher [?].

anṛtaṃ jñājñatā satyaṃ śraddhāśraddhe tathaiva ca; klībatā vyavasāyaś ca lābhālābhau jayājayau

Unwahrheit, Wissen und Nichtwissen, Wahrheit, ebenso Glaube und Unglaube, Verzagtheit, Entschlossenheit, Gewinn und Verlust, Sieg und Niederlage.

Wort für Wort
anṛtaṃ jñājñatā satyam
Unwahrheit, Wissen und Nichtwissen, Wahrheit
śraddhāśraddhe tathā eva ca
Glaube und Unglaube ebenso
klībatā vyavasāyaḥ ca
Verzagtheit und Entschlossenheit
lābhālābhau
Gewinn und Verlust (Dvandva)
jayājayau
Sieg und Niederlage

jñājñatā: Bildung unklar, hier als jña-ajña-tā („Wissen/Nichtwissen-heit“) gedeutet [?].

tīkṣṇatā mṛdutā mṛtyur āgamānāgamau tathā; virāddhiś caiva rāddhiś ca kāryākārye balābale

Schärfe und Milde, Tod, Kommen und Nicht-Kommen, ebenso Verfehlen und Erreichen, Zu-Tuendes und Nicht-zu-Tuendes, Stärke und Schwäche,

Wort für Wort
tīkṣṇatā mṛdutā mṛtyuḥ
Schärfe, Milde, Tod (Nom.Sg.f./f./m.)
āgamānāgamau tathā
Kommen und Nicht-Kommen, ebenso (Nom.Du.m.)
virāddhiḥ ca eva rāddhiḥ ca
Verfehlen und ebenso Erreichen (Nom.Sg.f.)
kāryākārye balābale
Zu-Tuendes und Nicht-zu-Tuendes, Stärke und Schwäche (Nom.Du.n.)

asūyā cānasūyā ca dharmādharmau tathaiva ca; apatrapānapatrape hrīś ca saṃpad vipac ca ha

Missgunst und Nicht-Missgunst, Recht und Unrecht ebenso, Scham-Losigkeit und Scham, Schamhaftigkeit, Wohlstand und Unglück fürwahr:

Wort für Wort
asūyā ca anasūyā ca
Missgunst und Nicht-Missgunst (Nom.Sg.f.)
dharmādharmau tathā eva ca
Recht und Unrecht ebenso (Nom.Du.m.)
apatrapānapatrape
Schamlosigkeit und Scham (Nom.Du.f./n.)
hrīḥ ca
und Schamhaftigkeit (Nom.Sg.f.)
saṃpad vipad ca ha
Wohlstand und Unglück fürwahr (Nom.Sg.f.)

tejaḥ karmaṇi pāṇḍityaṃ vākśaktis tattvabuddhitā; evaṃ daṇḍasya kauravya loke 'smin bahurūpatā

Glut, Tüchtigkeit im Handeln, Gelehrsamkeit, Redekraft, Einsicht in das Wesen der Dinge: so hat die Strafe, Kauravya, in dieser Welt viele Gestalten.

Wort für Wort
tejaḥ karmaṇi pāṇḍityam
Glut, im Handeln, Gelehrsamkeit (Nom.Sg.n./Lok.Sg.n./Nom.Sg.n.)
vākśaktiḥ tattvabuddhitā
Redekraft, Wesenseinsicht (Nom.Sg.f.)
evaṃ daṇḍasya kauravya
so, der Strafe, Kauravya (Adv./Gen.Sg.m./Vok.)
loke asmin bahurūpatā
in dieser Welt Vielgestaltigkeit (Lok.Sg.m./Nom.Sg.f.)

na syād yadīha daṇḍo vai pramatheyuḥ parasparam; bhayād daṇḍasya cānyonyaṃ ghnanti naiva yudhiṣṭhira

Gäbe es hier die Strafe nicht, würden sie einander zermalmen; aus Furcht vor der Strafe erschlagen sie einander nicht, Yudhiṣṭhira.

