Kapitel 319: śukākāśagamanam
Śukas yogische Himmelfahrt und das Erstaunen der Wesen
Der Abschnitt schildert, wie Śuka, der Sohn des Weisen Vyāsa (Dvaipāyana), sich auf einem Berggipfel in yogischer Sammlung übt, von Nārada Abschied nimmt und sodann, zum Meister des Yoga geworden, durch den Luftraum fliegt. Götter, Apsaras, Gandharvas und Weise sehen ihn erstaunt vorüberziehen; Urvaśī und Pūrvacitti rühmen seine Vater-Ergebenheit, worauf Śuka die Himmelsrichtungen, Meere, Flüsse und Berge bittet, seinem ihm nachfolgenden Vater zu antworten.
bhīṣma uvāca; giripṛṣṭhaṃ samāruhya suto vyāsasya bhārata; same deśe vivikte ca niḥśalāka upāviśat
Bhīṣma sprach: Auf einen Berggipfel gestiegen, o Bhārata, setzte sich der Sohn des Vyāsa an einem ebenen, einsamen Ort nieder, ohne [jede] Strohunterlage [?].
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom. + 3.Sg.Perf.)
giripṛṣṭhaṃ samāruhya
auf den Berggipfel gestiegen (Absolutiv)
suto vyāsasya
der Sohn des Vyāsa (Nom./Gen.)
bhārata
o Bhārata (Vok.)
same deśe vivikte ca
an einem ebenen und einsamen Ort (Lok.)
niḥśalāka
ohne Strohunterlage/Halm (Nom., Adj.) [?]
upāviśat
setzte sich (3.Sg.Impf.)
niḥśalāka (wörtl. „ohne Halm/Stäbchen“) hier als „ohne Sitzunterlage aus Stroh/Gras“ gedeutet; Bedeutung unsicher.
tataḥ sa prāṅmukho vidvān āditye nacirodite; pāṇipādaṃ samādhāya vinītavad upāviśat
Dann setzte sich der Weise, nach Osten gewandt, als die Sonne noch nicht lange aufgegangen war, Hände und Füße zusammengelegt, wie ein Gebändigter nieder.
Wort für Wort
tataḥ
dann (Adv.)
sa prāṅmukho vidvān
er, nach Osten gewandt, der Weise (Nom.)
āditye nacirodite
als die Sonne noch nicht lange aufgegangen war (Lok. abs.)
tam udyantaṃ dvijaśreṣṭhaṃ vainateyasamadyutim; dadṛśuḥ sarvabhūtāni manomārutaraṃhasam
Alle Wesen sahen ihn, den Emporsteigenden, den besten der Zweifachgeborenen, an Glanz dem Vainateya [Garuḍa] gleich, mit der Geschwindigkeit von Gedanke und Wind.
Wort für Wort
tam udyantaṃ
ihn, den Emporsteigenden (Akk.)
dvijaśreṣṭhaṃ
den besten der Zweifachgeborenen (Akk.)
vainateyasamadyutim
an Glanz dem Vainateya [Garuḍa] gleich (Akk.)
dadṛśuḥ
sie sahen (3.Pl.Perf.)
sarvabhūtāni
alle Wesen (Nom.)
manomārutaraṃhasam
mit der Geschwindigkeit von Gedanke und Wind (Akk., Adj.)
antarikṣacaraḥ ko 'yaṃ tapasā siddhim āgataḥ; adhaḥkāyordhvavaktraś ca netraiḥ samabhivāhyate
„Wer ist dieser, der im Luftraum wandelt, der durch Askese zur Vollkommenheit gelangt ist, dessen unterer Leib und oberes Antlitz [?] mit den Augen verfolgt wird?“
Wort für Wort
antarikṣacaraḥ ko 'yaṃ
wer ist dieser, der im Luftraum wandelt (Nom.)
tapasā siddhim āgataḥ
der durch Askese zur Vollkommenheit gelangt ist (Instr. + Akk. + Nom., Part.)
adhaḥkāyordhvavaktraś ca
und mit unterem Leib und oberem Antlitz [?] (Nom., Adj.)
netraiḥ samabhivāhyate
wird mit den Augen verfolgt (Instr. + 3.Sg.Pass.Präs.)
adhaḥkāyordhvavaktra ist ein ungewöhnliches Kompositum (wörtl. „unterer Leib, oberes Gesicht“); vermutlich Beschreibung seiner Erscheinung im Flug von unten gesehen. Bedeutung unsicher.
