Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 81: mitralakṣaṇāmātyajñātivyavahāra Arten von Freunden, Wahl der Minister und der Umgang mit Verwandten

Yudhiṣṭhira fragt nach dem geeigneten Minister und nach Vertrauen; Bhīṣma unterscheidet vier Arten von Freunden, nennt Prüfzeichen für Freund und Feind, Eigenschaften der Vertrauten und rät zu vorsichtiger Ehrung der Verwandten.

yudhiṣṭhira uvāca; yad apy alpataraṃ karma tad apy ekena duṣkaram; puruṣeṇāsahāyena kim u rājyaṃ pitāmaha

Yudhiṣṭhira sprach: „Selbst ein geringeres Werk ist allein schwer zu vollbringen; für einen Mann ohne Helfer – wie erst ein Reich, Großvater?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
yad api alpataraṃ karma
selbst was ein geringeres Werk ist (Nom.)
tad api ekena duṣkaram
das ist auch für einen Einzelnen schwer zu tun (Instr./Nom.)
puruṣeṇa asahāyena
für einen Mann ohne Helfer (Instr.)
kim u rājyam pitāmaha
wie erst ein Reich, Großvater (Nom./Vok.)

kiṃśīlaḥ kiṃsamācāro rājño 'rthasacivo bhavet; kīdṛśe viśvased rājā kīdṛśe nāpi viśvaset

Von welcher Wesensart und welchem Verhalten soll der Minister des Königs sein? Auf wen darf der König vertrauen, und auf wen wiederum darf er nicht vertrauen?

Wort für Wort
kiṃśīlaḥ kiṃsamācāraḥ
von welchem Charakter, von welchem Verhalten (Nom. Sg.)
rājñaḥ arthasacivaḥ
des Königs Geschäfts-Minister (Gen./Nom.)
bhavet
soll sein (3.Sg.Opt.)
kīdṛśe viśvased rājā
auf wen von welcher Art soll der König vertrauen (Lok./3.Sg.Opt.)
kīdṛśe na api viśvaset
auf wen von welcher Art soll er nicht vertrauen (Lok./3.Sg.Opt.)

bhīṣma uvāca; caturvidhāni mitrāṇi rājñāṃ rājan bhavanty uta; sahārtho bhajamānaś ca sahajaḥ kṛtrimas tathā

Bhīṣma sprach: „Vierfach, König, sind wahrlich die Freunde der Könige: der Zweckgefährte, der Ergebene, der Angeborene und ebenso der Gemachte.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
caturvidhāni mitrāṇi
vierfach die Freunde (Nom.Pl.n.)
rājñāṃ rājan
der Könige, o König (Gen.Pl./Vok.)
bhavanti uta
sind wahrlich (3.Pl.Präs./Partikel)
sahārthaḥ bhajamānaḥ ca
der Zweckgefährte und der Ergebene (Nom.Sg.)
sahajaḥ kṛtrimaḥ tathā
der Angeborene und ebenso der Gemachte (Nom.Sg.)

dharmātmā pañcamaṃ mitraṃ sa tu naikasya na dvayoḥ; yato dharmas tato vā syān madhyastho vā tato bhavet

Als fünfter Freund gilt der dharma-gesinnte; er gehört nicht einem einzigen und nicht zweien [an]: Wo Dharma ist, dort soll er stehen, oder er soll neutral [in der Mitte stehend] werden.

Wort für Wort
dharmātmā pañcamaṃ mitram
der Dharma-Gesinnte [ist] der fünfte Freund (Nom./Akk.n.)
sa tu na ekasya na dvayoḥ
er aber [gehört] nicht einem, nicht zweien (Gen.Sg./Gen.Du.)
yataḥ dharmaḥ tataḥ vā syāt
wo Dharma [ist], dort möge er sein (Opt.)
madhyasthaḥ vā tataḥ bhavet
oder er möge dann neutral werden (Nom./3.Sg.Opt.)

Der Satz ist knapp; die Wiedergabe von pañcamaṃ mitram als Prädikat ('gilt als') ist ergänzt.

yas tasyārtho na roceta na taṃ tasya prakāśayet

Wessen Anliegen ihm nicht gefällt, dem soll er es nicht offenlegen.

Wort für Wort
yaḥ tasya arthaḥ
welches dessen Anliegen (Nom.)
na roceta
gefällt nicht (3.Sg.Opt.Med.)
na tam tasya prakāśayet
dem soll er es nicht offenlegen (Kaus.Opt.)