Wort für Wort
na syāt yadi iha daṇḍaḥ vai
wäre nicht, wenn hier die Strafe fürwahr (Opt.3.Sg.)
pramatheyuḥ parasparam
würden zermalmen einander (Opt.3.Pl.)
bhayāt daṇḍasya ca
aus Furcht vor der Strafe und (Abl.Sg.n./Gen.Sg.m.)
anyonyaṃ ghnanti na eva
einander erschlagen sie nicht (3.Pl.Präs.)
yudhiṣṭhira
Yudhiṣṭhira (Vok.)

daṇḍena rakṣyamāṇā hi rājann aharahaḥ prajāḥ; rājānaṃ vardhayantīha tasmād daṇḍaḥ parāyaṇam

Denn von der Strafe geschützt, König, lassen die Untertanen Tag für Tag den König hier gedeihen; darum ist die Strafe die höchste Zuflucht.

Wort für Wort
daṇḍena rakṣyamāṇāḥ hi
von der Strafe geschützt werdend, denn (Instr.Sg.m./Part.Pass.Nom.Pl.f.)
rājan aharahaḥ prajāḥ
König, Tag für Tag die Untertanen (Vok./Adv./Nom.Pl.f.)
rājānaṃ vardhayanti iha
den König lassen gedeihen hier (Akk.Sg.m./3.Pl.Kaus.)
tasmāt daṇḍaḥ parāyaṇam
darum die Strafe höchste Zuflucht (Abl./Nom.Sg.m./Nom.Sg.n.)

vyavasthāpayati kṣipram imaṃ lokaṃ nareśvara; satye vyavasthito dharmo brāhmaṇeṣv avatiṣṭhate

Sie [die Strafe] ordnet diese Welt rasch, Herr der Menschen; im Wahren gegründet, hält sich das Recht bei den Brahmanen auf.

Wort für Wort
vyavasthāpayati kṣipram
ordnet, rasch (3.Sg.Kaus.Präs./Adv.)
imaṃ lokaṃ nareśvara
diese Welt, Herr der Menschen (Akk.Sg.m./Vok.)
satye vyavasthitaḥ dharmaḥ
im Wahren gegründet, das Recht (Lok.Sg.n./Part.Nom.Sg.m./Nom.Sg.m.)
brāhmaṇeṣu avatiṣṭhate
bei den Brahmanen hält sich auf (Lok.Pl.m./3.Sg.Med.)

Subjekt des ersten Pāda ist nicht ausdrücklich genannt; sinngemäß daṇḍa.

dharmayuktā dvijāḥ śreṣṭhā vedayuktā bhavanti ca; babhūva yajño vedebhyo yajñaḥ prīṇāti devatāḥ

Die vorzüglichen Zweimalgeborenen, dem Recht ergeben, werden dem Veda ergeben; aus den Veden entstand das Opfer, das Opfer erfreut die Gottheiten.

Wort für Wort
dharmayuktāḥ dvijāḥ śreṣṭhāḥ
dem Recht ergeben, die Zweimalgeborenen, die vorzüglichen (Nom.Pl.m.)
vedayuktāḥ bhavanti ca
dem Veda ergeben werden sie und (Nom.Pl.m./3.Pl.Präs.)
babhūva yajñaḥ vedebhyaḥ
entstand das Opfer aus den Veden (3.Sg.Perf./Nom.Sg.m./Abl.Pl.m.)
yajñaḥ prīṇāti devatāḥ
das Opfer erfreut die Gottheiten (Nom.Sg.m./3.Sg.Präs./Akk.Pl.f.)

prītāś ca devatā nityam indre paridadaty uta; annaṃ dadāti śakraś cāpy anugṛhṇann imāḥ prajāḥ

Und erfreut vertrauen die Gottheiten stets es dem Indra an; und Śakra gibt Nahrung, indem er diese Geschöpfe begünstigt.

Wort für Wort
prītāḥ ca devatāḥ nityam
erfreut und die Gottheiten stets (Part.Nom.Pl.f.)
indre paridadati uta
dem Indra vertrauen sie an, ja (Lok.Sg.m./3.Pl.Präs.)
annaṃ dadāti śakraḥ ca api
Nahrung gibt Śakra und auch (Akk.Sg.n./3.Sg.Präs./Nom.Sg.m.)
anugṛhṇan imāḥ prajāḥ
begünstigend diese Geschöpfe (Part.Präs.Nom.Sg.m./Akk.Pl.f.)

