Kapitel 81: mitralakṣaṇāmātyajñātivyavahāra
Arten von Freunden, Wahl der Minister und der Umgang mit Verwandten
Yudhiṣṭhira fragt nach dem geeigneten Minister und nach Vertrauen; Bhīṣma unterscheidet vier Arten von Freunden, nennt Prüfzeichen für Freund und Feind, Eigenschaften der Vertrauten und rät zu vorsichtiger Ehrung der Verwandten.
Von welcher Wesensart und welchem Verhalten soll der Minister des Königs sein? Auf wen darf der König vertrauen, und auf wen wiederum darf er nicht vertrauen?
Wort für Wort
kiṃśīlaḥ kiṃsamācāraḥ
von welchem Charakter, von welchem Verhalten (Nom. Sg.)
rājñaḥ arthasacivaḥ
des Königs Geschäfts-Minister (Gen./Nom.)
bhavet
soll sein (3.Sg.Opt.)
kīdṛśe viśvased rājā
auf wen von welcher Art soll der König vertrauen (Lok./3.Sg.Opt.)
kīdṛśe na api viśvaset
auf wen von welcher Art soll er nicht vertrauen (Lok./3.Sg.Opt.)
dharmātmā pañcamaṃ mitraṃ sa tu naikasya na dvayoḥ; yato dharmas tato vā syān madhyastho vā tato bhavet
Als fünfter Freund gilt der dharma-gesinnte; er gehört nicht einem einzigen und nicht zweien [an]: Wo Dharma ist, dort soll er stehen, oder er soll neutral [in der Mitte stehend] werden.
Wort für Wort
dharmātmā pañcamaṃ mitram
der Dharma-Gesinnte [ist] der fünfte Freund (Nom./Akk.n.)
sa tu na ekasya na dvayoḥ
er aber [gehört] nicht einem, nicht zweien (Gen.Sg./Gen.Du.)
yataḥ dharmaḥ tataḥ vā syāt
wo Dharma [ist], dort möge er sein (Opt.)
madhyasthaḥ vā tataḥ bhavet
oder er möge dann neutral werden (Nom./3.Sg.Opt.)
Der Satz ist knapp; die Wiedergabe von pañcamaṃ mitram als Prädikat ('gilt als') ist ergänzt.
mitrāṇāṃ prakṛtir nāsti tv amitrāṇāṃ ca bhārata; upakārād bhaven mitram apakārād bhaved ariḥ; yasyaiva hi manuṣyasya naro maraṇam icchati; tasya paryāgate kāle punar jīvitam icchati
[Anm.: Zusatzpassage] Eine feste Natur der Freunde gibt es nicht, und nicht der Feinde, Bhārata; durch Wohltat wird [einer] Freund, durch Schädigung Feind. Von welchem Menschen ein Mann den Tod wünscht, dessen Leben wünscht er wieder, wenn die Zeit sich gewendet hat [?].
Wort für Wort
mitrāṇāṃ prakṛtiḥ na asti
der Freunde feste Natur gibt es nicht (Gen.Pl./Nom./3.Sg.)
tu amitrāṇāṃ ca bhārata
aber auch der Feinde nicht, Bhārata (Gen.Pl./Vok.)
upakārāt bhavet mitram
durch Wohltat wird [einer] Freund (Abl./Opt.)
apakārāt bhavet ariḥ
durch Schädigung wird [einer] Feind (Abl./Opt.)
yasya eva hi manuṣyasya naraḥ maraṇam icchati
denn dessen Menschen Tod ein Mann wünscht (Gen./Akk./3.Sg.)
tasya paryāgate kāle punar jīvitam icchati
dessen Leben wünscht er wieder, wenn die Zeit sich gewendet hat (Lok.abs./3.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; die letzten beiden Pādas sind syntaktisch unklar, Bezug von yasya/tasya und paryāgate kāle unsicher.