Bezug der Pronomina unklar; Lesart: Wem das Anliegen des Königs missfällt, dem legt dieser es nicht dar.

mitrāṇāṃ prakṛtir nāsti tv amitrāṇāṃ ca bhārata; upakārād bhaven mitram apakārād bhaved ariḥ; yasyaiva hi manuṣyasya naro maraṇam icchati; tasya paryāgate kāle punar jīvitam icchati

[Anm.: Zusatzpassage] Eine feste Natur der Freunde gibt es nicht, und nicht der Feinde, Bhārata; durch Wohltat wird [einer] Freund, durch Schädigung Feind. Von welchem Menschen ein Mann den Tod wünscht, dessen Leben wünscht er wieder, wenn die Zeit sich gewendet hat [?].

Wort für Wort
mitrāṇāṃ prakṛtiḥ na asti
der Freunde feste Natur gibt es nicht (Gen.Pl./Nom./3.Sg.)
tu amitrāṇāṃ ca bhārata
aber auch der Feinde nicht, Bhārata (Gen.Pl./Vok.)
upakārāt bhavet mitram
durch Wohltat wird [einer] Freund (Abl./Opt.)
apakārāt bhavet ariḥ
durch Schädigung wird [einer] Feind (Abl./Opt.)
yasya eva hi manuṣyasya naraḥ maraṇam icchati
denn dessen Menschen Tod ein Mann wünscht (Gen./Akk./3.Sg.)
tasya paryāgate kāle punar jīvitam icchati
dessen Leben wünscht er wieder, wenn die Zeit sich gewendet hat (Lok.abs./3.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; die letzten beiden Pādas sind syntaktisch unklar, Bezug von yasya/tasya und paryāgate kāle unsicher.

dharmādharmeṇa rājānaś caranti vijigīṣavaḥ

Nach Dharma und Adharma verfahren die Könige, [da] siegbegierig.

Wort für Wort
dharmādharmeṇa
mit Dharma und Adharma (Instr.)
rājānaḥ
die Könige (Nom.Pl.)
caranti
verfahren (3.Pl.Präs.)
vijigīṣavaḥ
siegbegierig (Nom.Pl.)

caturṇāṃ madhyamau śreṣṭhau nityaṃ śaṅkyau tathāparau; sarve nityaṃ śaṅkitavyāḥ pratyakṣaṃ kāryam ātmanaḥ

Von den vieren sind die mittleren beiden die besten; die beiden anderen sind stets zu beargwöhnen. Alle sind stets zu beargwöhnen; das eigene Geschäft ist unmittelbar [selbst] zu besorgen.

Wort für Wort
caturṇāṃ madhyamau śreṣṭhau
von den vieren die mittleren beiden [als] beste (Gen.Pl./Nom.Du.)
nityaṃ śaṅkyau tathā aparau
stets zu beargwöhnen ebenso die beiden anderen (Nom.Du.)
sarve nityaṃ śaṅkitavyāḥ
alle sind stets zu beargwöhnen (Gerundiv Nom.Pl.)
pratyakṣaṃ kāryam ātmanaḥ
augenscheinlich [selbst] zu erledigen ist das Eigene (Adv./Gerundiv/Gen.)

na hi rājñā pramādo vai kartavyo mitrarakṣaṇe; pramādinaṃ hi rājānaṃ lokāḥ paribhavanty uta

Der König darf beim Schutz der Freunde keinesfalls nachlässig sein; denn einen nachlässigen König missachten die Menschen.

Wort für Wort
na hi rājñā pramādaḥ vai kartavyaḥ
denn vom König darf Nachlässigkeit nicht geübt werden (Instr./Gerundiv)
mitrarakṣaṇe
beim Schutz der Freunde (Lok.)
pramādinaṃ hi rājānam
denn den nachlässigen König (Akk.)
lokāḥ paribhavanti uta
missachten die Leute (Nom.Pl./3.Pl.Präs.)

asādhuḥ sādhutām eti sādhur bhavati dāruṇaḥ; ariś ca mitraṃ bhavati mitraṃ cāpi praduṣyati

Der Schlechte wird zum Guten, der Gute wird furchtbar; der Feind wird Freund, und auch der Freund wird verdorben [feindlich].

Wort für Wort
asādhuḥ sādhutām eti
der Schlechte gelangt zur Gutheit (Nom./3.Sg.)
sādhuḥ bhavati dāruṇaḥ
der Gute wird furchtbar (Nom.)
ariḥ ca mitraṃ bhavati
und der Feind wird Freund (Nom./3.Sg.)
mitraṃ ca api praduṣyati
und auch der Freund wird verdorben (3.Sg.Präs.)

anityacittaḥ puruṣas tasmin ko jātu viśvaset; tasmāt pradhānaṃ yat kāryaṃ pratyakṣaṃ tat samācaret

Ein Mann mit unstetem Sinn – wer könnte je auf ihn vertrauen? Darum soll man das Hauptgeschäft, [und zwar] unmittelbar [selbst], ausführen.