Objekt von paridadati fehlt im Text; sinngemäß die Sorge für die Welt.

prāṇāś ca sarvabhūtānāṃ nityam anne pratiṣṭhitāḥ; tasmāt prajāḥ pratiṣṭhante daṇḍo jāgarti tāsu ca

Und die Lebensatem aller Wesen sind stets in der Nahrung gegründet; darum bestehen die Geschöpfe, und die Strafe wacht über ihnen.

Wort für Wort
prāṇāḥ ca sarvabhūtānām
die Lebensatem und aller Wesen (Nom.Pl.m./Gen.Pl.n.)
nityam anne pratiṣṭhitāḥ
stets in der Nahrung gegründet (Lok.Sg.n./Part.Nom.Pl.m.)
tasmāt prajāḥ pratiṣṭhante
darum die Geschöpfe bestehen (Abl./Nom.Pl.f./3.Pl.Med.)
daṇḍaḥ jāgarti tāsu ca
die Strafe wacht über ihnen und (Nom.Sg.m./3.Sg.Präs./Lok.Pl.f.)

evaṃprayojanaś caiva daṇḍaḥ kṣatriyatāṃ gataḥ; rakṣan prajāḥ prajāgarti nityaṃ suvihito 'kṣaraḥ

Mit solchem Zweck ist die Strafe zum Kṣatriya-Stand geworden; die Untertanen schützend wacht sie stets, wohlgeordnet, unvergänglich.

Wort für Wort
evaṃprayojanaḥ ca eva daṇḍaḥ
so zweckvoll, und eben die Strafe (Nom.Sg.m.)
kṣatriyatāṃ gataḥ
zum Kṣatriya-Stand geworden (Akk.Sg.f./Part.Nom.Sg.m.)
rakṣan prajāḥ prajāgarti
schützend die Untertanen, wacht (Part.Nom.Sg.m./Akk.Pl.f./3.Sg.Präs.)
nityaṃ suvihitaḥ akṣaraḥ
stets wohlgeordnet, unvergänglich (Adv./Part.Nom.Sg.m./Nom.Sg.m.)

īśvaraḥ puruṣaḥ prāṇaḥ sattvaṃ vittaṃ prajāpatiḥ; bhūtātmā jīva ity eva nāmabhiḥ procyate 'ṣṭabhiḥ

Herr, Person, Lebensatem, Wesenheit, Besitz, Prajāpati, Selbst der Wesen, Lebewesen: mit diesen acht Namen wird sie genannt.

Wort für Wort
īśvaraḥ puruṣaḥ prāṇaḥ
Herr, Person, Lebensatem (Nom.Sg.m.)
sattvaṃ vittaṃ prajāpatiḥ
Wesenheit, Besitz, Prajāpati (Nom.Sg.n./n./m.)
bhūtātmā jīvaḥ iti eva
Selbst der Wesen, Lebewesen, so eben (Nom.Sg.m.)
nāmabhiḥ procyate aṣṭabhiḥ
mit Namen wird genannt, acht (Instr.Pl.n./3.Sg.Pass./Instr.Pl.)

Die Achtzahl der Namen ist im Text nicht sauber aufzulösen (bhūtātmā jīvaḥ könnte auch als ein Name gelten).

adadad daṇḍa evāsmai dhruvam aiśvaryam eva ca; bale nayaś ca saṃyuktaḥ sadā pañcavidhātmakaḥ

Dieser [Strafe] gab die Strafe selbst dauerhafte Herrschaft; und in der Macht ist die Klugheit verbunden, stets fünffach von Wesen.

Wort für Wort
adadat daṇḍaḥ eva asmai
gab die Strafe selbst diesem (Impf.3.Sg./Nom.Sg.m./Dat.Sg.)
dhruvam aiśvaryam eva ca
dauerhafte Herrschaft eben und (Akk.Sg.n.)
bale nayaḥ ca saṃyuktaḥ
in der Macht die Klugheit und verbunden (Lok.Sg.n./Nom.Sg.m./Part.Nom.Sg.m.)
sadā pañcavidhātmakaḥ
stets fünffachen Wesens (Adv./Nom.Sg.m.)

Text und Bezüge unsicher; asmai kann auch auf den König bezogen werden.

kulabāhudhanāmātyāḥ prajñā coktā balāni ca; āhāryaṃ cāṣṭakair dravyair balam anyad yudhiṣṭhira

Sippe, Arm [Kriegsmacht], Reichtum, Minister und Einsicht sind als die Kräfte genannt; und die mit acht Dingen zu beschaffende Kraft ist eine andere, Yudhiṣṭhira.