Von den vieren sind die mittleren beiden die besten; die beiden anderen sind stets zu beargwöhnen. Alle sind stets zu beargwöhnen; das eigene Geschäft ist unmittelbar [selbst] zu besorgen.
Wort für Wort
caturṇāṃ madhyamau śreṣṭhau
von den vieren die mittleren beiden [als] beste (Gen.Pl./Nom.Du.)
nityaṃ śaṅkyau tathā aparau
stets zu beargwöhnen ebenso die beiden anderen (Nom.Du.)
sarve nityaṃ śaṅkitavyāḥ
alle sind stets zu beargwöhnen (Gerundiv Nom.Pl.)
pratyakṣaṃ kāryam ātmanaḥ
augenscheinlich [selbst] zu erledigen ist das Eigene (Adv./Gerundiv/Gen.)
tasmād viśvasitavyaṃ ca śaṅkitavyaṃ ca keṣu cit; eṣā nītigatis tāta lakṣmīś caiva sanātanī
Darum ist bei manchen zu vertrauen, und bei manchen ist zu misstrauen. Das ist der Weg der Staatsklugheit, Lieber, und ewig [die Grundlage] der Glücksgöttin [Lakṣmī].
Wort für Wort
tasmāt viśvasitavyaṃ ca
darum ist zu vertrauen (Abl./Gerundiv)
śaṅkitavyaṃ ca keṣu cit
und zu misstrauen bei manchen (Gerundiv/Lok.)
eṣā nītigatiḥ tāta
das ist der Weg der Staatsklugheit, Lieber (Nom./Vok.)
kṣatād bhītaṃ vijānīyād uttamaṃ mitralakṣaṇam; ye tasya kṣatam icchanti te tasya ripavaḥ smṛtāḥ
Wer sich vor Schaden [des Freundes] fürchtet, den soll man als das beste Freundesmerkmal erkennen; die seinen Schaden wünschen, gelten als seine Feinde.
Wort für Wort
kṣatāt bhītaṃ vijānīyāt
den vor Verletzung Furchtsamen soll man erkennen (Abl./Akk./Opt.)
uttamaṃ mitralakṣaṇam
als bestes Freundesmerkmal (Akk.)
ye tasya kṣatam icchanti
die dessen Verletzung wünschen (Nom.Pl./Akk./3.Pl.)
rūpavarṇasvaropetas titikṣur anasūyakaḥ; kulīnaḥ śīlasaṃpannaḥ sa te syāt pratyanantaraḥ
Mit schöner Gestalt, Hautfarbe und Stimme ausgestattet, duldsam, ohne Missgunst, von guter Familie, mit gutem Charakter begabt – der soll dein Nächster [Vertrauter] sein.
Wort für Wort
rūpavarṇasvaropetaḥ
mit Gestalt, Farbe und Stimme begabt (Nom.)
titikṣuḥ anasūyakaḥ
duldsam, nicht missgünstig (Nom.)
kulīnaḥ śīlasaṃpannaḥ
aus gutem Geschlecht, charakterlich vollkommen (Nom.)
saḥ te syāt pratyanantaraḥ
der soll dir unmittelbar nächster sein (Nom./Dat.-Gen./3.Sg.Opt.)
Und vor den Verwandten sollst du dich, [wachsam] gezügelt, stets fürchten wie vor dem Tod; wie ein Unterkönig die Königsherrlichkeit, so erträgt der Verwandte [sie] niemals.
Wort für Wort
jñātibhyaḥ ca eva bibhyethāḥ
und vor Verwandten sollst du dich fürchten (Abl.Pl./2.Sg.Opt.)
mṛtyoḥ iva yataḥ sadā
wie vor dem Tod, gezügelt, stets (Abl./Part.Nom.)
uparājā iva rājardhim
wie ein Unterkönig die Königsherrlichkeit (Nom./Akk.)
jñātiḥ na sahate sadā
der Verwandte erträgt nie (Nom./3.Sg.Med.)
yataḥ hier als 'gezügelt/wachsam' gedeutet [unsicher]; Vergleichsbezug im dritten Pāda verkürzt.