Wort für Wort
anityacittaḥ puruṣaḥ
ein Mann mit unstetem Sinn (Nom.)
tasmin kaḥ jātu viśvaset
auf ihn – wer würde je vertrauen (Lok./3.Sg.Opt.)
tasmāt pradhānaṃ yat kāryam
darum das Hauptgeschäft, das zu tun ist (Abl./Akk.)
pratyakṣaṃ tat samācaret
das soll man unmittelbar ausführen (Adv./3.Sg.Opt.)

ekāntena hi viśvāsaḥ kṛtsno dharmārthanāśakaḥ; aviśvāsaś ca sarvatra mṛtyunā na viśiṣyate

Ausschließliches Vertrauen zerstört nämlich Dharma und Nutzen ganz; und Misstrauen überall unterscheidet sich nicht vom Tod.

Wort für Wort
ekāntena hi viśvāsaḥ
denn ausschließliches Vertrauen (Instr./Nom.)
kṛtsnaḥ dharmārthanāśakaḥ
völlig Zerstörer von Dharma und Nutzen (Nom.)
aviśvāsaḥ ca sarvatra
und Misstrauen überall (Nom./Adv.)
mṛtyunā na viśiṣyate
unterscheidet sich nicht vom Tod (Instr./3.Sg.Pass.)

akālamṛtyur viśvāso viśvasan hi vipadyate; yasmin karoti viśvāsam icchatas tasya jīvati

Vertrauen ist ein Tod zur Unzeit; wer vertraut, geht nämlich zugrunde. Auf wen er Vertrauen setzt, der lebt [nur] nach dessen Wunsch [?].

Wort für Wort
akālamṛtyuḥ viśvāsaḥ
Vertrauen [ist] ein Tod zur Unzeit (Nom.)
viśvasan hi vipadyate
denn der Vertrauende kommt um (Part.Präs./3.Sg.)
yasmin karoti viśvāsam
auf wen er Vertrauen setzt (Lok./3.Sg.Präs./Akk.)
icchataḥ tasya jīvati
nach dem Wunsch von dem lebt [er] (Part.Gen./3.Sg.)

Letzter Pāda unsicher: wohl 'lebt nur solange, wie jener [der Vertraute] es wünscht'.

tasmād viśvasitavyaṃ ca śaṅkitavyaṃ ca keṣu cit; eṣā nītigatis tāta lakṣmīś caiva sanātanī

Darum ist bei manchen zu vertrauen, und bei manchen ist zu misstrauen. Das ist der Weg der Staatsklugheit, Lieber, und ewig [die Grundlage] der Glücksgöttin [Lakṣmī].

Wort für Wort
tasmāt viśvasitavyaṃ ca
darum ist zu vertrauen (Abl./Gerundiv)
śaṅkitavyaṃ ca keṣu cit
und zu misstrauen bei manchen (Gerundiv/Lok.)
eṣā nītigatiḥ tāta
das ist der Weg der Staatsklugheit, Lieber (Nom./Vok.)
lakṣmīḥ ca eva sanātanī
und ebenso die ewige Lakṣmī (Nom.)

yaṃ manyeta mamābhāvād imam arthāgamaḥ spṛśet; nityaṃ tasmāc chaṅkitavyam amitraṃ taṃ vidur budhāḥ

Wen einer meint: „Durch mein Nichtsein würde dieser Gewinn erlangen“, den soll man stets beargwöhnen; den nennen die Weisen einen Feind.

Wort für Wort
yaṃ manyeta
wen einer meinen mag (3.Sg.Opt.)
mama abhāvāt imam arthāgamaḥ spṛśet
durch mein Nichtsein möge diesen Vermögenszuwachs berühren (Abl./3.Sg.Opt.)
nityaṃ tasmāt śaṅkitavyam
stets ist der zu beargwöhnen (Gerundiv)
amitraṃ taṃ vidur budhāḥ
den nennen [wörtl. kennen] die Weisen einen Nicht-Freund (Akk./3.Pl.Perf./Nom.)

yasya kṣetrād apy udakaṃ kṣetram anyasya gacchati; na tatrānicchatas tasya bhidyeran sarvasetavaḥ

Wenn aus dessen Feld Wasser in das Feld eines anderen fließt, so würden dort, wenn er es nicht will, alle Dämme brechen [?].

Wort für Wort
yasya kṣetrāt api udakam
aus wessen Feld auch Wasser (Gen./Abl./Nom.)
kṣetram anyasya gacchati
in das Feld eines anderen geht (Akk./Gen./3.Sg.)
na tatra anicchataḥ tasya
nicht dort, bei dem Nichtwollenden (Lok./Part.Gen.)
bhidyeran sarvasetavaḥ
würden brechen alle Dämme (3.Pl.Opt.Pass./Nom.Pl.)