Wort für Wort
kulabāhudhanāmātyāḥ
Sippe, Arm, Reichtum, Minister (Nom.Pl.m., Kompositum)
prajñā ca uktā balāni ca
Einsicht und genannt, die Kräfte und (Nom.Sg.f./Part.Nom.Pl.n.)
āhāryam ca aṣṭakaiḥ dravyaiḥ
zu Beschaffendes und mit Achtergruppen von Dingen (Nom.Sg.n./Instr.Pl.)
balam anyat yudhiṣṭhira
Kraft, andere, Yudhiṣṭhira (Nom.Sg.n./Nom.Sg.n./Vok.)

aṣṭakair dravyair [?]: Sinn nicht gesichert.

hastino 'śvā rathāḥ pattir nāvo viṣṭis tathaiva ca; daiśikāś cārakāś caiva tad aṣṭāṅgaṃ balaṃ smṛtam

Elefanten, Rosse, Wagen, Fußvolk, Schiffe, Fronarbeiter ebenso, Landeskundige und Späher: das gilt als die achtgliedrige Streitmacht.

Wort für Wort
hastinaḥ aśvāḥ rathāḥ
Elefanten, Rosse, Wagen (Nom.Pl.m.)
pattiḥ nāvaḥ viṣṭiḥ tathā eva ca
Fußvolk, Schiffe, Fronarbeiter ebenso (Nom.Sg.m./Nom.Pl.f./Nom.Sg.f.)
daiśikāḥ cārakāḥ ca eva
Landeskundige und Späher eben (Nom.Pl.m.)
tat aṣṭāṅgaṃ balaṃ smṛtam
das achtgliedrige Heer, gilt (Nom.Sg.n./Part.Nom.Sg.n.)

aṣṭāṅgasya tu yuktasya hastino hastiyāyinaḥ; aśvārohāḥ padātāś ca mantriṇo rasadāś ca ye

Zu dem achtgliedrigen [Heer] aber, dem gerüsteten: die Elefantenreiter, Reiter der Rosse und Fußsoldaten, Berater und die, die Speise [Gift?] geben;

Wort für Wort
aṣṭāṅgasya tu yuktasya
des achtgliedrigen aber, gerüsteten (Gen.Sg.n.)
hastinaḥ hastiyāyinaḥ
Elefanten [und] Elefantenreiter (Nom.Pl.m.)
aśvārohāḥ padātāḥ ca
Rossreiter und Fußsoldaten (Nom.Pl.m.)
mantriṇaḥ rasadāḥ ca ye
Berater und Saft-/Speisegeber, die (Nom.Pl.m.)

rasadāḥ: wörtlich Saftgeber, vermutlich Verpflegende oder Giftbeibringer [?]; der Satzbau setzt sich in 45 fort.

bhikṣukāḥ prāḍvivākāś ca mauhūrtā daivacintakāḥ; kośo mitrāṇi dhānyaṃ ca sarvopakaraṇāni ca

Bettler, Richter, Astrologen und Schicksalsdeuter, Schatz, Verbündete, Getreide und alle Geräte.

Wort für Wort
bhikṣukāḥ prāḍvivākāḥ ca
Bettelmönche und Richter (Nom.Pl.m.)
mauhūrtāḥ daivacintakāḥ
Zeitkundige, Schicksalsdeuter (Nom.Pl.m.)
kośaḥ mitrāṇi dhānyam ca
Schatz, Verbündete, Getreide und (Nom.Sg.m./Nom.Pl.n./Nom.Sg.n.)
sarvopakaraṇāni ca
und alle Hilfsmittel (Nom.Pl.n.)

saptaprakṛti cāṣṭāṅgaṃ śarīram iha yad viduḥ; rājyasya daṇḍa evāṅgaṃ daṇḍaḥ prabhava eva ca

Den siebenfach beschaffenen, achtgliedrigen Körper, den man hier kennt: des Reiches Glied ist eben die Strafe, und die Strafe ist auch der Ursprung.