Dann zog der höchst gefestigte, in den drei Welten berühmte [Weise], die Sonne anblickend, nach Osten gewandt und schweigend dahin, wie mit einem Ton den ganzen Himmelsraum von allen Seiten erfüllend.
Wort für Wort
tataḥ
dann (Adv.)
paramadhīrātmā
der höchst gefestigte [an Geist] (Nom.)
triṣu lokeṣu viśrutaḥ
in den drei Welten berühmt (Lok. + Nom.)
bhāskaraṃ samudīkṣan
die Sonne anblickend (Akk. + Part.)
sa prāṅmukho vāgyato
er, nach Osten gewandt, schweigend (Nom.)
'gamat
zog dahin (3.Sg.Impf.)
śabdenākāśam akhilaṃ
mit einem Ton den ganzen Himmelsraum (Instr. + Akk.)
Als sie ihn plötzlich heranstürzen sahen, o König, gerieten alle Scharen der Apsaras, verwirrten Geistes, in höchstes Erstaunen – angefangen mit Pañcacūḍā, mit heftig weit aufgerissenen Augen.
tataḥ samaticakrāma malayaṃ nāma parvatam; urvaśī pūrvacittiś ca yaṃ nityam upasevate; te sma brahmarṣiputrasya vismayaṃ yayatuḥ param
Dann zog er über den Berg namens Malaya hinweg, den Urvaśī und Pūrvacitti ständig aufsuchen; die beiden gerieten über den Sohn des Brahmarṣi in höchstes Erstaunen.
Wort für Wort
tataḥ samaticakrāma
dann zog er vorüber an (Adv. + 3.Sg.Perf.)
malayaṃ nāma parvatam
den Berg namens Malaya (Akk.)
urvaśī pūrvacittiś ca
Urvaśī und Pūrvacitti (Nom.)
yaṃ nityam upasevate
den [Berg] sie ständig aufsuchen (Akk. + Adv. + 3.Sg.Präs.)
„Ach, welche Geistessammlung bei diesem am Vedenstudium erfreuten Zweifachgeborenen! In kürzester Zeit wandelt er wie der Mond im Himmel; durch den Dienst am Vater hat dieser diese unübertroffene Vollkommenheit erlangt,
Wort für Wort
aho buddhisamādhānaṃ
ach, welche Geistessammlung (Ausruf + Akk.)
vedābhyāsarate dvije
bei dem am Vedenstudium erfreuten Zweifachgeborenen (Lok.)
acireṇaiva kālena
in kürzester Zeit (Instr.)
nabhaś carati
er wandelt im Himmel (Nom. + 3.Sg.Präs.)
candravat
wie der Mond (Adv.)
pitṛśuśrūṣayā
durch Dienst am Vater (Instr.)
siddhiṃ saṃprāpto 'yam
dieser hat die Vollkommenheit erlangt (Akk. + Nom., Part.)
anuttamām
unübertroffene (Akk.)
Rede von Urvaśī/Pūrvacitti; wird in n=22 fortgesetzt.
Mit zusammengelegten Händen priesen ihn alle, frohen Gemüts.
Wort für Wort
kṛtāñjalipuṭāḥ
mit zusammengelegten Händen (Nom.)
sarve
alle (Nom.)
tuṣṭuvur
sie priesen (3.Pl.Perf.)
hṛṣṭamānasāḥ
frohen Gemüts (Nom.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
– wie konnte er von jenem [Vater], der doch ungeteilten Sinnes [ihm zugewandt war], verlassen werden [?]“
Wort für Wort
ananyamanasā
ungeteilten Sinnes (Instr.) [?]
tena pitrā
von jenem Vater (Instr.)
kathaṃ
wie (Adv.)
vivarjitaḥ
verlassen/im Stich gelassen (Nom., Part.)
Fortsetzung von n=22 nach der Zusatzstrophe; Bezug von „tena ... pitrā“ unsicher, hier als der Vater gedeutet, der den Sohn trotz inniger Zuneigung allein ziehen ließ.