Sinn unsicher; vermutlich Vergleichsbild (Feld-Dämme), das in 17 fortgeführt wird.

tathaivāty udakād bhītas tasya bhedanam icchati; yam evaṃlakṣaṇaṃ vidyāt tam amitraṃ vinirdiśet

Ebenso wünscht, wer sich vor [deren] Überfluss fürchtet, dessen Zerstörung; wen man als von solcher Art erkennt, den soll man als Feind bezeichnen.

Wort für Wort
tathā eva ati-udakāt bhītaḥ
ebenso wer vor dem Zuviel an Wasser [Überfluss] Angst hat (Abl./Nom.)
tasya bhedanam icchati
dessen Zerstörung wünscht er (Akk./3.Sg.)
yam evaṃlakṣaṇaṃ vidyāt
wen man als so gekennzeichnet erkennen würde (Akk./3.Sg.Opt.)
tam amitraṃ vinirdiśet
den soll man als Feind bezeichnen (Akk./3.Sg.Opt.)

yaḥ samṛddhyā na tuṣyeta kṣaye dīnataro bhavet; etad uttamamitrasya nimittam abhicakṣate

Wer sich über Wohlstand nicht freut, bei Verlust noch niedergeschlagener wird – das nennt man das ausgezeichnete Kennzeichen eines Nicht-Freundes [?].

Wort für Wort
yaḥ samṛddhyā na tuṣyeta
wer über Wohlstand nicht zufrieden wäre (Instr./3.Sg.Opt.)
kṣaye dīnataraḥ bhavet
bei Verlust niedergeschlagener würde (Lok./Komp./Opt.)
etad uttamam amitrasya
dies das höchste [Merkmal] des Nicht-Freundes (Nom./Gen.)
nimittam abhicakṣate
Kennzeichen nennt man (Akk./3.Pl.Präs.Med.)

Überliefert uttamamitrasya ('des besten Freundes'), was dem Sinn widerspricht; wohl uttamam amitrasya zu lesen.

yaṃ manyeta mamābhāvād asyābhāvo bhaved iti; tasmin kurvīta viśvāsaṃ yathā pitari vai tathā

Wen einer meint: „Durch mein Nichtsein wird auch sein Nichtsein sein“, zu dem soll man Vertrauen fassen wie zu einem Vater.

Wort für Wort
yaṃ manyeta
wen einer meint (3.Sg.Opt.)
mama abhāvāt asya abhāvaḥ bhavet iti
durch mein Nichtsein wäre dessen Nichtsein, so [meint er] (Abl./Nom./Opt.)
tasmin kurvīta viśvāsam
in dem soll er Vertrauen setzen (Lok./3.Sg.Opt.Med.)
yathā pitari vai tathā
wie auf einen Vater, so (Lok./Adv.)

taṃ śaktyā vardhamānaś ca sarvataḥ paribṛṃhayet; nityaṃ kṣatād vārayati yo dharmeṣv api karmasu

Den soll man, selbst wachsend, nach Kräften allseits fördern, der [einen] stets vor Schaden bewahrt, auch in Werken des Dharma.

Wort für Wort
taṃ śaktyā vardhamānaḥ ca
den, selbst wachsend, nach Kraft (Akk./Instr./Part.)
sarvataḥ paribṛṃhayet
allseits soll man fördern (Kaus.Opt.)
nityaṃ kṣatāt vārayati
stets vor Verletzung bewahrt (Abl./3.Sg.Kaus.)
yaḥ dharmeṣu api karmasu
wer auch in Werken des Dharma (Lok.Pl.)

kṣatād bhītaṃ vijānīyād uttamaṃ mitralakṣaṇam; ye tasya kṣatam icchanti te tasya ripavaḥ smṛtāḥ

Wer sich vor Schaden [des Freundes] fürchtet, den soll man als das beste Freundesmerkmal erkennen; die seinen Schaden wünschen, gelten als seine Feinde.

Wort für Wort
kṣatāt bhītaṃ vijānīyāt
den vor Verletzung Furchtsamen soll man erkennen (Abl./Akk./Opt.)
uttamaṃ mitralakṣaṇam
als bestes Freundesmerkmal (Akk.)
ye tasya kṣatam icchanti
die dessen Verletzung wünschen (Nom.Pl./Akk./3.Pl.)
te tasya ripavaḥ smṛtāḥ
die gelten als dessen Feinde (Nom.Pl./Part.Pass.)

vyasanān nityabhīto 'sau samṛddhyām eva tṛpyate; yat syād evaṃvidhaṃ mitraṃ tad ātmasamam ucyate

Wer stets vor Unglück Angst hat und nur bei [dessen] Wohlstand zufrieden ist – ein solcher Freund heißt dir selbst gleich.