Wort für Wort
saptaprakṛti ca aṣṭāṅgam
siebenfach beschaffen und achtgliedrig (Nom.Sg.n.)
śarīram iha yat viduḥ
Körper hier, den man kennt (Nom.Sg.n./Rel./3.Pl.Perf.)
rājyasya daṇḍaḥ eva aṅgam
des Reiches die Strafe eben Glied (Gen.Sg.n./Nom.Sg.m./Nom.Sg.n.)
daṇḍaḥ prabhavaḥ eva ca
die Strafe Ursprung eben und (Nom.Sg.m.)

īśvareṇa prayatnena dhāraṇe kṣatriyasya hi; daṇḍo dattaḥ samānātmā daṇḍo hīdaṃ sanātanam; rājñāṃ pūjyatamo nānyo yathādharmapradarśanaḥ

Von Īśvara mit Mühe wurde dem Kṣatriya zum Tragen die Strafe gegeben, die wesensgleiche; denn diese Strafe ist ewig; unter den Königen ist keiner verehrungswürdiger als sie, die das Recht gemäß aufzeigt.

Wort für Wort
īśvareṇa prayatnena
von Īśvara, mit Anstrengung (Instr.Sg.m.)
dhāraṇe kṣatriyasya hi
zum Tragen, des Kṣatriya, denn (Lok.Sg.n./Gen.Sg.m.)
daṇḍaḥ dattaḥ samānātmā
die Strafe gegeben, wesensgleich (Nom.Sg.m./Part.Nom.Sg.m.)
daṇḍaḥ hi idaṃ sanātanam
die Strafe denn dies ewig (Nom.Sg.m./Nom.Sg.n.)
rājñām pūjyatamaḥ na anyaḥ
unter Königen verehrungswürdigster, nicht ein anderer (Gen.Pl.m./Superl.Nom.Sg.m.)
yathādharmapradarśanaḥ
das Recht gemäß aufzeigend (Nom.Sg.m.)

Satzbau unsicher [?]: dhāraṇe und samānātmā nicht sicher gedeutet.

brahmaṇā lokarakṣārthaṃ svadharmasthāpanāya ca; bhartṛpratyaya utpanno vyavahāras tathāparaḥ; tasmād yaḥ sahito dṛṣṭo bhartṛpratyayalakṣaṇaḥ

Von Brahmā zum Schutz der Welt und zur Aufrichtung des eigenen Rechts [wurde], auf das Vertrauen zum Herrn gegründet, das Rechtsverfahren entstanden, und ein anderes: darum das, was verbunden erscheint, mit dem Merkmal des Herrn-Vertrauens.

Wort für Wort
brahmaṇā lokarakṣārtham
von Brahmā zum Schutz der Welt (Instr.Sg.m./Adv.)
svadharmasthāpanāya ca
und zur Aufrichtung des eigenen Rechts (Dat.Sg.n.)
bhartṛpratyayaḥ utpannaḥ
das auf den Herrn gegründete Vertrauen entstanden (Nom.Sg.m./Part.Nom.Sg.m.)
vyavahāraḥ tathā aparaḥ
das Rechtsverfahren und ein anderes (Nom.Sg.m./Nom.Sg.m.)
tasmāt yaḥ sahitaḥ dṛṣṭaḥ
darum das, was verbunden gesehen wird (Abl./Rel./Nom.Sg.m.)
bhartṛpratyayalakṣaṇaḥ
mit dem Merkmal des Herrn-Vertrauens (Nom.Sg.m.)

Textlich verworren [?]; Wiedergabe unsicher.

vyavahāras tu vedātmā vedapratyaya ucyate; maulaś ca naraśārdūla śāstroktaś ca tathāparaḥ

Das Rechtsverfahren aber, das vedischen Wesens ist, heißt auf den Veda gegründet; und es ist ursprünglich, Tiger unter den Männern, und ein anderes ist in den Lehrbüchern gelehrt.