Über den Untergang eines Aufrichtigen, Sanften, Freigebigen, Schamhaften, Wahrhaftigen freut sich außer dem Verwandten kein anderer, Starkarmiger.
Wort für Wort
ṛjoḥ mṛdoḥ vadānyasya
des Aufrichtigen, Sanften, Freigebigen (Gen.)
hrīmataḥ satyavādinaḥ
des Schamhaften, Wahrhaftigen (Gen.)
na anyaḥ jñāteḥ mahābāho
kein anderer als der Verwandte, Starkarmiger (Nom./Abl./Vok.)
vināśam abhinandati
freut sich über Untergang (Akk./3.Sg.)
Wortlaut wörtlich: 'kein anderer als der Verwandte'; die Aussage ist in dieser Wiedergabe als 'außer dem Verwandten' gedeutet, Sinnrichtung leicht unsicher.
ajñātitā nātisukhā nāvajñeyās tv ataḥ param; ajñātimantaṃ puruṣaṃ pare paribhavanty uta
Verwandtenlosigkeit ist nicht sehr angenehm; darüber hinaus sind sie [die Verwandten] nicht zu missachten: Einen Mann ohne Verwandte missachten die anderen.
Wort für Wort
ajñātitā na atisukhā
Verwandtenlosigkeit [ist] nicht sehr angenehm (Nom.f.)
na avajñeyāḥ tu ataḥ param
nicht zu missachten aber [sind sie] von nun an (Gerundiv/Adv.)
Für einen von anderen Männern Gekränkten ist der Verwandte allein die Zuflucht; von anderen erträgt der Verwandte eines Verwandten die Kränkung niemals.
Wort für Wort
nikṛtasya naraiḥ anyaiḥ
für den von anderen Männern Gekränkten (Gen./Instr.)
jñātiḥ eva parāyaṇam
der Verwandte allein [ist] die Zuflucht (Nom.)
na anyaiḥ nikāram sahate
nicht von anderen erträgt er Kränkung (Instr./Akk./3.Sg.)
jñāteḥ jñātiḥ kadā cana
der Verwandte eines Verwandten, niemals (Gen./Nom.)
Ein Nicht-Verwandter fördert nicht, ein Nicht-Verwandter schleudert kein vergiftetes [Geschoss] [?]; beides wird unter Verwandten in den Welten gesehen: Gutes und Schlechtes.
Wort für Wort
na ajñātiḥ anugṛhṇāti
ein Nicht-Verwandter unterstützt nicht (Nom./3.Sg.)
na ajñātiḥ digdham asyati
ein Nicht-Verwandter wirft nicht das Bestrichene/Vergiftete (Akk./3.Sg.)
ubhayaṃ jñātilokeṣu
beides unter Verwandten in den Welten (Nom./Lok.Pl.)
dṛśyate sādhu asādhu ca
wird gesehen: Gutes und Schlechtes (3.Sg.Pass./Nom.)
viśvastavad aviśvastas teṣu varteta sarvadā; na hi doṣo guṇo veti nispṛktas teṣu dṛśyate
Wie ein Vertrauender, [doch] ohne zu vertrauen, soll er sich ihnen gegenüber stets verhalten; denn weder Fehler noch Vorzug wird an ihnen als unberührt [rein für sich] gesehen [?].
Wort für Wort
viśvastavat aviśvastaḥ
wie ein Vertrauender, [selbst] nicht vertrauend (Adv./Nom.)
teṣu varteta sarvadā
ihnen gegenüber soll er sich verhalten stets (Lok./3.Sg.Opt.Med.)
na hi doṣaḥ guṇaḥ vā iti
denn weder Fehler noch Vorzug (Nom.)
nispṛktaḥ teṣu dṛśyate
als unvermischt/unberührt wird an ihnen gesehen (Nom./Lok./3.Sg.Pass.)
nispṛkta (nis-spṛkta/-pṛkta) unsicher: 'unberührt' oder 'unvermischt'.