Wort für Wort
vyasanāt nityabhītaḥ asau
vor Unglück stets ängstlich ist dieser (Abl./Nom.)
samṛddhyām eva tṛpyate
nur an Wohlstand sättigt er sich (Lok./3.Sg.Med.)
yat syāt evaṃvidhaṃ mitram
welcher Freund von solcher Art wäre (Opt./Nom.)
tad ātmasamam ucyate
der heißt einem selbst gleich (Nom./3.Sg.Pass.)

rūpavarṇasvaropetas titikṣur anasūyakaḥ; kulīnaḥ śīlasaṃpannaḥ sa te syāt pratyanantaraḥ

Mit schöner Gestalt, Hautfarbe und Stimme ausgestattet, duldsam, ohne Missgunst, von guter Familie, mit gutem Charakter begabt – der soll dein Nächster [Vertrauter] sein.

Wort für Wort
rūpavarṇasvaropetaḥ
mit Gestalt, Farbe und Stimme begabt (Nom.)
titikṣuḥ anasūyakaḥ
duldsam, nicht missgünstig (Nom.)
kulīnaḥ śīlasaṃpannaḥ
aus gutem Geschlecht, charakterlich vollkommen (Nom.)
saḥ te syāt pratyanantaraḥ
der soll dir unmittelbar nächster sein (Nom./Dat.-Gen./3.Sg.Opt.)

medhāvī smṛtimān dakṣaḥ prakṛtyā cānṛśaṃsavān; yo mānito 'mānito vā na saṃdūṣyet kadā cana

Klug, gedächtnisstark, tüchtig, von Natur nicht grausam; der auch, ob geehrt oder ungeehrt, niemals verdorben wird.

Wort für Wort
medhāvī smṛtimān dakṣaḥ
klug, gedächtnisstark, tüchtig (Nom.)
prakṛtyā ca anṛśaṃsavān
und von Natur nicht grausam (Instr./Nom.)
yaḥ mānitaḥ amānitaḥ vā
wer geehrt oder ungeehrt (Nom./Part.)
na saṃdūṣyet kadā cana
nicht verdorben würde er je (3.Sg.Opt.Pass.)

ṛtvig vā yadi vācāryaḥ sakhā vātyantasaṃstutaḥ; gṛhe vased amātyas te yaḥ syāt paramapūjitaḥ

Sei es ein Opferpriester oder ein Lehrer oder ein sehr vertrauter Freund – im Haus soll dein Minister wohnen, der höchst geehrt ist.

Wort für Wort
ṛtvik vā yadi vā ācāryaḥ
Opferpriester oder Lehrer (Nom.)
sakhā vā atyantasaṃstutaḥ
oder ein Freund, sehr vertraut (Nom./Part.)
gṛhe vaset amātyaḥ te
im Haus soll wohnen der Minister dir (Lok./3.Sg.Opt./Nom./Gen.)
yaḥ syāt paramapūjitaḥ
der höchst geehrt sein möge (Opt./Nom.)

sa te vidyāt paraṃ mantraṃ prakṛtiṃ cārthadharmayoḥ; viśvāsas te bhavet tatra yathā pitari vai tathā

Der soll dein höchstes Geheimnis [den Rat] kennen und das Wesen von Nutzen und Dharma; Vertrauen sollst du dort haben wie zu einem Vater.

Wort für Wort
saḥ te vidyāt param mantram
der soll dein höchstes Geheimnis kennen (3.Sg.Opt./Akk.)
prakṛtiṃ ca arthadharmayoḥ
und das Wesen von Nutzen und Dharma (Akk./Gen.Du.)
viśvāsaḥ te bhavet tatra
Vertrauen sei deinerseits dort (Nom./Opt.)
yathā pitari vai tathā
wie zu einem Vater, so (Lok./Adv.)

naiva dvau na trayaḥ kāryā na mṛṣyeran parasparam; ekārthād eva bhūtānāṃ bhedo bhavati sarvadā

Weder zwei noch drei sind [dazu] zu bestellen; sie würden einander nicht ertragen, denn aus demselben Ziel entsteht unter den Wesen stets Zwietracht.