Wort für Wort
vyavahāraḥ tu vedātmā
das Rechtsverfahren aber, vedischen Wesens (Nom.Sg.m.)
vedapratyayaḥ ucyate
auf den Veda gegründet, wird genannt (Nom.Sg.m./3.Sg.Pass.)
maulaḥ ca naraśārdūla
ursprünglich und, Tiger unter den Männern (Nom.Sg.m./Vok.)
śāstroktaḥ ca tathā aparaḥ
im Lehrbuch gelehrt und ebenso ein anderes (Nom.Sg.m.)

ukto yaś cāpi daṇḍo 'sau bhartṛpratyayalakṣaṇaḥ; jñeyo na sa narendrastho daṇḍapratyaya eva ca

Und die Strafe, die als mit dem Merkmal des Herrn-Vertrauens genannt wurde: die ist nicht als beim König befindlich zu erkennen, und ebenso [gibt es] eine auf Strafe gegründete.

Wort für Wort
uktaḥ yaḥ ca api daṇḍaḥ asau
genannt, die auch Strafe, jene (Part.Nom.Sg.m.)
bhartṛpratyayalakṣaṇaḥ
mit dem Merkmal des Herrn-Vertrauens (Nom.Sg.m.)
jñeyaḥ na saḥ narendrasthaḥ
zu erkennen nicht sie beim König befindlich (Gerundiv Nom.Sg.m.)
daṇḍapratyayaḥ eva ca
auf Strafe gegründet eben und (Nom.Sg.m.)

Textlich verderbt [?]; Sinn unsicher.

daṇḍapratyayadṛṣṭo 'pi vyavahārātmakaḥ smṛtaḥ; vyavahāraḥ smṛto yaś ca sa vedaviṣayātmakaḥ

Auch das auf Strafe-Vertrauen Gesehene gilt als vom Wesen des Rechtsverfahrens; und das Rechtsverfahren, das als solches gilt, ist vom Bereich des Veda.

Wort für Wort
daṇḍapratyayadṛṣṭaḥ api
auf Strafe-Vertrauen gesehen, auch (Nom.Sg.m.)
vyavahārātmakaḥ smṛtaḥ
vom Wesen des Rechtsverfahrens, gilt (Nom.Sg.m./Part.)
vyavahāraḥ smṛtaḥ yaḥ ca
Rechtsverfahren, geltend, das und (Nom.Sg.m.)
saḥ vedaviṣayātmakaḥ
es vom Bereich des Veda (Nom.Sg.m.)

Textlich verderbt [?].

yaś ca vedaprasūtātmā sa dharmo guṇadarśakaḥ; dharmapratyaya utpanno yathādharmaḥ kṛtātmabhiḥ

Und was vedischen Ursprungs ist, das ist das Recht, das die Eigenschaften aufzeigt; auf Recht-Vertrauen entstanden, wie das Recht von den Vollendeten [gilt].

Wort für Wort
yaḥ ca vedaprasūtātmā
und was aus dem Veda hervorgegangen (Rel.Nom.Sg.m.)
saḥ dharmaḥ guṇadarśakaḥ
das Recht, Eigenschaften aufzeigend (Nom.Sg.m.)
dharmapratyayaḥ utpannaḥ
auf Recht-Vertrauen entstanden (Nom.Sg.m./Part.)
yathādharmaḥ kṛtātmabhiḥ
wie das Recht, von den Vollendeten (Nom.Sg.m./Instr.Pl.m.)

Textlich unsicher [?].

vyavahāraḥ prajāgoptā brahmadiṣṭo yudhiṣṭhira; trīn dhārayati lokān vai satyātmā bhūtivardhanaḥ

Das Rechtsverfahren, Beschützer der Geschöpfe, von Brahmā bestimmt, Yudhiṣṭhira, trägt die drei Welten fürwahr, wahrhaftig im Wesen, Mehrer des Gedeihens.

Wort für Wort
vyavahāraḥ prajāgoptā
das Rechtsverfahren, Beschützer der Geschöpfe (Nom.Sg.m.)
brahmadiṣṭaḥ yudhiṣṭhira
von Brahmā bestimmt, Yudhiṣṭhira (Nom.Sg.m./Vok.)
trīn dhārayati lokān vai
die drei trägt Welten fürwahr (Akk.Pl.m./3.Sg.Kaus.)
satyātmā bhūtivardhanaḥ
wahrhaftigen Wesens, Gedeihen mehrend (Nom.Sg.m.)

yaś ca daṇḍaḥ sa dṛṣṭo no vyavahāraḥ sanātanaḥ; vyavahāraś ca yo dṛṣṭaḥ sa dharma iti naḥ śrutaḥ; yaś ca vedaḥ sa vai dharmo yaś ca dharmaḥ sa satpathaḥ

Und was Strafe ist, das ist von uns als das ewige Rechtsverfahren gesehen; und was als Rechtsverfahren gesehen wird, das ist, so haben wir gehört, das Recht; und was der Veda ist, das ist gewiss das Recht, und was das Recht ist, das ist der gute Pfad.