Wort für Wort
na eva dvau na trayaḥ kāryāḥ
weder zwei noch drei sind zu machen [bestellen] (Nom./Gerundiv)
na mṛṣyeran parasparam
sie würden einander nicht dulden (3.Pl.Opt.)
ekārthāt eva bhūtānām
gerade aus demselben Ziel unter den Wesen (Abl./Gen.Pl.)
bhedaḥ bhavati sarvadā
entsteht Spaltung stets (Nom./3.Sg.)

kīrtipradhāno yaś ca syād yaś ca syāt samaye sthitaḥ; samarthān yaś ca na dveṣṭi samarthān kurute ca yaḥ

Wer auf Ruhm bedacht ist und wer an der [festen] Regel steht, wer Fähige nicht hasst und wer [andere] zu Fähigen macht.

Wort für Wort
kīrtipradhānaḥ yaḥ ca syāt
wer ruhmorientiert ist (Nom./Opt.)
yaḥ ca syāt samaye sthitaḥ
und wer an der Abmachung/Regel festhält (Lok./Part.)
samarthān yaḥ ca na dveṣṭi
und wer Fähige nicht hasst (Akk.Pl./3.Sg.)
samarthān kurute ca yaḥ
und wer Fähige schafft [zu Fähigen macht] (3.Sg.Med.)

yo na kāmād bhayāl lobhāt krodhād vā dharmam utsṛjet; dakṣaḥ paryāptavacanaḥ sa te syāt pratyanantaraḥ

Wer aus Begierde, Furcht, Gier oder Zorn den Dharma nicht aufgibt, tüchtig, mit hinreichender Rede – der soll dein Nächster sein.

Wort für Wort
yaḥ na kāmāt bhayāt lobhāt
wer nicht aus Begierde, Furcht, Gier (Abl.)
krodhāt vā dharmam utsṛjet
oder aus Zorn den Dharma aufgäbe (Abl./Akk./3.Sg.Opt.)
dakṣaḥ paryāptavacanaḥ
tüchtig, mit hinreichender Rede (Nom.)
saḥ te syāt pratyanantaraḥ
der soll dein Nächster sein (Opt.)

śūraś cāryaś ca vidvāṃś ca pratipattiviśāradaḥ; kulīnaḥ śīlasaṃpannas titikṣur anasūyakaḥ

Tapfer, edel und gelehrt, im rechten Vorgehen bewandert, von guter Familie, charaktervoll, duldsam, ohne Missgunst.

Wort für Wort
śūraḥ ca āryaḥ ca vidvān ca
tapfer und edel und gelehrt (Nom.)
pratipattiviśāradaḥ
im rechten Vorgehen [Entschlussfähigkeit] bewandert (Nom.)
kulīnaḥ śīlasaṃpannaḥ
aus gutem Geschlecht, charakterlich vollkommen (Nom.)
titikṣuḥ anasūyakaḥ
duldsam, nicht missgünstig (Nom.)

ete hy amātyāḥ kartavyāḥ sarvakarmasv avasthitāḥ; pūjitāḥ saṃvibhaktāś ca susahāyāḥ svanuṣṭhitāḥ

Diese sind als Minister einzusetzen, [da] für alle Werke bereitstehend: geehrt, [am Gewinn] beteiligt, gut unterstützt und zuverlässig im Handeln.

Wort für Wort
ete hi amātyāḥ kartavyāḥ
diese sind als Minister einzusetzen (Nom.Pl./Gerundiv)
sarvakarmasu avasthitāḥ
in allen Werken bereitstehend (Lok./Part.)
pūjitāḥ saṃvibhaktāḥ ca
geehrt und beteiligt (Part.Pass.)
susahāyāḥ svanuṣṭhitāḥ
gut unterstützt, gut im Vollzug (Nom.Pl.)

svanuṣṭhitāḥ: 'gut ausführend/gut ausgeführt'; Bedeutung leicht unsicher.

kṛtsnam ete vinikṣiptāḥ pratirūpeṣu karmasu; yuktā mahatsu kāryeṣu śreyāṃsy utpādayanti ca

Diesen ist alles anzuvertrauen, in den jeweils passenden Werken; bei großen Aufgaben eingesetzt, bringen sie Besseres hervor.

Wort für Wort
kṛtsnam ete vinikṣiptāḥ
alles [ist] diesen anvertraut (Akk./Nom.Pl./Part.Pass.)
pratirūpeṣu karmasu
in entsprechenden Werken (Lok.)
yuktāḥ mahatsu kāryeṣu
eingesetzt bei großen Aufgaben (Part./Lok.)
śreyāṃsi utpādayanti ca
und bringen Besseres hervor (Akk./3.Pl.Kaus.)

ete karmāṇi kurvanti spardhamānā mithaḥ sadā; anutiṣṭhanti caivārthān ācakṣāṇāḥ parasparam

Diese verrichten die Werke, stets miteinander wetteifernd, und führen die Angelegenheiten aus, indem sie einander [darüber] berichten.

Wort für Wort
ete karmāṇi kurvanti
diese verrichten die Werke (3.Pl.Präs.)
spardhamānāḥ mithaḥ sadā
wetteifernd untereinander stets (Part./Adv.)
anutiṣṭhanti ca eva arthān
und führen aus die Angelegenheiten (3.Pl./Akk.Pl.)
ācakṣāṇāḥ parasparam
einander berichtend (Part.Med./Adv.)

jñātibhyaś caiva bibhyethā mṛtyor iva yataḥ sadā; uparājeva rājardhiṃ jñātir na sahate sadā

Und vor den Verwandten sollst du dich, [wachsam] gezügelt, stets fürchten wie vor dem Tod; wie ein Unterkönig die Königsherrlichkeit, so erträgt der Verwandte [sie] niemals.

Wort für Wort
jñātibhyaḥ ca eva bibhyethāḥ
und vor Verwandten sollst du dich fürchten (Abl.Pl./2.Sg.Opt.)
mṛtyoḥ iva yataḥ sadā
wie vor dem Tod, gezügelt, stets (Abl./Part.Nom.)
uparājā iva rājardhim
wie ein Unterkönig die Königsherrlichkeit (Nom./Akk.)
jñātiḥ na sahate sadā
der Verwandte erträgt nie (Nom./3.Sg.Med.)

yataḥ hier als 'gezügelt/wachsam' gedeutet [unsicher]; Vergleichsbezug im dritten Pāda verkürzt.

ṛjor mṛdor vadānyasya hrīmataḥ satyavādinaḥ; nānyo jñāter mahābāho vināśam abhinandati

Über den Untergang eines Aufrichtigen, Sanften, Freigebigen, Schamhaften, Wahrhaftigen freut sich außer dem Verwandten kein anderer, Starkarmiger.

Wort für Wort
ṛjoḥ mṛdoḥ vadānyasya
des Aufrichtigen, Sanften, Freigebigen (Gen.)
hrīmataḥ satyavādinaḥ
des Schamhaften, Wahrhaftigen (Gen.)
na anyaḥ jñāteḥ mahābāho
kein anderer als der Verwandte, Starkarmiger (Nom./Abl./Vok.)
vināśam abhinandati
freut sich über Untergang (Akk./3.Sg.)

Wortlaut wörtlich: 'kein anderer als der Verwandte'; die Aussage ist in dieser Wiedergabe als 'außer dem Verwandten' gedeutet, Sinnrichtung leicht unsicher.

ajñātitā nātisukhā nāvajñeyās tv ataḥ param; ajñātimantaṃ puruṣaṃ pare paribhavanty uta

Verwandtenlosigkeit ist nicht sehr angenehm; darüber hinaus sind sie [die Verwandten] nicht zu missachten: Einen Mann ohne Verwandte missachten die anderen.

Wort für Wort
ajñātitā na atisukhā
Verwandtenlosigkeit [ist] nicht sehr angenehm (Nom.f.)
na avajñeyāḥ tu ataḥ param
nicht zu missachten aber [sind sie] von nun an (Gerundiv/Adv.)
ajñātimantaṃ puruṣam
einen Mann ohne Verwandte (Akk.)
pare paribhavanti uta
die anderen missachten (Nom.Pl./3.Pl.Präs.)

nikṛtasya narair anyair jñātir eva parāyaṇam; nānyair nikāraṃ sahate jñāter jñātiḥ kadā cana

Für einen von anderen Männern Gekränkten ist der Verwandte allein die Zuflucht; von anderen erträgt der Verwandte eines Verwandten die Kränkung niemals.

Wort für Wort
nikṛtasya naraiḥ anyaiḥ
für den von anderen Männern Gekränkten (Gen./Instr.)
jñātiḥ eva parāyaṇam
der Verwandte allein [ist] die Zuflucht (Nom.)
na anyaiḥ nikāram sahate
nicht von anderen erträgt er Kränkung (Instr./Akk./3.Sg.)
jñāteḥ jñātiḥ kadā cana
der Verwandte eines Verwandten, niemals (Gen./Nom.)

ātmānam eva jānāti nikṛtaṃ bāndhavair api; teṣu santi guṇāś caiva nairguṇyaṃ teṣu lakṣyate

Nur sich selbst kennt man [dann] als gekränkt, auch durch Verwandte [?]; an ihnen sind Vorzüge, und an ihnen wird auch Vorzuglosigkeit bemerkt.