Wort für Wort
yaḥ ca daṇḍaḥ saḥ dṛṣṭaḥ naḥ
und was Strafe, das gesehen von uns (Nom.Sg.m./Gen.Pl.)
vyavahāraḥ sanātanaḥ
Rechtsverfahren, ewig (Nom.Sg.m.)
vyavahāraḥ ca yaḥ dṛṣṭaḥ
und Rechtsverfahren, was gesehen (Nom.Sg.m.)
saḥ dharmaḥ iti naḥ śrutaḥ
das Recht, so, uns gehört (Nom.Sg.m./Part.Nom.Sg.m.)
yaḥ ca vedaḥ saḥ vai dharmaḥ
und was der Veda, das fürwahr Recht (Nom.Sg.m.)
yaḥ ca dharmaḥ saḥ satpathaḥ
und was das Recht, das guter Pfad (Nom.Sg.m.)

naḥ (Gen./Instr. Pl. enklitisch) unsicher [?].

brahmā prajāpatiḥ pūrvaṃ babhūvātha pitāmahaḥ; lokānāṃ sa hi sarveṣāṃ sasurāsurarakṣasām; samanuṣyoragavatāṃ kartā caiva sa bhūtakṛt

Brahmā, der Prajāpati, war früher auch der Großvater; er ist ja Schöpfer aller Welten samt Göttern, Asuras und Rākṣasas, samt Menschen und Schlangen, und Erzeuger der Wesen.

Wort für Wort
brahmā prajāpatiḥ pūrvam
Brahmā, Prajāpati, früher (Nom.Sg.m./Adv.)
babhūva atha pitāmahaḥ
war und, Großvater (3.Sg.Perf./Nom.Sg.m.)
lokānām saḥ hi sarveṣām
der Welten er ja aller (Gen.Pl.m.)
sasurāsurarakṣasām
samt Göttern, Asuras, Rākṣasas (Gen.Pl.m.)
samanuṣyoragavatām
samt Menschen und Schlangen (Gen.Pl.m.)
kartā ca eva saḥ bhūtakṛt
Schöpfer eben er, Wesen-Erzeuger (Nom.Sg.m.)

tato no vyavahāro 'yaṃ bhartṛpratyayalakṣaṇaḥ; tasmād idam avocāma vyavahāranidarśanam

Daher ist dies unser Rechtsverfahren, mit dem Merkmal des Herrn-Vertrauens; deshalb haben wir dies als Darlegung des Rechtsverfahrens gesprochen.

Wort für Wort
tataḥ naḥ vyavahāraḥ ayam
daher unser Rechtsverfahren dieses (Adv./Gen.Pl./Nom.Sg.m.)
bhartṛpratyayalakṣaṇaḥ
mit dem Merkmal des Herrn-Vertrauens (Nom.Sg.m.)
tasmāt idam avocāma
deshalb dies haben wir gesagt (Abl./Akk.Sg.n./Aor.1.Pl.)
vyavahāranidarśanam
Darlegung des Rechtsverfahrens (Akk.Sg.n.)

mātā pitā ca bhrātā ca bhāryā cātha purohitaḥ; nādaṇḍyo vidyate rājñāṃ yaḥ svadharme na tiṣṭhati

Mutter, Vater, Bruder, Gattin und auch der Hauspriester: keiner unter den Königen ist straffrei, der nicht in seinem Recht steht.

Wort für Wort
mātā pitā ca bhrātā ca
Mutter, Vater und Bruder (Nom.Sg.)
bhāryā ca atha purohitaḥ
Gattin und dann Hauspriester (Nom.Sg.)
na adaṇḍyaḥ vidyate rājñām
nicht straffrei findet sich unter Königen (Nom.Sg.m./3.Sg.Pass./Gen.Pl.m.)
yaḥ svadharme na tiṣṭhati
der im eigenen Recht nicht steht (Rel./Lok.Sg.m./3.Sg.Präs.)

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