Wort für Wort
ātmānam eva jānāti
sich selbst nur kennt man (Akk./3.Sg.)
nikṛtaṃ bāndhavaiḥ api
als gekränkt auch durch Verwandte (Part./Instr.)
teṣu santi guṇāḥ ca eva
und an ihnen sind Vorzüge (Lok./3.Pl./Nom.)
nairguṇyaṃ teṣu lakṣyate
Vorzuglosigkeit wird an ihnen bemerkt (Nom./Lok./3.Sg.Pass.)

Erster Halbvers syntaktisch dunkel.

nājñātir anugṛhṇāti nājñātir digdham asyati; ubhayaṃ jñātilokeṣu dṛśyate sādhv asādhu ca

Ein Nicht-Verwandter fördert nicht, ein Nicht-Verwandter schleudert kein vergiftetes [Geschoss] [?]; beides wird unter Verwandten in den Welten gesehen: Gutes und Schlechtes.

Wort für Wort
na ajñātiḥ anugṛhṇāti
ein Nicht-Verwandter unterstützt nicht (Nom./3.Sg.)
na ajñātiḥ digdham asyati
ein Nicht-Verwandter wirft nicht das Bestrichene/Vergiftete (Akk./3.Sg.)
ubhayaṃ jñātilokeṣu
beides unter Verwandten in den Welten (Nom./Lok.Pl.)
dṛśyate sādhu asādhu ca
wird gesehen: Gutes und Schlechtes (3.Sg.Pass./Nom.)

digdham asyati unsicher (digdha = bestrichen/vergiftet, evtl. Geschoss).

tān mānayet pūjayec ca nityaṃ vācā ca karmaṇā; kuryāc ca priyam etebhyo nāpriyaṃ kiṃ cid ācaret

Diese soll man ehren und verehren, stets mit Wort und Tat; man soll ihnen Liebes tun und nichts Unliebes irgend tun.

Wort für Wort
tān mānayet pūjayet ca
diese soll man ehren und verehren (Akk./Kaus.Opt.)
nityaṃ vācā ca karmaṇā
stets mit Wort und Tat (Instr.)
kuryāt ca priyam etebhyaḥ
und man soll ihnen Liebes tun (Opt./Akk./Dat.)
na apriyaṃ kiṃ cit ācaret
nichts Unliebes soll man tun (Akk./Opt.)

viśvastavad aviśvastas teṣu varteta sarvadā; na hi doṣo guṇo veti nispṛktas teṣu dṛśyate

Wie ein Vertrauender, [doch] ohne zu vertrauen, soll er sich ihnen gegenüber stets verhalten; denn weder Fehler noch Vorzug wird an ihnen als unberührt [rein für sich] gesehen [?].

Wort für Wort
viśvastavat aviśvastaḥ
wie ein Vertrauender, [selbst] nicht vertrauend (Adv./Nom.)
teṣu varteta sarvadā
ihnen gegenüber soll er sich verhalten stets (Lok./3.Sg.Opt.Med.)
na hi doṣaḥ guṇaḥ vā iti
denn weder Fehler noch Vorzug (Nom.)
nispṛktaḥ teṣu dṛśyate
als unvermischt/unberührt wird an ihnen gesehen (Nom./Lok./3.Sg.Pass.)

nispṛkta (nis-spṛkta/-pṛkta) unsicher: 'unberührt' oder 'unvermischt'.

tasyaivaṃ vartamānasya puruṣasyāpramādinaḥ; amitrāḥ saṃprasīdanti tathā mitrībhavanty api

Wenn ein Mann sich so verhält und nicht nachlässig ist, werden [selbst] Feinde freundlich gestimmt und werden auch zu Freunden.

Wort für Wort
tasya evaṃ vartamānasya
bei dem, der sich so verhält (Gen.abs./Part.)
puruṣasya apramādinaḥ
bei dem Mann, der nicht nachlässig ist (Gen.)
amitrāḥ saṃprasīdanti
Feinde werden besänftigt (Nom.Pl./3.Pl.Präs.)
tathā mitrībhavanti api
und werden auch zu Freunden (3.Pl.Präs.)

ya evaṃ vartate nityaṃ jñātisaṃbandhimaṇḍale; mitreṣv amitreṣv aiśvarye ciraṃ yaśasi tiṣṭhati

Wer sich so stets im Kreis der Verwandten und Verschwägerten verhält, der steht unter Freunden und Feinden, in Herrschaft und Ruhm lange fest.

Wort für Wort
yaḥ evaṃ vartate nityam
wer sich so verhält stets (Nom./3.Sg.Med.)
jñātisaṃbandhimaṇḍale
im Kreis der Verwandten und Verschwägerten (Lok.)
mitreṣu amitreṣu aiśvarye
unter Freunden, Feinden, in der Herrschaft (Lok.)
ciraṃ yaśasi tiṣṭhati
lange im Ruhm steht er (Adv./Lok./3.Sg.)

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